VON TORSTEN SCHWANKE
I
Am Vierwaldstätter See, so weit,
Da herrscht des Vogts Gereiztheit Leid.
Der Fischer singt am Uferrand,
Vom Sturm, der droht dem jungen Land.
Der Knabe ruft: „Da kommt ein Mann,
Der rennt so schnell er eben kann!“
Baumgarten stürzt zum Ufer her,
Er floh dem Vogt übers wilde Meer.
„Bring mich hinüber!“, fleht er laut,
Weil er dem Vogt sein Leben traut.
Der Fischer zögert, hat noch Scheu,
Doch Tell kommt an, steht fest und treu.
„Ich fahre dich!“, ruft Tell entschlossen,
„Denn Gott hat Gnade oft ergossen.“
Der Vogt, er naht mit seinem Heer,
Doch Tell ist längst auf dem wilden Meer.
Er lenkt den Kahn mit sich’rer Hand,
Und rettet ihn zum sichern Land.
Der Fischer sieht dem Boot nun nach,
Und klagt über das Unheil wach.
Denn rauer wird nun aller Stand,
Im schönen, freien Schweizerland.
Der Vogt, er kennt kein Maß noch Ziel,
Und treibt mit uns ein böses Spiel.
II
In Stauffachers Haus, das fest und reich,
Der Gattin Wort gleicht einem Streich.
Er sitzt und grübelt, voller Last,
Weil ihn des Vogts Gebot erfasst.
Die Gertrud mahnt: „Was hast du Sinn?
Ist denn der Mut dir schon dahin?“
Sie spricht vom Druck, der schwer auf liegt,
Wie Gessler stets das Volk besiegt.
„Die Freiheit ist ein hohes Gut,
Doch braucht man dafür festen Mut!
Was willst du dulden, frag ich dich,
Ist Schande nicht das Schicksal für mich?“
Stauffacher hört der Gattin Rat,
Er sieht die Not und auch die Tat.
„Das Schwyzer Volk, es hält zusammen,
Wir schüren nun der Freiheit Flammen.
Zum Rütli will ich, klug und still,
Wo man das Recht erstreiten will.“
Er macht sich auf, geht schnell zum Ziel,
Denn Worte sind ihm nicht zu viel.
In Unterwalden, bei dem Freund,
Wo mancher schon das Ende scheint.
Gemeinsam schmieden sie den Plan,
Wie man dem Gessler Einhalt kann.
III
Auf Burg Altdorf steht der stolze Bau,
Der Gessler trotzt dem Himmelsblau.
Ein Turm soll zeigen, wer hier gebietet,
Wer unterdrückt und wer sich mietet.
Der Bau wächst schnell in grauer Pracht,
Um zu bewahren des Vogtes Macht.
Der Zwing-Uri, er ragt empor,
Als Spott für jedes off’ne Ohr.
Die Knechte schrein, der Hammer klingt,
Und mancher stolze Schweizer sinkt.
Sie müssen Steine schwer nun tragen,
Um Gesslers Hochmut nicht zu klagen.
Da kommt Tell mit dem Knaben klein,
Er tritt auf den Bauplatz so hinein.
Er schaut empor mit finsterm Blick,
Das Werk ist keinesfalls sein Glück.
Der Meister ruft: „Was steht Ihr da?
Die Frone ist nun einmal nah!“
Doch Tell, er schüttelt nur den Kopf,
Er ist kein willenloser Tropf.
„Ich bin ein Jäger, frei und wild,
Nicht für den Bau ein Unterbild!“
Er zieht von dannen, fest und frei,
Und geht an Gesslers Werk vorbei.
Der Bau jedoch, er wächst im Leid,
Es ahnt das Volk: Es ist so weit!
Die Freiheit, sie ist fast verloren,
Doch Widerstand ist schon geboren.
Die Knechtschaft drückt, der Zorn erwacht,
Und in den Herzen brennt die Macht.
IV
Im Hause von dem Melchthal dort,
Wird Schmerz zu einem lauten Wort.
Der Vater, blind durch Gesslers Knecht,
Erlitt ein unbeschreiblich Recht.
Ein Ochs, er wurde ihm geraubt,
Weil er sich gegen Unrecht glaubt.
Der junge Melchthal, voller Zorn,
Er flucht dem Vogt und seinem Dorn.
„Mein Vater blind, das Gut verloren,
Für Rache bin ich nun geboren!“
Er schlägt den Knecht, der kam zum Haus,
Und treibt ihn voller Wut hinaus.
Nun flieht er schnell, das Schicksal schwer,
Er sucht bei Stauffacher nun mehr.
„Ich stehe nun bei euch im Bund,
Wir machen uns zur Wehr gesund!“
Das Schicksal führt sie nun zusammen,
Sie schüren auf der Freiheit Flammen.
Denn Unterwalden, Uri, Schwyz,
Sie ziehen gegen Gesslers Blitz.
Der Schmerz des Vaters treibt sie an,
Dass man nun endlich handeln kann.
Der Rütli-Eid, er rückt nun nah,
Der Untergang der Knechtschaft wahr!
V
Am Hause von dem Attinghausen,
Da hört man Sturm und Unheil sausen.
Der alte Freiherr, krank und alt,
Spürt schon des Todes nahen Halt.
Ulrich von Rudenz, jung und stolz,
Der stammt aus gutem, edlem Holz.
Er will zum Vogt, zum Glanz und Schein,
Und lässt die Ahnen ganz allein.
Der Freiherr warnt ihn, voller Groll:
„Die Freiheit ist, was werden soll!
Verlass dein Volk nicht, bleib doch treu,
Sonst wird die Reue groß und neu!“
Doch Rudenz geht, sein Herz ist blind,
Er ist des Ehrgeizes Kind.
Er sucht den Gessler, hofft auf Macht,
Und hat die Treue kaum bedacht.
Er lässt den Onkel, alt und schwach,
Und geht dem schnellen Glück nun nach.
Der Freiherr seufzt, die Augen schwer,
Die Sorge drückt ihn nun so sehr.
Er sieht das Land im argen Not,
Und fürchtet bald den Untergang, den Tod.
Doch auch im Haus, wo Rudenz geht,
Der Geist der Freiheit trotzig steht.
VI
Im Freiherrnhaus, auf altem Grund,
Da tun die Knechte kund und rund:
Der Herr ist schwach, der Tod ist nah,
Man ahnt das Ende, wie es geschah.
Die Bauern fürchten sich vor dem,
Was kommt, wenn er, der Greis, geht heim.
Der alte Attinghausen ruht,
Sein Geist ist klar, doch schwach sein Blut.
Er fragt nach Rudenz, seinem Sohn,
Der sucht bei Gessler Stolz und Lohn.
Die Freiheit, die der Ahnen Stolz,
Das schnitzt man nicht aus fremdem Holz!
Er mahnt das Volk, die Treue fest,
Dass man die Schweiz nicht unterlässt.
„Die Freiheit ist ein altes Recht,
Seid ihr der Väter würdig’ Geschlecht?“
Doch draußen braut sich Unheil auf,
Des Schicksals Rad nimmt seinen Lauf.
Die Stände sind nun wohl bereit,
Sie ahnen schon die große Zeit.
Ein jeder bringt sein Leid, sein Schmerz,
Die Einigkeit füllt nun das Herz.
Der Freiherr stirbt, er sieht es kommen,
Dass neue Kraft nun wird vernommen.
VII
Auf stummem Felsen, hoch und frei,
Zieht eine Wolke still vorbei.
Der Rütli-Platz, am tiefen Schlund,
Dort treffen sich die Männer rund.
Sie kommen heimlich, Schritt für Schritt,
Und bringen ihre Sorgen mit.
Es kommen Männer aus den drei,
Dem Schwyzerland, dem freien Mai.
Aus Uri und aus Unterwald,
Ihr Ruf erklingt in dem Gebalt.
Sie spüren nun die große Not,
Der Vogt droht jedem mit dem Tod.
Stauffacher spricht das ernste Wort,
Sie suchen einen sicheren Ort.
„Wir müssen nun zusammenstehn,
Um nicht im Joche zu vergehn.
Die Freiheit ist ein altes Gut,
Wir brauchen nun den festen Mut.“
Der Melchthal nickt, sein Schmerz ist groß,
Er lässt die Wut nun endlich los.
„Mein Vater blind, das Gut geraubt,
Ich hab noch an das Recht geglaubt.
Doch Gessler kennt nur seinen Sinn,
So nehmen wir das Recht nun hin!“
Sie fassen sich bei Hand und Hand,
Beschwören fest das Vaterland.
„Ein Bund für alle, eins für drei,
Wir machen uns von Gessler frei!
Der Eid, er soll nun ewig stehn,
Wir werden nicht im Unrecht gehn!“
VIII
Es zieht die Stille durch das Land,
Man reicht sich fest die freie Hand.
Der Eid ist schwer, das Wort ist groß,
Sie lassen nun die Freiheit los –
Nicht aus der Hand, doch in die Welt,
Weil Einigkeit den Frieden hält.
Doch Rudenz kommt, er tritt nun ein,
Er will nun bei den Eidgen’ssen sein.
Er sah den Glanz des Vogtes nicht,
Nur Lügen und ein falsch Gesicht.
„Ich stehe nun auf eurer Seit’,
Vergebt mir meine Eitelkeit!“
Er spricht von Freiheit, voller Kraft,
Wie man die Zukunft nun erschafft.
Die Männer staunen, hören zu,
Sie finden endlich ihre Ruh’.
Denn einer mehr, der Stärke zeigt,
Wenn man vor Gessler nun nicht schweigt.
„Wir brauchen jeden, Mann für Mann,
Dass man die Tat beginnen kann!“
So steht der Bund nun, fest und stark,
Bis in das letzte, tiefe Mark.
Sie ziehn davon, der Tag wird graun,
Auf Gott und auf sich selbst zu baun.
IX
Im Hause von dem Tell, daheim,
Da ist man fern von Gesslers Reim.
Der Tell, er prüft die Armbrust sein,
Die Sehnen müssen stramm nun sein.
Die Hedwig, seine Frau, mit Sorgen,
Sie fürchtet um den nächsten Morgen.
„Geh nicht nach Altdorf!“, mahnt sie bang,
„Der Vogt ist grausam, lebenslang.
Du hast ihn einst schon dort gereizt,
Wenn du nun gehst, wird er verschleizt.“
Doch Tell, er bleibt in seiner Ruh’,
Und hört der Gattin Warnung zu.
„Die Pflicht, sie ruft, ich muss dort sein,
Ich lade keine Schuld mir ein.“
Er nimmt den Knaben an die Hand,
Sie wandern durch das Schweizerland.
Der Abschied fällt ihr schwer im Sinn,
Sie ahnt, wo führt der Reise hin.
Der Tell, er zieht mit festem Tritt,
Der Knabe geht ihm froh noch mit.
Kein Unheil ahnt das Kind noch heut,
Wo man sich auf den Vater freut.
Doch düster zieht der Himmel sich,
Das Schicksal wartet, sicher, ich!
X
Vor Tells Haus, in frischer Pracht,
Hat sich das Werkzeug schon vollbracht.
Tell prüft die Sehne, scharf den Pfeil,
Sein Handwerk ist sein eigen Heil.
Der Knabe Walter, froh und heiter,
Will mit dem Vater wandern weiter.
„Wir gehen heute nach Altdorf nun“,
Spricht Tell, „es gibt dort viel zu tun.“
Die Hedwig aber, voller Bangen,
Will nicht, dass sie von dannen gangen.
Sie ahnt das Unheil, schwer und groß,
Und lässt den Gatten kaum noch los.
„Der Vogt hat Bosheit, kalt und blind,
Er ist kein Freund von Weib und Kind.
Bleib hier, mein Tell, beim Herd, beim Licht,
Der Weg zum Vogt, der bringt uns nicht!“
Doch Tell, der Jäger, frei und treu,
Scheut nicht des Vogtes böse Scheu.
„Ich hab geschworen, fest und wahr,
Ich bin kein Knecht, ich bin ein Aar!“
Er nimmt die Armbrust, fest zur Hand,
Und führt das Kind durchs Schweizerland.
Die Mutter schaut dem Pfade nach,
Ihr Herz, es fühlt sich schwer und schwach.
Sie weiß: Das Schicksal zieht nun auf,
Und nimmt der Dinge seinen Lauf.
Der Tell geht voran, mit sicherem Schritt,
Der Knabe nimmt die Zuversicht mit.
Sie ziehen hin zum Schicksalsort,
Kein Zurück führt mehr von dort fort.
XI
Auf steilem Pfad, durchs Felsengestein,
Da zieht Tell mit dem Söhnlein klein.
Der Knabe fragt, mit hellem Blick,
Vom Berg und Tal und Bauern Glück.
Doch Tell, er sinnt, sein Herz ist schwer,
Er ahnt die Gefahr, die droht so sehr.
Sie kommen an den Ort, wo steht
Der Hut, um den sich Gesslers Spott dreht.
Auf einer Stange, hoch und blank,
Der Vogt verlangt den Kniefall-Dank.
Die Wachen stehen stramm und stumm,
Und blicken scharf im Kreis herum.
Tell sieht das Ding und lacht nur laut,
Weil er dem Gessler nicht vertraut.
Er will den Hut nicht ehren, nein,
Will lieber frei und aufrecht sein.
Da stürzen Knechte auf ihn zu,
Mit lautem Ruf und ohne Ruh’.
„Du hast den Hut nicht recht geehrt!“,
Der Landvogt nun das Urteil lehrt.
Der Gessler naht, mit stolzem Sinn,
Und schaut auf Tell, den Jäger hin.
„Du willst nicht beugen dein stolzes Knie?
Das kostet dich dein Leben, wie!“
Er sieht den Knaben, frech und fein,
„Soll dieser dein Erbe, dein Einz’ger sein?
Dann stell den Apfel auf sein Haupt,
Wie du wohl an die Treffkunst glaubt’!
Triffst du das Ziel, so bist du frei,
Wenn nicht, dann ist dein Leben vorbei!“
Ein Raunen geht durchs Volk, so bang,
Der Schreck erfüllt den ganzen Gang.
Tell greift zum Bogen, bleich im Gesicht,
Er wagt das Wort, er wagt es nicht.
Doch Gessler drängt: „Nun schieß, du Mann!
Zeig uns, was deine Hand wohl kann!“
XII
Die Szene bebt, der Atem stockt,
Wo Gesslers Hochmut boshaft lockt.
Der Knabe steht beim Lindenbaum,
Ein stilles Kind, im hellen Traum.
Er weiß nicht, welche Not ihn droht,
Er ahnt nicht den gefahrvoll’n Tod.
Tell greift zum Köcher, zieht den Pfeil,
Zittern lässt er sein eigenes Heil.
Er nimmt den zweiten Pfeil dazu,
Versteckt ihn schnell, in banger Ruh’.
Der Vogt bemerkt den zweiten Pfeil:
„Was soll das, Schütze, mit dem Teil?“
„Es ist so Sitte beim Jägersmann“,
Spricht Tell, den Gessler fragen kann.
„Wär’ ich nicht sicher bei dem Schuss,
Dann hätt’ ich, Vogt, den zweiten Muss –
Er wäre in dein Herz gelangt,
Wenn mir mein Kind vor Angst erbangt!“
Gessler erbebt vor Wut und Hohn,
Doch Tell, er spannt den Bogen schon.
Er zielt, er atmet, hält den Blick,
Voll Gottvertrau’n und festem Glück.
Ein Schuss! Der Apfel, er entzwei,
Getroffen! – Jubel ertönt frei!
Der Knabe läuft zum Vater hin,
Mit Freudentränen im Sinn.
Doch Gessler ruft: „Du hast getroffen,
Doch nicht auf Freiheit darfst du hoffen!
Du wirst verhaftet, abgeführt,
Weil dich nun meine Strafe berührt!“
XIII
Auf wildem See, im Sturmgebraus,
Führt man den Tell nun weit hinaus.
Im Nachen, der im Wellental
Erschüttert wird bei jeder Zahl,
Sitzt Gessler, finster, voller Zorn,
Die Wut im Herzen, wie ein Dorn.
Der Tell ist fest in Banden schwer,
Er sieht das graue, wilde Meer.
Der Bootsmann fürchtet nun den Tod,
Denn Gessler bringt nur bitt’re Not.
„Ich kann das Boot nicht sicher lenken!“,
Ruft er, um sich den Vogt zu kränken.
Da spricht der Vogt: „So lös’ ihn doch!
Vielleicht entkommt er uns noch so noch!“
Man nimmt die Bande von dem Mann,
Damit er uns nun helfen kann.
Tell greift das Steuer, fest und stark,
Er fühlt die Kraft bis in das Mark.
Er steuert scharf auf eine Fluh,
Dem Schicksal zu, dem „Tellsprung“ zu.
Er wirft die Armbrust schnell zur Hand,
Und springt hinweg zum festen Land!
Das Boot, es bleibt im Sturm allein,
Der Vogt hat nun den Zorn allein.
XIV
Im Schloss, das still und düster schweigt,
Der alte Freiherr sich nun neigt.
Der Tod, er klopft an seine Tür,
Sein Leben schwindet, Stück für Stück, dafür.
Die Freunde sind um ihn versammelt,
Während er leise um Freiheit stammelt.
Er blickt auf Rudenz, den jungen Mann,
Der nun endlich die Wahrheit sehen kann.
„Verlasst die Fremden!“, ruft er schwach,
„Haltet zusammen, dem Volk nun nach!
Die Einheit ist das stärkste Band,
Rettet das freie Schweizerland!“
Der Freiherr stirbt, sein Auge bricht,
Er sieht nun nicht mehr das Tageslicht.
Doch sein Vermächtnis, groß und schwer,
Hallt durch das Haus, wie ein tiefes Meer.
Rudenz, er weint, er hat es erkannt,
Er reicht dem Volk die treue Hand.
„Ich bin ein Schweizer!“, schwört er laut,
Weil er nun auf sein Volk vertraut.
Kein Gessler mehr, kein fremdes Joch,
Man bricht das Eisen, man bricht das Loch.
Der Tod des Alten, er schweißt sie ein,
Sie werden bald alle frei nun sein.
XV
In hohler Gasse, fern vom Pfad,
Da lauert Tell auf seine Tat.
Er wartet still im dunklen Schlund,
Der Schicksalstag macht nun die Rund.
Er denkt an seinen Pfeil so scharf,
Den er nun endlich nutzen darf.
„Ich sitze hier“, spricht er für sich,
„Und warte, Gessler, nur auf dich!
Du hast mein Kind dem Tod geweiht,
Nun kommt für dich die Endlichkeitszeit.
Mein Leben stand auf Messers Schneide,
Nun führ ich dich zum letzten Leide.“
Da hört er Hufe, nah und schwer,
Der Vogt kommt stolz daher, so sehr.
Er reitet durch die enge Kluft,
Wo Tell nun wartet, tief in der Gruft.
Die Rache schwillt im Herzen an,
Für das, was Gessler angetan.
Er spannt die Sehne, fest und stramm,
Der Pfeil, er sucht den rechten Stamm.
Ein Schuss hallt durch die Felsenwand,
Der Tod trifft Gessler in das Land.
Er sinkt vom Ross, sein Leben aus,
Das Ende kommt für das stolze Haus!
XVI
Im Haus des Tell, da wartet bang
Die Gattin, hört den Vogelsang,
Doch freut er sie nicht, schwer die Not,
Sie fürchtet Gesslers grausam’ Droht.
Da tritt ein Freund zur Tür herein,
Bringt Nachricht von dem Tellenschein.
„Der Tell ist frei!“, so ruft er laut,
„Vom Felsen sprang er, fest gebaut!“
Die Freude bricht sich Bahn im Raum,
Es scheint wie ein erlöster Traum.
Doch dann erklingt ein andres Wort:
„Der Vogt ist tot, an jenem Ort!“
Der Tell, er hat den Schuss getan,
Gereinigt nun das Schweizerland.
Die Nachricht fliegt von Mund zu Mund,
Sie machen nun die Freiheit kund.
Das Volk, es jubelt, hofft auf Licht,
Die lange Nacht, sie bricht nun dicht.
Noch bleibt die Angst vor fremder Macht,
Die man in Unruh’ nun bewacht.
Doch fest steht nun der treue Bund,
Die Freiheit ist nun aller Grund.
Das Haus des Tell, es steht in Ruh’,
Der Friede kehrt nun langsam zu.
XVII
Die Burg ist sturmreif, weit und breit,
Das Ende naht der Knechtschaft Zeit.
Das Volk, es strömt nun vor das Tor,
Die Freiheit dringt nun mächtig vor.
Die Fesseln fallen, Stein für Stein,
Das Land soll wieder eigen sein!
Man stürmt den Zwing-Uri mit Macht,
Der Stolz des Vogts wird nun entfacht
In Flammen, die den Himmel küssen,
Die Gessler-Schergen nun wohl müssen
Die Waffen strecken, fliehen weit,
Es endet nun die bitt’re Zeit.
Ein Jubel geht durchs ganze Tal,
Man feiert nun den Sieg, das Mal.
Die Banner wehen, rot und weiß,
Man zahlt für Freiheit jeden Preis.
Und Tell, er kehrt nun heim zum Glück,
Kein Vogt kehrt jemals mehr zurück!
XVIII
Am Rütli-Platz, wo einst der Bund,
Da hallt der Jubel aus dem Grund.
Die Nachricht ging durchs ganze Land,
Die Freiheit reicht sich Hand in Hand.
Der Vogt ist tot, das Schloss in Not,
Sie haben nun kein fremdes Gebot.
Stauffacher steht mit ernstem Blick,
Er denkt an all das schwere Glück.
„Wir sind nun frei!“, ruft er den Leuten,
„Die Glocken sollen hell nun läuten!“
Das Volk, es feiert, singt und lacht,
Nach langer, harter, dunkler Nacht.
Doch mancher denkt an den, der schoss,
Der Gesslers Stolz auf Erden stieß.
Wo weilt nun Tell, der starke Mann,
Der uns die Freiheit brachte dann?
Er ist noch fern, doch jeder weiß:
Er zahlt für uns den höchsten Preis.
Die Freude mischt sich mit dem Ruhm,
Im großen Schweizer Heiligtum.
Sie schwören Treue, Tag für Tag,
Dass keiner sie mehr zwingen mag.
Ein neues Kapitel, stolz und rein,
Soll nun für alle Heimat sein.
XIX
Es ist ein Tag, die Luft ist klar,
Da naht ein Fremder, wunderbar.
Er wirkt verstört, in Lumpen gehüllt,
Mit Mord und Schuld sein Herz erfüllt.
Es ist der Herzog, vom Jähzorn blind,
Der nun bei Tell um Hilfe rinnt.
Er hat den Kaiser, sein eigen Blut,
Erschlagen in der rasenden Wut.
Er sucht nun Schutz bei Tells Hand,
Im fernen, freien Schweizerland.
„Du hast den Tyrannen auch besiegt,
Nun sag, wo man Gerechtigkeit kriegt?“
Tell schaut ihn an, mit kühlem Sinn,
Er blickt auf den Mörder, tief darin.
„Mein Schuss war Notwehr, aus der Pein,
Um meine Heimat frei zu sein.
Doch du hast Frevel, ganz allein,
Du kannst nicht mein Verbündeter sein!“
Er weist den Weg zum heil’gen Pfad,
Wo man die Buße findet, im Rat.
„Geh hin zum Papst, in Rom, dem Ort,
Dort findest du vielleicht ein Wort.“
Der Herzog geht, sein Schicksal schwer,
Tell aber bleibt, sein Herz ist leer.
XX
Der Sieg ist nun vollbracht, das Land,
Hält fest die Freiheit in der Hand.
Das Haus des Tell, es strahlt in Licht,
Die Knechtschaft endet, die Sorge bricht.
Das Volk ist eins, in Treue fest,
Kein Vogt, der sie nun weiter erpresst.
Die alten Männer, klug und weise,
Sie singen nun die Siegesweise.
„Die Freiheit währt, so wahr wir sind,
Für Vater, Mutter und für das Kind!“
Ein Bund für alle, für alle Zeit,
Vertrieben ist nun aller Neid.
Tell steht am See, die Armbrust ruht,
Er blickt auf das Wasser, mit freiem Mut.
Die Zukunft liegt nun offen da,
Das Glück ist endlich wieder nah.
So endet nun das Freiheitslied,
Weil man gemeinsam zum Ziele zieht.
Die Schweiz ist frei, die Last ist fort,
Dies ist das Ende an diesem Ort.
Das Lied ist aus, der Schleier fällt,
Ein freier Geist durchzieht die Welt.
Mit diesem Schluss, so fest und rein,
Soll ewig frei das Land nun sein!