Von Torsten Schwanke
Aum! Vor Narayana, dem höchsten Mann,
Vor Nara und Saraswati beugt sich der Verstand.
Sprich Jaya aus, das heilige Wort,
Das alles Unheil treibt hinfort.
Im Hain von Naimisha, schattig und grün,
Wo Asketen im Opfer des Saunaka blühn,
Trat Sauti, der Sohn Lomaharshanas, ein,
Tragend der Alten Geheimnis und Schein.
Die Weisen, geruht von der Jahre Pflicht,
Erfreuten sich an des Erzählers Gesicht.
Mit gefalteten Händen grüßte er die Runde,
Erkundigt’ sich sanft nach der heiligen Stunde.
Ein Rishi sprach freundlich, vom Sitze erhoben:
„Woher kommst du, Sauti, von Weisen gewoben?
Welch heilige Stätten sahst du im Land?
Sag an, was dich treibt in der Einsiedler Stand!“
Sauti erwiderte wahlvoll und rein,
Passt’ seine Worte den Munis fein:
„Vom Opfer des Königs Janamejaya kumm ich,
Wo Vaisampayana sprach wunderbar, wundersam.
Ich wandert’ zum Lande Samantapanchaka hin,
Wo Kuru und Pandu im Streit fest machten den Sinn.
Nun steh ich vor euch, wie von Brahma berührt,
Vom Opferfeuer im Glanze geführt.
Welch hehre Erzählung begehrt euer Ohr?
Die Puranas, die Pflichten, was trag ich euch vor?“
Da riefen die Rishis: „Die Sage, o Weiser,
Die Vyasa erschaffte, lautstark und leiser!
Das Bharata zeige, das Übel vertreibt,
Das ewig im Herzen der Gläubigen bleibt!“
Einst war diese Welt von Dunkel umhüllt,
Kein Strahl, kein Licht war im Raume erfüllt.
Da spross aus dem Urmeer ein mächtiges Ei,
Ureiner Samen, unendlich und frei.
Brahma entstand dort, der Schöpfer der Welt,
Der Ordnung und Leben zusammenhält.
Prajapatis folgten, die Väter der Erden,
Damit all die Wesen geboren werden.
Götter und Geister, Planeten und Zeit,
Jahreszeit, Monate, Vergänglichkeit.
Ein Rad, das sich dreht ohne Anfang und End,
Wo Schöpfung und Weltenbrand jeder erkennt.
Gelehrte durchdringen das Werk mit Verstand,
Es spendet den Veden die stützende Hand.
Dharma und Artha und Kama zugleich
Gibt Vyasa den Menschen im irdischen Reich.
Vyasa, Parasaras Sohn, vollbrachte die Tat,
Erfasste der Veden Geheimnis und Saat.
Doch sinnt’ er voll Sorge im stillen Gemüt:
Wer schreibt mir das Werk, das im Geiste mir blüht?
Da stieg herab Brahma, der Schöpfer der Welt,
Vom Glanze der ewigen Wahrheiten erhellt.
Vyasa verneigte sich, bot ihm den Sitz,
Sprach von dem Epos im funkelnden Blitz:
„Erschaffen hab ich die Kunde der Zeit,
Der Sterne, der Pflichten, der Ewigkeit.
Die Kriege, die Sprachen, die Medizin,
All das floß mir ins Dichten dahin.
Doch einer nur fehlt, der die Feder vermag zu führen,
Ein Schreiber auf Erden, um dies Werk zu berühren.“
Da sprach Herr Brahma voller Gnaden:
„Dein Wort durchdringt der Mythen Pfaden!
Ein Dichter bist du, hoch geehrt,
Kein Werk wird deines je versehrt.
Ruf Ganesha, den klugen Geist,
Der dir das Buch zu schreiben weißt!“
Vyasa rief ihn, und jener kam,
Worauf er still den Vorschlag nahm:
„Ich schreibe dir, doch halt nicht an,
Damit mein Stift nie ruhen kann!“
Vyasa nickte: „Setz nicht fort,
Verstehst du nicht mein tiefes Wort!“
So knüpfte Vyasa manchen Knoten,
Den nur Verstand und Weisheit boten.
Selbst der Ganesha hielt mal ein,
Drang in die tiefen Slokas ein.
Wie Collyrium das Auge heilt,
So wird das Dunkel hier verteilt;
Die Sonne bricht der Nacht die Macht,
Das Bharata hat Licht gebracht.
Ein Baum ist dieses große Werk,
In dessen Schatten ruht der Berg:
Das Inhaltsnetz ist seine Saat,
Der Stamm zeigt des Beginns die Tat.
Die Blätter, Zweige, Blüten, Duft
Durchwehen milde alle Luft;
Und wer vom Saft der Früchte schmeckt,
Wird aus dem Tod zum Sein erweckt.
Der weise Vyasa lehrte spät
Das Werk, das wie ein Garten steht.
Den Schülern gab er das Gedicht,
So drang es rasch ans Tageslicht.
Das Haus der Kurus, Kuntis Sinn,
Lenkt er zur reinen Weisheit hin.
Yudhisthira ist wie ein Baum,
Voll Tugend, Glaube, edlem Traum;
Arjuna ist sein starker Stamm,
Bhima die Zweige, kühn und stramm.
Die Zwillinge die Blüten pracht,
Von Krishnas Wurzel stets bewacht.
Als Pandus Söhne jung erschienen,
Mit Flechten und mit keuschen Miene,
Da rührte sich des Volkes Mund,
Manch Zweifel tat sich rasch auch kund.
Doch Blumen fielen aus den Höhn,
Die Trommeln bliesen laut und schön!
Arjuna gewann die Maid,
Drauf wuchs der Kauravas ihr Neid.
Duryodhana sah den Palast,
Den Maya schuf ohne Rüst und Rast;
Er strauchelte auf glattem Stein
Und trug des Hohnes scharfe Pein.
Beim Würfelspiel verlor das Recht,
Ein Krummweg machte Menschen knecht.
Dhritarashtra, alt und blind,
Beklagte tief sein eigen Kind:
„O Sanjaya, hör meine Klage,
An diesem dunklen, schweren Tage!
Ich wollte nie den wilden Streit,
Doch Duryodhana war bereit.
Er sah das Spiel, er sah das Gold,
War dem Betrug von Herzen hold!“
Als Arjuna den Bogen spannte, das Ziel zu Boden zwang,
Und Draupadi als Preis im Kreis der Könige errang,
Da wusste ich, o Sanjaya, das Schicksal stürzt herein,
Und Hoffnung auf den Sieg sollte mir nicht gegeben sein.
Als Subhadra in Dwaraka von Arjuna raubstark wurde geführt,
Und Krishna wie auch Balarama die Freundschaft treu spürt’,
Als Agni den Khandava-Wald durch Arjunas Pfeil empfing,
Verstand ich, dass mein Hoffen auf den Sieg verloren ging.
Als sie dem Wachshaus entflohen, geduldet durch Viduras Tat,
Als Jarasandha fiel durch Bhimas bloße Hände Saat,
Als Draupadi im Hofe schrie, vom Frevel roh bedroht,
Und Unmengen von Gewändern sie schützten in der Not—
Als Yudhishthira im Würfelspiel das Reich verlor und zog
In Einsamkeit und Waldeseinsam, wo kein Glück mehr flog;
Als Arjuna die Waffe Pasupata von Shiva selbst empfing
Und hoch im Himmel Indras Mächte siegreich unterfing—
Als Arjuna die Dämonen schlug, unüberwindlich stark,
Als Dharma selbst als Yaksha fragend prüfte Geist und Mark,
Als Viratas Tochter Uttara ihr Herz der Sippe gab,
Sinkt jede Hoffnung auf den Sieg für mich ins dunkle Grab.
Als Krishna als Gesandter kam und Frieden stiftend sprach,
Doch Duryodhana frevelhaft den heiligen Bund zerbrach,
Als Krishna seine Weltenform im Glanze offenbarte,
Da sah ich, welch Verderben unser Haus im Krieg erwartete.
Als Bhishma fiel durch Sikhandin, auf Pfeilen nun ruht’ aus,
Als Arjuna mit Pfeilenschuss Quellwasser brach heraus,
Als Abhimanyu einsam fiel, doch Rache nach sich zog,
Und Saindhava im Schlachtenlärm der späte Tod umflog—
Als Bhima von Karnas Bogen verschont im Kampfe blieb,
Weil Schicksal oder Reue ihn zu dieser Nachsicht trieb,
Da schwand mir jeder Glauben an der Kauravas Macht,
Und Hoffnung auf den Sieg versank in tiefster Todessnacht.
Als Sanjaya sah den König im tiefen Leid verharren,
Versuchte er das Herz des Blinden zu bewahren:
„O König, traure nicht um jenes Volkes Fall!
Die Zeit herrscht über uns, erschafft und bricht den Wall.
Was geschehen musste, konnte kein Verstand abwenden,
Das Schicksal führt die Welt mit unerbittlich Händen.
Bedenke jene Reiche, groß und hoch geehrt,
Die vor uns eingegangen, vom Tode aufgezehrt.
Puru, Kuru, Yadu und manch gewaltger Held,
Sie gaben all ihr Leben, verließen diese Welt.
Die Zeit weckt alle Dinge, zerbricht die stärkste Macht,
Sie hüllt das Erdenleben in ihre volle Nacht.
Drum fasst euch wieder, Herrscher, euch gebührt nicht Schmerz,
Denn Weisheit tröstet stets ein tief verwundtes Herz!“
So fand Dhritarashtra durch Sanjayas Wort
Den Frieden in der Seele und den Trost sofort.
Vyasa schrieb die Kunde als heilges Buch nieder,
Es klingt in den Puranas als Nektar immer wieder.
Wer auch nur einen Fuß aus diesem Werke liest,
Vom Makel aller Sünden sofort gereinigt sprießt.
Wie Butter in der Milch, wie Nektar in der Welt,
Ist dieses große Epos, das unser Herz erhellt.
Aus allen Veden zieht es die Weisheit reich und klar,
Es wiegt auf Erden schwerer als der Götter Schar.
Drum wird es Mahabharata von aller Welt genannt,
Ein Licht der reinen Wahrheit, das ewiglich bestand.