DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
I
Er stieg vom Himmel, nahm des Sterblichen Kleid,
Sah Höllenpein, sah Recht und fromme Zucht,
Kehrte lebendig heim aus tiefer Flucht,
Daß uns sein Blick die ew’ge Wahrheit weiht.
Ein Stern, der mit dem Strahl der Klarheit schreit,
Erhellte – ach zu Unrecht – meine Bucht;
Kein Lohn der Welt, wie reich sie immer sucht,
Vergilt, daß du dies Licht hervorgeweiht.
Von Dante sprech’ ich, dessen hohe Werke
Das Volk verkannt, das Undank stets gebiert
Und nur den Guten Heil und Gnade kürze.
Wär’ ich doch er, dem solch ein Los gebührte:
Daß mir, wie ihm, im harten Bann der Stärke
Die Tugend selbst das höchste Glück verziert.
II
Wenn Kunst zuerst im Geist die Form gebiert,
Und dann aus schlichtem Stoff ein Bild erschafft,
So ist dies nur der erste Kindeskraft,
Die aus dem hohen Ursprung sich verliert.
Doch wenn der Hammer Stein zu Leben rührt,
Erfüllt sich, was der Meister einst erdacht;
Dann steigt das Schöne neu aus tiefer Nacht,
Und keiner setzt dem Ew’gen noch ein Wirt.
So war ich nur ein Modell meines Seins;
Doch neu gebarst du mich, o hohe Frau,
Zu bessrer Form, die deinem Glanz entstammt.
Wenn deine Gnade mindert, was zu viel,
Und hebt, was fehlt – welch Buße harrt sodann
Des Feuers, das du zügelst und entflammst?
III
Kein Meister faßt ein Bild, das nicht im Stein
Schon eingeschlossen ruht in stummer Nacht;
Nur jene Hand, die dem Gedanken lacht,
Vermag das Übermaß hinwegzubein.
Das Gut, das ich ersehn’, das Übel mein,
Verbargst du, stolze Frau, in deiner Pracht;
Und so, daß mir der Wunsch das Leben sacht,
Wird Kunst zum Feind des Herzens, nicht zum Sein.
Nicht Liebe, Schönheit, Stolz, noch harter Sinn,
Nicht Schicksal, Glück, noch deine kühle Art
Sind schuld an meinem Gram, an meinem Sterben.
Denn Tod und Gnade trägst du tief darin,
Und mein geringer Geist vermag, entzart,
Nur Tod aus solcher Glut ans Licht zu werben.
IV
Wie kann’s, o Frau, daß länger noch besteht
Im harten Stein das Bild, das einer schuf,
Als jener selbst, den Zeit zu Staub berief,
Und dessen Jahre Asche heimwärts weht?
Die Wirkung beugt sich dem, was sie erhöht,
Und Kunst besiegt Natur in ihrem Ruf;
Ich weiß es wohl, da ich in Marmor ruf
Das Schöne, dem kein Tod die Treue sät.
Drum kann ich uns ein doppeltes Leben geben,
Ob Farbe sei, ob Stein das Bildnis hält,
Daß unser Antlitz beide Zeiten tragen:
So daß man nach Jahrtausenden noch sehe,
Wie schön du warst, wie müd’ ich dieser Welt –
Und daß mein Lieben nicht in Torheit gehe.
V
Ich bin mir teurer nun als je zuvor,
Seit du mein Herz mit deinem Bild versehn;
Wie Stein, der durch den Schnitt zum Wert erwehn,
Mehr gilt als Fels, der roh aus Bergen bohr.
Wie Blatt, das Schrift und Farbe hebt empor,
Mehr achtbar ist als Lumpen, die verwehn –
So ward auch ich, seit ich dein Ziel ersehn,
Gezeichnet, und beklag’ mein Los nicht mehr.
Mit solcher Prägung geh’ ich unerschrocken,
Wie einer, der durch Zauberkräfte geht
Und dem kein Unheil mehr zu nahen wagt.
Dem Wasser trotz’ ich, Feuer kann mich locken;
Mit deinem Zeichen heil’ ich, was vergeht,
Und selbst mein Hauch macht jedes Gift verzagt.
VI
Wie freut sich jener Kranz aus Blüten fein,
Der auf dem goldnen Haar der Schönen ruht
Und stets den ersten Kuß zu rauben tut,
Als wollt’ er selbst der Liebste ihres Sein.
Wie froh das Kleid, das ihren Leib umschließt,
Und sich doch löst, als wollt’ es weiterfließen;
Wie glücklich scheint das Gold, das ohne Mühen
Die Wange streift, den Hals mit Glanz begrüßt.
Doch seliger erscheint das Band, das sacht
Die Brust berührt, die es zusammenhält,
Und kaum sich löst von solchem süßen Druck.
Und selbst der Gürtel, schlicht und eng gemacht,
Spricht leise: „Hier will ich für immer sein!“ –
Was täten dann erst meine Arme wohl?
VII
Wenn durch die Augen sich das Herz enthüllt,
So ist kein Zeichen deutlicher als dies
Für meine Glut; drum sei’s genug, gewiß,
Daß du, mein Herr, mir endlich Gnade stillst.
Vielleicht erkennt dein Geist, der tiefer fühlt
Als ich vermute, wie gerecht dies ist:
Daß er dem Feuer, das mich heiß umschließt,
Mit Mitleid naht und meine Bitte kühlt.
O seliger Moment, wenn dies geschähe!
Dann stünde still die Zeit, der Tag, das Licht,
Und Sonne kehrte auf die alte Bahn.
Dann hielte ich – nicht durch Verdienst, o wehe –
Den süßen Herrn in meinen Armen dicht,
Und Ewigkeit würd’ mir im Augenblick getan.
VIII
Edler Geist, in dem Natur und Himmel klar
Sich spiegeln, da sie nichts so Schönes schufen,
Und dem kein Werk der Welt kann widersufen,
Wenn sie dir ihre höchste Gabe bar.
Anmut’ger Geist, in dem man glaubt und wahr
Erkennt, was innen wohnt in stillen Stufen:
Liebe und Gnade, die mit milden Rufen
So selten sind und doch so treu fürwahr.
Die Liebe bindet mich, die Schönheit hält;
Die Gnade schenkt mir Hoffnung, die mich trägt,
Und Mitleid spricht aus deinem sanften Blick.
Welch Macht der Welt, ob früh, ob spät sie fällt,
Kann solchem Antlitz wehren, das erregt,
Daß selbst der Tod vor solcher Schönheit weicht?
IX
Sag, Liebe, ob mein Blick die Wahrheit sieht,
Wenn ich nach ihrer Schönheit sehnend strebe,
Oder ob nur mein inneres Bild ich hebe,
Das schöner scheint, wohin mein Auge zieht.
Du mußt es wissen, da du stets entflieht
Mit ihr und mir den Frieden nimmer gebe,
Und dennoch wollt’ ich nicht, daß minder lebe
Der Funke, der mein Herz in Glut beschied.
„Die Schönheit, die du sahst, entstammt der ihren;
Doch wächst sie, wenn sie in die Seele steigt,
Denn dort ist edler Ort für solches Licht.
Dort wird sie göttlich, rein und ohne Zieren,
Weil Gleiches sich zum Gleichen gern verneigt –
Dies ist die Schönheit, die dein Auge spricht.“
X
Kein Bild vermag mein Geist sich auszumalen,
Aus Schatten nicht, noch aus der Erde Kleid,
Das meinem Willen Schild und Wehr verleiht
Gegen die Schönheit, die du mir stahlst in Strahlen.
Denn von dir fortgerissen fühl’ ich fallen
Mich so tief abwärts, daß mir jede Zeit
Den Wert, den Mut, die Kraft zur Gegenwehr entleiht,
Und selbst der Tod sich doppelt will entfalten.
Vergebens also flieh’ ich deine Macht,
Denn schneller jagt die Schönheit, die mich hetzt,
Als ich, der müde, je entkommen könnte.
Doch Amor trocknet mir die Augen sacht,
Verspricht, daß jede Qual sich teuer schätzt:
Denn wertlos ist nicht, was so viel gekostet hätte.
XI
Nicht in dem Herzen wohnt die Lieb’ in mir,
Denn Liebe scheut den Ort, wo Irrtum webt,
Wo Sterblichkeit und falscher Wunsch sich hebt;
Sie wohnt im Geist, der rein ist wie ein Tier.
Als sie von Gott herabstieg, gab sie dir
Den Glanz, mir aber machte sie das Streben,
Dich anzuschauen, und in deinem Leben
Erkenn’ ich stets das Ew’ge für und für.
Wie Feuer nicht vom eignen Wärmen scheidet,
So trennt sich nicht mein Sehnen von dem Licht,
Dem Ursprung deiner Schönheit, die mich nährt.
Du trägst im Blick das Paradies, das weidet
Mein Herz, und brennend such’ ich sein Gesicht
Dort, wo mein erstes Lieben wiederkehrt.
XII
Ich glaubte einst, am ersten Tag, an dem
Ich deine Einzigkeit in Fülle sah,
Daß ich wie Adler, die der Sonne nah,
Mein Auge fest auf kleinste Strahlen nähm’.
Doch bald erkannt’ ich Irrtum und Problem:
Wer ohne Flügel Engeln folgen mag,
Streut Samen auf den Stein, verliert den Tag,
Und wirft sein Denken Gott ins Leere hin.
Wenn nun mein Herz die Nähe nicht erträgt
Der Schönheit, die mein Auge blendend trifft,
Und Ferne mir auch keinen Trost verleiht –
Was wird aus mir? Wer führt mich ungeschmäht,
Wenn du mich nah verbrennst mit deinem Gift
Und fern mich tötest durch Verlassenheit?
XIII
Mit euren Augen seh’ ich mildes Licht,
Das meine blinden längst nicht mehr erkannt;
Mit euren Füßen trag’ ich fremde Last,
Die meine lahmen Schritte nie verricht’.
Mit euren Flügeln flieg’ ich himmelwärts,
Mit eurem Geist wird mir der Himmel kund;
Nach eurem Willen werd’ ich bleich und bunt,
Bin kalt im Sonnenschein, in Frost erherzt.
Mein Wollen ruht allein in eurem Sinn,
Mein Denken wächst in eurem Herzen still,
Mein Wort entströmt dem Atem, den ihr tragt.
Wie Mond, der ohne eigenes Glühn ich bin,
Der nur so viel an Helligkeit enthüllt,
Wie ihn die Sonne mit ihrem Feuer sagt.
XIV
Wenn keuscher Lieb’ und himmlische Erbarmung,
Wenn gleiche Gunst zwei Liebende vereint,
Wenn harte Schicksalsprüfung beide meint
Und doch ihr Geist in einem Willen schwang,
Wenn eine Seele in zwei Körpern rang,
Und beide hebt mit gleichen Flügeln weit,
Wenn Liebes Pfeil in doppelter Geweiht
Zwei Herzen trifft mit einem goldnen Klang;
Wenn jeder nur den andern liebt, nicht sich,
Und gleicher Wunsch, gleich süßer Überfluß
Sie zu demselben Ziel gemeinsam trägt;
Wenn tausend Bande kaum genügten, dich
Zu messen, o so heiliger Liebesfluß –
Soll Stolz allein, der kleinste, was zerschlägt?
XV
Daß deine Schönheit milder sei und weich,
Und nicht so hart, wie sie der Welt erscheint,
Bitt’ ich Natur, daß sie zurückvereint
Die Gaben, die dir täglich schwinden gleich.
Sie forme neu aus himmlischem Bereich
Ein sanftes Antlitz, das mit Liebe meint,
Und schaffe ein Gemüt, das Gnade eint
Mit jener Güte, die dem Himmel gleich.
Auch meine Seufzer möge sie bewahren,
Die Tränen sammeln, die ich ausgestreut,
Und schenken sie dem, der dich einst begehrt.
Vielleicht wird, wenn in jener künft’gen Jahren
Ein neues Herz aus meinem Schmerz sich freut,
Die Gunst, die mir entging, nicht ganz verwehrt.
XVI
Die Stimme der Vernunft klagt tief in mir,
Da ich in Liebe Glück zu finden hoffe;
Mit ernsten Worten mahnt sie mich ins Offene
Und fragt: „Was suchst du in der Sonne hier?
Was bringt sie dir als Tod, und nicht wie ihr
Der Phönix neu? Du stürzt dich nur ins Offene.“
Doch wenig nützt’s: wer fallen will, der hofft
Vergebens auf die Hand, die rettet hier.
Ich seh’ mein Unheil klar, versteh’ die Pflicht;
Doch in mir wohnt ein zweites Herz verborgen,
Das tötet mehr, je mehr ich mich ergebe.
Zwischen zwei Toden steht mein Angesicht:
Den einen flieh’ ich, doch der andre morgen
Verzehrt die Seele, die am Zweifel klebe.
XVII
Ich weiß nicht, ob’s das erste Schöpferlicht
Ist, das die Seele spürt in tiefem Schweigen;
Ob aus der Menschen Erinnerung sich zeigen
Gestalten, deren Glanz durchs Herz mir bricht;
Ob Traum, ob Ruhm, ob inneres Gesicht
Den Augen naht und will das Herz erreichen,
Und etwas Glühendes zurück will streichen,
Das mich nun weinen macht – ich weiß es nicht.
Ich fühl’ und suche, doch kein Führer spricht;
Ich weiß nicht, wo ich Trost und Richtung finde,
Nur eine ferne Spur scheint mir zu winken.
So leb’ ich seit dem Tag, da dein Gesicht
Mich traf: ein Süß‑und‑Bitter ohne Ende,
Ein Ja und Nein, das aus den Augen blinke.
XVIII
Wenn Phoebus nicht umarmt und nicht umspannt
Mit seinen lichten Armen diese Erde,
So nennt das Volk, das seinen Sinn nicht werde,
Die Abwesenheit des Lichts die „Nacht“ beim Land.
So schwach ist sie, dass, wenn ein Fackelbrand
Nur klein entzündet wird, sie schon verderbe;
So töricht, dass ein Funke sie verderbe,
Der aus dem Stahl die leichte Flamme bannt.
Und ist sie etwas, so ist sie gewiss
Des Sonnenglanzes und der Erde Tochter:
Der eine schafft den Schatten, dieser trägt.
Was sie auch sei — wer sie zu loben wüsst’,
Der irrte doch: so arm, so blind, so schwächer,
Dass selbst ein Glühwurm sie in Schrecken legt.
XIX
O Nacht, o süße Zeit, obgleich so dunkel,
Da jede Arbeit friedlich endet, stille —
Wohl sieht und wohl versteht, wer dich will preisen,
Und wer dich ehrt, besitzt gesunden Funken.
Du löschest aus der Sorgen müde Fülle,
Denn feuchte Schatten bringen sanftes Schweigen;
Vom Niedrigsten bis zu den höchsten Zweigen
Trägst du im Traum mich, wo ich wandeln will.
O Schatten des Todes, der so sicher hält
Die Seele fern von ihres Grams Verfolger,
Der letzte Trost der Armen und Bedrängten;
Du heilst des Leibes Krankheit in der Welt,
Trocknest die Tränen, stillst die Mühen länger,
Und raubst dem Guten Zorn und schwere Kränkung.
XX
Nichts Sterbliches erblickten meine Augen,
Als ich in euren schönen Blicken Frieden
Vollkommen fand; doch innen, wo vermieden
Wird jedes Übel, dringt der Liebe Zuneigung.
Und wär’ die Seele nicht dem Herrn vergleichbar,
Der sie erschuf, so würd’ sie sich begnügen
Mit äußrer Schönheit, die den Blick vergnügen;
Doch weil sie trügt, steigt sie zu Höhrem weiter.
Ich sage: Wer das Sterbliche noch liebt,
Kann nie gestillt sein; und es ziemt dem Ew’gen
Nicht, dass es sich dem Wandelnden bequeme.
Entfesselt ist die Lust, die niederzieht
Und tötet; Liebe aber will erheben
Den Freund auf Erden — und im Himmel mehr.
XXI
Um heimzukehren, woher sie einst gekommen,
Trat eure unsterbliche Gestalt hernieder
In euren ird’schen Leib, ein Engel wieder,
So voll von Mitleid, Heilung, mild genommen.
Dies ist’s allein, was mich entzündet, bindet,
Nicht eures Antlitz’ heitre Hülle bloß;
Denn Liebe setzt auf nichts, was welken muss,
Sondern auf Kraft, die in dem Innern gründet.
So geht es allem Wunderbaren gleich,
Das die Natur mit Sorgfalt will bereiten,
Und Himmel reichlich zu gebären pflegt.
Nie zeigt sich Gott in seiner Gnade reich
So sehr, als wenn durch sterbliche Geleite
Sein Glanz im schönen Leib sich widerspiegelt.
XXII
Wenn mein roher Hammer harten Stein
Zu menschlicher Gestalt zu formen scheint,
So folgt er nur der Hand, die ihn vereint
Und führt; sein Schlag ist nicht aus ihm allein.
Doch jener Hammer, der bei Gott im Himmel
Ruht und wohnt, macht schön sich selbst und andre;
Und da kein Werkzeug ohne Werkzeug wandre,
Entspringt aus jenem jedes andre Stümmel.
Und weil der Schlag umso gewalt’ger fällt,
Je höher er sich hebt zur heißen Esse,
So flog der meine himmelwärts empor.
Drum wird mein Werk auf Erden nie zur Stell’,
Wenn nicht die göttliche Schmiede ihm messe
Den letzten Schliff — denn einzig war es dort.