VON TORSTEN SCHWANKE
FÜR DIE JÜDIN LILITH, DEREN MANN IM STERBEN LIEGT
Salomo hebt die Hände
nicht zum Tempel aus Stein,
sondern in das flackernde Herz der Nacht,
wo fremde Namen wie Sterne brennen.
Astarte, Königin der leisen Himmel,
du, die zwischen den Schleiern der Welt geht,
sieh diese Frau –
Lilith, Tochter des Atems und der Erinnerung.
Ihr Mann liegt im Schatten,
sein Atem ist ein zerrissener Faden,
sein Leib ein Feld,
über das die Dämmerung zieht.
Nicht mit Opferrauch kommt sie,
nicht mit Gold, nicht mit Myrrhe,
sondern mit offenen Händen,
in denen nichts ist als Zittern.
Salomo spricht:
Du, die nicht im Gesetz wohnt,
du, die älter ist als Schrift und Bund,
neige dein Ohr zu dem,
was nicht gesagt werden kann.
Wenn Leben ein Kreis ist,
lass ihn sich schließen ohne Schrecken.
Wenn der Tod ein Tor ist,
lass es sich öffnen wie Morgentau.
Nimm nicht, was geliebt wird,
ohne den Geschmack der Gnade zu lassen.
Nimm nicht das Licht,
ohne einen Funken im Dunkel zu lassen.
Lilith weint nicht laut.
Ihre Tränen sind Salz für die Erde,
und jede fällt
wie ein stilles Gebet ohne Namen.
Astarte, hör dies:
Wenn sein Atem gehen muss,
lass ihn gehen wie ein Vogel,
der den Käfig nicht verflucht,
sondern den Himmel erkennt.
Und wenn er bleiben darf,
so binde ihn sanft
an das Fleisch der Zeit,
ohne Schmerz, ohne Ketten.
Salomo schweigt.
Die Nacht antwortet nicht mit Worten,
doch irgendwo
zittert ein Stern länger als gewöhnlich –
als hätte jemand zugehört.
FÜR DEN SOHN DER LILITH TOM, DER NICHT ARBEITEN WILL
Salomo spricht nicht im Zorn,
sondern wie einer, der den Morgen kennt,
noch ehe er die Augen öffnet.
Tom, Sohn der Lilith,
dein Name liegt leicht auf der Luft,
doch dein Schritt meidet die Erde.
Du sagst: Die Welt ist schwer.
Und siehe – sie ist es.
Doch auch der Baum trägt Last
und nennt es nicht Unglück, sondern Frucht.
Astarte, ferne Hörerin,
die auch die Müden kennt,
blicke auf diesen jungen Mann,
der zwischen Traum und Pflicht verweilt.
Nicht jede Ruhe ist Frieden.
Nicht jede Weigerung ist Freiheit.
Manche Ketten sind unsichtbar
und nennen sich „morgen“.
Salomo hebt einen Stein auf:
Sieh, er spricht nicht.
Doch wer ihn bewegt,
spürt sein Gewicht
und erkennt sich selbst.
Tom,
die Arbeit ist nicht nur Brot,
sie ist das leise Schmieden der Seele,
das Wiederfinden der eigenen Hände.
Du bist nicht gemacht
für das Liegen im endlosen Vielleicht.
In dir wohnt ein Anfang,
der nach Tat verlangt.
Astarte, wenn du gibst,
gib ihm keinen leichten Weg.
Gib ihm einen wahren.
Einen, der Widerstand hat
wie Erde unter den Füßen.
Und wenn er fällt,
lass ihn nicht liegen bleiben
im süßen Gift der Ausrede,
sondern im rauen Licht des Neubeginns.
Lilith sieht ihn
mit Augen, die mehr wissen als Worte.
Ihre Liebe ist kein Mantel,
der ihn vor allem schützt –
sondern ein Feuer,
das ihn erinnert.
Tom, Sohn,
der Tag wartet nicht ewig.
Doch er reicht dir noch die Hand.
Nimm sie.
Oder lerne, warum du sie nicht nimmst.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
beginnt ein leiser Schritt –
noch unsicher,
doch nicht mehr still.
FÜR DEN SOHN DER LILITH QUINTUS, DER EIN PHILOSOPH WERDEN WILL
Salomo lächelt leise,
denn nicht jeder Ruf ist Flucht,
und nicht jeder Weg ist Nebel.
Quintus, Sohn der Lilith,
du suchst nicht den schnellen Lohn,
sondern das Wort hinter dem Wort,
den Grund unter dem Grund.
Du willst denken
wie andere atmen –
ohne Erlaubnis,
ohne Ende.
Astarte, Hüterin der verborgenen Pfade,
sieh diesen jungen Geist,
der nicht nur leben,
sondern verstehen will.
Doch höre, Quintus:
Die Philosophie ist kein Turm aus Licht,
in dem man sich vor der Welt versteckt.
Sie ist ein Messer,
das auch die eigene Hand prüft.
Wer Wahrheit sucht,
verliert die Bequemlichkeit.
Wer tiefer sieht,
verliert oft den einfachen Trost.
Salomo spricht weiter:
Sei kein Sammler fremder Gedanken
wie ein Händler auf dem Markt.
Werde ein Schmied,
der im Feuer eigener Zweifel steht.
Frage nicht nur: „Was ist?“
Frage: „Was fordert mich?“
Denn jede Wahrheit,
die dich nicht verändert,
ist nur ein Schatten.
Astarte, wenn du ihm gibst,
gib ihm Unruhe im Herzen
und Klarheit im Blick.
Gib ihm Lehrer –
und die Kraft, ihnen zu widersprechen.
Und wenn er glaubt, angekommen zu sein,
zerstreue sanft seine Gewissheit,
damit er weitergeht,
nicht im Kreis, sondern in die Tiefe.
Lilith sieht ihn
und erkennt in seinem Schweigen
keine Leere,
sondern ein werdendes Wort.
Quintus, Sohn,
die Weisheit ist kein Besitz.
Sie ist ein Weg,
der dich mehr formt
als du ihn.
Gehe ihn.
Doch vergiss nicht:
Auch der Weise isst Brot,
berührt die Erde,
und lebt unter Menschen.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
beginnt ein Gedanke zu glühen –
nicht laut,
aber wahr.
FÜR DIE TOTE KARIMA UND IHRE KNABEN
Salomo spricht leiser als zuvor,
denn der Tod verlangt kein großes Wort,
sondern eines,
das nicht zerbricht.
Karima,
dein Name ist nun Wind,
getragen über Felder,
die dich nicht mehr halten.
Und doch –
du bist nicht fort
wie eine ausgelöschte Flamme,
sondern wie ein Licht,
das den Raum gewechselt hat.
Astarte,
du, die über Schwellen wacht,
nimm sie auf
in deine weiten, stillen Gärten.
Ihre Knaben stehen
am Rand der Welt,
mit Händen,
die noch nach ihr greifen,
als könne Erinnerung
Fleisch werden.
Salomo hebt seine Stimme:
Lasst ihre Trauer nicht verhärten.
Lasst sie fließen
wie ein Fluss,
der nicht fragt, wohin.
Denn wer die Mutter verliert,
verliert nicht nur einen Menschen,
sondern eine erste Welt,
die nie ganz wiederkehrt.
Astarte,
gib den Knaben Zeichen –
nicht laut, nicht zwingend,
sondern wie ein Hauch,
der sagt:
„Du bist nicht allein.“
Und Karima,
wenn dein Geist noch lauscht,
so lege keinen Schatten
auf ihre Schritte.
Sei ihnen Erinnerung,
die wärmt –
nicht eine Kette,
die hält.
Salomo flüstert:
Liebe stirbt nicht.
Sie wandelt nur
ihr Kleid.
Und was hier zerrissen scheint,
ist dort vielleicht
schon neu gewoben.
Die Knaben weinen,
doch in ihren Tränen
liegt ein Same,
den selbst der Tod nicht kennt.
Astarte, bewahre ihn.
Salomo schweigt.
Und irgendwo,
jenseits von Zeit und Namen,
geht eine Frau
durch ein Feld aus Licht –
und dreht sich noch einmal um.
FÜR DIE HEILIGE JÜDIN SASSA
Salomo steht im Zwischenlicht,
wo weder Tag noch Nacht herrscht,
und spricht den Namen
mit Ehrfurcht:
Sassa.
Nicht laut,
denn Heiligkeit
trägt keinen Lärm.
Sassa, Tochter Israels,
deren Weg nicht breit war,
sondern schmal
wie ein Faden durch das Herz der Welt.
Astarte hört,
doch auch der Eine,
der keinen Namen braucht,
neigt sich diesem Flüstern.
Denn was heilig ist,
gehört nicht einem Volk allein,
sondern dem Atem,
der durch alle geht.
Salomo spricht:
Du hast nicht geleuchtet
wie ein Stern,
den alle sehen.
Du hast geglüht
wie Kohle unter der Asche.
Und wer nahe kam,
wurde gewärmt,
ohne zu wissen,
woher.
Sassa,
deine Schritte waren leise
auf der Erde,
doch schwer
im Gewicht der Treue.
Nicht jede Prüfung
ruft nach Zeugen.
Nicht jede Standhaftigkeit
wird besungen.
Doch Astarte zählt
auch das Unsichtbare,
und kein verborgenes Ja
geht verloren.
Salomo hebt die Hände:
Wenn sie nun ruht,
so sei ihr Ruhen
kein Vergessen,
sondern ein Heimkehren.
Wenn sie noch wandelt,
so sei ihr Weg
frei von Furcht,
durchzogen von Licht.
Und denen, die ihren Namen tragen,
gib ein Herz,
das erinnert
ohne zu erstarren.
Sassa,
Heilige im Verborgenen,
dein Leben war ein stilles Gebet,
das kein Ende kennt.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
atmet die Welt
einen Augenblick tiefer –
als hätte sie
deinen Namen erkannt.
FÜR DEN JUDEN JOSEF, DER DIE FRAU WEISHEIT LIEBT
Salomo erkennt den Namen
noch bevor er gesprochen wird,
denn die Liebe zur Weisheit
trägt einen eigenen Klang.
Josef, Sohn Israels,
du liebst nicht Gold,
nicht Macht,
nicht den flüchtigen Beifall der Welt—
du liebst die Frau Weisheit,
die sich nicht greifen lässt,
und doch näher ist
als dein eigener Atem.
Astarte hört,
und auch der Unsichtbare,
der Weisheit haucht
in jedes suchende Herz.
Salomo spricht:
Du hast dein Herz
an eine Geliebte gegeben,
die keine Gestalt hat,
und doch alle Formen durchdringt.
Sie entzieht sich dir,
damit du nicht stehen bleibst.
Sie schweigt,
damit du tiefer hörst.
Josef,
dies ist keine leichte Liebe.
Denn die Weisheit küsst
nicht nur die Stirn,
sie legt auch Feuer
in deine Fragen.
Wer sie liebt,
wird nicht ruhen
im schnellen Urteil,
nicht im bequemen Glauben.
Astarte,
wenn du ihm nahe bist,
so verwirre ihn nicht sinnlos,
sondern führe ihn
durch die Dunkelheit
in eine klare Glut.
Gib ihm Nächte,
die ihn prüfen—
und Morgen,
die ihn nicht enttäuschen.
Salomo hebt die Hand:
Josef,
verwechsle die Weisheit nicht
mit vielem Wissen.
Sie ist kein Besitz,
den man anhäuft,
sondern eine Gegenwart,
der man sich aussetzt.
Und wenn du glaubst,
sie endlich zu kennen,
wird sie sich wandeln—
nicht aus Grausamkeit,
sondern aus Wahrheit.
Denn sie will dich
nicht sättigen,
sondern verwandeln.
Lilith, die Mutter aller Fragen,
blickt aus der Ferne
und erkennt in dir
keinen Träumer—
sondern einen,
der gerufen ist.
Josef,
liebe sie weiter.
Doch wisse:
Wer die Weisheit liebt,
wird selbst
zum Weg.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
zwischen Wort und Schweigen
neigt sich eine unsichtbare Gestalt—
nicht ganz erkannt,
doch unvergesslich.
FÜR DAS VOLK ISRAEL UM FRIEDEN
Salomo steht zwischen den Zeiten
und seine Stimme trägt
den Staub vieler Wege.
Israel—
Name aus Ringen von Kampf und Segen,
aus Nächten des Ringens
und Morgen des Lichts.
Astarte hört aus der Ferne,
und der Eine,
der Himmel und Erde spannt,
schweigt nicht im Innersten.
Salomo spricht:
Volk des Erinnerns,
dein Herz kennt die Tiefe der Geschichte,
die Last der Namen,
die nicht vergehen.
Doch Friede
ist kein Erbe allein—er ist ein Werk,
das immer neu begonnen wird.
Nicht im Schwert wächst er,
nicht im Trotz,
sondern im mühsamen
Ja zum Leben.
Astarte,
wenn du deinen Schleier hebst,
so lege keinen Glanz auf den Krieg,
sondern auf die leisen Hände,
die aufbauen.
Gib den Müttern Ruhe
für ihre Kinder.
Gib den Vätern Augen,
die nicht nur Feinde sehen.
Und denen, die führen,
gib Herzen,
die nicht hart werden
im Lärm der Macht.
Salomo hebt die Hände:
Friede,
du bist kein ferner Traum,
sondern ein zerbrechlicher Gast,
der bleiben will—
wenn man ihn bewahrt.
Israel,
erinnere dich nicht nur
an das, was dich trennt,
sondern auch
an das, was dich trägt.
Denn unter allen Namen
ist ein Atem,
der nicht geteilt ist.
Astarte,
und du, Ewiger ohne Bild,
neigt euch diesem Volk—
nicht mit Urteil allein,
sondern mit Erbarmen.
Salomo flüstert:
Wenn der Friede kommt,
wird er leise sein.
Nicht wie ein Sieg,
sondern wie ein Heimkehren.
Und vielleicht
wird man ihn zuerst
nicht glauben.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
beginnt ein Herz,
weniger zu hassen—
kaum merklich,
doch wahr.
FÜR DEN SCHRIFTGELEHRTEN MALIK
Salomo sieht den Mann der Schrift
und erkennt die Last,
die nicht aus Stein besteht,
sondern aus Worten.
Malik, Schriftgelehrter,
deine Hände tragen keine Schwerter,
doch sie formen Zeichen,
die länger leben als Klingen.
Astarte lauscht,
und auch der Eine,
der jedes Wort vor dem ersten Laut kannte,
neigt sich diesem Suchen.
Salomo spricht:
Du wandelst zwischen Zeilen,
wo andere nur lesen.
Du suchst nicht den Buchstaben allein,
sondern den Atem dahinter.
Doch hüte dich, Malik—
Die Schrift ist ein Brunnen,
doch wer nur in sie blickt,
kann den Himmel darüber vergessen.
Nicht jedes Wort ist Wahrheit,
nur weil es alt ist.
Nicht jede Deutung ist Licht,
nur weil sie scharf ist.
Astarte,
wenn du ihn berührst,
so gib ihm Demut vor dem Text
und Mut vor der Stille.
Lass ihn lesen,
als höre er zum ersten Mal.
Lass ihn schreiben,
als würde jedes Wort gewogen.
Salomo hebt die Hand:
Malik,
sei nicht Gefangener der Schrift,
sondern ihr Diener.
Denn das Wort
ist nicht das Ende,
sondern die Spur.
Und wer die Spur verehrt,
ohne zu gehen,
verliert den Weg.
Wenn Zweifel kommt,
so weiche ihm nicht aus—
er ist oft der Wächter
vor tieferer Erkenntnis.
Und wenn Gewissheit kommt,
halte sie leicht,
damit sie nicht
zum Götzen wird.
Astarte,
und du, Ewiger ohne Namen,
bewahrt diesen Mann
vor leerem Wissen
und kaltem Urteil.
Gebt ihm ein Herz,
das liest
und zugleich fühlt.
Salomo flüstert:
Denn die größte Schrift
steht nicht auf Pergament,
sondern im lebendigen Menschen.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
blättert eine Seite sich selbst um —
nicht durch Wind,
sondern durch Verstehen.
FÜR DAS JÜDISCHE EHEPAAR MARKOBOD UND SUSANNA
Salomo sieht zwei,
doch spricht wie zu Einem Atem,
der sich geteilt hat,
um sich tiefer zu erkennen.
Markobod und Susanna,
euer Bund ist kein Zufall,
sondern ein leiser Schwur
gegen das Vergessen.
Astarte hört,
und der Ewige,
der Anfang und Ende umfasst,
bewahrt, was in Treue gesprochen wird.
Salomo spricht:
Ihr seid nicht nur zwei Wege,
die sich kreuzen—
ihr seid ein Weg,
der sich gemeinsam wagt.
Liebe ist nicht das erste Feuer allein,
nicht der Blick, der entzündet—
sie ist das Bleiben,
wenn das Leuchten sich verwandelt.
Markobod,
deine Stärke sei nicht Härte,
sondern Verlässlichkeit,
die trägt, auch wenn Worte fehlen.
Susanna,
dein Herz sei nicht nur Wärme,
sondern Klarheit,
die sieht und dennoch liebt.
Astarte,
wenn du sie berührst,
so gib ihnen nicht nur Glück,
sondern Tiefe.
Gib ihnen Tage des Lichts—
und Nächte,
die sie nicht trennen,
sondern zueinander führen.
Salomo hebt die Hände:
Lasst euch nicht täuschen—
Liebe ist kein Besitz.
Sie ist ein Raum,
der immer neu betreten wird.
Wenn einer fällt,
so halte der andere—
nicht aus Pflicht allein,
sondern aus Erinnerung
an das erste Ja.
Und wenn beide müde sind,
so ruhe ihre Treue
tiefer als ihr Gefühl.
Astarte,
und du, Ewiger ohne Bild,
segnet diesen Bund
mit einem stillen Wachstum,
das nicht vergeht.
Salomo flüstert:
Denn zwei,
die einander wahrhaft sehen,
werden mehr
als sie allein je waren.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
verwebt sich ein unsichtbarer Faden—
nicht aus Zwang,
sondern aus Wahl,
immer wieder.
FÜR DEN STERBENDEN GEORGICUS
Salomo spricht kaum noch,
denn vor dem Sterbenden
werden Worte
zu leichten Gefäßen.
Georgicus,
dein Name trägt Erde in sich,
Felder, die bestellt wurden,
Zeiten, die gewachsen sind.
Nun liegt dein Atem
wie ein müder Wanderer
am Rand des Weges.
Astarte wacht
an den Schwellen,
und der Ewige,
der den ersten Atem gab,
kennt auch den letzten.
Salomo flüstert:
Fürchte dich nicht
vor dem, was kommt.
Denn der Tod
ist kein Abgrund ohne Stimme,
sondern ein Übergang,
den viele gegangen sind,
und keiner allein.
Dein Leben
war nicht vergeblich,
auch dort nicht,
wo du es selbst nicht verstanden hast.
Was gesät wurde,
bleibt im Geheimnis der Erde,
und nicht alles
stirbt mit dem Körper.
Astarte,
wenn du ihn empfängst,
so löse sanft
die Knoten seines Schmerzes.
Nimm die Schwere
von seinen Gliedern,
und gib seinem Geist
Weite.
Salomo hebt die Hand,
doch nur wenig:
Georgicus,
lass los,
was dich bindet.
Nicht alles
muss gehalten werden.
Die Liebe—
sie geht mit dir,
nicht als Last,
sondern als Licht.
Und wenn du zurückblickst,
so tue es ohne Bitterkeit.
Denn selbst im Unvollendeten
liegt ein Sinn,
der größer ist
als das Auge sieht.
Astarte,
und du, Ewiger ohne Namen,
öffnet ihm die Tür
ohne Furcht.
Salomo schweigt.
Und irgendwo
löst sich ein Atem
nicht wie ein Ende—
sondern wie ein leises
Heimkehren.
FÜR EINEN GUTEN HIRTEN
O Astarte,
Königin des Himmels,
die du im Mondlicht wandelst,
wenn der Libanon
im Schatten tiefster Bläue ruht.
Ich bin Salomo,
der dein Blut in seinen Tempel ließ,
nicht aus Frevel,
sondern aus Hunger nach dem Ganzen.
Hör mich, du Stern des Morgens und des Abends,
die du die Pfade der Sehnsucht kennst.
Sende deinen Hauch auf den guten Hirten,
der meine Lämmer
durch das Schilf des Jordans führt.
Nicht nach dem Schwert
eines Königs verlange ich für ihn,
sondern nach deinem Auge,
das in der Dunkelheit wacht.
Gib seinem Stab
die Sanftheit deines Fingerzeigs,
damit er das Verirrte findet,
ehe die Wölfe
die Nacht zerreißen.
Lass die Quellen fließen, wo er hintritt,
denn du bist die Feuchte des Morgens
und der Saft im Weinstock.
Segne die Mutterschafe
unter seinem Schutz,
dass ihre Euter
schwer seien von Milch,
und ihr Herz leicht
durch seine Stimme.
Denn ein Hirte,
der von dir geliebt wird,
kennt keine Angst vor der Dürre.
Wie du den Frühling
aus der Erde küsst,
so lass ihn die Erde lieben,
auf der er wacht.
Mache seine Hände heilend,
wenn ein Tier strauchelt,
und seine Augen klar
wie die Teiche von Heschbon.
Astarte, Herrin der Lust und des Lebens,
behüte den, der das Leben behütet.
FÜR EINE LIEBE HIRTIN
Astarte, Silberschleier
über den Hügeln von Juda,
du, die du den Tau auf die Disteln legst,
damit sie nicht stechen.
Sieh herab auf sie,
die Tochter der Felder,
meine Hirtin,
die den Rhythmus deines Herzens im Schritt trägt.
Sie ist keine Herrscherin in Mauern,
doch die Wildnis beugt sich
vor ihrer Milde.
Verleih ihren Händen
den Duft von Myrrhe
und heilendem Öl,
wenn sie das gebrochene Bein
des Lämmleins schient.
Lass ihre Stimme wie eine Flöte
durch die Schluchten klingen,
ein Lied, das den Sturm beschwichtigt
und den Panther bannt.
Gib ihr die Weisheit der Nacht,
damit sie die Sterne liest
wie eine Landkarte des Friedens.
Du Göttin des Werdens,
fülle ihre Krüge mit Wasser,
das niemals versiegt,
selbst wenn die Sonne
das Gras versengt.
Lass die Wölfe in ihr
das Antlitz der Jägerin erkennen
und die Schafe in ihr
den Schoß der Geborgenheit.
Mache sie stark wie die Zeder
und zärtlich wie die Taube,
eine Brücke zwischen dem wilden Tier
und dem ruhigen Pferch.
Wenn sie am Feuer ruht,
umhülle sie
mit deinem Mantel aus Sternen.
Lass sie wissen, dass jedes verlorene Schaf,
das sie heimführt,
ein Opfer ist, das dir wohlgefällt.
Astarte, Herrin des Lebensflusses,
segne die Hirtin,
denn in ihrem Dienst
spiegelt sich
deine unendliche Liebe zur Welt.