NEUPLATONISCHE SCHÖNHEIT

VON TORSTEN SCHWANKE



ERSTER GESANG


Nun, wie das uralte Orakel verkündet, sind alle

Tugenden Reinigung: Maß und Tapferkeit ebenso, Weisheit;

ja, auch sie selbst ist Läuterung. Darum sprechen die heiligen

Mysterien rätselhaft: Wer unrein in die Unterwelt eintritt,

liegt dort im Schlamm. Denn das Niedre gesellt sich dem Niedren:

Wie sich die Schweine, im Körper befleckt, im Moraste ergehen.


Was ist Mäßigung sonst, als fliehen die sinnlichen Lüste,

nicht sich hingeben dem Leib, dem Unreinen, dem Fremden des Reinen?

Tapferkeit aber: den Tod nicht fürchten; denn dieser ist Trennung

Seele vom Körper. Wer Einssein begehrt, der fürchtet ihn nimmer.

Seelengröße verachtet das Sterbliche; Weisheit erhebt sich,

wendet den Geist von dem Niedren und führt ihn empor in die Höhen.


Ist nun geläutert die Seele, wird sie zur Gestalt und zum Logos,

körperlos ganz, voll Geist und göttlicher Ordnung entstammend,

quellhaft der Schönheit und allem, was dieser verwandt ist und ähnlich.


Aufwärts getragen zum Geist nimmt sie wunderbare Gestalt an;

denn was vom Geiste entstammt, ist ihre eigene Schönheit.

Nicht ist es fremd: erst vereint mit ihm ist wahrhaft sie Seele.

Darum sagt man mit Recht: Ihr Gut und ihr Schönsein bestehen

in der Angleichung an Gott; von dorther kommt ihr die Schönheit

und ein besseres Los als das, worin sie nun weilet.

Sein ist das Schöne; das Hässliche aber ist Gegenwesen—

erstes Übel. So ist auch das Schöne das erste der Güter.

Oder es sind Gut und Schönes eines und dasselbe Wesen.

Darum erforsche zugleich das Schöne wie auch das Böse,

setze an höchste Stelle das Schöne selbst und das Gute.

Aus ihm geht Geist hervor als erste strahlende Schönheit;

Seele wird schön durch den Geist, und alles andere wird es,

wenn es durch sie gestaltet wird in Werken und Streben.

Selbst auch die Körper sind schön nur, weil sie die Seele berühret,

sie, die göttlich ist, Teil des Schönen, und allem verleihet,

was sie ergreift, die Gestalt, soweit es dessen vermögend.


Wieder empor gilt es also zum Guten, dem Ziel aller Seelen.

Wer es geschaut, der weiß, was ich sage: wie schön es sich zeiget;

denn als das Gute wird es begehrt, und alles Verlangen

strebt nach dem Guten. Doch nur, wer aufsteigt, erlangt es in Wahrheit,

der sich erhebt und ablegt die Hüllen des irdischen Daseins,

gleich wie die, die im Heiligtum nach Reinigung schreiten,

nackt in das Innerste gehen. So muss auch die Seele verharren,

bis sie allein, von allem Getrennten gelöst, in der Schauung

Gott allein schaut—den Einen, den Reinen, den Einfachen, Urgrund

alles Seins, auf den alles blickt und worin alles lebet,

denn er ist Ursprung von Sein und Leben und denkendem Geiste.


Schaut ihn einer, wie glüht er in Liebe, wie brennt ihm Verlangen,

sich zu vereinen mit ihm! Welch Seligkeit überströmt ihn!

Wer ihn noch nicht geschaut, begehrt ihn als Gut; doch wer sah ihn,

liebt ihn als Schönheit, erfüllt von Staunen und leuchtender Freude,

achtet gering, was zuvor ihm schön erschien auf Erden.

Also ergeht es den Schauenden göttlicher Bilder und Wesen:

nichts mehr begehren sie dann von körperlicher Erscheinung.


Was aber, wenn einer das Schöne selbst, für sich bestehend,

rein und unberührt vom Leib, von Erde und Himmel, erblickte?

Alles dort unten ist Mischung und Folge, nicht erstes Prinzipum.

Wer aber das schaut, das allem gibt und selbst nichts empfängt je,

und in der Schauung verweilt und kostet der seligen Wonne,

wird ihm ähnlich—was bräuchte er noch an anderer Schönheit?

Denn es, das selbst erste Schönheit, macht die Liebenden schön auch.


Dies ist das höchste Werk der Seele, Ziel aller Mühen:

nicht ohne Anteil zu bleiben an jener erhabenen Schauung.

Glück ist, sie zu gewinnen; Verlust ist wahrhaftes Elend.

Nicht wer Macht entbehrt oder Glanz oder irdische Herrschaft

ist unglücklich—nur wer dies Eine nicht hat, ist es völlig.


Welcher Weg führt dahin? Wie schauen wir jenes Unsagbare,

das im Innersten ruht, verborgen vor unheiligen Blicken?

Wer es vermag, der folge hinein in das innere Heiligtum,

blicke nicht mehr zurück auf den Glanz der körperlichen Formen.

Denn wir sollen sie sehen als Bilder, Spuren und Schatten,

nicht uns an sie verlieren, als wären sie selber das Schöne.

Wer sie ergreifen will, versinkt wie einer im Wasser,

der nach dem Spiegelbild greift und unter die Fläche hinabsinkt.


Fliehen wir also zur Heimat! Was ist diese Flucht und der Aufstieg?

Nicht mit den Füßen gelangen wir hin, noch Schiffen noch Wagen;

alles dies gilt es zu lassen. Auch nicht mit äußerem Auge—

sondern wir schließen es fast und öffnen ein anderes Sehen,

das zwar allen gegeben, doch wenigen wirklich erwacht ist.


Erst vermag dieses Auge die blendende Schönheit nicht schauen;

darum gewöhne die Seele sich erst an edle Bestrebung,

dann an schöne Werke, geschaffen von guten Charakteren.

Dann betrachte die Seelen, aus denen solche entspringen.

Willst du die Schönheit der Tugendseele schauen, so kehre

ein in dich selbst und forme dich, wie der Bildner die Statue:

nimmt er hinweg, was zu viel ist, glättet und reinigt und ordnet,

bis die Gestalt offenbar wird, die er im Innern erblickte.

Also auch du: schneide weg das Überflüssige, richte

Krummes gerade, erhelle das Dunkle, bis alles dir leuchtet.


Höre nicht auf, dein Bild zu gestalten, bis göttlicher Glanz dir

aufstrahlt: die heilige Ruhe der reinen Besonnenheit sichtbar.

Bist du dies geworden und schaust dich so in dir selber,

rein und eins, unvermengt, ganz Licht und nichts als nur Licht mehr—

maßlos, unbegrenzt, nicht durch Größe oder Gestalt mehr

eingeschränkt, sondern größer als jedes Maß und jede Zahl—

dann, da du selbst zum Schauen geworden, erhebe dich weiter.

Keinen Führer bedarfst du mehr: sieh selbst und erkenne!


Denn nur dieses Auge erblickt die gewaltige Schönheit.

Doch wenn es trüb ist durch Laster oder schwach vor dem Schrecken,

sieht es nichts, selbst wenn ein anderer zeigt, was sichtbar für alle.

Denn nur Gleiches erkennt das Gleiche: das Schauende muss sich

zuvor verwandeln in das, was es schauen will in der Wahrheit.

Nie hätte das Auge die Sonne geschaut, wär’ es nicht sonnenähnlich;

nie erblickt eine Seele das Schöne, wird sie nicht selber

schön. So werde ein jeder zuerst gottähnlich und schön selbst,

will er die Schönheit und Gott in ihrer Wahrheit erkennen.


Denn so gelangt er empor zum Reich des Geistes und schaut dort

alle Gestalten der Schönheit, erkennt: dies ist die der Ideen.

Doch was jenseits des Geistes liegt, das nennen wir das Gute,

Quelle des Schönen, das rings aus ihm hervorstrahlt in Fülle.




ZWEITER GESANG


Wie erschauen wir je die verständliche, lautere Schönheit?

Hebend vom Sichtbaren aufwärts beginnen wir, tastend.


Erst an der Körpergestalt: wir scheiden Natur und die Kunstform,

Fels und gebildeten Stein; denn schöner erscheint uns das Abbild,

Weil es die Form in sich trägt, die lebte im Geiste des Künstlers.

Doch die im Werk sich zeigt, ist geringer als jene im Ursprung.


Form tritt in Stoff als immanente; die höhere bleibt fern

Über dem Stoff, der sich fügt; doch stärker und reiner ist jene,

Die, wenn sie sinkt, sich schwächt im Widerstand trüber Materie.


Alles ermattet im Fall; je höher der Ursprung, desto

Kräftiger wirkt er; denn nie entsteht ein Wirkliches ohne

Ursache, die es hervorbringt als ihr eigenes Abbild.


Schmähe die Kunst nicht, weil sie Natur nachahmt; auch die Natur folgt

Selber der Form, die über ihr steht, als leuchtendes Urbild.

Kunst aber kehrt zu dem Quell und fügt dem Mangel noch Fülle.


Schön ist im Wesen der Form die Natur, nicht bloß in der Masse;

Denn aus dem inneren Grund strömt Glanz in die sichtbaren Dinge.

Nicht die Ausdehnung bewirkt die Schönheit: Gleiches erblickst du

In Verschiedenem groß und klein, durchdrungen von Formkraft.


Wäre der Schöpfer gemein, wie könnte er Schönes erschaffen?

Schöner ist stets die Natur als das, was sie äußerlich bildet;

Doch wir verharren am Schein und sehen die Quelle im Innern

Selten, verborgen im Sein, das still die Erscheinung durchleuchtet.


Hässliches Antlitz verbirgt zuweilen ein edles Gemüte;

Wer dies nicht ahnt, wird nie das Schöne im eigenen Selbst schaun.


In uns wohnt Logos, gestuft: in Natur, in Seele, im Guten;

Sein Ursprung ist der Intellekt, das erste und reinste Erkennen.

Ahne die Ur-Schönheit durch dich, durch göttlichen Geist, der sie spiegelt:

Nicht durch den Leib sind die Götter schön, sondern durch ihr Erkennen,

Immer gewandt auf das Eine, das sie im Schauen vollziehen.


Dort ist alles in allem, vereint im intelligiblen Räume;

Ruhe und Bewegung sind eins; kein Träger ist anders als Wesen;

Teil ist zugleich das Ganze, unermüdlich im Schauen des Einen.


Diese Betrachtung erschöpft sich nie und kennt keine Sättigung;

Weisheit ist Sein und Sein ist Weisheit, urkräftig und schöpferisch,

Ursprung von allem, was ist, in sich selbst alles hervorbringend.


Doch wir verfehlen sie oft, da wir im Zerlegen nur denken;

Pflicht ist dem Denker, den Sinn dieser lebendigen Weisheit

Tiefer zu fassen, die eins ist mit dem, was wahrhaftig ist.


Quelle der Schöpfung ist sie, in Natur wie im Werke des Künstlers;

Denn der Künstler kehrt heim in den Geist, der Natur übersteigt noch.

Dort sind Sein und Erkennen vereint, die lebendigen Ideen.


Über dem Wort und dem Zeichen steht diese lautere Weisheit;

Doch ihr Abbild im Geist weist hin auf das Höhere jenseits.

So auch das All: geordnet erscheint es, doch ohne Berechnung,

Unmittelbar entsprungen dem einen, geeinten Urbilde.


Schichten von Formen durchziehen das Ganze, mühelos wirkend;

Ist dies All ein Ganzes, so ist auch sein Ursprung ein Ganzes.

Und ob im Innern begrenzt, bleibt doch das All unbegrenzt ganz.


Mensch geworden verloren wir Anteil am göttlichen Schaffen;

Doch wir gewinnen ihn neu, wenn wir zum Göttlichen aufsteigen.


Gründe dem Bau des Alls zu geben heißt keineswegs dieses,

Daß es durch planendes Denken gestaltet worden sei; vielmehr

Geht sein Entstehen voraus dem rechnenden, folgernden Denken.


Schön ist das Urbild im Geist, da ganz es durch Schönheit durchglüht ist;

Doch über Schönheit hinaus ist das Eine, das allem entzogen.

Geist aber freut sich am Schönen und schaut es als sein Gegenüber.


Also beschreibt Plato den Schöpfer im Timaeus,

Der sich erfreut am All: er blickt auf das ewige Vorbild,

Dessen Abbild die Welt in sichtbarer Ordnung entfaltet.

Einzig dies fehlt ihr: die erste, ursprüngliche Schönheit des Geistes.


Denke dir nun ein Bild von diesem sinnlichen Kosmos,

Stelle daneben ein zweites, frei von den Fesseln der Materie,

Einig im Vielen gedacht, doch ohne die Schranken des Raumes.


Groß ist auch dieses hier, doch Kräfte bekämpfen einander,

Schaffen und lösen zugleich in wechselndem Werden und Schwinden.

Dort aber fallen Sein und Schönheit völlig zusammen;

Hier wird Schönheit von außen dem Seienden erst beigegeben.


Zeus führt nach Phaedrus die Seelen und Götter

Hin zur Schau des Schönen, das jeder auf eigene Weise

Sieht, und zuweilen erscheint es ganz in vollendeter Klarheit.

Endlich erstrahlt es als Licht, das alles Sein durchleuchtet,

Und auch uns selbst erhellt, daß wir zu Schönheit uns wandeln.


Wie dort im Geist das Sein mit Schönheit völlig identisch,

So auch sollen wir selbst uns nicht als „schön“ mehr betrachten,

Sondern als Schönheit selbst, die sich im Sein offenbaret.


Wie wir vom Bilde gelangen zur Einung mit wahrer Schönheit,

Ist ein Weg nach innen, bereitet durch läuternde Einsicht.

Sind wir dort angelangt, verlieren wir jedes Bewußtsein,

Wie ein Gesunder nicht weiß um seine Gesundheit im Innern:

So ist das wahre Erkennen still und dem Blick entzogen.


Ahnen des geistigen Reichs wird uns durch Zeus gegeben,

Der als letztes Bild die Schönheit jenes Bereiches widerspiegelt.

Immer gebiert das Geistige Bild, erfüllt von Leben und Dauer.

Irrig ist’s, Zeit ihm zu setzen durch planende, menschliche Rede;

Doch unsre Sprache erzwingt solch Bilder von Schöpfung und Absicht.


Kronos, Sinnbild des Geistes, blickt aufwärts zu Ouranos, dem Einen,

Und übergibt dann die Welt an Zeus, die Seele darunter.

Jener ist jenseits der Schönheit; dieser ist erste der Schönheiten;

Zeus trägt Spur nur davon, doch glänzt noch Aphrodite im Abglanz.


Auch wir werden schön, wenn wir zu uns selbst zurückkehren

Und uns erkennen im Licht der inneren, wahren Natur.

Vielleicht bedarf es noch anderer Wege, dies Ziel zu erreichen.



DRITTER GESANG


Wer einst das geistige Reich geschaut und im Denken erfaßte

Schönheit des reinen Intellekts, vermag auch den Vater

Und was darüber hinaus ist, ahnend im Geiste zu fassen.

Darum versuchen wir jetzt, soweit es Sterblichen möglich,

Wie man die Schönheit des Geistes und jener Welt kann erschauen.


Stell dir zwei Steine vor: der eine roh und gestaltlos,

Unberührt von der Kunst; der andere schon zum Gebilde

Eines Gottes geformt, vielleicht einer Muse, der Grazien,

Oder auch eines Menschen, doch nicht eines beliebigen, sondern

Eines, den Kunst erschuf, auslesend das Schönste von allem.

Dieser erscheint uns schön nicht, weil er ein Stein ist – der andre

Wäre dann ebenso schön –, sondern durch Form, die ihm eingeprägt ward.

Diese jedoch war zuvor im Geist des schaffenden Künstlers,

Nicht im Stoff; und sie war in ihm nicht durch Hände und Augen,

Sondern durch Anteil an Kunst; und höher verweilte die Schönheit

In der Kunst selbst, denn sie stieg nicht völlig herab in den Stein hin,

Sondern verbleibt in der Quelle, indes nur ein Abglanz sich mitteilt.


Nicht einmal rein blieb sie dort, nicht ganz, wie sie wollte, im Stoffe,

Sondern nur soweit der Stein sich fügte dem bildenden Prinzip.

Wenn aber Kunst etwas schafft nach ihrem eigenen Wesen,

Macht sie es schön gemäß dem inneren Logos des Werkes;

Selber ist sie noch schöner, wahrer als das, was sie bildet,

Denn sie besitzt die Schönheit selbst, die höher und reiner

Ist als die äußere Form, die sich im Sichtbaren zeigt nur.

Denn was sich ausdehnt im Stoff, verliert an innerer Stärke:

Kraft wird schwächer, und Wärme erkaltet, Macht wird geringer,

Und auch Schönheit verliert, je mehr sie sich räumlich verbreitet.

Stets ist mächtiger das, was schafft, als das, was geschaffen:

Nicht Mangel an Musik macht den Menschen zum Musiker, sondern

Musik selbst; und die hörbare Welt entstammt einer früheren.


Tadelt nun einer die Kunst, weil sie Natur nur nachahme,

Muß man zuerst ihm sagen: auch die Natur ist Nachahmung.

Ferner: die Künste beschränken sich nicht auf sichtbare Dinge,

Sondern sie kehren zurück zu den Gründen, aus denen Natur kommt;

Und sie erschaffen aus sich und ergänzen das Fehlende schöpferisch.

So auch Pheidias schuf seinen Zeus nicht nach dem sichtbaren Vorbild,

Sondern ergriff, wie Zeus wohl erschiene, wollte er sichtbar

Werden den Augen der Welt.


Doch lassen wir jetzt die Künste und wenden

Uns der Natur zu selbst, den sogenannten natürlichen Schönheiten,

Sei es in Tieren, vernünftigen oder auch unvernünftigen Wesen,

Vor allem dort, wo die Form die Materie völlig bezwinget

Und ihr das Bild einprägt, das sie im Innern entworfen.


Was ist nun Schönheit in ihnen? Gewiß nicht Blut oder Säfte,

Nicht die wechselnde Farbe noch äußere Linien des Körpers.

Ist sie nicht eher gestaltlos, einfach, ein ordnendes Prinzip?

Was ließ die Schönheit der Helen erstrahlen,

Derentwegen man kämpfte, und die der Aphrodite gleich war?

Woher stammt überhaupt Schönheit bei Göttern und Menschen,

Auch wenn sie unsichtbar bleibt, doch innerlich leuchtend vorhanden?


Sicher ist Form es allein, die vom Schöpfer in Dinge hineingeht,

So wie im Kunstwerk die Form aus der Kunst in das Werk sich ergießet.

Sind nun die Dinge im Stoff und der Logos im Stoffe das Schöne,

Sollte dann nicht der Logos im Schöpfer, der stofflos, noch schöner?

Wenn die Masse als solche schön wäre, müßte der Schöpfer,

Der nicht Masse ist, selber ohne Schönheit verbleiben.


Doch wenn dieselbe Gestalt im Kleinen wie Großen uns gleich stark

Rührt und bewegt, so liegt die Schönheit nicht in der Größe.

Denn was von außen uns trifft, wird erst wirksam, wenn es ins Innre

Eintritt als Form; durch das kleine Auge gelangt nur die Form ein.

Auch die Größe wird mitgeführt, doch nicht als Masse, als Gestalt nur.


Ferner: der Schöpfer muß schön sein oder doch nicht häßlich;

Denn wie sollte das Häßliche je das Schöne hervorbringen?

Und Natur, die so Schönes erschafft, ist schöner noch als ihr Werk ist.

Doch wir, ungewohnt, das Innere wahrzunehmen, verfolgen

Äußeres nur und wissen nicht, daß uns das Innere bewegt.


So wie einer sein Bild verfolgt, doch nicht seine Quelle erkennt,

Jagen wir äußrem Schein. Doch Schönheit im Wissen, im Handeln,

In der Seele beweist: das Gesuchte ist nicht in der Größe.

Größer ist jene Schönheit, wenn du im sittlichen Guten

Freude erkennst, auch wenn das Antlitz häßlich erscheinen mag;

Denn dann suchst du das Innere und läßt das Äußere fahren.


Wenn dich dies noch nicht rührt, wirst du auch in dir selbst nicht entdecken,

Was dich erfreut; du suchst mit unreinem Blick das Reine.

Darum ist solche Lehre nicht für jeden bestimmt; nur

Wer sich selbst schon als schön erkannt hat, verstehe die Worte.


Denn in Natur ist ein Logos, Urbild der körperlichen Schönheit;

Schöner ist jener im Geist, und jener entstammt der Seele.

Am klarsten zeigt er sich dort im edlen Menschen, der Ordnung

Seiner Seele gewann und Licht aus höherem Lichte empfing,

Welches die eigentliche Schönheit ist, und dadurch erkennt er,

Welcher Art jenes Prinzip ist, das vor allem Bestehenden liegt.


Dies ist kein bloßer Logos mehr, sondern Ursprung der Logoi,

Geist, der stets tätig ist, nicht von außen sich selbst erst erfüllend.

Welches Bild kann ihn zeigen? Jedes Bild bleibt ihm unterlegen.

Darum nimm dein Denken selbst als Hinweis auf dieses Erhabene,

Wie ein Stück reinen Goldes das Ganze des Goldes bezeugt.


Und ist es unrein, so läutre es durch Tat und durch Denken,

Daß du erkennst: dies Ganze ist nicht das Gold, nur ein Anteil.

So erkenne aus deinem gereinigten Geist – oder schaue

Auf die Götter – den Geist: denn alle Götter sind herrlich,

Schön, und ihre Schönheit ist grenzenlos, unaussprechlich.


Was doch macht sie zu dem, was sie sind? Es ist wahrlich der Geist nur;

Denn ihr Wirken ist Geist, und der Geist wird in ihnen nun sichtbar.

Schönheit strahlt nicht am Leibe allein, wenn Götter sie heißen,

Götter sind sie durch Geist; was an ihnen erscheint, ist das Schöne.

Niemals ruht ihr Denken, es wechselt nicht Stunde um Stunde,

Ewig verharrt es im Reinen, im Stillen, ein heiliges Wissen,

Nicht von dem Menschlichen nur, von dem Eigenen wissen sie göttlich.

Alles, was Geist schaut, schauen auch sie in der Höhe des Himmels,

Heben das Haupt empor in jene noch höhere Sphäre.

Dort ist der Himmel das All: Die Erde, das Meer und die Tiere,

Pflanzen und Menschen sind Himmel, und alles, was oben ist, himmlisch.


Dort ist das Leben so leicht, die Wahrheit ist Amme und Nahrung,

Wesen ist sie und Mutter; sie schauen das Bleibende einzig.

Nichts ist dort dunkel noch fest, nein, alles ist klar und durchsichtig;

Jeder Gott schaut den anderen tief bis ins Innerste, Strahlend.

Licht ist dem Lichte dort offen, und jeder besitzt in sich alles,

Schaut in dem Anderen alles: So ist denn das All an jedem Orte.

Alles ist alles, und jedes ist alles, unendlich der Glanz dort.

Größe wohnt auch im Kleinen, die Sonne ist dort alle Sterne,

Jeder Stern ist die Sonne, und doch tritt das Eigene deutlich

Aus dem Gemeinsamen vor. Rein fließen die Bahnen der Regung,

Denn was sie treibt, ist nicht fremd; auch die Ruhe wird niemals erschüttert.

Schönheit ist dort nur im Schönen, und jeder beschreitet den Boden,

Der er im Grunde schon ist; sein Ort ist sein eigenstes Wesen.


Niemals ermüdet die Schau, kein Überdruss lastet auf Seelen,

Denn es gab keine Leere, die füllend zur Sättigung führte.

Wer dort schaut, will noch mehr, und im Schauen des Unendlichen erkennt er,

Dass er der Natur folgt; das Leben wird niemals beschwerlich,

Wenn es nur rein ist. Wie sollte das beste der Leben ermüden?

Weisheit ist dieses Leben, doch nicht aus Schlüssen gewoben,

Sondern ein Ganzes, das nichts mehr bedarf, um suchend zu finden.

Wesen ist Weisheit selbst, nicht erst Sein und danach dann erst weise.

Wissen thront dort beim Geiste, wie Dike an Zeus’ Seite waltet,

Sichtbar wie Bildsäulen strahlen sie dort für die seligen Schauer.


Alle Dinge der Welt, ob Natur, ob vom Menschen erschaffen,

Werden durch Weisheit gewirkt, sie leitet das Bilden und Machen.

Geht der Handwerker nun auf die Weisheit zurück, die ihn formte,

Findet er jene Natur, die nicht aus Sätzen gefügt ist.

Eins ist sie, ungeteilt, nicht aus Vielem zu Einem verbunden,

Sondern aus Einem entfaltet sie sich in die Fülle der Formen.

Dies ist die Ur-Weisheit, die nicht von anderem herkommt,

Sondern in sich selbst ruht und das Sein als das Eine begründet.


Wahre Weisheit ist Sein, und das Sein ist wahrhaftige Weisheit.

Wert empfängt das Bestehende nur durch das Licht dieser Weisheit;

Dinge, die fern ihr sind, besitzen nur scheinbares Dasein,

Weil sie die Weisheit nicht in sich tragen als eigenes Wesen.

Glaube nur nicht, dass Götter dort oben auf Sätze nur starren,

Oder auf Axiome; nein, Bilder sind’s, herrlich und lebend,

Nicht wie gemalt, nein, wirklich und wahr, wie im Geiste des Weisen.

Dieses erkannten auch jene, die Ägyptens Weisheit bewahrten:

Nicht mit Buchstaben, die nur die Laute und Worte verbinden,

Zeichneten sie ihre Lehren in heilige Tempel und Steine.

Einzig ein Bild nur für jedes Ding, so bannten sie Wissen,

Nicht als ein Denken, das schrittweise geht, nein, alles auf einmal.

Später erst wird aus dem Ganzen ein Abbild im anderen entstehen,

Welches in Worten sich ausdrückt und mühsam die Ursach’ entfaltet,

Dass man bewundere staunend, wie herrlich das Werden sich ordnete.


Schau auf das Ganze des Alls: Hat sein Schöpfer wohl erst nachgesonnen,

Dass in die Mitte die Erde gehört und das Wasser darüber,

Bis hin zum Himmel hinauf, und die Tiere in all ihren Formen?

Hielt er den Plan erst im Geiste bereit, um ans Werk dann zu gehen?

Niemals ist dies so möglich! Woher auch der Plan, wenn er niemals

Solches zuvor schon geschaut? Er braucht weder Hände noch Werkzeug,

Hände und Füße sind später erst da im Reiche des Werdens.

Alles ist in dem Anderen dort, in der Nähe des Seins schon.

Plötzlich erscheint das Bild des Geistigen, strahlend und einig,

Ohne Vermittlung und rein; denn das Dortige ist ungemischt noch.

Formen durchdringen die Welt hier vom Anfang bis hin zu dem Ende:

Stoff wird gebändigt durch Form, und darauf noch Form auf die Formen,

Bis man den Urstoff kaum noch erkennt unter all diesen Hüllen.

Lärmlos geschah das Erschaffen, da Sein nur und Form es bewirkten,

Ohne die Mühsal der Arbeit, im Schweigen des geistigen Wirkens.


Wären auch wir Archetypen, das Sein und die Formen zugleich noch,

Würde auch unser Erschaffen ganz ohne Bemühung gelingen.

Doch als ein Mensch nun schafft er ein Anderes, fern von sich selber,

Weil er getrennt ist vom All und nur noch ein Teil in der Zeit ist.

Lässt er das Menschsein zurück – wie Platon es lehrte –, dann wandelt

Hoch er im Licht und ordnet die Welt, mit dem Ganzen verbunden.

Frage nicht nach dem „Warum“ für die Kugelgestalt und die Bahnen;

Nicht durch logische Schlüsse ergingen die Pläne dort oben,

Sondern weil dort alles ist, folgt hieraus die Ordnung der Schönheit.

Dort ist das Ziel schon im Anfang, noch vor dem Beweis und dem Denken;

Suche die Ursach’ des Urgrunds nicht, der vollkommen in sich ruht,

Denn was der Ursprung zugleich und das Ende ist, mangelt an nichts mehr.


Niemand nennt das nur schön, was nicht auch im Ganzen vollkommen,

Wo nicht ein Teilchen am Sein der göttlichen Schönheit ermangelt.

Wenn das Urbild nicht schön, was bliebe der Welt noch an Herrlichkeit?

Denn was dem Geiste sich zeigt als Form und als Ziel seiner Schauung,

Ist das Entzücken der Welt. So lehrte es Platon uns weislich:

Freude empfand der Erschaffer am Werk, das er glücklich vollendet,

Weil er im Abbild den Glanz des ewigen Urbilds erkannte.

Wer das Geschaffene liebt, bewundert das Ewige darin,

Wüssten es Liebende auch: Die Schöne dort oben ist Ursach’.

Grenzenlos strahlt sie empor; was wäre wohl schöner als diese

Sichtbare Welt, wenn ihr Glanz nicht vom geistigen Lichte gespeist wär’?


Denke dir nun diese Welt, wie sie schrittweise ordnet die Vernunft;

Halte die Teile getrennt und bewahre sie doch in dem Ganzen.

Stelle dir vor eine Kugel, die leuchtet und alles umschließt dort:

Sonne und Sterne zugleich, die Erde, das Meer und das Leben,

Alles durchsichtig und klar, wie in gläserner Rundung geborgen.

Nimm nun das Bild in die Seele; doch dann nimm die Masse hinweg noch,

Streiche den Ort und den Stoff; lass die Kugel nur rein dir erscheinen.

Rufe den Gott nun herbei, der das Urbild der Welt hat geschaffen,

Dass er mit all seinen Göttern herab zu dir komme, der Eine.

Jeder der Götter ist dort auch das All, ungeteilt in der Kraft noch,

Vielheit und Einheit zugleich; kein Ort hält sie räumlich gefangen.

Grenzenlos dehnt sich die Macht, kein Teil ist vom anderen verschieden,

Alles ist alles in jedem, und nichts ist der Unendlichkeit ferne.


Wahrhaftig ist dort die Macht; nicht wie im Feuer der Erde,

Das nur zerstört und verzehrt, weil es selbst der Zerstörung geweiht ist.

Schönheit ist Sein dort und Sein ist dasselbe wie Schönheit;

Fehlte dem Wesen der Glanz, so fehlte ihm wahrlich das Dasein.

Zeus nun, der Älteste dort, geht voran in der heiligen Schauung;

Andere Götter und Seelen, sie folgen dem Führer in Ehrfurcht.

Aus dem Verborgenen steigt es empor, das Licht aller Lichter,

Füllt mit dem Strahle das All und blendet den Blick, der zu schwach ist.

Mancher erträgt es und schaut, doch andere wenden sich bebend,

Je nach der Reinheit des Geists, den sie forschend nach oben gewendet.

Wer es erblickt, dem erscheint das Wesen der Tugend als Urbild,

Nicht wie der Menschen Besonnenheit nur, die nur Schatten und Schein ist.


Farb’ ist im geistigen Reich die Schönheit; sie blüht aus der Tiefe,

Nicht auf der Fläche gemalt, nein, alles ist Farbe und Leuchten.

Wer nur von außen betrachtet, ergreift nur den flüchtigen Eindruck;

Doch wer von Nektar berauscht und erfüllt bis zum Grunde der Seele,

Wird vom Betrachter zum Ganzen. Er schaut nicht mehr fremde Gestalten,

Sondern er trägt, was er sieht, in sich selbst als sein eigenstes Wesen.

Noch mag er glauben, es sei ein Äußeres, das er bewundert,

Weil er es schaut und es liebt; doch muss er es einlassen gänzlich,

Bis er im Schauenden selbst das Geschaute als Einheit erkenntlich.

Gleich einem Seher, den Phoibos ergriff oder Musen besessen,

Wird er zum Bilde des Gottes, den er in der Tiefe nun schaute.


Wer sich noch immer nicht sieht, wenn der Gott ihn gänzlich besessen,

Der bringt das Bild nur hervor, um die eigene Pracht zu betrachten;

Doch wer das Abbild verlässt, und wär’ es auch herrlich zu nennen,

Kehrt in die Einheit zurück, sich nicht länger in Zweiheit zerspaltend.

Schweigend verharrt er beim Gott, eins mit ihm, soweit er es vermag,

Eins mit der Quelle des Seins, ein einziges, heiliges Wirken.

Wendet er sich zur Zwei, bleibt er doch, solange er rein bleibt,

Ganz in der Nähe des Lichts, um jederzeit heimzukehren.

Wahrheit erlangt er erst dann, wenn er tief in das Inn’re gedrungen,

Alle Wahrnehmung vergisst und die Angst vor dem Fremdsein besiegt hat.

Willst du den Gott noch als „Anderen“ sehn, so trittst du nach außen;

Doch wer die Seligkeit kennt, der gibt sich dem Inneren völlig,

Wird vom Betrachter zum Licht, das er früher von ferne bewundert.


Krankheit spüren wir stark, doch die Gesundheit weilt leise,

Denn sie gehört uns schon an, ist eins mit dem eigenen Wesen.

Fremdes nur schlägt in uns ein, das Uns’re bemerken wir selten;

So auch im geistigen Reich: Wir scheinen uns dort wie Unwissende,

Weil wir auf Sinne noch warten, die dort doch niemals was schauen.

Glaube dem Auge des Leibes nicht mehr, das sich selbst nicht erblickt dort,

Traue dem inneren Schauer, der weiß, dass er selbst das Geiste ist.


Was nun berichtet der Geist, wenn er eins mit dem Schauenden geworden?

Dass er den Gott sah in Wehen, ein herrliches Kind zu gebären,

Schmerzlos entließ er das All, das er ewig im Inneren hegte.

Freude empfand er am Werk, an der Glorie der eigenen Kinder;

Doch was am schönsten erscheint, das blieb in der Tiefe geborgen.

Einzig das letzte der Kinder, Zeus, trat hervor in das Draußen;

An ihm, dem Abbild des Vaters, erkennen wir jene, die blieben.

Nicht ohne Grund kam er her, denn es musste ein Kosmos entstehen,

Welcher die Schönheit bezeugt, die im Geiste als Urform verankert.

Ewig wie jener ist dieser; solange das Urbild noch strahlet,

Kann auch sein Schatten nicht schwinden, so lehrt es die heilige Ordnung.

Irrig ist jener, der glaubt, dass die Welt erst zu Zeiten erschaffen,

Oder dass Gott sie verlässt; sie ist Licht aus dem ewigen Lichte.


Höher als Schönheit ist „Er“, der Vater Uranos, der Eine;

Kronos, der Sohn, bleibt in Schönheit als Erster beständig,

Fest in sich selbst und gebunden, die Herrschaft im Geiste zu wahren.

Nicht nach Neuem verlangt ihn, da Fülle sein eigenstes Sein ist.

Zwischen dem Vater, dem Höchsten, und Zeus, seinem jüngeren Sohne,

Steht er als Mitte und Halt, gebunden nach oben wie unten.

Schön ist auch Seele, ja Aphrodite, sie strahlt in der Welt hier,

Doch nur als Spur jenes Glanzes, der oben im Ursprung schon blühte.

Wann immer wir schön sind, so sind wir’s, weil wir uns selber gehören,

Hässlich hingegen, sobald wir uns fremden Naturen ergeben.

Selbsterkenntnis ist Schönheit! Dort oben hat alles sein Werden,

Dorthin muss führen der Weg, den wir nun im Geiste beschritten.