ODER
REINHOLD SCHNEIDER UND ROBERT SCHUMAN
VON TORSTEN SCHWANKE
Die folgende Szene stellt ein fiktives Zwiegespräch zwischen dem Dichter und Kulturphilosophen Reinhold Schneider, der das christliche Abendland aus der Perspektive der Buße und der apokalyptischen Mahnung betrachtete, und Robert Schuman, einem der Gründerväter der europäischen Einigung und gläubigen Katholiken, dar.
Der Ort ist ein beschaulicher Garten in der Nähe des Rheins, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
Reinhold Schneider: Robert, wir blicken auf die Trümmer eines Kontinents, der sich für den Gott-Staat hielt und darüber in den Abgrund stürzte. Ich frage mich oft: Haben wir uns in der Formel der Demokratie nicht nur ein neues Götzenbild geschaffen, das dem Volk die Macht zuspricht, die allein Gott gehört? War die alte Ordnung, die Monarchie – in ihrer christlichen Bindung als „Gottesgnadentum“ verstanden – nicht ein tieferes Eingeständnis unserer menschlichen Ohnmacht?
Robert Schuman: Reinhold, ich verstehe den Schmerz Ihrer Worte. Sie blicken auf die gefallenen Throne und sehen den Verlust einer heiligen Ordnung. Doch müssen wir das christliche Menschenbild nicht konsequenter zu Ende denken? Wenn jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist, dann trägt auch die Herrschaftsausübung eine Verantwortung, die aus der Anerkennung der Würde jedes Einzelnen erwächst. Die Demokratie ist für mich kein Säkularismus, sondern die politische Konsequenz der christlichen Nächstenliebe.
Schneider: Aber ist die Nächstenliebe nicht längst in den Parteienstreit und das bloße Zählen von Mehrheiten zerflossen? Wenn der Wille des Volkes über das Gesetz Gottes gestellt wird, endet jede Freiheit in der Tyrannei. Der König war in der christlichen Lehre kein Herrscher über das Gewissen, sondern ein Diener unter dem Gesetz Gottes. In der Demokratie hingegen wird das Gesetz zur austauschbaren Meinung. Ist das nicht der Weg in den Totalitarismus?
Schuman: Sie sehen die Gefahr der Beliebigkeit, das sehe ich auch. Aber wir haben gesehen, wohin der „starke Mann“, der sich auf eine höhere Weihe berief, geführt hat – in den Untergang. Die christliche Demokratie, wie ich sie mir vorstelle, ist keine Herrschaft der Beliebigkeit. Sie ist ein System der Institutionen, die den Menschen vor sich selbst schützen. Wir brauchen keine göttliche Aura um ein Staatsoberhaupt, sondern Strukturen, die Macht begrenzen, weil wir wissen, dass der Mensch ein gefallenes Wesen ist. Die Demokratie ist das politische Eingeständnis der Erbsünde: Wir misstrauen dem Einzelnen, und deshalb verteilen wir die Verantwortung.
Schneider: Das Misstrauen ist gesund, ja. Doch ein Volk ohne ein übergeordnetes, sakrales Symbol der Einheit bleibt ein bloßer Haufen von Interessengruppen. Die Monarchie vermochte es, das Volk über den Alltag hinaus auf ein höheres Prinzip zu verweisen. Sie war ein „Dienst an der Ordnung“. Die Demokratie ist ein „Dienst am Fortschritt“. Ich fürchte, dass wir im Fortschrittsglauben das Heilige verlieren.
Schuman: Das Heilige muss nicht im Zepter oder in der Krone wohnen, Reinhold. Es wohnt im Geist derer, die das Gemeinwohl dem eigenen Nutzen vorziehen. Wenn wir es schaffen, den Gedanken der christlichen Brüderlichkeit in die Institutionen zu legen, dann ist die Demokratie nicht das Ende, sondern die Reifung des Abendlandes. Sie verlangt dem Bürger mehr ab als der Untertanentreue: Sie verlangt das persönliche Engagement, die eigene Verantwortung vor dem Schöpfer in die Gemeinschaft einzubringen.
Schneider: (lächelt schwermütig) Vielleicht ist die Demokratie das Kreuz, das wir in diesem Jahrhundert tragen müssen – die Last der Freiheit, in einer Welt, die Gott vergessen hat.
Schuman: Dann ist es unsere Aufgabe, genau in dieser Form der Freiheit den Geist zu bewahren, von dem Sie schreiben. Nicht die Form rettet den Menschen, sondern der Mensch, der in jeder Regierungsform nach Gottes Willen fragt.
Reinhold Schneider: Sie sprechen von der „Reifung“ des Abendlandes, Robert. Doch blicken Sie doch hinaus: Ist diese Reifung nicht eher ein Erschlaffen? Wir haben die Ordnung der Transzendenz gegen eine Ordnung der Effizienz getauscht. Der König war ein Symbol – ein zerbrechliches, sterbliches Gefäß für eine Idee, die über das Heute hinauswies. Heute haben wir den „Apparat“. Ein Apparat kennt keine Nächstenliebe, er kennt nur Funktionen, Paragraphen und ökonomische Notwendigkeiten. Wenn das Politische nur noch Verwaltung ist, wo bleibt dann noch der Raum für das Heroische, das Opfer, die Hingabe an das Ganze?
Robert Schuman: Ich verstehe Ihren Argwohn gegenüber der Technokratie – er ist berechtigt. Aber lassen Sie uns das Bild des Königs nicht idealisieren. War die Geschichte der Monarchien nicht ebenso eine Geschichte von Machtgier, Kriegen um Dynastien und der Unterdrückung des kleinen Mannes? Die Macht korrumpiert den Menschen, ob er eine Krone trägt oder ein Parteibuch. Die Demokratie hat den entscheidenden Vorteil, dass sie die Macht nicht in die Hand eines Einzelnen legt, dessen moralisches Versagen das Schicksal eines ganzen Volkes besiegelt. Sie zwingt uns zur ständigen Prüfung, zum Dialog. Ist nicht gerade dieser Dialog die christliche Antwort auf den Hochmut der Alleinherrschaft?
Schneider: Der Dialog kann fruchtbar sein, aber er kann auch zur Kakophonie werden, in der die Wahrheit des Evangeliums untergeht. In der Monarchie gab es eine Mitte, eine verbindliche Ausrichtung, an der sich alles messen musste. In der Demokratie, wie wir sie jetzt organisieren, wird die Wahrheit demokratisiert – das heißt: Sie wird zur Mehrheitsentscheidung. Doch was, wenn die Mehrheit irrt? Was, wenn sie sich gegen die Gebote Gottes wendet? Wer hält dann inne? Die Krone war ein Anker, der uns festhielt, wenn der Sturm der Zeit aufkam. Haben wir in unserer Demokratie nicht den Anker gelichtet und hoffen nun, dass der Wind uns gnädig ist?
Schuman: Der Anker ist kein Ding aus Metall, Reinhold. Der Anker ist das Gewissen des einzelnen Bürgers. Wenn die Demokratie versagt, dann nicht, weil das System falsch ist, sondern weil der Geist, der es beleben sollte, abwesend ist. Mein Ziel für Europa ist kein säkularer Verwaltungsstaat. Ich träume von einer Gemeinschaft, die sich ihrer christlichen Wurzeln bewusst ist, gerade weil sie auf Freiheit gründet. Eine Freiheit, die nicht „Freiheit von Gott“ bedeutet, sondern „Freiheit zur Verantwortung“. Wir müssen den Menschen nicht zum Untertanen degradieren, damit er Gott dient. Wir müssen ihn zum verantwortlichen Mitarbeiter an Gottes Schöpfung erziehen.
Schneider: Ein hoher Anspruch. Vielleicht zu hoch für die Massen, die nach Brot und Zerstreuung rufen, nicht nach Verantwortung. Sie bauen ein Haus, Robert, dessen Fundament auf dem freien Willen des Menschen ruht – ein Fundament, das so oft rissig ist. Ich fürchte, dass der Mensch von heute die Last dieser Freiheit gar nicht tragen will. Er sucht nach Führern, nach neuen Mythen, nach einer Erlösung, die ihm das Denken abnimmt. Wenn die Demokratie ihm das nicht bietet, wird er sich wieder von ihr abwenden, wie er es schon einmal getan hat.
Schuman: Deshalb müssen wir das „Geistige“ in das Politische tragen, ohne es zu instrumentalisieren. Wir dürfen das Christentum nicht als ideologisches Rückgrat für einen Staat missbrauchen, aber wir müssen es als Sauerteig in der Gesellschaft wirken lassen. Wenn die Demokratie erlischt, dann nicht, weil sie zu viel Freiheit bot, sondern weil sie vergaß, dass Freiheit ohne den Dienst am Nächsten nur ein anderes Wort für Egoismus ist. Wir müssen den Menschen lehren, dass er nur dann wirklich frei ist, wenn er sich Gott unterstellt. Dann braucht er keinen König mehr, um Ordnung zu halten.
Schneider: (nickt langsam) Sie sind der Optimist, der im Menschen das Ebenbild sieht, ich bin der Mahner, der die Erbsünde nicht vergessen kann. Vielleicht brauchen wir beides: Ihren Glauben an die Möglichkeit der Freiheit und meinen Zweifel an der Beständigkeit der menschlichen Natur.
Schuman: Vielleicht ist das genau die Spannung, in der wir leben müssen. Ein Europa, das weder in die nostalgische Starre der Vergangenheit verfällt, noch in die seelenlose Mechanik der Zukunft abdriftet. Ein Europa, das betet und arbeitet – ora et labora – mitten in der parlamentarischen Arena.
Reinhold Schneider: (betrachtet eine verblühende Rose) Wir stehen an einem Wendepunkt. Wenn ich auf die Geschichte zurückblicke, sehe ich, wie das Sakrale schrittweise aus dem Öffentlichen verbannt wurde. Zuerst verlor die Krone ihren Glanz, dann die Kirche ihre Macht, und nun verliert das Wort Gottes seine Verbindlichkeit im Parlament. Was bleibt, ist der Mensch, der sich selbst als Maß aller Dinge setzt. Ist das nicht der eigentliche Hochmut, der uns in die nächste Katastrophe führen muss? Kann ein Staat, der sich nicht mehr an ein „Es ist geschrieben“ bindet, überhaupt Bestand haben?
Robert Schuman: Er hat nur Bestand, wenn er sich demütig als „begrenztes Instrument“ begreift. Ich teile Ihre Sorge, Reinhold. Die größte Gefahr für unsere Demokratie ist nicht der Mangel an Autorität, sondern der Hochmut der Autonomie – der Glaube, wir könnten Werte schaffen, ohne sie aus der Quelle zu beziehen. Aber bedenken Sie: Wenn wir heute versuchen würden, das Ideal einer christlichen Monarchie wiederherzustellen, würden wir den Menschen nur ein Kostüm überziehen, das nicht mehr zu ihrem Geist passt. Wir würden eine Fassade errichten, hinter der die Leere nur noch schneller wächst. Die einzige christliche Form der Moderne ist jene, die den Menschen dort abholt, wo er ist: in seiner Zerrissenheit, in seinem Zweifel und in seiner Freiheit.
Schneider: Sie fordern also einen „christlichen Humanismus der Freiheit“, auch wenn die Freiheit uns zu entgleiten droht?
Schuman: Ich fordere eine Politik, die sich ihrer eigenen Ohnmacht bewusst ist. Die Monarchie hatte den Glanz der Macht; die Demokratie muss die Tugend des Dienstes lernen. Wenn der Abgeordnete nicht mehr vor dem Volk als dem „Souverän“ kniet, sondern vor der Verantwortung, die er vor Gott für das Volk trägt – dann wird das System heilig, ohne den Namen zu beanspruchen. Wir müssen das Politische „entzaubern“, um es für das Wahre und Gute wieder empfänglich zu machen.
Schneider: (ein leises Lächeln spielt um seine Lippen) Sie wollen also das „Geheimnis“ nicht mehr im Thron, sondern im Gewissen des Handelnden suchen. Das ist ein gefährliches Wagnis, Robert. Denn das Gewissen ist leicht zu täuschen, und die Mehrheit ist leicht zu verführen. Dennoch… vielleicht ist dies die einzige Buße, die uns bleibt: nicht mehr in die Sicherheit der alten Formen zu fliehen, sondern uns in der Unsicherheit der Freiheit zu bewähren.
Schuman: Genau das ist es. Die „Regierungsform“ ist zweitrangig gegenüber der „Herzensform“. Eine christliche Demokratie ist keine Garantie, sondern eine ständige Aufgabe, ein Ringen. Es ist kein bequemes Leben, sondern ein Wachtdienst. Und vielleicht ist das der Punkt, an dem wir uns wieder treffen: Wir beide warten auf den Herrn, auch wenn wir uns über die Straße streiten, auf der wir Ihm entgegengehen sollen.
Schneider: (erhebt sich langsam) Möge Ihre Straße das Licht behalten, das Sie ihr zuschreiben wollen. Ich werde am Wegesrand weiter auf das Kreuz deuten, das über allen Systemen steht – sei es die Krone des Königs oder die Wahlurne des Volkes. Denn am Ende, mein Freund, werden wir weder als Demokraten noch als Monarchisten vor Ihm stehen, sondern als Menschen, die nach Gnade fragen.
Schuman: (steht ebenfalls auf) Und nur in dieser Gnade, Reinhold, liegt die einzige wahrhaft „christliche“ Ordnung, die unsere zerbrochene Welt jemals finden wird.
Reinhold Schneider: (seinen Blick dem langsam dunkler werdenden Fluss zuwendend) Es ist seltsam, Robert. Wir haben nun so viel über Systeme gesprochen – über den Glanz der Krone und die Nüchternheit des Parlaments. Doch wenn ich den Abend hier so betrachte, spüre ich, wie vergänglich all diese Formen sind. Die Zeit wird auch über Ihre Demokratie hinweggehen, so wie sie über die Imperien der Geschichte hinweggegangen ist. Was bleibt, ist die Frage: Haben wir in unserer Zeit, egal unter welchem Banner, den Menschen geholfen, ihre Seele vor dem Zugriff der Welt zu bewahren?
Robert Schuman: Sie haben recht. Die Regierungsform ist das Schiff, der Mensch ist der Reisende, doch der Geist ist der Kompass. Wenn der Kompass den Nordstern aus dem Blick verliert, spielt es keine Rolle, wie stabil der Rumpf des Schiffes gebaut ist; es wird am Ende auf denselben Klippen zerschellen. Mein Engagement für das geeinte Europa, für die parlamentarische Einigung, ist nichts weiter als der Versuch, den Reisenden eine sicherere Überfahrt zu ermöglichen, damit sie nicht in einem weiteren Sturm des Hasses untergehen. Ich weiß, es ist ein bescheidenes Ziel, verglichen mit der ewigen Ordnung, die Sie anmahnen. Aber ist die Milderung des menschlichen Leids nicht auch eine Form der Gottesverehrung?
Schneider: Es ist ein „Dienst an der Schöpfung“, zweifellos. Vielleicht ist das unser tiefster gemeinsamer Nenner: Dass wir beide nicht an die Selbsterlösung des Menschen glauben. Sie suchen sie durch die Institution, ich suche sie durch die Umkehr. Aber beide Male ist es der Mensch, der sich auf den Weg macht. Sie mit dem Gesetzbuch in der Hand, ich mit dem Psalter. Doch beide Wege führen in die Wüste, wo wir lernen müssen, dass wir das Brot nicht aus uns selbst heraus erschaffen können.
Schuman: (lächelt mild) Die Wüste. Vielleicht ist das unser eigentlicher gemeinsamer Ort. Die Moderne ist eine Wüste, in der das alte Wasser der Tradition versiegt ist. Ich versuche, Brunnen zu graben, die das Wasser aus der Tiefe holen, selbst wenn der Boden darüber trocken erscheint. Sie hingegen rufen die Menschen dazu auf, den Durst nicht zu vergessen – denn wer nicht durstet, wird nicht nach dem Wasser suchen.
Schneider: Ein treffendes Bild. Wenn wir aufhören zu dursten, Robert, dann ist die Demokratie nur noch ein Festmahl der Sättigung, das im Verfall endet. Und wenn wir aufhören zu graben, wird das Christentum zu einem bloßen Museum vergangener Herrlichkeit. Wir brauchen den Wächter, der den Durst wachhält, und den Baumeister, der den Brunnen schützt.
Schuman: (nickt nachdenklich) Dann ist unsere Übereinkunft wohl diese: Dass weder die Krone noch die Mehrheit uns das Heil versprechen kann. Dass jedes politische Handeln letztlich ein Vorläufiges bleibt, ein Versuch, das Reich Gottes in einer Welt zu spiegeln, die seinen Glanz nicht mehr erträgt. Wir arbeiten im Vorhof des Heiligen.
Schneider: Und wenn wir dort, in der Dämmerung, treu bleiben, dann haben wir unsere Pflicht erfüllt – jeder an seinem Platz, Sie am Schreibtisch der Geschichte, ich am Pult meiner Mahnung. Der Rest… der Rest ist Gnade.
Schuman: (reicht ihm die Hand) Gnade. Das ist das einzige Wort, das über dem Parlament und über dem Thron stehen bleibt.
Reinhold Schneider: (bricht das Schweigen) Wir haben viel über unsere eigene Zeit gestritten, Robert. Doch mir scheint, wir haben eine Instanz übergangen, die für uns beide als Katholiken das Fundament bildet: den Doctor Angelicus. Thomas von Aquin. Er kannte die Welt der Fürsten und die Theorie der Ordnung wie kein Zweiter. Was würde er wohl zu unserem Disput sagen, wenn er uns jetzt hier säße?
Robert Schuman: (schmunzelt leise) Der heilige Thomas war ein Meister der Differenzierung. Er war kein Mann der Extreme. Er sah den Staat als ein notwendiges, natürliches Gebilde, das der Vervollkommnung des Menschen dient. Er unterschied klar zwischen dem Regimen – der Art der Herrschaft – und der Ausrichtung auf das Bonum Commune, das Gemeinwohl. Für ihn war das Beste, was ein Mensch auf Erden erreichen kann, ein „gemischtes Regime“, eine Politeia, in der monarchische, aristokratische und demokratische Elemente ineinandergreifen, um die Macht zu mäßigen.
Schneider: Genau das ist der Punkt, Robert. Thomas wusste um die Natur des gefallenen Menschen. In seiner Summa Theologiae lehrt er, dass die Monarchie zwar die Einheit am besten verbürgt – denn was ist Einheit, wenn nicht die Teilhabe an der göttlichen Einheit? –, aber er sah auch die Gefahr: Corruptio optimi pessima. Wenn der Monarch fällt, fällt er am tiefsten und zieht das ganze Volk in die Finsternis der Tyrannei. Er befürwortete die „gemischte Verfassung“, um genau das zu verhindern. Ist unsere moderne Demokratie nicht eigentlich eine verzweifelte, technische Antwort auf den Wunsch des heiligen Thomas nach diesem Gleichgewicht der Kräfte?
Schuman: Sie haben recht. Thomas sah die Politik nicht als göttliches Dekret, sondern als Werk der Vernunft. Er schrieb, dass die Herrschaft dazu da ist, das Volk zur Tugend zu führen. Aber – und das ist für mich der entscheidende Punkt – er begriff den Bürger als ein Wesen, das aus eigenem Antrieb handeln muss. Die Gnade ersetzt die Natur nicht, sie vollendet sie. Ein Staat, der den Menschen entmündigt und nur befehligt, verhindert die Vervollkommnung des Bürgers. Thomas hätte wohl eingewandt, dass eine Monarchie, die den Untertanen in geistiger Unmündigkeit hält, der menschlichen Natur und damit dem göttlichen Plan widerspricht.
Schneider: Dennoch, Robert, bei Thomas gibt es immer die vertikale Bindung. Das Gesetz ist nur dann Gesetz, wenn es dem ewigen Gesetz Gottes entspricht, der Lex Aeterna. Ein demokratischer Mehrheitsentschluss, der den Mord am Unschuldigen legitimiert, wäre für den heiligen Thomas kein Gesetz, sondern eine Perversion des Gesetzes. Er würde uns fragen: Wo ist in eurem System der Ort, an dem der Mensch gezwungen wird, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen? Die Monarchie, so fehlerhaft sie in der Ausführung war, hatte zumindest den Anspruch, sich einem Gesetz zu unterwerfen, das sie nicht selbst gemacht hatte.
Schuman: Und genau deshalb muss die moderne Demokratie den Thomismus wiederentdecken, nicht als Form, sondern als Gehalt. Wir müssen begreifen, dass das Parlament kein Ort ist, an dem Wahrheit erschaffen wird, sondern an dem sie gesucht werden muss – im Licht der Vernunft, die von Gott gegeben ist. Thomas war der Philosoph der Synthese. Er lehrte, dass der Mensch durch die Vernunft erkennt, was dem Gemeinwohl dient. Wenn unsere Demokratie heute so hohl wirkt, dann deshalb, weil wir die Vernunft vom Glauben getrennt haben, wie wir die Politik von der Ethik trennten. Wir haben die thomistische Einheit von Fides und Ratio zerstört.
Schneider: Ein wahres Wort. Wenn wir das Denken des Thomas ernst nehmen, dann ist die Regierungsform in der Tat zweitrangig gegenüber der Frage, ob das Gemeinwohl dem ultimus finis, dem letzten Ziel des Menschen, dient. Wenn eine Demokratie den Menschen zur wahren Freiheit führt, ist sie thomistisch. Wenn eine Monarchie den Menschen zur Knechtschaft führt, ist sie ein Verrat am thomistischen Ideal.
Schuman: (nickt) Thomas würde uns also lehren, den Streit zwischen Krone und Parlament beizulegen und stattdessen die Frage zu stellen: Welches System dient in der jeweiligen geschichtlichen Stunde am besten dazu, den Menschen zur Tugend und zur Erkenntnis Gottes zu befähigen? Es ist eine pragmatische Demut, gepaart mit einer unerschütterlichen theologischen Zielsetzung.
Schneider: Dann ist unser Dialog heute Abend vielleicht eine Art scholastische Übung gewesen. Wir haben die Extreme abgewogen, um zu sehen, ob sie im Licht der Weisheit des Aquinaten standhalten.
Schuman: Und wir haben festgestellt: Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, aber es muss sich in dieser Welt in der Ordnung widerspiegeln, die wir wählen. Ob durch das Zepter des Königs oder die Stimme des Volkes – das Kriterium bleibt das gleiche: Dient es dem Menschenbild, das Gott in uns angelegt hat?
Reinhold Schneider: Es ist bezeichnend, Robert, dass wir bei Thomas von Aquin landen. Er, der die Welt in das große Ordo-Gefüge einordnete, lässt uns nicht mit einer billigen Lösung zurück. Er erinnert uns daran, dass wir auf Erden immer nur in einer „Ordnung des Übergangs“ leben. Thomas lehrt uns, dass der Mensch ein animal sociale ist – ein geselliges Wesen –, das seine Vollendung in der Gemeinschaft findet. Aber diese Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist eine Vorstufe.
Robert Schuman: Ein sehr wichtiger Gedanke, Reinhold. In der heutigen Politik neigen wir dazu, die Gemeinschaft, den Staat, zu verabsolutieren. Man glaubt, das Heil läge in einer perfekten Verfassung, in einem perfekten sozialen Gefüge. Thomas würde uns hier sanft korrigieren: Keine Verfassung, kein politisches System kann die menschliche Seele erlösen. Er sah die staatliche Ordnung als etwas, das die äußeren Bedingungen für ein tugendhaftes Leben schaffen soll. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Schneider: Und genau hier, im „Nicht mehr“, liegt unsere aktuelle Gefahr. Wir haben die Politik zur Ersatzreligion erhoben. Früher blickte man auf den König als das abbildhafte Haupt, heute blickt man auf den „Staat“ als den großen Versorger. Beide Male wird das Politische überfrachtet. Thomas hingegen würde sagen: Das Politische ist ein Handwerk der Klugheit (Prudentia). Es ist die Kunst, das Beste unter den gegebenen Umständen zu tun, ohne das ewige Gesetz aus dem Blick zu verlieren.
Schuman: Prudentia. Die Klugheit. Das ist vielleicht die Tugend, die uns in dieser Stunde am meisten fehlt. Unsere Parteien streiten, als ginge es um das Heil oder den Untergang der Welt, während die wirklichen Probleme oft ganz schlichte Fragen der Gerechtigkeit und des Friedens sind. Thomas hätte uns dazu ermahnt, das Maß zu halten. Er unterschied zwischen dem, was von Natur aus gerecht ist, und dem, was durch menschliches Gesetz festgelegt wird. Er wusste, dass das menschliche Gesetz wandelbar ist, solange es nicht dem göttlichen widerspricht.
Schneider: Dennoch, Robert – und das treibt mich um: Wenn die Vernunft, die Thomas so hochhielt, sich heute gegen den Schöpfer der Vernunft wendet, was bleibt dann noch? Wenn wir die Ratio benutzen, um uns die Welt untertan zu machen, ohne die Ehrfurcht vor ihrem Ursprung zu bewahren, dann wird aus der thomistischen Klugheit eine rein technische Kälte. Dann bauen wir das Babel der Moderne, das keine Krone mehr braucht, um einzustürzen, weil es von innen hohl ist.
Schuman: Da haben Sie recht. Die Ratio ohne den Glauben ist blind, so wie der Glaube ohne die Ratio zur Schwärmerei neigt. Thomas ist unser Zeuge dafür, dass wir beides brauchen. Wir brauchen den Mut zur Vernunft, um in der Demokratie die Ordnung zu suchen, und wir brauchen die Demut des Glaubens, um zu wissen, dass unsere Ordnung immer Stückwerk bleibt. Das ist vielleicht die letzte Lektion, die wir von ihm lernen können: Wir dürfen nie aufhören zu ringen – um die richtige Form, um das richtige Gesetz –, aber wir müssen dabei immer die Hände offen halten, um das Geschenk der Gnade empfangen zu können.
Schneider: (lächelt, während er in die Sterne blickt) Ein Ringen in der Gnade. Das ist ein schönes Schlusswort für einen langen Tag. Die Krone ist in der Geschichte begraben, die Demokratie ist unser tägliches, mühsames Brot. Und über allem thront die Gerechtigkeit Gottes, die uns richtet und zugleich trägt.
Schuman: So ist es. Mögen wir beide, an unseren jeweiligen Pulten, immer daran erinnern, dass die Politik zwar das Haus baut, in dem wir wohnen, aber dass wir das Licht, das in diesem Haus brennen soll, nicht selbst entzünden können.
Reinhold Schneider: (seine Stimme wird leiser, fast beschwörend) Wenn wir von der Ordnung sprechen, Robert, dürfen wir die Mahnungen nicht überhören, die aus der Stille der Berge zu uns drangen. In La Salette wurde eine Zeit vorausgesagt, in der die „bürgerlichen Regierungen“ – die Staatsgewalten unserer modernen Ära – sich nicht nur von Gott abwenden, sondern aktiv den Atheismus, den Materialismus und den Spiritismus fördern werden. Blicken Sie sich um: Ist das nicht genau das, was wir erleben? Der Staat als bloße Verwaltungsmaschine, die den Menschen auf seine materielle Bedürftigkeit reduziert, während er gleichzeitig den metaphysischen Hunger durch spiritistische, also ungebundene und irrationale Ersatzreligionen, zu stillen sucht?
Robert Schuman: (mit einem Ausdruck tiefer Sorge) Die Botschaft von La Salette war immer ein Ruf zur Umkehr, ein Schrei nach Buße, der die Welt aus ihrer Selbstgenügsamkeit reißen sollte. Wenn wir von der Förderung des Atheismus sprechen, dann meine ich damit die systematische Verdrängung des Transzendenten aus dem öffentlichen Bewusstsein. Wenn der Staat glaubt, er könne den Menschen allein durch materiellen Wohlstand und die Befriedigung seiner Triebe „glücklich“ machen, dann betreibt er in der Tat einen praktischen Materialismus, der die Seele tötet.
Schneider: Aber es ist mehr als das, Robert. Es ist die Förderung des Geistes der Leere. Der Spiritismus, von dem dort gesprochen wurde, ist für mich die Flucht des modernen Menschen in eine Welt der Geister und der okkulten Kräfte, weil der Zugang zum lebendigen Gott durch den Rationalismus versperrt wurde. Wenn das Parlament nicht mehr vor Gott kniet, dann kniet das Volk vor den Götzen – vor den Ideologien, vor dem Erfolg, vor den Geistern der eigenen Einbildung. Diese „bürgerlichen Regierungen“ sind nicht neutral. Sie sind aktive Agenten der Entchristlichung. Wie soll eine Demokratie bestehen, wenn sie den Boden, auf dem sie wächst, systematisch vergiftet?
Schuman: Sie haben recht, dass Neutralität oft nur ein Euphemismus für Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit ist. Aber wir müssen vorsichtig sein: Ist der Ruf von La Salette ein Aufruf, die Welt der Politik ganz aufzugeben und sich in die Apokalypse zurückzuziehen? Oder ist es der Auftrag, in genau dieser feindseligen Umgebung, unter diesen Regierungen, das Zeugnis der Wahrheit zu wahren? Der Atheismus des Staates zwingt uns nicht zum Rückzug, sondern zum Märtyrium des täglichen Dienstes. Wir müssen den Menschen zeigen, dass ihre Freiheit ohne Gott nur der Käfig ist, den sie selbst gebaut haben.
Schneider: (schüttelt den Kopf) Sie bleiben der Staatsmann, der den Riss kitten will, Robert. Ich sehe den Riss als so tief an, dass kein politisches Flickwerk ihn heilen kann. Wenn der Atheismus zur Staatsdoktrin wird – auch in einer Demokratie, die vorgibt, tolerant zu sein –, dann wird der Geist des Antichristlichen in den Strukturen selbst wirksam. Das ist die „Verfinsterung der Welt“, von der in La Salette die Rede war. Die Regierungen fördern nicht nur Abwesenheit, sie fördern die aktive Leugnung. Der Mensch wird als bloße „Sache“ behandelt. Was ist das anderes als der totale Sieg des Materialismus?
Schuman: Und doch, Reinhold, darf unsere Antwort nicht in der Verzweiflung liegen. Wenn die Regierungen den Weg in die Finsternis wählen, dann muss die christliche Gemeinschaft umso heller leuchten. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Analyse der Krise zu unserer einzigen geistigen Heimat wird. Selbst unter einer Regierung, die Gott leugnet, bleibt der einzelne Mensch berufen zur Liebe. Mein Glaube an die Einigung Europas ist nicht der Glaube an einen säkularen Staat, sondern der Versuch, einen Raum zu schaffen, in dem das Evangelium wieder gehört werden kann – jenseits der engen Schranken der nationalen Ideologien, die so oft zu den Götzen wurden, von denen Sie sprechen.
Schneider: (sieht den Fluss an, der in der Dunkelheit fast schwarz wirkt) Vielleicht ist das die größte Spannung: Sie bauen den Raum für den Dialog, und ich mahne, dass in diesem Raum der Gott, um den es geht, bereits vor der Tür steht und anklopft. Wir müssen aufpassen, dass wir beim Aufbau der neuen Ordnung nicht den Spiritismus unserer eigenen Machtansprüche fördern. Dass wir nicht die Demokratie zu einem neuen spiritistischen Ritual machen, in dem wir den „Willen des Volkes“ als den „Willen Gottes“ anbeten.
Schuman: Ein wahrer Punkt. Die Demokratie darf kein Heilserwartungs-Kult sein. Sie muss die schlichte, demütige Ordnung bleiben, die den Menschen davor bewahrt, das Tier oder der Gott zu sein. Wenn wir das in den Institutionen verankern können, dann haben wir den atheistischen Mächten etwas entgegengesetzt. Nicht durch ein Zepter, sondern durch die Geduld der Institutionen.
Schneider: (leise) Der Weg ist schmal, Robert. Und die Finsternis, von der La Salette sprach, ist real. Möge Gott uns bewahren, dass wir in unserem Eifer für die Ordnung nicht selbst die Geister rufen, die wir nicht mehr bändigen können. Hören Sie diese Worte, Robert: „In Zukunft werden die neuen Könige der rechte Arm der Kirche sein.“ Wenn ich das höre, spüre ich keinen Triumph einer monarchischen Restauration, sondern ein tiefes, fast schmerzhaftes Verlangen nach einer Autorität, die sich endlich wieder der Wahrheit unterstellt. Wir leiden unter der Schwäche derer, die nur die Macht suchen. Diese „neuen Könige“ – sind das jene, die die Macht nicht als Beute betrachten, sondern als Last der Verantwortung vor Gott?
Robert Schuman: (neigt nachdenklich das Haupt) „Der rechte Arm der Kirche.“ Das ist ein Bild der totalen Hingabe, nicht der Herrschaft. Die Kirche ist die Hüterin des Gewissens, und die Macht ist das Werkzeug zur Gestaltung der Welt. Wenn diese beiden wieder in Harmonie zusammenfinden, dann nicht, weil der Staat der Kirche unterworfen wird, sondern weil der Herrscher erkennt, dass seine Legitimität nicht aus dem Volk allein, sondern aus der Bindung an das göttliche Recht stammt. Doch ich frage mich: Wie soll ein moderner Mensch, der in der Welt des Materialismus erzogen wurde, jemals wieder ein solcher „König“ sein?
Schneider: Vielleicht müssen wir das Wort „König“ neu lesen. Ein König ist in der christlichen Tradition derjenige, der das Opfer bringt. Wer heute bereit ist, für die Wahrheit der Kirche einzustehen – gegen den Atheismus, gegen die Anbiederung an den Zeitgeist –, der handelt „königlich“, selbst wenn er kein Zepter in der Hand hält. Die Prophezeiung deutet vielleicht auf eine Zeit hin, in der die Regierungen, von der Katastrophe des eigenen Hochmuts geläutert, erkennen, dass sie ohne den geistigen Kompass der Kirche im Chaos untergehen. Sie werden nicht mehr die Herrscher sein, sondern die Diener der Wahrheit.
Schuman: Das wäre die Heilung der Demokratie. Wenn wir „demokratische Könige“ hätten – also Männer und Frauen in der Politik, deren „rechter Arm“ die Kirche ist, weil ihr Herz von deren Lehre durchdrungen ist. Das wäre das Ende der Beliebigkeit. Aber wir müssen aufpassen, Reinhold: Wir dürfen nicht in den Fehler verfallen, die Kirche als politisches Instrument zu benutzen. Der „rechte Arm“ darf nicht zur Faust werden, die andere unterdrückt. Die Kirche lehrt die Liebe, nicht die Gewalt. Die Macht, von der La Salette spricht, muss eine Macht des Dienens sein.
Schneider: Da haben Sie recht. Die Verheißung ist gefährlich, wenn sie als politischer Machtanspruch missverstanden wird. Aber sehen Sie: Wenn die Welt in den Spiritismus und den Materialismus abgleitet, wie es die Erscheinung voraussagte, dann wird die Kirche die einzige Instanz sein, die noch das Licht hält. Die „neuen Könige“ sind jene, die ihr Licht nicht im Parlament suchen, sondern im Sakrament. Wenn ein Staatsmann heute die Politik als eine Fortsetzung des Gebetes begreift, dann erfüllt er die Prophezeiung von La Salette.
Schuman: Dann ist das, was wir heute als „Demokratie“ erleben, nur das Stadium der Vorbereitung. Wir suchen nach Strukturen, die so rein sind, dass sie sich dem Wirken des Heiligen Geistes nicht widersetzen. Wenn diese „neuen Könige“ aufstehen, werden sie keine neuen Throne errichten, sondern neue Altäre in der Mitte der Stadt. Sie werden die Politik entlarven als das, was sie ist: ein Dienst an der Gerechtigkeit Gottes.
Schneider: (lächelt schwach) Ein „Dienst an der Gerechtigkeit Gottes“ – das klingt nach einem Auftrag, der die menschliche Kapazität weit übersteigt. Und doch ist es genau das, was uns in der Dunkelheit vor dem Untergang bewahren kann. Wenn die Mächtigen dieser Welt sich wieder als Glieder am Leib Christi begreifen, dann werden die Schatten, von denen Sie sprachen, weichen.
Schuman: Dann sind wir nicht nur am Ende einer Epoche, sondern vielleicht am Anfang einer Läuterung. Nicht durch neue Throne, sondern durch neue Herzen, die sich der Kirche als ihrem geistigen Gewissen anvertrauen.
Schneider: Gott gebe es. Denn die Zeit des Materialismus ist eine Zeit der Dürre. Wir warten auf das Wasser, das aus dem Felsen schlägt. Robert, wir haben viel über Formen und Prophezeiungen gesprochen. Doch lassen Sie uns ehrlich sein: Haben wir im modernen Europa nicht jede Sprache verloren, in der wir noch von „königlicher Verantwortung“ sprechen könnten? Unsere Sprache ist ökonomisch geworden, technokratisch. Wenn wir von Politik sprechen, sprechen wir von Verteilung, von Effizienz, von Wachstum. Das Wort „Heil“, das Wort „Würde“ – das sind Fremdkörper in diesem Getriebe. Wie soll eine Versöhnung zwischen dem monarchischen Prinzip der Hingabe und der demokratischen Freiheit gelingen, wenn wir das Vokabular der Transzendenz längst durch die Syntax der Statistik ersetzt haben?
Robert Schuman: (schweigt lange, ehe er antwortet) Ihre Skepsis ist berechtigt, Reinhold. Wir haben den gemeinsamen Boden – das christliche Menschenbild – als Fundament der öffentlichen Rede verloren. Wenn ich in Straßburg oder Paris von der „Würde des Menschen“ spreche, dann hören die meisten nur ein leeres Schlagwort, das sie mit ihren eigenen säkularen Bedürfnissen füllen. Und doch: Gerade in dieser Zerrüttung liegt vielleicht unsere Chance. Wenn die Sprache der Politik hohl geworden ist, dann ist das der Moment, in dem die Menschen wieder nach der Tiefe hungern. Die Versöhnung von Monarchie und Demokratie ist keine strukturelle Frage, sondern eine Sprache der Tat.
Schneider: Eine „Sprache der Tat“? Was meinen Sie damit?
Schuman: Dass wir das „Königliche“ in die Demokratie zurückbringen müssen, indem wir sie als königlichen Dienst an der Wahrheit praktizieren. Ein Monarch im christlichen Sinne war jemand, der seine Macht aus der Hand Gottes empfing, um sie an die Bedürftigen weiterzureichen. Warum sollte ein demokratisch gewählter Abgeordneter, warum sollte der Bürger in der Wahlkabine nicht genau dieselbe Haltung einnehmen? Wenn wir das Parlament nicht als Ort des Machtkampfes, sondern als Ort des gemeinsamen Suchens nach dem Willen Gottes begreifen, dann ist die Demokratie bereits „monarchisch“ geadelt.
Schneider: Sie fordern also eine innere Transformation des Bürgers. Aber Robert, der Mensch des 20. und 21. Jahrhunderts ist darauf dressiert, seine Wünsche zur Maxime zu machen. Er sucht in der Demokratie keinen Dienst, sondern Erfüllung. Die „Versöhnung“, von der Sie träumen, setzt einen Menschen voraus, der bereit ist, sich selbst zu verleugnen. Die Monarchie hatte den Vorteil, dass das Symbol der Krone den Menschen von außen an die Hingabe erinnerte. Wenn wir heute keinen äußeren Anker mehr haben, wie wollen Sie dann den inneren Menschen dazu bewegen, sich einem „königlichen Dienst“ zu unterwerfen?
Schuman: (mit einem feinen Lächeln) Vielleicht durch die Not, Reinhold. Wenn die Systeme, die wir uns aus Eigennutz gebaut haben, zu bröckeln beginnen, dann wird der Mensch wieder fragen: „Wem diene ich eigentlich?“ Die Versöhnung von Monarchie und Demokratie vollzieht sich nicht in den Gesetzbüchern, sondern in der Einsicht des Einzelnen, dass Freiheit ohne Bindung zur Zerstörung führt. Wir müssen den Menschen nicht lehren, sich einem König zu beugen, sondern sich der Wahrheit unterzuordnen. Das ist die Essenz des christlichen Königtums – und es ist die höchste Form der Demokratie.
Schneider: (nickt nachdenklich) Sie sehen also in der Demokratie ein „Königtum der Verantwortlichen“. Das ist ein schöner, fast utopischer Gedanke. Aber haben wir die gemeinsame Sprache noch? Ich fürchte, der Riss zwischen dem, was Sie als „Dienst an der Wahrheit“ bezeichnen, und dem, was die moderne Welt unter „Selbstverwirklichung“ versteht, ist unüberbrückbar geworden.
Schuman: Und doch, Reinhold, was bleibt uns anderes übrig? Wenn wir schweigen, überlassen wir das Feld dem Materialismus, der uns alle verschlingt. Wir müssen den Begriff des „Bürgers“ wieder heiligen. Ein Bürger, der sein Wahlrecht nicht als Instrument des eigenen Vorteils, sondern als heilige Pflicht vor dem Schöpfer versteht – ist das nicht ein „König“ im kleinsten Kreis? Wir müssen die Institutionen so gestalten, dass sie den Menschen nicht zum Egoisten machen, sondern ihn zur Verantwortung rufen.
Schneider: Dann ist die Versöhnung vielleicht dies: Wir brauchen keine Krone auf dem Kopf, aber wir brauchen die Haltung eines Menschen, der weiß, dass sein Handeln eine ewige Dimension hat. Wenn die Demokratie erkennt, dass sie eine „monarchische“ – also eine geistig überhöhte – Verantwortung trägt, dann ist die Versöhnung vollzogen. Dann ist jede Wahl ein Akt der Buße und jede Entscheidung ein Gebet.
Schuman: (leise) „Ein Akt der Buße und ein Gebet.“ Wenn unsere Parlamente zu Orten des Gebets würden – nicht in Form, aber in der Haltung derer, die dort ringen – dann hätten wir die Versöhnung erreicht. Das ist die Aufgabe unseres Jahrhunderts: Eine Demokratie zu bewohnen, die den Geist des Königtums in sich trägt.
Schneider: Ein hoher Auftrag, Robert. Ein sehr hoher Auftrag. Wir bauen an einer Architektur, deren Fundament wir selbst noch nicht ganz zu durchdringen vermögen. Aber wir sind nicht allein, solange wir den Blick auf das Kreuz gerichtet halten, das über allen Kronen und allen Wahlurnen steht. Robert, wir haben viel über unsere eigene Sehnsucht nach Ordnung und Freiheit gesprochen. Doch blicken wir auf das Lehramt, wie es uns vor dem Konzil in der großen Tradition von Leo XIII. bis Pius XII. überliefert wurde. War dort nicht eine klare Antwort auf unsere Frage? In den großen Enzykliken, von Rerum Novarum bis hin zu den Radiobotschaften von Pius XII., wurde die christliche Gesellschaftsordnung doch stets als eine organische Einheit begriffen – nicht als bloßes Mehrheitsentscheidungsmodell.
Robert Schuman: Sie haben recht, Reinhold. Das Lehramt vor dem Konzil war in der Tat in einer Sprache verfasst, die den Staat als Teil einer natürlichen, gottgewollten Ordnung sah. Papst Leo XIII. beispielsweise betonte immer wieder die Harmonie der Klassen, nicht ihren Kampf. Er sprach vom Staat als einem Gemeinwesen, das dem Naturrecht verpflichtet ist. Aber denken Sie an Pius XI. und seine Quadragesimo Anno: Er sprach vom Prinzip der Subsidiarität. Ist das nicht der Schlüssel, der sowohl monarchische Prinzipien – als Bewahrung der Verantwortung des Einzelnen und der kleinen Einheiten – als auch demokratische Partizipation integriert?
Schneider: Das Subsidiaritätsprinzip ist wunderbar, ja. Es schützt die Freiheit vor der Übermacht des Staates. Aber die Konzilslehre vor 1962 war doch in ihrem Grundton sehr skeptisch gegenüber dem, was man den „liberalen Demokratismus“ nannte. Pius IX. im Syllabus Errorum oder Leo XIII. in Diuturnum Illud – sie warnten eindringlich davor, dass die staatliche Autorität aus dem Volk komme, statt von Gott. Für sie war der Herrscher ein Stellvertreter Gottes. In einer modernen Demokratie hingegen suchen wir die Autorität im Konsens. War die alte Lehre nicht näher an der Wahrheit, indem sie die Politik als Gehorsam unter das göttliche Gesetz definierte, anstatt als bloßen Dienst am Wählerwillen?
Schuman: Das ist ein schwieriger Punkt. Die Päpste jener Zeit reagierten auf den radikalen Laizismus der Französischen Revolution, der die Kirche aus dem Staat verbannen wollte. Sie sahen im „Volkssouveränitäts“-Gedanken eine Vergötterung des Menschen. Aber war es nicht Pius XII., der in seiner berühmten Radiobotschaft zu Weihnachten 1944 – also noch vor dem Konzil – eine Brücke baute? Er erkannte die Demokratie als eine Regierungsform an, die den Menschen schützt, sofern sie sich dem Naturrecht unterwirft. Er legte das Gewicht auf die moralische Reife des Bürgers. Er forderte keine Monarchie, sondern eine „echte Demokratie“, die durch christliche Tugenden belebt wird.
Schneider: Pius XII. war in der Tat der Übergang. Er sah, dass die alten Throne zerbrochen waren. Doch er blieb hart in der Forderung: Der Staat, gleich welcher Form, muss Gottes Herrschaft anerkennen. Das „Königtum Christi“ (Quas Primas von Pius XI.) war der feste Anker. Vor dem Konzil war die Soziallehre eine Lehre der Unterordnung der Politik unter die Moral. Heute habe ich oft den Eindruck, wir kehren das um: Die Moral muss sich rechtfertigen, ob sie „demokratisch konsensfähig“ ist. Das ist der Abfall, vor dem uns die alte Lehre schützen wollte.
Schuman: Sie haben einen wunden Punkt getroffen. Vor dem Konzil war die Soziallehre des Lehramts wie ein Fels: starr, unverrückbar, klar. Sie sagte den Regierungen: „Ihr seid nur Diener, nicht Herren.“ Die heutige, nachkonziliare Sprache ist dialogischer, weicher, suchend. Doch vielleicht ist das die einzige Sprache, die unsere säkulare Welt überhaupt noch zu hören bereit ist. Die alte Lehre war ein Anspruch, die heutige ist ein Angebot. Die Frage ist: Haben wir durch den Dialog die Autorität der Wahrheit verloren, von der die Päpste vor dem Konzil so unmissverständlich sprachen?
Schneider: Genau das ist es. Die alten Enzykliken sprachen mit der Autorität des Hirten, der sein Volk vor dem Abgrund warnt. Sie kannten kein „Vielleicht“. Die Frage nach Monarchie oder Demokratie war für sie zweitrangig gegenüber der Frage: „Ist der Staat dem Gesetz Gottes untertan?“ Wenn wir diese thomistische Klarheit über die Unterordnung der Politik unter das ewige Gesetz aufgeben, dann wird die Demokratie zu einer leeren Hülse, die jeder Ideologie offensteht.
Schuman: Dann müssen wir, auch wenn wir heute im Geist des Konzils handeln, an dieser alten Strenge festhalten. Wir müssen die Soziallehre Pius’ XII. als das „Rückgrat“ unseres modernen, demokratischen Wirkens begreifen. Eine Demokratie, die sich nicht an das Naturrecht erinnert, ist nur eine vorübergehende Form der Anarchie. Die Väter vor dem Konzil haben uns das Fundament geliefert – wir bauen das Haus darauf. Wir dürfen das Haus nur nicht höher bauen als das Fundament trägt.
Schneider: (lächelt ernst) Ein wahres Wort. Das Fundament ist das Königtum Christi. Ob wir es in einem Königreich oder einer Republik verteidigen – das ist die Aufgabe, die uns die alte Lehre hinterlassen hat. Die Form ist der Diener, das Gesetz Gottes ist der Herr.