UNAMUNO - SONETTE

deutsch von Torsten Schwanke



ANGEBOT


Nicht aus Apennins heiterem Gewand,

nicht Archandas Höhen, sonnig, klar und weit,

hab ich im Sommer voller Frischezeit

die Rosen mir gepflückt mit leichter Hand.


Da milder dort die Sonne brennt im Land,

ward mir gewährt der Verse süße Freud;

ich binde sie, der Freundschaft zugewandt,

zu einer schlichten, treuen Ehrenscheid.


Vom Tormesstrand zum Nervión getragen,

durchzieht mein Lied Vizcayas Einsamkeit,

die still von Kastiliens Atem sagen.


Nicht Pflug, nur Spaten half mir jederzeit;

bewahr sie warm an deinem Ruhesitz—

wenn einst mein Glaube sinkt, sei du mein Schutz.



SONNENUNTERGANG


Weißt du, was Qual ist, die am tiefsten drückt?

Des Redners Wort, das plötzlich ihm vergeht,

des Malers Hand, die zitternd stille steht,

wenn ihn sein höchster Augenblick entrückt.


Talent, das sich an Torheit selbst erstickt,

im schwersten Kampf, da keiner bei ihm steht,

entwaffnet, bloß, da er den Feind erhöht,

der lächelnd seinen letzten Mut erblickt.


In Abendwolken, düster eingehüllt,

wenn unsre Sonne schweigend niedersinkt,

ist’s schlimmer noch, als wenn der Tod uns füllt.


Zu fühlen, dass der Geist im Dunkel hinkt—

Ist unsre Schuld so schwer und so verflucht,

dass Luzifers Gericht sie ewig sucht?



GLÜCKLICHE SCHULD


Der Baum des Lebens, reich an Frucht und Saft,

steht neben jenem, den Erkenntnis krönt,

den Gott einst streng den ersten Menschen gönnt—

verwehrt, doch lockend in verborgner Kraft.


Doch Lust vergisst, was fromme Ordnung schafft,

und Unschuld wird durch süßen Trug verhöhnt;

so wird im Fall, was einst als Schuld getönt,

zur Blüte neuer, tiefer Denkkraft.


Seitdem ist Tod des Lebens Angelpunkt,

die Seele trägt in stiller Reue Leid

und ringt, vom Zwiespalt ihrer Pflicht umfunkelt.


Sie opfert Tugend oft der Sinnlichkeit,

um Frucht zu kosten, die verlockend ruht,

indes das Laster blüht in süßem Glut.



DAS LEBEN DES TODES


Kein Regen mehr, und doch ein leeres Sein;

die Welt versinkt in nebelhaftem Schein,

auf meinem Geist wie kalter, trüber Schaum

verrinnt die Zeit—ein traumverlorner Traum.


In mir erstirbt, was einst lebendig war,

der Blick erlischt, die Ferne wird zur Last,

dort stürzt die Schlucht, wo leise, sonder Rast,

die Stunden fallen, Jahr um Jahr.


Erinnerung—ein stilles, fernes Land;

der Geist versinkt in träger, matter Ruh,

entwaffnet, schutzlos jeder Macht zur Hand.


Dem Spiel des Zufalls preisgegeben nun—

ist dieses Dasein, nackt und ohne Licht,

nicht Tod im Kleid von Leben—ist es nicht?



UNTER DEM EWIGEN MOND


Er sank den Pfad hinab, vom Schmerz beschwert,

stieg langsam auf des Gipfels kargen Grat;

vom Kreuz bis hin zum still ergebenen Pfad

trug er die Last, die fromm sein Herz verzehrt.


Ich sah das Himmelszelt, das leise gärt,

wo früh der Sonne erster Pfeil sich tat,

wo spät ihr letzter in die Dämmer trat,

und brauner Nebel still die Luft verklärt.


Die Müdigkeit suchte die sanfte Ruh,

die lichte Wiege fern dem Tagesbrand,

um jedem Schatten endlich zu entfliehn.


So schläft er nun, dem Morgen ewig zu,

fern jenem Gipfel, einst von Licht umspannt –

im Mondesschein, der ewig bleibt, dahin.



VORZEITIGE LIEBE


Und also sprach er leis: „Warum so beben?

Es ist zu früh, noch ist die Frucht nicht reif.

Beruhige dich – sieh dich in meinem Bild,

wenn du dich selbst noch scheust, dich hinzugeben.


Ein Zauber ruht im dunklen Nest des Lebens,

noch unberührt, verborgen, zart und mild;

lass ihn in Frieden wachsen, ungefüllt,

bis Zeit ihn ruft zu reiferem Bestreben.


Bedenke wohl: Wer früh die Frucht begehrt,

der kostet oft, was bitter ihm gedeiht;

was unbedacht beginnt, wird leicht verzehrt.


Wer sich zu früh in heiße Kämpfe weiht,

verliert am meisten, weil er sich verzehrt:

Geduld bewahrt, was Reife erst befreit.“



ZUFÄLLIG AUF DEN STRASSEN


Vom Zufall auf den Straßen eingefangen,

unter dem Zeichen eines roten Sterns,

er kam vom Nord, sie irrte frei und fern,

als Pilger, die auf offnen Wegen gangen.


Sie spannten bald ihr Schicksal, unbefangen,

an einen Pflug – doch ohne Spur und Kern

verging ihr Weg, ein Funke nur, der gern

verglimmt, kaum dass die Flammen aufgegangen.


„Woher das Paar, so flatternd leicht im Flug?

Wohin verschwand es? Welches war sein Ziel?“ –

so fragten sich die Nachbarn rings im Kreis.


Wie Rosen welkten sie, ganz ohne Frucht;

verbrannten sich im eigenen Gefühl –

der Liebe Torheit zahlt den höchsten Preis.



DAS ENDE DES LEBENS


Gleich einer Blume, die der Hagel schlug,

vom Baum gerissen, lag sie bloß im Staub,

vom Wind getrieben durch das dürre Laub,

das willenlos den rauen Atem trug.


Am Dornstrauch fand sie schließlich stillen Fug,

ward dunkler Mulch im Schatten, müd und taub;

der rote Abend sank, und fern vom Raub

begrub ein Wurm, was einst der Duft ertrug.


Doch stieg ihr Hauch, vom irdischen Bann befreit,

empor zu einem Tempel ohne Leid,

wo weder Trug noch kalter Hagel drohen.


Der Leib vergeht – nur Schleuder ist er hier;

doch was da klingt, wird ewig, rein und klar:

Im Tod wird Seele, was wir waren, wahr.



SIE PASSIERTEN, ALS SIE DEN GIPFEL DURCHGEHEN


Sie gingen hin, als sie den Gipfel sahn,

von Sommerwolken sanft und kühl umflossen;

kein Tropfen Tau war je herabgeflossen

von ihrer Brust auf Fels und steilen Bahn.


Sie gingen hin – das Licht der Sonne nahm

ein Trauerkleid um ihre helle Stirn;

fern klang ein Strom, vom Laub verhüllt und wirr,

der meinen Pfad in leiser Klage nahm.


Vom Berg hinab lag still das grüne Tal,

im ew’gen Lenz, von Schweigen tief umfangen;

der Weg aus Stein durchschnitt des Waldes Mal.


Und wie ein Hauch, kaum hörbar noch verhangen,

klang Flusses Flüstern – wie ein Todesmahl,

das leis am Ufer mäht die letzten Gangen.



DEINE AUGEN SIND DIE DEINER MUTTER, KLAR


Dein Auge gleicht dem deiner Mutter klar,

noch unberührt vom Wissen dunkler Dinge,

in stiller Reinheit, die kein Trug bezwinge,

ein Blick, wie er im Anfang einzig war.


Zwei sanfte Feuer, die ohn’ jede Gefahr

uns Frieden schenken, dass die Seele singe,

und ohne Furcht sich ihrem Glanz verbringe,

als wär’ kein Fehl und keine Schuld je da.


Wie selten sind solch offene, lichte Augen,

in denen Bosheit keine Spur erkennt,

kein heimlich Gift in dunklen Adern tauge!


Bewahr sie wohl, bevor ihr Glanz verbrennt:

sie sind dein Schatz, dem keine Schatten taugen –

gleich Magdalena, die im Lichte kennt.



UNSER GEHEIMNIS


Frag mich nicht mehr – es bleibt mein tief Geheimnis,

für mich zugleich erschreckend und geweiht;

ich hülle es in dunkle Traurigkeit

und wahre still sein heiliges Verzeichnis.


Ich breche nicht den Zaun des stillen Bündnis,

beuge mein Leben diesem Dunkel weit;

zu Gott erhebt sich meine Brust im Streit,

vom Zweifel fort, im innern Selbstverständnis.


Tief unten ruht ein Abgrund unsrer Seele,

darin ein Pfad, den frevelnd keiner geht;

wer ihn betritt, verliert sich ohne Ziele.


Doch oben strahlt ein Licht, das alles sät:

Heb auf den Blick, dass Hoffnung dich beseele –

erkenne dich, doch nie in Ganzheit spät.



BRÜDERLICHKEIT


Reich ihm die Hand, den Blick voll sanfter Macht,

vielleicht erhebt sich seine müde Seele

vom harten Lager, wo sie Qual verhehle,

und findet Trost nach langer Leidensnacht.


Manch einer, den die Schuld zu Staub gemacht,

der schon im Fall der eignen Last erläge,

fühlt neu sein Herz, wenn ihn ein Lächeln träge,

das brüderlich ihm neue Kräfte wacht.


Aus öder Flur, die seine Schritte tragen,

erblüht durch eine Blume neuer Sinn,

vom Hauch der Menschlichkeit emporgetragen.


Sie wundert nicht, sie fordert keinen Gewinn:

dass wir einander ohne Hass ertragen

und jeder sich im andern finde hin.



AUGEN DES ABENDS


Des Abends Augen ruhn in deinem Blick,

vom milden Mondlicht silbern übergossen;

wie helle Furchen, sanft und still entsprossen,

durchziehen sie der Schatten zart Geschick.


Im Glanz des Mondes fällt dein Haar zurück,

auf deiner Stirn wie Zeichen, tief verschlossen,

als sei ein Rätsel darin eingeflossen,

das dich bewahrt vor allzu klarem Glück.


Und tiefer noch, im Herzen, glüht verborgen

ein roter Stern, der leise Flammen trägt,

ein Keim des Unendlichen, kaum geborgen.


Er ist’s, der dir den stillen Nimbus legt,

ein Schleier, den das Schicksal dir am Morgen

aus Hauch und Rätsel um die Seele webt.



RUIT HORA


Sieh hin: die Tage fliehn im leichten Lauf,

mit ihnen Mond und Sonne, still vergehend;

wie Muscheln, fern vom Meer ihr Lied umwehend,

raunt Zeit ihr Flüstern endlos uns hinauf.


Wie Sterne ziehn sie ihre Bahn hinauf,

in stiller Prozession, geheimniswebend;

kein Hoffen hält, was blind und heiß erstrebend

die Wirklichkeit durchkreuzt im Weltenlauf.


Wer Flüsse bannen will in enge Weiher,

verkennt die Macht, die alles weiterträgt;

kein Griff hält fest, was ewig sich erneuert.


Die Wiegen offen – doch kein Grab, das prägt;

und wer die Monde hemmen will, der scheiter’ –

da alles sich in steter Drehung regt.



MEIN ALTES BETT


In dir, mein Bett, Gefährte alter Zeit,

der mir die Nächte meiner Jugend barg,

kehr ich zurück – dein warmes Schweigen stark

durchströmt mein Sein mit sanfter Innigkeit.


In Träumen wächst Erinnerung so weit,

dass Stück um Stück mein altes Leben arg

sich neu entfaltet, wie ein stiller Sarg

voll Ruhm und Schmerz aus längst vergangner Zeit.


Und tiefer noch, wo Wort und Klang versiegen,

wird dein Gehäuse Schleier mir und Schild;

denn Heiliges verlangt ein stilles Wiegen.


Im grellen Licht wird zartes Bild zerstört –

o wär’ ich einst in dir zur Ruh’ gelegen,

als Leben noch in reinem Schweigen währt!



SCHÖNE ERINNERUNG


Erinnerst du dich noch an jenen Morgen,

im süßen Herbst, so still in unsrem Land,

wo unter Linden, dir so wohlbekannt,

die Zeit sich barg in lichtdurchwirkten Sorgen?


Du gingst an mir vorbei, noch ganz verborgen

im Knospenstand, die Zöpfe lose band;

ein Lächeln floss von deinem Mund so sacht,

als hätt’ die Liebe selbst dich kaum erkoren.


Doch seitdem trägt dein Blick, wie Sternenkreise,

mein Wandern fort durch Raum und Himmelsbahn,

ein Astrolab, das mich zu dir hin lenkt.


Und leise wächst in mir auf stille Weise

die Spur, die einst dein erster Blick begann –

ein Licht, das ewig durch die Zeiten schenkt.



DAS GESETZ DER SCHWERKRAFT


Die Jahre fliehn – erst langsam, dann im Drang:

der Frühling Rosen, Sommer golden Korn,

der Herbst die Feigen, Winter kalt und zorn

voll Schnee, der deckt den Lebensübergang.


Je mehr du eilst, desto im raschen Gang

verfolgt dich Zeit, als wär’ sie dir verlorn;

was einst gemächlich schien, wird jetzt zum Dorn,

der dich hinabzieht ohne Aufschubzwang.


In Jugend schritt sie noch mit trägem Maße,

doch bald erkennst du, ernst und unerbittlich,

das Gesetz, das dich zur Erde zwingt.


Je näher du dem Ziel, desto in Hast –

kein Ausweg bleibt, so klar und unausweichlich:

dass jeder Lauf im Fall zum Ende bringt.



HEUCHELEI DER AMEISE


Kein Heuchler gleicht der Ameise im Tun,

die eifrig scheint in rastlosem Bestreben;

sie läuft und kehrt, als würd’ sie alles geben,

und trägt doch stets denselben Krümel nun.


Man sagt, sie wirke, ohne je zu ruhn,

und lehre uns ein tätiges Erleben,

während die Grille singt in leichtem Schweben

und sie sich müht in strenger Pflicht und Zunft.


Doch höre nicht – der Krümel bleibt derselbe,

nur Schein bewegt ihr stetes Hin und Her,

ein Spiel, das sich im Kreise stets erneuert.


So wirkt man ernst, doch trägt man nichts als Leere;

die Form allein ist’s, die den Blick betört –

und Eifer nur die leere Hülle steuert.



AN PAGAZARRI


Du runzelst dich, Pagazarri, alter Freund

der Trauer meiner jugendlichen Tage;

dein stilles Grün war Trost in mancher Klage,

das sanft wie Mantel meine Einsamkeit umsäumt.


Dein Ernst, der schweigend meine Sehnsucht träumt,

steht heut vor mir und mehrt, was ich beklage;

dein Höhenwind dringt tief in jene Trage,

die mein Gedächtnis still in sich versäumt.


Die Felsen von San Roque, fest erhoben,

auf Jayáns Rücken, stolz vor jener Stadt,

sie tragen dich, als Haupt, dem Himmel oben.


Und dort, wo Winter karg die Gipfel hat,

am Rand des Himmels meiner Wiege droben,

glüht meine Sonne – Schmerz, der nie verblasst.



NEBEN CASERÍO JUGO


Beim Hause Jugo, still im Bergrevier,

wo Aperribay sich an die Höhen lehnt,

und Galdácanos Kirche ferne tönt,

ruht meiner Herkunft erste Spur in mir.


Hier, wo der Wind durch alte Eichen schwirrt,

ward meiner Ahnen Kraft im Blut gedehnt;

doch rauhe Zeit, die alles Grün verhöhnt,

hat manches Herz im Sturm des Lebens irr’t.


Der Ibaizábal färbt mit wildem Drang

die Erde rot, als trüg’ er Kampf und Pflicht;

im Innern bleibt der Widerhall so lang.


Wenn sie vom Feld zur stillen Heimat schritten,

entflammte Zwietracht grausam ihr Gesicht –

so ward ihr Blut in mir zu Kraft geschnitten.



OHNE GESCHICHTE


In Friedenszeit wie auch im Kriegeslauf

sah ich vom Gipfel Buchen alt sich regen,

im Eisental, trotz Frost und harten Schlägen,

die müde Erd’ zu wenden immerauf.


Und unten brandet, wild in Sturmgebraus,

das Meer des Golfs, das jede Welle trägt

mit Tragik schwer, die sich ins Dasein legt

und donnernd ruft aus dunklem Abgrund heraus.


Im Haedo klafft der alten Grube Mund,

ein schwarzes Tor in längst versunkne Zeit,

wo Erz und Mühsal sich verbanden kund.


Und Schlacke spricht aus stiller Einsamkeit

vom Mut, der einst ein Volk erhob zum Grund –

doch heut verweht die Spur der Wirklichkeit.



VON MEINEM HIMMEL KOMMEN SIE AN


Von meinem Himmel kommst du leis herab,

du feiner Regen, mir Lebwohl zu sagen;

du netzt die Eichen, die die Höhen tragen,

und nährst das Korn, das still die Täler gab.


Du fühlst die Dürre, die ich in mir hab’,

und tränkst die Berge meiner innern Klagen;

mit deinem Nebel lässt du mich ertragen,

was Schicksal mir in dunklen Stunden gab.


O Mutterland, Vizcaya, reich und grün,

ich geh von dir in kargeres Gebiet,

wo andre Bande mich erwarten, treu.


Denn Freiheit kann im Menschen niemals blühn,

wenn nicht die Liebe ihn gefangen zieht –

so geh ich fort und bleib dir doch aufs neu.



VOR ORDUÑA


Als ich dich überschritt, o Orduña alt,

und über grünem Mais dein Blick sich spannte,

da war’s der Weizen, der von fern entbrannte,

der meine Seele rief mit sanfter Gewalt.


Er weckte mir Erinnerung so bald,

die Glück und Fehltritt gleichermaßen kannte,

und gierig selbst das Stolpern noch benannte,

das tief im Herzen seine Spur behält.


Mein Trost ist Vizcaya selbst in Kastilien,

und doch verlangt mein Herz in jenem Land

nach dir zurück in heimatlichen Zielen.


O könnte Grün sich einen mit dem Strand,

wo Meer an Felsen singt in stillen Spielen,

und Himmel sich der nackten Sonne spannt!



KREUZ ODER GOLD!


Du trägst am Hals ein Kreuz aus hellem Gold

und zeigst der Welt ein Bild von frommer Zier;

doch trügt der Schein, denn tiefer ruht in dir

ein Widerspruch, der Wahrheit nicht mehr hold.


Ein Tag enthüllt, was Schminke einst gewollt:

der käuflichen Begierde dunkles Gier;

so löscht du selbst das Licht, das einst in dir

als Ebenbild des Höchsten rein gegolten.


Statt Reue, die die Seele neu erhebt,

trägst du ein Zeichen, das nur Täuschung nährt,

ein falsches Bild, das Heiligkeit verwebt.


Denn doppelt klingt, was so dein Wesen ehrt:

zu viel das Gold – das Kreuz vergebens lebt,

wo Wahrheit fehlt und Schein die Brust verzehrt.



WEDER MÄRTYRER NOCH HENKER


Ich suche Krieg im Frieden, Frieden dort,

wo Kampf die Brust mit heißem Feuer füllt;

im Tun die Ruh, die jede Unruh stillt,

und Ruh im Tun – ein nie gelöster Ort.


Ich werfe mich dem Spiel des Lebens fort,

vom blinden Schicksal scheinbar losgelöst;

doch such ich mich, wo mich das Spiel nur stößt,

und finde mich im Kreise immerfort.


Nicht Adler will ich sein, zum Flug verdammt,

noch Schildkröt’ schwer im eignen Panzerjoch,

gefangen dort, wo kein Entrinnen flammt.


Und zwingt mich Wahl zwischen dem einen doch –

so wähl ich nicht, was Leid zur Tugend kramt:

kein Henker will ich sein, kein Märtyr’ noch.



WIE DIE SONNE AUFGEHT


Die Sonne sinkt in Qual am Abendrand,

auf dunklem Grün der Eichen ruht ihr Schein;

violette Wolken hüllen sie nun ein

wie Schleier, sanft gewebt von stiller Hand.


Im Osten hebt sich schon ein blasses Land,

wo Hügel still in frühem Trauern sein,

und Himmel wölbt sich, fern und kühl und rein,

als trüg er Staub aus schwachem Schritt gebannt.


So sterben – fern dem Blick der rohen Welt,

ist fester Ruhm als lautes Leben je,

das sich in Ketten eitler Gier verhält.


Mit rotem Glanz entflieht man so dem Weh

und tritt hinaus aus dem, was uns gefesselt –

der Kreis der Zeit verweht im letzten See.



MEDINA LA DEL CAMPO


In Medina, alt und ehrwürdig im Land,

ragt Mota stolz mit seinem Turm empor,

als trüg er Wappen einer Zeit zuvor,

die Glanz und Fall in einem Atem fand.


Hier herrschte einst, mit Kreuz und Schwert zur Hand,

ein Reich, das fern der Meere Gold verlor,

sein Blut verkaufte, blind dem fremden Flor,

und Rauch verhüllte Sonne, die einst stand.


Der Schlaf der Königin ward schwer gestört,

als falscher Glanz den wahren Wert verzehrt

und List die Seelen heimlich in sich zog.


So fließt durch Spanien, schwer und unerquicklich,

ein Strom von Gütern, zweifelhaft betört –

den Luziferscher Trug ins Herz uns log.



DER GROSSE VERZICHT


„Ich sah und kannte den, der feig verzicht’“ –

so Dante einst im dunklen Tor der Hölle.

Auch du verhüllst dich still in deiner Zelle,

wo Ehrgeiz brütet, doch zum Werke bricht.


Die Kutte schützt dich vor der Welt Gesicht,

doch nährt sie heimlich deines Traumes Welle;

dein stolzer Geist, statt frei im Lichtgefälle,

umkreist den Stamm, der dir das Herz zerbricht.


Du flohst den Platz – doch trägst ihn tief in dir,

die Muse selbst, von dunkler Macht berührt,

verwirrt den Ruf, der dich vom Leben riss.


Du ließest Haus und Blut – doch sage mir:

war’s Mut, der dich in diese Ferne führt?

Nein – Feigheit war’s: der große Verzicht.



ERLÖSUNG


Gott halte dir den Geist stets kühl und klar,

das Herz in Glut, die Hand zu gutem Tun,

die Zunge kurz, das Ohr im wachen Ruhn,

den Schritt bedächtig, doch nicht träg und starr.


Wenn unter Last der Mensch am Wege war

und fällt, so ist’s sein eignes Gewicht nun,

das ihn am meisten zwingt, sich auszuruhn,

bevor er wieder aufsteht, fest und wahr.


Doch schlimmer ist die Trauer, die zerstört,

die tiefer wirkt als jede äußre Last,

weil sie das Leben selbst im Kern verzehrt.


Miss nicht dein Sein nach Werk und stolzer Rast:

die Seele wächst, wenn sie sich neu bewährt –

durch Sturz erhoben, stärker als sie war.



DAS GESETZ DES WUNDERS


Ein Wunder wirkt, wo keines Maß mehr gilt,

ein heimlich Gesetz, das allem sich entzieht;

kein Denken reicht, kein starres Zahlgebiet,

das dieses Spiel in feste Formen hüllt.


Es lebt im Dasein, frei und ungefüllt,

vom Geist erahnt, doch nie ganz ausgespielt;

als „Zufall“ wird es oft nur kühl betitelt,

was göttlich webt und unser Wissen stillt.


Mit zweien Händen wirkt der höchste Geist:

die linke führt die Linie streng und klar,

die wir mit Wissen greifen, Stück für Stück.


Die rechte aber, frei und unbereist,

stickt Wunder ein, nach Willkür wunderbar –

und lenkt das Ganze durch ein tiefrer Glück.



PALÄONTOLOGIE


In Felsen ruht vergangner Zeiten Spur,

als hätte einst die Flut sie eingeschrieben;

die Tritte jener Wesen sind geblieben,

die längst verschwanden aus der Lebensflur.


Wie große Lettern liest der Geist die Kur

der Zeichen, die im Stein uns überblieben;

der Forscher deutet, was uns aufgeschrieben,

und formt daraus der alten Welt Kontur.


Doch wo der Vogel frei den Himmel schnitt,

bleibt keine Spur, kein Zeichen seines Flugs –

der Raum bewahrt nicht, was sich ihm entzog.


So ist es auch im Menschheitslauf und Schritt:

was schwer und niedrig war, bleibt uns genug –

das Höchste aber flieht wie Himmelsflug.



AN DEN TORMES


Vom Gredos her durch Kastiliens Gefild

ziehst du, o Tormes, sanft durch grüne Weiten,

vorbei an Träumen, die Teresa leiten,

und Alba ruht an dir, in Schlaf gehüllt.


Am Ufer spielst du, wo dein Lauf sich stillt,

wo Fray Luis’ Gesang die Haine weiten,

und stärkst den Mann in seinen schweren Zeiten,

der müht und drischt im Feld, von dir erfüllt.


In Salamanca spiegelst du das Gold

der Türme klar in deinem stillen Lauf,

ziehst unter Brücken aus der Römerzeit.


Und was dein Lied mir leise sagen wollt,

bewahr ich tief im Herzen immer auf –

verlass mich nicht, o Strom der Ewigkeit.



DEINE PASSION IN DER WÜSTE


Es war dein Leben Kampf im Wüstenmeer,

wo Trauer tost im Sturm der dunklen Zeiten,

die Wellen drängen dich in fernste Weiten

und treiben dich vom ersehnten Hafen her.


Du sahst den Himmel nie so mild und leer,

du rangst im Dunkel, ohne Licht zu leiten;

kein Mut erschien, dein Schicksal zu begleiten,

und Hoffnung blieb dir fremd und kalt und schwer.


Nun kommen jene, die dich einst gemieden,

und singen laut an deinem stillen Grab;

doch klingt ihr Ruhm dir nicht mehr in die Ohren.


Denn erst im Tod wird oft der Streit entschieden:

der Held erliegt – und steigt im Sterben ab

zu jener Gerechtigkeit, neu geboren.



TEMPEL DES FLEISCHES


Dein Leib erhebt sich stolz in edler Form,

wie dorisch Maß und ionisch zart verbunden;

in deinem Herzen ruhen heil’ge Stunden,

bewahrt wie Schrift in still geweihtem Dom.


Dein Antlitz strahlt, von Harmonie umwoben,

die Augen leuchten wie ein stiller Schrein,

und auf den Lippen ruht, so kühl und fein,

ein Lächeln, das aus fester Form gehoben.


Mein Fleisch erbebt, wenn ich dein Bild erschaue,

so rein erscheint der Bau, so streng und klar,

als wärst du selbst der Tugend stilles Zeichen.


Ein Opfer ist dein Leben, froh und wahr,

und dein Leib ein Tempel heil’ger Schau,

wo Laster weicht und reine Kräfte reichen.



HERBSTLEBEN


Das Herbstesleben gleicht dem Zwielichtschein,

von ungewissem Sinn und mattem Streben;

als hätte Gott, im Schaffen dieser Leben,

nicht klar gewusst, was Ziel und Zweck soll sein.


Mit dunkler Last durchziehn sie Feld und Hain,

ihr Flug gebrochen, schwach ihr kurzes Beben;

nur Schatten zeichnen sie im flücht’gen Leben,

die bald verwehn im kühlen Abendschein.


Wie Fledermäuse steigen sie empor,

in milden Nächten, die September bringt,

und kosten still des Himmels dunkle Weite.


Doch ohne Spur vergeht ihr leiser Chor,

da nichts ihr Dasein fest im Sein verankert –

ein Leben, das im Dunkel sich vergeudet.



DAS EVANGELIUM


Matthäus gab dem Bild des Menschen Haupt,

Lukas den Stier, Markus des Löwen Stärke,

Johannes schuf des Adlers Himmelswerke –

so ward das Wesen, das den Geist uns glaubt.


Geboren einst, wo Nebel dicht getraut,

durchflutet Licht die Täler und die Werke;

doch Schleier bleiben, die das Auge merke,

da Wahrheit oft im Zwiespalt sich erbaut.


Ein Cherub ist’s, dem Rätsel gleich gestellt,

Sphinx seines Namens in des Himmels Kreis,

der zwischen Licht und Dunkel sich erhebt.


Er zeigt das Antlitz, das zugleich erhellt

den Gott der Liebe wie des Zornes Preis –

doch nie ganz wird, was unser Geist erstrebt.



DIE SPHINX


Man raubte dir die Flügel, Sphinx aus Stein,

und hüllte dich in Wüstensand und Schweigen;

doch zwingst du uns, den letzten Schritt zu zeigen,

auf jenem Pfad ins Unermessne hinein.


Du setzt ein Mal, das niemand kann vernein’,

und zwingst uns, unsrer Sehnsucht nachzuneigen;

an deiner Stirn zerschellt in stummen Reigen

der stolze Ruf nach Sinn und ew’gem Sein.


Um dich nur Ödnis, von der Sonne wund,

die gnadenlos die weite Fläche schlägt,

wo selbst der Traum zu Staub im Wind vergeht.


Der Pilger sinkt, von Durst und Qual verwundet –

bis ihm im Sterben offenbar sich trägt:

dass Freiheit erst im Tod vollendet steht.



DIE REBE MEINES BALKONS


Die Herbstsonne steigt still an meinem Haus,

und auf dem Balkon rankt die Rebe leise;

mit zarter Kralle hält sie, weise,

sich fest am Eisen, breitet Leben aus.


In stillen Stunden, fern vom Weltgebraus,

lauscht meine Seele ihrem Flüstern weise,

und formt in Versen, leis und ohne Gleise,

ein Lied, das aus der Stille wächst hinaus.


Nicht will ich, dass die Frucht im Kelch vergeht,

gepresst zu Wein im lauten Weltgebrauch,

wo fremder Durst sie blindlings ganz verzehrt.


Für mich bewahr ich, was im Stillen steht:

die Traube reift im milden Herbsteshauch –

wie mein Gedicht, das unvergoren währt.



DAS GEBET DES ATHEISTEN


Erhör mein Flehn, o Gott, der nicht besteht,

und sammle doch in deiner leeren Weite

die Klage, die mein Herz im Schmerz begleitet,

da Trost im Nichts uns dennoch nicht vergeht.


Du bist’s, dem sich mein still Verlangen dreht;

je ferner du, desto in mir die Breite

der Sehnsucht wächst, die mir zur Nachtgeleite

als sanfter Rat einst meine Liebe sät.


Wie groß bist du – so groß, dass nur Gedanke

dich fasst; die Wirklichkeit bleibt viel zu klein,

um dich in ihre engen Maß zu zwängen.


Ich leide an dir, leere, weite Schranke –

denn wärest du, so dürfte ich auch sein:

im Sein würd’ sich mein Dasein selbst vollenden.



DIE KUNST


Im Wind und Licht, im Schatten wie im Schein,

mit scharfer Klinge, sicher, ohne Zagen,

so geht er still daran, sein Werk zu tragen,

und lässt selbst Totes neu gestaltet sein.


Er schneidet kühn, mit eigentümlichem Schein,

und formt aus Rohheit Kunst in stillen Lagen;

dabei beginnt er leise anzusagen

ein Lied, das nur dem eignen Tun will sein.


Ein Meister ist er – irrt sich kaum im Streben,

bis selbst das Kleinste unter seiner Hand

zum Ausdruck wird von Können und von Leben.


So zeigt sich Kunst: sie herrscht im kleinsten Stand –

wer sie beherrscht, dem ist es auch gegeben,

in jedem Stoff den höchsten Sinn zu bannen.



AUGEN OHNE LICHT


O schöne Augen, die kein Licht mehr sehn,

wie matte Monde, fern und doch so klar,

ihr wandelt still durch Räume sonderbar,

wo dunkle Bilder leise auferstehn.


In euch beginnt ein anderes Verstehn,

wo unsichtbar die Welt der Ahnung war;

und Wege öffnen sich, die wunderbar

durch Nebel in ein fremdes Leuchten gehn.


Ein Engel schaut in euren stillen Glanz,

ein Hauch von Trauer klingt aus eurem Sein,

als trüge er ein Lied aus ferner Sphäre.


Und ohne Blick erhebt sich doch der Kranz

des Lichts, das euch durchdringt im Innern rein –

ein Lied der Liebe, das unendlich wäre.



UNGLAUBE UND GLAUBE


Nach Gott verlangt die Seele, dürstend sehr;

verwandle sie, o Christus, in ein Leben,

das rein wie Quell sich deinem Licht ergeben,

und trinke Gnade aus dem Glaubensmeer.


Ein Tropfen schon genügt mir um so mehr,

obgleich ich oft im Zweifel muss erbeben;

denn wer dich schaut, dem ist das Sein gegeben –

und doch bleibt mir dein Anblick fern und schwer.


Die Sonne brennt auf Stirn und Herz zugleich,

das Wissen nagt, der Durst will nicht vergehn;

ich ringe, doch mein Trank bleibt mir versagt.


So ruf ich dich aus diesem Schattenreich:

ich glaube – hilf dem Zweifel zu bestehn,

der meine Seele still und heimlich plagt.



AN MEINEM 46. GEBURTSTAG


Nun steh ich auf des Lebens höchstem Grat,

und Nebel deckt das Tal vor meinem Blick;

ich weiß nicht mehr den Weg, der mich zurück

hinabführt aus des Gipfels spätem Pfad.


Mit stillem Schmerz, der dunkle Ahnung hat,

such ich das Licht, das mir den Blick entzieht;

und bitte dich, dass deine Hand mich zieht,

wenn Furcht mein Herz in schweren Stunden hat.


Die Sonne sinkt mir schon von meiner Stirn,

die Nacht erhebt sich drohend über mir;

du Herr der Zeit, der meine Jahre lenkt –


tröst mich, wenn ich den letzten Weg berühr’,

wenn ich hinabsteig, müd und ohne Zier –

aus Nebel kam ich, kehr zu Nebel denkt.



DAS WORT


Im Anfang war das Wort – der Schlüssel rein,

durch den das Stumme erst zum Dasein fand;

es ist das Band, das Gottes weise Hand

um alles legt, um eins im Sein zu sein.


Durch es erhebt sich Mensch aus Knechtschaft klein,

im Kampf gebraucht er’s, stark und wohlbekannt;

und wenn die Seele dürstet, müd gebannt,

so schöpft er Kraft aus seinem Quell allein.


Geheiligt sei dies Wort, das Gott selbst ist,

durch das die Welt ins helle Leben trat,

als erstes Licht im Dunkel aller Dinge.


Auch du erschaffst mit ihm, was in dir ist:

bewahr es rein, dass es dich nicht verrat’ –

entweih es nie zur leeren, toten Klinge.



PORTUGAL


Am Rande des Atlantiks, rau und kahl,

sitzt still ein Weib am Fuß der dunklen Höhen,

wo Kiefern traurig in den Himmel wehen

und Wind ihr Lied trägt durch das Abendtal.


Die Ellenbogen ruhn auf Knien schmal,

die Wangen stützen sich, die Augen spähen

wie Löwinnen, die fern die Sonne sehen,

die sinkt ins Meer in glühend rotem Strahl.


Das Meer erzählt von Ländern, weit und fern,

von Chancen, die im Schaum der Zeit verwehn;

sie träumt, die Füße badend in der Flut.


Vom Reich, das einst versank in Nacht und Stern,

sieht sie den König aus den Nebeln gehn –

Sebastián, geheimnisvoll und gut.



DER SCHLAMMVULKAN


Ein Schlammvulkan im Herzen Europas glüht

und speit aufs Neue seinen dunklen Brand;

sein Gift ergießt sich über unser Land,

das schwer von diesem trüben Auswurf blüht.


Er bohrt sich tief, wo unser Wesen müht,

und was er trifft, wird nie mehr rein erkannt;

kein Werkzeug glättet, was er einst gebrannt,

kein Schmerz heilt Wunden, die er uns versprüht.


Er kocht Geschichte nach Belieben neu,

führt seine Pfanne über Zeit und Raum,

und zwingt die Welt in seine trübe Form.


Wer sich nicht beugt, den trifft der blinde Scheu:

so sinkt im Schlamm der Völker stolzer Traum –

kein Rang besteht im gift’gen Zeitensturm.



MEIN KETZERGOTT


Wenn sie mich fluchen – was ist mir daran,

wenn du mich segnest, Gott, den ich erfinde?

Du führst mein Los mit stiller, dunkler Binde

und zeigst mir, wie kurz Leben dauern kann.


Dein Schweigen tröstet mich, hält mich im Bann,

und treibt mein Wort hinaus in jede Winde,

dass es, vom Zweifel wach, sich selbst ergründe

und doch den Weg zu dir nicht lassen kann.


Solang du schweigst und unser Rätsel wahrst,

klag ich nicht an, was mir verborgen bleibt,

und nehme hin, was meinem Dasein droht.


Denn seltsam ist’s, wie du mich so bewahrst:

dass selbst der Glaube, der an dir sich reibt,

noch Nahrung findet selbst im Widerbot.



DER LISTIGE


Du gleichst dem Fuchs, der jeder Falle flieht,

verhüllt im Pelz des Maulwurfs, tief verborgen;

so schützt du dich vor fremden Blicken morgen,

dass keiner weiß, wohin dein Weg dich zieht.


Du steigst empor, wo trügerisch man sieht

den Pfad der Gnade unter frommen Sorgen,

und tilgst die Spur, die dich verraten morgen –

kein Mensch erfährt, wo deine Nacht geschieht.


Du suchst mit Tier und Heiligen zugleich

den Weg zum Himmel, listig und gewandt,

und kennst die Kunst, dich jeder Form zu fügen.


Doch wer so lebt im Spiel der Täuschung reich,

verliert sich selbst im selbstgespannten Band –

und glaubt zuletzt noch selbst an seine Lügen.



LETZTER TRAUM


Heb mich, o Mutter, in des Vaters Arm,

damit in ihm die müde Seele ruhe,

die krank vom Zweifel endlich Frieden tue

und schlafe still, von allem Leid nun arm.


Gib mir den Traum, der meine Glut umfängt,

dass seine Wärme meine Seele löse;

nur so entflieht das Leben, das so böse

mit eitler Kühnheit unsre Kraft bedrängt.


Dies bittere Brot verlangt nach süßem Schlaf,

nach jener Ruh, die Gott den Seinen gibt,

wo sanft die Wiege aller Schmerzen schwingt.


Ein Traum, der wie ein stiller See uns traf,

in dem die Seele neu und rein sich liebt –

und in dem Tod ein neues Leben bringt.



DIE SCHWARZE LILIE


Die schwarze Lilie im Klostergarten,

die einst dein Leid in stillem Schweigen trug,

verwelkt nun dort, da ihr kein Tropfen schlug

von deinem Schmerz in langen Opferfahrten.


Kein Schweiß, kein Weinen deiner frommen Arten

benetzt ihr Blatt; seit du im neuen Zug

den roten Mantel trägst, verlor sie klug

den Bund, der euch verband in alten Karten.


Doch trägt der Wind aus Chor und Refektorium

noch leise Klänge, die Versuchung säen,

ein fernes Lachen, das die Stille bricht.


Und wie ein letztes, dunkles Requiem

nimmt sie ihr Los in welkendem Verwehen –

ein stilles Zeichen, das vom Ende spricht.



EIN LEBEN


Im Schatten der Zypresse, fern im Winkel,

Wo still der Klostergarten Einsamkeit umschließt,

Erzählt die schwarze Lilie, wie ihr Leid zerfließt,

Sor Juana von der Qual und Schlammes Dünkel.


Sie denkt des Vaters, dessen Rauschgestalten

Ihr junges Herz mit Irrsinn oft bedrängt,

An dessen Fuß sie, wie ein Licht versenkt,

Als Opferlilie brennend festzuhalten.


Sie weiß es noch: Die Winternacht, so bleich,

Als leis der Schnee auf Mutterhände sank,

Die ohne Vorwurf schied ins Totenreich.


Und wie des Vaters Freund im Wüstenwind

Erschien, als sie, vor Angst und Flucht noch krank,

Im Kloster Zuflucht fand als Gotteskind.



DIE ANTI-LIBERALE MANIFESTATION


O Herr, steh bei uns in der wilden Stunde,

Da diese Lawine uns mit Wucht bedroht!

Wer zündet sie nur an in unsrer Not?

Kein Täuberich – ein Fuchs macht nun die Runde.


Kein Kreuz ist dies, ein Knüppel wird erhoben,

Der Schädel bricht und weit die Wunden reißt,

Der uns mit Blut statt Taufkristall bespeist;

Camorra herrscht, wo Evangelien loben.


Wohl den Sanftmütigen, die Frieden säen,

Denn ihnen wird die Erde einst gehören;

Doch wer will hier die Sehnsucht nur beschneien?


In kurze Fesseln will man uns beschwören.

Der Himmel leidet Not, und im Vergehen

Wird Kriegesruhm mit Glashieb uns betören.



VERNUNFT UND GLAUBE


Erhebe hoch des Glaubens weißes Banner

Ganz ohne Staub, der diese Schlacht bedeckt,

Indes die Wissenschaft nur Zweifel weckt,

Hört Weisheit zu, wirkt Kunst als Weltenplanner.


Du musst nun leben! Kraft heißt: sich bemühen,

Zu kämpfen gegen jenen Schurkengeist,

Der mit der Peitsche dich zum Tode weist.

„Du musst nun sterben!“, hört man Stimmen glühen.


Tu du dein Teil! Denn Gott verabscheut jene,

Die feige weichen. Deine blut’ge Spur,

Die durch das Feld des Todes führt, die kühne,


Leitet zum Stern dich auf der Himmelsflur.

Verdien dir jenes Leben, das ich meine:

Ob mit Vernunft, ob gegen die Natur.



BARATEROS DE LA GRACIA


Im Speisesaal sprach man mit leisem Grollen:

„Das Brot wird schwärzer, Tag für Tag, wie Ruß.“

„Aus Eichen-Galle scheint’s und Bitternis-Genuss!“

„Warum bist du zum Opfer hergekommen?“


„Es ist der Ratschluss Gottes, diese Strafe

Reißt uns von Völlerei und Sündentat.“

„Das Fegefeuer macht wohl Bankerott im Rat,

Und mit ihm sinkt das Kirchenschiff im Schlafe.“


„Der Glaube wankt...“ „Es hilft kein Beten mehr,

Kein Trisagion in gottlos-wilder Zeit,

Da Demokratie das Volk zum Wahlsinn leitet.“


Die Herde, an das Stimmrecht schon gewöhnt,

Hat sich von Billigkeit und Recht befreit,

Indes sie nur nach eitlen Gütern fahndet.



STERBEN GEHEN


Du siehst im Abendrot, im Silberspiegel,

Wie ferne Inseln, aschfahl und entrückt,

Im Meer aus Äther schwimmen, tief beglückt,

Indes der Drache flieht am Himmelsriegel.


O heil’ge Schau, die unsre Seele rettet

Vor dieser Welt, die uns in Gier verstrickt;

Der Zwillingsglaube, der uns nun erquickt,

Hat uns in Hoffnung sanft und fest gebettet.


Wo zwischen Thymian das Meer entspringt

Und mit dem Himmel eins wird, lass dich treiben,

Indes das Säkulum im Trab verklingt.


Genieße nun, von schwerer Fron befreit,

Den Winkel, wo wir wunschlos dürfen bleiben,

Um Tropfen für Tropfen zu sterben in der Zeit.



DIE EICHE UND DIE WEIDE


Die Steineiche, im Stolz starr aufgerichtet,

Hebt ihren dunklen Kelch zum Himmelszelt,

Den kein Orkan und keine Macht entstellt,

Vom Wind unberührt, der die Blätter lichtet.


Indes die Weide, die am Wasser trauert,

Ihr Haar im kühlen Silberschleier wäscht,

Vom Fluss besiegt, der ihre Kraft erlischt,

Vom Herbst entlaubt, der an den Ufern lauert.


Ihr Laub treibt fort zum Meer, wo alles endet,

Und wenn der Winter kommt mit aschfahl’ Hand,

Hat sie nur nackte Ruten noch gesendet.


Gott, gib mir jene Kraft, die Eichen eigen,

Dass meine Seele, fest im Stande, fand

Den Lorbeer dort, wo Weiden sich verneigen.



ECHTE FRÖMMIGKEIT


Dass es kein Gott gibt außer Gott allein,

Iñigo ist der Marabout, der kühne,

Der Christus’ Wort zur monolith’schen Bühne

Des Korans hob, im baskisch-harten Stein.


Wenn sich die Seele, die so rastlos scheint,

Der frommen Diät unterwirft im Stillen,

Wird sie befreit von Höllenqual und Willen;

Im Ritus nur ist Freiheit uns vereint.


Die Palme wird der Tanne nicht vermählt,

Kein Platz für Mischung ist in unsrer Treue,

Denn afrikanisch ist, was uns beseelt.


Wenn uns der Arier reizt mit seinem Spott,

Schützt uns die Hecke, die wir ziehn aufs Neue;

Die Karawane wacht und dient dem Gott.



MEIN HIMMEL


Du, die in dem Vergessen, das nun wacht,

Mein Hab und Gut zu fernen Sternen trägst,

Bist du der Chor, der, wenn du ihn erregst,

An meinem ew’gen Nest die Lieder facht?


O Herr des Lebens, hör mein Flehen an:

Nicht nach der Zukunft frag ich, nur nach Tagen,

Die ich beweint’ in klangvoll-tiefen Klagen;

Dass mir das Gut, das schwand, noch helfen kann.


Ich will nicht neues Leben, neue Welt,

Ich will das Gestern, das ich sehnsuchtsvoll

Gelebt, bevor mein Flug ins Leere fällt.


Lass mich das Spiel nicht ganz am Ende schauen,

Denn, Herr, kein Himmel, wie er strahlen soll,

Kann mir ein Glück wie mein Vergang’nes bauen.



EIN PATRIOT


Er denkt, wie er den Atemzug genießt,

Im Rhythmus seines Fleisches, ganz organisch;

Die Sprache spricht aus ihm – fast talismanisch –

Die alt aus seines Volkes Herzen fließt.


In fester Ehe lebt er seinen Glauben,

Aus dem er einst als freier Geist entsprang;

Der Freiheit Lehnsherr ist er, ohne Zwang,

Dem Erbe treu, das niemand ihm kann rauben.


Er denkt mit seiner Rasse Geist und Sinn,

Weil er genau fühlt: Wenn er sich verliert,

Ist auch die Einheit mit dem Volk dahin.


Er denkt, wie er den Atem ruhig führt;

Die Seele, die nur patriotisch glüht,

Ist manchmal keuchend, aber nie verwirrt.



AN EINE FRÖMMLERIN 


Du flirtest, Heuchlerin, in frommer Zier,

Mit Christus, den du deinen Diener nennst,

Ein Reserve-Freund, falls du dich munter trennst

Von jenem Mann, der näher steht als Er.


O Novizin, bete nur, wenn Jugend sprießt,

Um aus der Liebe Kraut den Saft zu ziehen,

Damit die Reize nicht zu schnell entfliehen,

Wenn du des Giftes Wirkung still genießt.


Doch gleichviel, wie du San Antonio ehrst,

Ihn mit Geschenken und mit Weihrauch blendest,

Damit du dich von deinem Schicksal kehrst:


Am Ende hilft kein Flehen, kein Gebet,

Wenn du dich doch zum Teufel niederwendest,

Der lachend hinter deinem Altare steht.



UNTER DEM JOCH


Wie beim Ochsen dient das Horn dir nicht mehr,

Außer als Stütze für den schweren Riemen,

Der dich ans Joch fesselt. Denen, die ziemen,

Wird es im Kampfe lasten, dumpf und schwer.


Der lange Stall, des Winters dichter Mantel,

Der Fronarbeit gewohnte Sanftmut-Pflicht,

Sie nahmen dir den Mut und das Gesicht;

Vergessen ist des Hornes alte Hantel.


Dies ist das ewig’ Bild für jenen Mann,

Der nun das Schwert zur Pflugschar umgeschmiedet,

An der er sich nur müde beugen kann.


Die Machete, die einstmals Schutz geboten,

Wird nun zur Hacke, die den Geist ermüdet;

Dein Horn ist nutzlos, Kampf führt nur zu Toten.



ATHEISMUS


Des Atheismus Vorwurf, so bequem,

Um schlichte Menschen in den Streit zu führen,

Doch heißt es nur, die Ehrfurcht zu verlieren;

Gott ist ein Abgrund, tief und ein Problem.


Wo letztlich alles eins ist und derselbe,

Wo Widersprüche in sich selbst zerfallen,

Da lässt der Katechismus uns erschallen,

Dass wir erstaunen vor der Geistesgelbe.


Als Glauben nehmen wir, was Hoffnung spricht:

„O Gott, ich glaube!“ – doch nur, weil wir wollen,

Dass uns ein Ziel erscheint am End’ der Pflicht.


Gott ist der Wunsch nach Sein, den wir doch missen,

Den wir niemals ganz erreichen sollen.

Ist Gott vielleicht selbst Atheist? Wer will es wissen!



FRIEDEN DES KRIEGES


Ihr Seelen Gottes, die ihr in der Not

Des Himmels diesen Lebenssturm durchquert,

Der in die ew’ge Bahn euch heimwärts führt;

Wenn einst das Schiff im sich’ren Hafen ruht,


Das Wrack – das Steuer brach in wilder Flut,

Der Rahmen morsch, vom Ruder nicht regiert,

Das Segel wie ein Bettlerkleid geziert,

Voll bitterer Gischt in letzter Abendglut –,


Dann wird ein Schmerz mit eurer Freude ringen;

Ihr werdet euch nach Donnern und nach Grollen

Des Sturms, der euch gepeitscht hat, sehnend wenden.


Denn wenn die Tage friedlich uns erklingen,

Ist’s nur, weil wir aus Kriegen, die verschollen,

Im Busen unsrer Ruh’ Poesie vollenden.



TAGE EINES DIENERWILLENS


Tage der Trägheit, da kein Werk gedeiht,

Was angefangen, harrt auf sein Vollenden;

Tage der Leere, die den Wunsch entwenden,

Da Nichtstun uns vom Tatendrang befreit.


Es reizt die Brust, wie traurig wir als Sklaven

Der Handlung dienen, wenn kein Schmerz uns schont;

Tage, an denen Gott nicht bei uns wohnt,

Um uns vom Mahner im Gewissen auszuraffen.


Tage der Mattigkeit, da wir die Bahn

Des Lebens als Verirrung bitter spüren;

Durst nach dem Traum, der niemals enden kann.


Tage mit Dienerwillen und dunkler Stirn,

Ihr lehrt mich, während ihr mich wollt verführen:

Nichts reißt die Seele mehr als leeres Hirn.



RETTE DICH SELBST!


Schüttel die Trauer ab, fass neuen Mut,

Schau nicht auf das Rad des Glücks, das oben

Und unten kreist, vom Schicksalswind gehoben;

Wer leben will, dem dient nur Tatendrang gut.


Nähr nicht die Angst, die dich so tief verstrickt

In jenes Netz, das langsamen Tod bereitet;

Denn Leben heißt, dass man zur Handlung schreitet;

Nur wer arbeitet, ist wahrhaft beglückt.


Geh säen nun im Takt mit deinem Pflug,

Schau nicht zurück auf das, was längst vergangen,

Lass dich nicht täuschen von dem Trug der Toten.


In Furchen lebe ich, lass ab vom Bangen,

Das Leben ist kein Wolkenzug, kein Flug;

Ernte dereinst, was du dir selbst geboten.



AN DEN GOTT SPANIENS


Die Heimat nur ist jene große Schule,

Wo Menschheit ihre Brüderlichkeit lernt,

Da aus der Heimat sich das Schicksal kernt,

Das uns zum Schöpfer führt auf seinem Stuhle.


Obwohl sein Antlitz auf dem Sinai

In Wolken segelt, gibt er doch die Tafeln

Dem Moses kund, statt eitel zu geschwafeln;

Die Heimat ist des Gesetzes Hieroglyph.


Gott von Bailén und von Roncesvalles,

Herr unsrer Heere, Gott von Covadonga,

Gesegnet sei dein Name überall:


In Spanien hier und dort im Himmelslicht!

Indem ich dich bekenn’, tönt’s fort und länger,

Solange mir der Atem nicht gebricht.



DAS BLUT DES GEISTES


Das Blut des Geistes ist mir meine Sprache,

Die Heimat dort, wo souverän das Wort

Im Chore schwingt und klingt an jedem Ort,

Und füllt die Welten beiderseits der Wache.


Als Seneca noch nicht geboren war,

Schloss sie sich ein im strengen Latein-Lichte;

Alfonso gab Europa mit ihr Gesichte,

Kolumbus schuf mit ihr die Erde neu und klar.


Wie eine Arche schwebt sie auf den Fluten

Von hundert Völkern, fern und grundverschieden,

Wo Juárez’ und Rizals Blumen blühn.


Sie eint die Rassen in den Morgengluten;

Die Sprache, drin Cervantes Gott beschieden,

Den Don Quijote als Evangelium zu ziehn.



MYSTISCHES KOLLOQUIUM


Er hält mit seinem Gott im Herzensgrund

Beständig Zwiegespräch und Monologe;

Er achtet drauf, dass keine Ketzerei ihn betrüge,

Denn beide sind Theologen in dem Bund.


Als Apologeten müssen sie wohl sprechen,

Doch niemand kann den Wert der Worte messen;

Vom Philologen-Wahn ganz hingerissen und vergessen,

Will er die Stille mit dem Wort durchbrechen.


Und er entgegnet: „Gott im Dialog zu finden,

Heißt, in den Abgrund tief hinabzusteigen;

Wie tief er auch, man kann ihn nicht ergründen.


Ich klinge, wie ich kann, im eignen Zeigen,

Ich antworte für mich in allen Sünden;

Doch vor dem Gott – da herrscht nur tiefes Schweigen.“



DAS BÖSE DES DENKENS


Wer denkt, der sündigt oft, ohne zu wissen,

Dass Gefahr im bloßen Sinnen liegt;

Der böse Feind, der uns im Geist besiegt,

Hat jene Seelen längst schon hingerissen,


Die nicht des Skapuliers Schutzwehr besitzen,

Noch jenen Tauferfolg im Herzen tragen;

Des Köhlers Glauben gilt’s in diesen Tagen,

Denn Forschergeist wird uns vor Gott nicht nützen.


Was Tod uns brachte, war die Gier nach Wissen,

Der Wissenschaft so schlechte Gewohnheit;

Kein Ablassbrief heilt Denken und Gewissen.


Die Ungewissheit muss zu Grabe gehen;

Gott gab uns Denken nur als Prüfungszeit:

Wohl dem, der nicht begreift, was ihn will drehen!



AN DER LAGUNE DES CHRISTUS


O weiße Nacht, da kristallklare Fluten

Auf ihrem Bett in der Lagune ruh’n;

Der Vollmond segelt, ohne Rast zu tun,

Das Sternenheer folgt seinen Silberrouten.


Die Eiche spiegelt sich im glatten Spiegel,

O weiße Nacht, die uns als Wiege dient,

Wo tiefste Lehre uns im Geist erscheint;

Gott drückt der Welt hier sein geheimes Siegel.


Es ist des Himmels Träne, sanft umschlossen

Von der Natur, die mütterlich sie hält,

Ein still Gebet, aus Liebenden entsprossen.


Wer nichts besitzt als seine Lieb’ allein,

Ergibt sich still dem Schweigen dieser Welt

Und taucht in diesen weißen Schimmer ein.



DER SOZIALAUFTRAGGEBER


Ein Mensch ohn’ Heimat ist ein nacktes Wesen,

Zweibeinig, federlos, nach Rousseaus Plan;

Zôon politicón auf seiner Bahn,

Ein Säugetier, vom Hochmut auserlesen.


Er will nur nehmen, wenig beisteuern,

Als Individuum will er allein bestehen;

Ein Blitz, der ziellos muss vorübergehen,

Indem er Raub treibt, statt sich zu erneuern.


Die Menschheit ist für ihn ein Extrakt nur,

Aus Grabesstätten mühsam hergeleitet,

Abstrakte Einheit ohne Lebensspur.


In Metropolen wird sie statuiert,

Ein Teil im Pakt, der uns den Weg bereitet,

Bis sich die Welt im Kosmos ganz verliert.



SATAN


O armer Satan! Aus dem Glanz verstoßen,

Vom Gnadenthron des Herrn hinabgejagt;

Dein Herz, von Kälte hart und unbetagt,

Kann keine Träne mehr aus Qual vergießen.


Du mürrischer Gefang’ner in den Netzen,

Gequält von Wahrheit, die du niemals gibst;

Du Vater der Enttäuschung, der nicht liebt,

Musst dich an eignen Qualen nur ergötzen.


Verdammt, mit dir in Ewigkeit zu streiten,

Bekämpfst du dich, um dich selbst zu vergessen,

Doch Langeweile füllt dir alle Zeiten.


Mit Arglist willst du unser Leben fangen,

Belagerst uns, von finst’rer Gier besessen,

Indes wir Sterblichen dich noch belangen.



AN MEINEN ENGEL


Bedeck’ mit deinen Flügeln mich, mein Engel,

Mach sie zur Wolke, die nicht mehr vergeht;

Du schützt den Geist, der vor dem Schöpfer steht,

Indes des Schicksals Fluss fließt ohne Mängel.


Ich traue drauf, dass ich im Vaterhaus

Die Wahrheit ohne Schleier schauen werde;

Dass ich nach all der Mühsal auf der Erde

Dort endlich ruh’ von allem Irrsinn aus.


Sieh doch, mein Engel: Kurz ist unser Leben,

Obgleich die Bahn uns sehr mühselig scheint;

Die Seele will nach ihrem Gotte streben.


So wart’ ich auf den Tod, um ihn zu sehen;

Denn wer mit Gott sich in der Ruh’ vereint,

Kann nur durch Tod zur vollen Wahrheit gehen.



CIVILITAS


Der Neid wird niemals satt, da er nicht frisst;

Drum bleibt er mager, und die arme Seele,

Die er befällt in ihrer Einsamkeits-Höhle,

Wird matt, weil er an ihrem Mark nur misst.


Doch wenn in einer Menge seine Frechheit,

Die taub für jede Dankbarkeit sich zeigt,

Zur wilden Horde wird und niemals schweigt,

Dann zeugt sie der Demokratie die Echtheit.


Es war sein Sohn Kain, der zuerst die Stadt

Auf festem Grund errichtete, wo jene,

Die gradlinig sind, nun suchen ihre Statt.


Denn Neid war stets der bürgerlichen Brüder

Das Fundament und erste Gesetz der Szene;

Des Brudermords Vermächtnis kehrt nun wieder!



IN DER HAND GOTTES


Wenn du uns, Herr, mit deinem Kusse küsst,

Der uns den Atem raubt – den Kuss des Todes –,

Dann bleibt das Herz am Ende seines Weges

In deiner rechten Hand, die uns umschließt.


An deiner Linken, schwer von seinem Gewicht,

Ruht dann das Haupt, da nun der ew’ge Schlaf

Zurückkehrt zu dem Geist, den er einst traf,

Indes das Hirn in Qualen sich bricht.


Du legst das Herz an deine tiefe Brust;

Wie in der Wiege ruht es dort geborgen,

Fern von der Leidenschaften wilder Lust.


Indes der Geist, befreit von schwerer Last,

Vom Trug der Träume und von alten Sorgen,

In deiner starken Hand im Lichte gast.



TRAGIKOMÖDIE


Das Einz'ge, was der Mensch mit Ernst vollbringt,

Ist, dass er wird geboren; doch die Posse

Belagert ihn sogleich in ihrem Schlosse,

Und Gott nicht hilft, wenn er mit Sorgen ringt.


Der Schauspieler, durch harten Schmerz gebrannt,

Fühlt, wie das Leben bitter ihm verdirbt;

Der Tod ist nur ein Spiel im Komödiengewand,

Obwohl er als des Rätsels Prolog stirbt.


Die Bühne ist mit Mythen vollgestopft,

Mit Zauber-Effekten künstlich dekoriert,

Indes der Hunger an die Türen klopft.


Zwei Momente sind’s, die unser Dasein lenken:

Die Geburt wird fast als Tragik inszeniert,

Den Tod muss man fast stets dem Lachen schenken.



SANDREGEN


Wenn Gott uns den erlösend’ Regen spart,

Entzieht er uns das Wasser, das uns kühlt,

Damit die Seele in dem Sande fühlt

Die Taufe, die uns aus dem Moor bewahrt.


Heller Sand, den Nubiens Wind uns peitscht,

In dem die Sonne ihren Glauben speichert;

Was uns mit Feuer in den Adern bereichert,

Hat uns für jede Quelle Sand gereicht.


Gegen die Gottlosen, die kühn behaupten,

Sie bliesen Gottes Licht mit ihrem Mund

Und ihrer eitlen Wissenschaft nun aus;


Gegen die Hunde, die uns Heil raubten,

Bleibt Gott mit seinem Sandregen im Bund,

Und schüttet ihn auf ihr verblend'tes Haus.



DER SCHWARZE ENGEL


Der schwarze Engel rührt mein Herz nun an

Mit seinen Schwingen, ruft mich aus dem Traum,

Worin ich wähnte, durch den Weltenraum

Auf Clavileño fliegend den Himmel zu nahn.


Doch meine Stirn, vom Herbste schon gezeichnet,

Trifft auf die Wahrheit der Gebärde nun,

Die unbeweglich bleibt wie Stein und Tun,

Und unsre Pflicht mit hartem Schmerze eignet.


In Todestrauer bin ich tief versunken,

Ich hasse nun das Leben mit der Wahrheit

Und bin von starker Angst wie trunken.


Doch du blickst mich mit tiefem Mitleid an;

In deinen Augen find ich jene Klarheit,

Die süßen Traum, wo Wahrheit schwindet, spann.



GESUNDHEIT NEIN, IGNORANZ


Du wendest dich nun rastlos hin und her,

Um jene Ruh’ zu finden, die dir fehlt;

Doch links wie rechts bleibt deine Brust gequält,

Das Bett wird dir zum Hengst, so wild und schwer.


Gedenke doch, wenn du vor Menschen sprichst,

Dass dieses Leiden viele Seelen frisst;

Verschlimm’re nicht, was schon erbärmlich ist,

Wenn du mit Hetzreden die Stille brichst.


Wer mit Beständigkeit sich brüstet, gleicht

Dem Mann, der stolz auf seine Kraft und Pracht,

Den Kranken nur mit hohlem Spott erreicht.


Doch eines Tages stürzt der stolze Mann;

An Gottes Tafel wird es offenbar gemacht:

Nicht Kraft war’s, Ignoranz trieb ihn nur an.



NUMANCIA


Dem stolzen Rom im kargen Moor zum Spott,

Numancia, du Hort der freien Kraft,

Die iberische Arroganz zur Meisterschaft

Erhob, gefeit vor fremder Macht Gebot.


Du warst schon in der Kindheit Heimatland;

Doch heute kriecht der Holzwurm in dich ein,

Will deiner Adligen Verderben sein,

Wo einst das Katapult nur Widerstand fand.


Es ist nicht jenes bürgerliche Rom,

Das Recht und Schwert in seinen Händen hielt,

Bevor das Kapitol im Zeitstrom schwand.


Der Vatikan ist’s nun, ein dunkler Strom,

Der unser Spanien als die Stütze wählt,

Damit sein Thron am Ende überstand.



EINSAMKEIT


Arme, traurige Seele, die nun geht

Verloren durch den Sand der Wüstenei;

Dunkle Sorgen schleppst du schwer herbei,

Kein Heiligenschein des Märtyrers dich umweht.


Welle um Welle reißt der Wind das Band,

Das dich ans Leben fesselt; und am End’

Wird das, was einst dein Haus war, ganz geschänd’t

Von der Hyänenbande gier’ger Hand.


Das Leben ist die Einsamkeit: Allein

Bist du geboren, wirst auch einsam sterben;

Auf deiner Erde fühlst du nur die Pein


Und ferner Seelen klagendes Verderben.

In dieses Jammertal kamst du hinein,

Um einsam Krieg als Beute zu erwerben.



IN DEN NEUTRALEN STAAT


Du Nachfahr’ des Pilatus, der den Herrn

Dem Nachfahr’ Hannas, also dem Papst, übergibt;

Denn „weltlich’ Recht“, so sagst du ungetrübt,

„Hält Träumer von der bürger’schen Ordnung fern.


Ich hülle mich nicht in ein fremd’ Gewand,

Das unter Ordnung Autorität versteht;

Dort ist Gott, dort ist Religion, dort weht

Ein Geist, der mir nicht schadet im Verstand.“


Die freie Kirch’ im Freistaat – so dein Plan,

Und Christus, den du nur als Spottkönig verkaufst,

Um deine Arbeit leichter zu vollenden.


Doch wer die Waage hält im Größenwahn

Und beide Mächte trennt, den Weg vertauscht:

Wird niemals Ruhe und Verständnis fänden.



LXXXIV – NON OMNIS MORIAR!


„Nicht alles wird vom Tod gefressen sein!“

So singt der Dichter, der den Pöbel hasst,

Den er zur Ewigkeit als Zeugen fasst,

Und hofft, sein Name bliebe ewig rein.


Ein kluger Trick, um sich den Ruhm zu taufen,

Damit die Welt ihn zahm in Ehren hält;

Doch was entgeht der armen Menschenwelt:

Dass auch die Geister sich am End’ verlaufen.


Die Stunde kam, sein Lied klingt noch im Geist,

Es lebt ... doch heißt es nur, dass es verblasst;

Kein Dichter wusste, was das Schicksal weist:


Wenn wir im ew’gen Morgenlicht erwachen,

Wird klar, was uns als letzte Wahrheit fasst:

Dass auch die Toten einst den Tod mitmachen.



DAS HERZ DER WELT


Ruh’ nun, mein Herz, du hast genug gestritten,

Ruh’ dich nun aus und wart’ auf jenes Schweigen,

Das niemals endet; lass den Sieg nun eigen

Dir sein, nachdem du so viel Not erlitten.


Vom bitt’ren Kampf und von der Abnutzung geheilt,

Wasch ab den Bodensatz von jenem Blut,

Das du gesammelt in der Arena Glut,

Indes der Sand des Schicksals dich ereilt.


Rein musst du gehn zu Gott, du Sklave nun

Des langen Kampfs; da dieser dich befleckt,

Sollst du in tiefem Frieden nunmehr ruh’n.


Du wirst die unerschaff’ne Luft genießen,

Die dich ausdehnt, bis deine Kraft entdeckt,

Wie einsam Weltenherz und Seele fließen.



ZU MEINEM GEIER


Der gier’ge Geier mit der finst’ren Stirn,

Der meine Eingeweide wild zerfetzt,

Als einz’ger Gast mich niemals mehr verlässt,

Gräbt seinen Schnabel tief in mein Gehirn.


An jenem Tag, da er den letzten Rest

Vom schwarzen Blute trinkt mit wilder Lust,

Da lass mich ganz allein an seiner Brust,

Dass niemand diese Feier stören lässt.


Denn triumphieren will ich in der Qual,

Wenn er die Trümmer meines Seins verschlingt,

Und überraschen ihn beim letzten Mahl:


Dass er im Blick das eig’ne Schicksal sieht,

Wenn ihm die Beute, die er jetzt bezwingt,

Entgleitet und der Hunger niemals flieht.



NÄCHTE DER SCHLAFLOSIGKEIT


O Schreckensnächte, da kein Schlaf uns fand,

Wo wir die Stunden zählen, die verweh’n;

Der Prozession des Lebens zuzuseh’n,

Wie sie entgleitet an des Flusses Rand.


Das Herz sitzt wach am Ufer in der Nacht,

Nicht denkend, nicht im Traum, im Grübeln nur

Über das Los und der Verzweiflung Spur,

Womit der Geist uns um den Frieden bracht’.


O Nächte voller Angst und wilder Not,

Wenn wir das Hoffen schon als Trug erkennen,

Da uns kein Ausweg mehr die Rettung bot;


Wenn uns ein Tropfen aus dem Strom benetzt,

Und wir im Morgengrauen schmerzlich brennen,

Weil uns die Flut wie rotes Blut entsetzt.



BESCHREIBENDER REIM


Im Schatten, drin die heil’ge Stille wohnt,

Ganz tief im Schutz der hohen Dunkelheit,

Da fliegt ein Glockenschlag durch Raum und Zeit

Hin über Berge, wo der Fels thront.


In Wolken eingehüllt vom Weinen schwer,

Trägt auf dem Gipfel nun die Erde weit

Den schwarzen Mantel, der ihr Leid verleiht,

Wenn nun die Sonne stirbt im Flammenmeer.


Im Schatten löst der Regen sich nun auf,

Die Glocke hallt in stiller Einsamkeit,

Die Stunden fließen in dem ew’gen Lauf


Aus ihrer Quelle, die der Morgen ist;

In schwarzer Flut entflieht die Träumerei,

Die du in früher Jugend einst vermisst.



AN DEN CHRISTLICHEN MERKUR


O Christ-Merkur, von dir erflehe ich

Ein glücklich’ Land, da Mars in deiner Hand

Das Schwert nun führt, gebunden an den Stand;

Das Zepter führst du, herrisch, ohne Dich.


Der Leier Klang und subtile Metren

Beherrschen nun die Erde; auf dem Wall

Strahlt golden nun das Banner überall,

Vom Kreuz geschmückt in deinen Rück-Paket-Gebeten.


Du, der du einst den Göttern hast gedient

Als Kuppler und als Gott in Truggestalt,

Und sie verkauft, als hätt’st du sie verhöhnt;


Der du dich taufen ließest ohne Halt,

Um Christ zu sein im Nu, wie es sich ziemt:

Heut’ herrschst du, o Merkur, mit Gewalt!



HERR, VERACHTE MICH NICHT


O Herr, verachte mich im Streite nicht,

Und kämpfe mit mir; lass mich deine Hand

Doch spüren, die mich bricht am Weltenrand,

Dass du mich brüderlich führst ans Licht.


O Vater, dass du mit mir ringen willst,

Ist Zeugnis für des Menschen Gottes-Art;

In diesem Kampf wird mir das Wort gewahrt,

Das mein Geheimnis und den Glauben stillt.


Sag deinen Namen mir, Herr, in der Nacht,

Da dieses harte Leben bald vergeht,

Und schon die Stunde für den Morgen wacht.


Du hast die Rüstung mir bereits genommen,

Die Seele, die besiegt vor dir nun steht,

Will durch den Pfad zu deinem Frieden kommen.



DIE WOLKENWAND


O braune Wolken, Geister in den Höh’n,

Welch’ Mahnung bringt ihr in dies stille Eck,

Wo meine Sklavenseele ihren Zweck

In eurem Schatten einst hat wohl geseh’n.


Wie Bisonherden zieht ihr nun vorbei,

Am Horizont türmt sich ein wild’ Gebirg’,

Das nicht aus Erde, sondern Himmelswürg’

Den Horizont macht schwer wie Blei.


Wie hoch die Seele auch den Flug beginnt,

Die Wolkenwand wird sie doch niemals queren,

Wo Wünsche an der Mauer eitel sind.


Nicht Erde ist es, die uns hier umschließt;

Die Wolken sind es, die den Kreis beschweren,

Drin du auf engem Feld dein Blut vergießt.



SCHWARZES OMEN


Bedecke meine Stirn und jenen Nebel,

Den nun der Abend auf das Dasein wirft;

Vom Leid gezeugt, das an der Seele schürft,

Vom Dunst der Werke, schwer von altem Übel.


Es drückt das Herz mit Strängen eiskalt’ Fluten,

Die aus der eignen Brust nun sickernd rinnen;

In diesem Schaum will Illusion zerrinnen,

Wo meine Hoffnungen am Grund verbluten.


Wenn nun mein Mond am fernen Himmel steht,

Seh’ ich ihn weiß auf meiner schwarzen Bahn

Nicht leuchten, da sein Silberlicht vergeht.


Gott ist es, der mit mager-bleicher Hand

Den Schlag markiert, den letzten, großen Wahn,

Und Trauer senkt sich auf den Stirnesrand.



UNBEFLECKT


Ich sah dich klar in Fels und Stein entspringen,

Wo weißer Schnee am hohen Gipfel wacht;

Du hast dich mühsam auf den Weg gemacht,

Um unten schwere Mühlräder zu schwingen.


Du tränkst die Wiesen, sprühst durch das Gestrüpp,

Wäschst Minen rein mit deiner wilden Kraft;

Der Sturz ist es, der unser Werk erst schafft,

Bewegung schenkst du unserm Menschensipp’.


So lehrst du uns die Pflicht: Erreicht dein Lauf

Den großen Fluss, bist du vom Schlamm nicht trüb,

Weil Nutzen du gebracht im Weltenlauf.


Wer nur darauf bedacht, sich rein zu halten,

Stirbt nutzlos, ohne dass ein Rest ihm blieb,

In eitler Pracht, die Mauern um ihn falten.



DAS VERSAGEN DES LEBENS


Wenn sich die Seele jener Zeit entsinnt,

Da Jugend noch die Hoffnung in ihr nährt,

Versteht sie, dass das Leben Trug beschert,

Und träumt von Dingen, die der Wind gewinnt.


Sie schreitet vorwärts mit dem Traumgesicht,

Doch was sie harrt, erreicht sie niemals ganz;

Träumend erwehrt sie sich im Totentanz,

Bis uns das letzte Band am Ende bricht.


Um wahrhaft jene Wahrheit zu erkennen,

Gibt es kein Licht, das schöner uns erscheint,

Als wenn im Abendrot die Feuer brennen.


Das Schicksal webt mit kaltem Webstuhl nun

Den Zufall in das Kleid, das uns vereint;

Am Ende heißt es: Scheitern, Ruhen, Tun.



DIE EINDRINGLINGIN


Halt mich umschlungen, drück mich an dein Herz,

Damit sie mich nicht sieht, wenn sie nun naht,

Damit sie weiterzieht auf ihrem Pfad,

Und nicht nach mir greift in dem dunklen Schmerz.


Lass meine Stirn in deinen Schoß nun sinken,

Denn ihr Blick wüstet mir das Herz so sehr;

Ob mir noch Zeit bleibt, weiß ich nun nicht mehr,

Ich seh’ nur noch den Kelch des Abschieds blinken.


Betrüge mich; verschließ’ mit Küssen mir

Die Augen, dass dein Herz an meinem schlägt;

Denn wenn ich nur gedenke an das Hier,


Fühl’ ich die Kälte bis ins Mark hinein,

Wie letzte Qual sich in die Glieder legt;

So will ich, wie ein Kind, im Schlummer sein.



GEMEINSAMER SCHMERZ


Schweig still, mein Herz, und halt die Sorgen fest,

Die nicht gesagt, nicht laut verkündet seien;

Lass sie in deinem Schoß im Stillen reifen,

Wenn dich ein Schmerz allein nun leiden lässt.


Stör’ nicht den Frieden and’rer Menschenhäuser

Mit deinem Schrei, der nur die Ruhe bricht;

Denn deine Klage hat kein Eigengewicht,

Ist sie nur Eitelkeit und wird nicht weiser.


Trenn’ niemals deinen Schmerz vom Weltenleid,

Such’ jenes Inn’re, drin die Brüder wohnen,

Wo Einheit herrscht in aller Einsamkeit.


Das Band zum Bruder macht den Geist erst weit;

Wer fleischlich leidet, wird den Stolz nicht schonen;

Nur Schmerz, den alle teilen, uns geweiht.



AUTHÁDEIA


Lass mich in Ruh’, ich will kein Bündnis mehr;

Noch weniger will ich ihr Führer sein,

Denn ich weiß wohl: Mein Glanz im Sonnenschein

Wird trüb’ durch euren Schatten, dumpf und schwer.


Ein Fohlen sind die Gaben, die ihr bringt,

Auch wenn sie Gold und Lorbeer prächtig tragen;

Ich will nicht für den Ball der Leidenschaften klagen,

Der weich und schal in euren Kreisen schwingt.


Allein und einzig – dies ist meine Strafe,

In dieser Strafe such’ ich meinen Trost;

Allein und einzig bis zum letzten Schlafe.


Ich rufe Gott als Zeugen für mich an:

Indes Er mich auf dieser Erde kost’,

Will ich Ihn dort als Freund im Himmelsplan.



NICHT RESIGNIEREN


Ich find’ mich damit ab? Nein, nimmermehr!

Dass es mein Los sei, ohne Sieg zu streiten,

Wie Don Quijote in die Nacht zu reiten,

Erlegen unter Schlägen, blind und schwer.


Solange noch mein Sehnen nicht versiegt,

Verteid’ge ich das Große, das Absurde,

Den Glauben, der uns befreit von jeder Bürde,

Indes das Wissen uns im Sklaventrot besiegt.


Denn jene Wissenschaft bringt nur Verzweiflung,

Ein Krampf, der uns den Geist im Innern bricht,

Weil sie den Glauben tötet ohne Teilung.


Sie macht den Hunger nach dem Sein uns bitter,

Trocknet das Leben aus im kahlen Licht,

Und legt die Wurzeln frei im Weltgewitter.



SIT PRO RATIONE VOLUNTAS!


Nicht Wahrheit will ich, wenn sie uns zerstört

Die Hoffnung, dass wir niemals ganz vergehen;

Sie ist mein Anker, wenn die Winde wehen,

Wenn meine Kraft auf rauher Bahn aufhört.


Wenn die Illusion, die uns ans Dasein bindet,

Entrissen wird – o Täuschung, segensreich! –

Ist’s besser, dass man irrend Gott erreicht,

Als dass man todgeweiht die Wahrheit findet.


Doch wie? Wenn man den Trug als solchen kennt?

Durch jenen Kampf, der vor der Herde flieht,

Die nur im Schlamm ihr Ziel beim Namen nennt.


Weil aus Verzweiflung erst die Hoffnung sprießt,

Die sich ihr eig’nes Reich aus Träumen zieht,

Indes das Herz den Kelch des Lebens genießt.



AN NIETZSCHE


Dass du nicht Christus sein konntest, verfluchtest

Du Christus, jenen Übermenschen-Geist;

Der Hunger nach der Ewigkeit, er speist’

Dich bis zum Tod, da du das Ende suchtest.


Du gabst dem Herzen jene ew’ge Kehre,

Wolltest die Schranke vor dem Grab zerbrechen,

O neuer Ödipus! Die Sphinx will rächen,

Dass du sie nanntest eine hohle Leere.


Du dachtest, dass du Herr im Hause seist,

Sangst Lieder, die wie Löwenbrüllen klangen,

Doch war’s ein Klageruf, der dich zerreißt.


Du hast mit dem Geschick im Sturm gerungen,

Vom wilden Wollen gänzlich eingefangen,

Bist du am End’ im Wahnsinn ausgeklungen.



NEURASTHENIE


Das Schlagen der Uhr in der Mitternacht,

Wenn alles lauscht in tiefer Stille,

Ist wie ein Vorwurf: Dass die Fülle

Des Lebensschatzes nun wird dargebracht.


Es ist Verschwendung, die ihr Seelen treibt

In diesem Kampf; die Welt ist zwar so groß,

Doch alles endet, wird des Todes Los,

Indes der Rest nur in der Erinnerung bleibt.


Fahr mit dem Wagen fort und geh nicht zu Fuß!

Gestern schien Wintersonne, süß und klar,

Du hast sie dumm versäumt als Liebesgruß.


Gott gibt sie jedem, der das Leben liebt,

Doch wer die Gabe missachtet, wird gewahr,

Wie sich der Bohrer in das Inn’re schiebt.



DAS GLAS DER PANDORA


Noch gießt der Morgen nicht den frischen Tau

In Rosen gehüllt auf diese arme Welt;

Pandora ist’s, die nun die Zeche zahlt,

Weil sie wissen wollte, was im Dämmergrau.


Das Glas ist leer in ihrer zarten Hand,

Darin das Rätsel unsres Seins verborgen;

Nun fließt das Böse aus und bringt uns Sorgen,

Vom Willen blind, um den sie sich befand.


Vom Wissen, das uns nur Verhängnis bringt,

Bleibt nur die Hoffnung, flüchtig und allein,

Die als ein Trost in unsre Seele dringt.


Sie ist der Trug, der Sterblichen das Licht

Noch schenkt; das Einz’ge, was noch kann gedeih’n,

Ist jenes Nichts, das Pandoras Glas verspricht.



WINTERSONNE


O Wintersonne, die an kahlen Zweigen,

Uns Frommen als ein gold’ner Blutschatz scheint,

Mit dem du uns – wenn nun der Himmel weint –

Das Licht geschenkt, bevor die Stimmen schweigen.


Du bist das Kleid für jene arme Schar,

Die Zuflucht sucht in deiner hellen Pracht;

Du schenkst dem Alter Wärme in der Nacht,

Das mühsam trägt die Last von Jahr zu Jahr.


O gnädige Sonne, die dem harten Eis

Den Diamantenglanz im Scheine gibt,

Sei du mein Trost auf meiner letzten Reis’.


Wenn sich mein Haupt zur Erde niederneigt,

Hüll’ meinen Pfad, den meine Seele liebt,

In jenes Rot, das uns den Westen zeigt.



IN DER STRASSE


Es ist Mitternacht. Der Mond wirft bleiches Licht,

Als Tünche auf die Gasse. Eine Mauer

Vom Kloster ragt empor. In stiller Lauer

Ein Soledá-Bild. Eine Zypresse bricht


Den Schatten überm Zaun, wo sich ein Paar

Verzehrend hält. Der Junge dürstet sehr,

Das Eisen bebt von ihrem Herzen schwer.

Ein Flügelruf hallt klagend und wird wahr,


Er bricht des Liebespaares Zauberbann.

Die Fledermaus beschreibt die krumme Bahn.

„Nein, du hast mich gefangen!“, ruft sie dann.


„Na gut, leb wohl, mein Gott, ich geh’ nun fort!“

Ein Doppelkuss bricht diese Stille an;

Dann leise Schritte, Seufzen noch am Ort.



LIED VON REMUDO


Unsichtbare Taube, die die Melodie

Mit Schwingen streift und durch die Schluchten fließt;

Wo jenes Mädchen, das am Kleide schließt

Den Saum und flickt, sich wiegt in Fantasie.


Sie trinkt den Ruf, das Ohr ist überglücklich;

Er hallt von jener Hütte, wo der Hirt

Sie träumt, indes der Abend leise wird;

Den Augenblick genießt sie augenblicklich.


Mitten im Fluss, im tiefen Felsenschnitt,

Wo nicht einmal der Wacholder brennen kann,

Und wo der Kies ertönt bei jedem Tritt,


Drischt sich’ren Hufs ein bärt’ger Mann die Bahn

Zu einer Ziege an dem Bach heran;

Das stumme Lied stimmt diesen Rhythmus an.



AN DIE LIEBE DES FEUERS


An jenem Feuer, dessen Flamme sacht

Wie Meereskämme wogt. Man hört es draußen,

Wie Regentropfen auf die Pappeln sausen.

Vorsorglich hat die Herrin mir gedacht,


Das Bett mit Weihrauchduft mir zu bereiten.

Indes die Odyssee in meiner Brust

Mit Fiktionen weckt die alte Lust,

Und Träume mich zum Schlaf nunmehr begleiten.


Mich tröstet jener Kastanienbaum am Herd,

Den Generationen sahen kommen und vergehen,

Der nun als Scheit im roten Glanz verzehrt.


Der Stamm verbrennt zu Glut vor meinen Augen;

Süße Täuschung, die wir im Geiste sehen!

Die Armbrust meiner Unruhe lässt nach.



DON JUAN DER IDEEN


Don Juan der Ideen, der du stets den Hof

Den Theorien machst, du Wüstling im Denken,

Willst deinem Wissensdurst die Freiheit schenken,

Ew’ger Pilger, suchend nach dem Stoff.


Ich weiß, dass du der Forschung längst schon müde,

Den Jungen rätst, der Wissenschaft zu fliehen,

Das Schicksal in die Unwissenheit zu ziehen,

Hinter die Gitter heil’ger Geistesfriede.


Nicht Wahrheitsliebe trieb dich jemals an;

Nur intellektuelle Lust war deine Speise,

Die dich geführt auf eine wilde Bahn,


Vergewalt’ger der Vernunft in deiner Weise.

Doch sie rächt sich für jede dieser Sünden:

Dein Denken wird nun unfruchtbar entbinden.



VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT


Zum Grase, das dein stilles Haus bedeckt,

Wo deine Seele harrt im Staubgehäuse,

Dringt nun ein Murmeln, zögernd und leise,

Vom Regen, den der Himmel hat geweckt.


Das Lied ist vom Geheimnis ganz verzaubert,

Ein Wiegenlied der letzten Liebe hier;

In Mutter Erdes Schoß, da finden wir

Die Ruhe, die uns von der Qual entsaubert.


Sie hat es satt, noch Menschen zu gebären,

Die doch nur kehren in den dunklen Grund.

Die arme Frau fühlt jenes bitt’re Zehren,


Wo Zukunft und Vergang’nes sich vereinen.

Im Heidekraut mit Toten wird sie eins,

Wenn über Schmerz die Tränen ihr erscheinen.



ALLES GESCHIEHT


Die Erde rot, der Himmel indigo;

Die nackte Sonne steht im Zenit-Licht,

Mit Pfeilen sie die heiße Stille bricht;

Zur Siesta-Zeit wird jede Kreatur froh.


Das Grün des Hügels wandelt sich in Braun.

Im runden Schatten einer schwarzen Eiche,

Legt sich der Stier zur Ruh’ in diesem Reiche;

Ein Teich wird zum unbewegten Spiegel-Zaun.


Wie ein Emaille, aus der Ruh’ geschmiedet,

Ergreift die Vision den weiten Raum,

Ein Schmuck der Stille, der das Sein behütet.


Doch ach! Die Ewigkeit wird uns stets trüben,

Denn als Vorbote, dass die Zeit vergeht,

Singt die Zikade nun ihr Lied drüben.



BETTLER


Im Stoppelacker, tief im Ackerrain,

Erschlägt er sich die Zeit zum Lob des Herrn;

Ein Festtag ist ihm jeder Tag von fern,

Von Not und Gier will er entbunden sein.


Kein Rüsselkäfer nagt an seinem Sack,

Ihm glänzt die Welt, auch ohne Pacht und Weid’;

Er bettet sich, wo’s ihm zur Lust gereicht,

Kein Ginster sticht, die Sonne wird nicht wach.


Dem bürgerlichen Recht entschlüpft er sacht,

Doch wenn es ihn erwischt, fehlt ihm der Schreck;

Da er nie Eile hat, wird’s ihm nicht schwer.


Auf alle Ehre gibt er keinen Dreck,

Kein „Edel-Irgendwas“ in stolzer Tracht,

„Edel-von-Allem“, Gottes Bettler er.



DIE ZEIT TOTSCHLAGEN


Ich trank, Prinzessin, deine Tränen auf,

Und mit ihnen das Herzgeheimnis dein;

Doch sorge nicht, beim Bette schwör’ ich rein:

Kein Wort entweicht dem Mund im Lebenslauf,


Der deinem Munde ward zum Opfer dar.

Ich halte Wort. Als ich als Bettler kam,

Vom Schimmel schwer, bei dir Zuflucht nahm,

Und du am Tisch mich grüßtest wunderbar.


Nicht nur am Tisch. Doch wisst, Madame, genau:

Wie dünn der Faden auch, den uns am Ende

Die rettende Gewohnheit webt ins Grau,


Er ist des Lebens Wurzel, die uns hält;

Man isst zur Zeit, die man sich fest bestellt,

Um Zeit zu töten, statt dass Hunger sende.



UNTATSÄCHLICH


Zu früh kam ich, zu spät wohl auf die Welt,

In unsrer Eisenzeit, da Menschengeist

Dem gold’nen Kalbe nur noch Opfer weist,

Ein Herz, das nur von trübem Fieber schwillt.


Ein feiges Herz, das seine Haft noch preist,

Dem Klang der Herde folgt im dumpfen Trott,

Der traur’gen Knechtschaft, die man treibt zum Spott.

O Brüderlichkeit! Ein Wort, das Lüge heißt,


Und uns das Leben heute nur verdeckt,

Ein Abrakadabra, magisch und modern,

Das Gottes Mantel nur zum Schein ersetzt.


Doch alles ist vergehen, weit und fern;

Die Einsamkeit hat uns den Trug geweckt

Vom Fortschritt, der das Herz am Ende ätzt.



WARUM HAST DU MICH VERLASSEN?


Gibt es danach kein and’res Leben mehr,

So handle so, dass unsre Vernichtung

Vom Schicksal sei die falscheste Richtung;

Dein Leben sei Protest, dem Schöpfer schwer.


Dass Sehnsucht ohne Lohn uns hier beseelt,

Gehüllt in Licht, die Zärtlichkeit im Sinn,

Indes der Pfeil des Schmerz’ mit wildem Gewinn

Die Wurzel unsres Herzens tief erwählt.


Dein Haupt, vom Trug beschwert, ruht auf dem Stein,

Der einst des stolzen Prometheus Sitz schon war;

Wenn dich das Rad zermahlt in Pein und Schrein,


Des gottlos-wilden Schicksals, wunderbar,

Wirst du als Trost im Tode können schrein:

„Warum, mein Gott, verließest du mich gar?“



SÜSSER STILLER GEDANKE


Im Hintergrund der Kinder Lachen schallt;

Ich sitz’ auf meiner Liebe Ruhestatt;

Herodot reicht mir dar von seinem Blatt

Ew’gen Wissens reiche Wundergestalt.


Zwischen den Rätseln, die die Pythia spricht,

Hebt sich das Wunder unsres Loses ab.

Vor mir, auf ihrem Stuhl, geht auf und ab

Die Nadel, während sie die Stiche flicht.


Ihr Anblick hält mich fest in Seligkeit;

Ich kaue an den Rätseln der Geschichte,

In heil’ger Ruh’, die nun mein Haus befreit.


Zum Rhythmus eines Atems, still und sacht,

Der mich durchpflügt und bringt das Herz ins Lichte:

Der süße stille Gedanke ist erwacht.



EX-FUTURO


Wohin entschwand mein Pilgertraum so sacht?

Wo ist die Zukunft, die mir gestern schien?

Wo ist der süße Trug nun hingezieh’n,

Der mir den Weg einst erträglich gemacht?


Heut’ geht mit mir nur noch das Angedenken –

Die Hoffnung als Erinn’rung – und ich glaub’,

Dass mein Geschick im unterird’schen Staub

Des Grabes wird den Frieden mir noch schenken.


Doch jener Fried’ ist schrecklicher als Not,

Denn dieser Friede ist am End’ der Tod,

Worin des Geistes Wahnsinn still ertrinkt.


Von jedem Krieg verbannt, in tiefer Ruh’,

Greift nun die Erde mit der Hand mir zu,

Bis auch die letzte Blume uns versinkt.



DIE JUNGFRAU DER STRASSE


O heimatlose Seele, die du irrst,

Im Freien schläfst, von Unrast tief bedrängt,

Die sich in Pfade, die der Zufall lenkt,

In blinder Hoffnung nur verloren wirst.


Der Himmel, dein Vater, der die Ruh’ verneint,

Schenkt dir im Abendrot den Wolkenturm;

Dort harrt das Glas, befreit vom Erdensturm,

Darin der Durst am Ende Heilung findet.


Du suchtest Nachts in einer Einsiedelei

Die Zuflucht für den Schlaf; ein Traum, so rein,

Kam durch der Jungfrau Lächeln dir vorbei.


Und dieser Traum ist nun dein Leitgestirn,

Das dein Geschick in Flammenzeichen schreibt

Und tief sich brennt in dein gequältes Hirn.



TRAUMFRAU


Die Traumfrau ist viel schrecklicher als die,

Die ganz aus Fleisch und Blut vor uns erscheint;

Der Einsiedler, der sich mit ihr vereint,

Findet am Morgen nur die Agonie.


Allein im Bett, die Seele ohne Ruh’,

Verzehrt von kalter Flamme der Begierde;

Doch Liebe fehlt und jede Lebenszierde,

Weil du nur träumst und schließt die Augen zu,


Doch liebst du nicht. So suchst du das Heil

In tiefster Dunkelheit; wie Jakobs Ringen

Mit jenem Engel, der dich niederwirft.


Mit Weinschläuchen forderst du dein Teil,

Doch wird der Kampf dir keinen Sieg erbringen;

Du stirbst im Nichts, das deine Kraft verschlürft.



IRREQUIETUM COR


Du starker Christus, Teresa, Jesus’ Braut,

Die ihr im Innersten der Seele wacht,

Erfüllt das Wort, das ihr in Glaubensnacht

Den Liebenden als Bündnis anvertraut.


Ihr kostet Schmerz wie eine süße Speise,

Quijotes Geist, den Spanien heilig nennt:

Dass nur das Ew’ge wahrhaft uns erkennt –

Gott oder Nichts! Auf dieser Erdenreise.


Er wurde Mensch, um Götter uns zu machen,

Starb uns den Tod, um uns davon zu lösen.

O kühnes Herz, das du es wagst zu erwachen,


Zu sprengen unsres Glückes enge Fesseln,

Das du im schwarzen Leben mit den Bösen

Nicht ruhst, bis Gott wird deine Glieder fesseln?



AN CLARÍN


Gott schütze dich, du Possenreißer hier,

Der du vor Lachen weinst in deiner Qual;

Wenn uns der Tod bedrängt zum letzten Mal,

Fegt uns dein Atem fort von unsrer Tür.


Dein froher Hauch heilt Kummer für die Zeit,

Nur so ist es uns möglich, hier zu leben;

Denn ohne dich würd’ uns nur Sodbrennen geben,

Und unsre Seele fänd’ kein Hochzeitskleid.


Du bist das Salz der Angst, das uns bewahrt,

Dass unsre geist’ge Nahrung noch besteht,

Auf dieser rauen, harten Erdenfahrt.


Spann nur den Bogen, der den Pfeil entlässt;

Zum Leiden sind wir auf die Welt geweht:

So lasst uns lachen bei dem Totenfest!



AN DIE HOFFNUNG


I


Unsterbliche Hoffnung, die den Messias harrt,

Von dem du weißt: Er wird doch niemals kommen!

Die du mit sieben Schlössern hast genommen

Den Glauben, den du hältst in deiner Art.


Du beugst dich nicht vor der Vernunft Gewalt,

Lässt Herzensvögel über Wolken fliegen,

Um die dunkle Wahrheit zu besiegen;

Doch meine Brust ist eng und wird nun kalt.


O göttlich’ Vogel! Dass die Seele mein

Viel zu gering für deine Schwingen ist;

Du ertrinkst in mir. Ich bleib’ allein.


Ich bin verwaist, hab’ deinen Schutz verloren,

Und kämpfe blind, weil du mich nun vergisst,

Dich zu vergessen, hab’ ich mir geschworen.


II


Doch nein, Unsterbliche, du bleibst besteh’n,

Weil du ganz außerhalb von uns noch lebst;

Heil’ger Geist, der Gottes Tiefe webst,

Du wirst uns unter deinen Mantel seh’n.


Beschütze unsre arme Bitternis,

Mach unser Bröckeln fruchtbar für die Zeit;

Nur du allein heilst unsre Traurigkeit,

Gibst unsrem Weinen Sinn im Ungewiss.


Substanz des Lebens! Ich erwarte dich;

Ich bin kein Schatten, der im Tanze schwand,

Denn jener Geist, der mich erschuf, kennt mich.


Ich wurde für ein Etwas doch geboren;

Mit meiner Schwäche reichst du mir die Hand;

Ich leb’ auf dich, hab’ dich nicht ganz verloren!



DIE VEREINIGUNG MIT GOTT


Ich möchte, Gott, doch will ich nicht, was ich begehre;

Mit Dir verschmelzen, dass mein Selbst verrinnt,

Dies schrecklich’ Ich, an dem mein Tod beginnt,

Und das die Welt um mich zur Qual verkläre.


Wenn Deine Rechte mich im Stich nun lässt,

Was wird aus meinem Glück? Ich bleibe hier,

Gefang’ner meiner selbst, in dunkler Gier;

Nichts wird vergeben dem, der sich verlässt.


„Dein Wille, Vater, soll geschehn!“, so spricht

Mein Mund am Morgen und zur Abendstunde,

Um Deinem Wort zu dienen in der Pflicht.


Doch tief in mir, da dröhnt der Luzbel-Schrei,

Dass ich ich selber sei, im Herzensgrunde –

O Stolz, o Trotz, o wilde Tyrannei!



NON SERVIAM!


„Ich diene nicht!“ – so schrie es durch die Nacht,

Sobald das Selbstbewusstsein hell erwachte,

Ein Licht, das aus dem Nichts die Schöpfung brachte;

Des Himmels Gipfel stand in Feuerspracht.


Es brannte jener Drang nach Wissensmacht,

Die Sphären bebten, da ihr Busen fühlte

Die Schöpfungskraft, die in der Mutter wühlte –

Dem Nichts, das jenen Schmerzensruf entfacht’.


Bei jener wilden Stimme der Revolte

Erzitterten die Welten im Verband,

Und jener Schrei hallt fort, wie Gott es wollte,


Durch alle Zeiten. Sklavensterbliche singen seither

Und schaun ins Unendliche, ganz ohne Verstand:

O Schatten-Freiheit, Freiheit ohne Wehr!



NIHIL NOVUM SUB SOLE


Leg Deine Hand, die Du mir gabst, nun hier

Auf meine Schulter; folg mir auf der Bahn,

Der Weg wird schmal. Wir treten an den Wahn

Zerstörter Burgen, Trümmer folgen mir.


Die Mauern, deren Pfeil die Wolken brach,

Sind nun Ruinen; dort am Turmrand wacht

Ein stummer Wächter, den ich nicht mit Macht

Beim Namen nenne, weck ich ihn nicht wach.


Wirf eitlen Trug von Dir. Wir schreiten fort

In jene Zukunft, die schon längst verging;

Ich führe Dich mit Täuschung nicht am Ort.


Wir stolpern über das, was längst verging,

Das Alte ist’s, was neu das Haupt erhebt:

Nichts Neues ist’s, was in der Sonne lebt.



EIN GANZES LEBEN


An einem Morgen, blütenreich und klar,

Erschloss der Mai die schlafesnassen Schwingen,

Um sich der Sonne Strahl darzubringen,

Indes der Luftzug warm und linder war.


Am heim’schen Bach, der lächelnd fließen mag,

Probiert’ er seine Flügel das erste Mal;

Vom sich’ren Blatt flog er durchs Sonnenthal,

Es war ein kurzer, flücht’ger Ehrentag.


Er ruhte auf dem seid’nen Blütenrand,

Verschwendete sein kurzes Dasein ganz

In wirrem Flug und eitler Pracht am Wand.


Um dann zu sterben, eh’ die Nacht beginnt,

Vom Knabenstein getroffen in dem Glanz,

An jener Wiege, drin der Bach verrinnt.



WERTSCHÄTZUNGEN


Mein Herz, es schmerzt! — „Besitzt du es denn noch?“

Ich weiß nur, dass es wehtut... — „Mangelnd Sein.“

Mag sein, doch spür ich’s... — „Ja, im Geistesschein!“

Ich will es tragen, still und geduldig doch!


„Hör auf die Wissenschaft, die Wahrheit lehrt,

Damit du meine Klage nicht mehr hörst,

Denn dein Leiden ist nur Trug, der dich verzehrt:


Nichts tut mir weh’r als diese Hand, die fort,

Sagt mir ein Freund, dem man sie amputiert...

Illusionen sind’s an jenem Ort!


Das Glied, das fehlt, schmerzt noch, ganz unberührt;

Der Reue Frucht ist’s, die dich nun bestraft;

Menschlich’ Befürchtung hat dich hier verführt!“



ZUR BERÜHRUNG DES GEBETS


Glocken, die der Vergangenheit nun weichen,

Die bronz’ne Zunge spricht von alter Zeit;

O Pilger, Ruh’ ist hier mir prophezeit,

Ich hör’ den Ruf, der mich nun will erreichen.


Ich richte meine Augen zum Azur,

Wo brennend Gott die Wolkenberge rötet;

Ich ahne, was ich war, eh’ ich getötet

Vom Fleisch ward – Teil der Ur-Naturgewalt.


Im Abendsegen schwindet jede Not,

Kein Bruder wird vom andern überschattet,

Der Bedenken Kampf stirbt in dem Abendrot.


Der blinde Geist des blinden Streits ermattet;

Auf Gottes Teppich blüht die Himmelswelt,

Von der die Hoffnung wie der Tau nun fällt.