VON TORSTEN SCHWANKE
NACH AMY LEVY
Was, bin ich neu erwacht? Ich hätt’ es nie
Geglaubt, die rosige Dämmerung zu sehn,
Noch dieses graue, feierlich Verharren,
Eh’ noch der Morgen kommt. Die Lampe glimmt,
Niedrig die Lampe meines Lebens glimmt;
Der stille Morgen hält den Atem an,
Und meine Seele, schwer von staunender
Ergebung, harrt und wacht, harrt auf den Tag.
Kommt her, ihr Mädchen; allzu tief schlieft ihr,
Die ihr mich hüten solltet; nein, ich schelt’ euch nicht —
Oft schalt ich wohl, doch jetzt will ich nicht schelten;
In dieser letzten Stunde sei nur Frieden.
Ich träumte wirr in unruhvollem Schlaf
Von müden Tagen, die ich tot geglaubt;
Von sturmbewegten, längst verstummten Tagen;
Von heitern Tagen, sonnenreichen — ach!
Im Traum erschien ihr Sonnenglanz so traurig,
Als flöss’ der dunkle Strom des Kommenden
Prophetisch durch die frohen Stunden hin.
Und doch weiß ich: so war es nicht in Wahrheit.
Ich weiß noch süß der Sommertage Glanz,
Wenn ich vom Gitterfenster aus erblickt
Des Meeres fernes, leuchtendes Gefunkel;
Und näherhin die hohen Schiffe sah,
Die schwarz sich von dem zarten Himmel hoben,
Gesprenkelt ganz mit Schwefel, Blau und Gold;
Und in der klaren, stillen Luft vernahm
Das Summen ferner Stimmen — und mir scheint,
Kein dunkler Quell beschmutzte je die Freude,
Die selig aus der jungfräulichen Brust
Emporsprang, als nur jene vagen Wünsche,
Die Hoffnungen und Ängste, ungeformt,
Doch stark — deren Traurigkeit sie süß macht.
Was galt mir Spott und heitres Hohngelächter
Der andern Mädchen an dem Webstuhl je?
Was scharfe Rufe, die zur Arbeit riefen?
Waren wir nicht getrennt —
Ich und die hohen Gedanken, goldne Träume,
Die Seele, dürstend nach Erkenntnis, nach
Der Sprache, die verkünde feierlich
Die Rätsel dieser schönen Welt und Götter?
Dann kamen Tage tiefer Traurigkeit,
Als ich begriff, mein Frauengeist sei fehlgegangen
Und ich versündige mich an solchen Gedanken —
Denn Mädchen, merkt: dies sind nicht Frauengedanken —
Und doch ist’s seltsam: Götter, die uns formten,
Gaben uns solche Regungen ins Herz.
Die Jahre flohen; siebzehn fanden mich
Hoch aufgewachsen, kräftig, schöner wohl
Als Athenische Mädchen sonst zu sein
Gerühmt sind — ich erlernte kaum Geduld,
Das stumme Tragen — stand am Tor des Lebens
Mit pochendem Herzen, fest entschlossner Seele.
Einst ging ich durch den vollen Marktplatz hin
Mit andern Mädchen, trug in Zweigen weiße
Tauben zum Opfer für Aphrodite;
Da sah ich ihn — ungestalt und unbeholfen,
Doch viele drängten sich um seine Worte:
Hohe Jünglinge und fremde Mädchen — Sokrates.
Ich sah sein Antlitz, halb in Scheu, halb Abwehr
Vor seiner Form.
Der reichste Edelstein liegt tief verborgen
Und ist uns teurer durch die mühevolle Suche;
Wir greifen glänzende Muscheln an dem Strand
Und werfen sie bald fort; doch jenen Stein
Bewahren wir für immer. So die Seele,
Nach langem Suchen in dem Fleisch gefunden,
Das unsre Sinne halb zurückgestoßen,
Ist teurer durch das Suchen selbst, als Geist,
Den freigebige Natur mit tausend Zeichen
Auf einer schönen Stirn so offen zeigt.
Wir wägen solche Zeichen oft zu schwer
Und glauben dann, enttäuscht, wir seien betrogen.
Und als mein Vater endlich mir eröffnete,
Dass ich mich mit dem großen Sokrates
Vermählen solle, weinte ich — betört —
Um das Bild künftiger Liebe, jäh zerstört,
Wo vollkommner Leib zur vollkommnen Seele passte.
Doch langsam, sanft verlernte ich die Tränen;
Begann den Zauberblitz im Auge zu erspähn,
Das jähe Lächeln um den Mund zu sehen,
Das in den Augen blieb; auf jeden Ton
Der Stimme lauschte ich — der großen Stimme,
Deren gewandte Modulationen
Wie süße Instrumentenklänge waren.
So rang ich, strebte, bis ich endlich
Die Seele durch das grobe Fleisch erfasste.
Erneut von dir, o süße Hoffnung, träumte
Mein Geist! Ich, durch sein Wissen und die Liebe
Geleitet, durch sein Wort geführt und Rat,
Sollt’ heben den verhüllenden Schleier der Dinge,
Und an der strömenden Quelle seiner Seele
Den Durst des Geistes stillen.
Und wahrlich,
In jenen langen Tagen nach dem seltsamen,
Da Riten, Lieder, Opfer, Blumen kündeten,
Dass wir vermählt, da lernt’ ich viele Lehren —
Bittere, die der Schmerz mich lehrte, nicht die Liebe;
Die tiefre Kenntnis meines Geschlechts,
Mit dunklem Drängen eingeprägt dem widerstrebenden Geist; —
Doch jene große Weisheit, die befreit
Von engen Schlüssen halbgewachsnen Denkens,
Die durch das Kleine des Lebens hindurch
Die Göttlichkeit der Natur und Harmonie erkennt,
Die war nie Xanthippes Besitz.
Ich wollte ruhn
Und nichts mehr aus dem Leben mir zurückrufen
Als nur den unvollkommnen Jugendtraum
Der frühen Sommer mit Licht und Schatten,
Mit Blütenhoffnungen, deren Frucht nie reifte;
Doch etwas Starkes in mir, eine traurige Saite,
Die laut im späteren Leben widerhallt,
Drängt mich, das nachfolgende Elend aufzudecken,
Mit klagendem Weinen tief in meinem Herzen.
Doch Mädchen, merkt: ich will nicht, dass ihr glaubt,
Ich klage meinen Herrn, der von mir ging;
Kein Böses, so denk ich, gedachte er
Seiner Gemahlin. Nur der hohe Denker,
Schwanger von großen Lehren, edlen Gedanken,
Verschmähte, sich zu bücken, um zu rühren
Das feine Gewebe eines Frauenhirns —
So zart wie eine leidenschaftlichen Seele.
Ich denke, hätte er sich nur ein wenig
Gebückt und sorgend hingeneigt zu mir,
So wär ich näher seiner Höhe aufgestiegen
Und nicht zerschmettert liegen geblieben,
Zu nichts mehr tauglich: weder Hausgerät
Von guter Art, noch jenem feinern Ding,
Zu dem ich einst zu werden hoffte.
Der Tod,
Die hohe Lampe rückwärts haltend, zeigt
Mir jene ersten, fernen Ehejahre,
Eh ich gelernt, die öde Form zu fassen
Des Loses, das die Parzen mir bestimmt.
Denn wie die Jugend glaubt, so glaubte ich:
Die Natur könne nicht so wenig wollen,
Die mir doch so unendlich viel versprach.
Zuerst bekämpft’ ich sanft mein hartes Schicksal,
Mit edlen Worten, hohen Zielen strebend,
Um Sokrates’ erhabne Seele werbend,
Gleich einem kleinen Vogel, der voll Glut
Dem Menschen seine Liebeslieder singt,
Bis er zuletzt erkennt, missdeutet ganz,
Dass jene Hand, die sanft ihn streicheln sollte,
Mit leichtem Spott achtlos das Korn ihm hinwirft.
Ich weiß noch wohl: an einem Sommerabend
Saß er im Laub der schattigen Laube
Und hieß mich frische Weinschläuche bringen.
Als ich,
Am Eingang zögernd, halb vom Grün verhüllt,
Mit leichtem Geist, von Sonnenluft berauscht,
Für einen Augenblick die frohe Schar erblickte:
Tief im Schatten, mir gerade zugewandt,
Saß Plato, ruhig, mit gesenkten Brauen,
Die sich vereinten über schmalen Augen;
Die blassen Lippen leicht zum Lächeln offen,
Das kleine Grübchen in die Wange zog.
Daneben, leicht geneigt, saß Sokrates,
Mit dunklem Finger mahnend erhoben,
Und seine wechselnden Töne trug die Luft.
Zu seinen Füßen lagerte, den Arm
Um seines Knies Rundung geschlungen,
Den andern hoch, den ehernen Krug schwenkend,
Der rote Tropfen auf das goldne Haar
Und die bekränzten Schläfen regnen ließ,
Alkibiades, der Schöne.
So sprach mit feierlicher Stimme Sokrates:
„Dies schöne Weib, Aspasia genannt,
Die Perikles uns aus der Ferne brachte
Und hoch erhob in Athenas Mauern, trägt
Ein Geistvermögen über ihrem Geschlecht;
Doch setzt sie es dann jenseits dessen ein,
Was edel auch begabte Frauen ziemt.
Denn schwach ist Weib: der Körper trägt die Seele
Nur selten aus; sie trinkt sich trunken an
Der Wissenschaft, zertritt Gesetz und Sitte
Und schlingt mit offnem Schlund am Mahl des Lebens.“
Da trat ich plötzlich aus dem grünen Schirm,
Den schweren Schlauch hoch über meinem Haupt,
Die Brust von Atemstößen wild bewegt,
Die Augen, Wangen feurig überglänzt
Von Zorn und einem jähen klaren Gedanken,
Und rief:
„Bei allen großen Mächten ringsumher!
Soll dies wahr sein, dass wir nur Tastversuche
Der Götter seien? Dass sie Wesen formten
Zu fein, zu zart, mit Sinnen, die auf jeden
Hauch der Natur erschauernd Antwort geben,
Und dass ihr Werk nur unvollendet blieb?
Dass sie das halbe Werk zur Erde sandten,
Um hier zu bluten, zittern, weinen, schreien,
Die Seele gegen kalte Marmormauern
Von Männerherzen zu zerschlagen – und
Zuletzt zu sündigen?“
Ich schwieg; die erste Glut war abgekühlt,
Erschrocken von der Stille. Und ich sah,
Vom Laub gerahmt, das Abendsonne mild
Mit reichem Gold vergoldete, die Blicke,
Die ruhigen Glieder jener Männer;
Sah Platos schmale Augen, kargen Mund,
Der halb belächelte, halb richtend maß;
Die Hand erhoben, wohlgeformte Finger
Zum Zeichen bittend: „Still – lasst sie nur sprechen;
Stört sie nicht, hört das Ende; folgt der Stimmung:
Dies ist ein neuer Zug an der Xanthippe.“
Ich sah Alkibiades, die Lippen lachend,
Die Augen halb geschlossen, spöttisch zucken
Die weichen, schneeigen Schultern, bis das Gold
Der Locken sich um seine Brust ergoss.
Doch Sokrates, ganz langsam, feierlich,
Erhob sein Antlitz ruhig zu dem meinen
Und sprach:
„Ich danke dir für diese Weisheit,
Die deine Lippen unter uns verstreut.
Doch sage: aus welcher hohen Quelle,
Aus welchen Philosophien hast du sie geschöpft?“
Da stand ich starr, ein Atemzug lang stumm,
Zerdrückt von dieser Last kalter Verachtung;
Doch schnell entflammte in der Brust mir auf
Ein gnädiger, rettender Zorn: mit beiden
Erbosten Händen schleudert’ ich den Schlauch
Auf den Marmor, wo er spritzend rote Bäche
Und Quellen auf das weiße Gestein ergoss.
Dann, achtlos aller Blicke, Stimmen, Augen,
Floh ich hinaus, das Haar gelöst,
Das weiße Kleid gerötet, pochend Herz,
Überschwemmt von jener Hoffnung Flut,
Die einst so golden quoll und nun zurück
Zu ihren Quellen stürzte – nie mehr steigend.
Ich hätte dieses müde Leben tragen können,
Das enge Leben in den engen Mauern,
Wenn er mich nur geliebt hätt‘; doch er sparte
Seine Liebe für die Stadt Athen und ihre Söhne,
Und vielleicht für eine fremde Frau,
Kühn an Gedanken, Freiheit, glatter Rede,
Für Diotima.
O weh! das lange Weinen durch die Nächte,
Das wache Harren auf die bleiche Dämmerung,
Die stets nur neue Trauer brachte; dann
Ward ich verbissener und fluchte tief
Den Parzen, die mich als Athenerin zeichneten.
Doch selbst der Zorn verging; die Hoffnung starb;
Ein großer, düstrer Friede kam herauf –
Ein hartes Ja zu meinem Los:
Er wollte Hausgerät – so sei es gut!
Er sollte haben, was er suchte; nicht
Den hungrigen Reichtum einer Frauenliebe,
Nur jenen niederen Besitz.
Ich rief die Mädchn, stellte den Webstuhl auf
Und spann von Morgen früh bis Abend spät,
Mit scharfem Blick auf Kette und auf Schuss,
Das weiße Wollgewicht mit neidischem Maß.
Ich spann, bis ich mir selbst die Seele aussponn,
Die hohen Gedanken aus dem Geist; bis ich
Zu der ward, die ihr kanntet: Auge scharf
Für Fadendichte; Ohr allzu bereit
Für loses Reden unter Mondlicht,
Wenn ihr schon schlafen solltet; Zunge scharf,
Die lachend Worte müßiger Mädchen schnitt.
Erst gestern ruhten meine Hände still.
Ich habe meine Pflicht vollbracht bis zuletzt.
Die Götter lohnen mich! – Nein, ich erzähle
Nicht von den späteren Jahren voller Leid:
Vom Kampf mit Hunger, Not und Elend nicht;
Noch von der Stunde, da man ihn hinaustrug;
Noch von dem Gift, das leise tödlich wirkte.
Weh! Ich war nicht dabei, ihn zu beruhigen
In seinem letzten Augenblick; kein Gedanke
An sie, die ihn geliebt – nur jener Auftrag,
Ganz irdisch, dass ihr Leib nicht hungern solle.
Ihr weint, ihr weint; ich wollte nicht, dass ihr weint.
Solche Tränen sind eitel; bei den Jungen
Wird solcher Schmerz zur Selbstberühmung bald:
„Ihr Lieb’ verdorrte – meine wird erblühen“,
Oder: „Ihr Leben scheiterte – das meine
Wird ruhig segeln.“
Genug, genug! Umsonst, umsonst, umsonst!
Die Götter mögen mir vergeben! Tief
Hab ich gesündigt all mein Leben lang.
Ein besser Los sei euch beschieden allen.
Ha! Der Morgen kommt;
Ein rosiger Schimmer – nein, es wird mir dunkel.
Warum steht ihr so stumm? Öffnet das Fenster!
Geschwind! Warum so zögernd? Gebt mir Luft –
Reißt es weit auf! Ich sage: „Licht! Mehr Licht!“