ZIGEUNER

MÄRCHEN VON TORSTEN SCHWANKE



GESANG I


Ein König hatte drei Söhne.

Dem jüngsten gab er hunderttausend Piaster,

dieselbe Summe dem ältesten

wie auch dem mittleren Sohn.

Der jüngste brach auf,

nahm die Straße;

wo er arme Leute fand,

gab er sein Geld.

Hier und dort

verschenkte er es,

bis alles verbraucht war.

Der älteste Bruder ging hin,

ließ Schiffe bauen, um Mehrwert zu schaffen.

Der mittlere ging hin,

ließ Läden errichten.

Sie kehrten zu ihrem Vater zurück.


„Was hast du getan, mein Sohn?“


„Ich habe Schiffe gebaut.“


Zum jüngsten gewandt:

„Und du, was hast du getan?“


„Ich? Jedem Armen, den ich traf,

gab ich Geld;

und armen Mädchen bezahlte ich

die Kosten ihrer Hochzeit.“


Da sprach der König:

„Mein jüngster Sohn wird sich gut um die Armen kümmern.

Nimm noch einmal hunderttausend Piaster.“


Der Jüngling zog von dannen.

Hier und dort gab er sein Geld aus;

zwölf Piaster blieben ihm noch.

Da gruben einige Juden eine Leiche aus

und schlugen auf sie ein.


„Was wollt ihr von ihm,

dass ihr ihn schlagt?“


„Zwölf Piaster fordern wir von ihm.“


„Ich gebe sie euch,

wenn ihr ihn in Ruhe lasst.“


Er gab das Geld,

sie ließen den Toten.

Er erhob sich und ging weiter.

Wie der Jüngling wandert,

folgt ihm der Tote.

„Wohin gehst du?“, fragte der Tote.


„Ich gehe spazieren.“


„Ich komme mit;

wir gehen gemeinsam;

wir wollen Gefährten sein.“


„So sei es.“


„Komm, ich führe dich an einen bestimmten Ort.“


Er nahm ihn mit

und brachte ihn in ein Dorf.

Dort lebte ein Mädchen;

nimmt sie einen Mann und liegt bei ihm,

ist der Ehemann bei Tagesanbruch tot.


„Ich verstecke dich irgendwo;

ich beschaffe dir das Mädchen;

doch wir bleiben immer Gefährten.“


Er fand das Mädchen

(ein Drache entwich ihrem Mund).


„Und in dieser Nacht, wenn du zu Bett gehst,

werde auch ich dort liegen.“


Er nahm sein Schwert

und trat nahe an sie heran.

Der Jüngling sprach:

„Das geht niemals an.

Wenn du sie willst,

so nimm du das Mädchen.“


„Sind wir denn keine Gefährten?

Schlaf du bei ihr;

auch ich werde hier schlafen.“


Um Mitternacht sieht er,

wie das Mädchen den Mund öffnet;

der Drache fuhr heraus.

Er zog sein Schwert,

hieb ihm seine drei Köpfe ab,

steckte die Köpfe in sein Gewand,

legte sich nieder

und schlief ein.

Am nächsten Morgen stand das Mädchen auf

und sieht ihren Mann lebendig an ihrer Seite.

Sie berichteten es dem Vater des Mädchens.

„Heute hat deine Tochter die Morgenröte

an der Seite ihres Mannes erblickt.“


„Das soll mein Schwiegersohn sein“,

sprach der Vater.


Der Jüngling nahm das Mädchen;

er zieht heim zu seinem Vater.


„Komm“, sagte der Tote,

„lass uns das Geld teilen.“

Sie machten sich ans Teilen.


„Das Geld haben wir geteilt;

lass uns auch deine Frau teilen.“


Der Jüngling sprach:

„Wie sie teilen?

Wenn du sie willst, nimm sie.“


„Ich nehme sie nicht;

wir werden teilen.“


„Wie teilen?“, fragte der Jüngling.


Der Tote sprach:

„Ich werde teilen.“


Der Tote ergriff sie,

er band ihre Knie.

„Pack du den einen Fuß,

ich nehme den anderen.“


Er erhob sein Schwert,

um das Mädchen zu schlagen.

In ihrer Furcht öffnete das Mädchen den Mund

und schrie,

und aus ihrem Mund fiel ein Drache.

Der Tote sprach zum Jüngling:

„Ich bin nicht aus auf eine Frau,

ich bin nicht aus auf Geld.

Diese Drachenköpfe waren es,

die die Männer verschlangen.

Nimm sie;

das Mädchen soll dein sein,

das Geld soll dein sein.

Du hast mir eine Wohltat erwiesen;

auch ich habe dir eine erwiesen.“


„Welche Wohltat habe ich dir erwiesen?“,

fragte der Jüngling.


„Du hast mich aus den Händen der Juden erlöst.“


Der Tote schied an seinen Ort,

und der Jüngling nahm seine Frau

und ging zu seinem Vater.




GESANG II


Es war eine Königin.

Vom Frühling der Jugend bis ins hohe Alter

gebar sie nicht mehr als diesen einen Sohn.

Ein Held war der Knabe.

Kaum dem Mutterschoß entsprungen,

sprach er zum Vater:

„Vater, hast du kein Schwert für mich, keine Keule?“


„Nein, mein Kind,

doch ich lasse dir eine schmieden.“


Der Sohn sprach:

„Lass es sein, Vater. Ich gehe, so wie ich bin.“


Er wandte sich ab und ging von dannen,

reiste durch die Weite der Zeit,

ohne Rast und ohne Scheu,

bis er tief in einen großen Forst geriet.

Dort streckte er sich aus im Schatten eines Baumes,

vom Wege ermüdet,

und verweilte eine Zeitlang.


Da traten der heilige Gott und St. Peter zu dem Knaben;

noch war er ungetauft.

Der heilige Gott fragte ihn:

„Wohin führt dich dein Weg, mein Knabe?“


„Ich ziehe aus auf der Suche nach Heldentaten, alter Gesell.“


Da sann der heilige Gott nach

und ließ eine Kirche erstehen.

Er senkte tiefen Schlaf auf den Knaben,

hieß St. Peter ihn heben

und schritt mit ihm hinab in das Gotteshaus.

Dort gab er ihm den Namen Handak.

Und der heilige Gott sprach zu ihm:

„Pate, ein Held wie du

wird niemals wieder die Erde betreten;

so nimm denn meine Patentochter zur Frau.“


Denn da war ein Mädchen,

ebenso von heroischer Kraft

und ebenso von Gott getauft.

Sie war seine Patentochter,

und er hieß seinen Patensohn, sie zu freien.

Er schenkte ihm einen Stab des Glücks

und ein gefurchtes Schwert,

segnete ihn mit unermesslicher Macht

und bettete ihn sanft auf die Erde.

Darauf stieg der Pate empor zum Himmel,

wie es dem heiligen Gott gebührt.


Handak erwachte und spürte die göttliche Kraft in seinen Adern.

Er brach auf, suchte das Abenteuer,

reiste durch die Weite der Zeit,

ohne Rast und ohne Scheu.

So kam er erneut in einen großen Forst.

Dort hauste ein Drache,

dreihundert Jahre alt.

Seine Wimpern reichten hinab bis zum Grund,

und sein Haar wallte nieder auf die Erde.

Der Knabe trat vor ihn und rief:

„Sei gegrüßt!“


„Sei mir willkommen.“


Kaum dass der Drache die Stimme vernahm,

erfasset er, dass dies Gottes eigener Patensohn war.

Und Handak fragte ihn:

„Wohnt Gottes Patentochter weit von hier?“


„Sie wohnt nicht fern;

nur drei Tage ist der Weg.“


Da brach der Knabe auf

und wanderte drei Tage lang,

bis er das Heim der Jungfrau erreichte.

Sobald die Maid ihn erblickte,

erkannte sie in ihm den Patensohn ihres Paten.

Sie hieß ihn eintreten in ihr Haus,

setzte ihm Speisen vor,

aß an seiner Seite und fragte:

„Was begehrst du hier, Handak?“


Er sprach:

„Ich bin gekommen, um dich zu freien.“


„Wen willst du freien?“


„Mich selbst, wenn du es verlangst.“


Sie sprach:

„Ohne Kampf gebe ich mich nicht dahin.“


Der Knabe erwiderte:

„Wohlan, lass uns ringen.“


Sie warfen sich in den Kampf

und rangen drei volle Tage;

da rang der Knabe sie nieder.

Er nahm sie an sich,

und gemeinsam traten sie vor ihren Paten.

Der segnete ihre Stirn,

krönte sie und schloss den Bund der Ehe.

Und sie wurden Herrscher über alle Lande.


Da wandte ich mich ab

und trug die Geschichte in die Welt.



GESANG III


Ein Kaisersohn ritt einst zur Jagd,

trennte sich weit von der Jäger Tross,

hörte am Strohhaufen, wie eine Jungfrau klagt,

hob sie zu sich auf sein Ross.


Er nahm sie heim und sprach: „Sieh, Mutter, mein Fund!“

Die Kaiserin gab sie dem Koch an die Hand,

dass er sie aufziehe Stunde um Stunde;

zwölf Jahre wuchs sie am Palastgewand.

Schön kleidete die Kaiserin das Kind,

dass sie am Tische die Teller wand.

Der Prinz gewann sie im Herzen lieb,

weil keine auf Erden so schön erschien.

Drei Jahre er treu an ihrer Seite blieb,

ohne dass die Mutter die Liebe ersann.


Da sprach er: „Mutter, ich nehme ein Weib.“

„Aus welchem Kaiserhaus stammt die Maid?“

„Sie soll es sein, die den Tisch uns deckt.“

„Nicht sie, mein Herzstück, das ist nicht recht!“

„Nehme ich sie nicht, so geht mir der Atem aus.“

„So nimm sie hin in unser Haus.“


Er freite sie, er nahm sie zur Frau.

Doch bald rief das Heer zum blutigen Feld.

Er ließ sie zurück, im Schoße das Leben neu,

und ritt hinaus in die fremde Welt.


Die Kaiserin rief zwei Knechte herbei:

„Führt sie in den Wald, nehmt ihr das Leben!

Ihr Herz und den kleinen Finger zugleich

müsst ihr mir als Zeichen der Tat übergeben.“


Sie setzten sie in den Wagen hinein,

ein Welpe lief ihnen nach auf der Spur.

Im düsteren Tann, beim Abendstein,

bat die Flehende mit zarter Natur:

„O tötet mich nicht, ich war euch stets gut!“

„Wie bringen wir ihr das Herz ohne Blut?“

„Schlagt den Welpen tot, sein Herz gleicht dem meinen,

und schneidet mir nur den Finger ab.“

Sie töteten den Hund unter Tränen und Weinen,

nahmen den Finger und gingen im Trab.


Die Frau rief nach: „Baut mir eine Hütte aus Rinde,

zündet ein Feuer mir, ehe ihr geht!“

Sie bauten das Obdach, verließen das Kind

und brachten der Kaiserin, was sie erfleht.


Dort gebar sie ein Söhnlein, frisch und gesund.

Gott selbst und St. Peter kamen herab,

tauften den Knaben im stummen Grund,

während Gott ihm die Büchse als Begleiter gab.

Ein Jäger sollte er werden fortan,

und Silvester war sein heiliger Name.

Aus der Rindenhütte wuchs ein festes Haus,

das Feuer erlosch nie in seiner Flamme.

Gott schenkte ein Brot, das niemals schwand,

wie viel sie auch aßen mit dankbarer Hand.


Der Knabe wuchs heran mit Mut,

nahm die Büchse und schritt durch den Tann.

Was er sah, das traf seine Kugel gut,

er trug es der Mutter als Speise ran.


Auf seinen Wegen im grünen Revier

fand er den Palast der Drachen im Moos.

Er setzte sich ruhig vor die Tür;

am Mittag brach das Unheil los.

Elf Drachen kehrten vom Raube heim,

zehn schoss er nieder auf einen Schlag,

den elften traf er nur am Bein,

dass er betäubt im Staube lag.

Er trug sie ins Schloss, schloss die Kammertür zu,

holte die Mutter und sprach voller Ruh:

„Komm mit mir, Mutter, ins neue Heim.“

„Wohin soll ich gehen, mein Sohn, mein Sein?“

„Dorthin, wo ich dich führen mag.“


Im Schlosse gab er ihr Schlüssel von Erz:

„Geh in jeden Raum, den dein Auge erspäht,

nur diese eine Tür meide, mein Herz!“

Dann ging er zur Jagd, bis die Sonne vergeht.


Die Mutter stand vor der verbotenen Tür:

„Warum schließt mein Sohn diesen Raum vor mir?

Ich will doch schauen, was drinnen ruht.“

Sie öffnete leise mit fremdem Mut.


Der Drache sprach aus dem Dunkel herfür:

„Bist du eine Jungfrau, sei Schwester mir;

bist du ein Weib, so wähle mein Bett.“

„Ich bin ein Weib, nimm mich hin zu dir.“

„So sei meine Frau, doch hältst du mir Treu?“

„Ich halte sie dir! Doch schwör mir aufs Neu!“

Sie schworen sich Eide, sie küssten den Mund,

sie tranken und aßen zu jeglicher Stund.


Als der Sohn von der Jagd nach Hause lief,

schloss sie den Drachen schnell wieder ein.

Am nächsten Morgen, als der Knabe schlief,

traten die beiden erneut zusammen ein.


Der Drache raunte: „Wie bringen wir ihn um?

Dann leben wir herrlich und ungestört!

Stell dich krank, tu schwach und stumm,

sag, dass dich ein Traum zu Bärenmilch führt.

Die Bärin wird ihn im Wald zerreißen,

dann sind wir frei von seinen Bissen.“


Der Sohn kam heim: „Was fehlt dir, Mutter mein?“

„Ich sterbe, mein Sohn! Nur Bärenmilch heilt.“

„Ich hole sie dir, du wirst nicht alleine sein.“

Er lief in den Wald, wo die Bärin verweilt.


Er hob die Büchse, da rief das Tier:

„Halt ein, du Mensch! Was suchst du hier?“

„Ich brauche deine Milch für das welke Herz.“

„So melke mich ruhig und lindre den Schmerz.“

Er füllte den Eimer und trug ihn nach Haus.

Die Mutter tat so, als tränke sie draus,

doch goss sie die Milch im Verborgenen aus.


Am nächsten Morgen ging er erneut,

da traf er den Mond in der Einsamkeit.

„Wer bist du?“, fragte der Knabe hell.

„Ich bin der Mond an des Himmels Schwell.“

„So sei meine Schwester!“, rief Silvester geschwind.

„Du bist Gottgeschenk, ich bin Gottes Kind;

ich will dir eine Schwester sein.“


Er schritt noch weiter durch Fels und Stein,

da traf er den Freitag auf seinem Pfad:

„Wer bist du?“, fragte er auf der Tat.

„Ich bin der Freitag, Gottes Kind.“

„So sei mir Schwester im Abendwind!“


Daheim raunte der Drache der Mutter zu:

„Schick ihn zur wilden Sau im Nu!

Ihre Hauerspitzen zerreißen die Haut.“

Die Mutter klagte dem Söhne laut:

„O bring mir die Milch von der wilden Sau!“

„Ich weiß nicht, ob es mir gelingt,

doch versuche ich es für meine Frau.“


Er fand die Sau im tiefen Reit,

sie schrie: „Schieß nicht! Ich bin bereit,

dir meine Milch im Eimer zu geben.“

Er trug sie heim; sie goss sie daneben.


Da sprach der Drache: „Die Tiere versagen!

Schick ihn zu den Bergen von Blut und Stein,

die wie Rämme gegeneinander schlagen!

Er soll dir das Wasser des Lebens tragen

und das Wasser der Heilung fein.

Stirbt er dort nicht, stirbt er nie mehr ein.“


Die Mutter sprach: „Ein Traum befahl,

mir Wasser der Blutberge zu bringen zum Mahl.“

Silvester ging hin zum Mond in der Nacht.

Die Schwester sprach: „Geh nicht, mein Bruder, hab Acht!

Du wirst dort sterben im wilden Krachen!“

„Ach was, ich gehe, das Werk zu machen!“


„So nimm mein Pferd, das trägt dich hin,

und nimm diese Uhr mit klarem Sinn!

Von Morgen bis Mittag stoßen die Felsen zusammen,

doch um die zwölfte Stunde ruht ihr Entflammen

für zwei Stunden in stiller Raste.

Dann schöpfe zwei Eimer am heiligen Maste!“


Zur Mittagsstunde stand er am Ort,

schöpfte das Wasser und ritt rasch fort.

Der Mond verbarg das Heilwasser schnell,

füllte einfache Eimer und sprach zum Gesell:

„Leg dich schlafen, du bist so matt.“

Er schlief sich aus an heiliger Statt.


„Komm, Schwester, ich reite zur Mutter zurück.“

„Nimm mein Schwert und wahre dein Glück!“


Die Mutter sah ihn von ferne nah’n,

der Drache sprach: „Bind seine Hände in Seide!

Sag, es sei für ein Spiel gethan,

ob er die Bänder als Held zerschneide.“


„Binde mich, Mutter!“, rief der Knabe rein.

Sie wand das Seil um die Finger fest.

Er zog—sein Antlitz lief rot an im Schein;

er zog—sein Gesicht wurde blau wie ein Stein;

er zog zum dritten Mal—schwarz wie die Nacht.


Da rief die Mutter: „Komm, Drache, erwacht!

Schneide ihm jetzt die Kehle durch!“


Der Drache trat vor ihn ohne Furcht:

„Was soll ich nun tun mit deinem Leib?“

„Zerstückele mich, bis nichts übrig bleibt,

pack mich in die Packtaschen auf das Pferd!

Wo es mich lebend getragen hat,

da trage es mich tot hinab.“


Der Drache hieb ihn in Stücke klein,

warf das Fleisch in die Taschen hinein.

Das Pferd lief geradewegs hin zum Mond.

Die Schwester weinte, wo der Himmel wohnt.

Sie rief den Mittwoch, den Freitag herbei,

wuschen die Stücke im Trog ohne Scheu,

fügten die Glieder zusammen auf'm Tisch,

besprengten mit Heilwasser Fleisch und Fisch,

und das Wasser des Lebens weckte den Schein.


Er schlug die Augen auf: „Wie schlief ich so tief!“

„Du hättest ewig geschlafen, wenn niemand dich rief!“

„Ich muss zur Mutter!“, sprach er wild.

„So geh mit Gott und führt sein Schild!“


Er trat ins Schloss. Die Mutter tanzte im Saal

mit dem Drachen bei Wein und reichlich Mahl.

„Guten Tag euch beiden!“, rief der Sohn.

„Was soll ich nun tun mit dir, du Dämon?“


Der Drache bat: „Zerstückele mich,

pack mich aufs Pferd, das reitet für dich!

Wo es mich lebend getragen hat,

da trage es mich tot hinab.“


Silvester hieb den Drachen in Stücke klein,

stach dem Pferde beide Augen aus,

dass es blind stolperte über Fels und Stein.

Die Stücke fielen ins Gras hinein,

die Krähen fraßen das Fleisch beim Schmaus.


Dann schoss Silvester einen Hasen im Feld,

zog ihm die Haut ab, briet ihn am Feuer.

Er sprach zur Mutter: „Blick her, ungeheuer!“

Sie blickte ihn an—er schlug ihr ins Gesicht,

dass die Augen ihr sprangen aus dem Licht.


Er führte die Blinde zum Kruge hin:

„Wenn dieser Krug voll Zähren steht

und du ein Bündel Heu gegessen hast,

dann vergibt dir Gott deine schwere Last

und gibt dir die Augen zurück zur Stätt'.“


Drei Jahre band er sie an den Krug.

Nach drei Jahren dachte er an ihr Schicksal zurück:

„Ich will gehen und schauen, wie es ihr ergeht.“


Da war der Krug voll Zähren gefüllt,

das Bündel Heu war gegessen im Stillen.

„Nun vergibt dir Gott, nun verzeih ich dir auch!

Geh hin in Frieden nach heiligem Brauch.“



GESANG IV


Es war ein König,

von Jugend auf bis ins hohe Alter ohne Sohn.

Im Alter wurden ihm drei Töchter geboren.

Am Morgen ihrer Geburt kam der Unreine Geist

und nahm sie fort, die drei Jungfrauen.

Er kämpfte um eine Frau, die Schlangenjungfrau;

da wurde ihm der Schnurrbart halb weiß

und halb das Haar seines Hauptes,

um der Schlangenjungfrau willen.

Die Zeit verstrich, er hatte keinen Sohn,

und seine Töchter hatte der Unreine Geist entführt.


Da sann er nach und dachte:

„Was soll ich tun, Frau?

Ich will auf drei Jahre fortziehen;

kehr ich zurück, lass mich einen Sohn finden, geboren von dir.

Find ich in einem Jahr keinen, töte ich dich.“


Er ging und reiste ein Jahr und einen Tag.

Seine Frau sann nach und dachte.

Wie sie so sann, ging ein Mann vorbei mit Äpfeln:

Wer einen seiner Äpfel isst, wird empfangen.

Da ging sie hin, nahm einen Apfel, aß ihn

und empfing.

Die Zeit kam, da sie gebären sollte.

Sie gebar einen Sohn und nannte ihn Cosmas.

Sein König kam in jener Nacht

und schickte einen Boten, die Frau zu fragen.


Sie sprach: „Dein Gebot ist erfüllt.“


Da trat er ein,

und als er den Knaben sah, war sein Herz erfüllt.


Die Zeit kam, da der Knabe heranwuchs

und ganz das Ebenbild seines Vaters wurde.

Die Zeit kam, da sein Vater starb.

Zu jener Zeit fühlte er sich als Mann,

er streckte seinen kleinen Finger aus

und hob den Palast empor.

Dann kam er von der Jagd zurück,

hob das Fundament des Palastes

und hieß seine Mutter, ihre Brust darunterzulegen.

Die Mutter legte ihre Brust unter das Fundament,

und er ließ es auf sie drücken.

Da schrie sie laut auf.


Der Knabe sprach zu ihr:

„Mutter, sag mir, warum war meines Vaters Schnurrbart halb weiß?“


Da sprach sie zu ihm:

„Mein Lieber, dein Vater kämpfte neun Jahre um die Schlangenjungfrau

und gewann sie nie.“


Da fragte er: „Und habe ich keinen Bruder?“


„Nein“, sprach sie, „aber du hast drei Schwestern,

und der Unreine Geist hat sie entführt.“


Er fragte: „Wohin hat er sie entführt?“


Da sprach sie, er habe sie ins Land der Abendsonne getragen.


Da nahm er seines Vaters Sattel und Zaumzeug,

dazu das Fohlen seines Vaters,

zog aus, die Schwestern zu suchen,

gelangte zum Haus seiner Schwester,

schleuderte seine Keule und zerschmetterte die Pflaumenbäume.


Da kam seine Schwester heraus und sprach:

„Warum hast du die Pflaumenbäume zerschmettert?

Der Unreine Geist wird kommen und dich töten.“


Da sprach er: „Ich will nicht, dass du schlecht von mir denkst;

komm lieber und gib mir einen Trunk Wein und einen Bissen Brot.“


Sie brachte Brot und Wein.

Als sie ihm Brot und Wein reichte,

erblickte sie das Fohlen ihres Vaters und erkannte es.

Da sprach sie: „Das muss meines Vaters Pferd sein.“


„So wisse denn, dass ich auch das Seine bin.“


Da fiel sie ihm um den Hals und er ihr.


Dann sprach sie zu ihm:

„Mein Bruder, der Unreine Geist wird aus der Zwölften Region kommen,

er wird kommen und dich vernichten.“


Da kam der Unreine Geist und schleuderte seine Keule;

sie öffnete zwölf Türen und hängte sich an ihren Haken.

Da nahm Cosmas sie und schleuderte sie zwölf Regionen weit fort.

Der Unreine Geist holte sie,

kam mit ihr in der Hand nach Hause und fragte:

„Frau, ich rieche Menschenfleisch?“


(Sie hatte ihren Bruder in einen Ohrring verwandelt und ins Ohr gesteckt.)


Da sprach sie:

„Du frisst immerzu Leichen und willst nun auch mich fressen,

denn auch ich bin sterblich.“


Da sprach er zu ihr:

„Lüge nicht; mein Schwager ist gekommen.“


„Nun denn, wenn dein Schwager gekommen ist,

wirst du ihn fressen?“


Da sprach er: „Ich werde nicht.“


„Schwöre es auf dein Schwert, dass du ihn nicht frisst.“


Da nahm sie ihn aus ihrem Ohr und setzte ihn an den Tisch.

Er aß am Tisch mit dem Unreinen Geist.


Dann ging der Knabe hinaus,

kroch in die Fessel seines Fohlens und verbarg sich dort.

Der Unreine Geist stand auf, suchte überall

und fand ihn nicht.

Er setzte sein Horn an den Mund, blies einen Stoß

und rief alle Vögel auf das Pferd zusammen,

und sie durchsuchten jedes Haar des Pferdes.

Gerade als er zur Fessel kam,

da krähten die Hähne, und er fiel.


Cosmas trat hervor und ging zu ihm.

„Guten Tag, Schwager.“


Da fragte er ihn: „Wo warst du?“


„Nun, ich war im Heu, vor dem Pferd.“


Da nahm Cosmas Abschied von ihnen,

ging zu seinen anderen Schwestern

und trieb es mit ihnen genau wie mit dieser.


Da fragte ihn seine kleinste Schwester:

„Wohin gehst du, mein Bruder?“


„Ich gehe, die weiße Stute zu hüten

und eines ihrer Fohlen zu gewinnen,

und ich gehe, die Schlangenjungfrau zu erobern.“


Da sprach sie zu ihm:

„Geh, mein Bruder, und wenn du das Fohlen gewinnst, komm zu mir.“


Er ging.


Nun jagten einige Bauern einen Wolf, um ihn zu töten.

Der Wolf sprach: „Cosmas, verlass mich nicht.

Schicke die Bauern auf den falschen Weg, damit sie mich nicht töten;

und nimm eines meiner Haare und steck es in deine Tasche.

Wann immer du an mich denkst, bin ich da, wo du auch sein magst.“


Als er weiterging, stieß er auf einen Raben mit gebrochenem Flügel,

der sprach: „Geh nicht an mir vorbei, Cosmas;

binde meinen Flügel;

ich gebe dir eine Feder für deine Tasche,

und wann immer du in Nöten bist, bin ich bei dir.“


Als er noch weiterging, stieß er auf einen Fisch,

der sprach: „Cosmas, geh nicht an mir vorbei.

Binde mich an den Schweif deines Pferdes und setz mich ins Wasser,

denn ich werde dir viel Gutes tun.“


Er tat so und setzte ihn ins Wasser.


Da kam er zu der alten Frau, der die weiße Stute gehörte;

sie saß vor ihrer Tür, und er sprach zu ihr:

„Gibst du mir ein Fohlen der weißen Stute, Alte?“


Die Alte sprach:

„Kannst du sie drei Tage hintereinander finden,

gehört eines ihrer Fohlen dir.

Kannst du sie aber nicht finden,

schlage ich dir den Kopf ab und stecke ihn auf jenen Pfahl.“


„Ich werde sie finden“, sprach er.


Sie gab ihm die weiße Stute,

und er ritt mit ihr davon, um sie zu suchen.

Die Stute lief unter die Schafe

und verbarg sich in der Erde.

Der Knabe machte sich auf und suchte die Stute,

doch er fand sie nicht.

Da kam ihm der Wolf in den Sinn, und er dachte an ihn.


Der Wolf kam und fragte ihn: „Was ist los, Knabe?“


Er sprach: „Ich kann die weiße Stute nicht finden.“


Der Wolf sprach: „Siehst du dieses da, das größte der Schafe?

Das ist sie. Geh und lass sie den Stock kosten.“


Da rief der Knabe sie, und sie wurde zum Pferd.

Und er ging mit ihr zu der alten Frau.


Die alte Frau sprach: „Du hast noch zwei Tage.“


„Gut, alte Dame“, sprach der Knabe.


Am nächsten Tag nahm er sie wieder und ritt davon, um sie zu suchen.

(Die alte Frau hatte die Stute geschlagen, weil sie sich nicht gut verborgen hatte,

sodass er sie hätte finden können.

Und die weiße Stute hatte gesagt: „Verzeih mir, alte Frau.

Diesmal verberge ich mich in den Wolken, und er wird mich nie finden.“)


Der Knabe ritt mit ihr davon, um sie zu suchen;

und sie ging in die Wolken.

Da machte sich der Knabe an die Arbeit und suchte von morgens bis mittags.

Da kam ihm der Rabe in den Sinn;

und wie er an ihn dachte, kam der Rabe und fragte:

„Was ist los, Knabe?“


„Nun, ich habe die weiße Stute verloren und kann sie nicht finden.“


Da rief der Rabe alle Raben zusammen,

und sie suchten nach allen Seiten, bis sie sie fanden.

Sie nahmen sie in ihre Schnäbel und brachten sie dem Knaben.

Der Knabe nahm sie und führte sie zu der alten Frau.


„Du hast noch einen Tag“, sprach die alte Frau.


So kam der Tag, an dem der Knabe die Stute noch einmal finden musste.

(In jener Nacht hatte die alte Frau die weiße Stute geschlagen und fast getötet.

Und die Stute hatte zu der alten Frau gesagt:

„Wenn er mich diesmal findet, alte Frau,

kannst du wissen, dass ich geplatzt bin, denn ich gehe mitten ins Meer.“)


Als der Knabe mit ihr fortzog, ging sie ins Meer.

Der Knabe suchte nach ihr,

und es fehlte nicht mehr viel bis zur Nacht.

Da kam ihm der Fisch in den Sinn.

Der Fisch tauchte vor ihm auf und sprach: „Was ist los, Knabe?“


„Ich weiß nicht, wohin die weiße Stute gegangen ist.“


Der Fisch ging und rief alle Fische zusammen;

und sie gaben die weiße Stute heraus, mit ihrem Fohlen hinter ihr.

Der Knabe nahm sie.

Er ging mit ihr zu der Alten, und sie sprach zu ihm:

„Nimm, Lieber, welches dir gefällt.“


Der Knabe wählte das jüngste Fohlen.


Die Alte sprach: „Nimm nicht das da, mein Knabe; es ist kein gutes.

Nimm ein schöneres.“


Der Knabe sprach: „Lass gut sein.“


Der Knabe ging weiter;

das Fohlen schlug einen Purzelbaum

und wurde golden, mit vierundzwanzig Flügeln.

Und der Drache hatte keines wie dieses.

Er ging zu seinen Schwestern, nahm alle drei,

nahm auch die Schlangenjungfrau

und zog mit ihnen nach Hause.

Weder der Unreine Geist noch der Drache konnten ihn einholen.

Er ging nach Hause.

So feierte er Hochzeit; und sie aßen und tranken.

Und ich ließ sie dort

und kam, um Euren Herrschaften meine Geschichte zu erzählen.




GESANG V


Ein armer Zigeuner lebte dort,

mit vielen kleinen Kindern.

Seine Frau ging in die Stadt,

bettelte um ein paar Kartoffeln und etwas Mehl,

doch ihr fehlte das Fett.

„Warte nur“, dachte sie,

„der Pfarrer hat ein Schwein geschlachtet,

ich bitte ihn um ein Stück Fett.“

Als sie ankam, trat der Pfarrer heraus,

nahm seine Peitsche und schlug sie tüchtig.

Sie kehrte heim und klagte ihrem Mann:

„O mein Gott, wie hat er mich geschlagen!“

Der Zigeuner stand bei der Arbeit.

Der Hammer fiel ihm sogleich aus der Hand.

„Warte nur, ihm zeige ich einen Streich

und lehre ihn eine Lektion.“

Er ging zur Kirche, sah sich die Tür an,

wie er den Schlüssel zum Turm fertigen könnte.

Heimgekehrt saß er am Amboss,

machte sich sogleich an den Schlüssel.

Er ging zurück und versuchte die Tür:

Sie öffnete sich, als sei er für sie gemacht.

„Warte nur“, dachte er,

„was brauche ich als Nächstes?“

Er lief zum Laden, kaufte feines Papier,

so weiß wie das Gewand des Pfarrers zur Messe.

Damit ging er zum Schneider,

ließ sich ein Engelskleid nähen;

er sah darin aus wie ein Priester.

Zuhause sprach er zum zwanzigjährigen Sohn:

„Hör zu, mein Junge, komm mit mir,

nimm den Topf und fange hundert Krebse.

Ha, sie sollen sehen, was ich heute Nacht tue;

der Pfarrer entkommt mir nicht mit dem Leben.“

Die Mitternacht kam.

Der Zigeuner ging in die Kirche,

zündete alle Kerzen an, die er fand.

Die Köchin blickte hinaus:

„Mein Gott, was ist geschehen?

Die ganze Kirche ist erleuchtet!“

Sie weckte den Pfarrer:

„Steh auf! Lass uns sehen, was da ist.

Die ganze Kirche brennt von innen!“

Der Pfarrer erschrak zutiefst.

Er zog sein Gewand an und eilte hin.

Der Zigeuner sang wie ein Priester im Dom:

„O Gott, wegen der Sünder bin ich gekommen!

Wer viel Geld mit sich bringt,

den trage ich ins Paradies,

wo es ihm wohl ergehen wird!“

Der Herr hörte es,

ging heim und holte all sein Geld.

Der Pfarrer kehrte zurück.

Der Zigeuner sang, er solle sich beeilen,

denn das Ende aller Dinge sei nahe.

Er öffnete den Sack, der Pfarrer stieg hinein.

Der Zigeuner nahm all das Geld

und verbarg es in seiner Tasche.

„Gut! Nun bist du mein.“

Als er den Sack schloss,

packte den Pfarrer die große Angst:

„Mein Gott, was wird aus mir?

Ist es Gott selbst oder ein Engel?“

Der Zigeuner schleifte ihn die Stufen hinab.

Der Pfarrer schrie vor Schmerz,

er möge sanft mit ihm umgehen,

seine Knochen seien schon gebrochen.

Er zog ihn durch das Schiff der Kirche,

warf ihn vor die Tür in eine Ansammlung von Dornen.

Er schleifte ihn hin und her,

dass die Dornen tief in sein Fleisch drangen.

Als der Pfarrer mehr tot als lebendig war,

öffnete der Zigeuner den Sack und ließ ihn liegen.

Heimgekehrt verbrannte der Zigeuner die Verkleidung,

damit niemand die Tat aufdecke.

Er besaß nun mehr als achthundert Silberstücke.

Er, seine Frau und seine Kinder waren voller Freude;

und wenn sie nicht gestorben sind,

dann leben sie noch heute.

Am Morgen kam der Küster zum Läuten

und fand den Sack vor der Kirche.

Der Pfarrer war ganz tot.

Erschrocken lief er in die Stadt und rief es aus.

Das arme Volk und die Herren kamen herbei,

während die Kerzen in der Kirche noch brannten.

Sie begruben den Pfarrer mit allen Ehren.

Wenn er nicht verfault ist, so ist er noch ganz

Mögen die Teufel ihn noch immer fressen.

Ich war dabei und habe alles gehört.

Ein kurzer Auszug der dritten Fassung aus Ungarn:

Irgendwo war es, irgendwo war es nicht,

glücklicher, goldener Gott!

Ein armer Zigeuner traf eine alte Frau.

Sie sprach: „Geh in jenes Schloss zur Herrin,

nimm ihren Ring, stecke ihn an deine Hand

und drehe ihn dreimal.

Dann wirst du so viel Mehl und Brot haben,

dass du nicht weißt, wohin damit.“

Er gewann vierundzwanzig Wagen voller Geld,

indem er die Frau des Edelmanns verführte

und den Mann mit einer Leiche fortlockte.

Später tötete er seine Kinder und seine Frau,

betrog eine Alte um ihr Geld,

heilte und heiratete die Königstochter,

verließ sie wieder, weil sie seine Nägel nicht verkaufen wollte,

und nahm schließlich ein Zigeunermädchen zur Frau,

das ihm weit besser gefiel.




GESANG VI


Es waren einmal, wo sie waren,

ein König und eine Königin.

Sechzehn Jahre lang

hatten sie weder Sohn noch Tochter.

Da dachte der König,

sie würden nie Kinder haben,

und er weinte und jammerte ohne Unterlass:

Was sollte aus ihnen werden ohne Erben?

Da sprach der König zur Königin:

»O Königin, ich werde hinweggehen und dich verlassen.

Und wenn ich zurückkehre

und keinen von dir geborenen Sohn vorfinde,

so wisse: Entweder töte ich dich mit eigener Hand,

oder ich jage dich davon

und lebe nicht länger mit dir.«

Da sandte ein anderer König eine Fehde,

er solle kommen und kämpfen;

wenn er nicht käme,

würde er ihn auf seinem Throne erschlagen.

Der König sprach zur Königin:

»Sieh, o Königin, eine Aufforderung zum Kampf ist da.

Hätte ich einen Sohn,

wäre er nicht gegangen,

und ich wäre daheim geblieben?«

Sie antwortete:

»Wie kann ich es wenden, o König,

wenn Gott uns keinen Sohn hat schenken wollen?

Was kann ich tun?«

Er sprach:

»Schwätze mir nicht von Gott!

Wenn ich komme und keinen Sohn vorfinde,

den du geboren hast,

werde ich dich töten.«

Und der König zog von dannen.

Da beratschlagten der heilige Gott und Sankt Peter,

was sie für die Königin tun könnten.

Gott sprach zu Peter:

»Hörst du, Peter, geh hinab mit diesem Apfel,

schreite unter ihrem Fenster vorbei und rufe:

›Ich habe einen Apfel,

und wer davon isst, wird empfangen.‹

Sie wird dich hören.

Denn es wäre Jammer, Peter,

wenn der König käme und sie tötete.«

Da nahm Sankt Peter den Apfel,

stieg hinab und tat, wie Gott ihm geboten hatte.

Er rief vor dem Fenster der Königin.

Sie hörte ihn, trat heraus,

rief ihn zu sich und fragte:

»Wie viel verlangst du für diesen Apfel, Mann?«

Er sprach:

»Ich verlange viel;

gib mir einen Beutel voller Geld.«

Die Königin nahm den Beutel Geld,

gab ihn ihm,

nahm den Apfel und aß ihn auf.

Und als sie ihn gegessen hatte,

empfing sie.

Sankt Peter aber ließ ihr den Beutel Geld dort liegen.

So nahte die Zeit der Niederkunft.

An eben dem Tage, da sie ihren Sohn gebar,

kehrte sein Vater aus dem Kriege zurück,

und er hatte den Sieg errungen.

Als er nach Hause kam

und vernahm, dass die Königin ihm einen Sohn geboren hatte,

ging er in die Schenke

und trank, bis er trunken war.

Und als er von der Schenke heimkehrte,

erreichte er die Tür,

fiel nieder

und starb.

Der Knabe hörte davon,

machte sich los aus den Armen der Mutter,

ging zum Schankwirt

und erschlug ihn mit einem einzigen Schlag.

Dann kehrte er heim.

Das Volk und die Großen des Reiches sahen ihn,

was für ein Held er war,

und staunten über ihn.

Doch ein böser Blick traf ihn,

und drei Tage lang lag er zu Bett.

Und er starb am bösen Blick.




GESANG VII


Es waren drei Prinzessinnen,

sie rühmten sich vor den drei Prinzen.

Die eine rühmte sich, sie werde ihm 

einen goldenen Knaben 

und ein goldenes Mädchen schenken.

Die zweite rühmte sich, sie werde sein ganzes Heer 

mit einer einzigen Brotrinde nähren.

Und die dritte rühmte sich, sie werde das ganze Heer 

mit einer einzigen Spindel voll Garn kleiden.


Die Zeit kam, da die Prinzen die drei Jungfrauen nahmen.

Und für jene, die sich gerühmt hatte,

den goldenen Knaben und das goldene Mädchen zu gebären,

kam die Stunde.

Sie wurde schwer von Kindesbeinen,

und in den Geburtswehen sank sie auf den Herdwinkel nieder.


Die Hebamme kam und die Mutter des Prinzen.

Und sie gebar einen goldenen Knaben und ein goldenes Mädchen.

Doch ihr Mann war nicht da.

Da nahmen die Hebamme und seine Mutter einen Hund und eine Hündin

und legten sie unter sie.

Die Hebamme ergriff den Knaben und das Mädchen

und warf sie in den Fluss.

Sie trieben auf den Wellen dahin,

bis ein Mönch sie fand.


Als der Vater zur Jagd zog,

stieß er auf den Knaben.

„Lass dich von mir küssen“, sprach er,

denn er dachte: Meine Frau sagte, sie würde mir einen solchen goldenen Knaben und ein solches Mädchen gebären.

Er kehrte heim und wurde krank vor Sehnsucht;

die Hebamme und seine Mutter bemerkten es.


Die Hebamme fragte ihn: „Was fehlt dir?“

Er antwortete: „Ich bin krank,

weil ich einen Knaben sah, 

so wie meine Frau ihn mir versprochen hatte.“


Da ließ seine Mutter nach den Kindern schicken,

und der Mönch brachte sie herbei.

Sie fragte ihn: „Woher hast du diese Kinder?“

Er sprach: „Ich fand sie beide auf dem Fluss treibend.“


Der König erkannte, dass es seine Kinder sein mussten;

sein Herz entbrannte in Liebe zu ihnen.

Er rief den Mönch zu sich und fragte: „Woher hast du diese Kinder?“

Er sprach: „Ich fand sie auf dem Fluss treibend.“


Er führte den Mönch vor seine Mutter und die Hebamme

und rief: „Siehe, Mutter, meine Kinder!“


Da reute es sie, und sie gestand: „So ist es.

Ja, mein Lieber, die Hebamme legte sie in ein Kästchen

und warf sie ins Wasser.“


Da zündete er den Schmelzofen an

und warf seine Mutter und die Hebamme hinein.

Er verbrannte sie; so taten sie Buße.

Er rief alle Könige zusammen,

aus Freude darüber, dass er seine Kinder wiedergefunden hatte.


Von dort kam ich her, das Märchen ist erzählt.




GESANG VIII


Es heißt, da war ein Kaiser,

und er hatte drei Söhne.

Er gab einen Ball,

die ganze Bukowina kam herbei.

Ein Nebel stieg auf,

ein Drache erschien,

ergriff die Kaiserin

und trug sie fort in die Wälder, auf einen Berg,

und setzte sie nieder auf die Erde.

Dort, tief im Erdreich, lag ein Palast.

Als der Ball zu Ende war, kehrten die Gäste heim.

Der jüngste Sohn war ein Seher,

seine älteren Brüder hielten ihn für verrückt.

Der Jüngste sprach:

„Lasst uns der Mutter nachgehen

und sie suchen in der Bukowina.“

So brachen die drei auf und gelangten an eine Stelle,

wo drei Wege sich teilten.

Der Jüngste fragte:

„Brüder, welchen Weg wollt ihr wählen?“

Der Älteste sprach:

„Ich gehe geradeaus.“

Der Mittlere wandte sich nach rechts,

der Jüngste nach links.

Der Älteste ging in die Städte,

der Mittlere in die Dörfer,

der Jüngste in die Wälder.

Ein Stück Weges waren sie gegangen,

da drehte sich der Jüngste um und rief:

„Kommt her!

Wie sollen wir wissen, wer unsere Mutter findet?

Lasst uns drei Trompeten kaufen;

wer sie findet, soll sogleich hineinblasen.

Wir werden ihn hören und kehren um.“

Der Jüngste zog in die Wälder.

Ihn hungerte, und er fand einen Apfelbaum voll Früchte.

Er aß einen Apfel —

und zwei Hörner wuchsen ihm auf dem Kopf.

Da sprach er: „Was Gott mir gegeben hat, das will ich tragen.“

Er ging weiter und überquerte einen Fluss;

da fiel das Fleisch von seinen Knochen.

Und wieder sprach er:

„Was Gott mir gegeben hat, das will ich tragen. Gott sei Dank.“

Er ging weiter und fand einen zweiten Apfelbaum.

Er sprach: „Ich will noch einen Apfel essen,

und wüchsen mir zwei weitere Hörner.“

Er aß ihn, und die Hörner fielen ab.

Er ging weiter und stieß erneut auf einen Fluss.

Er sprach: „Gott, mein Fleisch ist abgefallen,

nun werden meine Knochen vergehen;

doch selbst wenn es so ist, gehe ich weiter.“

Er schritt durch das Wasser;

sein Fleisch wuchs schöner nach als je zuvor.

Er stieg auf einen Berg.

Dort, an einer baumlosen Stelle, lag ein Felsbrocken.

Er streckte die Hand aus, rückte ihn beiseite

und erblickte ein Loch in der Erde.

Er schob den Felsen zurück an seinen Ort,

ging ein Stück Weges und stieß in sein Horn.

Seine Brüder hörten es und kamen.

„Hast du unsere Mutter gefunden?“

„Das habe ich. Kommt mit mir.“

Sie gingen zum Berg, hin zu dem Felsen.

„Wälzt diesen Stein weg.“

„Wir können es nicht.“

„Kommt, ich wälze ihn weg.“

Er legte seinen kleinen Finger daran und rückte ihn beiseite.

„Ha!“, sprach er, „hier ist unsere Mutter.

Wer lässt sich hinab?“

Sie sprachen: „Ich nicht.“

Der Jüngste sagte:

„Kommt mit mir in den Wald;

wir schälen Rinde ab und flechten ein Seil.“

Das taten sie und fertigten einen Korb.

„Ich lasse mich hinab,

und wenn ich am Seil rucke, zieht mich herauf.“

Er ließ sich hinab und gelangte zum ersten Haus.

Dort fand er eine Kaisertochter,

die der Drache geraubt und gefangen hielt.

Sie sprach: „Warum bist du hier?

Der Drache wird dich töten, wenn er kommt.“

Er fragte sie: „Hat der Drache nicht eine alte Frau hierher gebracht?“

Sie antwortete: „Ich weiß es nicht,

aber geh zum zweiten Haus; dort ist meine mittlere Schwester.“

Er ging zu ihr. Auch sie sprach:

„Warum bist du hier? Der Drache wird dich töten, wenn er kommt.“

Er fragte: „Hat er nicht eine alte Frau gebracht?“

Sie antwortete: „Ich weiß es nicht,

aber geh zum dritten Haus; dort ist meine jüngste Schwester.“

Die Jüngste sprach: „Warum bist du hier?

Der Drache wird dich töten, wenn er kommt.“

Er fragte: „Hat er nicht eine alte Frau hierher gebracht?“

Sie sprach: „Hat er — ins vierte Haus.“

Er ging zu seiner Mutter, und sie sprach:

„Warum bist du hier? Der Drache wird dich töten, wenn er kommt.“

Er aber sagte: „Fürchte dich nicht, komm mit mir.“

Er führte sie fort, setzte sie in den Korb und sprach zu ihr:

„Sag meinen Brüdern, sie müssen noch drei Jungfrauen heraufziehen.“

Er ruckte am Seil, und sie zogen die Mutter empor.

Er setzte die älteste Tochter in den Korb,

sie zogen sie herauf;

dann die mittlere, ruckte am Seil, und sie zogen sie herauf.

Während sie zogen, ließ er die jüngste schwören:

„Heirate nicht, bis ich komme.“

Sie schwor, nicht zu heiraten, bis er käme.

Er setzte auch sie in den Korb, ruckte am Seil,

und sie zogen sie empor.

Dann fand er einen Stein, legte ihn in den Korb und ruckte am Seil.

„Wenn sie den Stein heraufziehen, ziehen sie auch mich.“

Sie zogen ihn auf halbe Höhe;

da riss das Seil, und sie überließen ihn dem Tod,

denn sie glaubten, er selbst sei im Korb.

Da begann er zu weinen.

Er ging in den Palast, wo der Drache hauste,

zog eine Schatulle hervor und fand einen rostigen Ring.

Er rieb und säuberte ihn;

da trat ein Herr hervor und sprach:

„Was verlangst du, Meister?“

„Trage mich hinaus in die Welt.“

Der Geist nahm ihn auf die Schultern und trug ihn hinaus.

Der Jüngste nahm zwei Eimer Wasser.

Wusch er sich mit dem einen, wandelte sich sein Antlitz;

wusch er sich mit dem anderen, wurde es wieder wie zuvor.

Der Geist brachte ihn zu einem Schneider in der Stadt seines Vaters.

Er wusch sich mit dem Wasser,

und sein Gesicht veränderte sich.

Er ging zu dem Schneider, der im Dienste seines Vaters stand,

und verdingte sich als Lehrling für ein Jahr,

nur um in einem anderen Raum nach dem Baby zu sehen.

Zwölf Lehrlinge hatte der Schneider.

Weder der Schneider noch die Brüder erkannten ihn.

Der älteste Bruder hielt um die Hand der jüngsten Schwester an,

die der Seher vor dem Drachen gerettet hatte.

Sie aber sprach: „Nein, ich habe geschworen,

nicht zu heiraten, bis mein Liebster kommt.“

Der mittlere Sohn hielt ebenfalls um sie an;

sie sprach: „Ich will nicht, bis mein Liebster kommt.“

So heiratete der älteste Sohn die älteste Tochter,

der mittlere Sohn heiratete die mittlere;

und sie riefen den Schneider, Hochzeitsgewänder zu nähen,

und gaben ihm den Stoff.

Der Kaisersohn sprach: „Gib mir den Stoff zum Nähen.“

„Nein, das tue ich nicht, du wirst ihm nicht passen.“

„Gib ihn mir. Ich komme für den Schaden auf,

wenn ich ihn nicht recht nähe.“

Der Schneider gab ihm den Stoff.

Der Jüngste rieb an dem Ring.

Hervor trat der kleine Herr und sprach:

„Was verlangst du, Meister?“

„Nimm diesen Stoff, geh zu meinem ältesten Bruder

und nimm sein Maß, damit es weder zu weit noch zu eng wird,

sondern aufs Haar passt.

Und nähe es so, dass man keinen Faden sieht.“

Der Geist nähte es so sauber,

dass niemand sagen konnte, wo die Naht verlief.

Am Morgen brachte er die Gewänder dem Schneider.

„Trage sie hin.“

Als sie die Kleider sahen, fragten sie den Schneider:

„Wer hat diese Gewänder gemacht?

Nie zuvor hast du so trefflich gearbeitet.“

„Ein neuer Lehrling hat sie gemacht.“

„Da die Jüngste uns nicht wollte,

geben wir sie ihm, auf dass er für uns arbeite.“

Sie hielten Hochzeit.

Nach der Feier riefen sie den Lehrling,

riefen auch die Jungfrau und hießen sie zu ihm gehen.

Sie sprach: „Ich will nicht“,

denn sie erkannte ihn nicht.

Der älteste Kaisersohn packte sie, um sie zu schlagen.

Sie sprach: „Ich gehe nicht zu ihm.“

„Du musst!“

„Und wenn ihr mir die Kehle durchschneidet — ich tue es nicht.“

Da sprach der jüngste Sohn:

„Ich sage euch was, Prinzen:

Lasst mich mit ihr in ein Nebenzimmer gehen und mit ihr sprechen.“

Er nahm sie beiseite,

wusch sich mit dem anderen Wasser,

und sein Antlitz wurde wieder wie zuvor.

Da erkannte sie ihn.

„Komm, nun will ich dich nehmen.“

Er wusch sich erneut mit dem ersten Wasser,

sein Gesicht wandelte sich wiederum,

und er trat vor den Kaiser zurück.

Der Kaiser fragte sie: „Willst du ihn nehmen?“

„Ich will.“

„In zwölf Tagen soll die Hochzeit sein.“

Sie riefen den alten Schneider und befahlen ihm:

„In zwölf Tagen halte alles bereit für die Hochzeit.“

Und sie kehrten heim.

Sechs Tage vergingen, und der Jüngste kümmert sich um nichts,

geht ärmlich gekleidet wie jeher.

Nun sind zehn Tage dahin, nur zwei verbleiben.

Der Schneider rief den Bräutigam:

„Was sollen wir tun? Nichts ist bereit für die Hochzeit!“

„Ach, gräme dich nicht und fürchte dich nicht:

Gott wird sorgen.“

Nur noch ein Tag blieb übrig.

Der Bräutigam ging hinaus und rieb den Ring.

Hervor trat der kleine Herr und fragte:

„Was verlangst du, Meister?“

„Errichte mir binnen eines Tages einen dreistöckigen Palast.

Er soll sich auf einer Schraube mit der Sonne drehen.

Sein Dach sei aus Glas, darin Wasser und Fische;

die Fische sollen im Dach schwimmen und spielen,

dass die Herren emporblicken und staunen über diese Pracht.

Es soll Speisen geben, goldene Schüsseln und silberne Löffel,

und ist ein Becher geleert, sei schon der nächste gefüllt.“

Noch am selben Tag war alles bereit.

„Und gib mir eine Kutsche mit sechs Pferden,

hundert Soldaten als Vorreiter

und zweihundert zu beiden Seiten.“

Am folgenden Morgen brach er zur Hochzeit auf,

er von dem einen Ort, sie von dem anderen.

Sie gingen zur Kirche, wurden getraut und kehrten heim.

Seine Brüder kamen, sein Vater und eine Schar von Herren.

Sie aßen und tranken, und alle blickten staunend zum Dach empor.

Als sie gegessen und getrunken hatten, fragte er die Herren:

„Was würdet ihr dem antun, der seinen Bruder zu töten sucht?“

Die Brüder hörten es und sprachen:

„Ein solcher verdient den Tod.“

Da wusch er sich mit dem anderen Wasser,

und sein Antlitz wurde wie zuvor.

So erkannten ihn seine Brüder.

Er sprach: „Guten Tag, Brüder.

Ihr dachtet, ich sei umgekommen.

Ihr habt euer eigenes Urteil gesprochen.

Kommt mit mir hinaus und werft eure Schwerter in die Luft.

Habt ihr gerecht an mir gehandelt, fallen sie vor euch nieder;

habt ihr ungerecht gehandelt, fallen sie euch auf den Kopf.“

Die drei warfen ihre Schwerter empor:

Das Schwert des Jüngsten fiel vor ihm nieder,

die Schwerter der beiden Brüder aber fielen ihnen auf den Kopf,

und sie starben.




GESANG IX


Ein Kaiser hatte einen einzigen Sohn,

den er zur Schule schickte, lesen zu lernen.

Der Knabe bat um einen Kameraden,

und Boten zogen mit einer Kutsche voller Dukaten durch die Welt,

bis sie einen Gefährten fanden, der klüger lernte als der Prinz selbst.


Natascha die Schönste herrschte über ihr Heer.

Zwölf Männer führten ihr Ross aus dem Stall,

zwölf hängten ihr Schwert an den Haken.

Sie gelobte, nur den zu heiraten,

der ihr Pferd bestiege und ihr Schwert schwänge.

Die Freier sahen die Macht des Tieres und flohen.


Der Prinz zog mit seinem Bruder aus, um um sie zu werben.

Am Lagerfeuer prahlte der Prinz,

wie er neben Natascha liegen, ihr Ross reiten und ihr Schwert schwingen würde.

Der Bruder entgegnete stets, am Ende werde er doch nur Schweine hüten.

Zornig schlug der Prinz dem Bruder den Kopf ab.

Doch zwei Huzulen heilten die Wunde mit dem Wasser des Lebens,

und versöhnt setzten die Gefährten ihren Weg fort.


Vor Natascha Hof bestieg der Gefährte das wilde Ross,

bändigte es mit der Keule und zwang es in den Staub.

Er schwang das gewaltige Schwert und schleuderte es so weit,

dass es dem schrecklichen Paul dem Wilden,

der an ein Dach genagelt war, die Hände abschlug.


Als die Brautwerber bedrängt wurden,

tauschte der Gefährte heimlich den Platz mit dem Prinzen.

Er schlug die bedrohlichen Diener in die Flucht

und verprügelte in der Nacht die übermächtige Natascha,

bis ihr nur noch die Kraft einer gewöhnlichen Frau blieb.

Erst danach überließ er dem Prinzen das Lager.

Als Natascha den Betrug bemerkte,

schnitt sie dem Gefährten im Schlaf die Füße ab.


Der Gefährte baute sich einen Gefährt-Karren

und traf auf Paul den Wilden, der ohne Hände war.

Sie schlossen Blutsbrüderschaft und zogen gemeinsam bettelnd umher.

In einem Waldhaus richteten sie sich ein.

Als ein böser Geist das Haus heimsuchte,

überwältigten sie ihn in der Nacht und erzwangen ein Wunder:

Eine heilige Quelle gab dem einen die Füße und dem anderen die Hände zurück.

Den Geist verbrannten sie zu Asche.


Der Gefährte kehrte zum Prinzen zurück,

der in Wahrheit als Schweinehirt lebte.

Er tauschte die Kleider mit ihm,

trieb die Herde heim und trat Natascha erneut entgegen.

Da er erkannte, dass ihre Grausamkeit noch nicht erloschen war,

zerschlug er sie, reinigte ihre Gestalt

und erweckte sie mit dem Wasser des Lebens zu einer sanften Frau.


So gab er sie seinem Bruder zur Gemahlin

und kehrte selbst in seine Heimat zurück.




GESANG X


Es war eine Witwe,

und sie hatte einen einzigen Sohn.

Er steckte seinen Ring in die Wand

und sprach:

„Mutter, wenn Blut aus dem Ring fließt,

dann bin ich tot.“


Und er wurde Peter Hübschgesicht genannt.


Er machte sich auf den Weg.

Da kam der Drache mit sechs Köpfen,

und er zog sein Schwert,

erschlug ihn,

machte drei Haufen aus ihm,

pflanzte eine rote Fahne

und zog weiter.

Und es kam ein Drache mit zwölf Köpfen,

und er zog sein Schwert,

erschlug auch ihn,

machte zwölf Haufen,

pflanzte eine schwarze Fahne

und zog weiter.

Und es kam einer mit vierundzwanzig Köpfen,

den erschlug er ebenso,

machte vierundzwanzig Haufen

und pflanzte eine weiße Fahne.


Siehe!

Die Drachen hatten die Tochter des Kaisers entführt —

zwölf Drachen waren es —

und sie in ihrem Schloss eingesperrt.

Sie kämpften von morgens bis mittags;

wer sich als der Stärkste erwiese,

der sollte das Mädchen freien.


Und seine Mutter hatte zu ihm gesagt:

„Wenn du gehst,

wirst du nicht durch einen Helden sterben,

sondern durch einen Krüppel.“


So ging er zu jenem Schloss

und sah das Mädchen am Fenster.

Er fragte sie: „Was tust du dort?“

„Die Drachen haben mich entführt

und hier eingesperrt.“

„Und wohin sind sie gegangen?“

„Sie sind gegangen, um mich zu kämpfen.“

„Und wann kommen sie nach Hause?“

„Sie kommen mittags zum Essen.

Sie werden ihre Keule schleudern,

und sie wird gegen die Tür schlagen,

damit ich das Essen bereit habe.“


Er öffnete die Tür und ging zu ihr hinein.

Der Drache schleuderte die Keule

und traf die Tür;

er aber nahm die Keule,

schleuderte sie zurück

und erschlug sie alle.


„Nun habe keine Furcht;

sie sind tot.“


Er heiratete die Tochter des Kaisers.


Der Kaiser aber hörte,

dass die Drachen seine Tochter entführt hatten,

und sprach:

„Wer sie von den Drachen befreit,

der soll sie heiraten.“

Der Kaiser wusste nicht,

dass Peter Hübschgesicht sie bereits geheiratet hatte;

er glaubte, die Drachen hielten sie noch gefangen.


Und da war einer,

Chutilla der Handlose,

der trat vor den Kaiser:

„Ich, o Kaiser,

werde deine Tochter von den Drachen retten.“

„Nun, wenn du es tust,

soll sie dein sein.“


So ging Chutilla zu Peter Hübschgesicht.

Die Nacht brach über ihn herein,

er hatte keinen Ort zum Schlafen

und kroch in den Hühnerstall.

Am Morgen stand Peter Hübschgesicht auf,

wusch sein Gesicht

und blickte aus dem Fenster.

Chutilla trat aus dem Hühnerstall hervor.


Peter Hübschgesicht sah ihn:

„Durch ihn kommt mein Tod.“

Chutilla trat ins Haus und sprach:

„Guten Morgen, Peter Hübschgesicht.“

„Dank dir, Chutilla.“

„Komm, Peter Hübschgesicht,

gib mir die Tochter des Kaisers.“

Er sprach: „Ich gebe sie nicht.“


Chutilla packte ihn an der Kehle

und legte seinen Kopf auf die Schwelle:

„Gib mir, Peter Hübschgesicht, das Mädchen,

sonst schlage ich dir den Kopf ab.“

„Schlag ihn ab;

ich gebe sie nicht.“


Chutilla schlug ihm den Kopf ab,

nahm das Mädchen und zog von dannen.


Blut begann aus dem Ring zu fließen.

Seine Mutter sah es:

„Nun ist mein Sohn tot.“

Sie ging ihm nach, um ihn zu suchen,

und kam zur roten Fahne.

Die Mutter sprach:

„Hier entlang ging mein Sohn.“

Sie ging weiter und kam zur schwarzen Fahne:

„Hier entlang ging mein Sohn.“

Sie ging weiter und kam zur weißen Fahne:

„Hier entlang ging mein Sohn.“

Sie kam zum Schloss

und fand ihren Sohn tot;

zwei Schlangen leckten das Blut.

Sie schlug die eine Schlange,

und sie starb.

Die andere Schlange brachte ein Blatt im Maul,

ging zur ersten Schlange,

und auch diese erhob sich wieder.

Die Frau sah es,

erschlug auch sie,

nahm das Blatt,

setzte den Kopf ihres Sohnes wieder auf den Rumpf,

berührte ihn mit dem Blatt,

und er erhob sich.


„Mutter, ich habe tief geschlafen.“

„Du hättest ewig geschlafen,

wäre ich nicht gekommen.“

„Mutter, ich gehe zu meiner Frau.“

„Geh nicht, Mutterherzilein.“

„Bah! Ich gehe, Mutter.“

„Wenn du gehen willst, so stehe dir Gott bei.“


Er ging

und ging stracks zu Chutilla,

ergriff Chutilla

und schnitt ihn ganz in kleine Stücke,

bis er ihn zerschnitten hatte,

und warf ihn den Hunden vor,

und sie fraßen ihn auf.

Und er nahm die Tochter des Kaisers

und ging mit ihr zum Kaiser.


Das Mädchen sprach:

„Vater, dies ist er,

der mich vor den Drachen gerettet hat.“


Der Kaiser vermählte sie,

und machte ihn zum König.

Und sie leben —

vielleicht leben sie noch heute.




GESANG XI


In einer Hütte auf einem Berg,

in einem schönen Wald,

lebte ein Mädchen mit ihren vier Brüdern,

ihrem Vater und ihrer Mutter.


Die Schwester liebte einen schönen, reichen Jäger,

der oft durch den Wald streifte,

aber nie mit dem hübschen Mädchen sprach.

Mara weinte Tag und Nacht,

weil der schöne Mann ihr nie nahe kam.

Oft sprach sie ihn an,

doch er antwortete nie

und ging seiner Wege.


Sie sang das Lied:


„Lieber Mann aus fernem Land,

gleite mit deiner Hand in meine;

schließe mich, wenn du willst, in deine Arme;

liebevoll will ich dich küssen.“


Sie sang es wieder und wieder,

doch er achtete nicht darauf.


Da sie keinen anderen Ausweg wusste,

rief sie den Teufel:

„O Teufel, hilf mir!“

Der Teufel kam mit einem Spiegel in der Hand

und fragte, was sie wolle.

Mara erzählte ihm ihre Geschichte

und klagte ihm ihr Leid.

„Wenn es weiter nichts ist“, sprach der Teufel,

„kann ich dir helfen. Ich gebe dir dies.

Zeige es deinem Geliebten,

und du wirst ihn zu dir locken.“


Wieder kam der Jäger in den Wald,

und Mara ging ihm entgegen, den Spiegel in der Hand.

Als der Jäger sich im Spiegel sah, schrie er:

„Oh! Das ist der Teufel, das ist Teufelswerk;

ich sehe mich selbst!“

Er lief davon und kam nie mehr in den Wald.


Mara weinte nun wieder Tag und Nacht,

denn der schöne Mann kam ihr nie mehr nahe.

Da sie keine andere Hilfe für ihren Kummer wusste,

rief sie erneut den Teufel:

„O Teufel, hilf mir!“


Der Teufel kam und fragte, was sie wolle.

Mara erzählte, wie der Jäger davongelaufen war,

als er sich im Spiegel sah.

Der Teufel lachte und sprach:

„Lass ihn laufen, ich werde ihn fangen;

wie du gehört er mir.

Denn ihr beide habt in den Spiegel geschaut,

und wer in den Spiegel schaut, ist mein.

Nun will ich dir helfen,

aber du musst mir deine vier Brüder geben,

sonst kann ich dir nicht helfen.“


Der Teufel ging fort und kam in der Nacht zurück,

als die vier Brüder schliefen.

Er machte vier Saiten aus ihnen, Geigensaiten –

eine dickere, dann eine dünnere,

die dritte noch dünner und die dünnste als vierte.


Dann sprach der Teufel:

„Gib mir auch deinen Vater.“

Mara sagte:

„Gut, ich gebe dir meinen Vater,

wenn du mir nur hilfst.“

Aus dem Vater machte der Teufel einen Kasten:

das war die Geige.


Dann sprach er:

„Gib mir auch deine Mutter.“

Mara antwortete:

„Gut, ich gebe dir auch meine Mutter,

wenn du mir nur hilfst.“

Der Teufel lächelte

und machte aus der Mutter einen Stab,

und aus ihrem Haar Rosshaar:

das war der Geigenbogen.


Da spielte der Teufel,

und Mara freute sich.

Doch der Teufel spielte weiter und weiter,

und Mara weinte.

Nun lachte der Teufel und sprach:

„Wenn dein Geliebter kommt, spiele,

und du wirst ihn zu dir locken.“


Mara spielte,

und der Jäger hörte ihr Spiel

und kam zu ihr.


Nach neun Tagen kam der Teufel und sprach:

„Betet mich an, ich bin euer Herr.“

Sie wollten nicht,

und der Teufel holte sie beide fort.


Die Geige blieb im Wald auf der Erde liegen.

Ein armer Zigeuner kam vorbei und sah sie.

Er spielte,

und wie er spielte in Dorf und Stadt,

lachten und weinten die Menschen,

ganz wie er es wollte.




GESANG XII


Ein reicher, mächtiger König

ging einst auf die Jagd

und verirrte sich in tiefem Forst.

Gegen Abend kam er an eine Hütte,

darin wohnte ein armer Köhler.

Der König fragte ihn nach dem Weg zur Stadt.


Der Köhler sprach:

„Herr, den Weg zur Stadt fändet Ihr allein nicht,

und heute kann ich Euch nicht führen,

denn meine Frau liegt in den Wehen,

noch diese Nacht gebiert sie ein Kind.

Legt Euch drüben im Seitenzimmer nieder,

morgen führe ich Euch hin.“


Der König willigte ein und legte sich nieder,

doch das Jammern der Köhlersfrau ließ ihn nicht schlafen.

Gegen Mitternacht gebar sie einen schönen Knaben,

da wurde es still in der Hütte.

Dennoch fand der König keine Ruhe.

Er stand vom Lager auf, schlich zur Tür

und blickte durch einen Spalt in die Stube.

Er sah die Frau im Bette schlafen;

ihr Mann schlummerte fest hinter dem Ofen;

und in der Wiege lag das Neugeborene,

umgeben von drei weiß gekleideten Frauen.


Die erste sprach:

„Ich wünsche diesem Knaben ein Unglück.“

Die zweite sprach:

„Und ich gebe ihm die Macht, es zum Guten zu wenden.“

Die dritte sprach:

„Ich füge es so, dass er die Tochter des Königs freit,

der im Nebenraum schläft.

In diesem Augenblick gebiert seine Frau

ein Mädchen von wunderbarer Schönheit.“


Darauf wichen die drei Frauen.

Der König aber sann nach,

wie er den Knaben vernichten könne.

Früh am Morgen trat der Köhler ins Zimmer

und sprach weinend zum König:

„Meine arme Frau ist tot.

Was soll nun aus dem Würmchen werden?“


Der König antwortete voller Freude:

„Ich bin der König und will für das Kind sorgen.

Zeige mir nur den Weg zur Stadt,

dann schicke ich einen Diener, der es holt.“


So geschah es.

Der Köhler führte den König zur Stadt und wurde reich belohnt;

der König aber schickte sogleich einen Diener zurück

mit dem geheimen Befehl,

den Knaben in den Fluss zu werfen und zu ertränken.

Als der Diener mit dem Kind aus dem Wald zurückkehrte,

warf er es sammt dem Korbe ins Wasser

und sprach zum König:

„Gnädigster Herr, ich habe gethan, wie Ihr befohlen.“

Der König belohnte ihn und ging zu seiner Frau,

die in jener Nacht ein Mädchen von wunderbarer Schönheit geboren hatte.


Der Korb treib lange auf dem Wasser,

bis ihn ein Fischer sah, herauszog

und das Kind mit nach Hause nahm.

Er und seine Frau freuten sich sehr über den hübschen Knaben;

da sie keine eigenen Kinder hatten,

behielten sie ihn und zogen ihn auf.


Zwanzig Jahre vergingen;

der Knabe, den die Pflegeeltern Namenlos nannten,

wuchs zu einem stattlichen Jüngling heran.

Einst ritt der König an der Hütte des Fischers vorbei

und erblickte den schönen Jüngling.

Er trat ein und fragte:

„Ist dieser hübsche Burschens euer Sohn?“


„Nein“, sagte der Fischer,

„vor zwanzig Jahren fischte ich ihn aus dem Wasser.“


Da erschrak der König über die Maßen und sprach rasch:

„Ich will einen Brief an die Königin schreiben,

den soll dieser Burschens ihr bringen.“


Er schrieb folgenden Brief:

„Liebe Frau, lass diesen Burschen sogleich töten,

sonst bringt er uns alle ins Verderben.“


Namenlos machte sich mit dem Brief auf den Weg,

verirrte sich jedoch im Wald.

Dort traf er eine Frau in weißem Gewand, die sprach:

„Du hast dich verlaufen. Komm in meine Hütte und ruhe dich aus,

ich bringe dich bald zur Königin.“


Sie führte ihn in ihre Hütte, wo er tief einschlief.

Die alte Frau nahm den Brief aus seiner Tasche,

verbrannte ihn und legte einen anderen hinein.

Als der Jüngling erwachte,

stand er zu seinem Erstaunen vor dem königlichen Schloss.

Er trat ein und übergab der Königin den Brief,

darin stand geschrieben:

„Liebe Frau, rufe sogleich den Papst

und vermähle diesen Jüngling mit unserer Tochter.

Er soll sie heiraten, sonst trifft uns großes Unheil.“


Die Königin tat, wie der König begehrte.

Sie ließ den Papst rufen,

und Namenlos und die schöne Königstochter wurden Mann und Frau.

Als der König heimkehrte und von der Hochzeit erfuhr,

ließ er sich den Brief bringen

und sah, dass es seine eigene Handschrift war.

Er fragte den Schwiegersohn,

wo er gewesen sei und wen er gesprochen habe;

und als Namenlos von der weißen Frau erzählte,

wusste der König, dass die Fee ihm geholfen hatte.

Namenlos war ihm keineswegs der rechte Schwiegersohn,

und er sann darauf, ihn aus dem Weg zu räumen.

So sprach er:

„Ziehe hinaus in die Welt und hole mir drei goldene Haare

vom Haupt des Sonnenkönigs,

dann sollst du mit mir herrschen.“


Traurig zog Namenlos fort,

denn er liebte seine junge Frau,

und auch sie liebte ihn von Herzen.

Auf Wanderschaft kam er an einen großen, schwarzen See

und sah ein weißes Boot auf dem Wasser treiben.

Er rief dem alten Mann darin zu:

„Holüber! Setze mich über den See!“


Der Alte antwortete:

„Ich fahre dich hinüber, wenn du mir versprichst,

mir die Kunde zu bringen, wie ich diesem Boot entkomme,

denn nur dann kann ich sterben.“


Namenlos versprach es,

und der Alte setzte ihn über das schwarze Wasser.

Bald darauf kam Namenlos in eine große Stadt,

wo ein alter Mann ihn fragte:

„Wohin des Weges?“


„Zum Sonnenkönig“, sagte Namenlos.


„Das trifft sich gut.

Komm, ich führe dich zu unserem König,

der hat dir etwas aufzutragen.“


Als Namenlos vor dem König stand, sprach dieser:

„Vor zwanzig Jahren gab es in unserer Stadt einen Quell,

dessen Wasser jeden Verjüngte, der davon trank.

Nun ist die Quelle versiegt,

und nur der Sonnenkönig weiß, wohin das Wasser schwand.

Du reist zu ihm, so frage ihn danach

und bringe uns Nachricht.“


Namenlos versprach, auf dem Rückweg Nachricht zu bringen,

und zog weiter.

Nach einigen Tagen kam er in eine andere Stadt.

Wieder trat ein alter Mann auf ihn zu und fragte:

„Wohin des Weges?“


„Zum Sonnenkönig“, sagte Namenlos.


„Vortrefflich!

Komm, ich führe dich zu unserem König,

der hat dir etwas aufzutragen.“


Beim König angekommen, sprach dieser:

„Vor zwanzig Jahren trug ein Baum in dieser Stadt goldene Äpfel;

wer davon aß, wurde stark und gesund und starb nicht.

Doch seit zwanzig Jahren trägt dieser Baum keine Frucht mehr,

und nur der Sonnenkönig kennt den Grund.

Wenn du zu ihm kommst, frage ihn danach

und bringe uns Nachricht.“


Namenlos versprach es

und zog von dannen.

Nach einigen Tagen erreichte er einen hohen Berg.

Dort sah er eine alte Frau in weißem Gewand

vor einem wunderschönen Hause sitzen.

Sie fragte ihn:

„Wohin des Weges?“


„Ich suche den Sonnenkönig“, sagte Namenlos.


„So tritt ein“, sprach die alte Frau.

„Ich bin die Mutter des Sonnenkönigs.

Jeden Morgen fliegt er als kleines Kind aus diesem Haus,

am Mittag wird er zum Mann

und kehrt am Abend als Greis zurück.“


Sie führte Namenlos ins Haus

und ließ sich seine Geschichte erzählen.

Er berichtete von dem Mann auf dem schwarzen See,

von dem versiegten Quell

und von dem Baum, der einst goldene Äpfel trug.


Da sprach die alte Frau:

„Ich will meinen Sohn um all das fragen.

Komm, ich verstecke dich;

denn wenn mein Sohn dich findet, verbrennt er dich.“


Sie verbarg Namenlos in einem großen Wassergefäß

und hieß ihn still zu sein.

Am Abend kam der Sonnenkönig nach Hause,

ein schwacher Greis mit goldenem Haupt,

und empfing Speise und Trank von seiner Mutter.

Als er gegessen und getrunken hatte,

legte er sein goldenes Haupt in ihren Schoß und schlief tief ein.

Da zupfte die alte Frau ein goldenes Haar aus,

und er rief:

„Mutter, warum lässt du mich nicht schlafen?“


Die alte Frau antwortete:

„Ich sah im Traum eine Stadt mit einem Baum,

der einst goldene Äpfel trug;

wer davon aß, ward gesund und stark und starb nicht.

Seit zwanzig Jahren trägt er keine Frucht mehr,

und die Leute wissen keinen Rat.“


Der Sonnenkönig sprach:

„Sie müssen die Schlange töten, die an seinen Wurzeln nagt.“


Er schlief wieder ein,

und nach einer Weile zupfte die Mutter ein zweites Haar aus.

Da rief der Sonnenkönig:

„Mutter, was soll das? Warum lässt du mich nicht schlafen?“


Die alte Frau antwortete:

„Mein lieber Sohn, ich träumte von einer Stadt mit einem Quell;

wer davon trank, wurde wieder jung.

Seit zwanzig Jahren fließt die Quelle nicht mehr,

und die Leute wissen nicht, was sie tun sollen.“


Der Sonnenkönig sprach:

„Eine große Kröte sitzt auf der Quelle und sperrt das Wasser.

Sie müssen die Kröte töten,

dann fließt der Quell wie ehedem.“


Er schlief wieder ein,

und nach einer Weile zupfte die weiße Frau das dritte Haar aus.

Da rief der Sonnenkönig:

„Mutter, lass mich doch schlafen!“


Die alte Frau antwortete:

„Ich sah im Traum einen großen, schwarzen See,

darauf rudert ein alter Mann in einem Boot

und weiß nicht, wie er dem Schiff entkommen kann,

denn nur dann kann er sterben.“


Der Sonnenkönig sprach:

„Wenn er das nächste Mal jemanden übersetzt,

soll er ihm die Ruder in die Hand drücken und ans Ufer springen;

dann muss der andere im Boot bleiben,

und der Alte kann sterben.“


Er schlief wieder ein.


Früh am nächsten Morgen stand der Sonnenkönig als liebliches Kind auf

und flog zum Fenster hinaus.

Die alte Frau gab Namenlos die drei Haare und sprach:

„Nun geh zu deiner Frau und gib dem König die drei Haare.

Ich habe an dir getan, was ich deinen Schwestern bei deiner Geburt versprach.

Und nun lebe wohl.“


Sie küsste Namenlos, führte ihn hinaus,

und er machte sich auf den Heimweg.

Als er in die Stadt kam, wo der Quell versiegt war,

hieß er die Leute, die große Kröte zu töten, die die Quelle verstopfte.

Sie suchten, fanden die Kröte und töteten sie;

da floss die Quelle wieder,

und der König belohnte ihn reichlich.


Als Namenlos in die Stadt kam,

wo der Baum seit zwanzig Jahren keine goldenen Äpfel mehr trug,

hieß er die Leute, die Schlange zu töten,

die an den Wurzeln des Baumes nagte.

Die Leute gruben nach, fanden die Schlange und töteten sie.

Da trug der Baum wieder goldene Früchte,

und der König belohnte ihn reichlich.


Als Namenlos an den schwarzen See kam,

wollte der alte Mann ihn erst nicht übersetzen.

Namenlos aber versprach, ihm dann das Geheimnis zu offenbaren,

und so setzte ihn der Alte über das schwarze Wasser.

Als Namenlos aus dem Boot stieg,

sagte er dem Alten, er solle dem nächsten Fahrgast die Ruder übergeben

und selbst ans Ufer springen;

dann sei er frei und könne endlich sterben,

der andere aber müsse fortan auf dem See rudern.


Namenlos gelangte bald nach Hause

und überreichte dem König die drei goldenen Haare;

seine Frau freute sich von Herzen,

ihr Vater aber war außer sich vor Wut.

Doch als Namenlos von der Verjüngungsquelle und den goldenen Äpfeln erzählte,

rief der König voller Entzücken:

„Auch ich muss von dieser Quelle trinken!

Auch ich muss von diesen goldenen Äpfeln essen!“

Er brach sogleich auf.

Als er aber an den schwarzen See kam,

drückte ihm der alte Mann die Ruder in die Hand und sprang an Land.

Der König konnte das Boot nicht mehr verlassen

und musste fortan auf dem Wasser bleiben.

Da er nie mehr nach Hause kehrte,

wurde Namenlos König des Landes

und lebte fortan mit seiner schönen Gemahlin in Frieden und Wohlstand.




GESANG XIII


Es war einmal ein schönes junges Mädchen,

ohne Mann, ohne Vater, ohne Mutter,

ohne Brüder, ohne Verwandte:

Sie waren alle gestorben und gegangen.

Sie lebte allein in einer Hütte

am Ende des Dorfes;

niemand kam zu ihr,

und sie ging zu niemandem.


Eines Abends kam ein stattlicher Wanderer,

öffnete die Tür und rief:

„Ich bin ein Wanderer und war weit in der Welt.

Hier will ich ruhen, ich kann nicht weiter.“

Das Mädchen sprach:

„Bleib hier, ich gebe dir eine Matratze zum Schlaf,

und wenn du willst, auch Speise und Trank.“


Der stattliche Wanderer legte sich bald nieder und sprach:

„Nun schlafe ich noch einmal;

es ist lange her, seit ich das letzte Mal schlief.“

„Wie lange?“, fragte das Mädchen.

Er antwortete:

„Liebes Mädchen, ich schlafe nur eine Woche in tausend Jahren.“

Das Mädchen lachte und sagte:

„Du scherzt gewiss, du bist ein schelmischer Gesell.“

Doch der Wanderer schf fest und tief.


Früh am nächsten Morgen stand er auf und sprach:

„Du bist ein schönes junges Mädchen.

Wenn du willst, bleibe ich eine ganze Woche länger.“

Sie willigte freudig ein,

denn sie liebte den stattlichen Wanderer bereits.


Als sie einst schliefen, weckte sie ihn und sprach:

„Lieber Mann, ich träumte einen so bösen Traum.

Ich träumte, du wärst kalt und weiß geworden,

und wir fuhren in einer schönen Kutsche,

gezogen von sechs weißen Vögeln.

Du bliesest auf einem mächtigen Horn;

da stiegen Tote empor und gingen mit uns –

du warst ihr König.“

Da antwortete der stattliche Wanderer:

„Das war ein böser Traum.“


Sogleich stand er auf und sprach:

„Geliebte, ich muss gehen,

denn seit langer Zeit ist keine Seele mehr gestorben auf der ganzen Welt.

Ich muss fort, lass mich gehen.“

Doch das Mädchen weinte und sprach:

„Geh nicht fort; bleib bei mir.“

„Ich muss gehen“, antwortete er, „Gott behüte dich.“


Doch als er ihr die Hand reichte, sagte sie schluchzend:

„Sag mir, lieber Mann, wer du denn bist.“

„Wer das weiß, der stirbt“, sagte der Wanderer,

„du fragst vergebens; ich sage dir nicht, wer ich bin.“

Da weinte das Mädchen und sprach:

„Ich will alles erleiden, nur sag mir, wer du bist.“

„Gut“, sagte der Mann, „dann kommst du mit mir.

Ich bin der Tod.“


Das Mädchen erschauerte und starb.




GESANG XIV


Irgendwo gab es einen König,

der hatte drei Töchter, Prinzessinnen.

Diese drei Schwestern gingen den Teufeln entgegen,

und der Vater wusste nicht, wohin sie gingen.

Aber da war einer, der hieß Jankos;

Halenka half ihm.


Der König fragte Jankos:

„Weißt du nicht, wohin meine Töchter gehen?

Keine einzige Nacht sind sie zu Hause,

und immer zertreten sie neue Schuhe.“


Da legte sich Jankos vor die Tür

und hielt Wache, um zu sehen, wohin sie gingen.

Halenka aber erzählte ihm alles;

sie stand ihm bei.

„Wenn sie kommen,

werden sie Feuer auf dich werfen

und dich mit Nadeln stechen.“

Halenka sagte ihm, er dürfe sich nicht rühren,

sondern müsse wie eine Leiche liegen.


Sie kamen, diese Teufel, um die Mädchen zu holen,

und sogleich machten sich die Mädchen mit ihnen auf den Weg zur Hölle.

Weiter, immer weiter gingen sie,

und er blieb dicht hinter ihnen.

Als die Mädchen zur Hölle gingen,

folgte er ihnen auf dem Fuße,

doch so, dass sie es nicht wussten.

Er ging durch den Diamantenwald;

als er dort ankam,

brach er sich einen Diamantzweig vom Wald.

Er folgt ihnen weiter;

sogleich schrien jene Mädchen:

„Jankos kommt hinter uns her!“

Denn als er ihn brach, machte er ein großes Geräusch.

Die Mädchen hörten es.

„Jankos kommt hinter uns her!“


Doch die Teufel sprachen:

„Was macht es schon, wenn er kommt?“


Als Nächstes gingen sie durch den Glaswald,

und wieder brach er einen Zweig ab;

nun hatte er zwei Zeichen.

Dann gingen sie durch den goldenen Wald,

und noch einmal brach er einen Zweig ab;

so hatte er nun drei.

Da sagt Halenka zu ihm:

„Ich werde dich in eine Fliege verwandeln,

und wenn du in die Hölle kommst,

krieche unter das Bett,

verstecke dich dort

und sieh, was geschehen wird.“


Dann tanzten die Teufel mit den Mädchen,

die ihre Schuhe ganz in Stücke rissen,

denn sie tanzten auf Messerklingen,

und so mussten sie zerrissen werden.

Dann warfen sie die Schuhe unter das Bett,

wo Jankos sie an sich nahm,

damit er sie zu Hause vorzeigen konnte.

Als die Teufel mit den Mädchen getanzt hatten,

warf jeder von ihnen sein Mädchen aufs Bett

und lag bei ihr;

so machten sie es mit zweien von ihnen,

aber die dritte wollte sich nicht ergeben.

Da kehrt Jankos, der alles hatte, was er wollte, nach Hause zurück

und legte sich wieder vor die Tür,

„damit die Mädchen wissen, dass ich hier liege“.


Die Mädchen kehrten nach Mitternacht zurück

und gingen in ihrem Zimmer zu Bett,

als sei nichts geschehen.

Aber Jankos wusste wohl, was geschehen war,

und sogleich ging er zu ihrem Vater, dem König,

und zeigte ihm die Zeichen.

„Ich weiß, wohin Ihre Töchter gehen – in die Hölle.

Die drei Mädchen müssen gestehen, dass sie dort waren, im Feuer.

Ist es nicht wahr? Warst du nicht dort?

Und wenn Sie mir nicht glauben,

werde ich Ihnen die Zeichen zeigen.

Sehen Sie, hier ist ein Zeichen aus dem Diamantenwald;

dann ist hier eins aus dem Glaswald;

ein drittes aus dem goldenen Wald;

und das vierte sind die Schuhe,

die sie beim Tanzen mit den Teufeln zerrissen haben.

Und zwei von euch lagen bei den Teufeln,

aber jene dritte nicht,

sie wollte sich nicht ergeben.“


Sogleich ergriff der König sein Gewehr

und schoss sie auf der Stelle tot.

Dann ergriff er ein Messer

und schnitt ihnen den Bauch auf,

und sogleich stoben die Teufel aus ihren Bäuchen hervor.

Dann begrub er sie in der Kirche

und stellte jeden Sarg vor den Altar,

und jede Nacht wachte ein Soldat über sie.

Aber jede Nacht rissen jene zwei den Soldaten in Stücke;

mehr als hundert wurden so zerrissen.

Zuletzt traf es einen neuen Soldaten, einen Rekruten,

die Wache zu übernehmen;

als er auf Wache ging, weinte er.

Aber ein kleiner alter Mann kam zu ihm –

es war mein Gott;

und Jankos war bei dem Soldaten.

Und der alte Mann sagt ihm:

„Wenn die zwölfte Stunde schlägt

und sie aus ihren Särgen steigen,

spring sogleich hinein und lege dich in den Sarg,

und verlass den Sarg nicht,

denn wenn du es tust,

werden sie dich zerreißen.

Geh also nicht heraus,

selbst wenn sie dich bitten

und Feuer auf dich werfen,

denn sie werden dich hart bitten, herauszukommen.“


So lag er bis zum Morgen im Sarg.

Am Morgen waren jene zwei wieder lebendig

und knieten beide vor dem Altar.

Sie waren schöner als je zuvor.

Da nahm der Soldat die eine zur Frau,

und Jankos nahm die andere.

Als sie dann mit ihnen nach Hause kamen,

war ihr Vater sehr froh.

So heirateten Jankos und der Soldat,

und wenn sie nicht gestorben sind,

dann leben sie noch heute.




GESANG XV


Es lebte einst ein Förster, rauch und wild,

der schlug die Frau und seine eignen Kinder.

Die Mutter sprach: „Wir gehen fort von hier,

so weit die Augen tragen, in die Welt.“


Sie packten ihre Habe, zogen fort

und wanderten zwei Tage und zwei Nächte

durch einen großen, tiefen Wald umher.

Am späten Abend machten sie ein Feuer,

gepflücktes Moos dient' ihnen als ein Bett.

Der ältrere Sohn beschloss, die Nacht zu wachen,

dass kein wildes Tier sie je verschlinge.


Er stieg hinauf auf einen hohen Baum

und erblickte fern ein helles Licht.

Seinen Hut warf er als Zeichen nieder,

stieg hinab und folgte jener Spur.

Nach einer halben Stunde fand er ein Feuer:

Vierundzwanzig Räuber saßen dort.


Im Versteck lud er sein stilles Gewehr,

das keinen Knall erzeugte beim Entladen.

Zweimal schoss er dem Räuber den Krug

direkt vom Mund, sodass nur der Henkel blieb.

Die Räuber suchten in den dunklen Bäumen,

fanden ihn hoch droben im Geäst

und zwangen ihn, herab zu ihnen zu steigen.


Weil er so treffsicher war, sprachen sie:

„Werd unser Hauptmann! Doch zuvor musst du

den großen Hund vor jenem Schlosse töten.“

Er erschoss den Hund mit leisem Schuss

und schlich durch ein Loch in der Schlossmauer.


Durch vier Türen schritt er leise fort,

fand ein prächtiges Schwert und trat ins Zimmer.

Dort lag die Prinzessin stumm im Schlaf,

bedeckt von einem Tuch aus reinem Gold.

Er schnitt die Hälfte dieses Tuches ab,

nahm ihren Ring, ein goldenes Messer, ihren Schuh,

legte sich kurz zu ihr und schlich hinaus.


Am Mauerloch erwartete er die Räuber:

Wie sie einer nach dem andern durchgekrochen,

schlug er jedem einzelnen den Kopf ab.

Sodann kehrte er zur Mutter heim,

ohne ein Wort von alledem zu sagen.


Ein Jahr verstrich in einer fernen Stadt,

wo Mutter und Söhne schwer arbeiteten.

Schließlich traten sie den Rückweg an

und kamen an ein Wirtshaus nah am Schloss.

Ein Schild verhieß Speise und Trank umsonst

für jeden, der seine Erlebnisse erzählte.


Sie traten ein, die Mutter sprach zuerst

von der Flucht und dem beschwerlichen Weg.

Dann hob der älteste Sohn zu sprechen an.

Die Mutter rief: „Glaub ihm nicht, das ist gelogen!“

Doch die Wirtin hieß ihn weitererzählen.


Da offenbarte er die ganze Wahrheit:

Er zeigte das Goldtuch, den Ring, den Schuh

und gestand, dass er bei ihr gelegen hatte.

Da erkannte die Prinzessin ihn sogleich,

holte das Kind und schloss ihn in die Arme.

Sie fuhren zum Schloss, hielten ein großes Fest,

und wurden für immer Mann und Frau.




GESANG XVI


Ein armer Bauer hatte drei Söhne,

zwei schlau und bedacht,

einen Dümmling am Ofen, verlacht und verachtet.

Ein König lud alle zum Feste,

die Söhne zogen von dannen.

Der Dümmling blieb heimwärts gebunden,

im Schatten der Mutter,

im Zweifel der Sippe.

Der König erbaute einen hohen Turm,

auf zweiter Stufe die Tochter,

den Kuss als Preis dem Erklimmer.

Grafen und Fürsten versagten,

da rief man das einfache Volk.

Die weisen Brüder brachen auf.

Der Dümmling ging vor das Haus,

schlug dreimal den magischen Strauch,

und die Fee trat hervor aus dem Holz.

Ein silbern Gewand,

ein silbernes Pferd,

ein Säckel voll Geld.

Auf dem Wege schlug er die Brüder,

gab ihnen Goldstücke hin,

sprang hinauf zu der Königstochter,

nahm fast den Kuss und entwich.

Daheim saß er wieder im Staub,

suchte Läuse im Hemd,

während die Brüder vom Silberprinzen erzählten.

Am nächsten Tag schlug er den Strauch erneut:

Ein goldenes Kleid,

ein goldenes Pferd.

Wieder traf er die Brüder im Staub,

züchtigte sie und beschenkte sie reich,

ritt zum Turm und küsste die Maid.

Am dritten Tage verlangte er Diamanten.

Mit Diamanten am Leib und Geschirr

ritt er hinauf,

küsste die Prinzessin zum zweiten Mal

und empfing ihren goldenen Ring.

Der König suchte den Retter,

lud Arme und Bettler zum Schmaus,

schickte Knechte von Hütte zu Hütte,

bis der Ring am Finger des Dümmlings erschien.

In Lumpen geführt vor den Thron,

kleidete man ihn in Seide und Samt.

Er ward der Gemahl der Prinzessin.

Krieg brach aus im Nachbarland.

Die klugen Schwäger zogen voran,

fanden den Dümmling Frösche jagen am Teich,

lachten ihn aus und ritten davon.

Doch er schlug den Strauch ein weiteres Mal,

erbat ein Zaubersäbel und ein prächtiges Ross,

eilte aufs Feld und schlug die Feinde zu Staub.

Am zweiten Tag zog der König selbst.

Wieder war der Dümmling voran,

vernichtete das feindliche Heer,

empfing eine Wunde am Fuß.

Der König verband ihm den Zeh

mit dem eigenen Tuch, das seinen Namen trug.

Der Dümmling ritt heim, legte sich nieder.

Der König kehrte zurück,

sah das Tuch an des Dümmlings Fuß

und erkannte den Helden der Schlacht.

Jubel erscholl im Palast,

neu gefeiert ward die Hochzeit,

und sie lebten in Frieden und Glück.




GESANG XVII


Ein reicher Edelmann

lebte zehn Jahre mit seiner Frau

ohne Kind und ohne Erbe.

Da träumte ihm einst

von einem kriegerischen Sohn,

und wiederum träumte ihm,

dass eine jüdische Frau

am selben Tag gebären werde

wie seine eigene Dame.


Und so geschah es:

Gott schenkte beiden Frauen einen Sohn

in genau derselben Stunde.

Der Herr sprach zu seiner Frau:

»Wir müssen diese Mutter zu uns holen,

damit die Knaben gemeinsam aufwachsen.«

Man brachte sie nah ans Schloss,

und die Kinder wuchsen heran.

Der Edelmannssohn war klug,

doch der Sohn der Jüdin war weiser noch.


Mit zehn Jahren gingen sie zur Schule

und lernten meisterhaft.

Da sprach der Kluge zum Herrn:

»Bitte deinen Vater um ein schönes Bad

draußen auf den Feldern.«

Zwei alte Diener bauten das Bad

und malten an die Wände

das Bildnis einer wunderschönen Prinzessin,

die sie einst erblickt hatten.


Der Edelmannssohn betrat das Bad,

sah das Porträt der Königstochter

und fiel vor Entzücken in Ohnmacht.

Der kluge Gefährte weckte ihn mit Essig.

»Wenn ich sie nicht zur Frau erhalte,

muss ich sterben!«, rief der junge Herr.

»Still, um Gottes willen«, raunte der Gefährte,

»du wirst sie bekommen, doch nicht so schnell.«


Der Jüngling welkte dahin vor Sehnsucht,

kein Arzt vermochte ihm zu helfen.

Da gestand er der Mutter seinen Schmerz,

und der weise Gefährte sprach zum Herrn:

»Ich ziehe mit ihm, sie zu suchen.

Ich bürge mit meinem Leben für ihn.«


Sie ritten fort.

Am Wegesrand fand der Weise

einen Stab und einen kleinen Schlüssel,

die er gegen den Rat des Freundes barg.

Nachts im tiefen Wald

fanden sie ein leeres Haus

mit gedecktem Tisch und Betten.

Der Weise überließ dem Herrensohn

den goldenen Becher und wachte im Verborgenen.


Zwei Fee-Frauen traten ein und raunten:

»Sie wollen die Königstochter rauben.

Gut, dass der Knabe den Schlüssel trug,

denn eine eiserne Tür wird vor ihnen stehen.«


Am Morgen öffnete der Schlüssel die Tür

zur prächtigen Hauptstadt.

Dort ging der Weise zum Goldschmied,

einem mächtigen Zauberer,

und bestellte für zehntausend Münzen

eine lebendige Henne aus Gold

mit Diamantenaugen und ihren Kücken.


Am Sonntag stellte er das Wunderwerk

nahe der Kirche auf.

Das Volk, die Priester,

die Diener der Prinzessin –

alle blieben verzaubert stehen.

Einen Boten nach dem anderen sandte die Königstochter,

doch keiner kehrte zurück.

Schließlich trat sie selbst heran,

staunend vor dem goldenen Geflügel.


Der Weise schenkte ihr die Henne,

und sie lud ihn zu Hofe ein.

Der Weise holte den Herrensohn nach,

und gemeinsam entflohen sie mit der Prinzessin

in die Heimat zurück.


So nahm der Edelmannssohn die Prinzessin zur Frau,

und auch der weise Gefährte fand sein Glück,

und sie lebten fortan unter Gottes Schutz.




GESANG XVIII


Es war einmal, in alten Zeiten,

als Könige und Königinnen herrschten,

ein Herrscherpaar, das nur eine Tochter besaß.

Sie behüteten das Kind wie ihren eigenen Augapfel

und schützten es vor jedem rauen Wind.

Sie lebten auf einem riesigen Anwesen,

begrenzt von einem Torhaus auf der einen Seite

und einem tiefen Wassergraben auf der anderen.

Als die Königin starb, blieb das Mädchen zurück,

von großer Schönheit, wie es einer Königstochter gebührt.

Im Torhaus wohnte eine alte Frau,

kundig der dunklen Künste jener Tage.

Der König rief sie oft in den Palast,

und zwischen ihnen wuchs ein vertrauter Umgang.

Die Tochter sah dies mit Eifersucht und Groll.

Die Alte bemerkte den Zorn des Mädchens

und mied das Schloss für lange Zeit.

Einst lehrte die Hexe die Königstochter das Nähen.

Sie ließ sie vor dem Frühstück zu sich rufen.

Auf dem Weg fand das Mädchen ein Weizenkorn

und aß es auf.

Die Hexe fragte: „Hast du gebrochen dein Fasten?“

„Nein“, sprach sie, „nur ein einzelnes Korn.“

Auch am zweiten Morgen fand sie ein Korn und aß es –

ein göttliches Korn, das Schutz vor Zauberei bot.

Am dritten Morgen jedoch fand sie nur die Schale einer Frucht.

Da schlug der Zauber der Alten zu.

Von Stund an rief sie das Mädchen nie wieder zu sich.

Die Tochter wuchs heran, und das Unglück nahm seinen Lauf.

Die Hexe ging zum König und sprach:

„Deine Tochter trägt neues Leben unter dem Herzen.

Das Gesetz verlangt ihre Vernichtung.“

Der König rief voller Entsetzen:

„Meine wunderschöne Tochter? Das kann nicht sein!“

Doch die Hexe blieb hart.

Da erkannte der Vater die Wahrheit und geriet außer sich.

Nach altem Brauch drohte einer Unverheirateten der Scheiterhaufen.

Ein eiserner Stuhl wurde gebracht,

umringt von Bündeln aus trockenem Holz.

Schon sollte das Feuer entzündet werden,

da trat ein Fremder hinzu und sprach:

„Edler Herr, verbrennt sie nicht und tut ihr kein Leid an.

Setzt sie in das alte Schiff unten am Wasser

und überlasst ihr Schicksal der Fügung Gottes.“

So geschah es, und man vergaß sie.

Auf dem Wasser gebar die Jungfrau einen kleinen Fuchs.

Kaum geboren, sprach der Kleine:

„Mutter, du bist schwach und ohne Nahrung.

Ich muss gehen und dir Speise holen.“

Sie bat ihn unter Tränen zu bleiben,

aus Furcht vor den Hunden des Königs.

Doch der kleine Fuchs antwortete:

„Kein Hund wird mir etwas antun.“

Er lief zum Schloss seines Großvaters.

Die Hunde an den Toren beachteten ihn nicht.

Am Tor trat ihm die alte Hexe entgegen.

Der Fuchs verlangte, den König zu sprechen,

um Nahrung für seine kranke Mutter zu bitten.

Der König trat heraus, und der Fuchs verneigte sich höflich.

Rührselig ließ der Herrscher einen Korbe mit Trank und Speise füllen.

Obwohl man ihm Hilfe anbot,

trug der Fuchs die Last selbst auf seinem Rücken heim.

Drei Male lief er diesen Weg.

Beim zweiten Mal schöpfte die Hexe Verdacht,

doch der Fuchs gelangte stets zum König.

Beim dritten Mal kleidete die Mutter ihn in ein Gewand

aus feinster Stickerei.

Als der König das Gewand sah, weinte er bitterlich,

denn er erkannte die Arbeit seiner verloren geglaubten Tochter.

Der Fuchs sprach: „Ladet heute Nachmittag Gäste ein,

und vergesst nicht die Alte aus dem Torhaus.

Nach dem Mahle soll jeder eine Geschichte erzählen oder ein Lied singen.

Erlaubt auch meiner Mutter zu kommen,

dann erfahrt ihr, wer dieses Gewand gewebt hat.“

Ein festliches Mahl wurde gerichtet.

Danach forderte der König ein Lied oder eine Geschichte.

Als die Reihe an die junge Frau kam, sprach sie:

„Ich kann weder singen noch erzählen,

doch mein kleiner Fuchs kann es.“

Die Hexe rief voller Abscheu, man solle das Tier vertreiben.

Doch die Gäste verlangten nach den Worten des Fuchses.

Da trat der Fuchs vor die Gesellschaft und enthüllte alles:

Er erzählte von den Nachstellungen der Hexe,

vom Zauber und der List der alten Frau.

Mit seiner kleinen Pfote zeigte er auf die Schuldige.

Als die Gesellschaft danach in den Garten trat,

wandte sich der kleine Fuchs an seine Mutter:

„Nun habe ich alles zum Guten gewendet

und meine Aufgabe erfüllt.“

Er streifte seine Fuchsgestalt ab

und schwang sich als strahlend weißer Engel in den Himmel empor.

Die alte Hexe aber wurde auf demselben eisernen Stuhl verbrannt,

der einst für die Königstochter bestimmt gewesen war.




GESANG XIX


Ein junges Mädchen ging in Dienst

auf ein altes Schloss zur Schwarzen Frau.

Die warnte sie streng:

„Schau niemals durch das Fenster!“


Die Schwarze Frau ging fort.

Das Mädchen, von Langeweile gepackt,

trat ans Fenster und blickte hinaus.

Da sah sie die Schwarze Frau

beim Kartenspiel mit dem Teufel.

Vor Schrecken fiel sie zu Boden.


Die Schwarze Frau trat herein und fragte:

„Was hast du gesehen durch das Fenster?“

„Nichts sah ich, nichts kann ich sagen.

Lasst mich in Ruhe, meines Lebens bin ich müde.“

Die Schwarze Frau schlug sie und fragte erneut:

„Was sahst du durch das Fenster?“

„Nichts sah ich ...“


Das Mädchen lief von dannen,

traf einen Jäger, der nahm sie heim

und führte sie nach Jahren zum Altare.

Sie gebar ein Kind und lag im Wochenbett.


Da trat die Schwarze Frau herein:

„Was hast du gesehen durch das Fenster?“

„Nichts sah ich ...“

Da ergriff die Schwarze Frau das Kind,

zerschmetterte sein Haupt an der Wand

und schwand dahin.


Der Jäger trat ein.

Die Frau schwieg still und gab keine Antwort.

Der Mann wollte sie verbrennen,

doch die Mutter bat für sie und rettete ihr das Leben.


Doch dasselbe Unheil geschah ein zweites Mal,

und der Mann schichtete den Scheiterhaufen.


Als man sie zum Pfahler trug,

erschien die Schwarze Frau aufs Neue:

„Was hast du gesehen durch das Fenster?“

„Nichts sah ich ...“

„Nehmt sie und verbrennt sie!“, rief die Schwarze Frau.


Sie banden das Weib fest,

die Fackel nahte dem Holz.

Noch einmal die Frage,

noch einmal dieselbe Antwort.


Da sah die Schwarze Frau,

dass die Magd das Geheimnis zu wahren verstand.

Sie gab ihr die beiden Kinder lebend zurück

und ließ sie fortan in Frieden.