VON TORSTEN SCHWANKE
I
Frieslands Osten ist in Deutschland
Eine Gegend, die berühmt ist.
O wie da die Mühlen drehen
Ihre Flügel in dem Winde!
Wie gemacht für Don Quichotte,
Der besiegte solche Riesen,
Schickte sie zu Dulcinea
Als Tribut, zu seiner Kuhmagd.
Und wie wird dort Tee gesoffen!
Schwarzer Tee mit weißem Kandis
Und mit einem Wölkchen Sahne,
Frisch gelöffelt von der Kuhmilch!
Doch Ostfriesland kennt auch Mythen,
Alte Sagen und Legenden,
Welche sind aus grauer Vorzeit,
Aus dem Nebel der Geschichte.
Aber immer wieder gibt es
Alte Mütter oder Dichter,
Die die Mythen neu erzählen,
Wie mir nahelegt die Muse.
Eine dieser alten Mythen
Ist die Sage von dem Ritter
Aurick, der zog auf den Kreuzzug,
Zu befrein das Grab des Heilands.
Zwanzig Jahre blieb er ferne.
Aber seine Frau und Herrin
Harrte treu auf ihren Ritter,
Sah nach keinem andern Knaben.
Schließlich Post aus Palästina
Kündete der Frau die Zeitung,
Dass ihr Herr als Marterzeuge
In dem Glaubenskrieg gestorben.
Ach, da trat sie vor die Kirche,
Wollte Seelenmesse lesen
Lassen vom geweihten Priester,
War ihr schon das Herz gebrochen.
Gott der Herr hat sie verwandelt
In das Steinmal einer Göttin,
Die da weint um ihren Liebsten,
Ganz erstarrt in ihrem Kummer.
Und so steht sie da noch heute,
Die getreue Frau des Aurick,
Eine Statue des Kummers
Vor dem Heiligtum von Aurich.
II
Ymir war der erste Riese,
Jeder Riese stammt von Ymir.
Solch ein alter Urzeitriese
Hatte eine Riesentochter.
Lebten in dem Osten Frieslands,
Süd-Germanien geheißen.
Lebten dort in einem Dorfe,
Doch die Tochter litt an Mangel.
Vater, Vater, ich begehre
Einen See, um drin zu baden,
In dem See da sollen plantschen
Nixen, grüngelockt, mit Fischschwanz,
Möchte gern mit ihnen spielen,
Ohne sie bin ich so einsam.
Tochter, meine süße Tochter,
Ich will einen See erschaffen,
Dröge Wiek sei er geheißen,
Sei gelegen hier am Dorfrand.
Und er sprach und es geschah so,
Dröge Wiek entstand am Dorfrand.
Und noch heute, wenn die Frauen
Mit den Männern Hitze leiden
Unterm Sommerhimmel Deutschlands,
Mit den Kindern gehn sie baden
In der Drögen Wiek und plantschen,
Kühlen ab die heißen Glieder,
Frauen etwa im Bikini,
Kleine Kinder gänzlich nackend.
Viel von Riesen ist die Rede
In der Sagenwelt von Friesland,
Viel auch von den Riesentöchtern
Gleich der Nacht des Michel-Angel.
Eine Riesentochter aber
War geheimnisvoll verschwunden.
Keiner wusste, ob sie tot war
Oder ob sie wer entführte
Oder ob sie floh vorm Vater
Oder Liebeskummer hatte.
Und es suchte sie ihr Vater
Voller Sehnsucht in dem Herzen.
Er hat einen Turm errichtet,
Einen Turm von hundert Metern.
Langer Jan wird er geheißen
Heute noch im Osten Frieslands.
Und es kommen die Touristen,
Ob es sind die Oldenburger.
Ob Berliner, ob Pariser,
Um den Langen Jan zu sehen.
III
Borkum liegt im hohen Norden
Unter sieben kleinen Inseln,
Viele machen gerne Urlaub
In dem Paradies des Nordens.
Borkum ist berühmt bei allen
Herren dieser ganzen Erde
Für den schneeweiß-weißen Sandstrand,
Der gehört zum Paradiese.
Ob es sind nun Südsee-Inseln
Mit den nackten Inderinnen
Oder ob im Westen Kuba,
Weißer Sandstrand wird gefordert.
Und das Klima dieser Erde,
Ach von dem so viel geschwätzt wird,
Ganz vollkommen ist das Klima
In dem Paradies von Borkum.
Aber Borkum hat auch reiche
Welthistorie in dem Kopfe
Und im Herzen alte Sagen
Von den einst geliebten Göttern.
Da erzählt man von dem Riesen,
Einem Riesen-Ungeheuer,
Der bewohnt die Meerestiefen,
Ist wohl Njörd, der alte Meergott.
Dieser alte Riesen-Meergott
Kann verschlingen ganze Schiffe,
Ob nun Störtebekers Schiffe
Oder das der Fürstin Gudrun.
Viele Fischer, Krabben fangend,
Wissen Märchen zu erzählen,
Wie sie diesem Gott begegnet,
Ihn gesehn, doch nicht gestorben.
Aber nicht nur alte Götter
Weiß auf Borkum man zu fürchten,
Gottesfurcht, der Weisheit Anfang,
Sondern auch den roten Drachen.
Dieser feuerrote Drache
Hauste einst auf unsrer Insel,
Er versetzte Insulaner
Immer neu in Angst und Schrecken,
Und er wütete so lange,
Bis der Junker Jörg gekommen,
Dieser Sankt-Georgen-Ritter,
Warf das Tier in einen Brunnen,
Wo der rote Feuerdrache
Ist erloschen in dem Wasser.
Alle süßen Dirnen sangen
Junker Jörg ein Lied zum Lobpreis.
Eine weitere Legende
Uns erzählt die Insel-Muse
Von dem tiefen Zauberbrunnen,
Der versteckt ist auf der Insel.
Viel weiß von Magie die Muse,
Sie ist eine Heiden-Muse,
Wenn man tief schaut in den Brunnen,
Ist man gleich in Schlaf versunken.
Wunderwässerchen im Brunnen,
Hab dich jede Nacht getrunken,
Doch den Schatz dort nicht gefunden,
Den die Muse mir verheißen.
Und dass alle Blütenwünsche
Unsrer Kindheit sich erfüllen,
Wenn man trinkt vom Zauberbrunnen,
Ist auch nur ein Ammenmärchen.
IV
Sieben Schwestern in Ostfriesland
Sind an Einem Tag geboren,
Unbekannt war ihr Erzeuger,
Und die Mutter war die Nordsee.
Diese in der Kindertaufe
Von der lieben Patentante
Kriegten goldene Talente
Zu dem Kleide und der Kerze.
Und sie wuchsen frei und stürmisch
In dem wilden freien Sturmland
Bald heran zu süßen Dirnen,
Blumen in den goldnen Zöpfen.
Und es herrschte in der Gegend
Dazumal ein böser Drache,
Und es konnte keiner diesen
Bösen Drachen überwinden.
Aber eine alte weise
Seherin vom Volk der Friesen
Sagte: Diese sieben Schwestern
Können ihn vereint besiegen,
Wenn sie alle die Talente
Nur getreu zusammenlegen.
Aber ach der schnöde Mammon,
Geile Wurzel allen Übels,
Keiner kann der Liebe dienen
Und zugleich dem Götzen Mammon.
Doch die Schwestern wurden neidisch
Eine auf das Gold der andern.
Weiter herrschte nun der Drache,
Der Tyrann im Land Ostfriesland.
Aber unsre sieben Schwestern
Von einander nahmen Abschied.
Jede war auf einer Insel,
Borkum, Norderney und Baltrum,
Wangerooge, Spiekerooge,
Juist und Langeooge, aber
Baltrum war die schönste Schwester,
Das Dornröschen sie der Nordsee,
Sie die Liebste mir von allen,
Doch ich herzte alle sieben.
V
Wenn Ostfriesen Urlaub machen,
Fahren sie zur Insel Rügen,
Wenn Ostfriesen freien wollen,
Fahren sie zum Kreidefelsen.
Doch auf Rügen an der Ostsee
Gibt es einen finstern Dämon,
Ist ein Mann von Satans Gnaden,
Der den Teufelspakt geschlossen.
Ganz besonders hasst er Kinder,
Die im Mutterschoß geborgen,
Oder reißt auch kleine Kinder
Von der Mutter vollen Brüsten.
Er verbreitet Angst und Schrecken,
Freund ist er der Terroristen,
Möchte lieber in die Hölle
Als zu Jesus in den Himmel.
Alle fürchten sich vor diesem
Dämon von der Insel Rügen.
Ich hab selber ihn gesehen,
Frösche schossen aus dem Munde
Und er bellte wie die Köter,
Wenn er fluchte Jesus Christus,
Diesem gottverlassnen Gotte,
Wenn er dreimal pries den Satan.
Ich hab ihm geraubt die Kinder,
Die er schon verschlingen wollte,
Und das Weib, das er beherrschte,
Riss ich ihm aus seinen Armen.
Kap Arkona, Kap Arkona,
An der Ostsee Kreidefelsen
Nahm ich Luzifers Gemahlin
Mir zur zweiten Ehegattin.
VI
Eines Tages kam der Teufel
Auf den traurigen Gedanken,
Dass er nicht ins Reich der Himmel
Kommen kann, weil er so böse.
Und da nahm der rote Drache
Einen großen Felsenquader
Und er warf ihn nach Ostfriesland
Irgend in ein dunkles Wäldchen.
Wo der dunkle Wald gelegen,
Ob in Hage oder Aurich,
Leider ist nicht überliefert,
Aber kleine Kinder fürchten,
Dass es könnte sein das Wäldchen,
Wo sie sonst so gerne spielen,
Ob in Norden oder Emden
Oder in Marienhafe.
Diesen Quader zu berühren,
Ist verboten von dem Herrgott,
Denn Magie und böse Mächte
Sind geladen energetisch.
Wer den Teufelsstein berührte,
Der verfiel in wilden Wahnsinn,
Hatte Halluzinationen
Und im beging im Wahnsinn Selbstmord.
Aber wer den Stein bewegte
Von der Stelle in dem Walde,
Dem beschieden wurde Böses:
Ward dem Satanas geopfert!
VII
Von dem Wassermann der Nordsee
In der grauen See vor Norddeich,
Zwischen Norderney und Norden,
Gibt es grausige Geschichten.
Dieses alte Nordsee-Monster
Halten viele nur für eine
Fabel aus den Kinderbüchern,
Eine Sage alter Omas.
Aber wenn von Norddeich Fischer
Mit dem Kutter auf der Nordsee
Fahren, Fische einzufangen,
Dann begegnen sie dem Monster.
Schrecklich ist es anzusehen,
Lang und silbern ist der Vollbart
Und gebläht das dicke Bäuchlein
Und sein Schwanz ist wie ein Fisch-Schwanz.
Einst der Wassermann versuchte,
Eines Fischers Boot zu kentern,
Doch der Fischer mit Kollegen
Hat den Wassermann vertrieben.
So der Wassermann von Norddeich
Ward gedemütigt vom Menschen,
Doch er lernte keine Demut,
Sondern schwor den Menschen Rache.
Und seit jener Zeit versucht er
Nordsee-Fischer bei dem Fischfang
Zu erschrecken und zu jagen
Und am liebsten umzubringen!
VIII
Eine Sage in Ostfriesland
Spricht von einem Geister-Reiter,
Der auf einem Schimmel reitet,
Geist, Gespenst, vielleicht ein Dämon.
Und er reitet durch das Dunkel,
In der Mitternacht im Mondschein,
Und es schimmert hell sein Schimmel,
Und es glühen seine Augen.
Aber mit der Lederpeitsche,
Daran sich befinden Stachel,
Schlägt er Türen ein und Fenster,
Und es fürchten sich die Kinder,
Mägde voller Aberglauben
Und die irren Geisterseher,
Die bekannten Dorfidioten,
Die zu viel vom Schnaps getrunken.
Keiner kennt des Reiters Namen,
Seine Herkunft und sein Wesen,
Selbst der Pfarrer weiß nicht weiter,
Und so fürchten sich die Friesen.
IX
Woher stammen denn die Sagen,
Die ostfriesischen Geschichten?
Selbst die Weisen und Gelehrten
Kennen nicht der Mythen Ursprung.
In der langen grauen Vorzeit,
Als die Friesen an der Nordsee
Noch ein ungelehrtes Völkchen
War von Fischern oder Bauern,
Übernahmen diese Friesen
Südgermaniens oder Deutschlands
Gern die alten Göttermythen
Skandinaviens und Grönlands
Oder Islands, wie bekannt ist
Heute noch in unsern Schulen
Durch der alten Edda Runen,
Die uns immer noch verzaubern.
Bonifatius, der Bischof,
Der befreite einst die Friesen
Von dem alten Götterglauben
Und der Geisterangst der Heiden.
Nun mit Christus und Maria
Ward das Friesenvolk katholisch,
Doch die Götter und Dämonen
Lebten fort als Unheilsgeister.
Leider heute in den Zeiten
Neuen Heidentums in Deutschland
Wenden sich die Friesen wieder
Odin zu und Thor und Freija.
X
Wars der Badesee Tannhausens,
Wo der Wassergeist von Aurich
Lebte und gesehen wurde
In den alten Grafen-Zeiten?
Zwar der Wassergeist von Aurich
Ließ sich sehen von den Menschen,
Doch man konnte ihn nicht fangen,
Denn er liebte Frieslands Freiheit!
Aber eines Tags ein Jäger
Wollte dieses Wesen fangen
Und so nahm er Haar vom Pferde,
Legte dieses Haar im Kreise
Um den See des Wassergeistes,
Bannte ihn in diesen Zirkel,
Nahm den Wassergeist gefangen,
Und nun lebt er in dem Kreise.
Aber nur von Geistersehern,
Kleinen Kindern und Betrunknen,
Mägden mit dem sechsten Sinne
Lässt der Wassergeist sich sehen.
XI
Dünensand im Abendglanze
Flimmert rot wie tausend Kerzen,
Sachte flüstert kühler Seewind
Durch das hohe Helmgras drüben.
Auf der Insel Wangerooge,
An dem östlichsten der Strände,
Steht ein Geisterbild im Lichte,
Traurig blickt es in die Wogen.
Eines Kaufmanns holde Tochter,
Aus der Heimat mild entführt,
Eingesperrt im Sandgefängnis
Durch des reichen Fürsten Willen.
Manche nennen sie ne Hexe,
Die die Insel einst verbannte,
Doch im Herzen glüht die Sehnsucht
Nach der Liebe, die verklang.
Wanderer auf steilen Pfaden
Hören manchmal süße Klänge,
Lockend ziehet der Gesang sie
In die tiefe Schwalben-Nacht.
Wer begegnet ihr im Zwielicht,
Spürt den Zauber, spürt das Weinen,
Denn sie sucht die eine Seele,
Die den alten Fluch erlöst.
Licht erstrahlt im Friesenland,
Wo der Meereshorizont glüht,
Und die Maid im Dünensande
Ewig auf den Liebsten harrt.
XII
Schwarze Wellen peitschen wild
Gegen Emdens stumme Küsten,
Als der Sturm mit wilder Klaue
Einst das stolze Schiff verschlang.
Keine Seele sah den Hafen,
Keiner kehrte je zurück,
Tief im Grund der grauen Nordsee
Ruht das Wrack für immerdar.
Mancher raunt von weichem Golde,
Funkelnd in der Dämmerung,
Andere sprenkeln Diamanten
In die dunkle Tiefe hin.
Schwerer wiegt die düstre Sage:
Tote Krieger schlafen dort,
Eingewiegt vom steten Wogen,
Fern der Heimat, fern der Macht.
Tausend Wandrer zwingt die Sehnsucht
Jedes Jahr an diesen Strand,
Spähend in die grauen Fluten
Nach dem Schatten in der Tiefe.
Hoffnung glimmt im Herz der Menschen,
Dass der Abgrund einst sich auftut,
Doch das Wrack im Schlick geborgen
Wahret schweigend sein Geheimnis.
XIII
Wilde Wogen warfen brausend
Einst das Schiff an Borkums Strand,
Doch die Klippen spien die Männer
Lebend in die fremde Nacht.
Zuflucht suchend in der Höhle
Fanden sie der Dunkelheit
Schreckgespenst: Ein grimmer Riese
Riss die Armen in die Haft.
Schmachten sollten sie im Schlunde,
Wo kein Tageslicht erscheint,
Doch dem Einen glückte kühnlich
Aus dem Kerker das Entkommen.
Flüsternd warnte er die Brüder,
Heimlich flohen sie hinaus,
Suchten Schutz in hohen Dünen,
Während laut der Unhold tobte.
Blind durchsuchte er die Gründe,
Bis der Morgen leuchtend stieg,
Und am Ufer sahn die Rettung
Sie im Schiffe des Dämonen.
Eilig stürmten sie zum Strande,
Kaperten das fremde Boot,
Und die Heimat hielt sie wieder
Sicher fest an ihrer Brust.
XIV
Kühler Wind streift milde Klippen,
Sande glänzen hell im Licht,
Norderney, des Nordens Perle,
Hüllst dich tief in Geisterflug.
Schatten weichen weißem Schleier,
Sowie Nacht die Düne deckt:
Stumm durchwandelt eine Jungfrau
Sanften Schritts der Kinder Traum.
Wehe dem, der spät noch meidet
Seines Hauses schützend Dach!
Dunkel glüht der Schlossbau drüben,
Wo ein Ritter rastlos irrt.
Einst verraten, einst betrogen
Von der Liebsten fern im Hain,
Sucht sein Schatten durch die Hallen
Der Verräterin Gestalt.
An den Ufern seufzt ein Jüngling,
Den die Woge einst verschlang,
Einen Teil der eignen Seele
Gab dem Meer er als Tribut.
Bange Fesseln halten fest ihn,
Nie verlassen darf den Strand;
Ewig blickt er in die Wellen,
Wo der Brandung Brausen hallt.
XV
Aus der Heimat floh das Mädchen
Einst mit ihrem Knecht davon,
Übers Meer - Amerikana,
Weil der Vater sie verschmäht.
Keine Antwort trug die Post ihr,
Jahr um Jahr ging stumm vorbei,
Bis die Heimwehsehnsucht brannte
Und sie heimwärts wandern ließ.
Petkums Felder sah sie wieder,
Ging entlang am Klappweg still,
Als ein greises Weib erschienen,
Dass ihr wies die fremde Tür.
Mutterähnlich war der Schemen,
Doch kein einzig Wort sie sprach;
Mauern wuchsen um die Schause,
Hielten fest den bangen Schritt.
Endlich stand sie vor der Schwelle,
Wo die Greisin leise sprach:
„Deine Eltern schlossen heute
Ewiglich die Augen zu.“
Eine Nacht im Todesschatten
Saß sie stumm an ihrer Bahre,
Und der Morgen sah den Scheitel
Silbern grau vom tiefen Schmerz.
Jedes Jahr die Fremden kehrten
Rastlos um zum stillen Grab,
Bis sie einst allein zurückkam,
Einsam schritt ins weite Feld.
Niemand sah sie wieder wandeln,
Doch wenn graue Gänse ziehn,
Klagt ihr Weinen durch die Felder
Am uralten Klappweg her.
XVI
Blut-getränkt sind wilde Äcker,
Wo der Häuptling Ocko stand,
Als der Zwist der tom Brooks gewütet
Mörderisch im Friesenland.
Gegen Focko zog die Schar einst,
Oktoberwind blies kalt daher,
Viertausend Seelen sanken nieder
In der Schlächterei der Nacht.
Gefallen war die stolze Feste,
Ockos Macht brach stumm entzwei,
Doch der Hölle wildes Tosen
Ruht nicht in der kühlen Erde.
Jedes Mal wenn Vollmond leuchtet
Auf Marienhafes Flur,
Steigen aus den dunklen Gräbern
Schattenkrieger in die Nacht.
Aus dem Nebel rauscht ein Flüstern,
Grollend steigt der Schlachtenlärm,
Bis das Schreien der Gefallnen
Ganz das weite Feld erfüllt.
XVII
Tief im Bauch des Plytenberges,
Nah der alten Stadt von Leer,
Lebte einst der kleine König
Mit dem Volk Erdmännlein dort.
Friedlich teilte man die Fluren,
Respektvoll wich man sich da aus;
Sah der Fischer kleine Spuren,
Achtet’ er des Volkes Fleiß.
Bleichten nachts im Vollmondlichte
Kleine Händen weiße Kleider,
Blickten Menschen weg im Stillen,
Dass der Nachbar ruhen mag.
Winters, wenn die Ströme froren,
Klirrten Klufen auf dem Eis;
Fehlte Korn im Scheunendunkel,
Zahlten sie’s mit Segen heim.
Reichlich floss da weiße Milch noch,
Voller zogen sich die Reusen,
Wer die Kleinen ehrend schätzte,
Dem gedieh das ganze Haus.
Doch am Ufer dort bei Leerort
Saß der Fährmann späten Abends,
Als ein Rufen aus der Dämmrung
Ihn zur kühlen Flut entbot.
In dem grauen Wandermantel,
Unter grauem Hute stumm,
Stand der kleine Mann am Strande,
Rief geduldig: „Fahr uns über!“