MARIE DE FRANCE - BISCLAVRET

Deutsch von Torsten Schwanke



Nun hob ich an, den Lais zu dichten,

möcht Bisclavret nicht ganz vernichten.

Bisclavret nennt man’s in der Bretagne,

die Normannen den Garulf mögen.

Man hört’ es oft in alter Zeit,

daß solches Wunder ward und schreit,

daß mancher Mensch zum Wolf ward grau

und haust’ im wilden Wald genau.

Ein Wolf ist Garulf, wild und schwer;

ist er im tollen Wahn erst her,

frisst er die Leut’, tut Unheil schwer,

streift durch die großen Wälder umher.

Das lass ich jetzt auf Seite steh’n,

vom Bisclavret soll’s weiter geh’n.


In der Bretagne ein Ritter saß,

der lobenswert an Tugend maß.

Ein schöner, guter Ritter fein,

der hielt sich edel und sehr rein.

Von seinem Herrn geschätzt gar sehr,

geliebt von Nachbarn rings umher.

Echt tugendhaft war seine Frau,

die freundlich tat und tat so schlau.

Er liebt sie treu und sie auch ihn,

doch eine Sorge quält’ den Sinn:

Dass er allwöchentlich verschwand,

drei Tage lang im fremden Land,

dass niemand wusste, wo er bliebt

noch wohin ihn sein Weg trieb.

Als er einst heimgekehrt so rein,

froh und vergnügt im Sonnenschein,

da fragt sie ihn mit süßem Sinn:

„O Herr und lieber Freund hinminn’,

ich möcht’ dich bitten um ein Sach’,

wenn ich’s nur wagte und sprach!

Ich fürcht’ so sehr dein herb Gesichts,

dass ich fürcht’ gar nichts and’res nicht.“


Als er das hört, umfasst er sie,

zieht sie an sich und küsst sie hie.

„Frau“, spricht er, „frag nun frei heraus!

Wohl finde keine Bitte draus,

so ich sie weiß, sag ich sie dir.“

„Wahrlich“, spricht sie, „heil bin ich hier!

Herr, mich ergreift ein Schrecken schwer,

wenn du fortgehst von mir ohn’ Heer.

Im Herzen trag ich Schmerz und Pein,

dass du mir fern und tot magst sein;

wenn ich nicht rasch Trost krieg von dir,

stirbt bald mein Herz vor Angst in mir.

Sag mir, wohin dein Weg sich lenkt,

und wo dein Aufenthalt sich senkt!

Mein Sinn denkt, dass du liebst ein Weib,

und tust mir Unrecht an mein Leib.“


„Frau“, spricht er, „Gott erbarm’ sich mein!

Übel wird mir, wenn ich’s sag’ ein:

Ich treib dich fort von meiner Huld

und verlier’ Leib und Seel’ mit Schuld.“

Als nun die Dame das verstand,

sie’s gar nicht als ein Scherzen fand.

Sie bat ihn manchen langen Tag,

fleht’ und schmeichelt’, bis er’s klag’,

ihm sein Abenteuer gestand

und gar nichts vor ihr verbarg im Land.

„Frau, ich werd’ zum Bisclavret grad,

in den großen Wald ich mich begab,

tief in des Dickichts dunklen Hain,

leb’ dort von Raub und Fleisch allein.“


Als er ihr alles so berichtet,

sie weiter fragt und fei gefristet,

ob nackt er geht oder behängt.

„Frau“, spricht er, „kein Kleid mich drängt,

ich gehe ganz und gar barfuß.“

„Wo sind die Kleider? Sag mir’s zum Gruß!“

„Frau, das sag’ ich dir keineswegs;

denn hätt’ ich die verlor’n auf degg’s

und man bemerkte solches Tier,

Bisclavret bliebt’ ich für und für!

Kein Retter käm’ je mehr zu mir,

bis man sie gäbe rück mir hier.

Drum will ich nicht, dass man das weiß.“

„Herr“, spricht die Frau gar süß und heiß,

„ich liebe dich mehr als die Welt.

Du darfst mir nichts verhehlen im Feld,

noch mich gering und zweifelnd acht’,

ist das wohl Freundschaft in der Nacht?

Was tat ich dir für grobe Schuld,

dass du mir traust nicht mit Geduld?

Sag es mir an! Das tust du gut.“


Sie drängt ihn so mit Angst und Mut,

er kann nicht anders, sagt es frei:

„Frau“, spricht er, „nahbei jenem Mai,

am Weg, wo ich zu gehen pfleg’,

steht eine Kapell’ an dem Steg,

die oft mir viel Gutes beschert.

Da ist ein hohler Stein so wert,

verborgen unter einem Busch tief drinnen,

dort tu’ ich meine Kleider hinnehmen,

bis ich zurückkehr’ in das Haus.“


Die Dame hört das Wunder draus,

vor Angst ihr Angesicht wird rot.

Sie schrickt ob der Abenteuer Not.

Sie sinnt an manchem Ort und End’,

wie sie sich trenn’ von ihm getrennt;

sie will nicht mehr bei ihm nun ruh’n.

Ein Ritter aus der Gegend nun,

der sie schon lang geliebt gar sehr

und oft gefleht mit bittend’ Heer

(sie hatt’ ihn niemals noch geliebt

noch ihre Lieb’ ihm je verschrieben),

den schickt sie her durch Botenmann

und zeigt ihm ihren Mut sodann.

„Freund“, spricht sie, „sei vergnügt und froh!

Das, was dich quält im Herzen so,

das will ich dir gewähren nun,

kein Widerspruch soll dawider tun.

Mein Lieb’ und Leib ich dir verleih’:

mach meine Minne du zu frei!“


Er danket ihr gar freundlich sehr

und nimmt den Treueid von ihr her;

sie legt den Eid auf heil’ge Hand.

Dann zählt sie auf das ganze Land,

wie ihr Herr ging und wie er ward.

Sie zeigt ihm an die ganze Fahrt

hinein in den tiefen Waldesgrund;

schickt ihn für die Kleider zur Stund’.


So ward Bisclavret nun verraten

durch seiner Frau getürkte Taten.

Weil man ihn oft vermisste lang,

meint jedermann im Chorgesang,

er sei entflohen ganz und gar.

Man sucht und fragt ihn wunderbar,

doch niemand kann ihn finden mehr,

drum lassen sie die Suche schwer.

Die Dame nimmt den Ritter fein,

den sie geliebt lang schon allein.


So ward ein ganzes Jahr verflossen,

bis dass der König Jagd erschlossen.

In jenen Wald ritt er direkt,

da man den Bisclavret entdeckt.

Kaum wurden losgelassen d’ Hunde,

da fasst man ihn in jener Stunde.

Sie hetzen ihn den ganzen Tag,

die Jäger und die Meute mag,

dass man ihn fast gefangen hätt’

und ganz zerrissen und zerspät.

Doch als er nun den König sah,

lief er zu ihm und fleht’ ihn an.


Er fasst ihn fest am Steigbügel,

küsst Fuß und Bein ohn’ alle Zügel.

Der König sieht’s, fasst große Furcht;

er ruft die Ritter all durchsucht:

„Ihr Herren, kommt herbei geschwind!

Schaut dieses Wunders Lauf und Bind,

wie sich die wilde Bestie neigt!

Sie hat Verstand, wie Mensch sie zeigt,

sie bittet flehend um Genad’.

Jagt alle Hunde fort vom Pfad,

und hütet euch, dass man sie schlägt!

Die Bestie Sinn und Weisheit trägt.

Beeilt euch nun! Lasst uns von hinnen!

Ich will der Bestie Friede minnen:

Denn jagen will ich heut’ nicht mehr.“


Der König kehrt von dannen schwer.

Der Bisclavret folgt immer nach,

hält sich ganz nah und weicht nicht schwach;

er will nicht von dem König scheiden,

kann ihn in keine Fern’ entkleiden.

Der König führt ihn in sein Schloss,

freut sich im Herzen riesengroß;

denn nie sah er ein solch Gemüt,

das er als Wunder hoch erzieht

und das er hält in hoher Treu’.

Er schärft es allen Leuten neu,

dass sie auf seine Lieb’ ihn hüten,

ihm keinen Schaden tun noch Güten,

dass niemand ihn mit Hieb beschwert;

gut sei er getränkt und wohl ernährt.

Die Ritter hüten ihn mit Freuden,

stets unter ihren stolzen Weiden,

nah bei dem König schläft er fein.

Es gibt kein’ Mann, der ihn nicht mein’;

so edel ist er und so gut:

er tut keinem Lebewesen Flut.

Wo immerhin der König reist,

will er sich niemals weggekreist;

stets geht er allzeit an der Seite,

merkt wohl, dass er ihm Liebe beute.


Hört nun nachher, wie sich’s begab!

Einst hielt der König Hof und Grab,

hat alle Barone hergesandt,

die lehensrechtlich ihm im Land,

zu helfen seinem Fest zu dienen

und ihn aufs Schönste zu bedienen.

Der Ritter ist dorthin gereist,

reichlich geschmückt und wohl umkreist,

der Weib Bisclavrets eigen war.

Er wusste nicht noch war’s ihm klar,

dass er ihn fände hier so nah.

Kaum dass er in den Palast kam da,

und Bisclavret ihn bald gewahrt,

stürmt er auf ihn in wilder Fahrt:

mit Zähnen packt er ihn geschwind,

zerrt ihn zu sich mit wildem Wind.

Er hätt’ ihm großen Schmerz gebracht,

hätt’ nicht der König laut gelacht,

der mit der Rute droht dem Tier.

Zweimal er beißen will an hier

an jenem Tag. Das wundert sehr

so manchen Ritter rings umher;

denn nie zuvor tat er solch G’schicht’

zu keinem Menschen im Gesicht.

Drum sprechen alle in dem Haus,

das tu’ er nicht ohn’ Grund heraus;

er hab’ ihm Leides angetan,

drum will er Rache jetzt beginn’n.

Damals blieb es erst einmal so,

bis dass das Fest sich trennt froh;

die Barone nahmen ihren Abschied dann

und reisten heim zu Haus sodann.

Weg ist gereist der Ritter schnell,

als allererster auf der Stell’,

den Bisclavret zuvor attackiert;

kein Wunder, dass er Hass verspürt.


Es währte nicht gar lange Zeit,

(so mein’ ich nach der Wahrheit Streit),

dass in den Wald der König zieht,

der weise, höfisch wohl versieht,

wo man den Bisclavret einst fand;

und er ist mit ihm reist’ ins Land.

Als er in jener Nacht ruht’ aus,

herbergte er im Gau’ zu Haus.

Die Frau Bisclavrets weiß davon.

Sie kleidet sich fein an und schon.

Des andern Tags zum König geht,

ein reiches Geschenk sie vor ihm steht.

Als Bisclavret sie kommen sieht,

kann ihn kein Mann mehr halten hie:

er rennt auf sie wie Wütrich zu.

Hört, wie er Rache nahm in Ruh’!

Die Nase riss er ihr vom Gesicht.

Was hätt’ er Arger’s tun wohl nicht?

Von allen Seiten droht man ihm;

zerfleischt hätt’ man den armen Schirm,

hätt’ nicht ein kluger Mann gesprochen:

„Herr“, spricht er, „hör mein Wort gebrochen!

Die Bestie war bei dir stets treu;

es gibt wohl keinen hier aufs Neu’,

der sie nicht lang hat nah geseh’n

und oft bestiegen im Gescheh’n.

Niemandem tat sie je ein Leid,

noch zeigte sie Bosheit allezeit,

außer der Frau, die ich hier seh’.

Bei treuem Eid, den ich dir geh’,

Zorn hat sie gegen diese Frau

und gegen ihren Herrn ganz genau.

Das ist des Ritters treulose Braut,

der längst verschollen ist und grau,

von dem wir nie mehr Kunde fingen.

Lasst uns die Dame in Haft nun zwingen,

ob sie uns offenbart die Tat,

warum die Bestie sie so hat!

Lass sie gestehen, wenn sie’s weiß!

Viel Wunders schaut’ man in der Kreis’

aufbrechender Bretonenland.“


Der König folgt dem guten Tand.

Den Ritter hält er in Gewahrsam fein;

die Frau führt man in harte Pein.

Durch Angst und Schmerz getrieben schwer,

gesteht sie alles endlich her

von ihrem Herrn, wie sie’t betrogen,

sein Kleiderkleid ihm fortgezogen,

die Abenteuer, die er sprach,

wohin er ging und wie es brach;

seit man die Kleider ihm geraubt,

sah man ihn nie mehr dort im Haupt;

sie glaubt gewiss und weiß es schwer,

dass diese Bestie Bisclavret wär’.


Der König fordert nun das Kleid.

Ob’s ihr gefällt oder leid erfreut,

lässt er’s herbeibringen geschwind

und gibt’s dem Bisclavret zum Kind.

Als man’s vor ihn hat hingestellt,

kümmert er sich nicht drum im Feld.

Der Edle ruft den König an,

der ihn zuerst den Rat gab dann:

„Herr, ihr tut wahrlich nicht sehr gut!

Er würde sich um kein’n Geldblud

vor euch mit Kleidern decken ein

und abtun seiner Bestie Schein.

Ihr wisst nicht, was das alles meint.

Er schämt sich bitter jetzt und weint.

Lasst ihn in eure Kammer gehen,

die Kleider zu ihm dort gestehen;

lasst ihn allein recht lange Zeit.

Wird er ein Mensch, sehn wir’s mit Freud’!“


Der König selbst führt ihn hinein

und schließt die Türen festlich ein.

Nach einer Weile geht er hin,

nimmt zwei Barone mit zum Sinn.

In die Kammer treten alle drei.

Auf dem Bett des Königs ohne Schrei’

find’n sie den Ritter schlafend ruh’n.

Der König springt herbei nun tun:

mehr als hundert Mal küsst er sein Gesicht.

Sobald er sich erholt vom Nicht,

gibt er sein ganzes Land zurück,

viel mehr noch als ich sag zum Glück.

Die Frau vertreibt er aus dem Land,

verjagt sie weit aus diesem Strand.

Der Ritter folgt ihr hinterher,

mit dem sie ihren Herrn verriet gar schwer.

Sie hat viel Kinder noch gebährt,

die man hernach gut hat gewährt:

an Angesicht und mancher Zier

sind viele Frauen aus der Gier

des Stammes, wahr und sonder Scherz,

ohne Nas’ geboren und mit Schmerz,

und müssen stets entmachtet leben.


Die Abenteuer, die ihr gehört gegeben,

wahr war sie ganz, zweifelt nicht dran!

Zu Bisclavrets Ruhm ward der Lais getan,

auf dass man stets sich erinnert dran.