VISION DES JENSEITS

VON TORSTEN SCHWANKE



für Debora, die Prophetin




I


Sie führte mich zum Rand der steilen Klüfte,

Wo sich das Licht in fahles Grau verlor,

Und Moderduft erfüllte schwer die Lüfte.


Dort öffnete sich ein gewalt’ges Tor,

Aus Eisen schien’s und Tränen fest gegossen,

Ein hohler Nachhall drang daraus hervor.


„Hier sind“, sprach sie, „die Wege fest verschlossen,

Für jene, die die heil’gen Eide brachen,

Und deren Treu’ wie Wasser ist verflossen.


Sie meinten, dass sie nur die Lust entfachen,

Doch brachen sie das Herz, das ihnen traute,

Um sich an fremder Lippe wachzulachen.“


Ich blickte abwärts, wo der Abgrund graute:

Ein Strom aus Leibern wand sich dort im Kreis,

Ein jeder Schatten nach dem andern schaute.


Doch kaum berührten sie sich, wurd' es Eis,

Denn wer im Leben nur das Fleisch begehrte,

Zahlt hier der Einsamkeit den herben Preis.


Dort sah ich Fürsten, die man einst verehrte,

Im Prunk der Orgien, berauscht vom Wein,

Bevor das Schicksal ihre Macht verzehrte.


Nun müssen sie in ew’gen Qualen schrein,

Umschlungen nicht von Seide, sondern Ketten,

Im kalten, aschefarb’nen Wiederschein.


„Sie suchten Rettung nicht in Gebetesstätten,

Nur in der Gier, die keine Sätt’gung kennt,

Und meinten, sich im Taumel zu erretten.“


Ein Feuersturm, der Geist vom Leibe trennt,

Trieb jene fort, die Ehen rücksichtslos

Zerschlugen, wie ein Licht, das blindlings brennt.


Die Madonna wies mit der Hand, so groß,

Auf eine Frau, die weinend Gift vergoss,

Gebunden an ein Schicksal, nackt und bloß.


„Die ach das Band, das Gott geknüpft, genoss

Nur als ein Spielzeug ihrer Eitelkeit,

Bis sich die Pforte hinter ihr verschloss.“


Ein Donner grollte durch die Ewigkeit,

Der Rhythmus dieser Qualen nahm kein Ende,

Ein Echo ungestillten Herzeleid.


Ich faltete erschrocken meine Hände,

Doch Maria zog mich weiter durch den Rauch,

Bevor ich mich im Mitleid ganz verschwende.


„Es ist Gerechtigkeit, und Liebe auch“,

So sprach sie leise, während wir entstiegen,

„Denn wer die Seele tauscht für einen Hauch,


Wird ewig unter seiner Schuld erliegen.“



II


Wir schritten tiefer in das Reich der Schatten,

Wo roter Schein die Felsenwand bemalt,

Und Geister stöhnten, die kein Ruhen hatten.


„Hier wird“, sprach sie, „der Hochmut bar bezahlt,

Vom Munde, der den Schöpfer frech verhöhnte,

Und dessen Zorn wie schwarzes Feuer strahlt.“


Ein zweites Tor, das grausam uns umdröhnte,

Erreichten wir; aus hartem Erz gefügt,

Von Blitzen, die das Dunkel gellend krönte.


Dort lagen sie, vom eignen Gift besiegt,

Im heißen Sand, der ihre Glieder sengte,

Weil ihre Zunge sich in Lügen wiegt.


Wer Gott verfluchte und die Faust einengte

Gegen den Himmel, der ihn einst erschuf,

Wird hier von Glut, die keine Gnade schenkte,


Geknebelt durch den eignen Lasterruf.

Ich sah die Jähzornigen, die sich zerfetzten,

Im blinden Wahn, Huf schlagend gegen Huf.


Sie bissen sich mit Zähnen, den benetzten

Vom Geifer ihrer ungestillten Wut,

Die Seelen, die sich gegenseitig hetzten.


„Siehst du“, sprach Maria, „diese heiße Flut?

Das Blut, das sie im Leben jäh vergossen,

Ist nun der Wein, der in den Kelchen ruht.


Ihr Geist war stets dem Frieden fest verschlossen,

Ein Sturm aus Galle, der die Vernunft ertränkt,

Bis jede Spur von Sanftmut war verflossen.“


Dort schrie ein Mann, der Gottes Namen kränkt,

An einen Felsen fest mit Stahl geschmiedet,

Vom Regen glüh’nden Bleis herabgesenkt.


Sein Fluch, der in der Kehle heiser siedet,

Wird zum Gestein, das seine Brust beschwert,

Da er das Licht des Wortes stets gemieden.


Die Herrin sprach: „Wer sich zum Gott erklärt

Und gegen alles Heil’ge Gift gespuckt,

Wird nun vom Feuer, das er schuf, verzehrt.“


Ein Beben hat die Erde jäh durchzuckt,

Als jene Schar in blindem Toben schrie,

Vom eignen Groll in dunklen Schlund geguckt.


Ich zitterte und beugte tief das Knie,

Doch ihre Hand blieb kühler Trost im Grauen,

Damit mein Herz der Finsternis entflieh’.


„Lern hier“, so mahnt sie, „auf den Herrn zu bauen,

Denn Zorn ist Rauch, der nur das Aug’ verletzt,

Und lässt dich niemals Gottes Antlitz schauen.“


Ich war im tiefsten Inneren entsetzt.



III


Wir stiegen ab, wo dichte Nebel wallen,

Ein süßer Duft, der doch zum Brechen zwang,

Ließ dumpf die Schritte auf dem Boden schallen.


Und aus dem Dunst ein dritter Torweg sprang,

Aus Glas und Gold, doch brüchig und zersplittert,

An dem ein jeder Selbstbetrug noch hang.


„Hier weilt“, sprach sie, die ob der Not erschüttert,

„Wer nur den Spiegel als sein Heil gekannt,

Und wessen Herz vor Gier nach Wein gezittert.“


Ich sah die Egoisten an der Wand,

In engen Kreisen, jeden für sich allein,

Obwohl sie standen Hand dort an der Hand.


Ein jeder hielt fest einen Edelstein,

Doch war er heiß und brannte in die Hand,

Und keiner teilte seinen falschen Schein.


„Sie bauten Mauern nur aus Eigensand“,

So klagte sie, „und ließen Brüder darben,

Damit ihr Eigen-Nutzen nie verschwand.“


Daneben flossen Ströme, gelb von Farben,

Darin die Säufer wie im Schlamme waten,

Und an dem Trank, den sie so liebten, starben.


Sie öffneten den Mund wie Automaten,

Doch was sie schluckten, war nur bittre Gall’,

Ein Trunk, so schwer wie ihre alten Taten.


Ein jeder suchte Halt im freien Fall,

Doch stießen sie die Nächsten von sich fort,

Ein gierig’ Ringen, stumm und ohne Schall.


„Sie hörten nie auf eines Mitmensch Wort“,

Sprach die Madonna, „nur auf ihren Bauch,

Und machten ihren Körper zum Abort.


Wer sich berauschte bis zum letzten Hauch,

Wird hier vom Dunst des Weines ewig trunken,

Verloren im verdorbnen Schwefelrauch.“


Ich sah ein Haupt, im tiefen Schlamm versunken,

Das nach dem Becher griff, der leer geblieben,

Aus dessen Augen keine Hoffnungsfunken.


„Vom Selbstbezug sie wurden hergetrieben“,

Fuhr fort sie, „und von der Sucht nach Mehr,

Sie haben nur den Schatten sich verschrieben.“


Die Einsamkeit wog wie ein Felsen schwer,

Denn wer im Leben nur für sich genossen,

Findet im Jenseits nur ein ödes Meer.


So sind sie in sich selber eingeschlossen,

In einem Käfig, den sie selbst gebaut,

Wo niemals Tränen echter Reu’ geflossen.


Maria blickt‘ mich an, mild und vertraut:

„Das Ich ist klein, die Liebe aber weit;

Wer Gott nicht sucht, der hat auf Eis gebaut.“


O Egoismus in der Ewigkeit!



IV


Wir sanken tiefer, wo die Pfade brachen,

Ein vierter Durchgang, starr aus kaltem Stahl,

Drauf Runen glühten, die von Hochmut sprachen.


„Hier“, sprach die Herrin, „endet jede Wahl

Für die, die Götzen auf den Thron gehoben

Und sich verfingen im Gebet der Qual.“


Ich sah das Volk, das Gold und Erz erhoben,

Sie wälzten Lasten, schwer wie Felsgestein,

Und meinten noch, den Reichtum dort zu loben.


Doch was sie hielten, war nur Trug und Schein:

Münzen, die glühten wie die heißen Kohlen

Und brannten tief sich in die Knochen ein.


Daneben sah ich jene, die verstohlen

Den Leib zum Gott erhoben in der Nacht,

Um sich im Fleische Sättigung zu holen.


Die Sexanbeter, blind für Herz und Pracht,

Waren verstrickt in Sehnen, zäh wie Leim,

Von fremder Lust in Knechtschaft dargebracht.


„Sie suchten in der Lust ein falsches Heim“,

So sprach Maria mit betrübtem Sinn,

„Und säten aus den gift’gen Unheilskeim.“


Doch schlimmer noch erschien die Schar darin,

Die Selbstgerechten, die mit stolzem Nacken

Sich wähnten frei von jedem Sünden-Zinn.


Sie trugen Masken, die wie Eisen backen

Auf ihrem Antlitz, starr und ohne Licht,

Während Dämonen an der Wahrheit hacken.


„Sie kannten nur ihr eigenes Gericht“,

Fuhr sie fort, „und sahen niemals Not,

Vergaßen überm Stolz die Christenpflicht.“


Dann sah ich die, die zwangen das Gebot

Der fernen Sterne und der dunklen Mächte,

Damit die Welt nach ihrem Willen rot.


Magier und Hexen, Meister schlechter Rechte,

Die rückwärts gingen, da ihr Blick entstellt,

Gekrümmt von Fluch und finsterem Geflechte.


Weil sie die Zukunft suchten in der Welt

Durch dunklen Zauber und durch Geisterhand,

Ist ihnen nun die Sicht auf Gott verstellt.


Ihr Kopf war auf den Rücken jäh gewandt,

So dass die Träne auf das Kreuzbein fiel,

Da sie den Weg nach vorne nie gekannt.


„Sie trieben mit der Schöpfung nur ein Spiel“,

Sprach die Madonna, „und mit falschem Rat

Verfehlten sie der Seele wahres Ziel.“


Ich sah das Grauen dieser finstren Saat:

Wer sich zum Maßstab aller Dinge macht,

Erntet am Ende nur die Einsamkeit der Tat.


Die Hexen lebten in der tiefsten Nacht.



V


Wir stiegen tiefer zu dem fünften Bogen,

Der aus gebrochnem Marmor war gefügt,

Von Purpurstaub und Weihrauchdampf umzogen.


Doch war der Duft mit Fäulnis tief vergnügt,

Und aus der Tiefe drang ein bittres Klagen,

Das schwerer als der Stein auf Seelen liegt.


„Hier“, sprach die Herrin, „muss die Kirche tragen

Die Schande jener, die im heil’gen Kleid

Den schmalen Pfad zu gehen nicht gewagen.


Die hohen Herren, die in Prunk und Neid

Die Herde leiteten mit strengem Wort,

Doch selbst verfielen der Begehrlichkeit.“


Ich sah die Kardinäle an dem Ort,

In roten Roben, die wie Feuer brannten,

Sie flohen stumm von einem fernen Port.


Bischöfe, die sich beim Gebete wandten

Zu gleicher Art in heimlicher Begier,

Und Gottes Ordnung niemals recht erkannten.


Sie trieben in dem grauen Schlammrevier,

Priester, die Liebe nur als Fleisch verstanden

Und brachen ihr Versprechen, Mensch und Tier.


„Sie hielten fest an ihren Erdenbanden“,

Sprach Maria, „und mit falschem Schein

Die Herzen ihrer Brüder übermannten.


Was heilig war, das traten sie mit Pein,

Indem sie gaben vor, dem Geist zu dienen,

Doch ließen sie die Unzucht in sich rein.“


Nun war ihr Antlitz von dem Schmerz beschienen,

Dass sie den Kuss der Gleichheit höher schätzten

Als das Gesetz, das hell auf Sinai erschienen.


Wie Schatten, die sich gegenseitig hetzten,

Wurden sie nun vom eigenen Trug gequält,

Da sie die Würde ihres Amts verletzten.


„Wer sich als Hirte für das Volk erwählt“,

So mahnte sie, „und führt es in den Pfuhl,

Hat seine Seele doppelt schon gezählt.


Sie sitzen nun auf einem kalten Stuhl,

Wo keine Liebe ihren Hunger stillt,

Verloren in dem tiefen Sündenpfuhl.“


Ich sah das Kreuz, das nun als Last anschwillt

Auf ihren Rücken, die sich tief verneigen,

Bis jede Hoffnung in dem Rauch verquillt.


Die Madonna ließ ein langes Schweigen,

Denn schwerer wiegt der Fall aus lichten Höh’n,

Wenn jene fallen, die den Weg uns zeigen.


Doch die Madonna war wie immer schön!



VI


Wir sanken tiefer, wo die Dünste wallen,

Ein sechstes Tor aus Spiegelglas erbaut,

Darin die Schreie eitler Seelen hallen.


„Schau hin“, sprach sie, die meine Angst durchschaut,

„Auf jene, die den Leib zum Götzen machten

Und ihre Scham dem Markte anvertraut.


Die nackt sich vor der Welt in Wollust dachten

Und ihre Hülle, Gott zum Hohn und Lachen,

Als Ware für die gier’gen Blicke brachten.“


Ich sah sie dort in einem See aus Drachen,

Die ihre Haut mit scharfen Krallen rissen,

Um aus der Eitelkeit ein Grab zu machen.


Wer sich entblößt, um andre nicht zu missen,

Wird hier von Schlangen unaufhörlich blind,

Die saugen an dem Fleisch und am Gewissen.


Doch neben ihnen, die verloren sind,

Sah ich die Helfer, die das Spiel betrieben,

Vom schnöden Glanz des Goldes völlig blind.


Die Kuppler, die das sünd’ge Werk beschrieben,

Die Kameramänner und die Drähtezieher,

Vom Geiste der Vermarktung hergetrieben.


„Sie boten feil“, sprach sie, „die Menschen hier,

Und machten aus dem Tempel eine Bühne,

Aus reinem Licht ein gieriges Revier.


Wer half, dass diese Unzucht niemals sühne,

Wem der Profit am Leib des Nächsten galt,

Den trifft des Richterspruchs gerechte Sühne.“


Sie standen da, die Hände fest geballt,

Doch konnten sie die Blöße nicht mehr decken,

In einer Welt, die ohne Gnade hallt.


Scheinwerfer, die nun wie ein Feuer lecken,

Verbrennen jene, die im Blitzlicht standen,

Und lassen sie in ew’ger Qual erschrecken.


„Sie suchten Ruhm in flüchtigen Verstanden“,

So klagte die Madonna, sanft und rein,

„Die dann in ihrer Eitelkeit verschwanden.


Denn was sie zeigten, war nur Fleisch und Bein,

Doch die Seele ließen sie verdürsten,

Im grellen, kalten, falschen Widerschein.“


So manche Schöne kam zum finstren Fürsten.



VII


Wir stiegen abwärts zu der siebten Pforte,

Die stumpf aus Blei und fettem Ruß bestand,

An diesem trostlos-öden Jammerorte.


Dort war ein Wall aus Schlamm und Wüstensand,

Wo zwei Naturen sich im Kreise quälten,

Gekettet an der Habsucht festes Band.


Die Geizigen, die stets die Münzen zählten,

Umfassten nun mit krampfhaft bleichem Griff

Den Unrat, den sie sich als Schatz erwählten.


Ihr Atem pfiff wie Wind am Felsenschiff,

Sie horteten den Dreck in hohlen Händen,

Vom Neid zerfressen und von Sorgen schief.


„Sie wollten nie den Blick vom Golde wenden“,

Sprach die Madonna, „und verschlossen fest

Das Herz, um keine Milde je zu spenden.“


Doch neben ihnen gärte schon die Pest

Derer, die nur dem Schlunde Opfer brachten,

Und nun der Hunger sie nicht schlafen lässt.


Die Gefräßigen, die nur nach Speise trachten,

Lagen im Kot, vom kalten Regen nass,

Während sie gierig nach dem Schlamme schmachten.


Ein jeder Bauch war aufgedunsen, blass,

Gefüllt mit Steinen und mit bittrer Galle,

Ein Maß für ihren großen Lebenshass.


„Sie schwelgten stets im Überfluss und Schalle“,

So sprach die Jungfrau, „während vor der Tür

Der Arme hungerte in seiner Falle.


Nun sind sie Sklaven ihrer eignen Gier,

Vom Hunger, den sie nährten, selbst gefressen,

Ein Schattenheer in finsterem Revier.“


Dort sah ich sie, vom Wahnsinn fast besessen,

Wie sie nach Wurzeln gruben in der Nacht,

Doch was sie fanden, war nur Grabes-Essen.


Wer nie das Brot mit einem Gast bedacht

Und nur die Scheune füllte bis zum Rand,

Wird hier um jeden Bissen hart verlacht.


„Das Maß der Seele“, sprach sie, „hat Bestand,

Nur wenn es teilt und nicht im Horten endet,

Was Gott dem Menschen gab in seine Hand.“


Ich sah, wie sich der Geiz im Kreise wendet,

Und wie der Schlemmer an der Leere bricht,

Da er sein Erdenheil für Fleisch verschwendet.


So strahlt an diesem Ort die Gnade nicht.



VIII


Wir ließen nun die tiefen Höllenklüfte,

Die Mauern aus Verzweiflung und aus Stahl,

Und stiegen auf in graue, feuchte Lüfte.


Dort öffnete sich uns ein weites Tal,

Das wie die Erde schien im fahlen Morgen,

Doch ohne Sonnenlicht und Sternenstrahl.


Ein dichter Nebel hielt die Welt verborgen,

Die Wolken hingen schwer und tief herab,

Wie Tücher über Sünden, über Sorgen.


„Dies ist das Reich“, sprach sie, die Trost mir gab,

„Wo noch die Hoffnung in den Herzen glüht,

Obwohl der Leib schon ruht im kühlen Grab.


Hier wird die Seele, die sich redlich müht,

Vom Fleck des Irdischen nun rein gewaschen,

Bis dass die Sehnsucht nach dem Herrn erblüht.“


Ich hörte Stimmen aus den Nebelmaschen,

Ein Klagen, das wie sanfter Regen klang,

Um Gottes Antlitz endlich zu erhaschen.


Sie schritten langsam auf dem stein’gen Hang,

Die Hände ausgestreckt nach einem Licht,

Nach dem ein jeder Geist im Dunkel rang.


„Wann dürfen wir vor dein Gericht, o Licht?“,

So riefen sie mit wehmutsvollem Zagen,

„Verbirg vor uns dein heilig’ Antlitz nicht!“


Es war kein Schrei wie in den Höllentagen,

Es war ein Flehen, das die Liebe kennt,

Bereit, die Last der Läuterung zu tragen.


„Siehst du“, sprach sie, „wie dieses Feuer brennt?

Es brennt nicht draußen, sondern tief im Innern,

Wo sich der Geist von falscher Bindung trennt.


Sie müssen sich an Gottes Wort erinnern,

Das sie im Lärm der Welt so oft vergaßen,

Im Trubel und im eitlen goldnen Schimmern.“


Durch graue Schwaden sah ich sie in Maßen,

Wie sie im Gebet die bleichen Lippen regten,

Und still auf einsam-feuchten Wegen saßen.


Ein jeder Schritt, den sie im Nebel legten,

War eine Stufe hin zum lichten Thron,

Den sie in Reue nun im Herzen pflegten.


„Sie leiden sehr“, sprach ich mit leisem Ton,

Maria blickte mild auf diese Scharen:

„Doch ist die Ewigkeit ihr heil’ger Lohn.


Wer lernt, das Wahre im Gebet zu wahren,

Dem wird der Nebel bald zur klaren Sicht,

Um Gottes Herrlichkeit zu offenbaren.“


So stiegen wir, bis dass die Wolke bricht.



IX


Der Nebel wich, die Schwere war verflogen,

Ein sanfter Glanz durchbrach das letzte Grau,

Wie Licht, das bricht in fernen Regenbogen.


Doch war es nicht das Licht, das ich genau

Vom Tage kannte oder von den Sternen,

Es war ein Leuchten, klarer als die Au.


Kein Garten war’s mit Rosen in den Fernen,

Kein Gold, das Mauern einer Stadt umschließt,

Kein Prunk, den wir von Erdenwegen lernen.


Ein Duft, der aus der Ewigkeit entsprießt,

Von Weihrauch und von Blüten, ungesehen,

Sich wie ein Strom in alle Sinne gießt.


„Hier“, sprach die Herrin, „darfst du nun verstehen,

Dass jede Form nur eine Hülle war,

Um vor dem Grenzenlosen zu bestehen.“


Es war nur Licht, so rein und wunderbar,

Dass es den Raum und auch die Zeit verschlang,

Ein weißes Meer, unendlich, offenbar.


Kein Tempel stand dort, kein gewölbter Gang,

Nur Strahlen, die in heil’ger Ordnung schwingen,

Ein großer, stummer, lichter Lobgesang.


„Gott ist nicht Stein, nicht Gold, nicht irdisch’ Ringen“,

So sprach Maria, selbst im Glanz gelöst,

„Er ist der Quell, aus dem die Funken dringen.“


Mein Auge, das im Dunkel erst gedöst,

Trank nun die Helle, die die Seele weitet,

Bis alles Bangen in mir war entblößt.


Kein Pfad war mehr, der uns noch weiter leitet,

Denn in dem Licht war Ziel und Anfang eins,

Vom Geist der Liebe strahlend ausgebreitet.


Ich sah kein Bild, kein Zeichen mehr des Seins,

Nur die Präsenz, die alles Sein durchdringt,

Jenseits des Goldes und des Edelsteins.


Ein Frieden, der das Herz wie Flut verschlingt,

War diese Helle, die nicht brennt, noch blendet,

Sondern der Seele ihre Heimat bringt.


„Hier ist“, sprach sie, „die Reise nun vollendet.“



X


Inmitten des Lichts, das keine Grenzen kannte,

Erhob sich nun ein Glanz von eigner Art,

Der tief im Kern des ew’gen Lichtes brannte.


Dort, wo der Abgrund einst die Treue spart‘,

Sah ich drei Sitze unter Gottes Thron,

Die einst für jene waren aufbewahrt,


Die fielen durch den Stolz, den Engelshohn.

Doch wo der Luzifer den Platz verlor,

Empfing Frau Armut nun den höchsten Lohn.


Franziskus saß auf jenem Thron empor,

Der Luzifer einst als dem Schönsten eigen,

Bevor er stürzte durch das Höllentor.


„Siehst du“, sprach sie, „wie sich die Himmel neigen?

Wo Hochmut herrschte, thront die Demut nun,

Um Gottes wahre Herrlichkeit zu zeigen.“


An seiner Seite sah ich Klara ruhn,

Auf einem Sitz aus lauter hellem Glas,

Das widerspiegelte ihr heil’ges Tun.


Wie eine Flamme, die das Leid vergaß,

Strahlt ihre Reinheit durch die weite Sphäre,

Ein Spiegelbild, das ohne Gier und Maß.


Und Pater Pio, gezeichnet durch die Schwere

Der Wunden Christi, saß als dritter dort,

Damit dem Leid die höchste Ehre wäre.


Sein Blick war sanft, ein stiller Zufluchtsort,

Auf einem Thron, der einst der Stolzen war,

Verkündet er nun Gottes Gnadenwort.


„Die Kleinen“, sprach die Herrin wunderbar,

„Sind hier die Großen in des Vaters Reich,

Denn ihr Verzicht macht ihre Seele klar.“


Wo einst der Neid die Geister machte bleich,

Dort blüht jetzt Liebe, die den Schmerz besiegt,

Und macht die Bettler den Monarchen gleich.


Das Licht der Throne ineinander wiegt

Sich wie ein Meer aus Demut und aus Pracht,

Das über jedem Sternenheere liegt.


Franziskus lächelte, die Nacht vollbracht,

Und auf dem Platz, den einst der Hochmut mied,

Hat nun die Liebe ihre Macht entfacht.


Und alle sangen da ein Neues Lied.



XI


Das Licht begann nun langsam zu verblassen,

Obwohl es hell in meinem Geiste blieb,

Musst’ ich die Sphäre der Verklärung lassen.


Ein Sog, der mich durch graue Schichten trieb,

Riss mich hinab vom Thron der Seligkeiten,

Wo Gottes Hand das Buch des Lebens schrieb.


Wie bittre Kälte, die die Glieder weiten,

So fühlte ich die Schwere wiederkehr’n,

Und sah die Welt in ihrer Dumpfheit gleiten.


Ach, wie so hässlich schienen nun die Sphär’n,

Die wir die Heimat und die Erde nennen,

Voll Staub und Moder, fern von unsrem Herrn.


Ich spürte, wie sich Fleisch und Geist erkennen,

Doch ach, der Körper war ein enges Haus,

Ein Kerker nur, um Seelen abzutrennen.


Wie widerlich war dieser Sinnenstrauß!

Die Lüfte schmeckten nach Asche und nach Blei,

Ein dumpfer Dunst trieb mir den Atem aus.


Das Fleisch, so schwer, als wär’ es Einerlei

Mit Lehm und Schlamm, hielt meine Flügel fest,

Und machte mich der Erdenschwere treu.


„Wie eng“, so rief ich, „ist dies Erdennest!“,

Als sich die Haut um meine Glieder schloss,

Wie eine Kruste, die den Geist verletzt.


Der Körper, der mir einst als wert genoss,

War nun ein Panzer, hässlich, starr und kalt,

Darin die Träne wie aus Eisen floss.


Die Farben stumpf, der Lärm war ohne Halt,

Die Welt erschien mir wie ein graues Grab,

Voll Gier und Not und finsterer Gestalt.


Maria sprach, bevor sie Abschied gab:

„Trage die Schwere als dein Pilgerkleid,

Und blicke nie von diesem Lichte ab.


Die Enge ist nur da für kurze Zeit,

Bis dass die Hülle, die dich jetzt umschlingt,

Dich wiedergibt der Licht-Unendlichkeit.“


Ich schlug die Augen auf, vom Schmerz durchdringt,

Und fand mich wieder in der Welt der Not,

Wo jedes Herz um einen Atem ringt.


Wie fern erschien mir nun Ihr Morgenrot.