VERGIL EKLOGEN

NACHGEDICHTET VON TORSTEN SCHWANKE




EKLOGE I


Meliboeus

Tityrus, unter der Buche, der weit ausladenden, liegst du,

Spielst auf der schlanken Flöte die Lieder, die ländliche Weise;

Wir aber müssen das Land und die teuren Gefilde verlassen,

Fliehen die Heimat. Du, Tityrus, ruhst in dem Schatten,

Lehrst nun den Wald, dass er hallt von dem Namen der schönen Amaryllis.


Tityrus

O Meliboeus, ein Gott hat uns diese Ruhe beschieden;

Ja, er bleibt mir ein Gott für immer; sein Altar wird oft noch

Bluten von Lämmern aus meiner Herde, so zart und so jung noch.

Er hat gestattet, dass meine Rinder, wie du es ja siehst, nun

Weiden, und ich auf der ländlichen Flöte mein Lied kann erfinden.


Meliboeus

Nein, ich beneide dich nicht, ich wundre mich eher; so wüst ist

Alles im Umkreis rings auf den Feldern. Ich treibe mit Mühe

Meine Ziegen voran, ja, diese hier zieh’ ich kaum mit mir.

Hier zwischen dichten Haselsträuchern, da ließ sie, die Hoffnung

Meiner Herde, die Zwillinge liegen, auf nacktem Gestein wohl.

Oft hat das Übel, ich weiß, wenn der Sinn nicht getrübt mir gewesen,

Einst die Eiche, vom Blitz aus dem Himmel getroffen, verkündet.

Doch nenn mir den Gott, Tityrus, sag mir, wer schenkte den Frieden?


Tityrus

Rom, die Stadt, die man nennt, Meliboeus, ich dachte in Torheit,

Gliche der unsrigen hier, wohin wir die Lämmer der Herde

Oft zu treiben gewohnt sind. Wie Welpen den Hunden so gleichen,

Wie die Zicklein den Müttern, so maß ich das Kleine am Großen.

Doch jene Stadt hat ihr Haupt so weit über andere gehoben,

Wie die Zypresse sich streckt über niedriges Weidengebüsch oft.


Meliboeus

Welcher Grund war es denn, der dich führte nach Rom, in die Ferne?


Tityrus

Freiheit, die zwar zwar spät, doch die Trägen endlich erblickte,

Als schon weißer der Bart mir beim Scheren der Wolle herunter –

Freiheit, sie kam doch zu mir, nach einer so endlos langen

Zeit, da Amaryllis mich hält und Galatea mich ließ nun.

Denn ich gestehe es gern: Als Galatea noch bei mir

Wohnte, da gab es für Freiheit kein Hoffen, noch Sinn für Ersparnisse.

Obgleich aus meinen Gehegen so manches Opfertier schied aus,

Obgleich für fremde Stadt Käse gepresst in der Menge wohl wurde,

Nie kam meine Hand mit gefüllter Börse nach Hause.


Meliboeus

Ich hab’ mich gewundert, wen, Amaryllis, du weinend anriefest,

Warum du die Äpfel am Baum hast hängen lassen, die Früchte.

Tityrus war hier nicht da. Dich, Tityrus, riefen die Fichten,

Riefen die Quellen, dich riefen auch diese Gebüsche des Feldes.


Tityrus

Was war zu tun? Ich konnte dem Dienst nicht entfliehen, noch anderswo

Götter so nahe erfahren. Dort sah ich den Jüngling, Meliboeus,

Dem an jedem der zwölf Tage meine Altäre nun rauchen.

Er hat mir als Erster geantwortet auf meine Bitte:

„Weidet wie früher die Rinder, ihr Jungen, und spannt nun die Stiere.“


Meliboeus

Glücklicher Alter! Dein Land wird bleiben. Es ist dir ja groß wohl,

Auch wenn der steinige Boden und Morast mit dem Schilf nur

Deine Weiden bedeckt. Keine fremde Nahrung wird Schwangere

Quälen, noch wird die Ansteckung böser Nachbarherden dich treffen.

Glücklicher Alter! Hier bei den vertrauten Flüssen, den Quellen,

Den heiligen, suchst du den Schatten und kühlende Stille.

Dort von der Hecke, dem Nachbargrenzwall, wird immer die Weide,

Die mit den Blüten den Hybla-Bienen zur Nahrung gedient hat,

Dich mit dem sanften Summen in leichten Schlummer einlullen.

Dort unter steilem Fels wird der Winzer das Lied in die Lüfte

Singen; und weder die heiseren Tauben, dein Liebling, noch wird wohl

Turteln die Taube aufhören, droben im Wipfel der Ulme.


Tityrus

Eher wird leichten Fußes ein Hirsch in den Lüften dann weiden,

Eher der Ozean Fische auf trockenem Sande zurücklassen,

Eher als Flüchtling das Volk der Parther den Arar wohl trinken

Oder Germanien Tigris, als sein Gesicht aus dem Herzen

Mir dann entgleiten wird, sein Bild, das ich ewig bewahre.


Meliboeus

Wir aber müssen von hier zu den durstigen Afrikanern,

Teils nach Skythien ziehen, zum reißenden Oaxes-Strome,

Oder zu den Briten, die fern von der Welt uns geschieden.

Werd' ich wohl jemals die Heimat, die Grenzen nach langer Zeit wieder,

Jemals das Dach meiner Hütte, das schlichte, mit Rasen bedeckte,

Meine Reiche, und Ähren, die spärlich dort wachsen, noch schauen?

Soll ein gottloser Soldat meine wohlbestellten Äcker,

Barbaren das Korn nun besitzen? Sieh, wohin Zwietracht die Bürger

Trieb in dem Elend! Für solche Leute bestellten wir Äcker!

Pfropfe nun Birnen, Meliboeus, und ordne die Reihen der Reben!

Geht nur, ihr Ziegen, ihr Herden, die einst noch glücklich gewesen.

Niemals mehr werde ich euch, im grünen Gehölz dann gestreckt,

Fern an der felsigen Wand dann hängen sehen; kein Lied mehr

Sing' ich; nicht werdet ihr, Ziegen, die blühende Zistrose weiden,

Noch die herben Weiden – während ich weide – abnagen.


Tityrus

Doch könntest du hier diese Nacht noch bei mir auf dem grünen

Laub nun ruhen; wir haben ja milde Äpfel und Früchte,

Weiche Kastanien auch und von Käse die Fülle des Hauses.

Sieh, schon rauchen von fern der Gehöfte Gipfel der Dächer,

Länger werden die Schatten, die von den Bergen herniedersinken.



EKLOGE II


Schön war der Jüngling Alexis, der Herr, dem der Hirt Corydon glühte,

Völlig in Hoffnung verloren. Er kam zu den Buchen der Schatten,

Dicht bei den Wipfeln, und klagte den Bergen und Wäldern alleine,

Sinnlos im Wirrwarr der Liebe, das Lied, das kein Hörer vernahm noch:


„Grausamer Knabe, was kümmert dich nicht mein Gesang und mein Flehen?

Willst du mich töten am Ende? Die Herden ja suchen die Kühle,

Suchen den Schatten der Felsen; die Eidechse birgt sich im Dornbusch.

Thestylis reibt für die Schnitter, die matt in der Hitze dahinfalln,

Kräuter mit Knoblauch und Minze – doch mir tönt im Sange das Echo,

Während ich einsam auf Suche nach dir in der Hitze umherstreif,

Schrill von den Zikaden begleitet, die laut in den Büschen nun zirpen.

War es nicht besser, den Zorn der Amaryllis zu dulden,

Oder die stolze Verachtung des Menalcas, obgleich er so dunkel,

Du aber hell bist wie Licht? O vertraue nicht allzu der Farbe!

Bleiches Liguster verwelkt, doch die dunklen Beeren man pflücket.


Du verschmähst mich, Alexis, und fragst nicht, wer ich wohl eigentlich bin,

Wie ich an Herden so reich und wie üppig an Milch ich mich labe.

Tausend der Lämmer durchstreifen die siculen Höhen der Berge;

Sommer und Winter fehlt mir die frische Milch nicht im Eimer.

Singen will ich, wie einst auf dem Actaeo Aracynthos

Amphion sang, wenn er rief seine Herden. Ich bin nicht so hässlich;

Jüngst an der Küste sah ich mich selbst, als das Meer unbewegt war.

Daphnis, ich fürchte dich nicht, wenn das Bildnis mich niemals getäuscht hat.


O, wie wäre es schön, wenn du wolltest mit mir auf dem Lande

Einfache Hütten bewohnen, die Hirsche zu jagen, die Ziegen

Scharrend zu treiben mit Zweigen aus Hibiskus! Mit mir in den Wäldern

Willst du den Pan nachahmen im Spiel! Pan lehrte die Hirten,

Rohre mit Wachs zu verbinden; Pan hütet die Schafe und Hirten.

Schäme dich nicht, an dem Rohre sich wund zu reiben die Lippe!

Was hat Amyntas nicht alles versucht, um dies Spiel zu erlernen?

Sieben verbundene Stäbe, die ungleich groß sind, besitze

Ich, die Damoetas mir gab, als er starb, und mir klug damit sagte:

‚Du bist der Zweite nun nach mir!‘ – So sprach er, der neidische Knabe,

Hörte es, doch mein Amyntas... Dazu zwei Rehkitz im Tale,

Noch sind die Felle gezeichnet mit weißen Flecken, sie trinken

Zweimal am Tage den Euter der Mutter; ich halte sie dir bereit.

Längst schon fleht mich die Thestylis an, sie zu rauben – sie soll es,

Denn meine Gaben, sie scheinen dir wertlos und minderwertig zu sein.


Komm nur herbei, o du Schöner! Die Nymphen bringen dir Lilien

Dicht in den Körben; die Nais, die weiße, sie pflücket dir Veilchen,

Sammelt Mohnblumen köstlich und Narzissen, die duftend uns blühen;

Dill und Kassia mischt sie und windet das duftende Kraut ein,

Färbt die gelblichen Beeren mit weichem und duftendem Wohlgeruch.

Selbst will ich Äpfel nun sammeln, die sanft mit dem Flaum sind bedeckt dort,

Und die Kastanien, die einst meine schöne Amaryllis liebte;

Pflaumen dazu, an der Frucht wird es nicht an der Ehre gebrechen.

Auch euch, Lorbeer, pflück ich, und dich, meine Myrte, daneben,

Da ihr die Düfte so lieblich verbindet an eurem Standorte.


Corydon, du bist ein Narr! Denn Alexis verachtet die Gaben;

Selbst wenn du schenkest, Iollas bietet weit mehr als dein Armut.

Ach, was hab ich vollbracht? In die Blumen entfesselt ich Südwind,

Wild in die Quellen die Eber!


Vor wem fliehst du, Wahnsinniger? Götter bewohnten die Wälder,

Dardaner Paris ebenso. Pallas mag Städte, die sie gegründet,

Selber bewohnen; uns aber gefallen die Wälder am meisten.

Wölfe verfolgen das Schaf, doch die Wölfin jagt hinter Wölfen,

Wieder das zarte Gespann hinter blühendem Cytisus herweht,

So wie Corydon dich, o Alexis! Die Lust treibt jeden zur Suche.


Sieh, wie die Stiere das Joch nun gesenkt von den Feldern zurückziehn,

Und wie die Sonne, die sinkt, nun die Schatten verdoppelt am Abend!

Mich aber brennt noch die Liebe; was ist schon ein Maß für die Liebe?

Ach, Corydon, Corydon, welcher Wahnsinn hat dich nun befallen?

Halb nur geschnitten die Rebe, die Ranken am Ulmenbaum hängen.

Wäre es besser, das Nötige fertig zu weben aus Binsen,

Oder aus Weidengeflecht? Wenn dieser dich schmäht, wirst du finden

Einen, der besser dich ehrt, einen anderen, neuen Alexis.“



EKLOGE III


Menalcas

Sag mir, Damoetas, wem gehört dieses Vieh? Etwa Meliboeus’?


Damoetas

Nein, es gehört Aegon; er hat es mir eben gegeben.


Menalcas

O ihr unglücklichen Schafe, ihr Vieh! Während er selber Neaera

Pflegt und in Sorge noch ist, sie ziehe den anderen vor mir,

Melkt hier ein fremder Hirte die Schafe wohl zweimal die Stunde;

Saft wird dem Vieh entzogen und Milch den Lämmern geraubt schon.


Damoetas

Mäßiger sprich, wenn du Männern solch schwere Vorwürfe machst hier;

Wir doch wissen, bei wem du – die Ziegen blickten verschlagen –

Und an welchem Ort – doch die Nymphen lachten vergnügt nur.


Menalcas

Damals, glaub ich, als man mich sah bei den Weinstöcken Micons,

Wie ich mit boshafter Sichel die jungen Reben zerschnitt dort.


Damoetas

Oder hier bei den alten Buchen, als du den Bogen

Daphnis’ zerbrachst und die Flöten, du boshafter, schnöder Menalcas;

Und als du sahst, wie das Kind sie erhielt, da grämtest du dich sehr,

Wärst du nicht sicher gewesen zu schaden, du wärst wohl gestorben.


Menalcas

Was mag der Herr wohl tun, wenn die Diebe solche Dinge sich trauen?

Hab ich dich nicht, o Schändlicher, einst beim Gehege von Damon

Eingefangen, wie du den Bock mit Lyciscas Hilfe umzingelst?

Und als ich rief: „Wohin läuft er jetzt? Tityrus, treibe die Herde!“,

Da verstecktest du dich hinter dem Schilf und dem dichten Gebüsch dort.


Damoetas

Hätt’ er den Sieg mir im Singen nicht redlich entgolten, den Bock doch,

Den mein Lied mir verdient? Er war mein, das wusste ich sicher;

Damon gab es zu, doch er weigerte sich, ihn mir zu geben.


Menalcas

Du ihn besiegt im Singen? Hattest du jemals eine mit Wachs doch

Gefügte Flöte? In Gassen, du Unkundiger, pflegtest du doch nur

Auf der quietschenden Stoppel ein armselig Lied zu zerreißen.


Damoetas

Sollst du versuchen, was jeder von uns hier im Wechsel vermag dann?

Ich setze dies Kalb – damit du nicht etwa verweigerst –,

Zweimal kommt es zum Melken, zwei Junge ernährt es am Euter;

Setz nun ein Pfand dagegen, das uns im Wettkampf verbindet.


Menalcas

Aus der Herde zu setzen, das wag ich mit dir hier nicht gerne.

Vater ist daheim, und die Stiefmutter ist mir nicht gnädig;

Beide zählen die Herde zweimal am Tag, auch die Zicklein.

Doch, was du selbst wohl zugeben musst, viel kostbarer ist es:

Da du nun wahnsinnig bist, so setz ich dir buchene Becher,

Meisterwerk eines göttlichen Alcimedon, oben am Rande

Ist mit geschmeidigem Meißel ein Weinlaub kunstvoll gehauen,

Welches die blassen Efeu-Dolden umspielt mit den Zweigen.

Mittendrin zwei Figuren: Conon und – wer war der andere? –

Der mit dem Stab den Menschen die ganze Welt hat vermessen,

Zeiten, die der Schnitter und die der krumme Pflüger beachten;

Noch hab ich nie an den Rändern getrunken, sie warten im Schrank noch.


Damoetas

Mir hat derselbe Alcimedon zwei Becher geformet,

Und mit weichem Akanthus umwand er die Henkel des Werkes;

Orpheus stellt’ er in Mitte und Wälder, die ihm nun folgen;

Noch hab ich nie an den Rändern getrunken, sie warten im Schrank noch.

Schaust du aufs Kalb, so gibt es keinen Grund, die Becher zu rühmen.


Menalcas

Heute entkommst du mir nicht; ich komme, wohin du mich rufst auch.

Hören soll uns der hier, der eben kommt: Palaemon ist es.

Dafür will ich sorgen, dass du niemanden mehr mit dem Lied kränkst.


Damoetas

Komm nur her, wenn du etwas kannst; bei mir soll es nicht stocken,

Ich fliehe niemanden. Nur du, Nachbar Palaemon, sei achtsam,

Lass es dir tief in den Sinn – denn es geht um nicht Weniges hier.


Palaemon

Sprecht, da wir nun auf dem weichen Grase uns niedergelassen.

Jedes Feld blüht jetzt, jetzt treibt jede Pflanze schon Früchte,

Wälder grünen, die Zeit ist jetzt die schönste des Jahres.

Fang an, Damoetas; du folgst dann danach, mein Menalcas.

Abwechselnd sollt ihr singen; die Musen lieben den Wechsel.


Damoetas

Jupiters Wort sei der Anfang, von Jupiter ist alles voll stets;

Er pflegt die Erde, ihm sind meine Lieder lieb und ein Anliegen.


Menalcas

Auch mich liebet Phoebus; bei mir sind des Phoebus Geschenke

Immer bereit: der Lorbeer und die sanft rötende Hyazinthe.


Damoetas

Galatea wirft mit Äpfeln nach mir, das neckische Mädchen,

Flieht in die Weiden und wünscht, dass sie vorher gesehn wird.


Menalcas

Doch mir zeigt sich freiwillig mein Feuer, mein geliebter Amyntas,

Dass meine Hunde ihn kennen fast besser als Delia selber.


Damoetas

Für meine Venus hab ich Geschenke schon längst nun gefunden;

Hab ich doch selbst den Ort der luftigen Tauben gemerkt mir.


Menalcas

Was ich vermocht, hab ich dem Jungen vom wilden Baume gepflückt da:

Zehn goldene Äpfel; morgen sende ich weitere zehn noch.


Damoetas

Wie oft und was hat Galatea nicht alles zu mir schon gesprochen!

Einen Teil davon, ihr Winde, tragt zu den Ohren der Götter.


Menalcas

Was nützt es mir, wenn du mich im Geiste nicht völlig verachtest,

Mein Amyntas, wenn ich nur die Netze halte, während du jagst?


Damoetas

Sende die Phyllis mir; heut ist mein Geburtstag, Iollas,

Wenn ich das Opfer bringe für die Ernte, komm du selbst auch.


Menalcas

Phyllis lieb ich vor allen; sie weinte, als ich von ihr ging nun,

Sagte: „Lebe wohl, du Schöner, lebe wohl lange“, o Iollas.


Damoetas

Traurig der Wolf für den Stall, für die reifen Früchte der Regen,

Für die Bäume der Wind, für uns der Zorn der Amaryllis.


Menalcas

Süß ist dem Keim der Tau, dem entwöhnten Zicklein der Erdbeerbaum,

Die weiche Weide dem Vieh, mir allein ist es mein Amyntas.


Damoetas

Pollio liebt meine Muse, obwohl sie bäuerlich schlicht ist;

Pieriden, mästet ein Kalb für den, der meine Lieder so liest.


Menalcas

Pollio selbst macht neue Lieder; mästet einen Stier schon,

Der mit dem Horn schon stößt und den Sand mit den Hufen aufwirbelt.


Damoetas

Wer dich liebt, Pollio, der komme, wohin er sich freut, dass du bist;

Honig fließe ihm zu, und der wilde Dorn trage Amomum.


Menalcas

Wer nicht Bavius hasst, der liebe auch deine Lieder, o Mevius,

Und spanne Füchse ins Joch und melke die Ziegenböcke.


Damoetas

Ihr, die ihr Blumen sammelt und Erdbeeren, die dort am Boden

Wachsen – Kinder, flieht von hier – eine kalte Schlange im Gras liegt.


Menalcas

Hütet euch, Schafe, zu weit vorzugehen; dem Ufer ist wenig

Trauen; der Widder selber trocknet noch jetzt seine Wolle.


Damoetas

Tityrus, treibe die weidenden Ziegen weg von dem Flusse;

Ich selber werde sie waschen, sobald die Zeit dafür reif ist.


Menalcas

Treibt die Schafe zusammen, ihr Jungen; wenn die Hitze die Milch nun

Aufzehrt, so wie neulich, dann pressen wir umsonst die Euter.


Damoetas

Ach, wie mager ist mir mein Stier im fetten Klee doch geworden!

Dieselbe Liebe ist Untergang dem Vieh und seinem Hüter.


Menalcas

Diese hier – die Liebe ist wahrlich nicht schuld – hängen kaum noch an den Knochen;

Ich weiß nicht, welches Auge meine zarten Lämmer verhext hat.


Damoetas

Sag mir, in welchen Landen – und du bist mein großer Apollo –

Des Himmels Weite sich nicht mehr als drei Ellen ausbreitet.


Menalcas

Sag mir, in welchen Landen die Blumen wachsen, die Namen

Von Königen tragen, und Phyllis sollst du ganz alleine besitzen.


Palaemon

Es steht mir nicht zu, zwischen euch solch einen Streit zu entscheiden:

Sowohl du bist des Kalbes wert, als auch er, und jeder, der Liebe

Entweder fürchtet, die süße, oder die bittere kosten wird selber.

Schließt nun die Kanäle, ihr Jungen; die Wiesen haben genug nun.



EKLOGE IV


Musen der sizilischen Art, wir wollen nun Höheres singen.

Nicht jeder fesselt den Geist, das Gesträuch und die niedrigen Tam'risken;

Singen wir Wälder, so sei der Gesang auch dem Konsul gewachsen.


Da ist die letzte der Zeiten, das Lied der Sibylle verkündet;

Neu ist der Ordnung Beginn, die Jahrhunderte rollen von vorne.

Schon kehrt die Jungfrau zurück, es erneuert sich Saturns Herrschaft,

Schon wird ein neues Geschlecht von den Höhen des Himmels gesendet.

Heilige Lucina, steh bei dem Kind, das uns nun wird geboren,

Unter dem dann das eiserne Volk erst stirbt und ein goldenes

Auf der gesamten Welt nun ersteht; es regiert schon dein Apollo.


Unter dem Konsulat dein, o Pollio, glänzt dieser Aufbruch,

Und die erhabenen Monate fangen nun an zu beginnen;

Unter dem Führer, wenn Spuren der Schuld noch bei uns sich erhalten,

Wird uns die Welt von der ewigen Furcht und den Ängsten befreien.

Leben der Götter empfängt dann das Kind, es sieht die Heroen

Mitten im Götterkreis, und auch er wird von ihnen gesehen;

Friedlich regiert er die Welt, wie sein Vater die Tugend bewahrte.


Dir, o Knabe, wird dann die Erde von selbst ihre Gaben

Reichen: der Efeu verwildert, der Beifuß und sprießende Blumen,

Und mit dem lächelnden Akanthus vermengt sich die duftende Lotos.

Selber die Ziegen, das Euter gespannt, bringen Milch zu den Ställen,

Niemals erschrecken die Herden vor Löwen, den mächtigen Tieren;

Selbst die Wiege, sie schenkt dir als Spielzeug die sanftesten Blüten.

Schlangen vergehen und auch das tückische Kraut voll der Gifte;

Überall wächst nun der Balsam aus Assyriens gütigem Boden.


Doch sobald du vermagst, die Taten der Helden zu lesen,

Wisse, was Tugend bedeutet, und was deiner Väter Errungenschaft:

Langsam beginnt sich das Feld mit den Halmen des Goldes zu färben,

An den wilden Dornen da hängt die purpurne Traube,

Und aus der harten Eiche da träufelt der tauende Honig.


Dennoch, ein weniges bleibt noch zurück von der alten Verderbtheit:

Dass man das Meer noch mit Schiffen bezwingt und die Städte ummauert,

Dass man die Erde mit Furchen zerreißt. Es wird einen anderen

Tiphys dann geben, eine Argo, die wieder die Helden befördert;

Kriege wird es noch geben, und wieder wird man bei Troja

Groß den Achilles aussenden, um den erneuten Gefahren zu trotzen.


Wenn dich das Alter dann fest zu dem Manne geformt hat,

Wird der Schiffer das Meer schon verlassen, das Schiff auf den Wellen

Tauscht keine Waren mehr aus; jedes Land trägt nun alles von selber.

Nicht mehr kennt dann der Acker die Hacke, das Messer die Reben;

Selbst der kräftige Pflüger, er spannt nun die Ochsen vom Joche.

Wolle braucht man nicht mehr mit gefälschten Farben zu färben,

Nein, der Widder auf Wiesen, er wechselt das Vlies sich von selber:

Sanft in des Purpurs Rot oder Gelb aus dem Safrane färbt er,

Und die weidenden Lämmer umkleidet von selbst sich der Scharlach.


„Lauft so, Zeiten!“, so sprachen die Parzen, der Führer gewiss sich,

Einstimmig fest durch das Schicksal, das niemals sich wandeln kann.


Auf denn, erklimme die Ehre, die große – die Zeit ist gekommen –,

Liebes Geschlecht der Götter, du großes Gedeihen des Jupiter!

Schau, wie die Welt sich bewegt mit der schwankenden Last ihrer Fülle,

Erden und Weiten der Meere und Himmel, der tief sich erstrecket;

Schau, wie alles sich freut auf die kommende Zeit, die nun anhebt.


O, dass dann noch der letzte der Teile des Lebens mir bliebe,

Atem, so viel wie ich brauche, um deine Taten zu rühmen!

Keiner besiegt mich im Lied, nicht Orpheus, der thrakische Sänger,

Nicht der Linus, auch wenn der Vater und Mutter ihm beistehen,

Orpheus die Kalliope, Linus der schöne Apollo.

Sollte selbst Pan mit mir messen, in Arkadiens Richtern entschieden,

Müsste selbst Pan noch bekennen, besiegt in Arkadiens Urteil.


Fang an, kleines Kind, mit dem Lächeln die Mutter zu grüßen;

Zehn lange Monate brachten der Mutter die Last der Beschwerden.

Fang an, kleines Kind! Wer der Mutter das Lächeln verweigerte,

Den hat kein Gott an den Tisch, keine Göttin zum Bette geladen.



KOMMENTAR


Die vierte Ekloge Vergils nimmt in der Literaturgeschichte eine Sonderstellung ein, da sie bereits in der Spätantike und im Mittelalter von christlichen Autoren als eine messianische Prophetie verstanden wurde. Aus katholischer und christlicher Perspektive wird die Ekloge traditionell im Sinne einer „unbewussten Prophetie“ (praeparatio evangelica) interpretiert. Hier sind die wesentlichen Punkte dieser Deutung: 1. Die christliche Umdeutung (Messianismus) Schon früh sahen Kirchenväter (wie Laktanz oder Augustinus) und später auch christliche Gelehrte im Mittelalter in den Versen eine Vorhersage auf die Geburt Jesu Christi. Das „göttliche Kind“: Die Ankündigung eines Kindes, das ein neues, goldenes Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit einläutet, wurde mit dem neugeborenen Messias identifiziert. Jungfrau und Himmelskind: Formulierungen wie „iam redit et Virgo“ (schon kehrt die Jungfrau zurück – bezogen auf die Sternbild-Jungfrau) wurden christlich auf die Jungfrau Maria bezogen. Das „neue Geschlecht, das vom hohen Himmel gesendet wird“ („nova progenies caelo demittitur alto“) erschien als Anspielung auf die Menschwerdung Gottes. Friedensreich: Die Schilderung des paradiesischen Zustands der Natur (Löwen und Rinder weiden gemeinsam, keine Schlangen mehr) erinnert stark an biblische Verheißungen des messianischen Friedensreiches, etwa bei Jesaja 9, 5-6 oder Jesaja 11, 6-9. 2. Der „christliche“ Vergil: Durch diese Interpretation wurde Vergil im Mittelalter zu einer fast heiligen Figur. Dante Alighieri: In der Göttlichen Komödie wählte Dante Vergil als seinen Führer durch die Hölle und den Läuterungsberg. Dies beruht maßgeblich auf der christlichen Verehrung Vergils als „heidnischem Propheten“. Kaiser Konstantin: In seiner berühmten Rede an die Versammlung der Heiligen nutzte Kaiser Konstantin die vierte Ekloge sogar als Beweis für die göttliche Sendung Christi und argumentierte, dass selbst die heidnische Sibylle und der größte Dichter Roms Christus bezeugt hätten. 3. Historische Einordnung aus heutiger Sicht: Die moderne historische und philologische Forschung betrachtet die Ekloge heute nüchterner: Politischer Kontext: Das Gedicht entstand 40 v. Chr. im Kontext des „Friedens von Brundisium“ zwischen Octavian (Augustus) und Marcus Antonius. Reale Identität: Die meisten Historiker vermuten, dass Vergil die Geburt eines Kindes aus dem Umfeld der Macht erhoffte (etwa das erwartete Kind von Octavia, der Schwester des Augustus, und Marcus Antonius), um die Bürgerkriege endgültig zu beenden. Geistige Tradition: Die Motive des „Goldenen Zeitalters“ waren in der hellenistischen Welt weit verbreitet und dienten der Herrscherverherrlichung. Fazit: Die katholische oder christliche Deutung der vierten Ekloge ist historisch gesehen eine Allegorese – eine Deutung, die eine tiefere, geistliche Wahrheit hinter dem wörtlichen, historischen Text sucht. Auch wenn sie philologisch nicht der ursprünglichen Intention Vergils entspricht, ist sie ein bedeutendes Zeugnis dafür, wie das frühe Christentum die antike Kultur in sein eigenes Weltbild integriert und „getauft“ hat.



EKLOGE V


Menalcas

Mopsus, warum, da wir beide doch trefflich uns finden im Spiele,

Du auf der Flöte so leicht, ich singend die Verse zu bilden,

Säumen wir nicht, und setzen uns hier, wo Hasel das Ulmenlaub deckt?


Mopsus

Du bist der Ältere, dir zu gehorchen, Menalcas, ist Pflicht mir,

Sei’s, dass wir hier in den Schatten der Zephyre wechselnd uns lagern,

Oder die Grotte uns birgt. Sieh, wie die wilde Rebe das Felsdach

Zierlich mit lichtdurchwebten und locker hängenden Trauben umrankt.


Menalcas

Einzig Amyntas im Gebirge vermag mit dir sich zu messen.


Mopsus

Was wohl? Er müsste ja gleich mit Phoebus im Singen sich messen!


Menalcas

Fang du an, Mopsus, zuerst; ob von Phyllis die brennende Liebe,

Oder von Alcon der Ruhm, ob Codrus’ Schmähungen, alles

Gilt dir; fang an, denn Tityrus wird die weidenden Zicklein behüten.


Mopsus

Nein, ich versuche, was neulich ich ritzte in rinden der Buche,

Als ich die Saiten gestimmt und die Takte wechselnd gezeichnet:

Dann magst du sagen, ob auch mein Amyntas bestehen kann darin.


Menalcas

Wie die blasse Olive dem biegsamen Weidenbaum weicht nun,

Wie die bescheidene Pflanze der Narde der purpurnen Rose,

So, nach meinem Urteil, weicht dir der Jüngling Amyntas.

Doch nun schweige, mein Sohn, denn wir sind in die Grotte getreten.


Mopsus

„Als durch den grausamen Tod die Nymphen Daphnis beweinten

(Zeugen seid ihr, o Haselsträucher und Flüsse der Nymphen),

Nahm die Mutter den Leib ihres Sohnes, den bitter beklagten,

Rief zu den Sternen empor und zu Göttern in namenlosem Jammer.

Niemand trieb wohl damals die Rinder zum kühlenden Wasser,

Daphnis, o Daphnis, kein Tier aus der Herde berührte den Bachlauf,

Keines die Weide. Es sagen, o Daphnis, selbst die Löwen der Libyer,

Jammernd um deinen Tod, die Wälder und wilden Gebirge.

Daphnis, er war es, der lehrte, die armenischen Tiger zu zügeln,

Daphnis, er führte den Tanz zu den Feiern des Bacchus ein, pflanzte

Weiche Ranken der Reben um Speere aus biegsamem Holze.

Wie für den Baum die Rebe Zier ist, wie Trauben der Rebe,

Stiere der Herde, wie Ähren den fruchtbaren Feldern die Ehre,

So warst du Schmuck für die Deinen. Doch als dich das Schicksal uns nahm,

Selbst Pales verließ uns die Flur, und Apollo entwich uns.

Wo wir die großen Saaten oft in die Furchen gestreut,

Wächst nun Unkraut und wertlose Hafer; statt Veilchen und statt der

Purpurnen Narzissen sprießen Disteln und scharfer Paliurus.

Streuet nun Blumen auf Erden, o Hirten, verschattet die Quellen,

(Daphnis befahl es als Letztes), errichtet ein Grabmal, und darauf

Meißelt das Lied: Ich bin Daphnis, bekannt in den Wäldern bis hinauf

Zu den Gestirnen, der Hüter der schönen Herde, selbst schöner.“


Menalcas

Dein Gesang, o göttlicher Dichter, ist mir so wonnig,

Wie auf dem Rasen der Schlaf dem Ermüdeten, wie in der Hitze

Süßes Wasser, das sprudelnd aus Quellen den Durst uns stillt.

Nicht nur auf Flöten, auch mit der Stimme bist du der Meister;

Glücklicher Junge, du bist nun der Nachfolger des großen Sängers.

Dennoch, so gut ich es kann, will ich dir nun antworten im Wechsel,

Daphnis erheben zu Sternen; zu Sternen werd’ ich ihn tragen,

Denn auch Daphnis hat uns, den Hirten, in Liebe gehalten.


Mopsus

Gibt es für mich wohl ein größeres Glück als ein solches Geschenk?

Daphnis war selbst schon wert, besungen zu werden, und Stimichon

Rühmte mir längst schon diese Lieder, die du mir nun schenkst.


Menalcas

„Daphnis bewundert nun strahlend die fremde Schwelle des Himmels,

Sieht unter sich nun die Wolken und Sterne des Firmaments glänzen.

Darum erfasst helle Lust nun die Wälder und alle Gefilde,

Pan und die Hirten, die Dryadenmädchen im festlichen Reigen.

Wölfe planen kein Unheil der Herde, kein Netz ist den Hirten

Tücke, denn Daphnis, der Gute, liebt nun die Ruhe des Friedens.

Selbst die ungebändigten Berge jauchzen ihr Lied zu den Sternen,

Felsen singen nun Lieder, die Sträucher hallen es wider:

‚Gott, er ist Gott, o Menalcas!‘ Sei gnädig und glücklich den Deinen!

Sieh, hier vier Altäre: Zwei dir, o Daphnis, und zwei dann für Phoebus.

Jedes Jahr bring’ ich dir zwei Schalen mit schäumender Milch,

Zwei Becher voll mit dem Öl des Ölbaums als Opfergabe,

Und, das Mahl uns erheitert, mit reichlich Bacchus den Becher,

Vor dem Herd in der Kälte, im Schatten, wenn Sommer die Ernte

Bringt, will ich gießen den Wein, den Nektar aus Ariusia.

Damoetas wird mir singen und Aegon aus Lyktos dazu,

Alphesiboeus wird tanzende Satyrn nachahmend uns zeigen.

Dies soll stets dein sein, wenn wir feierlich opfern den Nymphen,

Oder wenn wir umkreisen die Felder. Solange der Eber die Berge,

Fische die Ströme noch lieben, solange die Bienen den Thymian,

Zikaden den Tau, soll dein Name und Ruhm uns verbleiben.

Wie dem Bacchus und Ceres, so wird man auch dir jährlich opfern,

Und du wirst fordern den Dank, wenn man bittend dir Opfer darbringt.“


Mopsus

Welchen Dank, o Menalcas, soll ich dir für solch einen Gesang

Geben? Denn weder das Rauschen des Südwinds, der kommend uns grüßt,

Noch das Schlagen der Wellen am Strand, noch die Bäche, die rauschend

Durch die steinigen Täler sich winden, kann so mich erfreuen.


Menalcas

Dir zum Geschenk will ich vorab diese Schilf-Flöte geben:

Sie hat „Corydon glühte in Liebe zu schönem Alexis“ gelehrt,

Und sie lehrte mich auch: „Wessen Herde? Ist’s wohl des Meliboeus?“


Mopsus

Nimm du den Hirtenstab hier, den Antigenes mir nicht nahm,

Obwohl ich ihn oft drum bat (und er war damals der Liebe wohl wert),

Schön mit den gleichen Knoten und Messing beschlagen, Menalcas.



EKLOGE VI


Zuerst durfte mein Lied auf syrakusanische Weise

Scherzen, und nicht hat Thalia geschämt sich, die Wälder zu bewohnen.

Als ich von Königen sang und von Schlachten, da zupfte am Ohre

Mich der kymische Gott und ermahnte: „Den Hirten, o Tityrus,

Zieht es, die Schafe zu mästen, die fetten, doch fein sei das Sanges.“

Nun will ich (denn es gibt ja genug, die in Liedern dein Loblied,

Varus, besingen und künden von grausamen Schlachten der Kriege)

Auf dem bescheidenen Rohre die ländliche Muse nur üben.

Nicht ungeheißen ertön’ ich. Wenn einer, von Liebe berücket,

Diese mein Lied auch liest, dann werden die Tamarisken,

Varus, und jeder der Haine dich preisen; denn keiner ist Phöbus

Lieber als jene, die Varus’ Namen am Anfang benennet.


Auf nun, Pierinnen! Chromis und Mnasylus, Jünglinge, sahen,

Wie in der Grotte Silen lag schlafend und ruhend vom Rausche,

Wie er noch immer, den Bauch von gestrigem Iacchus geschwellt hat;

Fernauf lagen die Kränze, vom Haupte herab ihm gefallen,

Und der Becher an schwerem, abgegriffenem Henkel noch baumelte.

Schlau, da der Alte die beiden mit Hoffnung auf Lieder schon öfter

Hatte getäuscht, so legten sie ihm nun Fesseln aus Kränzen.

Aegle gesellte sich zu ihnen, sie naht den Ängstlichen helfend,

Aegle, die schönste der Nymphen, und malt ihm die Stirn und die Schläfen

Grade, da er schon erwacht, mit blutroten Beeren der Brombeer’.

Jener lacht über den Trug: „Was legt ihr mir Fesseln an?“, spricht er.

„Löset mich, Knaben; es reicht, dass ihr Anschein der Macht nun erlangtet.

Lieder, die ihr begehrt, sollt ihr hören; das Lied sei für euch euch,

Ihr, ein Lohn für sie eine.“ Dann hebt er zu singen an selber.


Da konntest du schauen, wie Faune und wildes Getier im Takte

Tanzten, wie fest auch die Eichen ihre Wipfel in Lüfte bewegten.

Nicht so sehr freut sich der Fels am Parnass über Phöbus, noch staunen

Ismarus oder der Rhodope so über die Lieder des Orpheus.

Denn er sang, wie im großen, leeren Raume zusammen

Samen der Erde und Fluten und Lüfte und flüssiges Feuer

Waren gefügt; wie aus diesen Elementen der Anfang von allem,

Wie auch der zarte Kreis der Welt sich zusammengeballt hat;

Dass dann der Boden erhärtet’, im Meer die Nereus sich trennten,

Dass nach und nach die Dinge die mannigfaltigen Formen annahmen;

Wie dann die Erde erstaunt über neu aufleuchtende Sonne,

Dass aus den ferneren Wolken die Regengüsse herniedersinken,

Wann erst die Wälder zu sprießen begannen und durch die unbekannten

Berge die raren Tiere auf einsamen Wegen sich irren.


Dann kündet er an den Wurf der Steine durch Pyrrha, das Reich des

Saturn, den Kaukasusvogel und Raub des Prometheus dazu noch.

Fügt hinzu, wo die Matrosen den Hylas im Brunnen gelassen,

Nach ihm gerufen, wie „Hylas! O Hylas!“ der Strand ganz erschallte.

Dann tröstet er Pasiphae, glücklich, wenn nie erst die Herden

Wären gewesen, mit Liebe zum schneeweißen Stiere der Königin.

Ach, unselige Jungfrau! Welch Wahnsinn hat dich befallen!

Töchter des Proetus füllten mit falschem Muhen die Äcker;

Doch war keine so schändlich, dass sie der Tiere Vermählung

Hätte begehrt, auch wenn sie den Pflug auf dem Nacken gefürchtet

Oft, und am glatten Gesicht nach Hörnern vergeblich getastet.

Ach, unselige Jungfrau, du irrst nun auf Bergen umher jetzt;

Er aber, die schneeweiße Seite gestützt auf den weichen Hyazinth,

Unter der dunklen Steineiche wiederkäut er die Gräser,

Oder er sucht im großen Gefolge eine der Andern.

„Schließet die Nymphen, ihr diktäischen Nymphen, die Schluchten der Wälder,

Falls sich vielleicht ein Anblick der irrenden Spuren der Färse

Zeigen sollte den Augen; vielleicht führt sie, gelockt durch das saftige

Grün oder folgend der Herde, irgendeine der Kühe

Hin zu den Ställen von Gortyn.“


Dann singt er vom Mädchen, das staunt über Äpfel der Hesperiden;

Dann umwindet er Phäthons Schwestern mit bitterer Rinde,

Lässt die erhabenen Erlen emporwachsen auf dem Boden.

Dann singt er, wie Gallus, der wanderte an den Wassern des Permessus,

Von einer der Schwestern geführt in das Aoniengebirge,

Wie sich der ganze Chor des Phöbus erhob vor dem Manne;

Wie ihm Linus, der Hirt mit dem göttlichen Lied, der die Haare

Schmückte mit Blumen und bitterem Eppich, so sprach einst:

„Hier, die Musen, sie geben dir diese Rohre, nimm hin sie,

Die einst der Greis von Askra besaß; mit denen er pflegte

Singend die starren Eschen von Berggipfeln zu locken.

Durch diese sollst du besingen den Ursprung des Hains von Grynium,

Dass kein Hain sei, in welchem Apollo sich stolzerer Weise

Rühmen könnte.“


Was soll ich von Scylla, der Tochter des Nisus, berichten,

Wie die Sage erzählt, dass sie, an den Lenden umgürtet

Mit den bellenden Ungeheuern, die dulichischen Schiffe

Quälte und mitten im Strudel die zitternden Seefahrer, ach, doch

Hatte zerfleischt mit den Hunden des Meeres? Oder von Tereus’

Wandlung der Glieder erzählet’, und welche Speise die Mutter,

Welche Geschenke ihm Philomela bereitet, mit welchem Geschwindmaß

Sie in die Wüste geflohen und auf welchen Schwingen sie vordem

Über das eigene Haus, das unglückliche, kreisend geflogen?


Alles, was Phöbus einst, als er übte, mit Wonne der Eurotas

Hörte und hieß die Lorbeeren lernen, singt nun der Alte

(Widerhall geben die Täler zu Sternen), bis dann er die Schafe

Treiben zu Ställen befahl und die Zahl zu verzeichnen, und langsam,

Da er es nicht wollte, am Olymp der Vesper heranzog.



EKLOGE VII


Daphnis saß einst unter grünender Eiche, wo raunend der Wind weht;

Corydon kam mit dem Thyrsis herbei, sie vereinten die Herden:

Thyrsis die Schafe, doch Corydon brachte die milchprallen Ziegen.

Beide, sie blühten im Lenz ihrer Jugend, arkadische Hirten,

kundig im Sang und bereit, sich im Wechsel der Verse zu messen.


Hier nun, da ich die zarten Myrthen vor Frost noch bewahrte,

hatte der Bock sich verirrt, mein Leitbock; da sah ich den Daphnis.

Jener, sobald er mich kommen erblickte: „O eile doch herwärts,

Meliboeus“, rief er, „die Ziegen sind sicher, die Lämmer;

hast du ein Weilchen Zeit, so ruhe im Schatten des Baumes.

Hierhin kommen die Rinder von selbst, um am Strome zu trinken;

grünend umhegt hier Mincius das Ufer mit schilfigem Halme,

tönend summen die Bienen herab von der heiligen Eiche.“


Was doch blieb mir zu tun? Alcippe war fern, auch Phyllis,

niemand, der daheim meine Lämmer im Gatter verschlösse;

doch ein Wettstreit, so groß, bahnte sich an zwischen Thyrsis und Corydon.

Gern ließ ich meine Geschäfte und wählte das Spiel der Gesänge.

Beide begannen sodann, im Wechsel die Verse zu bilden,

denn die Musen wollten, dass man sie in Paaren besänge.

Corydon legte voran, und der Thyrsis erwiderte reihum.


Corydon

Nymphen, mein Lieben, ihr Libethriden, gewährt mir ein Lied nun,

gleich dem, das Codrus mir sang (seine Verse sind denen des Phoebus

nächste an Kraft); oder wenn uns dies nicht gelingt, so soll meine Flöte

hier an der heiligen Fichte, der tönenden, schweigend verrosten.


Thyrsis

Hirten, bekränzt doch den jungen Poeten mit Efeu, ihr Arkader,

dass nur Codrus vor Neid sich die Eingeweide zerreißt hier;

oder, wenn er zu sehr mich lobt, so umschlingt mir die Stirne

mit dem Baccaris-Kraut, dass kein Fluch mir den Dichtergeist trübe.


Corydon

Diesen behaarten Kopf eines Ebers, o Delia, reich’ ich,

klein auch die Zweige, die Micon mir bot, vom geweihten Hirsche.

Wenn dies Glück mir beständig bleibt, so sollst du aus Marmor

ganz hier stehen, die Waden mit purpurnem Stiefel umschlungen.


Thyrsis

Milch und den Kuchen, o Priapus, darfst du jährlich erwarten:

Du bist der Hüter des ärmlichen Gartens, der dürftigen Beete.

Jetzt noch aus Marmor hab’ ich dich geformt; doch wenn uns die Herde

künftig durch Nachwuchs vermehrt, so sollst du aus Golde nun glänzen.


Corydon

Galatea, du Tochter des Meergotts, süßer als Thymian Hyblas,

weißer als Schwäne, schöner als Efeu, der bleiche, dem Lichte,

wenn nun die Rinder, die satt sind, den Weg zu den Ställen zurückfinden:

Wenn auch ein Funken Liebe für deinen Corydon glühet, so komm her!


Thyrsis

Möcht’ ich doch bitterer dir als das Sardische Kraut nun erscheinen,

hässlicher als der Ruscus, der Halde entstammender Seetang,

wenn mir der heutige Tag nicht länger als Jahre nun dünket.

Geht doch nach Hause, ihr satten Rinder, wenn Scham euch noch leitet.


Corydon

Quellen, mit Moos umwunden, und Gräser, die weicher als Schlaf sind,

und ihr, die ihr mit lichtem Gezweig uns den Erdbeerbaum schirmt hier,

wehrt nun der Herde die Glut: Schon naht uns der Sommer, der heiße,

schwellend am Rebstocke bricht nun die Knospe mit langsamem Drange.


Thyrsis

Hier ist der Herd und das harzige Holz, hier wärmt uns das Feuer

immer, und schwarz von dem ewigen Ruß sind die Pfosten der Hütten;

hier achten wir auf die Kälte des Boreas wenig, so wenig,

wie Wölfe die Zahl ihrer Schafe oder der Strom seine Ufer.


Corydon

Wacholder stehen und struppige Kastanienbäume beisammen;

unter den Zweigen liegen die Früchte, ein jeder am Boden;

Alles nun lächelt: Doch wenn uns der schöne Alexis entfliehet,

sähest du selbst die Flüsse hier trocken, die Bäche des Landes.


Thyrsis

Dürr ist der Acker, die Saat verdurstet in sterbendem Boden;

Bacchus verwehrt den Hügeln den Schatten der rankenden Reben:

Doch bei der Ankunft der Phyllis wird ringsum das Gehölz wieder grünen,

Jupiter selbst wird sich gießen in reichlich erquickendem Regen.


Corydon

Pappel ist lieb dem Alcides, die Rebe dem Iacchus gewogen,

Myrte der schönen Venus, und Phoebus verehrt seine Lorbeer;

Phyllis liebt Haseln; solange die Phyllis die Haseln uns liebet,

wird weder Myrte noch Lorbeer die Haseln an Schönheit besiegen.


Thyrsis

Esche ist schön im Walde, die Pinie prangt in den Gärten,

Pappel am Strome der Flüsse, die Tanne auf felsigen Bergen:

Doch wenn du, schöner Lycidas, oft mich besuchen wirst kommen,

wird Esche im Wald und die Pinie im Garten vor dir nur erblassen.


Meliboeus

Dies ist es, was ich vernahm, wie Thyrsis verlor und vergeblich

rang um den Preis. Von jener Zeit an ist Corydon unser.



EKLOGE VIII


Singen wir Musen der Hirten, von Damon und Alphesiboeus,

Denen die weidenden Rinder im Grase vergessend zu grasen

Starrten, und denen die Luchse, vom Liede gebändigt, erstarrten,

Ja, sogar Flüsse, die sich wandten, den Lauf nun hemmten –

Singen wir Musen der Hirten, von Damon und Alphesiboeus.


Du, ob du nun an den Felsen des großen Timavus entlangziehst,

Oder die Küste entlang des illyrischen Meeres nun gleitest,

Wird denn jemals der Tag uns erscheinen, an dem ich dein Handeln

Preisen darf? Wird der Tag mir erscheinen, die Lieder zu künden,

Die, dem Sophokles gleich, allein nun den Buskin verdienen?

Bei dir fing es an, bei dir wird es enden; empfange die Lieder,

Die ich auf deinen Befehl nun begann, und lass diesen Efeu

Sich um die Schläfen dir winden, inmitten des siegreichen Lorbeers.


Kaum war des nächtlichen Himmels erfrischender Schatten entwichen,

Als auf dem zarten Gefild, das den Tieren so lieblich geworden,

Damon, gelehnt an den Stamm des geschmeidigen Ölbaums, begann so:


„Werde doch, Lucifer, komm, und führe den leuchtenden Tag her,

Während ich, täuschend betrogen durch Nysas unwürdige Liebe,

Klage und – obgleich das Zeugnis der Götter mir wenig genützet –

Dennoch zur letzten Stunde die Götter im Sterben noch anruf‘.“


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


Maenalus hält stets tönende Haine und flüsternde Fichten;

Stets lauscht er Hirten, die lieben, und Pan, der die Flöte erfand erst,

Er, der den Rohren das Schweigen verbot, die sonst träge geblieben.


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


Nysa wird Mopsus gegeben – was hoffen wir Liebende nimmer?

Bald schon verbinden sich Greifen mit Rossen, und kommende Zeiten

Sehen das scheue Reh mit den Hunden gemeinsam am Quell trinken.


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


Mopsus, schneide die Fackeln, es wird dir die Braut schon gebracht nun;

Streue die Nüsse, Bräutigam, Hesperus lässt nun Oeta.


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


O, dem würdigen Gatten vermählt, da du alle verachtest,

Da dir mein Flötenspiel verhasst ist, da dir die Ziegen,

Da die struppige Braue und auch der gewachsene Bart sind –

Glaubst du doch nicht, dass die Götter um Sterbliche irgend sich sorgen!


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


In unseren Zäunen sah ich dich einst, als du Äpfel, benetzt noch

Vom Morgentau, sammeltest – ich war der Führer der Gruppe –

Elf Jahre waren vergangen, das zwölfte begann mir zu blühen;

Schon konnte ich von der Erde herauf die Zweige erreichen:

Wie ich dich sah, wie ich verging, wie mich böser Irrtum verblendete!


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


Nun erst verstehe ich Amor; auf hartem Gestein in den Bergen

Tmaros, Rhodope oder die fernsten Garamanten gebaren

Ihn – kein Kind unsres Stammes, und nicht aus unserem Blute.


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


Amor lehrte die Mutter mit Blut ihrer Kinder die Hände

Färben; o grausame Mutter! War grausamer sie, oder jener

Freche Knabe? Der freche Knabe; du, Mutter, warst grausam.


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


Nun mag die Wölfin den Schafen entfliehen; die Eiche mag goldne

Äpfel nun tragen, die Erle mag blühen in Narzissenpracht nun;

Aus der Rinde der Tamarisken mag fettiger Bernstein nun tropfen;

Eulen, sie sollen die Schwäne besiegen, Tityrus sei nun

Orpheus, Orpheus im Walde, wie einst Arion bei Delphinen.


„Fangt, meine Flöte, nun an, das Maenalius-Lied mir zu singen.“


Alles mag mitten im Meere versinken. Lebt wohl, ihr Wälder!

Stürzen will ich mich jäh von der luftigen Klippe der Berge

In die Fluten hinab – nimm dies letzte Geschenk des Sterbenden.“


„Schweig nun, Flöte, verstumme, des Maenalius-Liedes, verstumme!“


Damon sprach so. Was aber darauf Alphesiboeus erwiderte,

Singt mir, ihr Pieriden; nicht alles vermögen wir alle.


„Trag das Wasser hervor, und umwinde den Altar mit Wolle,

Verbrenne den fetten Weihrauch und auch den männlichen Räucher –

Dass ich versuche, durch Zauber die Sinne des Gatten zu wenden;

Nichts fehlt hier außer den Liedern.“


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Lieder vermögen sogar den Mond vom Himmel zu ziehen;

Circe verwandelte einst durch Zauber die Freunde des Odysseus;

Kalt in den Wiesen, vom Sang, da berstet die Schlange im Grase.


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Dreifache Fäden, verschieden in dreifacher Farbe, umwickle

Ich dir nun, dreimal um diesen Altar dann führe ich dein Bildnis:

Götter erfreuen sich stets an der ungeraden der Zahlen.


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Knote drei Knoten, Amaryllis, mit dreifacher Farbe;

Knote sie, Amaryllis, und sprich: ‚Die Bande der Venus knüpf‘ ich.‘


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Wie dieser Lehm nun erhärtet und wie dieses Wachs hier zerrinnt nun,

Durch ein und dasselbe Feuer – so Daphnis durch meine Liebe.

Streue das Mehl auf, und verbrenne den spröden Lorbeer mit Pech jetzt.

Daphnis, der Böse, verzehrt mich; ich verbrenne den Lorbeer für Daphnis.


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Solche Liebe erfasse den Daphnis, wie wenn eine Färse,

Müde vom Suchen des Stiers durch Wälder und hohe Gehölze,

Nahe dem Flusslauf im grünen Schilf dann niedergebrochen,

Hilflos daliegt und nicht an die späte Nacht mehr gedenkt nun –

Solche Liebe erfasse ihn, und nicht mag ich ihn heilen.


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Diese Gewänder ließ einst der Treulose mir als Unterpfand dort,

Teure Pfänder von sich, die ich nun auf der Schwelle der Haustür,

Erde, dir übergebe; dies Pfand schuldet mir Daphnis.


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Diese Kräuter und Gifte, die Moeris mir selber aus Pontus

Mitbrachte – dort wachsen so viele – gab er mir selber;

Oft sah ich ihn, wie er sich in Wölfe verwandelte, wie er

Sich in den Wäldern verbarg, wie er Seelen aus Gräbern hervorrief,

Und wie er Saaten von einem Feld auf ein anderes lenkte.


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Trag die Asche, Amaryllis, hinaus, wirf sie über den Kopf weg

In den strömenden Fluss, und blicke nicht um. Damit will ich

Daphnis nun zwingen; er achtet der Götter nicht, nicht der Lieder.


„Bringet aus Stadt ihn heim, meine Lieder, bringet mir Daphnis.“


Sieh nur: Die Asche, sie fasste von selbst mit zitternden Flammen

Auf dem Altar nun Feuer, als ich zögerte, sie wegzutragen!

Gutes geschehe! Es ist etwas da, und Hylax bellt an der Schwelle.

Darf ich es glauben? Oder erfinden Liebende Träume sich selber?


„Hört auf, meine Lieder, es kommt aus der Stadt schon Daphnis.“




EKLOGE IX


Lycidas:

Wohin gehst du, mein Moeris? Verfolgt dich der Weg in die Stadt nun?


Moeris:

Lycidas, ach! Wir erlebten das Schlimmste: Ein Fremder, ein Neuer,

Herr des geachteten Feldes, rief uns – was wir niemals fürchteten – höhnisch:

„Dies ist mein Grund! Ihr alten Besitzer, nun räumt mir das Weite!“

Schlagen, betrübt und besiegt – denn das Schicksal wendet ja alles –

Bring’ ich ihm diese Zicklein (möge das Glück ihn dabei doch verlassen!).


Lycidas:

Wahrlich, ich hatte vernommen, wo dort sich die Hügel entheben,

sanft ihren Rücken herab zu den Tiefen des Tales nun neigen,

bis hin zum Wasser, zu jenen zerbrochenen Wipfeln der Buchen,

habe Menalcas durch Lieder das Ganze für euch noch gerettet.


Moeris:

Davon hast du gehört, und so ging auch das Gerede. Doch Lieder

haben in Zeiten des Mars, mein Lycidas, ähnliche Macht nur,

wie man bei kreisenden Adlern die wehrlosen Tauben wohl preist.

Hätte mich nicht eine Krähe, die links aus dem hohlen Gestein krächzt,

früh vor dem Hader gewarnt, der auf jede Weise mich traf,

wäre Menalcas, dein Freund, wohl verloren – und Moeris nicht unter.


Lycidas:

Weh! Ist ein solches Verbrechen bei Menschen wohl möglich? Menalcas,

fast wären mit dir uns auch deine Tröstungen gänzlich genommen!

Wer sänge sonst von den Nymphen? Wer streute die blühenden Kräuter

über den Boden, wer zöge den Quell in den grünen Schatten?

Oder die Lieder, die heimlich ich neulich von dir mir entwendete,

als du zur Amaryllis, der Wonne, dich eilend begeben?

„Tityrus, hüte mein Zicklein, bis ich nun zurücke, der Weg kurz;

tränke sie, treib sie zum Wasser, und achte beim Treiben besonders:

Hüte dich vor dem Ziegenbock – denn er stößt mit den Hörnern!“


Moeris:

Nein, doch das Lied, das für Varus er schrieb, noch unvollendet geblieben:

„Varus, dein Name soll – wenn uns Mantua glücklich nur bliebe,

Mantua, ach, die der nahen Cremona so grausam verfallen –

hoch zu den Sternen empor von den schwanengleichen Sängern getragen.“


Lycidas:

Mögen die Bienen dir fern von den giftigen Taxusgewächsen

bleiben, die Euter der Kühe vom Klee sich prall dir entfalten!

Fang nur an, hast du noch etwas? Auch mich haben Musen gedichtet;

auch ich besitze Gesänge; auch mich nennen Hirten den Seher –

doch ich glaube den Reden nur schwer; denn noch schein ich dem Varius

oder dem Cinna nicht würdig, ich schnattere nur wie die Gans dort,

wo sich die schwanengleichen Sänger im Wettbewerbe sich messen.


Moeris:

Das schon versuch ich, und schweigsam beweg ich es, Lycidas, innig,

ob ich mich wohl noch erinnere; nicht ist das Lied ja geringe:

„Komm her, o Galatea: Welch Spiel ist wohl hier in den Wogen?

Hier ist der blühende Frühling; hier gießt sich um Flüsse die Erde

reich in verschiedensten Blumen; hier neigt sich die weiße Pappel

über die Höhle, und Reben, die trägen, verweben den Schatten.

Komm her; lass doch die Wogen dort draußen am Ufer nur toben.“


Lycidas:

Was war das Lied, das ich neulich bei klaren Nächten dich singen

hörte? Ich kenne die Rhythmen, wenn nur mir die Worte noch blieben:

„Daphnis, weshalb du so starr die alten Gestirne betrachtest?

Siehe, des Caesars Gestirn, das dionäische, ist nun erstanden,

jenes, das Freude den Feldern mit reicher Ernte verheißt nun,

jenes, das Farbe der Traube auf sonnigen Hügeln verleiht nun.

Pflanze die Birnen, o Daphnis; die Enkel werden sie ernten.“


Moeris:

Alles entführt uns das Alter, auch Geist; ich entsinne mich lange,

als ich als Knabe die Sonnen mit Singen im Westen begrub nur:

Nun sind die Lieder entfallen, auch Stimme entflieht mir, o Moeris,

schon, denn die Wölfe sahen mich zuerst. Doch Menalcas wird vieles

sicher dir später erneut, wenn wir ihn treffen, bestimmt wohl erzählen.


Lycidas:

Stets mit dem Zögern nur hältst du mein Sehnen nun lange zurücke.

Siehe, das Meer liegt in Ruhe, und all die bebenden Lüfte,

spürst du es, sind nun verstummt; das Flüstern der Winde ist nieder.

Hier ist die Mitte des Weges; schon fängt das Grab des Bianor

an uns zu zeigen. Hier, wo der Bauer die Zweige noch bündelt,

hier, lass uns singen, mein Moeris! Leg ab deine Last, wir gelangen

dennoch zur Stadt. Oder fürchtest du, dass uns der Regen am Abend

früher noch überfällt? Singend lässt sich der Weg doch verkürzen;

dass wir beim Singen nun wandern, ich will dir die Bürde dort abnehmen.


Moeris:

Lass es, mein Knabe, das Reden; was jetzt uns bedrängt, das vollenden.

Lieder erklingen sodann, wenn er selbst uns begegnet, erst besser.



EKLOGE X


Arethusa, gewähre mir noch diesen letzten der Kämpfe:

Wenige Lieder für Gallus, doch solche, die selbst die Lycoris

Lesen mag; wer könnte wohl Lieder dem Gallus verweigern?

So möge dir, wenn du unter den Wogen Siziliens gleitest,

Niemals die bittere Doris ihr Wasser mit deinem vermischen.

Fang an; lass uns besingen den Gram und die Liebe des Gallus,

Während die zierlichen Ziegen an zarten Sträuchern nun knabbern.

Nicht vor Tauben erklingt es; es antworten jegliche Wälder.

Welche Gehölze, ihr Nymphen, und welche der Haine verbargen

Euch, als Gallus verschmachtete, krank vor unseliger Liebe?

Denn nicht hielten euch auf die Höhen des Parnassus, noch Pindus,

Nicht die Aonier-Quelle noch Aganippe, die heilige.

Ihn beweinten die Lorbeern, die Myrthen beweinten ihn bitter;

Ihn, der unter dem Felsen allein und verlassen dort ruhte,

Weinten die Pinien-Berge von Maenalus, Felsen des Lycaeus.


Rings auch stehen die Schafe (sie schämen sich nicht um den Hirten,

Schäme dich nicht um die Herde, du göttlicher Dichter, auch du nicht;

Schön war Adonis, als er am Fluss seine Schafe geweidet).

Hirten kamen heran, es nahten die langsamen Treiber;

Nass von den Eicheln des Winters kam Menalcas aus waldbedecktem Pfad.

Alle sie fragen: „Woher stammt diese Liebe bei dir?“ Doch Apollo

Kam und sprach: „Warum tobst du, mein Gallus? Die dich so quälte,

Deine Lycoris, sie folgt nun einem anderen durch Schnee dort,

Durch die starren Lager und mitten durch feindliche Heere.“

Silvanus kam auch, mit dem ländlichen Schmuck seines Hauptes,

Schüttelnd die blühenden Ruten und Lilien, große und weiße.

Pan, der Gott von Arkadien, kam, den wir selber dort sahen,

Rot von den Beeren des Holunders, rot von der scharlachnen Farbe:

„Nimmt das ein Ende?“ so sprach er, „die Liebe kümmert sich wenig

Um unser Weinen; nicht sättigt der Amor sich je an den Tränen,

So wenig wie Bienen an Klee, wie die Ziegen an frischem Gebüsch wohl.“


Traurig sprach jener: „Doch werdet ihr singen, ihr Arkader, dennoch,

Davon auf euren Bergen; ihr seid nur zu singen geschult dort,

Arkader. O wie sanft würden meine Gebeine dann ruhen,

Wenn mir dereinst eure Flöte von meiner Liebe wohl sänge!

Wäre ich doch einer von euch, wäre ich unter euch gewesen,

Wächter der Herde vielleicht oder Winzer der reifenden Traube!

Sicherlich – ob mir Phyllis, ob Amyntas der Liebe geschenkt wär’,

Oder wer immer die Leidenschaft weckt (was gilt mir die Schwärze?

Schwarz sind auch Veilchen wohl, und schwarz sind die Beeren der Heide) —

Bei mir lägen sie dann, unter Weiden, im Schatten der Reben:

Phyllis, sie flöchte mir Kränze, und singen würde Amyntas.

„Hier sind kühlende Quellen, hier Wiesen, Lycoris, so weich auch;

Hier ist der Wald; hier verginge mein Leben in deinem Beisein.

Doch nun hält mich der Wahnsinn, im Dienste des harten Mars, mitten

Unter den Waffen der Feinde, vor dem Gesicht der Geschosse.

Du, fern der Heimat (o dürft’ ich es glauben, das ferne Geschick nicht),

Siehst nun, Grausame, du, die Alpen, den Schnee und das Eis wohl

An dem Rhein ohne mich. O mögen die Kälten dich schonen!

O möge scharfes Eis deine zarten Füße nicht ritzen!

Ich will gehen und Lieder, die einst ich in chalkidisch’ Verse

Fasste, auf Hirtenflöten, der sizilischen, nunmehr modulieren.

Fest steht mein Entschluss: In den Wäldern, in Höhlen der Bestien,

Lieber zu dulden das Leid und die Liebe zu ritzen in junge

Bäume: Sie werden wachsen, und mit ihnen wächst meine Liebe.

Unterdessen durchstreif’ ich mit Nymphen das Maenalus-Gebirge,

Oder ich jage die Eber; kein Frost wird mich jemals abhalten,

Parthenios-Höhen mit Hunden zu umstellen in jagender Eile.

Schon nun glaub’ ich, durch Felsen zu schreiten, durch hallende Haine;

Gerne entsende ich Pfeile, parthisch, vom Bogen aus Kydon;

Ob das wohl Hilfe mir brächte, ein Mittel gegen das Leiden,

Oder der Gott selbst lerne, der Menschen Schmerzen zu lindern!

Doch nun finden Hamadryaden und Lieder selbst keinen Trost mehr;

Selbst ihr, Wälder, weicht nun. Nicht können meine Beschwerden

Ihn jemals ändern, nicht wenn wir im eisigen Winter den Hebros

Trinken und Sithonias Schnee in den Wassern des Winters ertragen,

Oder wenn unter der Sonne des Krebses, wo sterbend die Rinde

An der Ulme vertrocknet, wir schüfen der Äthiopier Herden.

Alles besiegt die Liebe: Auch wir, lass uns beugen der Liebe.“


Dies soll genügen, ihr Göttinnen, eurem Dichter zu singen,

Während er sitzt und das Körbchen aus zierlichem Bast sich nun flechtet,

Pieridinnen: Ihr werdet dies Großes für Gallus nun machen,

Gallus, für den meine Liebe von Stunde zu Stunde nur wächst noch,

So wie im neuen Frühling die grüne Erle emporstrebt.

Lasst uns nun gehen: Oft ist der Schatten für Sänger beschwerlich,

Schädlich der Schatten des Wacholders; auch der Frucht schadet Schatten.

Geht nun heim, meine satten, der Abendstern naht, geht, ihr Ziegen.