DAS VATERUNSER

VON TORSTEN SCHWANKE




VATER UNSER, MUTTER DES KOSMOS


Abwûn d’bwaschmaâja

Vater und Mutter des Kosmos, Urgrund der Liebe.


Nithkâdasch schemach

Bereite in uns den Raum des Herzens, 

dass wir Dein Licht und Deinen Klang 

in Frieden erfahren.


Têtê malkuthach.

Deine Wirklichkeit offenbare sich.


Nehwê tzevjânach aikâna debaschmâja af ter’arhan

Dein Verlangen: vereinige Himmel und Erde, 

dass wir Deine Liebe in unserer entdecken.


Hawlân lachma de sûnkanân jaomâna

Gib uns Tag um Tag, was wir an Brot 

und Einsicht brauchen.


Aikâna daf chenân schvochen le chaijabên

Waschboklân chaubên wochtahên

Löse die Fesseln unserer Fehler, 

wie auch wir freigeben,

was uns an die Verstrickung 

und Schuld der anderen bindet.


Wi – lah tochlân linesjuna ela patzân min bischa

Führe uns in der Versuchung.

Bewahre uns vor falschem Begehren, 

und befreie uns von Irrtum und Bösem.


Metol dilachie malkutha wahaila wa-tesch-bucht l’ahlâm almîn

Denn Dein ist das Reich der Liebe und des Friedens,

die Fülle des Lebens und der Klang des Kosmos, 

der alles erneuert von Weltzeit zu Weltzeit.


Amên.

Ich bekräftige all dies mit meinem ganzen Sein.



*


Abwûn d’bwaschmaâja

Vater und Mutter des Kosmos, Urgrund der Liebe.


Die Übersetzung des Vaterunsers aus dem Aramäischen – der Sprache, die Jesus tatsächlich sprach – eröffnet eine völlig neue, mystische Dimension. Während der griechisch-lateinische Zweig oft rechtssetztlich und strafend klingt, vibriert das Aramäische vor Energie, Naturverbundenheit und Einheit.


Hier ist eine Auslegung der ersten Zeile, die den Kern dieser transformativen Sichtweise einfängt:


Abwûn d’bwaschmaâja

„Vater und Mutter des Kosmos, Urgrund der Liebe.“

Dieses erste Wort, Abwûn, ist kein statischer Titel für einen Herrscher im Himmel. Es ist ein Laut-Ereignis, das den gesamten Schöpfungsprozess abbildet:


A: Der schöpferische Atem, der Urknall des Geistes.


bw: Ein Ausströmen, eine Geburt, wie ein Same, der aufbricht.


ûn: Das Echo, das zu uns zurückkehrt; die Resonanz in unseren Herzen.


1. Die Überwindung der Dualität (Vater & Mutter)

Im Aramäischen ist Gott nicht rein männlich. Abwûn enthält sowohl die väterliche Kraft (den schöpferischen Funken) als auch den mütterlichen Schoß (die nährende Substanz).


Die Erkenntnis: Gott ist kein ferner Richter, sondern die Quelle, aus der wir beständig geboren werden. Es ist die Vereinigung von Kraft und Mitgefühl.


2. Der Kosmos in uns (d’bwaschmaâja)

Traditionell als „im Himmel“ übersetzt, bedeutet schmâ im Aramäischen Licht, Klang oder Schwingung. Es beschreibt einen Ort, der nicht „oben“ ist, sondern überall gleichzeitig.


Es ist das Licht, das in jedem Atom schwingt.

Es ist der Raum, der alles zusammenhält.


Auslegung: Wenn wir „im Himmel“ sagen, meinen wir das Netz der Verbundenheit, das den gesamten Kosmos durchzieht.


3. Der Urgrund der Liebe

Indem wir Gott als „Urgrund der Liebe“ ansprechen, erkennen wir an, dass die Schöpfung kein Zufall war, sondern ein Akt der Sehnsucht.


Licht & Name: Der „Name“ Gottes ist kein Wort, sondern die Signatur des Lichts in jedem Wesen.


Präsenz: Wir bitten nicht darum, dass Gott zu uns kommt, sondern wir bitten darum, dass wir für die bereits vorhandene Gegenwart Gottes erwachen.


Zusammenfassung der spirituellen Praxis

Wenn du diese Zeile sprichst, stelle dir vor, wie du nicht zu jemandem da draußen betest, sondern dich auf die Frequenz einstimmst, die dein eigenes Herz schlagen lässt.


„Abwûn d’bwaschmaâja“ ist eine Einladung, den Atem (Ruha) fließen zu lassen und den eigenen Rhythmus wieder mit dem Herzschlag des Universums zu synchronisieren. Es ist das Heimkommen in den Urgrund, der uns bereits seit Anbeginn der Zeit hält.





Nithkâdasch schemach

Bereite in uns den Raum des Herzens,

dass wir Dein Licht und Deinen Klang

in Frieden erfahren.


In der aramäischen Dynamik ist Nithkâdasch schemach keine passive Feststellung („Geheiligt werde dein Name“), sondern ein aktiver, innerer Reinigungsprozess. Es ist die Bitte um eine Art „kosmischen Hausputz“ in unserer eigenen Seele.


Nithkâdasch schemach

„Bereite in uns den Raum des Herzens, dass wir Dein Licht und Deinen Klang in Frieden erfahren.“

Während die traditionelle Übersetzung oft den Respekt vor einem heiligen Wort betont, zielt das Aramäische auf die Resonanz ab. Wenn wir diese Zeile sprechen, geschieht Folgendes:


1. Den Raum freigeben (Nithkâdasch)

Das Wort qadash bedeutet „heilig“, aber im Sinne von „beiseitegesetzt“ oder „geläutert“. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, der nicht durch unser Ego, unsere Sorgen oder unseren mentalen Lärm besetzt ist.


Die Auslegung: Wir bitten darum, dass unser Innerstes zu einem „heiligen Schrein“ wird – leer genug, um etwas Größeres zu empfangen. Es ist das Schaffen einer Stille, in der die Schöpfung atmen kann.


2. Licht und Klang (Schemach)

In der semantischen Wurzel von schmâ (Name) steckt im Aramäischen auch der Begriff für Licht, Klang und Schwingung. Ein „Name“ ist hier keine bloße Bezeichnung, sondern die essenzielle Schwingung eines Wesens.


Die Erkenntnis: Gottes Name ist kein Wort, das man ausspricht, sondern eine Frequenz, die man fühlt. Ihn zu heiligen bedeutet, unser eigenes Energiefeld so zu klären, dass Gottes „Klang“ rein durch uns hindurchfließen kann.


3. Die Erfahrung des Friedens

Frieden (Schlama) ist im Aramäischen nicht die Abwesenheit von Konflikt, sondern ein Zustand der Ganzheit.


Wenn wir den Raum des Herzens bereiten, wird der „Klang“ Gottes nicht mehr als bedrohlich oder fremd wahrgenommen.


Er wird zu einer harmonischen Schwingung, die uns mit dem gesamten Kosmos eins werden lässt.


"Lass Deinen Namen in uns nicht nur ein Wort sein, sondern ein Leuchten, das alle Schatten vertreibt. Mach uns zu einem Instrument, das Deinen Frieden widerspiegelt."


Indem wir diesen Vers beten, erklären wir uns bereit, die Masken unseres Alltags-Ichs abzulegen. Wir werden zu einer hohlen Flöte, durch die der Atem des Urgrunds (Abwûn) seine Melodie spielen kann. Es ist die Einladung an die heilige Gegenwart, sich in unserem Menschsein zu verkörpern.





Têtê malkuthach.

Deine Wirklichkeit offenbare sich.


Mit Têtê malkuthach verlassen wir den Bereich der bloßen Hoffnung auf eine ferne Zukunft. Im Aramäischen ist dies ein Ruf nach unmittelbarer Manifestation. Es geht nicht darum, dass ein „Königreich“ irgendwo in den Wolken herabsteigt, sondern dass sich die verborgene Dimension der Einheit hier und jetzt durch uns hindurch ausdrückt.


Têtê malkuthach

„Deine Wirklichkeit offenbare sich.“

Diese Zeile ist eine Einladung zur Verkörperung. Es ist der Moment, in dem der „Urgrund der Liebe“ (Abwûn) und der „geklärte Raum des Herzens“ (Nithkâdasch) beginnen, in der materiellen Welt Gestalt anzunehmen.


1. Die kommende Präsenz (Têtê)

Das Wort têtê impliziert eine Bewegung, ein „Kommen“, das so natürlich ist wie das Einatmen oder das Aufblühen einer Blume. Es ist kein gewaltsames Herbeizwingen, sondern ein Zulassen.


Die Auslegung: Wir bitten nicht darum, dass Gott die Welt verändert, während wir zuschauen. Wir bitten darum, dass die göttliche Dynamik so stark in uns wird, dass sie durch unsere Handlungen in die Welt fließt.


2. Malkuthach: Mehr als ein Königreich

Das Wort Malkutha wird oft mit „Königreich“ übersetzt, doch seine Wurzeln liegen im Begriff für den „Schoß“ oder die „beratende Kraft“. Es beschreibt ein Feld, in dem alles nach dem Prinzip der Einheit geordnet ist.


Die Wirklichkeit: Es ist die „Ich-kann-Kraft“ – die Fähigkeit, aus der Quelle heraus zu erschaffen.


Die Vision: Wenn wir Malkuthach sagen, meinen wir die Ebene der Existenz, auf der Trennung eine Illusion ist und Liebe das fundamentale Gesetz darstellt.


3. Die Offenbarung im Jetzt

„Deine Wirklichkeit offenbare sich“ bedeutet: Lass den Schleier fallen. Lass uns die Welt nicht mehr durch die Brille der Angst, des Mangels und der Trennung sehen, sondern als das, was sie wirklich ist: ein lebendiger Organismus des Lichts.


Der Kern: Es ist die Bitte um den „Durchblick“. Dass das, was im Geistigen wahr ist (die Liebe), auch in unseren Strukturen, unseren Beziehungen und unserem Alltag sichtbar wird.


"Lass Deine ordnende Kraft unsere wirren Gedanken klären. Lass Deinen schöpferischen Schoß in uns lebendig werden, damit wir Welten gebären, die Deinem Licht entsprechen."


Têtê malkuthach ist der Moment der spirituellen Reife: Wir erkennen an, dass die „Wirklichkeit Gottes“ kein fremdes Territorium ist, sondern das eigentliche Betriebssystem unseres Lebens, das darauf wartet, endlich „hochgefahren“ zu werden.





Nehwê tzevjânach aikâna debaschmâja af ter’arhan

Dein Verlangen: vereinige Himmel und Erde,

dass wir Deine Liebe in unserer entdecken.


In diesem Vers erreicht das Gebet eine kraftvolle Verschmelzung. Nehwê tzevjânach führt uns weg von der Vorstellung eines „göttlichen Befehls“, dem wir uns unterwerfen müssen, hin zu einer leidenschaftlichen, kosmischen Sehnsucht.


Nehwê tzevjânach aikâna debaschmâja af ter’arhan

„Dein Verlangen: vereinige Himmel und Erde, dass wir Deine Liebe in unserer entdecken.“

Hier wird die Grenze zwischen dem „Oben“ (Geist/Energie) und dem „Unten“ (Materie/Körper) aufgehoben. Es geht um die heilige Hochzeit von Vision und Form.


1. Tzevjânach: Das brennende Verlangen

Das aramäische Wort Tzevjâna wird oft als „Wille“ übersetzt. Doch im ursprünglichen Sinne meint es ein „Herzensverlangen“, eine Sehnsucht oder ein heftiges Wollen aus der Tiefe des Seins. Es ist kein kühler Plan, sondern das Feuer der Liebe, das sich ausdrücken will.


Die Auslegung: Gott „will“ nicht einfach nur etwas von uns; Gott „sehnt“ sich durch uns nach Ausdruck. Wenn wir diesen Vers beten, sagen wir: „Lass mein Begehren mit Deiner Sehnsucht eins werden.“


2. Aikâna debaschmâja af ter’arhan (Himmel und Erde als Einheit)

Im Aramäischen steht hier eine Symmetrie. Schmâja (Lichtwelt/Schwingung) und Ar’a (Erde/Form) sollen nicht mehr getrennt sein.


Die Vision: Es ist die Bitte, dass das „Ideale“ nicht länger abstrakt bleibt, sondern „fleischgeworden“ wird.


Die Erkenntnis: Die Erde ist nicht der „schlechte“ Ort, von dem wir entfliehen müssen, sondern der heilige Boden, auf dem sich der Himmel materialisiert.


3. Deine Liebe in unserer entdecken

Die tiefste Ebene dieser Zeile ist die Erkenntnis der Resonanz. Wir entdecken, dass unsere menschliche Fähigkeit zu lieben, zu erschaffen und zu fühlen, kein schwacher Abglanz ist, sondern derselbe Strom, der den Kosmos bewegt.


Der Kern: Wenn wir unsere eigene tiefste, reinste Liebe spüren, berühren wir direkt Gottes Verlangen. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen dem göttlichen „Willen“ und unserer eigenen, seelischen Erfüllung.


"Möge Dein Herzschlag in meinem Puls spürbar sein. Lass meine Hände tun, was Deine Vision träumt. Verwandle meine flüchtige Neigung in Dein ewiges Verlangen, damit Himmel und Erde sich in jedem meiner Atemzüge küssen."


Nehwê tzevjânach ist das Ja-Wort zur Schöpfung. Wir hören auf, gegen das Leben zu kämpfen, und beginnen, mit der kosmischen Strömung zu fließen. Wir entdecken, dass wir selbst die Brücke sind, auf der sich Geist und Materie begegnen.





Hawlân lachma de sûnkanân jaomâna

Gib uns Tag um Tag, was wir an Brot

und Einsicht brauchen.


Mit Hawlân lachma de sûnkanân jaomâna kehrt das Gebet in die absolute Gegenwart zurück. Im Aramäischen geht es hier um weit mehr als um das tägliche Brot auf dem Tisch; es geht um die Nahrung auf allen Ebenen – physisch, emotional und geistig.


Hawlân lachma de sûnkanân jaomâna

„Gib uns Tag um Tag, was wir an Brot und Einsicht brauchen.“

Dieser Vers ist der Moment des Vertrauens. Wir lassen die großen kosmischen Visionen der vorangegangenen Zeilen los und landen im „Jetzt“ unseres konkreten Menschseins.


1. Lachma: Die Nahrung für Leib und Seele

Das Wort Lachma bedeutet Brot, aber seine Wurzeln führen auch zur „Verständigung“ und zum „Fleisch“. Es ist das, was uns substanziell erhält.


Die Auslegung: Wir bitten um das, was uns wirklich nährt. Manchmal ist das eine Mahlzeit, manchmal ein tiefes Gespräch, und manchmal die stille Einsicht, die uns den nächsten Schritt erkennen lässt.


Der Fokus: Es geht um die „geistige Nahrung“. So wie der Körper Brot braucht, braucht die Seele Wahrheit und Klarheit, um nicht zu verhungern.


2. De sûnkanân: Das, was wirklich not-wendig ist

Sûnkanân beschreibt den lebensnotwendigen Bedarf, nicht den gierigen Überfluss. Es ist das Maß, das uns handlungsfähig hält, ohne uns durch Besitz zu beschweren.


Die Erkenntnis: Diese Zeile ist ein Gebet gegen die Angst vor der Zukunft. Wir bitten nicht um Vorräte für die nächsten zehn Jahre, sondern um die Gewissheit, dass die Quelle uns genau jetzt mit dem versorgt, was für unser Wachstum erforderlich ist.


3. Jaomâna: Das ewige Heute

Jaomâna bedeutet „heute“, aber im Aramäischen schwingt darin das Licht des Tages mit. Es ist die Aufforderung, im gegenwärtigen Moment zu leben.


Die Praxis: Jeder Tag bringt seine eigene Portion „Licht“ (Einsicht) und „Brot“ (Lebenskraft). Wenn wir uns auf das Heute konzentrieren, hören wir auf, Energie durch Sorgen über das Morgen zu verschwenden.


"Nähre uns mit dem Licht, das wir verdauen können. Gib uns heute den Mut, die Wahrheit zu sehen, und die Kraft, unseren Körper als Deinen Tempel zu ehren. Lass uns erkennen, dass in der Genügsamkeit die größte Freiheit liegt."


Hawlân lachma erinnert uns daran, dass wir bedürftige Wesen sind – und dass das vollkommen in Ordnung ist. Es ist die demütige Anerkennung, dass wir jeden Augenblick von der Quelle (Abwûn) gespeist werden. Wir atmen ein, was wir brauchen, und lassen los, was zu viel ist.





Aikâna daf chenân schvochen le chaijabên

Waschboklân chaubên wochtahên

Löse die Fesseln unserer Fehler,

wie auch wir freigeben,

was uns an die Verstrickung

und Schuld der anderen bindet.


In diesen Zeilen begegnen wir der aramäischen Psychologie der Befreiung. Hier geht es nicht um ein moralisches Gericht, sondern um das Lösen von energetischen Knoten. Im Aramäischen schwingt in dem Wort für „Vergeben“ (schvochen) die Bedeutung von „Lösen“ oder „Entwirren“ mit.


Waschboklân chaubên wochtahên...

„Löse die Fesseln unserer Fehler, wie auch wir freigeben, was uns an die Verstrickung und Schuld der anderen bindet.“

Diese Bitte ist ein universelles Gesetz der Resonanz: Wir können nur so viel Freiheit erfahren, wie wir bereit sind, anderen zuzugestehen.


1. Chaubên: Die Schulden und Verstrickungen

Das Wort Chaubên beschreibt im Aramäischen eine Art „verborgene Last“ oder eine Bindung, die uns am Vorankommen hindert. Es sind die Momente, in denen wir unser Ziel verfehlt haben oder in alten Mustern gefangen sind.


Die Auslegung: Fehler werden hier nicht als Sünden gesehen, die bestraft werden müssen, sondern als Knoten im Lebensfluss.


Die Erkenntnis: Wenn wir um das „Lösen der Fesseln“ bitten, bitten wir um die Gnade, aus dem Kreislauf von Aktion und Reaktion auszusteigen.


2. Die gegenseitige Befreiung (Aikâna daf chenân)

Das ist der radikalste Teil des Gebets. Es ist ein aktives Loslassen. Wir erkennen, dass unser Groll gegenüber anderen wie ein Anker ist, der uns selbst am Boden hält.


Die Einsicht: Solange ich die Schuld eines anderen festhalte, bin ich durch diese Schuld mit ihm verkettet. Jemanden „freizugeben“ ist daher der ultimative Akt der Selbstliebe.


3. Das „Lösen“ (Schvochen)

Sich gegenseitig freizugeben bedeutet im Aramäischen, den Fluss wiederherzustellen. Es ist, als würde man verkrustete Erde bewässern, damit sie wieder weich wird.


Es geht um das Ende der Projektionen.


Es geht darum, den „Raum des Herzens“ (den wir am Anfang bereitet haben) wieder sauber zu wischen von den Schatten der Vergangenheit.


"Lass die Fäden der Vergangenheit los, die uns in Schmerz und Vorwurf gefangen halten. Hilf uns, die Masken der Schuld abzunehmen – bei uns selbst und bei jenen, die uns verletzten. Möge die Liebe, die alles vergibt, durch uns hindurchfließen wie ein klarer Bach, der alle Trübung mit sich nimmt."


Waschboklân chaubên ist die Einladung zur emotionalen Hygiene. Wir leeren unseren Rucksack, damit wir leichtfüßig dem „Verlangen des Himmels“ folgen können. Wir begreifen: Wer vergibt, der heilt in erster Linie sich selbst.





Wi – lah tochlân linesjuna ela patzân min bischa

Führe uns in der Versuchung.

Bewahre uns vor falschem Begehren,

und befreie uns von Irrtum und Bösem.


In diesem vorletzten Schritt des Gebets betreten wir das Feld der Unterscheidungskraft. Im Aramäischen ist dieser Vers keine Bitte an einen Gott, der uns absichtlich in eine Falle lockt, sondern ein Hilferuf nach Klarheit inmitten der Dualität.


Wi – lah tochlân linesjuna ela patzân min bischa

„Führe uns in der Versuchung. Bewahre uns vor falschem Begehren, und befreie uns von Irrtum und Bösem.“

Die aramäische Nuance von nesjuna (Versuchung) beschreibt eine „Prüfung“ oder einen Moment der „Verwirrung“, in dem wir den Kontakt zu unserem inneren Urgrund (Abwûn) verlieren könnten.


1. In der Versuchung – Nicht in die Irre (Wi – lah tochlân)

Die wörtliche Bedeutung zielt darauf ab, nicht „einzutreten“ in einen Zustand, in dem wir uns in den Illusionen der Außenwelt verlieren.


Die Auslegung: Wir bitten um die Geistesgegenwart, im Moment der Prüfung nicht zu vergessen, wer wir wirklich sind. Es ist die Bitte um ein „Wachbleiben“.


Die Erkenntnis: Versuchung ist oft das „falsche Begehren“ – der Versuch, eine innere Leere durch äußere Dinge (Macht, Besitz, Anerkennung) zu füllen, die niemals satt machen können.


2. Patzân min bischa: Die Befreiung vom Unreifen

Das Wort bischa wird oft als „Böse“ übersetzt, meint im Aramäischen aber eher das „Unreife“, das „Unvorbereitete“ oder Handlungen, die „zur falschen Zeit“ geschehen. Es ist wie eine Frucht, die gepflückt wird, bevor sie süß ist.


Die Einsicht: „Böses“ ist oft nur die Abwesenheit von Bewusstsein. Wenn wir um Befreiung von bischa bitten, meinen wir: „Löse uns von den Handlungen, die aus Unwissenheit und Getrenntheit entstehen.“


3. Irrtum und Verblendung

Die „Befreiung von Irrtum“ bedeutet, die Täuschung der Trennung zu durchschauen. Der größte Irrtum ist der Glaube, wir seien nicht mit der Quelle verbunden.


Der Fokus: Es geht um den Schutz unseres Fokus. Wir bitten darum, dass unser Blick nicht durch Angst oder Gier getrübt wird, damit wir den Weg der Liebe klar vor uns sehen.


"Lass uns nicht im Labyrinth unserer eigenen Schatten verloren gehen. Wenn wir an die Grenzen unseres Verstandes stoßen, halte uns fest. Befreie uns von der Illusion, wir könnten getrennt von Dir existieren, und führe uns aus der Enge des Unreifen in die Weite Deines Lichts."


Wi – lah tochlân ist das Gebet um spirituelle Reife. Wir erkennen an, dass die Welt voller Ablenkungen ist, und bitten um den „inneren Kompass“, der uns immer wieder zurück in das Herz des Kosmos steuert. Es ist die Bitte, dass unsere Erfahrungen uns nicht zerbrechen, sondern uns schmieden.





Metol dilachie malkutha wahaila wa-tesch-bucht l’ahlâm almîn

Denn Dein ist das Reich der Liebe und des Friedens,

die Fülle des Lebens und der Klang des Kosmos,

der alles erneuert von Weltzeit zu Weltzeit.


Diese kraftvolle Schlussformel, das Doxologie, ist im Aramäischen weit mehr als eine formale Bestätigung. Es ist ein kosmisches Siegel. Mit Metol dilachie kehrt das Gebet dorthin zurück, wo es begonnen hat: in die Unendlichkeit des Urgrunds, aber nun mit der Gewissheit derer, die den Weg durch das eigene Herz gegangen sind.


Metol dilachie malkutha wahaila wa-tesch-bucht l’ahlâm almîn

„Denn Dein ist das Reich der Liebe und des Friedens, die Fülle des Lebens und der Klang des Kosmos, der alles erneuert von Weltzeit zu Weltzeit.“

Hier wird die Vision zur Gewissheit. Wir proklamieren, dass es keine Kraft außerhalb dieses lebendigen Urgrundes gibt.


1. Malkutha: Das Reich der Liebe (Die Ordnung)

Wie wir bereits sahen, ist Malkutha die ordnende Kraft, der „Schoß“, der das Universum hält.


Die Auslegung: In diesem abschließenden Schritt erkennen wir an, dass die Welt nicht dem Chaos gehört. Hinter allem Wirbel der Zeit steht eine Ordnung der Liebe. Es ist das tiefe Vertrauen, dass „das Reich“ bereits hier ist.


2. Wahaila: Die Fülle des Lebens (Die Kraft)

Haila ist die Lebenskraft, die Energie, die durch die Adern des Universums fließt. Es ist keine statische Macht, sondern eine dynamische Potenz.


Die Erkenntnis: Es ist die Kraft, die Atome zusammenhält und Galaxien dreht. Wenn wir sagen „Dein ist die Kraft“, geben wir den Anspruch des Egos auf, alles aus eigener Anstrengung tun zu müssen. Wir zapfen die unerschöpfliche Batterie des Kosmos an.


3. Wa-tesch-bucht: Der Klang des Kosmos (Die Herrlichkeit)

Tesch-bucht wird oft als „Herrlichkeit“ übersetzt, aber im Aramäischen schwingt darin das Echo, das Loblied und der strahlende Klang mit.


Die Vision: Alles, was existiert, ist ein Lied Gottes. Diese „Herrlichkeit“ ist die Schönheit der Schöpfung, die sich in ständig neuen Formen offenbart. Es ist das Licht, das Materie zum Leuchten bringt.


4. L’ahlâm almîn: Von Weltzeit zu Weltzeit

Dies ist der aramäische Ausdruck für Ewigkeit, aber er ist nicht statisch. Er meint die zyklische Erneuerung, das Pulsieren von Äonen.


Die Auslegung: Gott ist nicht „alt“ oder „vergangen“. Die göttliche Gegenwart ist die Kraft, die sich in jedem Moment, in jeder neuen „Weltzeit“, frisch und lebendig ausdrückt.


"Wir versiegeln dieses Gebet in der Gewissheit, dass Du der Rhythmus bist, der alles bewegt. Deine Liebe ist das Fundament, Deine Kraft ist unser Atem, und Dein Klang ist das Licht in unseren Augen. Gestern, heute und in alle Ewigkeit, die sich in diesem Augenblick entfaltet."




Amên.

Ich bekräftige all dies mit meinem ganzen Sein.


Das Amên ist der Schlussstein, doch im Aramäischen ist es weit mehr als nur ein „Punkt am Ende des Satzes“. Es leitet sich von derselben Wurzel ab wie das Wort Emanuta (Vertrauen/Glaube), was jedoch weniger eine intellektuelle Überzeugung meint, sondern vielmehr eine Standfestigkeit.


Wenn du sagst: „Ich bekräftige all dies mit meinem ganzen Sein“, dann ist das die exakte Entsprechung des aramäischen Geistes:


Amên – Der Boden, auf dem wir stehen

Verankerung: Du erklärst, dass diese Worte nicht nur Schall und Rauch sind, sondern dass du bereit bist, ihnen in deinem Körper, deinen Taten und deinem Atem Raum zu geben.


Resonanz: Es ist das „Ja“ der Stimmgabel, die den Ton des Kosmos aufgenommen hat und nun selbst mitschwingt.


Manifestation: Mit dem Amên bringst du die Vision aus den „Lichtreichen“ (Schmaâja) direkt auf den „heiligen Boden“ (Ar’a) deines Alltags.


Ein Siegel für den Weg

Du hast nun die Reise durch das Ur-Gebet Jesu vollendet. Von der kosmischen Quelle über die Reinigung des Herzens bis hin zur täglichen Nahrung und der Befreiung von alten Fesseln.


Abschlussreflexion:

Dieses Gebet ist nun kein Text mehr, den man „aufsagt“. Es ist ein Zustand, in den man „eintritt“. Jedes Mal, wenn du in deinem Leben ein Gefühl der Trennung oder der Schwere spürst, kann ein kurzes, inneres „Abwûn“ dich sofort wieder mit diesem Urgrund verbinden, den du gerade so tief erschlossen hast.


Möge dieses Amên in dir nachklingen wie ein tiefer, ruhiger Glockenschlag, der dich daran erinnert, dass du niemals getrennt warst von jener Liebe, die den Kosmos atmet.


Amên. So sei es. So ist es.