ROBIN HOOD

KOMÖDIE VON TORSTEN SCHWANKE


NACH BEN JONSON




Akt I


Szene 1


(Der Sherwood Forest. Ein düsterer, dicht bewachsener Teil des Waldes nahe dem Ufer des Flusses Trent. Aeglamour tritt auf, blass, mit zerrissener Hirtenkleidung und wildem Blick. Er starrt auf das vorbeifließende Wasser.)


AEGLAMOUR

Hier fließt sie hin, die kalte, graue Flut,

Die mein Madonnenbild im Schlamme begrub.

O Trent, du Räuber im kristallnen Kleid,

Wie konntest du ihr helles Licht verschlingen?

Die Wellen klatschen an das uferlose Nichts

Und murmeln Grabgesänge in die Nacht.

Sie ist dahin. Earine ist tot.

Das Wort brennt wie geschmolznes Blei im Mund!


(Er kniet am Ufer nieder und berührt das Wasser)


Ihr nassen Nymphen, starrt ihr nicht vor Neid,

Dass eure Königin nun bei euch schläft?

Ihr Haar, das goldner als die Sonne schien,

Verfängt sich nun im grünen Schilf und Tang;

Die Augen, die dem Himmel Licht verliehn,

Sind blind und starren in den tiefen Schlamm.

O grausam schönes Kind! Der Fluss ward neidisch,

Als er dein Antlitz auf der Fläche sah,

Und zog dich tief hinab in sein Bett.


(Er steht auf und blickt zu den Bäumen empor)


Seht, wie der Wald in Trauerkleidern steht!

Die Eichen lassen ihre Blätter fallen,

Nicht weil der Herbst sie treibt, nein, nur aus Schmerz;

Die Vögel schweigen auf den dichten Zweigen,

Ihr Lied erstarb, als ihr Erscheinen wich.

Selbst dieser Wind, der durch die Kronen bricht,

Ist kein Erfrischen mehr – es ist ein Seufzen,

Das aus der Erde wundem Herzen steigt.

Die Natur weint mit mir. Der Himmel weilt

In trüben Nebeln, weigert sich zu blühn.


Warum noch leben, wenn das Schöne stirbt?

Ich bin ein Baum, den Blitz und Sturm entlaubt,

Ein Hirte ohne Herde, ohne Licht.

Die Anderen bereiten wohl das Fest,

Sie singen Lieder für den Robin Hood,

Doch meine Flöte kennt nur einen Ton:

Den Klagegesang um mein verlor’nes Glück.

Earine! Der Wind ruft deinen Namen,

Die Welle flüstert ihn im Ufersand,

Und Aeglamour bricht hier das Herz vor Harm.


(Er sinkt entkräftet an einem Baumstamm nieder und verbirgt das Gesicht in den Händen.)




Szene 2


(Ein hellerer, offener Teil des Sherwood Forest. Im Hintergrund sieht man Vorbereitungen für das Fest: Kränze werden geflochten, Tische aufgestellt. Marian tritt auf, gefolgt von den beiden Hirten Clarion und Lionel.)


MARIAN

Die Tische sind gedeckt, der Wein steht kühl,

Und Robins Jäger kehren bald zurück.

Das ganze Tal soll heute fröhlich sein,

Ein Fest der Ernte und der Treue wegen.

Doch blicke ich nach jener düstren Schlucht,

Wo das Gestrüpp das Tageslicht verschlingt,

Wird mir das Herz schwer in der eignen Brust.

Dort sitzt er noch. Habt ihr ihn nicht geseh’n?


CLARION

Du meinst den armen Aeglamour, Herrin?

Ja, ich sah ihn am Ufer des Trent.

Er sitzt dort stumm, ein Bildnis aus Granit,

Und starrt ins Wasser, als ob jeder Schwall

Ihm seine tote Braut zurückgewänne.

Es bricht einem das Herz, ihn so zu seh’n.


MARIAN

Es bricht auch meines. Darum bitt ich euch:

Ihr seid ihm nah, ihr kennt des Hirten Brauch.

Geht zu ihm hin, Clarion, und du,

Mein treuer Lionel. Weicht von der Pflicht

Des Trostes heute nicht um einen Schritt!

Sprecht sanft zu ihm. Lockt ihn aus seiner Nacht.


LIONEL

Ach, edle Marian, das ist leicht gesagt!

Der Schmerz hat sich in seine Brust gekrallt

Wie ein wilder Falke. Wenn wir zu ihm sprechen,

Hört er uns nicht; er hört nur jenen Fluss,

Der ihm Earine im Schlamm ertränkte.

Wie heilt man einen, der den Tod ersehnt?


MARIAN

Mit Freundschaft, Lionel! Mit sanftem Zwang.

Sagt ihm, dass Robin Hood ihn rufen lässt,

Dass diese grünen Wälder seine Trauer

Nicht länger dulden ohne Gegengewicht.

Bringt ihn zum Fest! Und wenn er auch nicht singt,

So soll er doch in unsrer Mitte sitzen.

Gemeinsam trägt sich solch ein schweres Los

Viel leichter als im tiefen, finstren Tann.


CLARION

Wir wollen tun, was unsre Zunge vermag.

Ich nehme meine Flöte mit mir mit;

Vielleicht besänftigt ein vertrauter Ton

Den wilden Sturm, der seinen Geist verwirrt.


LIONEL

Und ich erinner ihn an seine Pflicht,

Die er den Göttern dieses Waldes schuldet.

Ein Hirte darf nicht sterben vor der Zeit,

Solange noch ein Lamm nach Führung sucht.


MARIAN

So geht, und möge euer Wort gelingen.

Ich will indessen nach dem Braten seh’n;

Der Hirsch, den ich erlegte, muss aufs Feuer.

Bringt mir den trau’ren Hirten an den Tisch –

Das Fest ist unvollständig ohne ihn.


(Clarion und Lionel verbeugen sich und gehen ab in Richtung des dichten Waldes. Marian blickt ihnen besorgt nach.)




Szene 3


(Eine große Lichtung im Sherwood Forest. Lange Holztische sind aufgestellt, Krüge und Becher stehen bereit. Robin Hood, Little John, Friar Tuck, Scarlet und Scathlock treten von einer Seite auf. Von der anderen Seite nähert sich die Hirtengemeinschaft, angeführt von dem alten Alken, der jungen Amie und der schüchternen Karolin. Marian empfängt sie gemeinsam mit Clarion und Lionel, die den sichtlich abwesenden, traurigen Aeglamour in ihrer Mitte führen.)


ROBIN HOOD

Willkommen, Freunde, unterm grünen Dach!

Seid uns gegrüßt, ihr Hirten dieses Tals!

Der Sherwood Forest öffnet seine Arme

Für jeden treuen Geist, der mit uns teilt,

Was uns die milde Mutter Erd’ geschenkt.

Setzt euch, trinkt tief und blast die Sorgen fort!


FRIAR TUCK

Beim heil’gen Dunstan, ja! Der Bauch verlangt

Nach seinem Recht nach dieser langen Jagd.

Ein voller Krug vertreibt den Teufel schnell,

Und Gottes Segen ruht auf fettem Fleisch!


ALKEN

Habt Dank, Lord Robin, für das große Herz.

Wir Hirten bringen euch als Gegengabe

Die frische Milch, den Käse und das Brot,

Das unsre Frauen fleißig heut geknetet.

(er blickt zu Karolin)

Und Karolin, die Scheue, bringt ein Lied,

Wenn ihre Stimme nicht vor Ehrfurcht bricht.


KAROLIN

(leise und errötend)

Ich singe gern, wenn es die Tafel wünscht,

Doch schwindet mir der Mut vor so viel Mutigen.


MARIAN

Nur Mut, mein schönes Kind! Hier droht dir nichts.

Seht her, ihr Freunde, was mein Bogen traf!

(Sie deutet stolz auf die Jagdbeute im Hintergrund)

Ein stolzer Hirsch, ein Vierzehnender war’s,

Er stand im Dickicht nahe bei der Quell’.

Mein Pfeil flog flink und traf ihn mitten ins Herz,

Er stürzte ohne Schrei ins weiche Moos.

Ein königliches Mahl für unsre Runde!


LITTLE JOHN

Ein Meisterschuss, wie man ihn selten sieht!

Die Herrin schießt oft besser als wir Knechte.


SCARLET

Das stimmt, beim Jupiter! Der Hirsch ist feist,

Das Fett steht fingerdick auf seinen Rippen.


SCATHLOCK

So lasst uns schneiden, rösten und genießen!

Der Hunger treibt uns an den Tisch.


(Die Menge jubelt und setzt sich unter Lachen und Stühlerücken. Nur Aeglamour bleibt am Rand der Lichtung stehen, den Blick starr zu Boden gerichtet. Clarion und Lionel versuchen vergeblich, ihn zum Tisch zu bewegen.)


LIONEL

Komm, Aeglamour, und nimm dir einen Platz.

Siehst du denn nicht, wie gut sie es mit uns meinen?


AEGLAMOUR

(spricht wie im Traum, leise und schneidend)

Ihr esst von Fleisch, das lebend durch die Wälder strich,

Ihr trinkt den Wein, der aus der Rebe blutete.

Ich aber nähre mich von reinem Schmerz.

Wie könnt ihr lachen, wenn die Welt ertrinkt?

Hört ihr den Trent nicht rasen durch das Tal?

Er gurgelt ihren Namen... hört ihr nicht?


AMIE

(erschrocken zu Alken)

Ach, Vater Alken, seht, wie wild er blickt!

Sein Auge brennt, und doch ist es so tot.


AEGLAMOUR

Earine! Ein Hirsch fiel durch den Pfeil,

Doch du fielst durch die Gier der grauen Flut.

Man feiert hier den Tod des wilden Tiers,

Ich feiere das Sterben aller Lust.

Lasst mich in Ruh’. Euer Lachen gellt wie Hohn

In meinen Ohren, die nur Klagen suchen.


(Er wendet sich ab und setzt sich isoliert im Schatten einer großen Eiche auf den Boden, den Kopf auf die Knie gebettet.)


ROBIN HOOD

(bedauernd)

Der arme Knabe. Seine Wunde blutet tief.

Stört ihn jetzt nicht, lasst ihm den düstren Raum.

Die Zeit allein heilt, was der Tod geschlagen.

Wir wollen dennoch feiern, treue Freunde –

Vielleicht bringt unser Sang ihm sanftes Licht.

Stimmt an das Lied! Das Fest soll nun beginnen!


(Musik setzt ein, die Jäger und Hirten beginnen zu trinken und zu lachen, während Aeglamour stumm im Schatten verharrt.)




Szene 4


(Die Lichtung. Das Fest läuft, doch die Musik verstummt langsam, als der alte Alken aufsteht. Die Hirten und Jäger rücken näher zusammen, als ein plötzlicher, kalter Windhauch durch die Baumkronen fährt.)


ALKEN

Haltet den Becher ein, Lord Robin! Schaut,

Wie sich das Laub auf jenen Ästen sträubt.

Das ist kein Wind, der von den Bergen weht,

Kein holder Hauch, den uns der Sommer schickt.

Ein kaltes Gift schleicht heute durch das Unterholz;

Ich spür’s im Rücken, und mein altes Blut,

Das achtzig Winter sah, gerinnt zu Eis.


ROBIN HOOD

Was quält dich, weiser Alken? Sprich es aus.

Glaubst du, der Wolf schleicht hungrig um den Pferch,

Oder bedroht ein Wilddieb unsre Grenzen?


ALKEN

Ach, gäb’ es nur den Wolf! Den schlägt man tot,

Und Wilddiebe verjagt dein treuer Bogen.

Ein schlimm’rer Feind haust in der finstren Schlucht.

Es ist der böse Blick, das gift’ge Wort,

Das Milch im Euter der Kühe sauer macht

Und Knospen welken lässt, eh’ sie erblüh’n.

Hier wandelt Hexerei durch unsern Wald!


FRIAR TUCK

(bekreuzigt sich)

Bei Gottes Mutter! Hexenwerk im Tann?

In meinem Becher schäumt der edle Trank,

Da hat kein Teufel seine Hand im Spiel!

Du siehst Gespenster, Alken, weil du alt bist.


LITTLE JOHN

Hör auf zu spotten, Mönch! Der Alken weiß,

Wie man die Zeichen liest, die uns die Natur

Im Fluge der Vögel oder im Moos zeigt.

Sag uns, wer ist’s, der diesen Wald verflucht?


ALKEN

Habt ihr die Spur im tiefen Moor geseh’n?

Dort, wo das Kraut in schwarzen Ringen stirbt?

Maudlin ist’s! Die Hexe Papplewicks!

Sie murmelt Flüche in den Abendhauch,

Kocht Krötenbein und bittre Schierlingswurz.

Ich sah sie gestern beim verfall’nen Kreuz:

Sie saß im Schlamm und sprach mit einer Kröte,

Die groß wie ein Hund zu ihren Füßen kroch.


AMIE

(schaudernd, rückt näher zu Karolin)

O weh, mir wird so bang! Ich sah sie auch!

Sie blickte mich aus roten Augen an,

Und heute brennt mein Herz in seltsam’ Schmerz.

Hat sie mich wohl verzaubert mit dem Blick?


CLARION

Man sagt, sie wandelt oft in Tiergestalt,

Nimmt die Gestalt von Has’ und Füchsen an,

Um unsre Hunde von der Spur zu locken.

Und wer ihr trotzt, dem schickt sie Pest und Siechtum

In die Ställe, dass das Vieh krepierte.


MARIAN

Ich fürchte weder Hexen noch ihr Wort,

Solange mein Gewissen rein und hell.

Doch ist es wahr, dass Maudlin Bosheit sät;

Ihr Antlitz spiegelt den Verfall der Seele.

Wir sollten wachsam sein auf diesem Fest.


ROBIN HOOD

Du sagst es, Marian. Wenn Maudlin kommt,

Soll sie uns fest und unerschrocken seh’n.

Kein Zauber bricht den Bund von freier Hand!

Doch horcht... was raschelt dort im dichten Farn?

Es naht ein Schritt, so schwer und unheilvoll.


(Alle blicken gespannt und misstrauisch zum Rand der Lichtung, wo sich das Gebüsch bewegt.)




Szene 5


(Die Lichtung. Das Gebüsch teilt sich. Maudlin, die Hexe von Papplewick, tritt auf. Sie ist in dunkle, zerschlissene Gewänder gehüllt, gestützt auf einen knorrigen Stock. Ihr Blick ist hasserfüllt und lauernd. Die Festgesellschaft erstarrt; Friar Tuck greift instinktiv nach seinem Rosenkranz, Little John nach dem Bogen.)


MAUDLIN

Ein frohes Fest! Ein herrlich lauter Lärm!

Wie schön ihr schmaust unterm bequemen Laub,

Als ob die Welt euch ganz alleine gehört’.

(Sie humpelt auf die erlegte Jagdbeute zu und stupst sie verächtlich mit dem Stock an)

Doch was ist das? Nennt ihr das etwa Wild?

Ein mag’rer Bock, von Würmern ganz zerfressen,

Das Fleisch so zäh wie altes Sattelleder!

Da hat der Schütze wohl im Schlaf gezielt,

Als er dies jämmerlich’ Geschöpf erlegte.


SCARLET

(springt wütend auf)

Schweig, alte Hexe! Halte deinen Mund!

Das ist der beste Hirsch im ganzen Forst,

Von unsrer Herrin Marian selbst getroffen!


MAUDLIN

(lacht krächzend)

Vorfahrn der Herrin? Ein verfehlter Schuss!

Der Hirsch war alt und siech, er lag im Sterben,

Bevor ihr Pfeil ihn überhaupt gestreift.

Ihr rühmt euch großer Taten unterm Baum,

Und füttert eure Gäste doch mit Aas.

Die Hirten werden brechen von dem Mahl!


LIONEL

Hört nicht auf sie! Ihr Wort ist pures Gift,

Sie will uns nur die reine Freude rauben.


ROBIN HOOD

(drohend)

Maudlin, beschütze deine alte Zunge!

Du bist Gast im Sherwood, doch die Geduld

Der freien Jäger hat ein knappes Maß.

Zieh ab in deine Schlucht, eh’ Zorn erwacht!


MARIAN

(tritt mäßigend zwischen Robin und Maudlin)

Halt ein, mein Robin. Lass den Streit nicht walten.

Ein Fest der Liebe duldet keinen Hass,

Und Argwohn soll das Brot uns nicht verbittern.

(Sie wendet sich mit stolzer, sanfter Würde an Maudlin)

Wenn dir das Tier zu mager scheint, Frau Maudlin,

So nimm dies hier, um deinen Geist zu sänftigen:

(Sie schneidet mit dem Jagdmesser das beste Stück, den Hirschrücken, heraus)

Das feinste Stück, das saftigste Filet,

Das sonst nur Edelleuten zugedacht.

Ich schenk es dir. Nimm es als Friedenspfand,

Und zieh in Frieden deiner Wege heut.


ALKEN

(leise zu Clarion)

Zu gütig ist sie! Man füttert keine Schlangen

Mit süßem Rahm, sie beißen dennoch zu.


MAUDLIN

(packt das Fleisch gierig mit ihren dürren Händen)

Du schenkst es mir? Aus Mitleid oder Furcht?

Nun, Fleisch bleibt Fleisch. Ich nehme, was mir zusteht,

Damit mein Topf zu Hause etwas schäumt.

Ein Dank? Den spart euch für den Himmel auf,

Ich brauche eure Segenswünsche nicht.


(Sie blickt hämisch in die Runde, fixiert Amie und Aeglamour mit einem giftigen Blick, lacht leise vor sich hin und humpelt langsam wieder rückwärts in das dichte Unterholz, bis sie verschwindet.)


FRIAR TUCK

(atmet tief aus)

Gott sei verdammt! Da ging die Pest von dannen.

Mir schien, der Wein wurd’ sauer im Pokal,

Als sie den Raum mit ihrem Schatten maß.


MARIAN

Der Tisch ist rein. Der Schatten ist vorbei.

Vergesst ihr Gift und füllt die Becher neu!

Das Fest soll leben, wie es uns gebührt.


(Die Musik setzt zögernd wieder ein, doch ein Gefühl der Unruhe bleibt auf der Lichtung zurück.)




Akt II


Szene 1


(Ein finsterer, abgelegener Teil des Sherwood Forest. Im Zentrum steht eine riesige, uralte, knorrige Eiche, deren Stamm hohl und mit dicken Riegeln und Dornen verschlossen ist. Maudlin tritt auf, den geraubten Hirschrücken in der Hand. Sie lacht leise und boshaft vor sich hin.)


MAUDLIN

Ihr Toren! Narren im leichtsinnigen Kleid!

Sie tanzen, trinken, preisen die Natur,

Und merken nicht, wie nah die Nacht ihnen ist.

Da schenkt mir Marian den besten Brocken,

Um meinen Zorn mit milder Hand zu füllen!

Sie glaubt an Güte, diese süße Gans,

Und weiß doch nicht, dass Güte mich nur speist

Mit neuem Hass und neuer Lust am Schaden.


(Sie wirft das Fleisch verächtlich auf den Boden)


Sie weinen alle um die schöne Braut,

Der traurige Hirt zerschlägt sich seine Brust,

Weil er Earine im Flussbett wähnt.

„O Trent, du Räuber!“ schreit er in den Wind –

Wie süß ist es, wenn Dummheit Verse schmiedet!

Der Fluss nahm nichts. Das Wasser blieb so rein,

Als sie an seinem grauen Ufer schritt.

Ich war die Hand, die dieses Licht geraubt!


(Sie geht auf die hohle Eiche zu und klopft mit dem Stock an die Rinde)


Hier schläft sie nun, in dieser alten Eiche,

Gefangen in dem Holz, das lebend stirbt.

Ich hüllte sie in tiefen Zauberschlaf,

Als sie den Pfad im Nebel ganz verlor.

Kein Aeglamour wird dieses Schloss zerbrechen,

Kein holder Kuss erweckt sie aus der Nacht,

Bis sie den Willen beugt, der sie bezwingt.


Und warum tat ich’s? Nicht aus bloßer Wut!

Mein Lorel, mein geliebter, grober Saubart,

Mein Junge, den die Welt so gern verspottet,

Verzehrt sich nach der zarten Hirtenbraut.

Er soll sie haben! Ja, das feinste Lamm

Wird mit dem Wolf gepaart in diesem Wald.

Was schiert mich ihre Schönheit, ihre Zucht?

Sie soll die Mutter meiner Enkel werden,

Soll kochen, weben, Lorels Knechtin sein,

Bis ihre weiße Haut wie Leder gerbt.


(Sie lauscht an der Eiche)


Ich höre sie da drinnen leise stöhnen...

Die Nacht bricht an, der Zauber lässt nun nach.

Mein Lorel kommt gleich durch das dichte Farn,

Um um sie zu werben nach der Hirten Art –

Ein plumper Bär, der nach der Rose greift!

Ich will mich bergen, um das Spiel zu seh’n;

Und bockt sie, füg’ ich neuen Zauber hin!


(Maudlin zieht sich flink im Schatten des dichten Unterholzes zurück, während aus der Eiche ein leises Wimmern ertönt.)




Szene 2


(Ort wie zuvor vor der hohlen Eiche. Lorel, der plumpe Schweinehirte, tritt auf. Er trägt ein grobes Fellhemd, einen schweren Knüppel und hält einen Weidenkorb sowie einen kleinen Holzkäfig in den Händen. Er nähert sich tölpisch dem Baum und öffnet mit einem Ruck den oberen Holzriegel des Stammes. Earine wird im Inneren sichtbar; sie ist blass, aber von unschuldiger Schönheit.)


LOREL

Komm raus, du feines Ding, das Licht ist da!

Schau her, was dir dein Lorel heute bringt.

Es braucht dich nicht zu bangen in dem Holz,

Wenn du nur tust, was meine Mutter will.

Ich bin kein Unhold, nein, ich bin ein Mann,

Der reich an Schweinen und an Ziegen ist!

Schau diesen Korb: Er ist randvoll gefüllt

Mit süßen Beeren und mit frischem Quark,

Und hier im Käfig – schau nur, wie es piept! –

Zwei junge Drosseln, frisch aus ihrem Nest,

Die sollen singen, wenn du traurig bist.


EARINE

(tritt einen Schritt vor, blickt ihn voller Verachtung an)

Behalt dein Futter und die armen Vögel!

Glaubst du, du kannst ein freies Herz bestechen

Mit Raubgut aus dem Wald und faulem Quark?

Die Vögel weinen um die Freiheit hier,

Genau wie ich in diesem finstren Stamm.

Bring mich zu Aeglamour, du grober Knecht,

Das ist der einz’ge Dienst, den ich begehre!


LOREL

(kratzt sich am Kopf, geht einen Schritt näher)

Den Aeglamour? Den magst du lieber noch?

Das ist ein dünner Hering, der nur weint!

Ich aber bin aus Schrot und Korn gebaut,

Ich fange Dachse mit der bloßen Hand!

Wenn du mich heiratest, zeig ich dir den Bau,

Wo drei mitsamt der Mutter drinnen stecken.

Ich schenk dir Felle für dein weiches Bett,

Und Speck, so viel dein kleiner Magen schafft.

Was willst du mehr? Ein Prinz im Sherwood Forest

Ist nichts gegen den Lorel, glaub mir das!


EARINE

Ich will den Tod begüßen, lieber noch,

Als deine raue, ungewasch’ne Hand

An meinem Kleide oder Haar zu spüren!

Mein Herz gehört dem trau’ren Aeglamour,

Und wenn der Trent mich auch verschlungen hätte,

Wär’ meine Seele ihm noch treu im Schlamm.

Dein Speck, dein Reichtum und dein plumper Geist

Sind mir ein Ekel. Schließ den Baumbaum wieder zu!


LOREL

(wütend, stampft auf den Boden)

Du bist so stolz wie eine Edelstute!

Gefällt dir meine Werbung etwa nicht?

Mein Vater sagte oft, wer nicht hören will,

Der muss eben fühlen. Mutter hilft mir schon!

Bleib sitzen in dem Loch und hunger nur,

Bis dir der Stolz vergeht im finstren Holz!

Die Drosseln dreh ich um, den Quark ess ich,

Und du bleibst trocken, bis du Ja mir sagst!


(Er schlägt die Holztür der Eiche grob wieder zu und schiebt den Riegel vor. Earine schluchzt im Inneren auf. Lorel murmelt Flüche und geht stampfend ab.)




Szene 3


(Derselbe finstere Teil des Waldes. Die Nacht ist vollständig hereingebrochen, nur fahles Mondlicht bricht durch das dichte Geäst. Maudlin tritt wieder aus dem Schatten der Bäume hervor, blickt in die Richtung, in die Lorel gegangen ist, und schüttelt verächtlich den Kopf.)


MAUDLIN

Der Tölpel! Schmeißt den Quark ins weiche Moos

Und droht mit Hunger, wo man Listen braucht.

Die Jugend von Jasmin und weißer Haut

Beugt sich nicht vor dem rauen Schweineknecht.

Da muss die Mutter wieder Hexenkunst

Und tiefen Trug ins saub’re Sherwood weben.

Wenn sie den Knecht nicht will, so soll sie sehen,

Wie ihre ganze Welt in Trümmer fällt!

Ich säe Zwietracht, Hass und bitt’ren Argwohn

In Robins Kreis, der sich so sicher wähnt.


(Sie stellt sich in die Mitte einer kleinen Lichtung, hebt ihren knorrigen Stock und beginnt einen langsamen, rhythmischen Kreis zu schreiten)


O Dunst des Moores, kalter Atem des Trent,

Steigt auf und hüllt mich ein in grauen Schleier!

Du Krötenfett, das auf der Kohle schäumt,

Und Schlangenhaut, im Mondschein frisch geschält:

Verändert dieses Fleisch, das alt und krumm,

Biegt diesen Rücken gerade wie die Tanne,

Und färbt das graue Haar in tiefem Braun!


(Ein dichter, bläulicher Nebel steigt aus dem Boden auf und hüllt Maudlin völlig ein. Ihre Stimme verändert sich mitten im Satz, wird klarer, melodischer und nimmt den stolzen Klang von Marians Stimme an.)


Die Runzeln schwinden aus dem Angesicht,

Das Auge verliert den roten Hexenbrand

And strahlt nun hell wie ein geschliff’ner Demant.

Wachst, stolze Glieder! Formt den schönen Wuchs

Der Jägerkönigin, die Robin liebt!


(Sie tritt aus dem Nebel hervor. Sie sieht nun exakt aus wie Marian: in grünem Jagdkleid, mit dem Bogen auf dem Rücken und von edler Gestalt. Sie betrachtet ihre eigenen Hände und lacht – doch es ist Marians klares Lachen, gefüllt mit Maudlins bösartigem Geist.)


Seht her! Wer wagt es nun, mich anzuklagen?

Bin ich nicht Marian, die süße Maid,

Die stolze Schützin aus dem grünen Forst?

Mit dieser Maske geh’ ich nun zum Fest

Und breche Robins Herz mit eignem Gift.

Sie sollen ihre „Herrin“ fluchen lernen,

Eh’ diese Nacht den ersten Hahnenschrei

Aus Papplewicks verfall’nen Ställen fängt!


(Sie wirft den Hexenstock ins Gebüsch, strafft die Schultern wie eine stolze Jägerin und geht mit eleganten, weiten Schritten ab in Richtung der Festlichtung.)




Szene 4


(Die Festlichtung. Die Fackeln brennen, die Stimmung ist nach wie vor gelöst. Robin Hood steht mit Little John und Scarlet am Tisch. Maudlin – in der exakten Gestalt Marians – tritt mit stolzen, aber aggressiven Schritten auf die Lichtung.)


ROBIN HOOD

(dreht sich um und lächelt warm)

Da bist du ja, mein schönes Jägerherz!

Die Tafel schien mir dunkel ohne dich,

Obwohl der Wein in hellen Bechern schäumt.

Komm, setz dich her zu mir, die Nacht ist jung,

Und unsre Hirten singen süßen Sang.


MAUDLIN (als falsche Marian)

Schweig, Robin, mit dem ew’gen Singsang mir!

Ist das ein Fest für freie Jägersleut’

Oder ein Jahrmarkt für das Bettelvolk?

Seht diese Knechte, wie sie träge sitzen,

Den Bauch vollgeschlagen mit dem besten Trank,

Indessen meine Hunde Hunger leiden!

(Sie stößt Scarlet grob beiseite)

Aus dem Weg, du fauler Hund! Beweg die Glieder!


SCARLET

(erschrocken und verletzt)

Herrin? Was tat ich dir? Ich saß nur hier...


MAUDLIN (als falsche Marian)

Du starrst mich an, als wärst du ganz von Sinnen!

Wo ist das Fleisch, das ich im Forst erlegt?

Der Hirsch, der feiste Vierzehnender, sprecht!

Wer hat die Hand an meine Beute gelegt?


LITTLE JOHN

Doch Herrin, du vergaßt es wohl im Schmerz:

Du selbst hast doch das beste Stück vom Hirsch,

Den fetten Rücken, dieser alten Hexe,

Der Maudlin Papplewicks, als Geschenk vermacht.


MAUDLIN (als falsche Marian)

(lacht gellend und voller Hohn)

Ich? Ein Geschenk? An diese alte Kröte?

Bin ich verrückt, dass ich mein eigen Gut

An Bettlerinnen werfe in den Schlamm?

Ihr habt mich wohl belogen und betrogen,

Habt es gestohlen für den eignen Wanst!

Ich will das Fleisch zurück! Hört ihr mich nicht?

Holt mir den Hirsch! Und wenn die Hexe bockt,

So schlagt sie nieder, brennt ihr Haus zu Asche!


ROBIN HOOD

(tritt fassungslos einen Schritt zurück, starrt sie an)

Marian... bist du es? Spricht so mein Weib?

Wo ist die Sanftmut deiner Stimme hin,

Die jeden Sturm in meiner Brust besänftigt?

Du forderst Blut und Asche wegen Fleisch,

Das du vor einer Stunde mild verschenktest?

Dein Auge brennt in einem fremden Licht,

Das mir das Herz in kalten Schauder hüllt.


MAUDLIN (als falsche Marian)

Mein Auge brennt, weil mich die Dummheit würgt!

Du bist der König dieses Walds, Lord Robin,

Und kuschst vor Hirten und vor Hexenpack?

Ich schäme mich für deine weiche Hand!

Wenn du kein Mann bist, bin ich es für dich.

Schafft mir das Fleisch herbei, ihr faulen Knechte,

Oder ich jage euch mit eignen Pfeilen

Wie räud’ge Wölfe aus dem Sherwood Forest!


ROBIN HOOD

(tief verletzt, die Hand auf dem Herzen)

Halt ein! Kein Wort mehr! Jeder Satz von dir

Ist wie ein Dolch, den du in mich hineinstößt.

Ich kenne diese Frau nicht, die hier steht.

Ist das der Lohn für meine treue Liebe?

Geh mir aus den Augen, Marian! Geh fort,

Eh’ ich vergesse, wer du einmal warst.


MAUDLIN (als falsche Marian)

(dreht sich stolz und verächtlich um)

Ich gehe, ja! Doch merkt euch mein Gebot:

Wer mir nicht folgt, der schmeckt den bitt’ren Tod!


(Sie rauscht voller Zorn ab in den Wald. Die Jäger und Knechte bleiben schockiert und schweigend zurück. Robin Hood sinkt schwer auf einen Stuhl und verbirgt das Gesicht in den Händen.)




Szene 5


(Ein ruhigerer Teil der Lichtung, etwas abseits des trubeligen Zentrums. Amie sitzt auf einem Moosbecken, hält die Hand gegen ihre Brust und atmet schwer. Der alte Alken tritt besorgt zu ihr, während die schüchterne Karolin im Hintergrund steht.)


ALKEN

Was fehlt dir, Amie? Sag, mein liebes Kind,

Warum erblasst die Rose deiner Wange?

Du rührst den Becher nicht an, meidest den Tanz,

Und hältst die Hand so krampfhaft auf das Herz,

Als ob ein Dorn in deine Brust gedrungen.

Hat dich der Trank genährt mit bitt’rem Gift?


AMIE

(mit leisem Seufzen)

Ach, Vater Alken, ja, es brennt ein Dorn,

Doch wuchs er nicht auf einem Dornenstrauch.

Es ist ein Schmerz, so süß und doch so schwer,

Der mir den Atem raubt und jeden Sinn.

Als ob ein Feuer durch die Adern läuft,

Das mich im Wechsel bald verbrennt, bald friert.

Ich weiß nicht, wie mir herrscht; die Welt ist fern,

Und meine Augen suchen nur das Eine.


ALKEN

(betrachtet sie aufmerksam, lächelt weise)

Das ist kein Gift, das aus den Kräutern stammt,

Kein Zauberwort, das Maudlin bös sprach.

Ich kenne diesen Puls, dies matte Aug’ –

Dich hat ein Pfeil getroffen, junges Blut,

Den kein Bogenschütze aus dem Sherwood schoss.

Sag mir, wer ist der Hirt, der dich bezwang?

Ist es Clarion? Oder Lionels Blick?


AMIE

(schüttelt den Kopf, blickt schüchtern zu Karolin)

Kein Hirt im Tal hat diese Macht besessen.

Es war ein Ton... ein Lied, das mich verzehrt.

Als Karolin vorhin die Stimme hob,

Um für die edle Marian zu singen,

Da brach der Himmel auf in meiner Brust.

Ihr süßes Wesen und ihr reiner Klang –

Sie haben meine Seele ganz geraubt.

Ich liebe Karolin! O weh mir, Vater,

Ist diese Krankheit Sünde vor der Welt?


ALKEN

(sanft, nimmt ihre Hand)

Die Liebe sucht sich ihren eignen Pfad,

Sie fragt nicht nach dem Brauch, nicht nach dem Stand.

Wenn Karolins Gesang dein Herz berührt,

So ist es Gottes Atem, der dich rührt.

Sehnsucht nach Schönheit ist kein sünd’ger Wahn;

Sie reinigt uns, hebt uns zum Himmel an.

(Er winkt Karolin herbei)

Tritt näher, Karolin, das Mädchen weint,

Weil dein Gesang ihr Herz im Sturm vereint.


KAROLIN

(tritt schüchtern und gerührt näher)

Hat mein bescheid’nes Lied dies Leid gebracht?

Ich wollte heilen, nicht dir Schmerzen breiten!

Wenn meine Stimme deine Seele quält,

So will ich schweigen, Amie, dir zuliebe.


AMIE

(greift sanft nach Karolins Hand)

Nein, schweige nicht! Sing weiter, bis ich sterbe.

Dein Schweigen wär’ der Tod, dein Lied ist Brot.

Lass mich nur nah bei dir im Schatten sitzen,

Dann weicht der Schmerz und wird zur reinen Lust.


ALKEN

So heilt die Wunde sich durch sanften Zwang.

Kommt mit mir, Kinder, lasst uns Trost nun finden;

Die Liebe ist des Hirten schönster Klang.


(Alken führt Amie und Karolin sanft ab. Die beiden Mädchen gehen Hand in Hand.)




Szene 6


(Die Festlichtung. Robin Hood sitzt noch immer sichtlich erschüttert und mit düsterer Miene am Tisch. Little John und Friar Tuck stehen besorgt neben ihm. Da tritt die echte Marian auf, gut gelaunt, die Arme voll mit frischen Waldblumen, die sie für den Festschmuck gepflückt hat.)


MARIAN

Seht, welche Pracht ich auf den Wiesen fand!

Die blauen Glocken und der weiße Dorn,

Sie sollen unsre Tische reich verzieren.

Doch warum sitzt ihr hier wie Trauergäste?

Ist der Wein sauer, oder schweigt das Lied,

Weil Robins Geist in dunklen Wolken weilt?

Mein Robin, schau mich an, was quält dich so?


ROBIN HOOD

(springt wütend auf, die Hand am Schwertgriff)

Du wagst es noch, so sanft zu mir zu sprechen?

Du kehrst zurück mit Blumen in der Hand,

Als ob dein Mund vor einer kurzen Weile

Nicht bitt'res Gift und Galle ausgespien?

Tritt nicht zu nah! Die Maske täuscht mich nicht,

Ich kenne nun dein herrschsüchtiges Herz!


MARIAN

(tritt erschrocken zurück, die Blumen fallen ihr aus den Händen)

Bei Gottes Namen, Robin, bist du toll?

Welch wilder Geist hat deinen Sinn verwirrt?

Ich ging im Hain, um diese Pracht zu pflücken,

Und sprach seit einer Stunde keinem Mann.

Wie kannst du mich der Herrschsucht hier bezichtigen?


ROBIN HOOD

Verleugne nicht, was diese Zeugen sahen!

Du standest hier, beschimpftest meine Knechte,

Nanntest den treuen Scarlet einen Hund

And fordertest den Hirsch mit wildem Fluchen,

Den du der Hexe Maudlin erst geschenkt!

Du drohtest uns mit deinen eignen Pfeilen –

Ist das die Liebe, die du mir versprachst?


MARIAN

(fassungslos, blickt zu den Jägern)

Little John! Friar Tuck! So sprecht doch ihr!

Habt ihr mich so gesehn? Sprach ich dies Wort?


LITTLE JOHN

Es schmerzt mich tief, Herrin, doch es ist wahr.

Du standest hier, dein Kleid war grün wie das,

Dein Bogen hing dir rauh auf deinem Rücken,

And deine Stimme gellte durch den Forst

Wie eines Königs Zorn im Kriegsgeschrei.


FRIAR TUCK

Beim heil’gen Dunstan, ja! Du forderst Blut,

Wolltst Maudlins Hütte ganz in Asche legen!

Wir dachten schon, der Satan hätt’ dein Herz

In dieser kurzen Stunde ganz geraubt.


MARIAN

(hebt feierlich die Hand zum Himmel)

Ich schwöre bei der Mutter Gottes Reinheit,

Bei jedem Stern, der unterm Himmel steht:

Ich setzte keinen Fuß auf diesen Platz!

Ich war im tiefen Tann, allein mit mir,

Und dachte nur an Robins Zärtlichkeit.

Ein böser Trug hat euer Aug' geblendet!


ROBIN HOOD

(betrachtet sie eindringlich, sein Zorn weicht der Verwirrung)

Dein Auge brennt nicht mehr... es glänzt so rein,

Wie ich es stets an meinem Weibe liebte.

Die falsche Marian war stolz und kalt,

Ihr Atem roch nach Moder und nach Neid...


MARIAN

Nach Moder? Robin! Hörst du Alkens Warnung

Nicht noch in deinen Ohren gellen? Denk nach!

Die Hexe Maudlin! Sie war hier am Tisch,

Sie fraß den Hass, den sie aus Neid gebar.

Wer, wenn nicht sie, besitzt die dunkle Kunst,

Die Züge eines andern Menschen zu stehlen?


ROBIN HOOD

(schlägt sich an die Stirn)

Bei allen Heil'gen! Blind war mein Verstand!

Die Hexe war's! Sie nahm dir die Gestalt,

Um Zwietracht in mein treues Volk zu säen!

O Marian, verzeih dem blöden Geist,

Der sich so leicht vom Teufel täuschen ließ.


MARIAN

(reicht ihm die Hand)

Der Schmerz ist fort, da nun die Wahrheit siegt.

Doch dieser Trug darf ungestraft nicht bleiben!

Sie schändete mein Bild und deinen Frieden,

Dafür soll sie den Zorn des Sherwood spüren.


(In diesem Moment tritt der alte Alken mit entschlossener Miene vor die beiden.)




Szene 7


(Die Festlichtung. Die Stimmung hat sich von Furcht und Verwirrung in entschlossene Tatkraft gewandelt. Die Jäger greifen nach ihren Bögen und Spießen. Der alte Alken tritt ins Zentrum der Runde, umgeben von Robin Hood, Marian, Little John und den Hirten.)


ALKEN

Nun seht ihr, Freunde, dass des Alters Auge

Nicht bloß Gespenster sieht im Abendwind!

Das Biest hat ihre Maske abgeworfen,

Doch ihre Spur brennt noch im weichen Moos.

Man fängt die Hexe nicht wie zahmes Wild,

Man braucht Verstand, um ihren Kreis zu brechen.

Hört meinen Rat, denn ich studiert’ ihr Volk

Seit fünfzig Jahren in der Einsamkeit.


ROBIN HOOD

Sprich, weiser Alken, führ uns an hernach!

Mein Bogen brennt nach Rache für den Trug,

Und Sherwood duldet keine Hexenbrut.

Wie spüren wir sie auf im dichten Tann?


ALKEN

Ihr müsst die Winde meiden, die sie schickt,

Denn ihr Versteck riecht stets nach faulem Holz,

Nach Krötenkraut und nach verbranntem Haar.

Schaut auf die Vögel: Fliegt ein Rabe stumm

Und kreist dreimal um eine alte Astgabel,

Dort sitzt sie im Gestrüpp und webt ihr Netz.

Und findet ihr sie, kreuzt die Klingen flink!

Ein Kreis aus Eisen bricht ihr Zauberwort,

Und zieht ihr eine Furche durch das Kleid,

Verliert sie jede Macht, die sie besitzt.


MARIAN

Ich gehe mit! Mein Pfeil soll sie ereilen.

Sie stahl mein Antlitz, um den Bund zu brechen,

Nun soll sie spüren, wie die Echte schießt!


LITTLE JOHN

Und Little John nimmt seinen schweren Stab;

Gegen Eschenholz hilft kein Hexenfluch.

Sag uns das Wort, Lord Robin, und wir laufen!


ROBIN HOOD

So sei’s! Die Jagd beginnt noch in der Nacht!

Teilt euch in Gruppen, wendet jeden Stein,

Durchsucht die Schluchten bis nach Papplewick.

Kein Busch bleibe ungeprüft, kein hohler Stamm!

Wir jagen nicht den Hirsch, nicht Wolf noch Bär,

Wir jagen die Bosheit selbst aus diesem Wald.

Alken, geh du voran und zeig den Pfad!


ALKEN

Ich spüre schon, das Schicksal zieht uns hin.

Vertraut dem Eisen und dem reinen Mut!

Die Nacht ist dunkel, doch das Recht ist Licht –

Wir holen uns den Frieden nun zurück!


(Unter lautem Rufen und dem Klirren der Waffen löst sich die Festgesellschaft auf. Robin Hood und Marian gehen Hand in Hand, geführt von Alken, an der Spitze der Jäger ab in den finsteren Wald. Die Fackeln verlöschen langsam auf der Lichtung.)




Akt III


Szene 1


(Ein einsamer, unheimlicher Pfad tief im Dickicht des Sherwood Forest. Der Mond bricht nur spärlich durch das Geäst und wirft bizarre Schatten. Aeglamour tritt auf. Seine Kleidung ist noch zerrissener, sein Haar wild, die Augen weiten sich im Starrkrampf. Er hält eine abgebrochene Weidenrute wie ein Zepter und spricht in die Leere.)


AEGLAMOUR

Still! Hört ihr nicht das Hochzeitsbett der Fische?

Sie weben ihr ein Kleid aus weißem Schaum,

Mit Perlen, die aus meinen Tränen reiften.

Wie lieblich tanzt sie auf dem grauen Schlamm!

Earine! Tritt nicht so nah ans Ufer,

Die Krebse sind zu gierig nach den Zehen,

Die weißer als der frische Kirchenmarmor...


(Er greift panisch in die Luft, als wolle er jemanden festhalten)


Halt stand! Sie sinkt! Die Strömung zieht sie fort!

Nein... siehst du nicht? Sie fliegt! Sie hat nun Flügel,

Geflochten aus dem Haar von Wasserfrauen.

Da sitzt sie auf dem Ast der alten Weide

And kämmt den Tang aus ihrer goldnen Pracht.

Guten Morgen, Süße! Ist das Wasser kalt?


(Er lauscht aufmerksam; ein Windhauch raschelt im Laub)


Sie spricht zu mir. Sie sagt, der Tod sei grün,

Ein tiefer Garten voller stummer Knaben,

Die alle ihre Flöten im Schlamm verloren.

Ich soll ihr folgen... Warte! Ich bin bereit!

Mein Mantel ist schon schwer vom Tau der Nacht,

Ein gutes Kleid, um tief hinabzutauchen.


(Er blickt an sich herab und lacht plötzlich schrill und abgehackt)


Sie nennen mich den trau’ren Aeglamour.

Die Toren! Wissen nicht, wie reich ich bin!

Ich habe mir ein Königreich erbaut

Aus Muschelschalen und aus welken Blättern.

Der Robin Hood hat nur ein kleines Revier,

Ich aber herrsche über jeden Tropfen,

Der aus dem Wolkenbruch ins Meer ergießt.

Ich bin der König aller Ertrunkenen!


(Er kniet nieder und beginnt hektisch im trockenen Laub zu wühlen)


Hier muss sie sein. Sie versteckt sich vor dem Mond,

Weil er so neidisch auf ihr Antlitz blickt.

Earine! Komm raus! Der Schweinehirte

Ist tot, ich schlug ihn mit dem Regenbogen!

Kein Lorel raubt dir mehr den weißen Flaum.

(Er hält eine Handvoll Erde hoch und starrt sie zärtlich an)

Schau, wie sie lächelt... so blass, so rein, so stumm.

Ich bette dich in meine heiße Brust,

Dort brennt ein Feuer, das kein Fluss ertränkt,

Ein Scheiterhaufen aus verlor’nem Glück.


(Er steht langsam wieder auf, sein Blick verfinstert sich und wird angriffslustig)


Wer ruft da drüben? Jagdhunde im Forst?

Sie jagen meine Braut! Sie wollen ihr

Das Silber aus den kalten Augen brechen!

Ich werde sie beschützen vor der Welt!

Kommt nur, ihr Jäger, tretet in mein Reich –

Der Wahnsinn hat die schärfsten Pfeile heute!


(Er rennt mit einem wilden Schrei tiefer in das dichte Unterholz und verschwindet im Dunkeln.)




Szene 2


(Ein unheimlicher, nebliger Sumpf am Rande des Sherwood Forest. Irrlichter tanzen im Hintergrund. Maudlin tritt auf, wieder in ihrer wahren, krummen Gestalt. Sie trägt eine Schale mit rauchenden Kräutern und zieht mit ihrem Stock eine Furche in den Schlamm.)


MAUDLIN

Komm herbei, du flinker Geist der Nacht!

Der du im Rahmtopf rührst, das Vieh erschreckst,

Und Wanderer vom rechten Pfade lockst.

Puck-Hairy! Hörst du deiner Herrin Ruf?

Der Kreis ist offen und der Sumpf dampft süß –

Erscheine mir, du Ausgeburt des Trughaus!


(Ein schrilles Lachen ertönt. Mit einem kleinen Knall und grünem Rauch springt Puck-Hairy, ein behaarter, koboldhafter Geist, hinter einem Weidenstumpf hervor.)


PUCK-HAIRY

Da bin ich schon! Ich flog auf einer Eule

Vom fernen Hügel direkt in deinen Sumpf.

Was gibt es zu tun, alte Mutter Maudlin?

Soll ich die Milch im Sherwood sauer machen,

Oder den Pferden in die Mähnen flechten,

Dass sie vor Angst den Reiter abwerfen?

Ich bin zu jedem Schabernack bereit!


MAUDLIN

Ein Schabernack genügt mir heute nicht.

Die Jagd ist aufgerollt! Der alte Alken

Hat meinen Trug durchschaut; sie suchen mich

Mit Spießen, Hunden und mit blankem Stahl.

Robin und Marian sind wieder eins –

Ihr süßes Bündnis brennt in hellem Zorn.

Ich brauche deine Täuschung, treuer Geist!


PUCK-HAIRY

(tanzt belustigt im Kreis)

Sie jagen dich? O herrlich laute Jagd!

Sie laufen durch das Dickicht wie die Blinden.

Ich sah Lord Robin erst am Kreuzweg stehen:

Er rief nach Marian, die links von ihm schritt,

Doch ich blies Nebel ihm ins Angesicht,

Dass er die eigne Hand vor Augen nicht sah.

Wie kann ich dir helfen, die Meute zu verwirren?


MAUDLIN

Geh zu den Hirten! Nimm Clarion dir vor,

Und Lionel, den hitz’gen jungen Blut.

Flüstre als Echo ihnen in das Ohr,

Dass Robin Hood Earine geraubt,

Um sie im geheimen Lager zu besitzen!

Säe den Argwohn, dass die Jägerschar

Die Hirten nur benutzt als bill’ge Knechte.


PUCK-HAIRY

(grinst breit)

Ein herrlich' Gift! Ich werde zu ihnen fliegen,

Als Windhauch durch die dichten Farne gleiten.

Ich sage Clarion, dass Robins Jäger

Sein liebstes Lamm im tiefen Wald geschlachtet.

Und Lionel soll glauben, dass sein Weib

Vom stolzen Little John verführt ward!

Sie werden sich die Hälse brechen wollen,

Eh' noch der Morgen diesen Nebel lichtet.


MAUDLIN

Gut so, mein Puck! Und während sie sich schlagen,

Und Robins Männer gegen Hirten wüten,

Bring ich Earine aus diesem Wald.

Mein Lorel soll sie tief im Moor begraben,

Wo kein Gesetz des Sherwood uns erreicht.

Geh los, spinn deine Netze flink und fein –

Das ganze Tal soll eine Hölle sein!


PUCK-HAIRY

Ich laufe schon! Ich fliege wie der Pfeil!

Verwirrung stiften ist mein schönstes Spiel!


(Puck-Hairy schlägt ein Rad, lacht gellend auf und verschwindet blitzartig im dichten Nebel. Maudlin blickt ihm triumphierend nach.)




Szene 3


(Ein finsterer, felsiger Pfad im Wald, nahe an Maudlins Schlucht. Alken tritt vorsichtig auf, eine brennende Fackel in der einen, einen Eschenstab in der anderen Hand. Ihm folgen leise Robin Hood, Marian, Little John und Scarlet mit gezogenen Waffen.)


ALKEN

Halt ein, Lord Robin! Keinen Schritt mehr vorwärts!

Der Boden hier wird weich und riecht nach Schwefel.

Seht ihr den Dunst, der aus den Felsen kriecht?

Das ist die Grenze ihrer dunklen Macht.

Hier hat das Biest den Bannkreis hergezogen,

Ein unsichtbares Netz aus Fluch und Haß,

Das jeden Geist, der ungefeit ihn bricht,

In Wahnsinn oder nackten Schrecken stürzt.


ROBIN HOOD

Ich spür den Druck auf meiner Brust, Clarion –

Es ist, als ob die Luft zu Blei gerinnt.

Doch mein Gewissen ist so rein wie hell,

Kein Hexenwerk hält meine Schritte auf.

Sag, weiser Alken, wie durchbrechen wir

Die unsichtbare Mauer dieser Nacht?


MARIAN

Schaut dort! Auf jener Klippe sitzt ein Kauz,

Er starrt uns an mit Augen voller Glut.

Ist das ihr Späher, der die Herrin warnt?

Mein Bogen brennt, ich schieße ihn herab!


ALKEN

Lass ab, Frau Marian! Triffst du den Vogel,

So fließt das Gift nur schneller durch das Tal.

Wir müssen diesen Kreis mit Eisen brechen.

Little John, tritt vor! Du starker Mann,

Nimm deinen Spieß, der vorn beschlagen ist

Mit reinem Stahl aus Nottinghamer Schmiede.

Zieh eine tiefe Furche durch das Moos,

Genau von Osten, wo der Morgen naht,

Bis hin nach Westen, wo die Sonne stirbt.


LITTLE JOHN

Das ist ein Werk, das mir im Arm behagt.

Weich weichen Mächte vor dem guten Stahl!


(Little John tritt vor und stößt die eiserne Spitze seines Spießes mit Wucht in den Boden. Er zieht eine tiefe Linie durch die Erde. Ein leises, unterirdisches Grollen ertönt; ein bläulicher Funke sprüht aus dem Boden, und der Nebel lichtet sich ein wenig.)


SCARLET

Beim Jupiter! Der Boden bebte recht!

Der Nebel weicht, die Luft wird wieder frei.


ALKEN

Der erste Ring ist durch, das Netz zerreißt!

Doch bleibt auf eurer Hut, ihr tapfren Jäger:

Sie weiß nun, dass wir kommen. Ihre Kunst

Wird wilder wüten, wenn die Not ihr naht.

Schließt eure Reihen, haltet fest das Holz,

And lasst kein Flüstern euer Herz betören.


ROBIN HOOD

Der Pfad ist frei. Nun gibt es kein Zurück.

Wir spüren sie in ihrer Höhle auf!

Folgt mir, ihr Jäger, unerschrocken nach –

Der Kreis ist offen und die Hexe nah!


(Sie rücken mit vorgehaltenen Waffen und Fackeln entschlossen tiefer in die finstere Schlucht vor.)




Szene 4


(Das Herz der finsteren Schlucht. Eine karge Felswand, an der schaurige Totenköpfe von Tieren hängen. Maudlin steht im Zentrum, umgeben von einem flackernden, grünlichen Feuer. Robin Hood, Marian, Alken, Little John und Scarlet brechen von allen Seiten mit Fackeln und Waffen durch das Gebüsch und kesseln sie ein.)


ROBIN HOOD

Hier steht das Biest! Endlich im Licht der Fackel!

Der Lauf ist aus, Frau Maudlin Papplewicks.

Dein Trug ist offenbar, dein Kreis zerbrochen,

Und Sherwood fordert Rechenschaft von dir.

Gib uns die schöne Braut Earine zurück,

Und sühne den Verrat, den du gesät!


MAUDLIN

(weicht ein Stück zurück, zischt wie eine Natter)

Zurück, ihr Hunde! Weicht von meiner Schwelle!

Glaubt ihr, ihr fangt mich wie ein zahmes Lamm,

Weil ihr mit Eisen in die Erde stecht?

Ich bin die Herrin dieser finstren Schlucht!

Die Nacht gehört mir, und der schwarze Sumpf

Speist meine Adern mit der Kraft des Todes!


(Sie hebt ihre dürren Arme und beschwört das Feuer)


Ihr Geister, hört mich an! Speit Feuerschein!

Lasst diese Fackeln in den Händen schmelzen,

Dass ihnen das Fleisch von ihren Knochen brennt!

Verblendet ihre Augen mit dem Schlamm,

Und schlagt sie mit dem Aussatz dieser Nacht!


(Ein heftiger Windstoß fährt durch die Schlucht, das grüne Feuer flammt hoch auf. Scarlet weicht erschrocken zurück.)


SCARLET

O weh, Lord Robin! Seht das Feuer an!

Die Luft brennt heiß, mein Atem stockt im Hals!


ALKEN

(tritt mutig vor, hebt seinen Eschenstab)

Steh fest, mein Junge! Weiche keinen Zoll!

Ihr Fluch ist ohnmächtig, da wir im Recht!

(Er deutet mit dem Stab auf Maudlin)

Ich breche deinen Bann, du alte Brut!

Im Namen dessen, der die Sterne lenkt

Und diesen Wald mit reinem Grün bekleidet,

Befiehl ich deinem Feuer, zu erlahmen!

Das Eisen schützt uns, und dein Wort verhallt

Wie hohler Wind im herbstlich welken Laub.


MARIAN

(spannt ihren Bogen und zielt direkt auf Maudlins Brust)

Gib auf, du Hexe! Siehst du diesen Pfeil?

Er stahl dir schon einmal dein rauhes Herz,

Als du im Pelz des Hasen durchs Unterholz schlüpftest.

Wenn du nicht sprichst, wo du das Kind versteckst,

Durchbohrt der Stahl die lügenhafte Brust!


MAUDLIN

(schreit gellend auf, windet sich vor Wut)

Verdammt sei deine Hand, Frau Marian!

Verdammt sei Robin und sein ganzes Volk!

Ihr wollt das Mädchen? Sucht sie in der Erde!

Sucht sie im Schlamm, sucht sie im tiefen Fluss,

Wo Aeglamours Verstand im Wahnsinn schwimmt!

Ich werde eher dieses Tal verbrennen,

Als dass ich eurem Stolz zu Füßen krieche!


(Sie murmelt hastig unverständliche, gurgelnde Zauberworte und schlägt mit ihrem Stock auf den Felsen. Funken sprühen, und die Felswand scheint im fahlen Licht zu erzittern.)


LITTLE JOHN

Sie webt ein neues Netz! Greift zu, ihr Männer!

Bevor sie uns im Nebel ganz entschwindet!


(Robin Hood und Little John stürzen mit erhobenen Waffen auf den magischen Kreis zu, während Maudlin die Arme hebt, um ihren letzten, verzweifelten Zauber zu entfesseln.)




Szene 5


(Die Schlucht. Robin Hood und Little John stürzen mit gezogenen Waffen vorwärts. Maudlin steht mit erhobenen Armen da, die Haare fliegen wild im magischen Sturm, das grüne Feuer lodert auf dem Höhepunkt seiner Kraft.)


MAUDLIN

Ihr wagt es, meine Schwelle zu verletzen?!

So speit, ihr Felsen, euer tiefstes Gift!

Der Sherwood soll an diesem Tag ertrinken

In schwarzem Blut, und Marian soll sehen,

Wie ihr geliebter Robin hier verfällt!

Ich rufe dich, Puck-Hairy! Brich den Damm!

Lass Trents Gewässer über diese Jäger—


ROBIN HOOD

(bricht durch den Flammenring, das Schwert erhoben)

Dein Rufen ist umsonst! Das Eisen bricht

Dein letztes Wort! Stirb, alte Brut der Nacht,

Oder gib frei—


(An dieser Stelle bricht das Manuskript Ben Jonsons abrupt ab. Der Dialog verstummt mitten im Vers. Das Licht auf der Bühne wandelt sich von theatralischem Grün zu einem warmen, neutralen Schein. Ein Sprecher im modernen Gewand tritt vor den unvollendeten Vorhang.)




Akt IV


Szene 1


(Ort: Die hohle Eiche im dichten Wald. Nach dem Sieg über Maudlin führen Robin Hood und Alken die gefesselte Hexe und den jammernden Lorel zum Baum. Marian und Little John tragen Fackeln.)


ROBIN HOOD

Hier steht das Holz, das jenen Schatz verbirgt.

Nun, alte Hexe, sprich das Lösungswort,

Das diesen stummen Stamm als Kerker schloss,

Eh’ wir das Beil an deine Wurzeln legen!


MAUDLIN

(spuckt giftig aus, krampfhaft gefesselt)

Fluch eurem Sieg! Fluch diesem lichten Tag!

Ihr habt den Körper mir in Stahl gelegt,

Doch meine Zunge weigert sich zu dienen.

Lasst sie verfaulen in dem finstren Loch!


ALKEN

Sie schweigt aus Trotz. Doch schaut den Riegel an:

Er ist mit Krötenblut und Farn geweiht.

(Er berührt den Riegel mit seinem eisernen Eschenstab)

Weich, finstrer Geist! Das Eisen bricht den Bann,

Der Unschuld hier im hohlen Holz umschloss.


(Der Riegel springt mit einem lauten Krachen auf. Die Holztür öffnet sich. Earine tritt heraus, blass, aber unversehrt. Sie blinzelt in das Fackellicht.)


EARINE

Ist es ein Traum? Seh’ ich des Himmels Licht?

Und seid ihr Menschen oder holde Geister,

Die mich erlösen aus der ew’gen Nacht?


MARIAN

(eilt herbei und schließt sie in die Arme)

Wir sind es, Kind! Die Jäger dieses Walds.

Die Hexe Papplewicks ist nun besiegt,

Und niemand raubt dir mehr die Freiheit hier.

Komm raus ins Licht, dein Leiden hat ein Ende.


EARINE

(blickt sich suchend um)

Doch wo ist er? Wo ist mein Aeglamour?

Im Traum vernahm ich seine Stimme rufen,

Sie klang so wild, so voller Schmerz und Harm...


ROBIN HOOD

Wir müssen ihn im tiefen Dickicht suchen.

Der Wahn hat seinen Geist ganz umgattert,

Seit er dich in den grauen Fluten wähnte.

Komm mit uns, Maid, dein Antlitz ist die Medizin,

Die ihn vom Schlummer dieser Welt erweckt.




Szene 2


(Eine andere Lichtung. Aeglamour sitzt am Boden, wirr mit Blättern im Haar, und spricht mit seinem Schatten. Robin, Marian, Alken und Earine nähern sich behutsam.)


AEGLAMOUR

Der Trent ist tief... und alle Fische weinen...

Sie bringen mir ihr Herz auf Silberplatten.

Wer klopft da an mein königliches Grab?


EARINE

(tritt leise und tränenüberströmt vor ihn)

Aeglamour... mein Liebster. Schau mich an.


AEGLAMOUR

(fährt erschrocken zurück, hält die Hände vor die Augen)

Weich, holder Geist! Flieg nicht so nah vorbei!

Die Strömung hat dein schönes Aug' getrübt,

Warum erscheinst du mir im Trauerkleid?

Ich folg dir gleich ins kalte, nasse Bett...


EARINE

(kniet vor ihm nieder und nimmt seine Hände)

Ich bin kein Geist, kein Schatten aus der Flut!

Berühr mein Fleisch, es ist so warm wie deines.

Die Hexe hielt mich in der Eiche fest,

Doch Robins Mut hat mich dem Licht zurückgegeben.

Ich lebe, Aeglamour! Ich lebe noch für dich!


AEGLAMOUR

(starrt sie lange an; sein Blick verändert sich langsam, die Wildheit weicht einer tiefen Rührung)

Die Hand ist warm... Das Auge brennt nicht mehr

Im kalten Glanz des Todes... O ihr Götter!

Earine! Bist du es wirklich selbst?

Es bricht der Nebel aus dem matten Hirn,

Wie Winterschnee vor junger Frühlingssonne!


(Er fällt ihr weinend um den Hals)


Mein süßes Licht! Das Universum lebt!

Der Fluss hat seine Beute ausgespien,

Und Aeglamour ist wieder ganz ein Mensch!


ALKEN

(lächelt gerührt im Hintergrund)

Seht, wie die Wahrheit den Verstand geheilt!

Kein Kraut der Erde hat so große Macht

Wie diese Liebe, die den Tod verlacht.




Akt V


Szene 1


(Die Festlichtung im Sherwood Forest, nun im strahlenden Sonnenlicht des nächsten Morgens. Die Tische sind mit frischen Blumen und grünen Zweigen geschmückt. Jäger und Hirten stehen im Kreis. Robin Hood und Marian stehen als Gastgeber im Zentrum. Aeglamour und Earine sowie Karolin und Amie treten paarweise vor, festlich gekleidet.)


ROBIN HOOD

Der Morgen bricht den letzten Schatten nun,

Und Sherwood strahlt in neuem, hellem Grün.

Die Nacht der Hexerei und Furcht wich weit,

Und weicht nun dieser frohen Hochzeitszeit!

Zwei Paare stehen unterm Blätterdach,

Die durch den Sturm zu eignem Glück erwacht.


FRIAR TUCK

(hebt die Hände zum Segen)

Bei Gott, ein Anblick, der das Herz erweicht!

Der Himmel selbst hat diesen Bund gereicht.

Vergessen ist der Schmerz, vorbei die Pein,

Ihr sollt im Leben treu verbunden sein.

Ich segne eure Hand, das junge Blut –

Die Liebe ist des Menschen höchstes Gut!


AEGLAMOUR

(blickt zärtlich zu Earine)

Mein Auge, das nur trübe Tränen fand,

Blickt nun auf dich, mein schönes Heimatland.

Earine, du kamst aus Nacht und Holz,

Und machst den trau’ren Hirten wieder stolz.

Kein Fluss, kein Fluch trennt, was der Gott vereint,

Da uns das Schicksal heute wieder scheint.


EARINE

An deiner Brust vergisst das Herz die Nacht,

In der mein Geist so bang und einsam wachte.

Der Wald ist frei, die Herde wartet mein,

Und Aeglamour soll mein Gebieter sein.


AMIE

(hält Karolins Hand fest umschlungen)

Und ich fand Trost, wo ich nur Schmerz erfuhr,

Dein Lied, mein Karolin, ward meine Spur.

Die Krankheit wich, da du dich mir gesellt,

Du bist mein Licht in dieser weiten Welt.


KAROLIN

(schüchtern, aber glücklich)

Ich singe fortan nur für dich allein,

Mein Ton soll dir ein steter Balsam sein.

Die Liebe wählte einen eig’nen Pfad,

Der uns so sanft zusammengeführt hat.


MARIAN

(tritt vor und reicht den Bräuten Kränze aus Jasmin)

So tragt die Kronen, frisch vom Strauch gepflückt,

Der diese Stirn mit weißer Unschuld schmückt.

Im Sherwood Forest gibt es keinen Zwang,

Hier herrscht die Freiheit und der Vögel Sang.


ALKEN

(tritt weise lächelnd vor)

Nun schließt den Reigen, blast die Flöten an!

Es feiere der Hirt und Jägersmann.

Die Bosheit wich, das Recht hat nun gesiegt,

Weil sich das Herz dem edlen Sinn gefügt.


ROBIN HOOD

Stimmt an das Lied! Das Fest soll nun beginnen,

Lasst uns den Wein in helle Becher rinnen!

Der Sherwood lebe, hoch das junge Paar –

Die Liebe siegt, heut und in jedem Jahr!


(Die Musik setzt schwungvoll und fröhlich ein. Jäger und Hirten reichen sich die Hände und beginnen einen großen, jubelnden Tanz um die beiden Brautpaare. Robin Hood und Marian blicken lächelnd auf das Fest, während der Vorhang langsam fällt.)


ENDE DES STÜCKES


EPILOG


ROBIN HOOD

(tritt allein vor den gefallenen Vorhang, blickt zum Abendhimmel und legt die Hand aufs Herz)


Das Spiel verhallt, der Tanz ist nun vorbei,

Die Welt der Hirten wieder froh und frei.

Doch wenn der Vorhang diese Nacht verschließt,

Mein Herz, o Herrin, deinen Namen grüßt.

Nicht ird'sche Maid, wie schön sie auch entspross,

Hält meine Seele hier im Waldschloss groß.

Du, Jungfrau Maria, rein und wunderbar,

Bist meine Zuflucht, heut und immerdar.


In deinem Glanz brennt meines Bogens Kraft,

Wenn meine Schar für Recht und Freiheit schafft.

Du Schützerin der Armen in der Not,

Du reichst den Hungernden das Lebensbrot.

Wenn Maudlins Schatten uns mit Trug umflicht,

Führt uns dein Name stets zurück zum Licht.

Der Sherwood weicht vor deinem heil’gen Thron,

Du Mutter Gottes und ihr holder Sohn.


Nimm diesen Wald als deinen Tempel an,

Wo jeder Baum dich loben, beten kann.

Und bricht mein Pfeil im letzten, schweren Streit,

So führ mich heim in deine Ewigkeit.


(Er kniet auf ein Knie nieder, neigt das Haupt und bekreuzigt sich im fahlen Mondlicht.)