OSCAR WILDE DE PROFUNDIS

Deutsch von Torsten Schwanke



Leiden ist ein einziger, sehr langer Moment. Wir können es nicht nach Jahreszeiten einteilen. Wir können nur seine Stimmungen aufzeichnen und ihre Wiederkehr chronikalisch festhalten. Für uns schreitet die Zeit selbst nicht voran. Sie kreist. Sie scheint sich um ein einziges Zentrum des Schmerzes zu drehen. Die lähmende Unbeweglichkeit eines Lebens, dessen kleinste Umstände nach einem unveränderlichen Muster geregelt sind, so dass wir nach den unerbittlichen Gesetzen einer eisernen Formel essen, trinken, uns hinlegen und beten – oder zumindest zum Gebet niederknien: diese unbewegliche Eigenschaft, die jeden schrecklichen Tag in jedem winzigen Detail seinem Bruder gleicht, scheint sich auf jene äußeren Kräfte zu übertragen, deren eigentliches Wesen doch die unaufhörliche Veränderung ist. Von Saatzeit oder Ernte, von Schnittern, die sich über das Korn beugen, oder von Weinlesern, die sich durch die Reben ziehen, vom Gras im Obstgarten, das weiß von abgefallenen Blüten oder übersät mit herabgefallenen Früchten ist – von all dem wissen wir nichts und können nichts wissen.


Für uns gibt es nur eine Jahreszeit: die Jahreszeit der Trauer. Sogar Sonne und Mond scheinen uns genommen zu sein. Draußen mag der Tag blau und golden sein, aber das Licht, das durch das dickmatte Glas des kleinen, eisengitterten Fensters kriecht, unter dem man sitzt, ist grau und kärglich. In der eigenen Zelle ist es immer Dämmerung, wie es auch im eigenen Herzen immer Dämmerung ist. Und in der Sphäre des Denkens, ebenso wie in der Sphäre der Zeit, gibt es keine Bewegung mehr. Das, was du persönlich schon lange vergessen hast oder leicht vergessen kannst, geschieht mir jetzt und wird mir morgen wieder geschehen. Erinnere dich daran, und du wirst ein wenig verstehen können, warum ich schreibe und warum ich auf diese Weise schreibe. . . .


Eine Woche später werde ich hierher verlegt. Drei weitere Monate vergehen, und meine Mutter stirbt. Niemand wusste, wie tief ich sie liebte und verehrte. Ihr Tod war schrecklich für mich; aber ich, einst ein Herr über die Sprache, habe keine Worte, um meinen Qualen und meine Schande auszudrücken. Sie und mein Vater hatten mir einen Namen hinterlassen, den sie edel und geachtet gemacht hatten, nicht nur in der Literatur, der Kunst, der Archäologie und der Wissenschaft, sondern auch in der öffentlichen Geschichte meines eigenen Landes, in seiner Entwicklung als Nation. Ich hatte diesen Namen auf ewig entehrt. Ich hatte ihn zu einem niederen Schimpfwort unter niederen Menschen gemacht. Ich hatte ihn durch den tiefsten Schlamm gezerrt. Ich hatte ihn Bestien gegeben, damit sie ihn bestialisch machten, und Toren, damit sie ihn in ein Synonym für Torheit verwandelten. Was ich damals litt und noch immer leide, vermag keine Feder aufzuschreiben und kein Papier festzuhalten. Meine Frau, die immer gütig und sanft zu mir war, reiste, so krank sie auch war, den weiten Weg von Genua nach England, um mir die Nachricht von einem so unersetzlichen, so unheilbaren Verlust selbst zu überbringen, damit ich sie nicht von gleichgültigen Lippen hören musste. Beileidsbekundungen erreichten mich von allen, die noch Zuneigung für mich empfanden. Selbst Menschen, die mich nicht persönlich gekannt hatten, schrieben, als sie hörten, dass ein neuer Kummer in mein Leben eingebrochen war, und baten darum, mir ihr Mitgefühl zu übermitteln. . . .


Drei Monate vergehen. Der Kalender meiner täglichen Führung und Arbeit, der außen an meiner Zellentür hängt und auf dem mein Name und mein Urteil stehen, sagt mir, dass es Mai ist. . . .


Wohlstand, Vergnügen und Erfolg mögen von grober Struktur und gewöhnlicher Faser sein, aber der Kummer ist das feinfühligste aller erschaffenen Dinge. Es gibt nichts, was sich in der gesamten Welt des Denkens regt, worauf der Kummer nicht in schrecklichem und erlesenem Pulsschlag reagiert. Das dünne, dünn geschlagene Blatt aus erzitterndem Gold, das die Richtung von Kräften anzeigt, die das Auge nicht sehen kann, ist im Vergleich dazu grob. Er ist eine Wunde, die blutet, wenn eine andere Hand als die der Liebe sie berührt, und selbst dann muss sie wieder bluten, wenn auch nicht vor Schmerz.


Wo Kummer ist, da ist heiliger Boden. Eines Tages werden die Menschen erkennen, was das bedeutet. Sie werden nichts vom Leben wissen, bis sie es begreifen – und Naturen wie die seine können es begreifen. Als ich aus meinem Gefängnis vor das Konkursgericht gebracht wurde, zwischen zwei Polizisten, wartete er in dem langen, düsteren Korridor, damit er vor der ganzen Menge, die durch eine so süße und einfache Handlung in Schweigen verfiel, feierlich seinen Hut vor mir zog, als ich mit Handschellen und gesenktem Haupt an ihm vorbeiging. Menschen sind für geringere Dinge als das in den Himmel gekommen. In diesem Geist und mit dieser Art von Liebe knieten die Heiligen nieder, um die Füße der Armen zu waschen, oder beugten sich herab, um den Aussätzigen auf die Wange zu küssen. Ich habe ihm gegenüber nie ein einziges Wort über das verloren, was er tat. Ich weiß bis zum heutigen Moment nicht, ob er überhaupt weiß, dass ich seine Handlung wahrgenommen habe. Es ist keine Sache, für die man in formellen Worten formellen Dank abstatten kann. Ich bewahre es in der Schatzkammer meines Herzens. Ich halte es dort wie eine geheime Schuld auf, von der ich gern denke, dass ich sie unmöglich jemals zurückzahlen kann. Es ist einbalsamiert und süß gehalten durch die Myrrhe und Kassia vieler Tränen. Wenn mir die Weisheit nichts genützt hat, die Philosophie unfruchtbar war und die Sprichwörter und Phrasen derer, die mir Trost spenden wollten, wie Staub und Asche in meinem Mund waren, hat die Erinnerung an diese kleine, schöne, stille Tat der Liebe mir alle Quellen des Mitleids geöffnet: sie ließ die Wüste wie eine Rose erblühen und brachte mich aus der Bitterkeit des einsamen Exils in Einklang mit dem verwundeten, gebrochenen und großen Herzen der Welt. Wenn die Menschen erst verstehen können, nicht nur wie schön die Tat von --- war, sondern warum sie mir so viel bedeutete und immer bedeuten wird, dann werden sie vielleicht erkennen, wie und in welchem Geist sie mir begegnen sollten. . . .


Die Armen sind weiser, barmherziger, gütiger und feinfühliger als wir. In ihren Augen ist das Gefängnis eine Tragödie im Leben eines Menschen, ein Unglück, ein Schicksalsschlag, etwas, das nach dem Mitgefühl anderer verlangt. Sie sprechen von jemandem, der im Gefängnis sitzt, einfach als von jemandem, der „in Schwierigkeiten“ ist. Es ist die Redewendung, die sie immer benutzen, und dieser Ausdruck enthält die vollkommene Weisheit der Liebe. Bei Menschen unseres eigenen Standes ist das anders. Bei uns macht das Gefängnis einen Menschen zum Paria. Ich und Menschen wie ich haben kaum ein Recht auf Luft und Sonne. Unsere Gegenwart befleckt die Freuden der anderen. Wir sind unwillkommen, wenn wir wieder auftauchen. Das Wiedersehen mit dem Licht des Mondes ist nichts für uns. Selbst unsere Kinder werden uns weggenommen. Diese lieblichen Bande zur Menschheit sind zerrissen. Wir sind dazu verdammt, einsam zu sein, während unsere Söhne noch leben. Uns wird das Eine verweigert, was uns heilen und bewahren könnte, was dem verwundeten Herzen Balsam und der leidenden Seele Frieden bringen könnte. . . .


Ich muss mir selbst sagen, dass ich mich selbst ruiniert habe und dass niemand, ob groß oder klein, außer durch die eigene Hand ruiniert werden kann. Ich bin durchaus bereit, das zu sagen. Ich versuche, es zu sagen, auch wenn sie es im gegenwärtigen Moment vielleicht nicht glauben. Diese unbarmherzige Anklage erhebe ich ohne Mitleid gegen mich selbst. So schrecklich das war, was die Welt mir angetan hat – was ich mir selbst angetan habe, war noch weitaus schrecklicher.


Ich war ein Mann, der in einer symbolischen Beziehung zur Kunst und Kultur seines Zeitalters stand. Ich hatte dies für mich selbst schon zu Beginn meines Mannseins erkannt und mein Zeitalter später gezwungen, es ebenfalls zu erkennen. Nur wenige Männer nehmen eine solche Position zu ihren eigenen Lebzeiten ein und bekommen sie so anerkannt. Normalerweise wird dies, wenn überhaupt, vom Historiker oder Kritiker lange nach dem Vergehen des Mannes und seines Zeitalters erkannt. Bei mir war es anders. Ich fühlte es selbst und brachte andere dazu, es zu fühlen. Byron war eine symbolische Figur, aber seine Beziehungen galten der Leidenschaft seines Zeitalters und seiner Müdigkeit an der Leidenschaft. Meine galten etwas Edlerem, Dauerhafterem, von lebenswichtigerer Bedeutung, von größerer Tragweite.


Die Götter hatten mir fast alles gegeben. Aber ich ließ mich in lange Phasen sinnloser und sinnlicher Bequemlichkeit locken. Ich amüsierte mich damit, ein Flaneur, ein Dandy, ein Mann von Welt zu sein. Ich umgab mich mit den kleineren Naturen und den niederen Geistern. Ich wurde zum Verschwender meines eigenen Genies, und eine ewige Jugend zu vergeuden, bereitete mir eine seltsame Freude. Müde, auf den Höhen zu sein, ging ich bewusst in die Tiefen auf der Suche nach neuen Empfindungen. Was das Paradoxon für mich in der Sphäre des Denkens war, wurde die Perversität für mich in der Sphäre der Leidenschaft. Das Begehren war am Ende eine Krankheit oder ein Wahnsinn oder beides. Das Leben anderer wurde mir gleichgültig. Ich nahm mir Vergnügen, wo es mir gefiel, und ging weiter. Ich vergaß, dass jede kleine Handlung des alltäglichen Tages den Charakter formt oder zerstört, und dass man deshalb das, was man in der geheimen Kammer getan hat, eines Tages laut von den Dächern rufen muss. Ich hörte auf, Herr über mich selbst zu sein. Ich war nicht länger der Kapitän meiner Seele und wusste es nicht einmal. Ich erlaubte dem Vergnügen, mich zu beherrschen. Ich endete in schrecklicher Schande. Für mich gibt es jetzt nur noch eines: absolute Demut.


Ich habe fast zwei Jahre lang im Gefängnis gelegen. Aus meiner Natur ist wilde Verzweiflung hervorgegangen; ein Hingeben an den Kummer, das selbst beim Ansehen mitleiderregend war; schrecklicher und ohnmächtiger Zorn; Bitterkeit und Hohn; Qual, die laut weinte; Elend, das keine Stimme fand; Kummer, der stumm war. Ich habe jede erdenkliche Stimmung des Leidens durchlebt. Besser als Wordsworth selbst weiß ich, was Wordsworth meinte, als er sagte:


„Leiden ist dauerhaft, verborgen und dunkel,

und hat die Natur der Unendlichkeit.“


Doch während es Zeiten gab, in denen ich mich an dem Gedanken freute, dass meine Leiden endlos sein sollten, konnte ich es nicht ertragen, dass sie ohne Bedeutung wären. Jetzt finde ich irgendwo in meiner Natur etwas verborgen, das mir sagt, dass nichts auf der ganzen Welt bedeutungslos ist, und das Leiden am allerwenigsten. Dieses Etwas, das in meiner Natur verborgen ist wie ein Schatz in einem Feld, ist Demut.


Es ist das Letzte, was mir geblieben ist, und das Beste: die endgültige Entdeckung, an der ich angelangt bin, der Ausgangspunkt für eine neue Entwicklung. Es ist direkt aus mir selbst zu mir gekommen, daher weiß ich, dass es zur richtigen Zeit gekommen ist. Es hätte nicht früher und nicht später kommen können. Hätte mir jemand davon erzählt, ich hätte es zurückgewiesen. Hätte man es mir gebracht, ich hätte es verweigert. Da ich es selbst gefunden habe, will ich es behalten. Ich muss es tun. Es ist das Einzige, was die Elemente des Lebens in sich trägt, eines neuen Lebens, einer Vita Nuova für mich. Von allen Dingen ist es das Seltsamste. Man kann es nicht erlangen, außer indem man alles aufgibt, was man besitzt. Erst wenn man alles verloren hat, weiß man, dass man es besitzt.


Nun, da ich erkannt habe, dass es in mir ist, sehe ich ganz klar, was ich tun sollte, ja, tun muss. Und wenn ich eine solche Formulierung gebrauche, muss ich wohl kaum sagen, dass ich mich nicht auf irgendeine äußere Billigung oder einen Befehl beziehe. Ich erkenne keine an. Ich bin weit mehr ein Individualist, als ich es je war. Nichts scheint mir von geringstem Wert zu sein, außer dem, was man aus sich selbst herausholt. Meine Natur sucht nach einer neuen Form der Selbstverwirklichung. Das ist alles, worum es mir geht. Und das Erste, was ich zu tun habe, ist, mich von jeder möglichen Bitterkeit des Gefühls gegenüber der Welt zu befreien.


Ich bin völlig mittellos und absolut obdachlos. Doch es gibt schlimmere Dinge auf der Welt als das. Ich bin ganz aufrichtig, wenn ich sage, dass ich, anstatt mit Bitterkeit im Herzen gegen die Welt aus diesem Gefängnis zu gehen, lieber bereitwillig von Tür zu Tür um mein Brot betteln würde. Wenn ich im Hause des Reichen nichts bekäme, so bekäme ich doch etwas im Hause des Armen. Diejenigen, die viel haben, sind oft gierig; diejenigen, die wenig haben, teilen immer. Es würde mir nicht das Geringste ausmachen, im Sommer im kühlen Gras zu schlafen und, wenn der Winter kommt, Schutz an dem warmen, dicht gedeckten Schober oder unter dem Vordach einer großen Scheune zu suchen, vorausgesetzt, ich hätte Liebe in meinem Herzen. Die äußeren Dinge des Lebens scheinen mir jetzt überhaupt nicht mehr von Bedeutung zu sein. Du kannst sehen, zu welcher Intensität des Individualismus ich gelangt bin – oder vielmehr gelange, denn der Weg ist lang und „wo ich gehe, gibt es Dornen“.


Natürlich weiß ich, dass es nicht mein Los sein wird, auf der Landstraße um Almosenzu bitten, und dass, wenn ich jemals nachts im kühlen Gras liege, es sein wird, um Sonette an den Mond zu schreiben. Wenn ich aus dem Gefängnis gehe, wird R--- auf der anderen Seite des großen, eisennagelbeschlagenen Tores auf mich warten, und er ist das Symbol nicht nur seiner eigenen Zuneigung, sondern der Zuneigung vieler anderer mitsamt. Ich glaube, ich werde jedenfalls genug haben, um etwa achtzehn Monate lang zu leben, so dass ich, wenn ich schon keine schönen Bücher schreiben darf, wenigstens schöne Bücher lesen kann; und welches Glück könnte größer sein? Danach hoffe ich, meine schöpferische Fähigkeit wieder erschaffen zu können.


Doch wären die Dinge anders: Hätte ich keinen Freund mehr auf der Welt; stünde mir kein einziges Haus aus Mitleid offen; müsste ich den Bettelsack und den zerrissenen Mantel der bloßen Armut akzeptieren: Solange ich frei von allem Groll, aller Härte und allem Hohn bin, wäre ich in der Lage, dem Leben mit viel mehr Ruhe und Zuversicht ins Auge zu blicken, als ich es könnte, wenn mein Körper in Purpur und feines Leinen gekleidet und die Seele in mir krank vor Hass wäre.


And ich werde wirklich keine Schwierigkeiten haben. Wenn man Liebe wirklich will, wird man sie auf sich warten finden.


Ich brauche nicht zu sagen, dass meine Aufgabe damit nicht endet. Es wäre vergleichsweise einfach, wenn es so wäre. Es liegt noch viel mehr vor mir. Ich habe weitaus steilere Hügel zu erklimmen, weitaus dunklere Täler zu durchqueren. Und ich muss das alles aus mir selbst herausholen. Weder Religion, Moral noch Vernunft können mir dabei helfen.


Die Moral hilft mir nicht. Ich bin ein geborener Antinomist. Ich gehöre zu jenen, die für Ausnahmen geschaffen sind, nicht für Gesetze. Aber während ich sehe, dass an dem, was man tut, nichts falsch ist, sehe ich, dass an dem, was man wird, etwas falsch ist. Es ist gut, das gelernt zu haben.


Die Religion hilft mir nicht. Den Glauben, den andere dem Unsichtbaren schenken, schenke ich dem, was man berühren und ansehen kann. Meine Götter wohnen in Tempeln, die von Händen erbaut wurden; und innerhalb des Kreises der tatsächlichen Erfahrung ist mein Glaubensbekenntnis vollkommen und vollständig gemacht – zu vollständig vielleicht, denn wie viele oder alle, die ihren Himmel auf diese Erde verlegt haben, habe ich darin nicht nur die Schönheit des Himmels, sondern auch den Schrecken der Hölle gefunden. Wenn ich überhaupt an Religion denke, ist mir, als ob ich gern einen Orden für jene gründen würde, die nicht glauben können: die „Bruderschaft der Glaubenslosen“ könnte man sie nennen, wo auf einem Altar, auf dem keine Kerze brennt, ein Priester, in dessen Herzen der Frieden keine Wohnung hat, das Abendmahl mit ungesegnetem Brot und einem von Wein leeren Kelch feiert. Alles muss, um wahr zu sein, zu einer Religion werden. Und der Agnostizismus sollte sein Ritual ebenso haben wie der Glaube. Er hat seine Märtyrer gesät, er sollte seine Heiligen ernten und Gott täglich dafür preisen, dass Er Sich vor dem Menschen verborgen hat. Aber ob es nun Glaube oder Agnostizismus ist, es darf nichts Äußerliches für mich sein. Seine Symbole müssen von mir selbst geschaffen sein. Nur das ist spirituell, was sich seine eigene Form schafft. Wenn ich sein Geheimnis nicht in mir selbst finde, werde ich es niemals finden; wenn ich es nicht schon besitze, wird es niemals zu mir kommen.


Die Vernunft hilft mir nicht. Sie sagt mir, dass die Gesetze, nach denen ich verurteilt wurde, falsche und ungerechte Gesetze sind und das System, unter dem ich gelitten habe, ein falsches und ungerechtes System ist. Aber irgendwie muss ich beide Dinge für mich gerecht und richtig machen. Und genau wie man in der Kunst nur damit befasst ist, was eine bestimmte Sache in einem bestimmten Moment für einen selbst ist, so ist es auch in der ethischen Entwicklung des eigenen Charakters. Ich muss alles, was mir widerfahren ist, gut für mich machen. Das Pritschenbett, das abscheuliche Essen, die harten Seile, die zu Werg zerfasert werden, bis die Fingerspitzen vor Schmerz stumpf werden, die niederen Dienste, mit denen jeder Tag beginnt und endet, die harten Befehle, die die Routine notwendig zu machen scheint, die schreckliche Kleidung, die den Kummer grotesk anzusehen macht, das Schweigen, die Einsamkeit, die Schande – jede einzelne und all diese Eigenschaften muss ich in eine spirituelle Erfahrung umwandeln. Es gibt keine einzige Erniedrigung des Körpers, die ich nicht zu einer Vergeistigung der Seele zu machen versuchen muss.


Ich möchte an den Punkt gelangen, an dem ich ganz einfach und ohne Affektation sagen kann, dass die zwei großen Wendepunkte in meinem Leben die waren, als mein Vater mich nach Oxford schickte und als die Gesellschaft mich ins Gefängnis schickte. Ich will nicht sagen, dass das Gefängnis das Beste ist, was mir hätte passieren können, denn diese Formulierung würde nach zu großer Bitterkeit gegen mich selbst schmecken. Ich würde eher sagen, oder von mir sagen hören, dass ich ein so typisches Kind meines Zeitalters war, dass ich in meiner Perversität und um dieser Perversität willen das Gute meines Lebens in Schlechtes und das Schlechte meines Lebens in Gutes verwandelt habe.


Was jedoch von mir selbst oder von anderen gesagt wird, ist von geringer Bedeutung. Das Wichtige, das, was vor mir liegt, das, was ich zu tun habe, wenn der kurze Rest meiner Tage nicht verkrüppelt, verdorben und unvollständig sein soll, ist, all das, was mir angetan wurde, in meine Natur aufzusaugen, es zu einem Teil von mir zu machen, es ohne Klage, Angst oder Widerstreben zu akzeptieren. Das oberste Laster ist die Oberflächlichkeit. Was immer erkannt und verwirklicht wird, ist richtig.


Als ich zuerst ins Gefängnis kam, rieten mir einige Leute, zu versuchen, zu vergessen, wer ich war. Es war ein ruinöser Rat. Nur indem ich mir bewusst mache, was ich bin, habe ich überhaupt irgendeinen Trost gefunden. Jetzt wird mir von anderen geraten, bei meiner Entlassung zu versuchen, völlig zu vergessen, dass ich je in einem Gefängnis war. Ich weiß, das wäre ebenso fatal. Es würde bedeuten, dass ich immer von einem unerträglichen Gefühl der Schande verfolgt würde und dass jene Dinge, die für mich ebenso bestimmt sind wie für jeden anderen auch – die Schönheit von Sonne und Mond, das Prunkspiel der Jahreszeiten, die Musik des Tagesanbruchs und die Stille großer Nächte, der Regen, der durch die Blätter fällt, oder der Tau, der über das Gras kriecht und es silbern macht –, für mich alle befleckt wären und ihre heilende Kraft sowie ihre Kraft, Freude zu vermitteln, verlieren würden. Die eigenen Erfahrungen zu bedauern, bedeutet, die eigene Entwicklung aufzuhalten. Die eigenen Erfahrungen zu leugnen, bedeutet, eine Lüge in die Lippen des eigenen Lebens zu legen. Es ist nichts Geringeres als eine Verleugnung der Seele.


Denn genau wie der Körper Dinge aller Art aufnimmt, gewöhnliche und unreine ebenso wie solche, die der Priester oder eine Vision gereinigt hat, und sie in Schnelligkeit oder Stärke verwandelt, in das Spiel schöner Muskeln und die Formung schönen Fleisches, in die Rundungen und Farben des Haares, der Lippen, des Auges; so hat auch die Seele ihrerseits ihre nährenden Funktionen und kann das, was an sich niedrig, grausam und erniedrigend ist, in edle Denkweisen und Leidenschaften von hoher Bedeutung verwandeln; ja, mehr noch, sie mag in diesen ihre erhabensten Formen der Selbstbehauptung finden und kann sich oft am vollkommensten durch das offenbaren, was dazu bestimmt war, sie zu schänden oder zu zerstören.


Die Tatsache, dass ich der gewöhnliche Gefangene eines gewöhnlichen Gefängnisses gewesen bin, muss ich offen akzeptieren, und, so seltsam es auch scheinen mag, eines der Dinge, die ich mir selbst werde beibringen müssen, ist, mich dessen nicht zu schämen. Ich muss es als eine Strafe akzeptieren, und wenn man sich schämt, bestraft worden zu sein, hätte man ebensogut überhaupt nie bestraft werden müssen. Natürlich gibt es viele Dinge, derer ich überführt wurde, die ich nicht getan hatte, aber dann gibt es auch viele Dinge, derer ich überführt wurde, die ich getan hatte, und eine noch größere Anzahl von Dingen in meinem Leben, wegen derer ich überhaupt nie angeklagt wurde. Und da die Götter seltsam sind und uns für das bestrafen, was gut und menschlich in uns ist, ebenso wie für das, was schlecht und pervers ist, muss ich die Tatsache akzeptieren, dass man für das Gute ebenso bestraft wird wie für das Böse, das man tut. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es völlig richtig ist, dass man es wird. Es hilft einem, oder sollte einem helfen, beides zu erkennen und auf keines von beiden zu eingebildet zu sein. Und wenn ich mich dann meiner Strafe nicht schäme, wie ich es hoffe, werde ich in der Lage sein, mit Freiheit zu denken, zu gehen und zu leben.


Viele Menschen tragen nach ihrer Entlassung ihr Gefängnis mit sich hinaus in die Luft und verbergen es als eine geheime Schande in ihren Herzen, und schließlich kriechen sie, wie arme, vergiftete Kreaturen, in irgendein Loch und sterben. Es ist jämmerlich, dass sie das tun müssen, und es ist falsch, schrecklich falsch von der Gesellschaft, dass sie sie dazu zwingt. Die Gesellschaft nimmt für sich das Recht in Anspruch, den Einzelnen entsetzlich zu bestrafen, aber sie hat auch das oberste Laster der Oberflächlichkeit und versäumt es zu erkennen, was sie getan hat. Wenn die Strafe des Mannes vorbei ist, überlässt sie ihn sich selbst; das heißt, sie verlässt ihn genau in dem Moment, in dem ihre höchste Pflicht ihm gegenüber beginnt. Sie schämt sich in Wahrheit ihrer eigenen Taten und meidet jene, die sie bestraft hat, wie Menschen einen Gläubiger meiden, dessen Schuld sie nicht bezahlen können, oder jemanden, dem sie ein unersetzliches, unheilbares Unrecht angetan haben. Ich kann meinerseits beanspruchen, dass, wenn ich erkenne, was ich erlitten habe, die Gesellschaft erkennen sollte, was sie mir zugefügt hat; und dass es auf keiner Seite Bitterkeit oder Hass geben sollte.


Natürlich weiß ich, dass aus einem bestimmten Blickwinkel die Dinge für mich anders sein werden als für andere; sie müssen es tatsächlich durch die bloße Natur der Sache werden. Die armen Diebe und Ausgestoßenen, die hier mit mir gefangen sind, sind in vielerlei Hinsicht glücklicher als ich. Der kleine Weg in der grauen Stadt oder auf dem grünen Feld, der ihre Sünde sah, ist klein; um jene zu finden, die nichts von dem wissen, was sie getan haben, brauchen sie nicht weiter zu gehen, als ein Vogel zwischen der Dämmerung und dem Morgengrauen fliegen könnte; aber für mich ist die Welt zu einer Handbreit zusammengeschrumpft, und wohin ich mich auch wende, steht mein Name mit Blei auf die Felsen geschrieben. Denn ich bin nicht aus der Unbekanntheit in den flüchtigen Offenkundigkeitsruhm des Verbrechens gekommen, sondern von einer Art Ewigkeit des Ruhms zu einer Art Ewigkeit der Schande, und manchmal scheine ich mir selbst gezeigt zu haben – falls es denn überhaupt eines Beweises bedurfte –, dass zwischen dem Berühmten und dem Berüchtigten nur ein einziger Schritt liegt, wenn überhaupt so viel.


Dennoch kann ich in der bloßen Tatsache, dass die Menschen mich erkennen werden, wohin ich auch gehe, und alles über mein Leben wissen, soweit es seine Torheiten betrifft, etwas Gutes für mich erkennen. Es wird mich zu der Notwendigkeit zwingen, mich so bald wie möglich wieder als Künstler zu behaupten. Wenn ich nur ein einziges schönes Kunstwerk hervorbringen kann, wird es mir gelingen, der Böswilligkeit ihr Gift und der Feigheit ihr Hohnlächeln zu rauben und der Zunge des Spottes die Wurzeln auszureißen.


Und wenn das Leben für mich ein Problem ist, wie es das sicherlich ist, so bin ich nicht minder ein Problem für das Leben. Die Menschen müssen irgendeine Haltung mir gegenüber einnehmen und so ein Urteil fällen, sowohl über sich selbst als auch über mich. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich nicht von bestimmten Individuen spreche. Die einzigen Menschen, mit denen ich jetzt zusammen sein möchte, sind Künstler und Menschen, die gelitten haben: jene, die wissen, was Schönheit ist, und jene, die wissen, was Kummer ist; niemand sonst interessiert mich. Auch stelle ich keine Forderungen an das Leben. Bei all dem, was ich gesagt habe, geht es mir einfach um meine eigene geistige Haltung gegenüber dem Leben als Ganzem; und ich fühle, dass es einer der ersten Punkte ist, die ich erreichen muss, mich nicht dafür zu schämen, bestraft worden zu sein – um meiner eigenen Vervollkommnung willen und weil ich so unvollkommen bin.


Dann muss ich lernen, wie man glücklich ist. Einst wusste ich es, oder dachte es zu wissen, aus Instinkt. Es war einst immer Frühling in meinem Herzen. Mein Temperament war der Freude verwandt. Ich füllte mein Leben bis zum Rand mit Vergnügen, so wie man einen Kelch bis zum Rand mit Wein füllen mag. Jetzt nähere ich mich dem Leben von einem völlig neuen Standpunkt aus, und selbst das Glück zu begreifen, ist oft extrem schwierig für mich. Ich erinnere mich, wie ich während meines ersten Semesters in Oxford in Paters Renaissance las – jenem Buch, das einen so seltsamen Einfluss auf mein Leben gehabt hat –, wie Dante jene tief in das Inferno verbannt, die vorsätzlich in Traurigkeit leben; und wie ich in die College-Bibliothek ging und die Passage in der Göttlichen Komödie aufschlug, wo unter dem düsteren Sumpf jene liegen, die „mürrisch in der süßen Luft“ waren und für immer und ewig durch ihre Seufzer sagten:


„Trübsinnig waren wir

in der süßen Luft, die an der Sonne sich freut.“


Ich wusste, dass die Kirche die Accidia verdammte, aber die ganze Vorstellung schien mir völlig fantastisch, genau die Art von Sünde, so dachte ich, die ein Priester erfinden würde, der nichts vom realen Leben versteht. Auch konnte ich nicht begreifen, wie Dante, der sagt, dass „der Kummer uns wieder mit Gott vermählt“, so hart zu jenen sein konnte, die in die Melancholie verliebt waren, wenn es solche überhaupt wirklich gäbe. Ich hatte keine Ahnung, dass dies eines Tages zu einer der größten Versuchungen meines Lebens werden würde.


Als ich im Gefängnis von Wandsworth war, sehnte ich mich nach dem Tod. Es war mein einziger Wunsch. Als ich nach zwei Monaten im Lazarett hierher verlegt wurde und feststellte, dass es mir körperlich allmählich besser ging, war ich von Zorn erfüllt. Ich beschloss, genau an dem Tag Selbstmord zu begehen, an dem ich das Gefängnis verließe. Nach einer Weile verging diese böse Stimmung, und ich fasste den Entschluss zu leben, aber die Düsterkeit zu tragen, wie ein König den Purpur trägt: niemals wieder zu lächeln; jedes Haus, das ich beträte, in ein Trauerhaus zu verwandeln; meine Freunde langsam und in Traurigkeit mit mir gehen zu lassen; sie zu lehren, dass die Melancholie das wahre Geheimnis des Lebens ist; sie mit einem fremden Kummer zu lähmen; sie mit meinem eigenen Schmerz zu verderben. Jetzt fühle ich ganz anders. Ich sehe, es wäre sowohl undankbar als auch unfreundlich von mir, ein so langes Gesicht zu machen, dass meine Freunde, wenn sie mich besuchen kämen, ihre Gesichter noch länger machen müssten, um ihr Mitgefühl zu zeigen; oder, wenn ich sie unterhalten wollte, sie einzuladen, sich schweigend zu bitteren Kräutern und Leichenschmaus niederzusetzen. Ich muss lernen, heiter und glücklich zu sein.


Bei den letzten beiden Gelegenheiten, bei denen es mir erlaubt war, meine Freunde hier zu sehen, versuchte ich, so heiter wie möglich zu sein und meine Heiterkeit zu zeigen, um ihnen eine kleine Gegenleistung für ihre Mühe zu erweisen, den weiten Weg aus der Stadt zu kommen, um mich zu sehen. Es ist nur eine kleine Gegenleistung, ich weiß, aber es ist diejenige, von der ich sicher bin, dass sie ihnen am meisten Freude macht. Ich sah R--- am vorletzten Samstag für eine Stunde, und ich versuchte, der Freude, die ich über unser Treffen wirklich empfand, den vollsten Ausdruck zu verleihen. Und dass ich mit den Ansichten und Ideen, die ich mir hier forme, völlig im Recht bin, zeigt mir die Tatsache, dass ich jetzt zum ersten Mal seit meiner Inhaftierung ein echtes Verlangen nach dem Leben habe.


Es liegt so viel vor mir zu tun, dass ich es als eine schreckliche Tragödie betrachten würde, wenn ich stürbe, bevor es mir erlaubt wäre, zumindest ein wenig davon zu vollenden. Ich sehe neue Entwicklungen in der Kunst und im Leben, von denen jede eine neue Form der Vervollkommnung ist. Ich sehne mich danach zu leben, damit ich eine Welt erkunden kann, die für mich nichts Geringeres als eine neue Welt ist. Willst du wissen, was diese neue Welt ist? Ich denke, du kannst es erraten. Es ist die Welt, in der ich gelebt habe. Der Kummer also und alles, was er einen lehrt, ist meine neue Welt.


Früher lebte ich gänzlich für das Vergnügen. Ich mied Leiden und Kummer jeder Art. Ich hasste beides. Ich beschloss, sie so weit wie möglich zu ignorieren: das heißt, sie als Formen der Unvollkommenheit zu behandeln. Sie waren kein Teil meines Lebensentwurfs. Sie hatten keinen Platz in meiner Philosophie. Meine Mutter, die das Leben als Ganzes kannte, pflegte mir oft Goethes Zeilen zu zitieren – von Carlyle in ein Buch geschrieben, das er ihr vor Jahren geschenkt hatte, und, wie ich glaube, auch von ihm übersetzt:


„Wer nie sein Brot mit Tränen aß,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend saß,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.“


Es waren die Zeilen, welche jene edle Königin von Preußen, die von Napoleon mit so grober Brutalität behandelt wurde, in ihrer Demütigung und im Exil zu zitieren pflegte; es waren die Zeilen, die meine Mutter in den Wirren ihres späteren Lebens oft zitierte. Ich weigerte mich damals absolut, die ungeheure Wahrheit, die in ihnen verborgen liegt, zu akzeptieren oder anzuerkennen. Ich konnte sie nicht verstehen. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich ihr zu sagen pflegte, dass ich mein Brot nicht in Tränen essen oder irgendeine Nacht weinend verbringen und auf eine noch bitterere Morgendämmerung warten wolle.


Ich hatte keine Ahnung, dass dies eines der ganz besonderen Dinge war, die die Schicksalsgöttinnen für mich bereitgehalten hatten: dass ich nämlich ein ganzes Jahr meines Lebens lang fast nichts anderes tun sollte. Aber so ist mir mein Teil zugemessen worden; und während der letzten Monate ist es mir nach schrecklichen Schwierigkeiten und Kämpfen gelungen, einige der Lektionen zu begreifen, die im Herzen des Schmerzes verborgen liegen. Geistliche und Menschen, die Phrasen ohne Weisheit gebrauchen, sprechen manchmal vom Leiden als einem Mysterium. In Wahrheit ist es eine Offenbarung. Man erkennt Dinge, die man nie zuvor erkannt hat. Man nähert sich der gesamten Geschichte von einem völlig anderen Standpunkt aus. Was man zuvor nur dunkel, durch Instinkt, in Bezug auf die Kunst gefühlt hatte, wird intellektuell und emotional mit vollkommener Klarheit der Vision und absoluter Intensität des Begreifens erfasst.


Ich sehe nun, dass der Kummer, da er die höchste Emotion ist, derer der Mensch fähig ist, zugleich das Urbild und der Prüfstein aller großen Kunst ist. Wonach der Künstler immer sucht, ist jene Daseinsform, in der Seele und Körper eins und unteilbar sind: in der das Äußere Ausdruck des Inneren ist, in der die Form offenbart. Von solchen Daseinsformen gibt es nicht wenige: Die Jugend und die Künste, die sich mit der Jugend beschäftigen, mögen uns in dem einen Moment als Modell dienen; in einem anderen mögen wir gern daran denken, dass die moderne Landschaftskunst in ihrer Subtilität und Feinfühligkeit des Eindrucks, in ihrem Andeuten eines Geistes, der in den äußeren Dingen wohnt und sein Gewand gleichermaßen aus Erde und Luft, aus Nebel und Stadt webt, und in ihrer krankhaften Anteilnahme an seinen Stimmungen, Tönen und Farben, für uns bildlich das verwirklicht, was von den Griechen in solch plastischer Vollendung verwirklicht wurde. Die Musik, in der jeder Gegenstand im Ausdruck aufgeht und nicht von ihm getrennt werden kann, ist ein komplexes Beispiel, und eine Blume oder ein Kind ist ein einfaches Beispiel für das, was ich meine; aber der Kummer ist das letzte Urbild sowohl im Leben als auch in der Kunst.


Hinter Freude und Lachen mag ein Temperament liegen, das grob, hart und gefühllos ist. Aber hinter dem Kummer steht immer der Kummer. Der Schmerz trägt, anders als das Vergnügen, keine Maske. Wahrheit in der Kunst ist keine bloße Entsprechung zwischen der wesentlichen Idee und der zufälligen Existenz; sie ist nicht die Ähnlichkeit der Gestalt mit dem Schatten oder der im Kristall gespiegelten Form mit der Form selbst; sie ist kein Echo, das von einem hohlen Hügel widerhallt, ebenso wenig wie sie ein silberner Wasserquell im Tal ist, der den Mond dem Mond und Narziss dem Narziss zeigt. Wahrheit in der Kunst ist die Einheit einer Sache mit sich selbst: das Äußere, das zum Ausdruck des Inneren gemacht wird; die fleischgewordene Seele; der vom Geist erfüllte Körper. Aus diesem Grund gibt es keine Wahrheit, die mit dem Kummer vergleichbar wäre. Es gibt Zeiten, in denen mir der Kummer als die einzige Wahrheit erscheint. Andere Dinge mögen Täuschungen des Auges oder des Begehrens sein, geschaffen, um das eine zu blenden und das andere zu übersättigen; aber aus Kummer sind die Welten erbaut worden, und bei der Geburt eines Kindes oder eines Sterns herrscht Schmerz.


Mehr noch: Dem Kummer eignet eine intensive, eine außergewöhnliche Realität. Ich habe von mir selbst gesagt, dass ich jemand war, der in einer symbolischen Beziehung zur Kunst und Kultur seines Zeitalters stand. Es gibt keinen einzigen unseligen Menschen an diesem unseligen Ort an meiner Seite, der nicht in einer symbolischen Beziehung zum eigentlichen Geheimnis des Lebens stünde. Denn das Geheimnis des Lebens ist das Leiden. Es ist das, was sich hinter allem verbirgt. Wenn wir zu leben beginnen, ist das, was süß ist, so süß für uns, und das, was bitter ist, so bitter, dass wir unweigerlich all unsere Wünsche auf Vergnügungen ausrichten und danach streben, uns nicht bloß für „ein oder zwei Monate an Honigwaben zu nähren“, sondern all unsere Jahre lang keine andere Nahrung zu schmecken, während wir die ganze Zeit über unwissend darüber sind, dass wir in Wahrheit die Seele verhungern lassen.


Ich erinnere mich, dass ich einmal über dieses Thema mit einer der schönsten Persönlichkeiten sprach, die ich je gekannt habe: einer Frau, deren Mitgefühl und edle Güte mir gegenüber, sowohl vor als auch seit der Tragödie meiner Inhaftierung, jenseits aller Worte und Beschreibungen gewesen sind; einer, die mir – obwohl sie es selbst nicht weiß – wirklich mehr als jeder andere auf der ganzen Welt geholfen hat, die Last meiner Sorgen zu tragen, und das allein durch die bloße Tatsache ihrer Existenz, dadurch, dass sie ist, was sie ist: teils ein Ideal und teils ein Einfluss; ein Fingerzeig auf das, was man werden könnte, sowie eine echte Hilfe auf dem Weg dorthin; eine Seele, die die gewöhnliche Luft süß macht und das Spirituelle so einfach und natürlich erscheinen lässt wie das Sonnenlicht oder das Meer; eine, für die Schönheit und Kummer Hand in Hand gehen und dieselbe Botschaft verkünden. Bei der Gelegenheit, an die ich denke, erinnere ich mich genau, wie ich zu ihr sagte, dass es in einer einzigen engen Londoner Gasse genug Elend gäbe, um zu beweisen, dass Gott den Menschen nicht liebe, und dass überall dort, wo ein Kummer herrsche, und sei es nur der eines Kindes, das in einem kleinen Garten über ein Vergehen weint, das es begangen oder nicht begangen hat, das gesamte Antlitz der Schöpfung völlig entstellt sei. Ich lag vollkommen falsch. Sie sagte es mir, aber ich konnte ihr nicht glauben. Ich befand mich nicht in jener Sphäre, in der ein solcher Glaube zu erlangen war. Jetzt scheint es mir, dass Liebe irgendeiner Art die einzig mögliche Erklärung für das außerordentliche Maß an Leiden ist, das es auf der Welt gibt. Ich kann mir keine andere Erklärung vorstellen. Ich bin davon überzeugt, dass es keine andere gibt, und dass, wenn die Welt tatsächlich, wie ich gesagt habe, aus Kummer erbaut worden ist, sie von den Händen der Liebe erbaut wurde, weil die Seele des Menschen, für den die Welt geschaffen wurde, auf keinem anderen Weg die volle Statur ihrer Vollkommenheit erreichen konnte. Vergnügen für den schönen Körper, aber Schmerz für die schöne Seele.


Wenn ich sage, dass ich von diesen Dingen überzeugt bin, spreche ich mit zu viel Stolz. Weit in der Ferne, wie eine vollkommene Perle, kann man die Stadt Gottes sehen. Sie ist so wunderbar, dass es scheint, als könnte ein Kind sie an einem Sommertag erreichen. Und ein Kind könnte es auch. Aber mit mir und Menschen wie mir ist es anders. Man kann eine Sache in einem einzigen Moment erfassen, aber man verliert sie wieder in den langen Stunden, die mit bleiernen Füßen folgen. Es ist so schwer, „Höhen zu bewahren, die zu gewinnen die Seele fähig ist“. Wir denken in der Ewigkeit, aber wir bewegen uns langsam durch die Zeit; und wie langsam die Zeit für uns vergeht, die wir im Gefängnis liegen, brauche ich nicht noch einmal zu sagen, ebenso wenig wie von der Müdigkeit und der Verzweiflung, die in die eigene Zelle und in die Zelle des eigenen Herzens mit solch seltsamer Beharrlichkeit zurückkriechen, dass man sein Haus für ihr Kommen gleichsam schmücken und fegen muss wie für einen unwillkommenen Gast, einen bitteren Herrn oder einen Sklaven, dessen Sklave zu sein das eigene Schicksal oder die eigene Wahl ist.


Und obwohl es meinen Freunden gegenwärtig schwerfallen mag, es zu glauben, so ist es dennoch wahr, dass es für sie, die sie in Freiheit, Müßiggang und Wohlstand leben, leichter ist, die Lektionen der Demut zu lernen, als für mich, der ich den Tag damit beginne, auf die Knie zu gehen und den Boden meiner Zelle zu schrubben. Denn das Gefängnisleben mit seinen endlosen Entbehrungen und Einschränkungen macht einen rebellisch. Das Schrecklichste daran ist nicht, dass es das Herz bricht – Herzen sind dazu da, gebrochen zu werden –, sondern dass es das Herz zu Stein werden lässt. Man hat manchmal das Gefühl, dass man den Tag überhaupt nur mit einer Stirn aus Erz und Lippen voller Hohn überstehen kann. Und wer sich in einem Zustand der Rebellion befindet, kann keine Gnade empfangen, um jene Formulierung zu gebrauchen, welche die Kirche so liebt – und das wohl mit Recht, wie ich vermute –, denn im Leben wie in der Kunst verschließt die Stimmung der Rebellion die Kanäle der Seele und sperrt die Lüfte des Himmels aus. Dennoch muss ich diese Lektionen hier lernen, wenn ich sie überhaupt irgendwo lernen soll, und muss von Freude erfüllt sein, wenn meine Füße auf dem rechten Weg sind und mein Angesicht „dem Tor zugewandt ist, welches das Schöne genannt wird“, auch wenn ich noch oft in den Schlamm fallen und mich im Nebel verirren mag.


Dieses Neue Leben, wie ich es wegen meiner Liebe zu Dante manchmal gern nenne, ist natürlich überhaupt kein neues Leben, sondern einfach die Fortsetzung meines früheren Lebens durch Entwicklung und Evolution. Ich erinnere mich, wie ich in Oxford zu einem meiner Freunde sagte, als wir eines Morgens im Jahr vor meinem Examen auf Magdalens schmalen, von Vögeln belebten Wegen spazieren gingen, dass ich von den Früchten aller Bäume im Garten der Welt essen wolle und dass ich mit dieser Leidenschaft in meiner Seele in die Welt hinausginge. Und so ging ich in der Tat hinaus, und so lebte ich. Mein einziger Fehler war, dass ich mich so ausschließlich auf die Bäume der, wie mir schien, sonnenbeschienenen Seite des Gartens beschränkte und die andere Seite wegen ihres Schattens und ihrer Düsterkeit mied. Misserfolg, Schande, Armut, Kummer, Verzweiflung, Leiden, ja sogar Tränen, die abgebrochenen Worte, die von schmerzerfüllten Lippen kommen, Gewissensbisse, die einen auf Dornen gehen lassen, das Gewissen, das verurteilt, die Selbsterniedrigung, die straft, das Elend, das sich Asche aufs Haupt streut, die Qual, die Sacktuch als ihr Gewand wählt und Galle in den eigenen Trank mischt: All dies waren Dinge, vor denen ich Angst hatte. Und da ich beschlossen hatte, nichts von ihnen zu wissen, wurde ich gezwungen, jedes von ihnen der Reihe nach zu kosten, mich von ihnen zu nähren, ja, für eine gewisse Zeit überhaupt keine andere Nahrung zu haben.


Ich bereue keinen einzigen Moment lang, für das Vergnügen gelebt zu haben. Ich tat es in vollen Zügen, wie man alles tun sollte, was man tut. Es gab kein Vergnügen, das ich nicht erlebte. Ich warf die Perle meiner Seele in einen Becher Wein. Ich ging den Pfad der Primeln hinab zum Klang von Flöten. Ich nährte mich von Honigwaben. Aber dasselbe Leben fortzusetzen, wäre falsch gewesen, weil es eine Einschränkung bedeutet hätte. Ich musste weitergehen. Die andere Hälfte des Gartens hatte ebenfalls ihre Geheimnisse für mich. Natürlich ist all dies in meinen Büchern bereits angedeutet und vorgezeichnet. Einiges davon findet sich im Glücklichen Prinzen, einiges im Jungen König, besonders in jener Passage, wo der Bischof zu dem knienden Knaben sagt: „Ist nicht Der, welcher das Elend schuf, weiser als du bist?“ – eine Formulierung, die mir, als ich sie schrieb, kaum mehr als eine Phrase zu sein schien; ein großer Teil davon liegt verborgen in dem Untergangsmotiv, das sich wie ein Purpurfaden durch das Gefüge von Dorian Gray zieht; im Kritiker als Künstler ist es in vielen Farben dargelegt; im Sozialismus und die Seele des Menschen ist es aufgeschrieben, und zwar in Buchstaben, die allzu leicht zu lesen sind; es ist einer jener Kehrreime, deren wiederkehrende Motive Salome so sehr einem Musikstück angleichen und es wie eine Ballade zusammenhalten; im Prosagedicht von dem Mann, der aus der Bronze der Statue des „Vergnügens, das für einen Augenblick lebt“ die Statue des „Kummers, der ewig währt“ formen muss, ist es fleischgeworden. Es hätte nicht anders sein können. In jedem einzelnen Moment seines Lebens ist man das, was man sein wird, nicht weniger als das, was man gewesen ist. Die Kunst ist ein Symbol, weil der Mensch ein Symbol ist.


Es ist, wenn ich es vollkommen erreichen kann, die endgültige Verwirklichung des künstlerischen Lebens. Denn das künstlerische Leben ist schlicht Selbstentwicklung. Demut beim Künstler ist sein aufrichtiges Akzeptieren aller Erfahrungen, genau wie die Liebe beim Künstler einfach jener Sinn für Schönheit ist, der der Welt ihren Körper und ihre Seele offenbart. In Marius der Epikureer versucht Pater, das künstlerische Leben mit dem religiösen Leben im tiefen, süßen und strengen Sinne des Wortes zu versöhnen. Aber Marius ist kaum mehr als ein Zuschauer: ein idealer Zuschauer zwar, und einer, dem es gegeben ist, „das Schauspiel des Lebens mit angemessenen Gefühlen zu betrachten“, was Wordsworth als das wahre Ziel des Dichters definiert; dennoch bloß ein Zuschauer, und vielleicht ein wenig zu sehr mit der Zierlichkeit der Bänke des Heiligtums beschäftigt, um zu bemerken, dass es das Heiligtum des Kummers ist, auf das er blickt.


Ich sehe eine weitaus intimere und unmittelbarere Verbindung zwischen dem wahren Leben Christi und dem wahren Leben des Künstlers; und es bereitet mir ein tiefes Vergnügen zu bedenken, dass ich lange bevor der Kummer meine Tage zu den seinen gemacht und mich an sein Rad gefesselt hatte, im Sozialismus und die Seele des Menschen geschrieben hatte, dass derjenige, der ein christusähnliches Leben führen wolle, ganz und gar er selbst sein müsse, und dass ich als meine Vorbilder nicht bloß den Hirten am Berghang und den Gefangenen in seiner Zelle gewählt hatte, sondern auch den Maler, für den die Welt ein Prunkzug ist, und den Dichter, für den die Welt ein Lied ist. Ich erinnere mich, wie ich einmal zu André Gide, als wir zusammen in irgendeinem Pariser Café saßen, sagte, dass Metaphysik zwar nur wenig echtes Interesse für mich besäße und Moral absolut keines, dass es aber nichts gäbe, was entweder Platon oder Christus gesagt hätten, was sich nicht augenblicklich in die Sphäre der Kunst übertragen und dort seine vollkommene Erfüllung finden ließe.


Es ist nicht nur so, dass wir in Christus jene enge Verbindung von Persönlichkeit mit Vollkommenheit erkennen können, welche die eigentliche Unterscheidung zwischen der klassischen und der romantischen Bewegung im Leben ausmacht, sondern die innerste Grundlage seines Wesens war dieselbe wie die des Wesens des Künstlers – eine intensive und flammengleiche Vorstellungskraft. Er verwirklichte in der gesamten Sphäre der menschlichen Beziehungen jene schöpferische Empathie, die in der Sphäre der Kunst das einzige Geheimnis des Schaffens ist. Er verstand den Aussatz des Aussätzigen, die Dunkelheit des Blinden, das wilde Elend derer, die für das Vergnügen leben, die seltsame Armut der Reichen. Jemand schrieb mir in meinen Tagen der Not: „Wenn Sie nicht auf Ihrem Podest stehen, sind Sie nicht interessant.“ Wie weit war der Verfasser von dem entfernt, was Matthew Arnold „das Geheimnis Jesu“ nennt. Jedes von beiden hätte ihn gelehrt, dass das, was einem anderen widerfährt, einem selbst widerfährt; und wenn du eine Inschrift haben willst, die du im Morgengrauen und in der Nacht, in Freude oder im Schmerz lesen kannst, so schreibe sie in Buchstaben an die Wände deines Hauses, damit die Sonne sie vergolde und der Mond sie versilbere: „Was immer einem selbst widerfährt, widerfährt einem anderen.“


Christi Platz ist in der Tat unter den Dichtern. Seine gesamte Vorstellung von der Menschheit entsprang direkt aus der Imagination und kann nur durch sie erfasst werden. Was Gott für den Pantheisten war, das war der Mensch für Ihn. Er war der Erste, der die getrennten Rassen als eine Einheit begriff. Vor seiner Zeit hatte es Götter und Menschen gegeben, und da er durch die Mystik des Mitgefühls fühlte, dass in ihm selbst beide Fleisch geworden waren, nennt er sich je nach seiner Stimmung den Sohn des einen oder den Sohn des anderen. Mehr als jeder andere in der Geschichte weckt er in uns jene Stimmung des Staunens, die die Romantik immer anspricht. Es liegt für mich noch immer etwas fast Unglaubliches in der Vorstellung, dass ein junger galiläischer Bauer glaubte, er könne die Last der gesamten Welt auf seinen eigenen Schultern tragen; all das, was bereits getan und erlitten worden war, und all das, was noch getan und erlitten werden sollte: die Sünden Neros, Cesare Borgias, Alexanders VI. und dessen, der Kaiser von Rom und Priester der Sonne war; die Leiden derer, deren Name Legion ist und deren Wohnung unter den Gräbern liegt; unterdrückte Nationalitäten, Fabrikkinder, Diebe, Menschen im Gefängnis, Ausgestoßene, jene, die unter der Unterdrückung stumm sind und deren Schweigen nur von Gott gehört wird; und dass er sich dies nicht bloß vorstellte, sondern es tatsächlich vollbrachte, so dass im gegenwärtigen Moment alle, die mit seiner Persönlichkeit in Berührung kommen, selbst wenn sie sich weder vor seinem Altar beugen noch vor seinem Priester niederknien, in irgendeiner Weise feststellen, dass die Hässlichkeit ihrer Sünde von ihnen genommen und die Schönheit ihres Kummers ihnen offenbart wird.


Ich hatte von Christus gesagt, dass er unter den Dichtern rangiert. Das ist wahr. Shelley und Sophokles sind von seiner Gesellschaft. Aber auch sein gesamtes Leben ist das wunderbarste aller Gedichte. Für „Mitleid und Schrecken“ gibt es im gesamten Zyklus der griechischen Tragödie nichts, was daran herankäme. Die absolute Reinheit des Protagonisten erhebt das ganze Gefüge auf eine Höhe romantischer Kunst, von der die Leiden Thebens und des Geschlechts der Pelopiden schon durch ihren bloßen Schrecken ausgeschlossen sind, und zeigt, wie unrecht Aristoteles hatte, als er in seiner Abhandlung über das Drama sagte, es wäre unmöglich, den Anblick eines Makellosen im Schmerz zu ertragen. Weder bei Äschylus noch bei Dante, diesen strengen Meistern der Zärtlichkeit, noch bei Shakespeare, dem rein menschlichsten aller großen Künstler, noch im gesamten keltischen Mythos und der Sage, wo die Lieblichkeit der Welt durch einen Schleier aus Tränen gezeigt wird und das Leben eines Menschen nicht mehr ist als das Leben einer Blume, gibt es irgendetwas, von dem man sagen könnte, dass es an schierer Einfachheit des Pathos, vermählt und eins geworden mit der Erhabenheit tragischer Wirkung, dem letzten Akt von Christi Passion gliche oder auch nur nahekäme.


Das kleine Abendmahl mit seinen Gefährten, von denen einer ihn bereits für einen Preis verkauft hat; die Qual in dem stillen, mondbeschienenen Garten; der falsche Freund, der ihm so nahekommt, um ihn mit einem Kuss zu verraten; der Freund, der noch an ihn glaubte und auf den er wie auf einen Felsen ein Zufluchtshaus für den Menschen zu bauen gehofft hatte, und der ihn verleugnet, als der Vogel dem Morgengrauen zuruft; seine eigene völlige Einsamkeit, seine Unterwerfung, sein Akzeptieren von allem; und neben all dem Szenen wie jene, in der der Hohepriester der Orthodoxie sein Gewand im Zorn zerreißt, und der Beamte der zivilen Justiz nach Wasser verlangt, in der vergeblichen Hoffnung, sich von jenem Fleck unschuldigen Blutes zu reinigen, der ihn zur scharlachroten Figur der Geschichte macht; die Krönungszeremonie des Kummers, eines der wunderbarsten Dinge in der gesamten aufgezeichneten Zeit; die Kreuzigung des Unschuldigen vor den Augen seiner Mutter und des Jüngers, den er liebte; die Soldaten, die um seine Kleider spielen und würfeln; der schreckliche Tod, durch den er der Welt ihr ewigstes Symbol gab; und schließlich sein Begräbnis im Grab des reichen Mannes, sein Körper eingewickelt in ägyptisches Leinen mit kostbaren Spezereien und Wohlgerüchen, als wäre er der Sohn eines Königs gewesen. Wenn man all dies allein vom Standpunkt der Kunst aus betrachtet, kann man nicht umhin, dankbar dafür zu sein, dass das höchste Amt der Kirche das Aufführen der Tragödie ohne das Vergießen von Blut ist: die mystische Darstellung der Passion ihres Herrn mittels Dialog, Kostüm und sogar Gestik; und es ist für mich immer eine Quelle der Freude und des Schauderns, mich daran zu erinnern, dass das letzte Überbleibsel des griechischen Chors, das der Kunst sonst überall verloren ging, in dem Ministranten zu finden ist, der dem Priester bei der Messe antwortet.


Dennoch ist das gesamte Leben Christi – so vollkommen können Kummer und Schönheit in ihrer Bedeutung und Manifestation eins werden – in Wahrheit ein Idyll, obgleich es damit endet, dass der Vorhang des Tempels zerreißt, die Finsternis über das Antlitz der Erde hereinbricht und der Stein vor die Tür des Grabes gerollt wird. Man denkt an ihn immer als an einen jungen Bräutigam mit seinen Gefährten, wie er sich ja auch irgendwo selbst beschreibt; als an einen Hirten, der mit seinen Schafen auf der Suche nach einer grünen Wiese oder einem kühlen Bach durch ein Tal streift; als an einen Sänger, der versucht, aus der Musik die Mauern der Stadt Gottes zu erbauen; oder als an einen Liebenden, für dessen Liebe die ganze Welt zu klein war. Seine Wunder scheinen mir so erlesen zu sein wie das Kommen des Frühlings und ganz ebenso natürlich. Ich sehe überhaupt keine Schwierigkeit darin zu glauben, dass der Zauber seiner Persönlichkeit so groß war, dass seine bloße Gegenwart gequälten Seelen Frieden bringen konnte und dass jene, die seine Kleider oder seine Hände berührten, ihren Schmerz vergaßen; oder dass, wenn er auf der Landstraße des Lebens vorbeiging, Menschen, die nichts vom Geheimnis des Lebens gesehen hatten, es klar sahen, und andere, die für jede Stimme außer der des Vergnügens taub gewesen waren, zum ersten Mal die Stimme der Liebe hörten und sie so „musikalisch wie Apollos Laute“ fanden; oder dass böse Leidenschaften bei seiner Annäherung flohen und Menschen, deren stumpfes, phantasieloses Leben nur eine Form des Todes gewesen war, gleichsam aus dem Grab auferstanden, wenn er sie rief; oder dass, wenn er am Berghang lehrte, die Menge ihren Hunger und Durst und die Sorgen dieser Welt vergaß, und dass seinen Freunden, die ihm zuhörten, während er zu Tisch saß, das grobe Essen köstlich erschien, das Wasser den Geschmack von gutem Wein hatte und das ganze Haus voll vom Duft und der Süße der Narde wurde.


Renan sagt irgendwo in seiner Vie de Jésus – diesem anmutigen fünften Evangelium, dem Evangelium nach dem heiligen Thomas, wie man es nennen könnte –, dass Christi große Leistung darin bestand, dass er sich nach seinem Tod ebenso geliebt machte, wie er es während seines Lebens gewesen war. Und sicherlich, wenn sein Platz unter den Dichtern ist, so ist er der Anführer aller Liebenden. Er sah, dass die Liebe das erste Geheimnis der Welt war, nach dem die Weisen gesucht hatten, und dass man sich nur durch die Liebe entweder dem Herzen des Aussätzigen oder den Füßen Gottes nähern konnte.


Und vor allem ist Christus der allerhöchste Individualist. Demut ist, ebenso wie das künstlerische Akzeptieren aller Erfahrungen, lediglich eine Form der Manifestation. Es ist die Seele des Menschen, nach der Christus immer sucht. Er nennt sie „Gottes Reich“ und findet sie in jedem Einzelnen. Er vergleicht sie mit kleinen Dingen, mit einem winzigen Samen, mit einer Handvoll Sauerteig, mit einer Perle. Das liegt daran, dass man seine Seele nur dadurch verwirklicht, dass man alle fremden Leidenschaften, alle erworbene Kultur und allen äußeren Besitz abstreift, sei er gut oder böse.


Ich hielt gegen alles stand, mit einer gewissen Sturheit des Willens und viel Rebellion der Natur, bis mir absolut nichts mehr auf der Welt geblieben war als eine einzige Sache. Ich hatte meinen Namen verloren, meine Stellung, mein Glück, meine Freiheit, meinen Wohlstand. Ich war ein Gefangener und ein Bettler. Aber ich hatte immer noch meine Kinder. Plötzlich wurden sie mir durch das Gesetz weggenommen. Es war ein so entsetzlicher Schlag, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte, und so warf ich mich auf die Knie, beugte mein Haupt, weinte und sagte: „Der Körper eines Kindes ist wie der Körper des Herrn; ich bin weder des einen noch des anderen würdig.“ Jener Moment schien mich zu retten. Ich sah damals, dass das Einzige für mich darin bestand, alles zu akzeptieren. Seitdem bin ich – so seltsam es zweifellos klingen mag – glücklicher gewesen. Es war natürlich meine Seele in ihrer letzten Essenz, die ich erreicht hatte. In vielerlei Hinsicht war ich ihr Feind gewesen, aber ich fand sie vor, wie sie als Freund auf mich wartete. Wenn man mit der Seele in Berührung kommt, macht sie einen einfach wie ein Kind, so wie Christus sagte, dass man es sein solle.


Es ist tragisch, wie wenige Menschen jemals „ihre Seele besitzen“, bevor sie sterben. „Nichts ist seltener bei einem Menschen“, sagt Emerson, „als eine eigene Tat.“ Das ist völlig wahr. Die meisten Menschen sind andere Menschen. Ihre Gedanken sind die Meinungen eines anderen, ihr Leben ein Nachäffen, ihre Leidenschaften ein Zitat. Christus war nicht bloß der höchste Individualist, sondern er war der erste Individualist in der Geschichte. Man hat versucht, ihn als einen gewöhnlichen Philanthropen darzustellen, oder hat ihn als Altruisten zu den Wissenschaftlichen und Sentimentalen eingereiht. Aber er war in Wahrheit weder das eine noch das andere. Mitleid hat er natürlich mit den Armen, mit jenen, die in Gefängnisse eingeschlossen sind, mit den Niedrigen, mit den Elenden; aber er hat weitaus mehr Mitleid mit den Reichen, mit den harten Hedonisten, mit jenen, die ihre Freiheit damit vergeuden, Sklaven der Dinge zu werden, mit jenen, die weiche Kleider tragen und in Königshäusern leben. Reichtum und Vergnügen schienen ihm in Wahrheit größere Tragödien zu sein als Armut oder Kummer. Und was den Altruismus betrifft, wer wusste besser als er, dass es die Berufung und nicht der Wille ist, die uns bestimmt, und dass man nicht Trauben von Dornen oder Feigen von Disteln lesen kann?


Für andere zu leben, als ein bestimmtes, selbstbewusstes Ziel, war nicht sein Glaube. Es war nicht die Basis seines Glaubens. Wenn er sagt: „Verzeiht euren Feinden“, so sagt er das nicht um des Feindes willen, sondern um des eigenen Willen, und weil Liebe schöner ist als Hass. In seiner eigenen Bitte an den Jüngling: „Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen“, denkt er nicht an den Zustand der Armen, sondern an die Seele des Jünglings, jene Seele, die der Reichtum im Begriff war zu verderben. In seiner Lebensauffassung ist er eins mit dem Künstler, der weiß, dass durch das unerbittliche Gesetz der Selbstvervollkommnung der Dichter singen, der Bildhauer in Bronze denken und der Maler die Welt zu einem Spiegel für seine Stimmungen machen muss, ebenso sicher und gewiss, wie der Weißdorn im Frühling blühen, das Korn zur Erntezeit golden werden und der Mond auf seinen geordneten Wanderungen sich vom Schild zur Sichel und von der Sichel zum Schild wandeln muss.


Aber während Christus nicht zu den Menschen sagte: „Lebt für andere“, wies er darauf hin, dass es überhaupt keinen Unterschied zwischen dem Leben anderer und dem eigenen Leben gibt. Hierdurch gab er dem Menschen eine erweiterte, eine titanische Persönlichkeit. Seit seinem Kommen ist die Geschichte jedes einzelnen Individuums die Geschichte der Welt, oder kann dazu gemacht werden. Natürlich hat die Kultur die Persönlichkeit des Menschen intensiviert. Die Kunst hat uns vielfältig gesinnt gemacht. Jene, die das künstlerische Temperament besitzen, gehen mit Dante ins Exil und lernen, wie salzig das Brot anderer ist und wie steil ihre Treppen sind; sie fangen für einen Moment die Gelassenheit und Ruhe Goethes ein und wissen dennoch nur zu gut, dass Baudelaire zu Gott schrie:


„O Herr, gib mir die Kraft und den Mut,

Meinen Körper und mein Herz ohne Ekel zu betrachten.“


Aus Shakespeares Sonetten ziehen sie, vielleicht zu ihrem eigenen Schaden, das Geheimnis seiner Liebe und machen es zu ihrem eigenen; sie betrachten das moderne Leben mit neuen Augen, weil sie einem von Chopins Nocturnes gelauscht, griechische Dinge berührt oder die Geschichte von der Leidenschaft eines toten Mannes für eine tote Frau gelesen haben, deren Haar wie Fäden aus feinem Gold und deren Mund wie ein Granatapfel war. Aber das Mitgefühl des künstlerischen Temperaments gilt notwendigerweise dem, was Ausdruck gefunden hat. In Worten oder in Farben, in Musik oder in Marmor, hinter den bemälten Masken eines äschyleischen Stücks oder durch die durchbohrten und gefügten Rohre eines sizilianischen Hirten muss der Mensch und seine Botschaft offenbart worden sein.


Für den Künstler ist der Ausdruck die einzige Form, unter der er das Leben überhaupt begreifen kann. Für ihn ist das, was stumm ist, tot. Aber für Christus war es nicht so. Mit einer Weite und einem Wunder der Einbildungskraft, die einen fast mit Ehrfurcht erfüllen, nahm er die gesamte Welt des Unartikulierten, die stimmlose Welt des Schmerzes, als sein Königreich an und machte sich selbst zu ihrem ewigen Sprachrohr. Jene, von denen ich gesprochen habe, die unter der Unterdrückung stumm sind und „deren Schweigen nur von Gott gehört wird“, wählte er zu seinen Brüdern. Er suchte den Blinden Augen zu werden, den Tauben Ohren und ein Schrei auf den Lippen derer, deren Zungen gebunden waren. Sein Verlangen war es, für die Myriaden, die keine Äußerung gefunden hatten, eine wahre Posaune zu sein, durch die sie zum Himmel rufen mochten. Und da er mit der künstlerischen Natur eines Menschen, für den Leiden und Kummer Formen waren, durch die er seine Vorstellung des Schönen verwirklichen konnte, fühlte, dass eine Idee von keinem Wert ist, bis sie Fleisch wird und zu einem Bild gemacht wird, machte er sich selbst zum Bild des Schmerzensmannes und hat als solcher die Kunst fasziniert und beherrscht, wie es keinem griechischen Gott jemals gelang.


Denn die griechischen Götter waren trotz des Weißen und Roten ihrer schönen, flinken Glieder nicht wirklich das, was sie zu sein schienen. Die geschwungene Stirn des Apollo war wie die Sonnenscheibe, die sich im Morgengrauen als Sichel über einen Hügel erhebt, und seine Füße waren wie die Flügel des Morgens, aber er selbst war grausam zu Marsyas gewesen und hatte Niobe kinderlos gemacht. In den stählernen Schilden von Athenas Augen hatte es kein Mitleid mit Arachne gegeben; der Prunk und die Pfauen der Hera waren alles, was an ihr wirklich edel war; und der Vater der Götter selbst war allzu angetan von den Töchtern der Menschen gewesen. Die zwei am tiefsten andeutungsvollen Figuren der griechischen Mythologie waren für die Religion Demeter, eine Erdgöttin, keine der Olympierinnen, und für die Kunst Dionysos, der Sohn einer sterblichen Frau, für die der Moment seiner Geburt sich auch als der Moment ihres Todes erwies.


Aber das Leben selbst brachte aus seiner niedrigsten und bescheidensten Sphäre jemanden hervor, der weitaus wunderbarer war als die Mutter der Proserpina oder der Sohn der Semele. Aus der Zimmermannswerkstatt in Nazareth war eine Persönlichkeit hervorgegangen, die unendlich größer war als jede durch Mythos und Sage geschaffene, und eine, die seltsamerweise dazu bestimmt war, der Welt die mystische Bedeutung des Weins und die wahren Schönheiten der Lilien auf dem Feld zu offenbaren, wie es niemand, weder auf dem Kithairon noch in Enna, jemals getan hatte.


Das Lied Jesajas: „Er ist verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Krankheit vertraut; und wir verbargen gleichsam unser Angesicht vor ihm“, hatte ihm als Vorzeichnung seiner selbst geschienen, und in ihm war die Prophezeiung erfüllt. Wir dürfen vor einer solchen Formulierung keine Angst haben. Jedes einzelne Kunstwerk ist die Erfüllung einer Prophezeiung: denn jedes Kunstwerk ist die Verwandlung einer Idee in ein Bild. Jedes einzelne menschliche Wesen sollte die Erfüllung einer Prophezeiung sein: denn jedes menschliche Wesen sollte die Realisierung irgendeines Ideals sein, sei es im Geiste Gottes oder im Geiste des Menschen. Christus fand den Typus und legte ihn fest, und der Traum eines vergilischen Dichters, sei es in Jerusalem oder in Babylon, wurde im langen Fortgang der Jahrhunderte Fleisch in ihm, auf den die Welt wartete.


Für mich ist es eines der am meisten zu bedauernden Dinge in der Geschichte, dass der eigenen Renaissance Christi, die die Kathedrale von Chartres, den artusischen Sagenkreis, das Leben des heiligen Franz von Assisi, die Kunst Giottos und Dantes Göttliche Komödie hervorgebracht hat, nicht erlaubt wurde, sich nach ihren eigenen Linien zu entwickeln, sondern dass sie unterbrochen und verdorben wurde durch die düstere klassische Renaissance, die uns Petrarca bescherte, sowie Raffaels Fresken, die palladianische Architektur, die formelle französische Tragödie, die St. Paul’s Cathedral, Popes Dichtung und alles, was von außen und nach toten Regeln gemacht ist und nicht von innen heraus durch einen Geist entspringt, der es belebt. Aber wo immer es eine romantische Bewegung in der Kunst gibt, da ist irgendwie und unter irgendeiner Form Christus oder die Seele Christi. Er ist in Romeo und Julia, im Wintermärchen, in der provenzalischen Dichtung, im Alten Matrosen, in La Belle Dame sans merci und in Chattertons Ballade der Barmherzigkeit.


Wir verdanken ihm die verschiedenartigsten Dinge und Menschen. Hugos Les Misérables, Baudelaires Fleurs du Mal, der Ton des Mitleids in russischen Romanen, Verlaine und Verlaines Gedichte, die Buntglasfenster und Wandteppiche und die Quattrocento-Arbeiten von Burne-Jones und Morris gehören ihm nicht weniger an als der Turm von Giotto, Lancelot und Guinevere, Tannhäuser, die unruhigen romantischen Marmorstatuen Michelangelos, die gotische Architektur und die Liebe zu Kindern und Blumen – für die beide es in der klassischen Kunst in der Tat nur wenig Platz gab, kaum genug, als dass sie hätten wachsen oder spielen können, die aber vom zwölften Jahrhundert an bis hin zu unseren eigenen Tagen kontinuierlich ihr Erscheinen in der Kunst gemacht haben, unter verschiedenen Formen und zu verschiedenen Zeiten, unbeständig und eigensinnig kommend, wie Kinder, wie Blumen es zu tun pflegen: wobei einem der Frühling immer so vorkommt, als hätten die Blumen sich versteckt gehalten und wären nur deshalb in die Sonne herausgekommen, weil sie Angst hatten, die Erwachsenen würden müde werden, nach ihnen zu suchen, und die Suche aufgeben; und das Leben eines Kindes nicht mehr ist als ein Apriltag, an dem es für die Narzisse sowohl Regen als auch Sonne gibt.


Es ist die Kraft der Imagination in der Natur Christi selbst, die ihn zu diesem pulsierenden Mittelpunkt der Romantik macht. Die seltsamen Gestalten des poetischen Dramas und der Ballade werden durch die Imagination anderer geschaffen, Jesus von Nazareth jedoch erschuf sich ganz und gar aus seiner eigenen Imagination heraus. Der Ruf Jesajas hatte mit seinem Kommen im Grunde nicht mehr zu tun als der Gesang der Nachtigall mit dem Aufgang des Mondes – nicht mehr, wenn auch vielleicht nicht weniger. Er war ebenso die Verleugnung wie die Bestätigung der Prophezeiung. Für jede Erwartung, die er erfüllte, zerstörte er eine andere. „In jeder Schönheit“, sagt Bacon, „liegt eine gewisse Seltsamkeit der Proportion“, und von jenen, die aus dem Geiste geboren sind – von jenen also, die wie er selbst dynamische Kräfte sind –, sagt Christus, sie seien wie der Wind, der „wehet, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt.“ Das ist es, was ihn für Künstler so faszinierend macht. Er besitzt alle Farbelemente des Lebens: Mysterium, Seltsamkeit, Pathos, Andeutung, Ekstase, Liebe. Er spricht den Sinn für das Wunderbare an und schafft jene Stimmung, in der allein er verstanden werden kann.


Und es ist mir eine Freude, mich daran zu erinnern, dass, wenn er „ganz und gar aus Imagination gefügt“ ist, die Welt selbst aus derselben Substanz besteht. Ich habe in Dorian Gray gesagt, dass die großen Sünden der Welt im Gehirn stattfinden; aber es ist das Gehirn, in dem alles stattfindet. Wir wissen heute, dass wir nicht mit den Augen sehen oder mit den Ohren hören. Sie sind in Wahrheit nur Kanäle zur – zulänglichen oder unzulänglichen – Übermittlung von Sinneseindrücken. Im Gehirn erst ist der Mohn rot, der Apfel duftend, die Feldlerche singend.


In letzter Zeit habe ich mit Fleiß die vier Prosa-Gedichte über Christus studiert. Zu Weihnachten gelang es mir, ein griechisches Testament zu ergattern, und jeden Morgen, nachdem ich meine Zelle gereinigt und meine Blechnäpfe poliert hatte, las ich ein wenig in den Evangelien, ein Dutzend Verse, aufs Geratewohl irgendwo herausgegriffen. Es ist eine herrliche Art, den Tag zu beginnen. Jeder Mensch, selbst in einem unruhigen, schlecht disziplinierten Leben, sollte das Gleiche tun. Die endlose Wiederholung, zu ungelegener wie zu gelegener Zeit, hat für uns die Frische, die Naivität, den einfachen romantischen Charme der Evangelien verdorben. Wir hören sie viel zu oft und viel zu schlecht lesen, und jede Wiederholung ist ungeistig. Wenn man zum Griechischen zurückkehrt, ist es, als beträte man aus einem engen, dunklen Haus einen Garten voller Lilien.


Und für mich verdoppelt sich das Vergnügen durch den Gedanken, dass es äußerst wahrscheinlich ist, dass wir hier die tatsächlichen Worte, die ipsissima verba, vor uns haben, die Christus gebrauchte. Man nahm immer an, Christus habe Aramäisch gesprochen. Selbst Renan glaubte das. Heute aber wissen wir, dass die galiläischen Bauern, wie die irischen Bauern unserer Tage, zweisprachig waren und dass Griechisch die gewöhnliche Umgangssprache in ganz Palästina war, wie ja überhaupt in der gesamten östlichen Welt. Mir gefiel der Gedanke nie, dass wir die eigenen Worte Christi nur durch die Übersetzung einer Übersetzung kennen sollten. Es ist mir ein Entzücken zu denken, dass, was seine Unterredungen betrifft, Charmides ihm hätte lauschen, Sokrates mit ihm hätte rechten und Platon ihn hätte verstehen können; dass er wirklich sagte: ἐγώ εἰμι ὁ ποιμὴν ὁ καλός; dass, als er an die Lilien auf dem Feld dachte und wie sie weder arbeiten noch spinnen, sein absoluter Ausdruck war: καταμάθετε τὰ κρίνα τοῦ ἀγροῦ πῶς αὐξάνει· οὐ κοπιᾷ οὐδὲ νήθει; und dass sein letztes Wort, als er ausrief: „Mein Leben ist vollendet, hat seine Erfüllung erreicht, ist vervollkommnet worden“, genau so war, wie der heilige Johannes es uns berichtet: τετέλεσται – nicht mehr.


Während ich beim Lesen der Evangelien – besonders dem des heiligen Johannes selbst oder welches frühen Gnostikers auch immer, der seinen Namen und Mantel annahm – die fortwährende Behauptung der Imagination als Grundlage allen geistigen und materiellen Lebens sehe, sehe ich auch, dass für Christus die Imagination schlicht eine Form der Liebe war und dass für ihn die Liebe die Herrscherin im vollsten Sinne des Wortes war. Vor etwa sechs Wochen erlaubte mir der Arzt, weißes Brot zu essen anstelle der groben schwarzen oder braunen Kost des gewöhnlichen Gefängnisessens. Es ist eine große Delikatesse. Es mag seltsam klingen, dass trockenes Brot für jemanden eine Delikatesse sein kann. Für mich ist es das in einem Maße, dass ich am Ende jeder Mahlzeit sorgfältig alle Krümel aufesse, die auf meinem Blechteller zurückgeblieben oder auf das raue Handtuch gefallen sind, das man als Tischtuch benutzt, um den Tisch nicht zu beschmutzen; und ich tue dies nicht aus Hunger – ich bekomme jetzt völlig ausreichend Nahrung –, sondern schlicht, damit nichts von dem verschwendet wird, was mir gegeben ist. So sollte man auch auf die Liebe blicken.


Christus besaß, wie alle faszinierenden Persönlichkeiten, die Gabe, nicht nur selbst schöne Dinge zu sagen, sondern andere Menschen dazu zu bringen, schöne Dinge zu ihm zu sagen; und ich liebe die Geschichte, die uns der heilige Markus von der griechischen Frau erzählt, die, als er sie zur Prüfung ihres Glaubens beschied, er könne ihr nicht das Brot der Kinder Israels geben, ihm antwortete, dass die Hündlein – (κυνάρια, als „Hündlein“ sollte es wiedergegeben werden) – die unter dem Tisch sind, von den Brosamen essen, die die Kinder fallen lassen. Die meisten Menschen leben für Liebe und Bewunderung. Aber es ist durch Liebe und Bewunderung, dass wir leben sollten. Wenn uns irgendeine Liebe gezeigt wird, sollten wir erkennen, dass wir ihrer völlig unwürdig sind. Niemand ist es wert, geliebt zu werden. Die Tatsache, dass Gott den Menschen liebt, zeigt uns, dass in der göttlichen Ordnung der idealen Dinge geschrieben steht, dass ewige Liebe dem geschenkt werden soll, was ewig unwürdig ist. Oder, wenn diese Formulierung zu bitter erscheint, um sie zu ertragen, sagen wir, dass jeder der Liebe würdig ist, außer dem, der glaubt, er sei es. Liebe ist ein Sakrament, das man auf Knien empfangen sollte, und ein Domine, non sum dignus sollte auf den Lippen und in den Herzen derer sein, die es empfangen.


Wenn ich jemals wieder schreibe, im Sinne des Schaffens eines künstlerischen Werks, gibt es genau zwei Themen, über die und durch die ich mich ausdrücken möchte: Das eine ist „Christus als Vorläufer der romantischen Bewegung im Leben“; das andere „Das künstlerische Leben in seiner Beziehung zum Verhalten“. Das erste ist natürlich ungemein faszinierend, denn ich sehe in Christus nicht bloß die wesentlichen Züge des höchsten romantischen Typus, sondern auch alle Zufälligkeiten, ja selbst die Eigensinnigkeiten des romantischen Temperaments. Er war der erste Mensch, der jemals zu den Leuten sagte, sie sollten ein „Leben wie die Blumen“ führen. Er prägte diese Wendung. Er nahm Kinder als das Vorbild dessen, was die Menschen zu werden versuchen sollten. Er hielt sie den Älteren als Beispiele vor – was ich selbst immer für den Hauptnutzen von Kindern gehalten habe, sofern das, was vollkommen ist, überhaupt einen Nutzen haben sollte. Dante beschreibt die Seele des Menschen, wie sie aus der Hand Gottes kommt, „weinend und lachend wie ein kleines Kind“, und auch Christus sah, dass die Seele eines jeden a guisa di fanciulla che piangendo e ridendo pargoleggia sein sollte. Er fühlte, dass das Leben wechselvoll, fließend, aktiv war und dass es der Tod bedeutete, es in irgendeiner Form erstarren zu lassen. Er sah, dass die Menschen sich nicht zu ernst mit materiellen, alltäglichen Interessen abgeben sollten: dass es etwas Großes war, unpraktisch zu sein; dass man sich nicht zu viel um Geschäfte kümmern sollte. Die Vögel taten es nicht, warum sollte der Mensch es tun? Er ist bezaubernd, wenn er sagt: „Sorgt nicht für den morgenden Tag; ist nicht die Seele mehr denn die Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung?“ Ein Grieche hätte den letzten Satz gebrauchen können. Er ist voller griechischen Empfindens. Aber nur Christus konnte beides sagen und so das Leben perfekt für uns zusammenfassen.


Seine Moral ist ganz und gar Mitgefühl, genau so, wie Moral sein sollte. Wenn das Einzige, was er je gesagt hätte, gewesen wäre: „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt“, so wäre es das Sterben wert gewesen, um dies gesagt zu haben. Seine Gerechtigkeit ist ganz und gar poetische Gerechtigkeit, genau so, wie Gerechtigkeit sein sollte. Der Bettler kommt in den Himmel, weil er unglücklich gewesen ist. Ich kann mir keinen besseren Grund vorstellen, ihn dorthin zu schicken. Die Leute, die in der Kühle des Abends eine Stunde lang im Weinberg arbeiten, erhalten genau den gleichen Lohn wie jene, die dort den ganzen Tag in der heißen Sonne geschuftet haben. Warum sollten sie nicht? Vermutlich verdiente niemand irgendetwas. Oder vielleicht waren sie eine andere Art von Menschen. Christus hatte keine Geduld mit den stumpfen, leblosen, mechanischen Systemen, die Menschen behandeln, als wären sie Dinge, und so jeden gleich behandeln: Für ihn gab es keine Gesetze; es gab lediglich Ausnahmen, als ob überhaupt irgendein Mensch oder, was das betrifft, irgendein Ding irgendetwas anderem auf der Welt gleiche!


Das, was der eigentliche Grundton der romantischen Kunst ist, war für ihn die angemessene Basis des natürlichen Lebens. Er sah keine andere Basis. Und als sie eine zu ihm brachten, die auf frischer Tat bei der Sünde ertappt worden war, und ihm ihr im Gesetz geschriebenes Urteil zeigten und ihn fragten, was zu tun sei, schrieb er mit dem Finger auf die Erde, als hörte er sie nicht, und schließlich, als sie ihn erneut drängten, blickte er auf und sagte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Es war das Leben wert, um das gesagt zu haben.


Wie alle poetischen Naturen liebte er unwissende Menschen. Er wusste, dass in der Seele eines Unwissenden immer Platz für eine große Idee ist. Aber er konnte dumme Menschen nicht ausstehen, besonders jene, die durch Bildung dumm geworden sind: Menschen voller Meinungen, von denen sie nicht eine einzige auch nur verstehen – ein ganz und gar moderner Typus, von Christus auf den Punkt gebracht, wenn er ihn als den Typus dessen beschreibt, der den Schlüssel der Erkenntnis hat, ihn selbst nicht benutzen kann und andere Menschen ihn nicht benutzen lässt, obwohl er dazu dienen könnte, das Tor zu Gottes Reich zu öffnen. Sein Hauptkampf galt den Philistern. Das ist der Kampf, den jedes Kind des Lichts zu führen hat. Das Philistertum war das Merkmal der Epoche und der Gemeinschaft, in der er lebte. In ihrer schwerfälligen Unzugänglichkeit für Ideen, ihrer stumpfen Respektabilität, ihrer öden Orthodoxie, ihrer Anbetung des billigen Erfolgs, ihrer gänzlichen Eingenommenheit von der groben, materialistischen Seite des Lebens und ihrer lächerlichen Einschätzung ihrer selbst und ihrer Wichtigkeit waren die Juden in Jerusalem zu Christi Zeit das exakte Gegenstück zum britischen Philister unserer eigenen Tage. Christus spottete über das „übertünchte Grab“ der Respektabilität und prägte diesen Ausdruck für immer. Er behandelte den weltlichen Erfolg als eine Sache, die absolut zu verachten sei. Er sah rein gar nichts darin. Er betrachtete Reichtum als eine Last für den Menschen. Er wollte nichts davon hören, dass das Leben irgendeinem System des Denkens oder der Moral geopfert werde. Er wies darauf hin, dass die Formen und Bräuche für den Menschen gemacht seien, nicht der Mensch für die Formen und Bräuche. Er nahm die Sabbatheiligung als ein Beispiel für jene Dinge, die man missachten sollte. Die kalten Philanthropien, die prahlerischen öffentlichen Wohltätigkeiten, die öden Formalismen, die dem Geist der Mittelschicht so teuer sind, entlarvte er mit äußerster und unerbittlicher Verachtung. Für uns ist das, was man Orthodoxie nennt, bloß eine bequeme, unintelligente Duldung; für sie aber und in ihren Händen war es eine schreckliche und lähmende Tyrannei. Christus fegte sie beiseite. Er zeigte, dass allein der Geist von Wert war. Es bereitete ihm ein tiefes Vergnügen, sie darauf hinzuweisen, dass sie zwar ständig das Gesetz und die Propheten lasen, aber in Wahrheit nicht die geringste Vorstellung davon hatten, was eines von beiden bedeutete. Im Gegensatz zu ihrer Aufteilung eines jeden einzelnen Tages in den festen Trott vorgeschriebener Pflichten – so wie sie Minze und Raute verzehnten – predigte er die ungeheure Bedeutung des gänzlichen Lebens für den Augenblick.


Diejenigen, die er von ihren Sünden erlöste, sind schlicht für schöne Augenblicke in ihrem Leben erlöst. Maria Magdalena zerbricht, als sie Christus sieht, das kostbare Alabastergefäß, das ihr einer ihrer sieben Liebhaber geschenkt hatte, und gießt die duftenden Spezereien über seine müden, staubigen Füße, und um dieses einen Augenblicks willen sitzt sie für immer mit Ruth und Beatrice in den Blättern der schneeweißen Rose des Paradieses. Alles, was Christus uns im Wege einer kleinen Warnung sagt, ist, dass jeder Augenblick schön sein sollte, dass die Seele immer bereit sein sollte für die Ankunft des Bräutigams, immer wartend auf die Stimme des Geliebten; wobei das Philistertum schlicht jene Seite der menschlichen Natur ist, die nicht von der Imagination erhellt wird. Er sieht alle lieblichen Einflüsse des Lebens als Erscheinungsformen des Lichts: Die Imagination selbst ist die Welt des Lichts. Die Welt wird durch sie geschaffen, und doch kann die Welt sie nicht verstehen; das liegt daran, dass die Imagination schlicht eine Manifestation der Liebe ist, und es ist die Liebe und die Fähigkeit zu ihr, die ein menschliches Wesen vom anderen unterscheidet.


Doch wenn er sich mit einem Sünder befasst, ist Christus am romantischsten, im Sinne von am realsten. Die Welt hatte den Heiligen immer als die denkbar nächste Annäherung an die Vollkommenheit Gottes geliebt. Christus scheint durch eine Art göttlichen Instinkt in sich den Sünder immer als die denkbar nächste Annäherung an die Vollkommenheit des Menschen geliebt zu haben. Sein primäres Begehren war es nicht, die Menschen zu bessern, ebenso wenig wie sein primäres Begehren darin bestand, Leiden zu lindern. Einen interessanten Dieb in einen langweiligen, ehrlichen Mann zu verwandeln, war nicht sein Ziel. Er hätte wenig von der Prisoners’ Aid Society und anderen modernen Bewegungen dieser Art gehalten. Die Bekehrung eines Zöllners in einen Pharisäer wäre ihm nicht als eine große Leistung erschienen. Aber auf eine von der Welt noch nicht verstandene Weise betrachtete er Sünde und Leiden als in sich selbst schöne, heilige Dinge und Formen der Vollkommenheit.


Das erscheint als ein sehr gefährlicher Gedanke. Das ist er auch – alle großen Gedanken sind gefährlich. Dass es Christi Glaubensbekenntnis war, lässt keinen Zweifel zu. Dass es das wahre Glaubensbekenntnis ist, bezweifle ich selbst nicht.


Natürlich muss der Sünder bereuen. Aber warum? Schlicht deshalb, weil er andernfalls unfähig wäre zu erkennen, was er getan hat. Der Moment der Reue ist der Moment der Initiation. Mehr noch: Es ist das Mittel, durch das man seine eigene Vergangenheit ändert. Die Griechen hielten das für unmöglich. Sie sagen oft in ihren gnomischen Aphorismen: „Selbst die Götter können die Vergangenheit nicht ändern.“ Christus zeigte, dass der gewöhnlichste Sünder es tun konnte, dass es das Einzige war, was er tun konnte. Christus hätte, wäre er gefragt worden – dessen bin ich mir völlig sicher –, gesagt, dass in dem Moment, als der verlorene Sohn auf die Knie fiel und weinte, er sein Verschwenden der Habe mit Huren, sein Schweinehüten und sein Hungern nach den Trebern, die sie aßen, zu schönen und heiligen Momenten in seinem Leben machte. Es ist für die meisten Menschen schwer, diesen Gedanken zu erfassen. Ich wage zu behaupten, dass man ins Gefängnis gehen muss, um ihn zu verstehen. Wenn dem so ist, mag es das wert sein, ins Gefängnis zu gehen.


Es liegt etwas so Einzigartiges in Christus. Gewiss, so wie es ein falsches Morgenrot vor dem eigentlichen Aufgang der Sonne gibt und Wintertage, die so voller plötzlichen Sonnenlichts sind, dass sie den klugen Krokus täuschen, sein Gold vor der Zeit zu verschwenden, und einen törichten Vogel dazu bringen, sein Weibchen zum Nestbau auf kahlen Zweigen zu rufen, so gab es Christen vor Christus. Dafür sollten wir dankbar sein. Das Bedauerliche ist, dass es seither keine mehr gegeben hat. Ich mache eine Ausnahme: den heiligen Franz von Assisi. Aber dem hatte Gott schon bei seiner Geburt die Seele eines Dichters gegeben, wie er selbst ja auch in ganz jungen Jahren in mystischer Ehe die Armut als seine Braut heimgeführt hatte; und mit der Seele eines Dichters und dem Körper eines Bettlers fiel es ihm nicht schwer, den Weg zur Vollkommenheit zu finden. Er verstand Christus, und so wurde er wie er. Wir brauchen den Liber Conformitatum nicht, um uns zu lehren, dass das Leben des heiligen Franz die wahre Imitatio Christi war – ein Gedicht, verglichen mit dem das gleichnamige Buch bloße Prosa ist.


In der Tat, das ist der Zauber an Christus, wenn alles gesagt ist: Er ist genau wie ein Kunstwerk. Er lehrt einen eigentlich nichts, aber indem man in seine Gegenwart gebracht wird, wird man zu etwas. Und jeder ist für seine Gegenwart vorherbestimmt. Mindestens einmal in seinem Leben geht jeder Mensch mit Christus nach Emmaus.


Was das andere Thema betrifft, die Beziehung des künstlerischen Lebens zum Verhalten, so wird es Ihnen zweifellos seltsam erscheinen, dass ich gerade dieses wählen sollte. Die Leute zeigen auf das Gefängnis von Reading und sagen: „Da führt das künstlerische Leben einen Menschen hin.“ Nun, es könnte an schlimmere Orte führen. Die mechanischeren Menschen, für die das Leben eine schlaue Spekulation ist, die auf einer sorgfältigen Berechnung von Mitteln und Wegen beruht, wissen immer, wohin sie gehen, und gehen dorthin. Sie beginnen mit dem idealen Wunsch, der Gemeindebüttel zu werden, und in welcher Sphäre sie auch platziert werden, es gelingt ihnen, der Gemeindebüttel zu sein und nicht mehr. Ein Mensch, dessen Begehren darin besteht, etwas zu sein, das außerhalb seiner selbst liegt – ein Parlamentsmitglied, ein erfolgreicher Kolonialwarenhändler, ein prominenter Anwalt, ein Richter oder etwas ähnlich Ödes –, hat unfehlbar Erfolg darin, das zu sein, was er sein will. Das ist seine Strafe. Diejenigen, die eine Maske wollen, müssen sie tragen.


Aber mit den dynamischen Kräften des Lebens und jenen, in denen diese dynamischen Kräfte Fleisch werden, verhält es sich anders. Menschen, deren einziges Begehren die Selbstverwirklichung ist, wissen nie, wohin sie gehen. Sie können es nicht wissen. In einem Sinne des Wortes ist es natürlich notwendig, wie das griechische Orakel sagte, sich selbst zu kennen: Das ist die erste Errungenschaft des Wissens. Aber zu erkennen, dass die Seele eines Menschen unergründlich ist, ist die letzte Errungenschaft der Weisheit. Das endgültige Geheimnis ist man selbst. Wenn man die Sonne auf der Waage gewogen, die Schritte des Mondes gemessen und die sieben Himmel Stern für Stern kartografiert hat, bleibt immer noch man selbst. Wer kann die Umlaufbahn seiner eigenen Seele berechnen? Als der Sohn auszog, um die Esel seines Vaters zu suchen, wusste er nicht, dass ein Mann Gottes mit dem Salböl der Krönung auf ihn wartete und dass seine eigene Seele bereits die Seele eines Königs war.


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Ich hoffe, lang genug zu leben und ein Werk von solcher Art zu schaffen, dass ich am Ende meiner Tage sagen kann: „Ja! Genau hierhin führt das künstlerische Leben einen Menschen!“ Zwei der vollkommensten Leben, denen ich in meiner eigenen Erfahrung begegnet bin, sind das Leben von Verlaine und das des Fürsten Kropotkin: beide Männer, die Jahre im Gefängnis verbracht haben; der erste der einzige christliche Dichter seit Dante; der andere ein Mann mit der Seele jenes schönen, weißen Christus, der aus Russland zu kommen scheint. Und während der letzten sieben oder acht Monate bin ich, trotz einer Abfolge großer Sorgen, die mich fast ununterbrochen aus der Außenwelt erreichten, in direkten Kontakt mit einem neuen Geist gebracht worden, der in diesem Gefängnis durch Menschen und Dinge wirkt und mir über jede Ausdrucksmöglichkeit in Worten hinaus geholfen hat; so dass ich im ersten Jahr meiner Haft nichts anderes tat – und mich an nichts anderes erinnern kann –, als in ohnmächtiger Verzweiflung die Hände zu ringen und zu sagen: „Was für ein Ende, was für ein schreckliches Ende!“, während ich mir jetzt zu sagen versuche, und es manchmal, wenn ich mich nicht selbst quäle, wirklich und aufrichtig sage: „Was für ein Beginn, was für ein wunderbarer Beginn!“ Es mag wirklich so sein. Es mag dazu werden. Wenn es so kommt, werde ich dieser neuen Persönlichkeit viel verdanken, die das Leben jedes Menschen an diesem Ort verändert hat.


Sie werden es verstehen, wenn ich sage, dass ich, wäre ich im vergangenen Mai entlassen worden, wie ich es versucht hatte, diesen Ort mit einem Gefühl des Abscheus gegen ihn und jeden Beamten darin verlassen hätte, mit einer Bitterkeit des Hasses, die mein Leben vergiftet hätte. Ich habe ein Jahr länger im Gefängnis verbracht, aber die Menschlichkeit war zusammen mit uns allen im Gefängnis, und wenn ich nun hinausgehe, werde ich mich immer an die große Güte erinnern, die ich hier von fast jedem erfahren habe, und am Tag meiner Entlassung werde ich vielen Menschen großen Dank sagen und sie bitten, sich ihrerseits an mich zu erinnern.


Der Gefängnisstil ist absolut und durchweg falsch. Ich gäbe alles darum, ihn ändern zu können, wenn ich hinausgehe. Ich habe vor, es zu versuchen. Aber es gibt nichts auf der Welt, das so falsch wäre, dass der Geist der Menschlichkeit – der der Geist der Liebe ist, der Geist jenes Christus, der nicht in Kirchen wohnt – es nicht, wenn auch nicht richtig, so doch zumindest erträglich machen könnte, ohne zu viel Bitterkeit im Herzen.


Ich weiß auch, dass draußen viel auf mich wartet, das sehr köstlich ist, von dem, was der heilige Franz von Assisi „meinen Bruder, den Wind, und meine Schwester, den Regen“ nennt – beides herrliche Dinge –, bis hin zu den Schaufenstern und Sonnenuntergängen großer Städte. Wenn ich eine Liste von all dem aufstellte, was mir noch bleibt, wüsste ich nicht, wo ich aufhören sollte; denn wahrlich, Gott hat die Welt ebenso sehr für mich gemacht wie für jeden anderen. Vielleicht gehe ich mit etwas hinaus, das ich vorher nicht besaß. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass für mich moralische Besserungen ebenso bedeutungslos und vulgär sind wie Reformationen in der Theologie. Aber während der Vorsatz, ein besserer Mensch zu werden, ein Stück unwissenschaftlicher Heuchelei ist, ist es das Privileg derer, die gelitten haben, ein tieferer Mensch geworden zu sein. Und ich glaube, ein solcher bin ich geworden.


Wenn ein Freund von mir nach meiner Befreiung ein Fest gäbe und mich nicht dazu einlüde, würde mir das nicht das Geringste ausmachen. Ich kann für mich allein vollkommen glücklich sein. Wer könnte mit Freiheit, Blumen, Büchern und dem Mond nicht vollkommen glücklich sein? Zudem sind Feste nichts mehr für mich. Ich habe zu viele gegeben, als dass sie mir noch wichtig wären. Diese Seite des Lebens ist für mich vorbei – glücklicherweise, wie ich wohl sagen darf. Wenn aber ein Freund von mir nach meiner Befreiung einen Kummer hätte und sich weigerte, mich daran teilhaben zu lassen, würde ich das aufs Bitterste spüren. Wenn er mir die Türen des Trauerhauses verschlösse, würde ich immer und immer wieder zurückkehren und darum bitten, eingelassen zu werden, damit ich an dem teilhaben kann, woran teilzuhaben ich ein Recht habe. Wenn er mich für unwürdig hielte, für untauglich, mit ihm zu weinen, würde ich das als die schmerzhafteste Demütigung empfinden, als die schrecklichste Art und Weise, wie mir Schande zugefügt werden könnte. Aber das könnte nicht sein. Ich habe ein Recht darauf, am Kummer teilzuhaben, und wer die Lieblichkeit der Welt betrachten und ihren Kummer teilen und etwas von dem Wunder beider begreifen kann, steht in unmittelbarem Kontakt mit göttlichen Dingen und ist Gottes Geheimnis so nahe gekommen, wie man ihm nur kommen kann.


Vielleicht wird auch in meine Kunst, nicht minder als in mein Leben, ein noch tieferer Ton einfließen, einer von größerer Einheit der Leidenschaft und Unmittelbarkeit des Impulses. Nicht Weite, sondern Intensität ist das wahre Ziel der modernen Kunst. Wir befassen sich in der Kunst nicht mehr mit dem Typus. Mit der Ausnahme haben wir es zu tun. Ich kann meine Leiden nicht in die Form gießen, die sie tatsächlich annahmen, das brauche ich kaum zu sagen. Kunst beginnt erst dort, wo die Nachahmung endet; aber etwas muss in meine Arbeit einfließen – vielleicht eine vollere Erinnerung an Worte, reichere Kadenzen, seltsamere Effekte, eine einfachere architektonische Ordnung, jedenfalls irgendeine ästhetische Qualität.


Als Marsyas „aus der Scheide seiner Glieder gerissen“ wurde – della vagina della membra sue, um eine von Dantes schrecklichsten, taciteischen Phrasen zu gebrauchen –, hatte er keinen Gesang mehr, so sagte der Grieche. Apollon war der Sieger gewesen. Die Leier hatte das Schilfrohr besiegt. Aber vielleicht irrten sich die Griechen. Ich höre in vieler moderner Kunst den Schrei des Marsyas. Er ist bitter bei Baudelaire, süß und klagend bei Lamartine, mystisch bei Verlaine. Er liegt in den verzögerten Auflösungen der Musik Chopins. Er liegt in der Unzufriedenheit, welche die Frauen von Burne-Jones überschatten. Selbst Matthew Arnold, dessen Gesang des Kallikles mit so klarem Ton lyrischer Schönheit vom „Triumph der süßen, überredenden Leier“ und dem „berühmten, endgültigen Sieg“ erzählt, hat nicht wenig davon; in dem unruhigen Unterton von Zweifel und Bedrängnis, der seine Verse durchzieht, konnten ihm weder Goethe noch Wordsworth helfen, obwohl er jedem von ihnen nacheinander folgte, und wenn er Thyrsis betrauern oder vom Scholar Gipsy singen will, muss er zum Schilfrohr greifen, um seine Weise vorzutragen. Doch ob der phrygische Faun schwieg oder nicht, ich kann es nicht. Ausdruck ist für mich ebenso notwendig wie Blätter und Blüten es für die schwarzen Äste der Bäume sind, die sich über den Gefängnismauern zeigen und so unruhig im Winde sind. Zwischen meiner Kunst und der Welt liegt nun eine weite Kluft, aber zwischen der Kunst und mir selbst liegt keine. Ich hoffe zumindest, dass keine da ist.


Jedem von uns ist ein anderes Schicksal zugemessen. Mein Los war eines von öffentlicher Schande, langer Haft, Elend, Ruin, Ehrverlust, aber ich bin dessen nicht würdig – zumindest jetzt noch nicht. Ich erinnere mich, dass ich zu sagen pflegte, ich glaubte, eine echte Tragödie ertragen zu können, wenn sie zu mir im purpurnen Trauergewand und mit der Maske edlen Kummers käme, aber das Schreckliche an der Moderne sei, dass sie die Tragödie in die Kleider der Komödie stecke, so dass die großen Realitäten alltäglich oder grotesk wirkten oder es ihnen an Stil fehle. Das ist völlig wahr, was die Moderne betrifft. Es ist wahrscheinlich schon immer wahr gewesen, was das tatsächliche Leben betrifft. Man sagt, dass alle Martyrien dem Zuschauer armselig erschienen. Das neunzehnte Jahrhundert bildet keine Ausnahme von dieser Regel.


Alles an meiner Tragödie war abscheulich, erbärmlich, abstoßend, bar jeden Stils; schon unsere Kleidung macht uns grotesk. Wir sind die Hanswurste des Kummers. Wir sind Clowns, deren Herzen gebrochen sind. Wir sind eigens dazu geschaffen, den Sinn für Humor anzusprechen. Am 13. November 1895 wurde ich von London hierher gebracht. Von zwei Uhr bis halb drei Uhr an jenem Tag musste ich in Sträflingskleidung und in Handfesseln auf dem mittleren Bahnsteig von Clapham Junction stehen, damit die Welt mich gaffen konnte. Man hatte mich ohne jede Vorwarnung aus der Krankenhausabteilung geholt. Von allen denkbaren Objekten war ich das groteskeste. Wenn die Leute mich sahen, lachten sie. Jeder Zug, der einfuhr, vergrößerte das Publikum. Nichts konnte ihr Vergnügen übertreffen. Das war natürlich, bevor sie wussten, wer ich war. Sobald man sie informiert hatte, lachten sie noch mehr. Eine halbe Stunde lang stand ich dort im grauen Novemberregen, umringt von einer höhnenden Menge.


Ein Jahr lang, nachdem mir das angetan worden war, weinte ich jeden Tag zur selben Stunde und für dieselbe Zeitspanne. Das ist keine so tragische Sache, wie es Ihnen möglicherweise klingen mag. Für jene, die im Gefängnis sind, gehören Tränen zum alltäglichen Erleben. Ein Tag im Gefängnis, an dem man nicht weint, ist ein Tag, an dem das Herz hart ist, kein Tag, an dem das Herz glücklich ist.


Nun, jetzt beginne ich wirklich mehr Bedauern für die Menschen zu empfinden, die gelacht haben, als für mich selbst. Natürlich, als sie mich sahen, stand ich nicht auf meinem Podest, ich stand am Pranger. Aber es ist eine sehr phantasielose Natur, die sich nur für Menschen auf ihren Podesten interessiert. Ein Podest kann eine sehr unwirkliche Sache sein. Ein Pranger ist eine furchtbare Realität. Sie hätten es auch besser verstehen müssen, Kummer zu deuten. Ich habe gesagt, dass hinter dem Kummer immer Kummer steht. Es wäre noch weiser zu sagen, dass hinter dem Kummer immer eine Seele steht. Und eine Seele im Schmerz zu verspotten, ist eine schreckliche Sache. In der seltsam einfachen Ökonomie der Welt bekommen die Menschen nur das, was sie geben, und jenen, die nicht genug Vorstellungskraft besitzen, um das bloße Äußere der Dinge zu durchdringen und Mitleid zu fühlen, welches Mitleid kann ihnen geschenkt werden außer dem des Schauders oder Verachtung?


Ich schreibe diesen Bericht über die Art meiner Überführung hierher schlicht deshalb, damit man erkennt, wie schwer es für mich gewesen ist, aus meiner Strafe irgendetwas anderes als Bitterkeit und Verzweiflung zu ziehen. Dennoch muss ich es tun, und hin und wieder habe ich Momente der Ergebung und des Annehmens. Der ganze Frühling mag in einer einzigen Knospe verborgen sein, und das bodennahe Nest der Lerche mag die Freude bergen, die den Schritten vieler rosenroter Morgenröten vorausgeht. So ist vielleicht all die Schönheit des Lebens, die mir noch bleibt, in irgendeinem Moment der Hingabe, der Demütigung und Erniedrigung enthalten. Ich kann jedenfalls nur auf den Linien meiner eigenen Entwicklung fortschreiten und, indem ich alles akzeptiere, was mir widerfahren ist, mich dessen würdig machen.


Die Leute pflegten von mir zu sagen, ich sei zu individualistisch. Ich muss ein weitaus größerer Individualist sein, als ich es je war. Ich muss weit mehr aus mir selbst herausholen, als ich je herausgeholt habe, und weitaus weniger von der Welt verlangen, als ich je verlangt habe. In der Tat kam mein Ruin nicht von einem zu großen Individualismus im Leben, sondern von einem zu geringen. Die eine schändliche, unverzeihliche und für alle Zeiten verächtliche Handlung meines Lebens war es, mir zu erlauben, die Gesellschaft um Hilfe und Schutz anzurufen. Einen solchen Appell gerichtet zu haben, wäre vom Standpunkt des Individualisten aus schon schlimm genug gewesen, aber welche Entschuldigung kann jemals dafür vorgebracht werden, es getan zu haben? Natürlich, als ich erst einmal die Kräfte der Gesellschaft in Bewegung gesetzt hatte, wandte sich die Gesellschaft gegen mich und sagte: „Haben Sie all diese Zeit in Missachtung meiner Gesetze gelebt, und rufen Sie nun diese Gesetze zum Schutz an? Sie sollen diese Gesetze in vollem Umfang zu spüren bekommen. Sie sollen sich nach dem richten, worauf Sie sich berufen haben.“ Das Ergebnis ist, dass ich im Gefängnis sitze. Gewiss ist kein Mensch jemals so unedel und durch so unedle Werkzeuge gefallen wie ich.


Das philisterhafte Element im Leben ist nicht das Unvermögen, Kunst zu verstehen. Reizvolle Menschen wie Fischer, Hirten, Pflüger, Bauern und dergleichen wissen nichts von Kunst und sind doch das Salz der Erde. Derjenige ist der Philister, der die schweren, klobigen, blinden, mechanischen Kräfte der Gesellschaft stützt und fördert und der eine dynamische Kraft nicht erkennt, wenn er ihr begegnet, sei es in einem Menschen oder in einer Bewegung.


Die Leute fanden es schrecklich von mir, mit den schlechten Dingen des Lebens zu Abend gegessen und Vergnügen in ihrer Gesellschaft gefunden zu haben. Aber vom Standpunkt aus, von dem aus ich mich ihnen als ein Künstler des Lebens näherte, waren sie herrlich anregend und stimulierend. Die Gefahr war die halbe Erregung. [...] Meine Aufgabe als Künstler galt Ariel. Ich machte mich daran, mit Caliban zu ringen. [...]


Ein großer Freund von mir – ein Freund seit zehn Jahren – kam mich vor einiger Zeit besuchen und sagte mir, er glaube kein einziges Wort von dem, was gegen mich gesagt worden sei, und wolle mich wissen lassen, dass er mich für völlig unschuldig und für das Opfer eines abscheulichen Komplotts halte. Ich brach bei seinen Worten in Tränen aus und sagte ihm, dass zwar vieles an den konkreten Beschuldigungen völlig unwahr und mir durch widerwärtige Bosheit angedichtet worden sei, dass mein Leben aber dennoch voller perverser Vergnügungen gewesen sei, und dass ich, sofern er dies nicht als eine Tatsache über mich akzeptierte und in vollem Umfang begriff, unmöglich weiter mit ihm befreundet sein oder je in seiner Gesellschaft sein könne. Es war ein schrecklicher Schock für ihn, aber wir sind Freunde, und ich habe seine Freundschaft nicht unter falschen Vorspiegelungen.


Emotionale Kräfte sind, wie ich irgendwo in Intentions sage, in ihrer Ausdehnung und Dauer ebenso begrenzt wie die Kräfte physischer Energie. Der kleine Becher, der geschaffen ist, um so und so viel zu fassen, kann so viel fassen und nicht mehr, selbst wenn all die purpurnen Fässer Burgunds bis zum Rand mit Wein gefüllt wären und die Kelterer knietief in den gelesenen Trauben der steinigen Weinberge Spaniens stünden. Kein Irrtum ist weiter verbreitet als der zu glauben, dass jene, welche die Ursachen oder Anlässe großer Tragödien sind, auch an den Gefühlen teilhaben, die der tragischen Stimmung angemessen sind; kein Irrtum ist fataler, als es von ihnen zu erwarten. Der Märtyrer in seinem „Flammenhemd“ mag in das Angesicht Gottes blicken, aber für den, der das Reisig aufschichtet oder die Holzscheite für die Glut lockert, ist die ganze Szene nicht mehr, als das Schlachten eines Ochsen für den Metzger ist, oder das fällen eines Baumes für den Köhler im Wald, oder das Fallen einer Blume für den, der das Gras mit einer Sense mäht. Große Leidenschaften sind für die Großen der Seele, und große Ereignisse können nur von jenen gesehen werden, die auf ihrer Höhe stehen.


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Ich kenne in der gesamten Dramatik nichts Unvergleichlicheres unter künstlerischen Gesichtspunkten, nichts, was in der Subtilisation seiner Beobachtung anregender wäre, als Shakespeares Zeichnung von Rosencrantz und Guildenstern. Sie sind Hamlets College-Freunde. Sie waren seine Gefährten. Sie bringen Erinnerungen an angenehme gemeinsame Tage mit sich. In dem Moment, in dem sie ihm im Stück begegnen, taumelt er unter der Last einer Bürde, die für ein Temperament wie das seine unerträglich ist. Die Toten sind bewaffnet aus dem Grab gestiegen, um ihm eine Mission aufzuerlegen, die zugleich zu groß und zu niederträchtig für ihn ist. Er ist ein Träumer, und man verlangt von ihm zu handeln. Er besitzt das Wesen eines Dichters, und man verlangt von ihm, sich mit der alltäglichen Komplexität von Ursache und Wirkung auseinanderzusetzen, mit dem Leben in seiner praktischen Umsetzung, von dem er nichts weiß, und nicht mit dem Leben in seiner idealen Essenz, von dem er so viel versteht. Er hat keine Vorstellung davon, was zu tun ist, und seine Torheit besteht darin, Torheit vorzutäuschen. Brutus nutzte den Wahnsinn als Mantel, um das Schwert seiner Absicht, den Dolch seines Willens zu verbergen, doch der Hamlet’sche Wahnsinn ist eine bloße Maske zur Verdeckung von Schwäche. Im Ersinnen von Grillen und Jockeleien sieht er eine Chance auf Aufschub. Er spielt mit der Tat, wie ein Künstler mit einer Theorie spielt. Er macht sich selbst zum Spion seiner eigenen Handlungen, und wenn er seinen eigenen Worten lauscht, weiß er, dass sie nur „Worte, Worte, Worte“ sind. Anstatt zu versuchen, der Held seiner eigenen Geschichte zu sein, sucht er der Zuschauer seiner eigenen Tragödie zu werden. Er zweifelt an allem, einschließlich seiner selbst, und doch hilft ihm sein Zweifel nicht, da er nicht aus Skeptizismus, sondern aus einem gespaltenen Willen entspringt.


Von all dem begreifen Guildenstern und Rosencrantz nichts. Sie verbeugen sich, schmunzeln und lächeln, und was der eine sagt, echot der andere im kränklichsten Tonfall. Als Hamlet schließlich durch das Schauspiel im Schauspiel und das Spiel der Marionetten das „Gewissen des Königs einfängt“ und den elenden Mann in Schrecken von seinem Thron treibt, sehen Guildenstern und Rosencrantz in seinem Verhalten nicht mehr als eine ziemlich peinliche Verletzung der höfischen Etikette. Das ist alles, wozu sie bei der „Betrachtung des Lebensschauspiels mit angemessenen Emotionen“ fähig sind. Sie sind seinem eigentlichen Geheimnis ganz nah und wissen nichts davon. Es hätte auch keinen Sinn, es ihnen zu sagen. Sie sind die kleinen Becher, die nur so viel fassen können und nicht mehr. Gegen Ende wird angedeutet, dass sie, gefangen in einer listigen Schlinge, die für einen anderen ausgelegt war, einen gewaltsamen und plötzlichen Tod erlitten haben oder erleiden werden. Aber ein solches tragisches Ende, obwohl von Hamlets Humor mit etwas von der Überraschung und Gerechtigkeit einer Komödie gestreift, ist eigentlich nichts für ihresgleichen. Sie sterben nie. Horatio, der, um „Hamlet und seine Sache den Unzufriedenen recht zu berichten“,


„eine Weile der Seligkeit entsagt

und in dieser harten Welt schmerzhaft Atem holt“,


stirbt, aber Guildenstern und Rosencrantz sind ebenso unsterblich wie Angelo und Tartuffe und sollten sich in deren Reihe fügen. Sie sind das, was das moderne Leben zum antiken Ideal der Freundschaft beigetragen hat. Wer ein neues De Amicitia schreibt, muss eine Nische für sie finden und sie in tusculanischer Prosa preisen. Sie sind Typen, die für alle Zeiten feststehen. Sie zu tadeln, zeugte von einem „Mangel an Verständnis“. Sie sind lediglich außerhalb ihrer Sphäre; das ist alles. In der Erhabenheit der Seele gibt es keine Ansteckung. Hohe Gedanken und hohe Emotionen sind durch ihre bloße Existenz isoliert.


Ich soll, wenn alles gut geht, gegen Ende Mai entlassen werden und hoffe, sofort mit R— und M— in ein kleines Küstendorf im Ausland zu reisen.


Das Meer, wie Euripides in einem seiner Stücke über Iphigenie sagt, wäscht die Flecken und Wunden der Welt fort.


Ich hoffe, mindestens einen Monat bei meinen Freunden zu sein und Frieden, Gleichgewicht, ein weniger schweres Herz und eine süßere Stimmung zu erlangen. Ich habe eine seltsame Sehnsucht nach den großen, einfachen, urwüchsigen Dingen, wie dem Meer, das für mich nicht weniger eine Mutter ist als die Erde. Es scheint mir, dass wir alle die Natur zu viel betrachten und zu wenig mit ihr leben. Ich erkenne viel Vernunft in der griechischen Haltung. Sie schwatzten nie über Sonnenuntergänge oder diskutierten darüber, ob die Schatten auf dem Gras wirklich malvenfarben seien oder nicht. Aber sie sahen, dass das Meer für den Schwimmer da war und der Sand für die Füße des Läufers. Sie liebten die Bäume wegen des Schattens, den sie spendeten, und den Wald wegen seiner Stille am Mittag. Der Winzer wandte sich Efeu ins Haar, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, wenn er sich über die jungen Triebe beugte, und für den Künstler und den Athleten – die beiden Typen, die Griechenland uns schenkte – flochten sie Kränze aus den Blättern des bitteren Lorbeers und der wilden Petersilie, die den Menschen sonst zu nichts genützt hätten.


Wir nennen das unsere ein utilitaristisches Zeitalter, und wir kennen den Nutzen von keinem einzigen Ding. Wir haben vergessen, dass Wasser reinigen und Feuer läutern kann und dass die Erde uns allen eine Mutter ist. Als Folge davon ist unsere Kunst vom Monde und spielt mit Schatten, während die griechische Kunst von der Sonne ist und sich direkt mit den Dingen befasst. Ich bin mir sicher, dass in den elementaren Kräften Reinigung liegt, und ich möchte zu ihnen zurückkehren und in ihrer Gegenwart leben.


Natürlich wird für jemanden, der so modern ist wie ich, ein „Enfant de mon siècle“, der bloße Anblick der Welt immer herrlich sein. Ich zittere vor Vergnügen, wenn ich daran denke, dass genau an dem Tag, an dem ich das Gefängnis verlasse, sowohl der Goldregen als auch der Flieder in den Gärten blühen werden und dass ich sehen werde, wie der Wind das wiegende Gold des einen in unruhige Schönheit versetzt und den anderen die blassvioletten Federn seiner Blüten schütteln lässt, sodass die ganze Luft für mich zu Arabien wird. Linné fiel auf die Knie und weinte vor Freude, als er zum ersten Mal die weite Heide eines englischen Hochlands sah, die vom gelbbraunen, aromatischen Ginster des gewöhnlichen Stechginsters gelb gefärbt war; und ich weiß, dass auf mich, für den Blumen ein Teil des Begehrens sind, Tränen in den Blütenblättern irgendeiner Rose warten. So ist es bei mir seit meiner Jugend gewesen. Es gibt keine einzige Farbe, die im Kelch einer Blume oder in der Rundung einer Muschel verborgen ist, auf die meine Natur nicht durch eine subtile Sympathie mit der innersten Seele der Dinge antworten würde. Wie Gautier gehörte ich schon immer zu jenen, „für die die sichtbare Welt existiert“.


Dennoch bin ich mir jetzt bewusst, dass hinter all dieser Schönheit, so befriedigend sie auch sein mag, ein Geist verborgen liegt, dessen gemalte Formen und Gestalten nur Manifestationsweisen sind, und mit diesem Geist wünsche ich in Einklang zu kommen. Ich bin der artikulierten Äußerungen von Menschen und Dingen müde geworden. Das Mystische in der Kunst, das Mystische im Leben, das Mystische in der Natur – das ist es, wonach ich suche. Es ist für mich absolut notwendig, es irgendwo zu finden.


Alle Prozesse sind Prozesse um das eigene Leben, so wie alle Urteile Todesurteile sind; und dreimal hat man über mich zu Gericht gesessen. Das erste Mal verließ ich die Anklagebank, um verhaftet zu werden, das zweite Mal, um in das Untersuchungshaftanstalt zurückgebracht zu werden, das dritte Mal, um für zwei Jahre in ein Gefängnis zu wandern. Die Gesellschaft, wie wir sie eingerichtet haben, wird keinen Platz für mich haben, hat keinen anzubieten; aber die Natur, deren süßer Regen auf Ungerechte und Gerechte gleichermaßen fällt, wird Spalten in den Felsen haben, in denen ich mich verbergen kann, und geheime Täler, in deren Stille ich ungestört weinen kann. Sie wird die Nacht mit Sternen behängen, damit ich in der Dunkelheit wandeln kann, ohne zu stolpern, und den Wind über meine Fußspuren schicken, damit mich niemand zu meinem Schaden aufspüren kann; sie wird mich in großen Wassern reinigen und mich mit bitteren Kräutern gesund machen.