VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTER GESANG
Ein Knabe aus Simavna –
Nein, höre auf das Rauschen des Windes an der Ägäis:
Der Sohn von Melek Hatun und İsrâil,
halb Grieche, halb Asiat,
gewoben aus dem Teppich zweier Welten.
Die Jahre liefen wie Pferde vor dem Sturm.
Er ging nach Bursa, nach Damaskus, in den Sand von Kairo.
Er las in den Sternen, bog das Recht wie Eisen,
fütterte seinen Hunger nach Wissen
mit Logik, mit Philosophie, mit Koran und Hadith.
Im Zelt von Timur stand er aufrecht wie eine Kiefer;
die Gelehrten verstummten,
als sein Wort die Nacht durchschnitt wie ein Messer.
Doch dann –
ein Hauch von Meryem,
das dunkle Feuer des Sufis Hüseyin von Ahlat:
Er fiel wie ein reifer Apfel in den Schoß der Askese,
wurde Meister, wurde Scheich,
umringt von Schülern,
die sahen, wie die Erde unter den Stiefeln der Sultane bebte.
Verbannt!
Nach İznik, hinter eiserne Riegel,
unter den grauen Bart des Hauses Osman.
Ein Gehalt von eintausend Akçe,
um einen Adler im Käfig zu halten?
Törichte Sultane!
Er lachte, während die Ketten klirrten,
und spann das Garn einer neuen Welt.
Hörst du sie rufen?
Unten in Aydın, am Karaburun,
wo Börklüce Mustafa die Sense wetzt:
Ausgeblieben sind nur die Henna-Abende der Geliebten, Ausgenommen davon sind wir:
Wir sind alle, wir sind alle Geschwister!“
Alles gehört allen!
Die Äcker, die Früchte, das Brot auf dem Tisch –
keine Herren, keine Sklaven, kein Gold in den Händen der Gierigen!
Und Torlak Kemal schlägt das Feuer an
im Herzen von Lydia.
Im Jahr 1416 –
ein Schatten bricht aus dem Fenster in İznik.
Er reitet über die Berge,
schleicht durch den Hafen von Sinop,
setzt über die See,
ein Graubärtiger mit den Augen von morgen,
direkt hinein in den Wind von Deliorman und Dobrudscha.
Die Bauern strömen herbei.
Sie kommen mit Holzschuhen, mit Schwielen an den Händen,
mit dem Schweiß von Jahrhunderten auf der Stirn.
Sie sehen in ihm nicht nur den Richter,
sondern den Morgenstern.
Börklüce kämpft am Berg.
Der Feind kommt mit Eisen, mit Feuer, mit reicher Zahl.
Das Blut färbt die Hänge rot,
doch die Idee stirbt nicht mit dem Schwert.
Denn das Epos ist noch nicht zu Ende, Genossen,
es brennt im Gras,
es atmet im Wind,
es wartet auf den Tag,
an dem die Ähren reif sind
und das Brot endlich allen gehört.
Ein Galgen in Serres –
nein, höre auf das Rauschen der Olivenbäume im Wind:
Der Richter aus Simavna,
der Mann mit den Augen, die das Morgenlicht sahen,
steht aufrecht im Schatten der Balken.
Sultan Mehmed schickte seine Paschas.
Sie kamen mit Eisen, mit Panzern, mit starrem Gesetz,
um das Feuer auszutreten, das in den Köpfen brannte.
Börklüce fiel am Karaburun
Torlak Kemal verlor sein Blut in Manisa.
Und der Scheich?
Gefangen, vorgeführt vor die Richter in Serres.
Eine Robe, eine Fatwa, ein Komitee von Gelehrten:
„Er rebelliert! Er bricht das Band des Glaubens!“
Sie redeten von Ketzerei, von Paragraphen, von Verrat,
während sie die Welt in Parzellen teilten.
Doch der Scheich lächelte.
Er wusste: Man kann das Fleisch hängen,
aber nicht den Wind.
Hörst du, wie sie im Vâridât flüstern?
Kein Himmel aus Stein, keine Hölle aus Pech,
keine Knochen, die aus den Gräbern springen wie Marionetten.
Das Sein ist Eins.
Gott ist die Welt, die Welle, das Korn, der Mensch!
Alles gehört allen –
die Äcker, die Sterne, der Atem im Mund.
Keine Herren, keine Sklaven,
keine goldenen Kronen auf dem Rücken des Volkes.
Das Seil strafft sich.
Das Jahr ist 1420.
Die Stadt Serres hält den Atem an.
Sie glauben, sie hätten ihn besiegt.
Törichte Sultane!
Er baumelt im Wind,
doch seine Gedanken wandern weiter.
Sie reisen auf den Eselskarren der Bauern,
sie verstecken sich in den Liedern der Vertriebenen,
sie schlafen in den Koffern der Emigranten,
die 1924 das Meer überqueren,
bis sie am Ende auf dem steinernen Boden
von Istanbul ankommen –
ruhelos, unsterblich, lebendig.
Das Epos ist nicht zu Ende, Genossen.
Es brennt im Gras von Deliorman,
es wartet im Weizen,
es pocht an die Tore der Zukunft:
„Abgesehen von der morgigen Vergeltung,
dem morgigen Tag des Gerichts,
sind wir alle, wir alle Brüder!“
Sie stritten um das Eigentum und um die Sitten,
um Männer und Frauen im gleichen Reigen,
um Wein und den Geist des Ibahismus.
„Alles gehört allen!“ rief Börklüce am Berg.
Und die Marxisten von gestern und heute
sahen in ihnen den roten Funken der Freiheit,
den Vorboten des Aufstands,
das erste Banner der Volksmacht.
Doch die Verteidiger flüstern leise in den Chroniken:
Der Scheich sei rein gewesen wie die Milch,
ohne politische Gier, ohne Aufstandsgedanken.
Es war der Neid der Jünger, die Eifersucht der Ulema,
ein Missverständnis des Vâridât, wie Bursalı sagt.
Taşköprizâde schreibt es nieder mit schwerer Hand:
„Zu Unrecht gefangen, zu Unrecht getötet.“
Keinen Orden hinterließ er,
doch die Bedreddin-Sufis wanderten fort,
fanden ihre Heimat im Herzen der Aleviten und Kızılbaş.
Ein Kult entstand im Rauch der Zeiten:
Er ist nicht tot!
Er wird wiederkehren,
um die Welt aus den Fugen zu heben
und sie neu zu ordnen.
Sieh dir seine Hände an, die das Wissen wogen!
Er schrieb das Leṭâʾifü'l-işârât in zehn Monaten,
eine Brücke der Jurisprudenz,
wo er nicht bloß abschrieb wie ein Schüler,
sondern den Verstand erhob,
den eigenen Ijtihad wog,
gefolgt vom Câmiʿu'l-fuṣûleyn,
dem Gesetzbuch des Richters.
Und dann das Meisterwerk – das Vâridât!
Entstanden im Schatten des Hausarrests zu İznik
oder auf der Flucht durch den Wind Rumeliens.
Seiten voller philosophischem Feuer,
Gedanken, die Zünfte erschütterten:
Über Grammatik, über Exegese, über das verborgene Sein.
Ein Faden aus Tinte und Blut,
gesponnen zwischen den Welten.
Das Epos lebt,
solange die Zeilen atmen.
ZWEITER GESANG
Ein hölzerner Schemel, ein dunkler Kerker zu İznik.
Draußen atmet Rumelien, das stumme, blutende Land.
Der Name ist Bedreddin.
Sohn des Richters, Ketzer der Freiheit,
ein Kopf unter dem Beil,
und ein Buch, das in der Asche glüht wie ein letzter Funke.
Im Traum,
in jener Stunde, da die Krähen noch schweigen,
sahen sie sich im Licht:
der Gesandte, die Vier, und der weise Abu Hanifa.
Und Bedreddin reichte ihnen sein Buch,
seine Vâridât.
Hundertundeine Träne aus Feuer und Tinte,
gesammelt von den Derwischen auf den nackten Steinen,
eingemeißelt in die Sprache der Seele,
bevor der Henker das Seil straffte.
Man sagt: „Ein Jurist schreibt so etwas nicht!“
Man sagt: „Das ist Ketzerei, das ist Dorn im Fleisch des Gesetzes!“
Aber sie wissen nicht, wie der Wind weht, wenn man Ägypten durchquert,
wie Hüseyin el-Ahlâtî das Herz entflammt,
und wie Ibn al-Arabi aus dem Jenseits zuflüstert:
„Ich wollte Satan verbannen aus der Welt...“
Es gibt keine Fremde im Universum.
Hörst du das Holz im Ofen knistern?
Deine eigene Seele brennt in der Glut,
ein und dieselbe Melodie,
ein und derselbe Hauch aus der Tiefe des Seins.
Gott ist das Licht,
das durch das Fenster der Welt blickt.
Das Auge, das sieht, und das Gras, das wächst –
alles ist Er.
Die Formen sind Schatten auf der weißen Wand,
täuschend und flüchtig.
Jesus zeigte den leblosen Leib,
und die Seele lachte dem Tode ins Gesicht:
Denn der Körper ist nur das Gewand,
das die Ewigkeit für einen Augenblick trägt.
Die Welt hat zwei Gesichter, Genosse.
Wie ein offenes Buch auf dem Schoß der Nacht.
Wenn der Herr will, dass du tust,
zeigt er dir die Schönheit.
Und du gehst voran.
Wenn er will, dass du ablässt,
zeigt er dir das Hässliche, das faule Holz,
und du lässt es fallen, ohne Bedauern.
Die Schulen der Gelehrten?
Das trockene Klappern von Holzwürmern in alten Folianten.
Wer nur liest und nicht brennt,
bleibt ein Blinder im Garten der Rosen.
Der wahre Weg führt durch das Innere,
durch die Schleifung des Ego,
durch den Traum, der am Morgen wahr wird,
noch ehe die Sonne den Horizont berührt.
Semih Ceyhan schreibt es auf,
Jahrhunderte später,
während die Maschinen dröhnen und die Städte wachsen.
Aber das Herz bleibt dasselbe.
Es ist der Traum des Scheichs am Tag vor dem Tode.
Es ist das Raunen der Derwische im Dunkeln.
Es ist das unzerstörbare Lied von der Einheit aller Dinge:
Das Sein ist Eins.
Und wir sind das Auge,
mit dem das Universum sich selbst bestaunt.
„Er leugnet die Auferstehung der Körper!
Er macht das Universum ewig wie Gott!“
– So riefen sie in den Korridoren der Madrasa,
mit brennenden Fackeln und schwerem Tuch.
Alaeddin wollte das Buch verbrennen.
Ebüssuûd warf den Bannstrahl.
Arif Hikmet kaufte die Zeilen in Istanbul auf,
versteckte sie im Rauch,
damit das Volk nicht stolpere über die Ketzerei.
Denn wer das Fleisch zerfallen sieht
und es nicht wieder auferstehen lässt aus Staub,
der bricht das Gesetz der Imame.
Nûreddinzâde schäumte vor Zorn:
„Er nimmt den Engeln die Gestalt!
Er macht die Scharia zum Spielzeug der Esoterik!“
Aber Harîrîzâde lächelt im Schatten der Geschichte.
Hörst du, wie er spricht vom „Pfahl der Märtyrer“?
Bedreddin ging nicht an den Galgen mit Angst im Herzen.
Er wusch sich rituell. Er betete.
Und während seine Stirn den Boden berührte,
verließ die Seele den Leib.
Nur eine leere Hülle baumelte im Wind von Serres,
während er längst wandelte im Garten der Archetypen.
Und Niyâzî rief über die Jahrhunderte hinweg:
„Muhyiddin und Bedreddin haben die Religion wiederbelebt!
O Niyâzî, die Vâridât ist der Fluss der Fusûs!“
Dann kam das Zeitalter der Fabriken und Parolen.
Die Republik erwachte,
und die Gelehrten der neuen Zeit stürzten sich auf das Buch.
Die einen nannten ihn den ersten Kommunisten des Reiches,
einen Anarchisten, einen Pionier des Atheismus,
der mit Hammer und Sichel durch Rumelien zog.
Sie sahen Ketten, wo Mystik war.
Sie sahen Revolution, wo das Herz im Gebet versank.
Arme Gelehrter aus Simavna!
Sie verstanden nicht, dass deine Ewigkeit
nicht in den Parlamenten liegt,
sondern im Atem des brennenden Holzes,
im Traum der Nacht,
in der leisen Stille der Einheit.
Von Abdullah-ı İlâhî bis Şeyh Yavsî,
von Muhammed Nûrü'l-Arabî im Manastır
bis zu den modernen Drucken:
Das Buch verschwand nie ganz.
Es wurde übersetzt, kritisiert, verbrannt, gerettet.
In den Händen von Kozan und Dindar
leuchten die alten Manuskripte wieder auf –
fünf Stimmen aus dem Jahr 1672,
die flüstern gegen den Sturm:
Das Sein ist Eins.
Und wer das begreift,
braucht den Scheiterhaufen nicht zu fürchten.
DRITTER GESANG
Das Land schwitzt unter schwerem Eisen,
der Boden, aufgerissen von Gier,
trägt die Last der Reiter und der Erpresser.
Simavna schaut auf das graue Meer,
wo der Sohn des Gazi İsrail
die Bücher beugt und die Herzen misst.
Hinter den Mauern der Koranschulen,
über den Meeren von Kairo und Täbris,
wo Logik und Fiqh den Verstand schärfen,
sieht er nicht nur Tinte,
er sieht den hungernden Pflüger,
den Unterdrückten im Staub der Steppe.
Das Reich zerfällt nicht am Glauben, nein!
Es bricht an der Last des Goldes,
am Überfluss der Paläste,
während der Hirte friert und der Bauer weint.
Es ist der Hunger, der die Schwerter zieht,
es ist die nackte Not, die das Gewissen weckt.
Die Gelehrten streiten auf den Plätzen,
jeder zerrt den Scheich in sein Jahrhundert:
„Ein Ketzer!“ ruft der eine.
„Ein Heiliger!“ flüstert der andere.
Ein Sozialist aus den Tagen der Fabriken,
ein Liberaler mit sanfter Feder,
ein Rebell, ein Träumer, ein Prophet der Freiheit,
ein Luther des Ostens im weiten Gewand.
Doch sie alle irren, die ihn für sich vereinnahmen,
sie lesen die Zeilen und verfehlen das Herz.
Denn Bedreddin sprach aus dem Buch der Varidat:
Der Mensch ist nur frei, wenn das Recht frei ist,
wenn die Ketten des Himmels und der Erde fallen,
wenn der Reichtum der Welt den Händen gehört,
die sie mit Schweiß benetzen.
Von den Tagen der Charidschiten
bis zu den Feuern in Chorasan,
von den Qarmaten bis zu Doğru Baba Musa
zieht sich ein roter Faden durch den Sand des Orients:
Die Erde gehört denen, die sie bebauen!
Immer, wenn die Macht sich schließt,
starr und taub in den Händen der Stammesherren,
wenn die Gerechtigkeit wie ein welkes Blatt verweht,
bricht der Sturm los.
Scheich Bedreddin,
der Richter, der Gelehrte, der Rebell,
trat vor die Völker,
um das Alte zu stürzen
und ein neues, reines Band zu knüpfen:
Die Brüderlichkeit unter dem weiten Himmel.
Aus alten Zeiten, aus dem Rauch des Schamanen,
vom fernen Ostrand, wo Buddha und Manichäus sanken,
kam die Glut gekrochen in die türkische Seele.
Mazdak rief nach Gemeinschaft, Babek focht im Staub –
und nun, im Sturm der Tage, schlägt das alte Herz neu.
Anatolien blutet, zerrissen von Timur und Bajezid,
Mongolenhufen zertrampeln die Saat des Friedens.
Die Fürsten rauben, die Statthalter brechen das Gesetz,
und die Jugend flieht rastlos nach Westen,
ohne Arbeit, ohne Brot, gefangen in der eisigen Hand
der Entfremdung, der Ohnmacht und der Nacht.
Das System stößt sie aus, das Reich verfällt im Schlamm.
Doch wer ertrinkt, greift nach dem rettenden Strohhalm,
wer leidet, sucht die Utopie, die gerechte Welt,
die den Hunger stillt und die Ketten zerbricht.
Im Jahr 1416 bricht der Vorhang entzwei.
Aus İznik entkommen, dorthin verbannt
mit tausend Akçe Sold,
tritt Börklüce vor das Volk in Karaburun,
flüstert das Wort der verlockenden Verheißung:
„Alles ist für alle da!
Kein Herr, kein Knecht, kein Raub!
Nur das Brot, die Freiheit
und die Gleichheit der Hände!“
Sufi-Fallen, nennen sie es im Palast,
weil sie Christen, Muslime, Brüder im Schweiß vereinen.
Torlak Kemal entfacht das Feuer im Westen,
und der Scheich, der Gelehrte mit der tiefen Weisheit,
erhebt den Anspruch des Rechts gegen das Schwert der Macht.
Kein starres Gesetz der blinden Nachahmung mehr!
Ein neuer Mensch soll auferstehen aus Ruinen,
ein Mensch, der frei atmet unter der Sonne,
nicht mehr geknechtet von Sultanen und Kalifen.
Das Eisen der Osmanen schlägt hart zu.
Börklüce fällt im ungleichen Kampf,
die Felder von Karaburun trinken das Blut der Träumer,
und der Scheich wird gestellt, gerichtet, gehängt
am Markt von Seres.
Doch wer glaubt, der Wind könne die Idee begraben,
der irrt im ewigen Kreislauf der Zeit.
Sie sagen, er sei tot –
doch drüben auf Kreta, im Schatten der alten Mauern,
erzählt ein Mönch den fernen Fischern:
„Er lebt. Der Scheich ist nicht gestorben.
Er wandert weiter in den Herzen der Gerechten.“
Ein Prophet im Schatten, ein Scheich im Kalkül,
der das Sakrale beugt für den Griff nach der Macht.
Akdağ spricht vom Instrument des Glaubens,
von Börklüce, der den Meister wie einen Gott verehrt,
während Christen im fernen Land den Widerstand grüßen,
weil die Worte des Aufstands das Dogma zerreißen.
Aşık Mithat blickt tief in das finstere Spiel:
Kein ungeübter Arm zog hier die Fäden.
Wie die Karboniten im Westen, die Assassinen im Osten,
durchläuft das Netz in rasender Eile
die Stufen der geheimen Gesellschaft:
Erst lenkt man die Ungebildeten,
die Suchenden im Staub,
dann stürzt man sie in den politischen Sturm,
und am Ende bricht der brüchige Thron.
Mizancı Murat fängt das Echo der Straßen ein:
„Die Welt ist ein Geschenk Gottes an alle!
Kein Herrscher hat das Recht, die Ernte zu rauben.
Die Regierung ist das Werk der Unterdrückung,
gehorcht ihr nicht, wählt eure eigenen Wege!“
Wein fließt, die Saz erklingt im Takt der Steppe,
urwüchsig, türkisch, fern von den Klöstern von Bagdad.
Es ist ein Rausch aus Freiheit, Brot und Aufruhr,
geschickt entfacht von denen, die den Zorn zu deuten wussten.
Der Traum zerbricht im harten Licht des Tages.
Die Chroniken streiten über den Fluch aus İznik:
Floh er aus Angst, ritt er im Bund mit den Rebellen,
trug er das Kalifat im verborgenen Sinn?
Die Anschuldigungen hageln wie Steine im Sturm:
Ketzerei, Aufruhr, neue Religion, Verrat am Gesetz.
Sie nannten es die Fitna, den Riss in der Zeit,
ein finsteres Vorspiel zu dem, was
die Wahhabiten einst wiederholten,
wenn der Eifer das Maß verliert
und das Schwert entscheidet.
Am Ende bleibt das harte Wort von Aşıkpaşazade,
gesprochen über dem hängenden Leib
am Markt von Seres:
Danişment Beylik wurde gehängt,
er schoss einen faulen Pfeil ab
und sein Bogen wurde verbrannt,
seine fleischlichen Begierden führten ihn in die Irre,
er baute sich lang anhaltende Illusionen
und wurde arrogant.
VIERTER GESANG
Hört, Brüder und Schwestern, hört die Kunde!
Nicht im staubigen Folianten,
sondern im Rhythmus des freien Herzens,
im Tonfall von Nazım, der das Leben sang:
Ein Rätsel steht am Ufer der Geschichte,
ein Schatten im Licht des Bosporus.
Scheich Bedreddin –
wer war er?
Ein Rebell im purpurnen Mantel der Wahrheit?
Oder nur Tinte auf Papier,
zerflossen im Strom der Jahrhunderte?
Die einen nennen ihn den ersten Genossen,
der das Brot teilen wollte wie die Sonne,
die für alle scheint.
Die anderen stempeln ihn ab als Ketzer,
der den Glauben verrriet in dunkler Nacht.
Die Geschichte,
sie wägt mit zitternden Händen:
Hier die Jurisprudenz von Simavna,
die hanafitischen Regeln, klar wie Quellwasser,
verfasst im finsteren Hausarrest zu İznik;
dort das Raunen im Wind,
das umstrittene Buch Varidat –
ein Feuer, das die Ewigkeit preist
und Dogmen zu Asche verbrennt.
Börklüce Mustafa rief drüben in Aydın,
und Torlak Kemal folgte ihm nach.
Der Hunger der Bauern schrie zum Himmel,
und Bedreddin reichte ihnen die Hand,
ein Schatten der Hoffnung,
ein Aufummeln der Entrechteten.
War er sunnitisch gelehrt bis zur letzten Stunde?
Oder trug er das Feuer des Batinismus im Herzen,
tief verborgen vor den Richtern des Throns?
Die Fatwa fiel, der Strick zog sich zu,
und der Scheich ging in die Ewigkeit ein –
nicht als Ikone, nicht als bloßer Paragraph,
sondern als Mensch im Strudel der Zeit.
Alles wird geteilt!
Das Land, der Wind, der Atem –
nur die Zweifel bleiben stumm
im Schatten der Minarette.
Hört, ihr Menschen, hört das Lied von neuem,
aus den Zeilen, die der Staub begrub,
wo die Tinte spricht und das Herz sich windet,
im Stile des Dichters, der die Wahrheit sucht:
Vier Gesichter trägt der Scheich im Spiegel,
vier Gestalten aus ein und demselben Fleisch:
Der Gelehrte erst, der das Recht vermisst,
dessen Tinte Hanafis Gesetz geschrieben;
dann der Ketzer, den die Schar verehrt,
die das Band der Pflichten sanft zerriss;
der Heilige drittens, der die Welt erstaunt;
und zuletzt der Rebell im wilden Sturm,
der die Fahne hob für das arme Volk,
obgleich er fremd war dem Alevitentum.
Sie streiten sich, die Gelehrten der Macht,
ob Ebüssuuds Fluch das Urteil spricht,
oder ob Alis milder Geist ihn schützt.
War er der Weise aus dem fernen Kairo,
der Schüler von Ahlati, der das Licht gesehnt,
der in Täbris und Qazvin die Lehren trank?
Von Dimetoka kam er, der Sohn des Richters,
durch Bursa, Konya, hin zum Nildelta sandt man ihn.
Er lehrte den Sohn des Sultans, er schrieb das Werk,
er blickte in die Augen von Timur dem Herrn.
Doch der Hunger rief im Menderes-Tal!
Börklüce Mustafa stand auf im Licht der Not,
und Torlak Kemal folgte seinem Ruf.
Und Bedreddin? Er ging den Pfad des Blutes,
floh über das Meer, suchte das ferne Land,
bis der Strang sich schloss in Edirnes Luft.
Vier Gesichter – und doch nur ein Mensch,
gefangen zwischen Dogma und Verlangen,
zwischen dem Gesetz auf dem harten Papier
und dem Aufschrei derer, die unten gehen.
Hört, Brüder und Schwestern, hört das Ende des Wegs,
wo das Schiff von Sinop den Wellen trotzt
und die Krim im Nebel des Krieges versinkt!
Der letzte Kurs und das Schafott zu Serres
Vom Woiwoden empfangen in der Walachei,
zurückgekehrt ins Land der Dobrudscha,
wählte er Deliorman zum letzten Hort.
Drei Brände sollten lodern im gleichen Takt:
Börklüce in Aydın, der den Traum gewebt,
wo alles geteilt wird – Brot, Schweiß und Korn,
ausgenommen nur das Gesicht der Geliebten –,
und Torlak Kemal in den Hügeln von Manisa.
Doch das Schwert des Wesirs traf sie hart.
Der Stahl schnitt durch das Fleisch,
Börklüce starb auf dem Kamel, gekreuzigt im Schmerz,
und achttausend Gefährten sanken in den Staub.
Und der Scheich?
Gefangen genommen im Strudel der Flucht,
gebracht nach Serres im Jahre 1420.
Der Sultan bat um das Wort der Gelehrten,
und die Fatwa fiel wie ein bleierner Stein.
Doch als der Strick sich schloss um seinen Hals,
erhob sich seine Stimme über den Marktplatz,
wie einst Hallaj al-Mansur:
„Ich werde nach meinem Tod leben…“
Die Gebeine und das Lied
Jahrhunderte schwiegen,
bis im Jahr 1961
seine sterblichen Überreste ruhten
auf dem Friedhof zu Istanbul,
unter dem Schutz des Hafens der Zeit.
Und Nazım nahm das Wehklagen der Geschichte
und webte es in den Rhythmus der Poesie:
Um gemeinsam Volkslieder zu singen,
gemeinsam die Netze aus dem Wasser zu ziehen,
gemeinsam das Land zu bestellen,
gemeinsam Honigfeigen zu essen –
in allem und überall zusammen zu sein,
außer an der Wange ihrer Geliebten...