DER HEILIGE GRAL

GEDICHT VON TORSTEN SCHWANKE



ERSTER GESANG


Es klang im späten zwölften Jahr

die Gralslegende wunderbar.

Als Teil der großen Artus-Sage

kam sie ans Licht in jener Tage.

Ein Kelch, ein Stein, ein rund Gefäß,

das voller Wunder, ganzgemäß,

mit Abendmahl und Christentum

und Rittern suchte seinen Ruhm.

Sie suchten nach Erlösung rein,

wollt'n Hüter dieser Schale sein.

Dabei vermischt sich christlich' Wort

mit Kelch und Lanze an dem Ort,

und mancher alte Keltenschatz

fand im Mythos seinen Platz.


Vom Worte grazal kommt der Gral,

okzitanisch war die erste Wahl,

was altfranzösisch graal hieß,

als man ein „Gefäß“ zerfließen ließ.

Vom griechisch' krater stammt es wohl,

als Mischgefäß war jener hohl.

Im Spanischen als grial bekannt,

wird oft ein Mörser so genannt.

Dass sang real – des Königs Blut –

dahintersteckt, ist nicht ganz gut,

denn diese Deutung, wie man weiß,

bricht wissenschaftlich schnell das Eis.


In einer Burg, gar schwer zu finden,

wo Gralsritter das Schicksal binden,

wird das Gefäß bewacht mit Macht,

zusammen mit der Lanze Pracht,

die blutend ihre Tropfen gießt,

während der Gral mit Nahrung fließt.

Er schenkt der Jugend ew'gen Lauf

und nimmt das Leid der Erde auf.


Doch die Gemeinschaft leidet Not,

der König siecht, es droht der Tod.

Das Reich ist öd', die Erde leer,

kein Nachwuchs wächst im Lande mehr.

Man wartet auf den großen Held,

der diese Welt im Kern erhellt.

Ob Parzival, ob Galahad,

ein reiner Tor betritt den Pfad.

Er wuchs behütet, fern der Welt,

als Narr, der keine Fragen stellt.


Er zieht hinaus mit kühnem Mut,

zum Artushof, wo Ritterblut

ihn aufnimmt in die Tafelrunde,

wo er besteht zur rechten Stunde.

Nun trennen sich die Wege weit:

Er sucht allein zur Winterszeit,

oder der Gral erscheint als Licht

vor aller Ritter Angesicht,

worauf sie alle samt und sonders

sich auf den Weg des Abenteuers begeben, besonders.

Der Zauberer Merlin hilft geschwind,

wenn Rätsel unauflösbar sind.


Wer einen Makel in sich trägt,

wird auf der Suche schnell erlegt.

Doch unser Held gewinnt an Sinn,

er tauscht die Dummheit in Gewinn,

erfährt die Welt, stellt klug die Frage,

beendet alle Jammertage.

Der kranke König wird gesund,

das öde Land blüht wieder rund,

und als des Hüters treuer Erbe,

sorgt er dafür, dass nichts verderbe.


Hier fließen Ströme fein zusammen,

aus fernen, alten Mythenflammen:

Aus Nordfrankreich, wo Kelten saßen,

und Pilger, die die Welt vermaßen,

als sie aus dem Gelobten Land

Heiligtümer brachten von dem Strand.

Die Templer schützten jene Wege,

und gaben der Legende Pflege.


Auch Josef von Arimathäa

rückt christlich an die Sache näher.

Im Kelche fängt er Jesu Blut,

das unterm Kreuzerflusse ruht.

Die Kirche stritt im fernen Rom

um Brot und Wein im großen Dom:

War Christus wirklich dort präsent?

Transsubstantiation man das nennt!

Das Fronleichnamsfest kam herauf,

und nahm im Glauben seinen Lauf.

Auch Nominalismus stritt geschwind

mit Realismus wie der Wind,

was Umberto Eco später schrieb,

als er „Der Name der Rose“ trieb.


Zuletzt das keltische Gesicht:

Das Paradies verliert sein Licht,

und durch die Suche nach dem Gral,

entkommt man dieser Erdenqual.

Ob Avalon, ob Merlins Macht,

ob Lancelots geheimnisvolle Pracht,

und auch des Grals unendlich' Speisen –

das Füllhorn lässt die Kelten grüßen auf den Reisen.


In der Literatur der alten Zeit,

macht sich das Motiv des Grals nun breit.

Am Ende des zwölften Jahrhunderts bricht

der Mythos hervor ins Rampenlicht.


Chrétien de Troyes fängt damals an,

ein hochberühmter Dichtersmann.

Sein Perceval, ein Versroman,

zog alle Welt in seinen Bann.

Er schrieb ihn für den Grafenhof

von Flandern – keineswegs philosoph –

und berief sich auf ein altes Buch,

das er in Bibliotheken suchte.

Er mischte keltische Mythen fein

und ließ das Übernatürliche herein,

die Matière de Bretagne genannt,

war damals überall bekannt.


Bei Chrétien ist der Gral aus Gold,

dem Fischerkönig tief herold.

Mit Edelsteinen reich verziert,

wird eine Hostie drin serviert,

die feierlich in Prozessionen

den alten Vater soll belohnen.

Es ist des siechen Königs Speise,

doch Perceval bleibt stumm und leise.

Die kluge Frage stellt er nicht,

weshalb das Buch am End' zerbricht.


Dann kam ein Mann, der hieß Robert,

de Boron war sein Name wert.

Er hüllte das Gefäß geschwind

in christlich' Glauben wie das Kind.

Im Nikodemus-Evangelium stand,

wie Josef floh ins England-Land.

Der Gral wird hier zum Abendmahlskelch,

nicht mehr ein Topf für jeden Kelch!

Am Kreuze fing er Jesu Blut,

das rettete des Josefs Mut.


Textkritisch ist das hochinteressant:

Robert erfand das nicht charmant,

er nahm die alten Acta Pilati her,

doch tauschte er die Dinge sehr!

Wo erst ein linnenes Grabtuch lag,

das Christus ihm am Auferstehungstag

im Kerker überreicht' als Pfand,

trat nun der Kelch in seine Hand.

Das Schweißtuch der Veronika

blieb in der Quelle einfach da.

Und in der Vulgate Queste später

erscheint ein Christus nackt dem Beter –

was man beim Kelch nur schwer versteht,

doch gut zum Grabtuch passend steht!


In Deutschland nahm sich Wolfram an

des Stoffes als ein weiser Mann.

Von Eschenbach, so heißt sein Ort,

er fand für Parzival das Wort.

Er knüpfte Linien kühn und frei

zum Hause Anjou nebenbei,

und dichtete zum Spiel und Scherz

von „Kyot aus dem Südenherz“.

Der Provenzal hätt' in Toledo

entdeckt ein heidnisches Kredo,

das Flegetanis aufgeschrieben,

ein Astronom, vom Stern getrieben.


Bei Wolfram ist der Gral kein Topf,

kein Kelch für einen Priesterkopf,

nein, als ein Stein wird er benannt!

Als lapis exillis bekannt,

speist er die Ritter wunderbar,

erhält die Jugend Jahr für Jahr.

Er schützt vor Alter und vor Tod,

wendet vom Phönix jede Not,

der im Verbrennen neu erwacht,

weil dieser Stein ihm Leben bracht'.

Nur wer getauft ist, kann ihn sehn,

wenn die Prozessionen gehn.

Und Karfreitags fliegt eine Taube

vom Himmel tief herab im Glaube,

bringt eine Hostie auf den Stein,

da zieht die Segenskraft hinein!

Auch Namen liest man auf der Pracht,

wer zum Gralsdienst wird bewacht.


Zuletzt berichtet uns Hélinand,

von Froidmonts Chronik wohlbekannt,

dass ein Einsiedler in Britannien

– fernab von Reben und Kastanien –

die Vision von Josef hatte,

der auf der heil'gen Grabesmatte

mit jenem Kelch das Blut auffing,

als Christus an dem Kreuze hing.


Auch in der Neuzeit brennt das Licht,

der Gralsmythos verblasset nicht.

Im neunzehnten Jahrhundert fing

man an, dass man ihn völkisch ging:

Nationalistisch eng verdreht,

als man nach Ersatzreligionen späht.

Esoterisch-völkisch, neuheidnisch-fein,

wollt’ man im Traditionalismus sein.

Man dachte, dass der Gral mit Macht

irdischen Führern Stärke bracht’,

um eine neue Weltordnung zu bauen –

ein Parallelmythos, wie beim Ungarn-Krone-Schauen.


Drei BBC-Reporter, Lincoln, Baigent, Leigh,

die dachten nach bei manchem Tee.

Im Buch von neunzehnhundertzweiundachtzig

schrieben sie, was ziemlich sacht sich

auf das Wort San Greal bezieht,

das als Sang real im Text erglüht.

„Königliches Blut“ soll dies bedeuten,

als Botschaft an die gläub’gen Leuten,

dass Jesus Christus, Gottes Sohn,

Maria Magdalena liebt’ als Lohn!

Sie sei Gefährtin ihm gewesen,

so kann man’s im Philippusevangelium lesen,

das man bei Nag Hammadi fand,

wo stand geschrieben von der Hand,

dass er sie oft auf ihren Mund

geküsst hat zu so mancher Stund’.

Doch historisch ist das Spekulation,

denn jener Text entstand erst spät als Lohn,

wohl hundert Jahre nach der Zeit,

da Jesus ging im Erdenkleid.


Man raunte sich ins Ohr sodann,

dass Magdalena floh fortan,

als Jesus an dem Kreuze starb,

sie Josefs Schutz für sich erwarb.

Schwanger sei sie nach Gallien gezogen,

wo – blickt man auf den Zeitenbogen –

sie Jesu Samen mit sich trug.

Das Kind war nun der Gral, im Flug

wuchs draus das größte Kirchengeheimnis,

ein Erbe ohne ein Versäumnis!

Bis zu den Merowingern her,

zog man die Linie kreuz und quer.


Der Grund für diesen ganzen Schein

sollt’ Pierre Plantard im Norden sein.

Der Franzose fälschte Dokumente klug,

vollbrachte manchen Schwindelzug

in den sechziger Jahren ganz famos,

und schob sie in Museen los.

Darin erfand er voll Passion

die Geheimgesellschaft Prieuré de Sion.

Sie sollt’ den Stammbaum treu verwalten,

zu dem sich auch die Merowinger schalten –

und Plantard selbst, so stand es da,

wär’ Jesu Erbe, wunderbar!


Doch andere deuten ganz fatal

als eine Schale unsren Gral.

Zur Ära Davids, so man spricht,

verbarg sie vor dem Sonnenlicht

sich unterm Hügel Golgota,

wo sie die Kreuzigung sah nah.

Dort fing sie Jesu Blutstropfen ein,

und solch ein Achat-Schälchen fein

liegt heute, wie die Welt wohl weiß,

in Wiens Hofburg im Schatzkammerkreis.


Ein andrer Becher, hochverehrt,

wird in Valencia begehrt.

Man sagt, es sei der Abendmahlsbecher,

für gläub’ge Christen wie für Zecher.

Ana Mafé García schrieb

in ihrer Arbeit, die sie trieb,

dass er zu neunundneunzig Komma neun Prozent

als echt und hebräisch wird benannt.

Aus Herodes’ Zeit soll er wohl stammen,

mit einer Inschrift ganz beisammen,

die auf den Herrn Jesus weist –

ein Einzelstück, das man dort preist.


Doch Torres und Ortega del Rio

erzählen laut im Forscher-Trio,

der wahre Gral, der steh’ in León,

in San Isidoro glänzt er schon!

Es ist der Kelch der Doña Urraca,

der stand – so sagt man – ohne Klacker

siebenhundert Jahr in Jerusalem fein,

bevor er kam ins Spanien hinein.

Die Achatschale obenauf,

nahm dort als Jesu Becher Lauf.

In Kairo wurde sie geschmückt,

als man sie aus der Stadt entrückt’,

und ein Emir gab sie geschwind

König Ferdinand, dem Vater vom Kind,

weil Spanien in der Hungersnot

den Ägyptern Hilfe bot.

Zwei Pergamente aus dem Mittelalter

erzählten dies dem Kelchverwalter.


Doch Diarmaid MacCulloch, der in Oxford lehrt,

hat diese These schnell zerstört:

Die Schale stammt aus alter Zeit,

doch die Verbindung geht zu weit,

er nennt das Ganze „idiotisch“ bloß,

da ist historisch gar nichts los!


Zuletzt die Templer im Gewand:

Weil Wolfram „Templeisen“ sie genannt,

glaubt mancher, dass der Ritterorden

der Hüter dieses Grals geworden.

Der Roman Perlesvaus beschreibt sodann,

wie nach der Gralsburg Untergang

der Gral auf einer Insel weilt,

wohin manch kühner Ritter eilt,

die weiße Röcke treu getragen,

mit rotem Kreuz in jenen Tagen.

Im Jahre zwölffundertvierundvierzig

bei Montségur – so fantasiert sich –,

sei er zu den Templern dann gelangt,

womit die Fahrt nach Amerika prangt.

Doch Quellen, die belastbar wären,

gibt es nicht für diese Mären.


Wo liegt die Burg, wo thront der Gral?

Kein Mensch weiß es im Erdenthal.

Es fehlt der feste, klare Schein,

ob sie bezeichnet eine Burg aus Stein.

Die Sage raunt von Fluss und See,

verborgen tief im Waldeswehe.

Und ist das Land erst ganz verheert,

wird nur dem Reinen Blick gewährt;

manch späte Weise dichtete fein

von Pracht aus edlem Edelstein.


Man suchte sie an vielen Ecken,

wollte die Festung treu entdecken.

In Wales und England, manchem Turm,

trotzte die Suche jedem Sturm.

Auch wo der König Artus stand,

wurde der Gral herbeiermonnt,

in Winchester und Glastonbury,

wo mancher sucht die alte Story.


In Glastonbury, im Südwest',

hält sich ein alter Glaube fest:

Ein Dornenstrauch blüht wunderbar

zur Weihnachtszeit dort Jahr für Jahr.

Und elfhundertneunzig, so man liest,

wo durch die Abtei der Wind hinbläst,

fand man von Artus das Gebein

und Guineveres im Totenschrein.

In St. Mary’s Chapel, so der Reim,

baut’ Josef seine Kirch' daheim.

Am Fuße des Tors, im tiefen Grund,

gibt sich der Chalice Well uns kund.

Der Brunnen, der noch nie versiegte,

weil drin der Gral verborgen liegte.


In Winchester Castle, wohlbekannt,

hängt eine Tafel an der Wand.

Seit dem sechzehnten Jahrhundert schon

gilt sie als Artus’ Ehrenthron,

obwohl sie aus dem dreizehnten stammt

und für die Tafelrunde flammt.

Auch St. Michael’s Mount in Cornwall-Land

wird oft als Gralsort kühn genannt.


Montségur, der Pyrenäen Hort,

war der Katharer letzter Ort,

bis man im Albigenserkreuzzug her

die Burg im Sturm nahm, kreuz und quer.

Der Forscher Otto Rahn schrieb nieder,

dass Brüder flohen, auf und wieder,

und aus der Festung in der Nacht

den Schatz der Ketzer fortgebracht.


Bei Wolfram von Eschenbach sodann

wird Munsalvaesche aufgetan.

Ob Montsalvasch als „Heilsberg“ klingt,

ob „Wilder Berg“ die Deutung bringt,

und ob es in den Pyrenäen liegt,

bleibt im historischen Dunkel gewiegt.

Doch ziemlich sicher gilt im Land,

dass Wolfram schrieb mit eigner Hand

auf Burg Wildenberg im Odenwald

und Wertheim, wo sein Ruf erschallt,

denn diese Orte, ganz gewiss,

nennt er im vierten und fünften Kapitel-Riss.


Auch Montsalvens im Greyerzerland

wird mit dem Heilsberg oft benannt.

Und San Juan de la Peña thront

unter Felsen, wo der Schatten wohnt,

tief im Flusstal, ganz versteckt,

wo mancher Pilger hat entdeckt

die Reliquie vom Santo Cáliz fein,

die heute glänzt in Valencia hinein.

Urkundlich fasst man das Gefäß

erst dreizehnhundertneunundneunzig gemäß,

doch Parallelen, groß und weit,

zeigt Hesemann für jene Zeit.

Die Burg liegt nah dem Mons Salvatoris,

was Mont Salvatge im Dialekt des Tores.

Und König Alfons, der im Streite

als Anforts ritt durch manche Weite,

kam elfhundertvierunddreißig zum Sterben her –

als Gralskönig Amfortas glänzt er sehr!

Sein treuer Ritter Rotrou Perche de Val

wird zum historischen Perceval im Tal.

Doch Paul Kunitzsch, der Arabist,

widerspricht dem, was hier gelesen ist.


In Valencias Dom, im Kapellenlicht,

der Achat-Kelch zu den Frommen spricht.

Er trägt eine Inschrift, rätselhaft und alt:

Beltrán las li-z-zāḥira im Walte,

doch Schäfer las dort, ganz vermessen,

al-labṣit aṣ-ṣilliṣ eingesessen,

was Wolframs lapsit exillis gleicht –

doch arabisch keinen Sinn erreicht!

Vermutlich hat Wolfram das Latein verdreht,

wo eigentlich lapis ex coelis steht.


Der Steinbecher, mörserförmig gebaut,

wird ins erste Jahrhundert vor Christus geschaut.

Hesemann glaubt, dass die Päpste in Rom

ihn hüteten einst im alten Dom,

bevor er nach Spanien flüchten musste.

Und Papst Benedikt, der von allem wusste,

feierte zweitausendundsechs die Messe fein

vor einer Million mit dem Kelch allein.


Zuletzt die Schale aus Achat,

die Wien in seiner Kammer hat,

als Erbstück der Habsburger, unveräußert und hehr,

schätzte man sie als den Gral einst sehr.

Denn ihre feine Äderung im Stein

schien eine Geheimschnitt-Schrift zu sein!



ZWEITER GESANG


I


Ein Mythos zieht durch Raum und Zeit,

voll Sehnsucht und Geheimnisheit.

Man sucht ihn oft im fernen Land,

den Gral, der in der Sage stand.

Was ist dies Ding, das glänzt und strahlt,

das man in bunten Bildern malt?

Ist’s nur ein Traum, ein Seelenlicht,

das aus den alten Sagen spricht?


Der Autor blickt durch Raum und Chronik,

vorbei an Ketzerei und Ironie.

Er lässt uns nicht im Nebel stehn

und will der Wahrheit nachgehn.

Nicht England ist’s, nicht Avalon,

wo auf uns wartet Gottes Sohn,

und kein Versteck im fernen Wald –

die Spur, sie führt nach Spanien bald!


Wir geh'n hinein mit leisem Schritt,

die Neugier nimmt uns alle mit,

nach Valencia in die große Hall',

wo Weihrauch duftet überall.

In einer Kapelle, still und rein,

da funkelt hell ein Edelstein.

Ein Becher steht im sanften Licht,

der von uralten Zeiten spricht.


Ist dies der Kelch vom Abendmahl,

das Ende aller Suchen Qual?

Aus Achatstein, so rot und fein,

soll er der echte Zeuge sein?

Hier fängt das große Rätsel an,

das man kaum recht begreifen kann.

Der Autor nimmt uns an die Hand,

zu führen uns durchs Gralsland.



II


Nun geht die Reise weit zurück,

die Chronik fordert weisen Blick.

Wir reisen durch die Zeitenbahn

nach Süden, wo das Heil begann.

Jerusalem im Frühlingswind,

wo gläubig Volk zusammenfand,

zum Paschafest im alten Glanz –

hier sucht der Autor die Substanz.


Es war die Nacht vor Jesu Tod,

da man das Brot den Jüngern bot.

Der Meister sprach das Segenswort,

an einem ganz bestimmten Ort.

Doch wo stand dieses Haus genau,

im jüdischen Viertel, hoch im Bau?

Wo war der Saal, so weit und groß,

wo Gott die Neue Bundes-Zubereitung goss?


Der Autor forscht in Schrift und Stein:

Wer lud wohl die Gesellschaft ein?

Ein reicher Bürger, treu und gut,

bewies am Abend jenen Mut.

Vielleicht war’s Markus’ Mutter Haus,

wo ging die junge Kirche ein und aus?

Hesemann prüft die Fakten streng,

denn Raum und Zeit sind hier sehr eng.


Und auf dem Tisch, im Lampenschein,

da floss der rote Festtagswein.

Nicht Gold, nicht Silber stand bereit,

für Gottes Sohn in jener Zeit.

Ein Kelch aus Stein, so war es Brauch,

nach jüdischem Gesetze auch.

Der Achatbecher, schlicht und rein,

musst’ beim Abschiedsmahl der Zeuge sein.


Hier schlug die Stunde, groß und schwer,

den Kelch vergaß nun keiner mehr.

Wie er von diesem Tisch verschwand

und seinen Weg nach Rom hin fand,

das bleibt das Rätsel dieser Nacht,

das uns ins nächste Kapitel bracht'!



III


Der Tisch ist leer, der Herr geraubt,

die Jünger stehen tief betrübt.

Doch Petrus nimmt das teure Pfand,

den Becher, mit der eig'nen Hand.

Es brennt die Urgemeinde sehr,

Jerusalem schützt sie nicht mehr.

Die Römer rücken an mit Macht,

die Flucht wird heimlich sacht vollbracht.


Wohin zieht nun der Kirchenfürst?

Nach Rom, wo man nach Wahrheit dürst'!

Im Zentrum von der Weltmacht Glanz

sucht Petrus Schutz für die Substanz.

Er wohnt im Haus der Senatoren,

wo Glaube wird im Still'n geboren.

Und sonntags, wenn die Schar sich blickt,

wird Brot gebrochen, Wein erquickt.


Aus eben jenem Becher fein

trinkt Rom nun Jesu Blutes Wein.

Die frühen Päpste, Mann für Mann,

sie rühren dieses Erbe an.

„Den Kelch in seine heil'gen Hände...“

so spricht der Kanon bis zum Ende.

Das Hochgebet der alten Zeit

bezeugt des Grals Lebendigkeit!


Zwei Jahrhunderte vergeh'n im Flug,

Rom feiert Messe, Zug um Zug.

Doch über den Christen braut sich schwer

ein Sturm aus Hass und Feuermeer.

Valerian, der Kaiser wild,

hat Tod und Raub im Wappen-Schild.

Er will das Gold, er will das Gut,

und fordert der Gläubigen rotes Blut!


Wie rettet man den Schatz der Welt,

bevor er in die Hände fällt

der Häscher, die durch Rom nun zieh'n?

Der Gral muss aus der Hauptstadt flieh'n!

Ein junger Mann tritt in das Licht,

der diese schwere Pflicht auf sich nimmt –

Laurentius heißt der Held im Streit,

der uns ins vierte Kapitel geleit'!



IV


Der Kaiser wütet in der Stadt,

weil er den Christenglauben satth.

Papst Sixtus stirbt den Märtyrertod,

die Kirche leidet größte Not.

Laurentius, der Diakon,

sieht die Gefahr für Gottes Sohn;

der Kaiser fordert Gold und Schatz,

durchsucht den allerletzten Platz.


Doch was als Schatz im Dunkeln glänzt,

ist nicht, was Gier und Raub eingrenzt.

Der Gral aus Stein, das teure Gut,

erfordert Tatkraft, Fleiß und Mut.

Laurentius gibt den Heiden nicht,

was rein und heilig im Gesicht.

Er ruft einen Soldaten her,

dem er vertraut im Waffenheer.


„Nimm diesen Becher, flieh geschwind,

so schnell wie Nord- und Reisewind!

Bring ihn nach Spanien, über’s Meer,

wo meine Eltern wohnen sehr.

In Aragon, im Heimathaus,

ruht er von Roms Tumulten aus.“

Der Bote packt das Bündel sacht

und flieht weit durch die dunkle Nacht.


Laurentius stirbt auf heißem Rost,

doch seine Tat bringt Christen Trost.

Der Gral entkommt dem Flammenbrand

und reist ins ferne Ibererland.

In Huesca kommt die Fracht nun an,

wo man den Schatz gut bergen kann.


Dort bleibt er sicher viele Jahre,

beschützt vor weltlicher Gefahre.

Doch neue Stürme zieh'n heran,

die niemand leicht abwehren kann –

wenn Mauren bald das Land bedroh'n,

erfahren wir im fünften Kapitel schon!



V


Die Jahre fließen wie ein Bach,

im fernen Spanien schläft man wach.

Da bricht im Süden Sturm herauf,

das Schicksal nimmt den wilden Lauf!

Im Jahre sieben-elf hernach,

die maurisch’ Macht ins Land einbrach.

Mit Säbelklang und Reiterschar

bedroh'n sie, was den Christen heilig war.


Die Bischöfe im Lande flieh'n,

sie müssen in die Berge zieh'n.

Die Pyrenäen, schroff und grau,

bieten Schutz im Nebelblau.

Und im Gepäck, gar wohl bewacht,

wird auch der heil'ge Kelch gebracht.

Man sucht ein sicheres Versteck,

weit weg vom Krieg und Blutbefleck.


Von Höhle zu Kapelle wandert er,

die Suche nach Asyl fällt schwer.

Bis hoch im Fels ein Kloster thront,

wo Einsamkeit und Stille wohnt:

San Juan de la Peña wird genannt

dies Wunderwerk im Felsenland.

Dort, wo der Adler Kreise zieht,

erklingt der Mönche heil'ges Lied.


Im tiefen Schrein, im Felsengrab,

gibt man den Gral der Obhut ab.

Die Könige von Aragon

verehren ihn als Gottes Lohn.

Ein Staatsgeheimnis, wohlgehütet,

während draußen der Kampf noch wütet.

Hier schläft der Kelch im Felsenbett,

der uns vor Sünd' und Teufel rett'.


Aus dieser Zeit, so karg und wild,

entsteht des Grals Legendenbild!

Was Dichter später reich besingen,

ließ hier die echten Münzen klingen.

Wie aus dem Fels die Kunde dringt,

das nächste Kapitel uns besingt!



VI


Nun lauscht der Welt, die Harfe klingt,

der Minnesänger lauthals singt!

Denn aus der Berge Einsamkeit

dringt eine Kunde in die Zeit.

Die Dichter in den fernen Landen

vom großen Wunder wohl verstanden;

Chrétien de Troyes schreibt auf ein Blatt,

was er im Geist vernommen hat.


Doch Wolfram, der von Eschenbach,

geht tiefer noch der Sache nach.

Er singt vom Ritter Parzival,

der mühsam suchte nach dem Gral.

Vom „Munsalvaesche“ schreibt er kühn,

wo reine Seelen helle blühn –

ein „Heilsberg“, der im Schutze steht,

wo man um Gottes Gnade fleht.


Hesemann prüft das alte Wort,

sucht nach dem wahren Grals-Ort.

Ist „Munsalvaesche“ nicht ganz nah

dem Kloster, das man im Fels dort sah?

Mont Salvat oder San Juan –

der Gleichklang zieht den Forscher an!

Die Gralsburg war kein Wolkenheim,

sie stand aus echtem Stein und Leim.


Auch jene „Templeisen“, treu und rein,

die Hüter von dem Edelschein,

sie warn nicht bloß ein Traumgespinst,

sie taten echten Ritterdienst!

Es war der Schutz von Aragon,

der wehrte ab den Spott und Hohn.

Die Sage nahm die Wahrheit auf,

und setzte ihr die Krone auf!


Doch bleibt der Kelch nicht ewig dort,

an diesem rauen Felsenort.

Der König holt ihn in die Welt,

wie uns das siebte Buchkapitel meldet!



VII


Der Vorhang fällt fürs Einsiedeln,

die Zeit bricht an von Fest und Fiedeln!

Das Spätmittelalter zieht ins Land,

wo Macht und Krone sich verband.

Im Jahr dreihundert-neunund-neunzig,

König Martin zeigt sich eifrig;

er will den Kelch im Palast drin seh'n,

er darf nicht mehr im Fels versteh'n.


Die Mönche weinen bitterlich,

doch gegen Könige wehrt man sich nich'.

Sie geben ab das teure Pfand

in des Monarchen starke Hand.

Der Gral zieht um mit großem Prunk,

ein Schatz für Alt und ebenso Jung.

Nach Saragossa reist die Pracht,

wo man ihm gold'ne Fassung macht.


Man fügt hinzu mit Meisterhand

den Fuß, der im Palaste stand,

zwei Henkel und der Edelsteine Zier –

so wird der schlichte Becher hier

zum Prunkstück, das die Welt bestaunt,

wovon der ganze Hofstaat raunt.

In Barcelona glänzt er bald,

als Symbol der Krone Hochgestalt.


Der Gral ist nun kein Heimlich-Gut,

das in der dunklen Höhle ruht.

Er ist das Herz vom Königreich,

an Glanz und Ehre völlig reich.

Doch Barcelona ist nicht der Schluss,

weil die Geschichte weiter muss!

Wie er nach Süden noch entwich,

das zeigt das achte Kapitel dich!



VIII


König Alfons, der fünfte Mann,

tritt nun die Herrschaft stolz an.

Er führt im Süden manchen Krieg,

sucht in Italien Ruhm und Sieg.

Doch Krieg kostet viel Geld und Brot,

die königliche Kasse leidet Not.

Da braucht es Gold, und zwar geschwind,

so rasch wie der Levante-Wind!


Die Kirche in Valencia spricht:

„Wir lassen dich im Stiche nicht!

Wir geben dir ein großes Darlehn frei,

wenn uns ein Pfand von Werte sei.“

Der König zögert nicht sehr lang,

obwohl ihm wohl beim Herz ward bang:

Er gibt den Kelch den Kirchenvätern hin –

so bringt das Geld ihm den Gewinn.


Im Jahre vierzehn-siebenund-dreißig

wird das Kapitel fleißig:

Der Gral zieht ein im Gotteshaus,

und geht von dort nicht wieder aus.

Denn Alfons zahlt die Schulden nie,

das Pfand bleibt dort durch Historie.

In einer Kapelle, wunderbar,

ruht er seitdem am Hochaltar.


Auch als im zwanzigsten Jahrhundert wild

der Bürgerkrieg durch Spanien brüllt,

wird er von treuer Hand versteckt,

damit kein Feind ihn je entdeckt.

In einer Wand, im dunklen Spalt,

entkam er roher Waffengewalt.


Nun steht er da, im sanften Schein,

als Ende aller Pilgerpein.

Hesemann schließt sein großes Buch,

nach langer, treuer Spurensuuch':

Die Kette schließt sich Glied für Glied,

wovon das Gralsgeheimnis sang sein Lied!



IX


Die Reise ist nun fast vollbracht,

die Wahrheit aus dem Dunkel wacht.

Der Autor blickt ins Heute rein:

Was kann der Kelch uns heute sein?

Ist er nur Holz, Achat und Gold,

dem man ein bisschen Ehrfurcht zollt?

Nein, Rom selbst gibt ein großes Zeichen,

dem alle Zweifel müssen weichen!


Der Stellvertreter Gottes nah’n,

sie ziehen auf der Pilgerbahn:

Johannes Paul, der zweite Mann,

schaut sich den Becher gläubig an.

Er hebt ihn hoch im Messelauf,

schlägt so das Buch der Wahrheit auf.

Und Benedikt, der Weise, folgt,

der ebenfalls dem Gral hold.


Sie feierten das Abendmahl

mit diesem einen, echten Gral!

Was die Historie treu bewahrt,

wird hier zur heil'gen Gegenwart.

Der Vatikan, ganz still und leis,

erbringt damit den Ehrenbeweis.


So endet nun die lange Jagd,

die man durch Jahrhunderte gewagt.

Der Gral ist kein Phantom der Nacht,

das nur der Dichter Geist erdacht.

Er steht real im Sonnenlicht,

das durch Valencias Fenster bricht.

Ein Zeichen, das die Zeit besiegt,

und uns im Glauben fest einwiegt!