VON TORSTEN SCHWANKE
I
Hört die Mär von Sankt Tom, dem weisen Mann,
Der als des Heilands Zwilling begann.
„Didymus“ nannten ihn Freund und Spott,
Denn er suchte den Menschen im ewigen Gott.
Als Jesus erstand aus des Grabes Nacht,
Hat Tom sich erst gar nicht viel draus gemacht.
„Ich glaub es nicht, bis ich’s selber seh,
Und meine Hand in die Wunden dreh!“
Doch der Herr erschien, sprach: „Komm nur her,
Zweifle an meiner Liebe nicht mehr.“
Tom berührte das Fleisch, den blutigen Riss,
Und fand darin seine Gewissheit gewiss.
In alten Schriften, verborgen und grau,
Steht geschrieben von Tom – man weiß nicht genau:
Er kannte Geschichten vom Jesuskind,
Die wilder als Sturm und Gewitter sind.
Da formte der Knabe aus Lehm sich Spatzen,
Trotz strenger Lehrer und böser Fratzen.
Er klatschte in die Hände – flogen sie fort!
Göttliche Macht im kindlichen Wort.
Und wehe dem Knaben, der Jesus erzürnt,
Der wurde vom Zorne beinah getürmt!
Sankt Tom hielt die Feder für diese Berichte,
Vom göttlichen Kind und seiner Geschichte.
Dann sprach der Geist: „Zieh weit in die Welt,
Bis dorthin, wo Pfeffer und Gold man zählt!“
Nach Indien zog es Sankt Tom nun hin,
Mit heiligen Worten und mutigem Sinn.
An Malabars Küste, im fernen Land,
Heilte er Kranke mit segnender Hand.
Er baute dem Glauben ein festes Haus,
Und trieb die alten Götzen hinaus.
Die Thomaschristen, sie wissen es wohl:
Sankt Tom ist ihr Anker, ihr Gottessymbol.
Doch Neid und Hass, sie schlafen nie,
In Kalamina beugt er das Knie.
Ein Lanzenstich durchbohrte die Brust,
Er starb für den Herrn mit heiliger Lust.
Vom Zweifler zum Zeugen, vom Nahen zum Fern,
So leuchtet Sankt Tom wie ein heller Stern.
Wer fragt und wer grübelt, wer suchet das Licht,
Den lässt unser Sankt Tom im Dunkeln nicht.
II
Ein Name ist oft nur Schall und Rauch,
Doch bei Sankt Tom, da gilt das auch.
„Thomas“ hieß er im Orient,
Was man als „Zwilling“ dorten kennt.
Die Griechen nannten ihn „Didymos“ gleich,
So hieß er doppelt im Himmelreich.
Doch wer war der Zweite, der ihm glich?
Die Bibel lässt uns da im Stich.
Vielleicht war’s ein Bruder aus Fleisch und Bein,
Doch die Mystik schenkt uns tieferen Wein:
Man sagt, er war dem Heiland so nah,
Dass man in ihm fast Jesus sah.
Wie ein Spiegelbild, so klar und rein,
Sollte er Christi Ebenbild sein.
Nicht durch das Blut, nein, durch den Geist,
Wurde er „Zwilling“ des Herrn gepreist.
Doch schau in den Spiegel, dann siehst du ihn prompt:
Er ist der Zwilling, der von uns kommt!
Ein Teil von uns glaubt, ein Teil von uns bangt,
Ein Teil, der nach festen Beweisen verlangt.
So ist Sankt Tom der Bruder der Welt,
Der Glauben und Wissen zusammenhält.
III
Als Lazarus krank in dem Grabe lag,
Graute den Jüngern vor jenem Tag.
In Judäa wartete Hass und Stein,
Niemand wollt' Jesu Begleiter dort sein.
Die Apostel zitterten, bleich und verzagt,
Wer hätte die Reise dorthin gewagt?
Da erhob Sankt Tom seine Stimme so schwer:
„Was nützt uns das Zaudern und Klagen noch mehr?
Wenn der Meister nun geht in sein Verderben,
So lasst uns mit ihm ziehen und mit ihm sterben!“
Kein Jubelruf war dies, kein eitler Schein,
Nur Treue, so hart wie ein Kieselstein.
Er sah das Ende, er sah die Not,
Er roch schon den Wein und den bitteren Tod.
Doch wo Jesus hinging, da wollte er stehen,
Und wenn es sein muss, mit ihm untergehen.
Zwar floh auch Sankt Tom, als das Schicksal einschlug,
Weil er die Trauer im Herzen nicht ertrug.
Doch sein Wort bleibt bestehen als heiliges Pfand:
Echte Liebe hält aus bis zum Grabe am Rand.
Sankt Tom lehrt uns heute: Sei ehrlich und echt,
Denn Gott ist am Ende kein strenger Knecht.
Zweifle mit Mut und liebe mit Kraft,
Das ist es, was wahre Nachfolge schafft.
IV
Beim letzten Mahl, im Kerzenschein,
Zog Traurigkeit in die Herzen ein.
Der Herr sprach vage von fernen Orten,
Die Jünger staunten bei seinen Worten.
Doch einer saß da, der es wissen wollt',
Der nicht nur schweigend die Augen rollt'.
Sankt Tom sprach aus, was die Runde dachte,
Und seine Unkenntnis dargebrachte:
„Wir wissen nicht, Herr, wo die Reise endet,
Wohin sich dein Schritt und dein Schicksal wendet!
Wie sollen wir finden den Pfad und das Ziel,
Wenn uns fehlt der Kompass im Weltgetümmel?“
Da sprach der Herr jene Worte so groß,
Sie fielen Sankt Tom direkt in den Schoß:
„Ich bin der Weg, das Leben, die Wahrheit!“
Und schenkte dem Suchenden endlich Klarheit.
Keine Karte aus Papier und von Menschenhand,
Sondern Gott selbst ist der Weg in das Vaterland.
V
Doch als das Kreuz die Welt erschüttert,
Blieb Tom allein und tief verbittert.
Er sah den Tod, er sah das Blut,
Es erlosch in ihm jede Hoffnungsglut.
Als die anderen schrien: „Er ist erwacht!“,
Hat Tom nur ein trauriges Lächeln gemacht.
„Ich glaub’ keine Geister, ich glaub’ kein Gerede,
Auch wenn ich den Rest meines Lebens drum fehde!
Erst wenn ich den Finger in die Wunden leg',
Find' ich aus der Trauer den einzigen Weg.
Ich muss ihn spüren, den Schmerz und den Mann,
Damit ich die Hoffnung begreifen kann.“
Acht Tage später – die Tür war zu –
Kam Jesus und schenkte den Herzen die Ruh'.
Er trat zu Sankt Tom und sprach: „Komm her,
Und zweifle an meiner Liebe nicht mehr.
Hier ist die Seite, hier ist der Schlitz,
Hier siehst du der Nägel blutigen Ritz.“
Da stürzte Sankt Tom auf die Knie so schwer,
Er brauchte die Finger zum Fühlen nicht mehr.
„Mein Herr und mein Gott!“, so rief er laut,
Als Erster hat er die Gottheit geschaut.
Und Jesus sprach: „Selig, wer glaubt ohne Sicht,
Doch Tom, du bleibst ewig mein Kind im Licht.“
So zog er dann aus, bis an Indiens Strand,
Und trug das Kreuz in ein fernes Land.
Aus dem Zweifler wurde ein Fels in der Brandung,
Vollbrachte die göttliche Missionslandung.
In Kalamina, durch des Speeres Macht,
Hat er sein letztes Zeugnis dargebracht.
Sankt Tom ist der Patron für uns allezeit,
Wenn der Verstand mit dem Glauben schreit.
Er lehrt uns: Das Fragen ist keine Schande,
Es knüpft nur noch fester die Liebesbande.
Wer ehrlich sucht und wer mutig klagt,
Dem wird am Ende das Licht zugesagt.
VI
Zurück am See, im alten Trott,
Vergaßen sie fast den auferstand'nen Gott.
Sankt Tom war bei den Fischern dort,
An Galiläas vertrautem Ort.
Die Netze leer, die Nacht war lang,
Den Männern wurde es bang und bang.
Doch im Erwachen, grau und kühl,
Stand einer dort mit viel Gefühl.
„Werft rechts das Netz!“, so rief er weit,
Und plötzlich war es dann so weit:
Hundertdreiundfünfzig Fische schwer,
Zog Tom mit Kraft aus dem tiefen Meer.
Am Ufer brannte schon das Licht,
Ein Feuer wärmte das Gesicht.
Dort gab es Brot und Fisch und Wein,
Sankt Tom durfte sein Gastfreund sein.
Er sah den Herrn im Morgenrot,
Der nun den Tod für immer bot.
Aus Fischern wurden Boten nun,
Um Gottes Werk in der Welt zu tun.
VII
Als man das Los für die Welt dann warf,
Wurde der Ton für Sankt Tom recht scharf.
„Nach Indien sollst du!“, sprach das Los,
Doch Toms Entsetzen, das war groß.
„Ich kann die Sprache nicht, das Land ist weit,
Ich bin für solch eine Fahrt nicht bereit!“
Da tat der Herr einen kühnen Streich,
Damit Sankt Tom erreicht das ferne Reich:
Er verkauft' ihn als Sklave, ganz ohne Reu',
Einem Kaufmann aus Indien, der war treu.
Zwanzig Silberlinge, der Preis war klein,
Sankt Tom musste nun ein Baumeister sein.
König Gondophares wollte ein Schloss,
Das glänzte von Gold und vom Marmor-Tross.
Sankt Tom nahm das Gold, doch baute er nicht,
Er schenkte es Armen fürs Lebenslicht.
Der König tobte: „Wo ist mein Saal?“
Sankt Tom sprach leise und ohne Qual:
„Im Himmel steht dein Palast nun bereit,
Erbaut aus der Tat der Barmherzigkeit!“
VIII
Auch als die Mutter des Herrn verschied,
Sankt Tom mal wieder im Rückstand blieb.
Er kam zu spät, wie er es oft getan,
Und zweifelte Marias Himmelfahrt an.
„Ich glaub es erst, wenn ein Zeichen mir winkt,
Das aus den Wolken herniedersinkt!“
Da öffnete sich der Himmel so blau,
Und Maria blickte auf ihn, die Frau.
Sie warf ihren Gürtel ihm direkt in die Hand,
Als heiliges Siegel und Himmelspfand.
Sankt Tom hielt den Stoff, er war warm und echt,
Da wusste er: Gott hat am Ende doch Recht.
In Mailapur, an Indiens Strand,
Nahm sein Schicksal die letzte Hand.
Heidnische Priester, voll Neid und Gier,
Sie sagten: „Dein Ende, das finden wir hier!“
Mit Lanzenstichen, scharf und tief,
Erreichte Sankt Tom, was der Himmel rief.
Doch sein Blut war der Samen für Gottes Wort,
Die Thomas-Christen blühen dort fort.
Vom Zweifler zum Sklaven, vom Maurer zum Geist,
Wird Sankt Tom heute als Schutzherr gepreist.
Er ist der Patron der Architekten, der Scharen,
Die Wahrheit im Greifbaren stets zu bewahren.
Wer baut und wer zweifelt, wer mutig verneint,
Ist ewig mit unserem Sankt Tom vereint.
Er reichte die Hand in die Wunde hinein
Und durfte am Ende ein Seliger sein.
IX
König Gondophares, reich und stolz,
Wollte kein Haus aus Lehm und Holz.
Er gab Sankt Tom den Schatz zur Hand:
„Bau mir das schönste Schloss im Land!“
Sankt Tom nahm Gold und Silber an,
Doch er fing nicht zu mauern an.
Er sah den Hunger, sah die Pein,
Und dachte: „Das muss die Bauhütte sein!“
Er gab das Gold den Armen her,
Den Kranken gab er noch viel mehr.
„Ich baue dem König ein ewiges Haus,
Dort, wo man niemals zieht mehr aus!“
Doch als der Herrscher heimwärts kam,
Und keine Mauer Form annahm,
Da warf er Tom in den Kerker tief:
„Du stirbst, weil du mich betrogen!“ er rief.
Doch Gad, des Königs Bruder, starb,
Und an der Himmelspforte warb.
Dort sah er einen Prunk so hell,
Aus Diamant und Goldquell-Wellenquell.
„Für wen ist dieser Bau gedacht?“
Fragte er Engel in der Pracht.
„Dies ist des Königs Himmelszelt,
Erbaut von Tom mit dem Gold der Welt!“
Gad durfte zurück ins Erdenlicht,
Berichtet' dem König die heilige Sicht.
Gondophares weinte, er kniete nieder:
„Sankt Tom, gib mir den Glauben wieder!
Vergib mir den Kerker, vergib mir die Gier,
Der wahre Baumeister Gottes bist hier!“
So wurde die Taufe zum Fundament,
Das man in Indien heute noch kennt.
XI
An einem Teich, im heißen Sand,
Die Priesterkaste betend stand.
Sie warfen Wasser in die Luft,
Zu Ehren ihrer Götter Gruft.
Doch wie es stieg, so fiel es ab,
Zurück in das nasse Elementengrab.
Sankt Tom trat vor: „Mein Gott ist groß,
Er lässt das Wasser nimmer los!“
Er schlug das Kreuz, er warf den Guss,
Und brach der Schwerkraft harten Schluss.
Die Tropfen blieben am Himmel stehen,
Wie Diamanten waren sie zu sehen!
Sie schwebten im Licht, ein gläserner Schein,
Die Brahmanen ließen das Zweifeln sein.
Dort, wo der Tropfen die Erde berührt,
Hat eine Heilquelle Menschen geführt.
Sankt Tom hat den Marmor nicht mehr begehrt,
Er hat uns die „lebenden Steine“ gelehrt.
Nicht Mauern aus Stein, die der Wind verweht,
Sondern Liebe, die ewig vor Gott besteht.
Er baute Brücken von West nach Ost,
Gab Suchenden Halt und Verzagten den Trost.
Vom Zweifler am See zum Architekt des Lichts,
Fürchtet Sankt Tom nun das Sterben nichts.
Sein Erbe steht fest, kein Sturm reißt es ein,
Denn er durfte der Zwilling des Heilands sein.
Wer heute baut an der menschlichen Not,
Der baut mit Sankt Tom am Palast bei Gott.
So endet die Mär von Sankt Tom, dem Suchenden, dem Bauenden und dem Zeugen.
XII
In einem Tempel, düster und weit,
Kam es zum Kampf der neuen Zeit.
Man zwang Sankt Tom vor Kali zu knien:
„Opfere hier, sonst lassen wir dich nicht zieh’n!
Verbeug dich tief vor der Sonne Pracht,
Ehre die Götzen und ihre Macht!“
Doch Tom blieb stehen, den Blick zum Licht,
Er fürchtete Tod und Schergen nicht.
„Du totes Ding aus Erz und Stein,
In dir kann niemals Gottheit sein!
Ich befehle dem Geist, der in dir haust:
Weiche dem Herrn, vor dem du graust!“
Da schmolz das Bild wie Wachs im Brand,
Es zerbrach der Götze im indischen Land.
Das Volk bekehrte sich scharenweis’,
Doch die Priester planten den blutigen Preis.
XIII
Als Maria Abschied vom Erdenrund nahm,
Sankt Tom mal wieder zu spät ankam.
Aus Indien flog er durch Wolken und Wind,
Doch er kam nicht rechtzeitig, Gottes Kind.
Das Grab war leer, die Mutter fort,
Erhoben an den himmlischen Ort.
„Ach“, klagte Tom, „muss es wieder so sein?
Bleib ich vom Wunder stets ausgeschlossen und allein?“
Da öffnete sich des Himmels Saum,
Wie ein strahlend heller, goldener Traum.
Maria blickte auf ihn herab,
Und gab ihm das Zeichen, das Hoffnung ihm gab.
Sie warf ihren Gürtel, so fein und so zart,
Den sie um ihre Mitte verwahrt.
Vom Olympos, wo einst nur die Götter thronten,
Und heidnische Mythen im Dunkeln wohnten,
Fiel nun das Band der christlichen Zier,
Sankt Tom hielt es fest: „Ich glaube dir!“
Kein Liebreiz-Gürtel der alten Welt,
Nur die mütterliche Hand, die uns alle hält.
XIV
In Kalamina, auf heiligem Berg,
Vollendete Tom sein Lebenswerk.
Man forderte Opfer für Sonn’ und Mond,
Doch in Toms Herz nur der Heiland wohnt.
„Mein Herr und mein Gott!“, so blieb sein Wort,
Da rissen die Häscher ihn gewaltsam fort.
Vier Speere blitzten im Sonnenlicht,
Doch Angst war nicht in seinem Gesicht.
Eine Lanze durchbohrte ihm Herz und Brust,
Er starb für den Herrn in heiliger Lust.
Und schau die Ironie der Ewigkeit:
Die Wunde, die einst seinen Zweifel befreit,
Die Lanze, die Jesus am Kreuz durchdrang,
Wurde nun Toms eigener Siegesgesang.
Er fühlte am Leib, was er einst nur berührt,
Und wurde ins ewige Reich geführt.
So endet die Mär vom Zwilling der Welt,
Der unter dem Kreuz sein Leben bestellt.
Sankt Tom, der Patron für den, der noch fragt,
Dem erst in der Prüfung das Licht wohl behagt.
Vom Fischer zum Sklaven, vom Zweifler zum Held,
Hat er den Samen in Indien bestellt.
Sein Bekenntnis klingt fort, bis die Zeit zerrinnt,
Wo Glauben und Wissen eins endlich sind.
XV
An Keralas Küste, im Palmenhain,
Zog ein ganz beson’drer Glaube ein.
Dort leben die „Nasranis“ bis heute fort,
Sie hüten Sankt Toms heiliges Wort.
Schon lange bevor man in Rom recht sang,
In Indien Sankt Toms Gebet erklang.
Sie tragen das Kreuz auf der Lotusbluh’,
Es schenkt ihren Herzen die ewige Ruh’.
Es blüht wie das Leben, es knospt wie das Licht,
Ein Zeichen, das Tod und Verfall durchbricht.
„Indisch im Blut, doch im Glauben christlich“,
So feiert man dort Sankt Tom ganz inständig.
Am dritten Juli, dem Tag „Dukrana“,
Erhalt’ uns Sankt Tom sein göttlich’ Mana!
XVI
In Ägyptens Sand, im heißen Staub,
Lag verborgen ein Schatz, wie im Taub’.
Einhundertvierzehn Sprüche, so klar,
Schrieb Sankt Tom auf, wie es wirklich war.
Kein Leiden, kein Grab und kein Kreuzesholz,
Sondern Worte, auf die die Seele ist stolz.
„Wer sucht, soll nicht rasten!“, so rief er uns zu,
„Bis du findest im Innern die göttliche Ruh’.“
Er war nicht nur Zwilling im Fleische dem Herrn,
Er kannte das Licht in dem innersten Kern.
Für Sankt Tom war Gott kein ferner Ort,
Er lebt in uns selbst, in jedem Wort.
So lehrt er den Suchenden: Schau nur hinein,
Dort wirst du dem Heiland am nächsten sein.
XVII
Sankt Tom hat den Himmel und Erden vermessen,
Kein Handwerker hat seinen Namen vergessen.
Er trägt den Winkel, das Maß in der Hand,
Als Patron für die Maurer im ganzen Land.
Wer Häuser errichtet, wer Zimmerwerk schlägt,
Wer Steine auf Steine mit Sorgfalt nun legt,
Der ruft ihn an: „Sankt Tom, steh uns bei,
Dass der Bau uns gerad’ und beständig gedeih’!“
Doch auch wer mit Büchern und Denken sich plagt,
Und mutig die Fragen des Glaubens nun wagt,
Der findet in ihm den Theologen-Hort,
Den Wächter über das zweifelnde Wort.
Sankt Tom gibt uns Kraft, wenn die Sicht uns verschwimmt,
Wenn das Dunkel des Zweifels die Hoffnung uns nimmt.
Er schützt die Blinden, er segnet die Treu’,
Er macht unser Herz jeden Morgen neu.
XVIII
Vom ungläub’gen Finger zum blutigen Speer,
Vom Fischer am See zum Apostel am Meer.
Sankt Tom hat die Grenzen der Welt gesprengt,
Und uns sein Bekenntnis als Erbe geschenkt.
Er ist unser Bruder, der fragt und der wacht,
Der uns durch das Tal der Verwirrung gebracht.
Ob Architekt, Zweifler oder indisches Kind,
Wir alle bei ihm eine Heimat nun find’.
So preisen wir Tom, den Zwilling so fein,
Er führe uns alle ins Licht hinein!
Nun neigt sich die Legende, das Lied ist vollbracht,
Sankt Tom hält für uns in der Ewigkeit Wacht.
XIX
Lobpreis der Göttlichen Weisheit: Sophia, die Architektin Gottes
Vor Anbeginn der Zeiten, vor dem ersten Licht,
Warst du bereits das Wort, das aus dem Schweigen bricht.
Sophia, Glanz der Gottheit, im ewigen Rat,
Du bist die Hand, die Welten in das Dasein trat.
Du spieltest auf dem Erdkreis, als Gott ihn ersann,
In dir fing jede Ordnung, jedes Maße an.
Nicht nur aus Staub und Atomen hast du die Welt gebaut,
Du bist die geistige Statik, die Gott dir anvertraut.
Mit dem Zirkel der Weisheit hast du den Raum umspannt,
Und das Chaos geordnet durch deine lichte Hand.
Du zogst die Horizonte, du setztest dem Meer das Ziel,
In deiner heiligen Geometrie wird Gottes Plan zum Spiel.
Du bist der Hauch der göttlichen Kraft, so rein,
Ein Strahl aus dem Urlicht, ein ungetrübter Schein.
Wer dich findet, Sophia, der findet das Leben,
Ihm wird die Einsicht in die tiefsten Gründe gegeben.
Du thronst nicht in Fernen, die kein Mensch erreicht,
Du wohnst in der Seele, die deinem Lichte gleicht.
Du bist die Braut des Geistes, der Mutterschoß der Tat,
Die Architektin, die für alles einen heiligen Bauplan hat.
Du hast dir dein Haus gebaut mit sieben Säulen fest,
Ein Refugium, das den Suchenden niemals verlässt.
Dein Tisch ist gedeckt mit dem Brot der Erkenntnis,
Dein Wein ist die Klarheit, dein Wort das Geständnis.
Du rufst auf den Straßen, an der Tore Rand:
„Kommt her, ihr Unwissenden, reicht mir die Hand!
Verlasst die Torheit, die im Dunkeln nur wacht,
Und wandelt im Glanze, den meine Weisheit euch bracht’.“
So wie du den Kosmos mit Maßen bedacht,
Hast du auch Sankt Tom durch das Suchen gebracht.
Du warst sein Winkelmaß, sein Lot und sein Licht,
Damit er im Zweifel den Pfad nicht zerbricht.
Du lehrtest ihn bauen, nicht nur Mauern aus Stein,
Sondern Tempel des Geistes, um Gott nah zu sein.
In Indien, im Osten, wo die Sonne erwacht,
Hast du durch sein Wirken die Herzen entfacht.
O Sophia, Architektin, du göttlicher Quell,
Mach unsre Gedanken wie Diamanten so hell.
Lehr uns zu bauen an einer Welt voller Sinn,
Führ uns durch das Dunkel zur Wahrheit stets hin.
Dass wir nicht nur im Sichtbaren Wurzeln schlagen,
Sondern die Ewigkeit im Herzen stets tragen.
Dir sei der Lobpreis, der Mutter des Lichts,
Denn ohne deine Weisheit ist alles ein Nichts.
Amen.