ERGÄNZT MIT LIEDERN DER POETISCHEN EDDA
VON TORSTEN SCHWANKE
Es hebt die Sage an und kündet kühn
von Sigi, den die Männer Odins Sohn
genannt; auch Skadi wird im Lied genannt,
ein starker Mann, geschickt mit seiner Hand.
Doch Sigi war an Art und Kraft noch höher
nach jener Tage Urteil und nach Rede.
Skadi besaß im Haus gewandten Knecht,
mit Namen Bredi, nach der Arbeit Werk
benannt; an Kraft und Kühnheit war er gleich
den Männern, die man höher wertgeschätzt,
ja, manchen gar an Taten überlegen.
Es war auf eine Zeit, da ritt der Fürst
zur Jagd im Wald, und Bredi zog mit ihm;
den ganzen Tag bis in den Abend hinein
jagten sie Wild. Als dann im Abendlicht
sie sammelten die Beute, siehe da:
viel größer war das Wild, das Bredi fing,
als Sigis Beute. Dies verdroß den Herrn
gewaltig, und er sprach: „Ein Wunder ist's,
dass ein gemeiner Knecht im Jagdgeschick
mich übertrifft!“ Er stürzte sich auf ihn
und schlug ihn tot, und in den weichen Schnee
grub er des Toten Leib am Abend ein.
Zum Hof rückt' er zurück und sprach zum Volk:
„Der Bredi ritt in tiefen Waldes Nacht,
bald war er meinem Blick entschwunden, weiter
weiß ich von ihm kein Wort.“
Doch Skadi misstraute
der falschen Rede. Argwohn stieg in ihm
auf, dass der Fürst den Knecht gemordet hab'.
Er sandte Boten aus, die Sucher fanden
das Grab im tiefen, kalten Schneewehtal.
Da sprach der Herr: „Von heute an soll stets
der Schnee drift Bredis Drift geheißen sein.“
Und also ward der Brauch im Volk erhalten,
dass jede große Wehe so benannt.
Nun ward klar kund, dass Sigi den Gemordet
mit Heimtücke; zum Wolf an heil'ger Stätte
ward er erklärt, vertrieben aus dem Land
vom eignen Vater. Odin selbst geleitete
ihn fort auf weitem Weg bis an den Strand,
wo Kriegsschiffe im Hafen lagen. Sigi
begann den Seekrieg mit der Macht, die Odin
ihm lieh im Abschied; glücklich war sein Schwert,
er siegte stets, bis er sich Land gewann
und Herrschaft an dem End' in jener Welt.
Er nahm ein edel Weib, ward großer König,
herrschte der Hunnen Land und ward der Größte
im Heer der Krieger. Einen Sohn gebar
die edle Frau, und Refir war sein Name;
im väterlichen Haus wuchs er heran,
an Wuchs und Schönheit rasch erstarkt.
Zweiter Teil: Von Völsungs Geburt
Sigi ward alt, und Neider wuchsen rings,
bis die sich gegen ihn erhoben, denen
er einst am meisten traute – seiner Frau
die Brüder. Sie befielen ihn im Schlaf,
als Wenige nur Schutz ihm bieten konnten;
sie brachten Macht herbei und überwältigten
den alten König. Sigi fiel im Blut
samt seiner Schar. Doch Rerir, seines Hauses
Sohn, war nicht nah; er rief zu sich im Land
die treuen Freunde und der Großen Macht,
erlangte Vaterlands Besitz und Krone.
Als fest der Fuß ihm stand in diesem Amt,
gedacht' er jener Missetat der Brüder,
die einst den Vater mordeten im Streit.
Er rief das Heer zu sich, fiel über sie
mit Macht, und achtete der Sippe Band
nicht höher als die alte Schuld. Er tilgte
die Mörder all, bis keiner mehr verblieb,
wie schwer auch solches Tun den Augen schien.
So gewann er Gut und Ehre, mächtiger noch
als einst der Vater war.
Reich ward er durch den Krieg und nahm zur Ehe
ein Weib, das ihm nach Wunsch und Ehre schien.
Lang lebten sie in Eintracht, doch das Glück
gab ihnen kein Kind zum Erbe. Schwermut
erfüllte beide, und zum Götterthron
flehten sie stetig um des Stammbaums Spross.
Odin vernahm das Flehn, und Freyia hört' es,
die nie an gutem Rat gebricht. Sie rief
der Hrimnir-Riesentochter, ihrer Magd,
und gab ihr in die Hand den Apfel: „Bring
ihn hin zum König!“ Die ergriff die Frucht,
legte das Federkleid der Krähe an
und flog, bis dorthin sie gelangte, wo
der König einsam auf dem Grabhügel saß.
Sie ließ den Apfel sinken in den Schoß
des Herrn. Er nahm ihn wahr, verstand das Zeichen,
und kehrte heim zu seinem Volk und sprach
zur Königin; sie aß von jener Frucht.
Bald wusste sie, dass sie mit Kind gesegnet.
Doch langer Winter Gang verging geschwind,
und sie gebar nicht. Als der König zog
in alten Krieges Pflichten für das Land,
da traf ihn Krankheit, und er starb, bereit
zu Odin einzugehn nach jener Zeit Verlangen.
Der Königin Weh veränderte sich nicht;
sechs Winter lastete die schwere Last
auf ihrem Leib, bis sie den Tod gefühlt
nahe am Herzen. Da befahl sie klug:
Man schneid' das Kind heraus aus ihrem Schoß!
Es ward getan. Ein Knabe ward geboren,
groß von Gestalt, als hätt' er Jahre schon;
und man erzählt, er küsste seine Mutter,
eh' sie den Geist gab. Völsung hieß sein Name,
er ward der Hunnen König an des Vaters Statt.
Schon in der Jugend stark und kühn in Taten,
ward er der größte Krieger und gekrönt
von Sieg in jedem Kampf.
Als er des Alters reife Stufe trug,
sandte der Riese Hrimnir ihm Ljod entgegen,
die einst den Apfel bracht' an Rerirs Hof.
Völsung vermählte sich mit ihr; sie lebten
in Lieb' und Glück. Zehn Söhne schenkt' sie ihm
und eine Tochter. Sigmund hieß der erste,
die Tochter Signy. Sie waren Zwillinge,
die schönsten aller Völsungs Kinder, stark
von Art, wie jener edle Stamm stets war,
berühmt in alten Liedern, weit bekannt
für Klugheit, Kraft und Sinn im Heldentum.
So kündet uns die Sage, dass der König
ein mächtig Haus ließ bauen um den Stamm
einer gewaltigen Eiche; ihre Äste
breiteten blühend sich zum Dach empor,
während der Stamm im Innern ragte –
den Branstock nannten alle dieses Mal.
Dritter Teil: Das Schwert im Branstock
Es herrschte König Siggeir über Gotenland,
ein mächtiger Fürst. Er kam zu Völsung hin
und bat um Signy, seine Tochter, als Gemahlin.
Der Vater nahm das Wort mit Gunst entgegen,
doch sie selbst zögerte; doch sie befahl,
der Vater walte über ihr Geschick.
So ward sie Siggeir zur Braut gegeben.
Das Hochzeitsfest sollte im Hause des Völsungs sein.
Der König rüstete den Saal mit Pracht,
und als der Tag ankam, erschien der Gast
samt seiner Schar von edlen Männern.
Große Feuer brannten der Länge nach im Saal,
und in der Mitte stand der heil'ge Stamm.
Als man im Abendlicht am Feuer saß,
trat ungesehen ein Fremdling in den Raum.
Einen gefleckten Mantel trug er um,
barfuß ging er, mit eng anliegenden Hosen
aus Leinen; in der Hand ein scharfes Schwert,
und auf dem Haupt den tief ins Gesicht gedrückten Hut.
Alt war er, riesenhaft, und Einäugig.
Er ging geradewegs zum Branstock hin,
schwung das Schwert und stieß es tief in den Stamm,
so dass es bis zum Heft hineingesunken.
Keiner im Saal begrüsste diesen Mann.
Dann hob er seine Stimme und sprach:
„Wer dieses Schwert aus diesem Stamm herauszieht,
dem soll es meine Gabe sein, und er wird erfahren,
dass er nie ein besseres Schwert in Händen trug.“
Damit verschwand der Alte aus der Halle,
und niemand wusste, wer er war oder wohin er ging.
Die Männer traten vor, und jeder wollte
der Erste sein, der nach dem Griff greift,
in der Hoffnung auf den Preis. Die Edlen
versuchten es zuerst, dann all die andern,
doch keiner mochte das Schwert bewegen,
wie stark er auch daran zog.
Da trat Sigmund, Völsungs Sohn, hervor,
legte die Hand an den Griff und zog es heraus,
als läge es lose vor ihm im Holz.
So herrlich schien die Waffe allen,
dass keiner je ihresgleichen gesehen.
Siggeir bot dreifaches Gold für den Stahl,
doch Sigmund sprach:
„Du hättest das Schwert ebensoleicht
wie ich herausziehen können, wäre es dein Los gewesen.
Da es zuerst in meine Hand gefallen,
sollst du es niemals haben, bietest du auch all dein Gold.“
Da entbrannte Siggeir vor Zorn über diese Worte,
denn er empfand den Spott tief in der Brust;
doch weil er ein listiger und falscher Mann war,
verbarg er seinen Groll,
denn er sann schon in jener Nacht auf Rache,
die später bitterkeitvoll offenbar ward.
Die Nacht verbrachte Siggeir an der Seite
der edlen Signy. Als der Morgen kam
und hell der Himmel leuchtete, da sprach
der König Siggeir: „Länger will ich nicht
hier weilen, dass der Sturmwind nicht erhob
das Meer und unpassierbar mache die Flut!“
Kein Völsung hielt ihn auf; sie sahen gern,
dass er vom Hochzeitsfeste eilig schied.
Doch Signy sprach zum Vater: „Wisse wohl,
kein Wohlgefallen find' ich an dem Mann,
mein Herz empfindet Furcht; der Ahnen Geist
verheißt uns schweres Unheil durch den Bund,
wenn diese Heirat nicht geschwind zerbricht!“
Da sprach der alte Völsung: „Sprich nicht so,
mein Kind! Es brächte uns und ihm zu viel
von Schand' und Spott, das heilige Wort zu brechen,
da er uns schuldlos schien. Kein Freundschaftsband
blieb uns erhalten, wenn wir Treue biegen;
er würde uns vergelten nach der Wut,
denn recht ist's nur, dem gegebenen Wort zu trauen.“
So rüstet' sich der König für die Heimfahrt
und lud den Vater seiner Braut mitsamt
den Söhnen ein ins ferne Gotenland,
auf dass nach dreien Monaten sie käm'n
zu glanzvollem Besuch; damit vergält
er das zu kurze Mahl in jenem Saal.
Der alte Völsung gab sein sicheres Wort,
und so schieden die Sippen. Siggeir fuhr
mit seiner jungen Frau in seine Lande.
Zur rechten Zeit fuhr Völsung mit der Schar
seiner zehn Söhne fort auf drei gemess'nen
Schiffen nach Gotenland, vom Winde gut
begleitet, bis am späten Abend sie
das fremde Ufer glücklich erreichten.
Doch in derselben Nacht trat Signy vor
die Lieben, rief den Vater und die Brüder
zu heimlichem Gespräch und kündigte an,
was Siggeir listig gegen sie besann:
„Ein Heer hat er gesammelt, groß und stark,
das ihr nicht bändigen könnt! Drum kehret um
in euer Heimatland, versammelt dort
die Macht der Euren, kommt dann kriegerisch
und übt die Rache! Geht nicht euren Tod,
denn durch sein falsches Spiel fallt ihr gewiss!“
Da sprach der König Völsung: „Jedes Volk
soll einst von jenem Schwur der Lippen künden,
den ich tat, eh' ich geboren war:
Vor Feuer und vor Schwert nicht feige zu fliehn!
So tat ich stets im Leben – soll ich jetzt,
im Alter, feige meine Bahnen wechseln?
Nie sollen Jungfrauen beim Spiel verhöhnen
die Söhne meinen: Furcht vor dem Verderben!
Ein einzig Mal muss jeder Sterbliche
den Tod erlitten haben; keinen schützt
sein Warten. Darum bleibe unser Schritt
standhaft und mannhaft! Hundert Schlachten schlug
ich in der Welt, mit wenig oder viel,
und siegte stets; kein Mensch soll je von mir
vernehmen, dass ich floh um Friedens willen.“
Da weinte Signy bitterlich und bat,
nicht heim zu müssen zu dem bösen Gatten.
Doch Völsung sprach: „Du kehrst zu deinem Mann
zurück und bleibst bei ihm,
wie uns auch schicksalhaft das Treffen droht!“
Sie ging. Am nächsten Tag,
kaum dass die Sonne stieg, befahl der König
sein Volk zum Kampf an Land. Sie traten vor,
alle gerüstet, und nicht lang verging,
bis Siggeir mit der Übermacht sie anfocht.
Ein wilder Kampf entbrannte! Achtmal rannte
der König Völsung mit den Söhnen durch
die feindlichen Reihen, hieb und schlug um sich,
doch als sie's neuntes Mal versuchen wollten,
da fiel der König Völsung in das Blut
samt seiner Schar – nur die zehn Söhne lebten,
vom drückenden Gewicht der Feinde rings umringt.
Sie wurden all' gefesselt und gebunden.
Als Signy sah, dass tot der teure Vater
und gefangen die Brüder, rief sie Siggeir
besonders zu sich hin und sprach: „Erfülle
mir diesen Wunsch: Lass meine Brüder nicht
zu rasch den Tod erleiden! Setze sie
vorerst in Stock und Block, denn mir kommt in den Sinn:
'Süß ist dem Auge, was es noch erblickt!'
Mehr läng'res Leben bitt' ich nicht für sie,
denn meine Bitten nützen ohnehin nichts.“
Da sprach der König Siggeir: „Wahrlich, toll
bist du und sinnlos, bittest um mehr Qual
für deine Brüder als den schnellen Tod!
Doch sei's drum – ich gewähre dir die Gunst,
je schwerer ihre Schmerzen, desto mehr
gefällt es mir vor dem erlösend' Ende.“
Man brachte einen großen, schweren Baumstamm
und klemmte ihrer zehne Füße ein
im wilden Walde. Dort so saßen sie
den ganzen Tag. Doch als die Mitternacht
heranschlich, kam aus tiefem Tann herbei
eine alte Wölfin, groß und schrecklich anzuschaun;
sie packte einen jener Brüder gleich,
riss ihn in Stücke, fraß ihn auf und zog von dannen.
Am nächsten Morgen schickt'
die Signy einen trauten Boten hin,
zu spüren, wie die Lage stünde. Er
kam heim und klagte: Einer sei schon tot.
Groß war ihr Schmerz, doch helfen konnt' sie nicht.
Neun Nächte lang kam jede Mitternacht
die Wölfin an, bis auf den letzten Mann
sie alle fraß, ausgenommen Sigmund nur!
Vor jener zehnten Nacht sandte nun Signy
den Boten heimlich hin mit Honig, den
er Sigmunds Gesicht bestreichen sollte,
auch ein klein wenig in den Mund ihm gebend.
Der Diener tat's. Als dann die Wölfin kam
wie sonst, gewohnt den nächsten Tod zu holen,
da roch sie Honig, schnupperte am Mann,
leckt' ihm das Angesicht und stieß die Zunge
hinein in seinen Mund. Der kühne Sigmund
erschrak nicht, biss die Zunge fest und hart
zwischen die Zähne! Da erschrak das Tier
gewaltig, stieß sich ab mit voller Wucht
vom Holz des Stocks – der Stamm riss mitsamt den Wurzeln
entzwei, und Sigmund hielt die Zunge fest
bis an die Wurzel; daran starb das Tier.
(Manch einer aber sagt, die Wölfin war
des Königs Siggeir eigene Mutter selbst,
die durch verruchte Zauberkunst sich so verwandelt).
Als Sigmund nun befreit, die Fessel brach,
da wohnt' er tief im Walde, heimlich und verborgen.
Doch Signy schickt' erneut vertraute Boten,
zu prüfen, ob er lebte. Als sie Nachricht
ihr brachten, ließ sie eine Erdhütte bauen
im wilden Wald, und hielt mit ihm verdeckt
geheimen Rat. So lebte er im Schutz,
von ihr versorgt, während der König glaubte,
die Völsungs seien all mitsamt gefallen.
Zwei Söhne hatte Siggeir mit der Frau.
Als der Älteste zehn Winter zählte,
schickt' Signy ihn zu Sigmund, dass er helfe
dem Vater Rache bringen. Doch der Knabe
kam abends in die Erdhütte. Sigmund
begrüßte ihn und sprach: „Du machst das Brot,
während ich Holz zum Feuer suche!“
Er gab ihm den Mehlsack. Als er wiederkam,
hatte der Junge nichts getan. Auf Fragen
ob Brot bereit sei, sprach der Knabe zitternd:
„Ich wagte nicht, den Mehlsack anzurühren,
denn etwas Lebendes lag drin im Mehl!“
Da wusste Sigmund, dass der Junge schwach
und feige war, kein Helfer für die Rache.
Er sprach zu Signy: „Nimm und töte ihn,
denn warum soll ein solcher Knabe leben?“
Und sie tat also. Im nächsten Winter sandte
sie ihren zweiten Sohn zu Sigmund. Doch
die Geschichte wiederholte sich genau;
auch diesen ließ er auf ihr Geheiß töten.
yyy
Da saß einst Signy in der Kammer still,
als eine kluge Zauberin zu ihr trat.
Mit ihr besprach sie sich: „Tausche mit mir
die Gestalt für kurze Zeit!“ Die Alte rief:
„Gescheh' nach deinem Willen!“
Durch Zauberkraft vertauschten sie die Form,
und die Hexe saß an Signys Platz bei Nacht
im Bett des Königs, der es nicht gewahrte.
Signy hingegen ging im Waldesdunkel
zum Erdhaus ihres Bruders, bat um Herberge
für diese Nacht, da sie im Wald verirrt.
Er gewährte es der einsamen Frau,
da er nichts Böses ahnte. Beim Mahl sah er
sie oft mit Wohlgefallen an, so schön
schien sie ihm; und nach dem Essen bot
er ihr das Bett an. Drei Nächte lang
schlief sie bei ihm.
Danach ging sie
nach Hause, ließ die Hexe Rücktausch halten,
und sie erlangte ihre Form zurück.
Nach einiger Zeit gebar sie einen Sohn,
Sinfjotli genannt. Er wuchs heran,
war groß und stark, dem Völsungsstamme ähnlich.
Kaum zehn Winter alt, schickte sie ihn
zu Sigmunds Erdhaus. Zuvor jedoch
wollte sie prüfen, ob er härter sei
als seine Brüder: Sie nähte Handschuhe
an seine Hände durch Fleisch und Haut hindurch!
Der Junge weinte nicht, verog das Gesicht nicht einmal.
Da riss sie die Kleider ab, dass Haut und Ärmel
sich trennten, und sprach, das sei Schmerz genug.
Er aber sagte: „Völsung hätte diesen Schmerz
noch viel geringer empfunden!“
Der Knabe kam zu Sigmund. Dieser hieß ihn,
den Teig zu kneten, während er Holz holte.
Er gab ihm den Sack. Als Sigmund wiederkam,
war das Brot längst gebacken. Da fragte Sigmund,
ob er etwas im Mehl bemerkt hab'.
Sinfjotli sprach: „Mich deuchte, etwas Lebendiges
wär' im Mehl gewesen, als ich zu kneten anfing;
doch ich knetete es einfach alles mit unter,
was immer es auch war!“
Da lachte Sigmund laut auf und sprach:
„Heut' wirst du von dem Brot nichts essen, denn
den giftigsten Wurm hast du hineingeknetet!“
Sigmund war nämlich so stark von Art, dass er
selbst Gifte ohne Schaden essen konnte,
während Sinfjotli zwar gegen Gifte von außen
gefeit war, aber drinnen nichts verzehren durfte.
Im Streit der Kriege traf der edle Helgi
auf König Hunding, mächtig und berühmt;
sie rangen wild, und Helgi trug den Sieg
davon im Streit, während der Feind im Blut
versank. Doch Hundings Söhne sammelten
ein Heer voll Zorn, um Rache zu vollziehn.
Hart war der Strauß, doch Helgi brach hindurch
bis zu des Feindes Banner, schlug sie nieder:
Alf und Eyolf, Herward und Hagbard fielen
durch seinen Arm, und groß ward sein Renommee.
Als er da heimwärts zog vom blut'gen Feld,
traf er auf eine Schar von Frauen, edel
und wunderbar zu schaun; die Herrscherin
war Sigrun, König Hognis stolze Tochter.
Helgi sprach sie an nach Namen, Rang und Ziel,
und sie bekannte ihm ihr schweres Los:
„Der Vater hat mich Hodbrod zugesagt,
dem Sohn des Granmar. Doch ich habe geschworen,
ihn nie zu wollen! Eh' nehm' ich mir
dich zum Gemahl, wenn du den Streit wagst
und mich befreist mit deines Schwertes Macht!“
Da rief der Völsung seine Krieger her,
aus Norvi Sound sammelten Schiffe sich,
zwölftausend Mann an Zahl auf starkem Kiel.
Ein wilder Sturmstoss tobte durch die See,
als sie das Land berührten, wo am Strand
Sigrun sie empfing.
Da trat
der Feind ans Ufer, spottend rief ein Mann
herab und friskaft' nach dem Herrn der Schar.
Da trat Sinfjotli vor im hellen Glanz,
mit gläsernem Helm und schneeweißer Brünne,
den Schild vor sich, und rief ihm höhnend zu:
„Sag deinem Herrn, der bei den Schweinen weilt,
die Völsungs sind gekommen! Helgi sucht
den Kampf zur Freude, während du am Feuer
die Mägde küsst!“
Granmar entgegnete
mit Hohn und warf ihm alte Mären vor,
von Wolfsmast und Verwandlung in der Wildnis.
Sinfjotli aber lachte und erwiderte
mit gleichem Spott von Zauber und Gestalt.
Da sprach der Herrscher Helgi: „Schluss mit Worten!
Der Stahl soll sprechen, Männer müssen kämpfen!“
Sie trafen aufeinander am Wolfsstein.
Ein wilder Hieb entbrannte! Helgi stürzte
auf König Hodbrod vor, erschlug ihn tief
im Schmutz des Blutes unter seinem Banner.
Da trat Sigrun hervor und rief voll Jubel:
„Gesegnet sei dein Arm und deine Tat!
Nun teilen wir das Land in Glück und Ehre,
du größter Held der Zeit!“
So nahm er sie zur Frau und herrschte weise
in jenem Reich, hochgerühmt und stark,
obwohl die Sage fortan schweigt von ihm.
Vom Kampf keimten Völsungs Sprossen heim,
voll Ruhm und Ehre nach den großen Taten.
Doch Sinfjotli zog bald wieder aus in den Krieg;
dort sah er ein wunderschönes Weib
und begehrte sie mehr als alles andere.
Doch um dieselbe warb auch Borghilds Bruder,
des Königs Gemahlin. Sie stritten im Zweikampf,
und Sinfjotli erschlug den Konkurrenten.
Er zog umher, gewann in vielen Schlachten
den Sieg und kehrte heim im Herbst
mit Schiffen voller reicher Schätze.
Er erzählte dem Vater seine Taten,
der König aber sprach zur Frau.
Sie forderte des jungen Mannes Bann
und weigerte sich, ihn zu sehen.
Doch Sigmund sprach, er treibe ihn nicht fort,
und bot ihr reiches Gold als Sühne an –
obwohl er nie zuvor für einen Mord
Wergeld gezahlt, doch schien es ihm nicht recht,
vor einer Frau das Unrecht zu verteidigen.
Da sie nicht siegen konnte mit dem Willen,
sprach sie: „Gescheh' nach deinem Willen, Herr,
denn also ist es wohl am Platz.“
Sie richtete das Totenmahl her
für ihren Bruder mit des Königs Hilfe
und lud die Großen des Reiches ein.
Beim Festmahl ging die Königin umher,
reichte den Becher dem Volke und trat
auch vor Sinfjotli mit großem Horn:
„Trink nun, du fairer Stiefsohn!“
Er nahm das Horn, blickte hinein und sprach:
„Nein, denn der Trank ist mit Gift gebraut!“
Da sprach Sigmund: „So gib ihn her zu mir!“
Er nahm den Becher und trank ihn leer.
Doch Borghild sprach zu Sinfjotli:
„Warum muss ein andrer dein Bier für dich trinken?“
Sie kam ein zweites Mal mit dem
Horn
und reizte ihn mit vielen Worten.
Er nahm es hin und sprach: „Es ist Guile im Trank.“
Und wieder rief Sigmund: „So gib ihn mir!“
Zum dritten Mal trat sie an seinen Tisch,
befahl ihm zu trinken, wenn er das Herz
eines Völsungs trüge. Da griff er nach dem Horn
und sagte: „Gift ist darin.“
„Lass die Lippe es ausfiltern, Sohn,“ rief Sigmund,
der längst von schwerem Trank betrunken war.
Da trank Sinfjotli – und sank tot zu Boden.
Sigmund erhob sich, von Schmerz zerrissen,
nahm den Leichnam in seine Arme
und trug ihn zum Wald bis an einen Fjord.
Dort bot ein Mann im kleinen Boot ihm Fährte.
Das Boot war schmal, so legten sie zuerst
den Toten hinein, während Sigmund am Ufer ging.
Doch plötzlich schwanden Boot und Fährmann
vor Sigmunds staunendem Blick.
Er kehrte heim, verstieß die Königin,
die kurz darauf verschied. Doch Sigmund
regierte sein Reich als der größte
und mächtigste König des alten Gesetzes.
Es gab einen König, Eylimi genannt,
mächtig und berühmt. Seine Tochter Hjordis
war die weiseste und schönste unter Frauen.
Als Sigmund von ihr hörte, ward sie ihm
nach Wunsch und Willen seine Braut.
Er zog zu Eylimis Hof, wo man im Frieden
das Fest bereitete. Auch König Lyngi,
der Sohn des Hundings, war gekommen,
um um die Hand der Jungfrau zu werben.
Der Vater sprach zur klugen Tochter:
„Du sollst dir selbst den Ehemann erwählen.“
Sie sprach: „Schwer ist die Wahl, doch ich wähle
den Ruhmreichsten: König Sigmund,
obwohl er schon in Jahren fortgeschritten.“
So ward sie ihm verlobt, und Lyngi zog davon.
Sigmund vermählte sich und kehrte heim
ins Hunland mit dem Vater seiner Braut.
Doch König Lyngi und der Brüder Schar
sammelten ein Heer zur Rache.
Sie zogen heran, und Sigmund bot
sein kleineres Heer dem Feinde entgegen,
während Hjordis im tiefen Walde ruhte
mit reichem Schatz und treuer Magd.
Der Kampf begann, erbarmungslos und wild.
Ob alt an Jahren, kämpfte Sigmund kühn
an vorderster Front; kein Schild, kein Panzer
hielt stand vor seinem Schwert. Die Arme
waren rot vom Blut bis zu den Schultern.
Da trat mitten in den tobenden Streit
ein einäugiger Mann in blauem Mantel,
den Hut tief ins Gesicht gedrückt,
und hielt eine Hellebarde in der Hand.
Er stellte sich Sigmund entgegen.
Als Sigmund wütend zuschlug, traf sein Schwert
die Waffe des Fremden und sprang in Stücke!
In jenem Augenblick wich Sigmunds Glück,
und seine Männer fielen rings um ihn.
Er schonte sich nicht, doch dem Schicksal
von Vielen war kein einzeln' Arm gewachsen.
So fielen König Sigmund und König Eylimi
in vorderster Reih' im blutigen Streit.
König Lyngi ritt zum Hof der Völsungs,
um die Braut zu nehmen, doch er fand
weder Frau noch Schätze; er zog durchs Land
und glaubte, nun sei die Sippe ganz vernichtet.
Hjordis ging in der Nacht des Kampfes
durch die Reihen der Toten und fand Sigmund.
Sie bat ihn zu heilen, doch er sprach:
„Mein Glück ist vergangen; Odin will nicht,
dass ich jemals wieder das Schwert ziehe,
da die Klinge zerbrochen ist.
Ein anderer Mann wird dein Kind empfangen;
bewahre die Scherben des Schwerts wohl auf.
Daraus wird Gram geschmiedet, und unser Sohn
wird damit große Taten vollbringen,
die unvergänglich in der Welt bestehen.“
Mit dem Tagesanbruch verschied der König.
Da sah Hjordis Schiffe ans Ufer gleiten
und sprach zur Magd: „Tausche mit mir
die Kleider und nimm meinen Namen an!“
So taten sie.
Alf, der Sohn des dänischen Königs Hjalprek,
landete mit seinen Männern, fand die Toten
und entdeckte die Frauen im Wald.
Die falsche Magd bekannte sich
und führte sie zu dem verborgenen Schatz.
Alle reisten heim nach Dänemark.
Des Königs Mutter misstraute bald der Magd
und sprach zum Sohn, dass jene andere
viel edler schiene. Der König stellte
die beiden Frauen auf die Probe.
Als er sie nach den Zeichen der Nachtzeit fragte,
antworte die Magd mit albernem Spott.
Hjordis aber sprach:
„Mein Vater gab mir einen goldenen Ring,
der auf dem Finger kalt wird in der Frühe;
daran erkenne ich den Tag.“
Da erkannte der König die Wahrheit,
schloss sie in Ehren und nahm sie
zur stolzen Königin seines Reiches.
Es ward der edlen Hjordis ein Knabe geboren,
und eilends brachten sie ihn vor den König Hjalprek.
Der schaute die scharfen Augen des Kindes
und sprach, dass seinesgleichen kein Mann
auf Erden wandle. Mit heiligem Wasser
ward er benannt und Sigurd geheißen;
von ihm rühmt jede Zunge im Land,
dass an Wuchs und Schönheit nie ein Jüngling ihm gleichkam.
Am Hofe des Königs wuchs er auf in Lieb' und Ehren,
und wenn man der Größten der Vorzeit gedenkt,
steht Sigurd stets voran an Macht und Kühnheit,
an starkem Mut und edlem Sinn,
weit reicher begabt als alle Männer
des weiten Nordlands.
Sein Pflegevater war Regin, der Sohn Hreidmars,
der ihn in allen Künsten unterwies:
im Schachspiel, der Runen geheimen Wissen
und dem Klang vieler Sprachen, wie es Sitte war
für Königssohn' in jenen Tagen.
Einst, als sie beisammen saßen, fragte Regin,
ob er wohl wisse, wie groß des Vaters Schatz gewesen
und wer ihn treu behüte.
Sigurd sprach, die Könige hielten Wachtdarüber.
Da fragte Regin mit bohrendem Wort:
„Vertraust du ihnen allen blindlings?“
Und Sigurd antwortete:
„Es ziemt sich wohl, dass sie ihn wahren,
bis ich selbst die Hand nach ihm strecken kann;
sie wissen den Schatz besser zu hüten als ich.“
Ein ander Mal trat Regin zu ihm und sprach:
„Ein wunderlich Los für des Helden Sohn,
dass du als Pferdeknecht den Königen dienst
und einhergehst wie ein Laufbursch!“
„Mitnichten,“ entgegnete Sigurd,
„denn alles, was ich mir wünsche, wird mir
mit gutem Willen gewährt.“
„So erbitte dir ein Ross von ihnen!“
„Das will ich tun,“ sprach Sigurd, „sobald mir danach ist.“
Er ging zum König und erbat ein Pferd zu seiner Lust,
und der König hieß ihn wählen unter all seinen Tieren.
Am nächsten Tage ritt Sigurd in den Wald
und traf einen alten, langbärtigen Mann,
den er nie zuvor gesehn.
Der bot ihm Rat und hieß ihn,
die Herde in den Strom zu treiben,
der Busil-tarn genannt wird.
Sie taten es; alle Rosse schwammen
zum Ufer zurück – bis auf eines.
Das wählte Sigurd für sich:
grau von Haar, jung an Jahren,
groß im Wuchs und wunderbar zu schaun,
kein Mann hatte je seinen Rücken berührt.
Da sprach der Graubart:
„Von Sleipnirs Art stammt dieses Tier;
hege es wohl, es wird das beste aller Rosse sein!“
Und mit diesen Worten schwand er dahin.
Sigurd nannte das Pferd Grani,
das herrlichste Ross der Welt;
doch der Mann, den er traf, war Odin selbst.
Und Regin begann von Neuem zu drängen:
„Nicht genug ist dein Reichtum,
es schmerzt mich zu sehn, wie du läufst wie ein Knecht!
Doch ich weiß von einem Hort, dem reichen Schatz,
und unermesslichem Ruhm, den du gewinnen kannst.“
Sigurd fragte nach dem Ort und dem Wächter.
Regin sprach: „Fafnir heißt der Wurm,
nicht fern von hier auf der Gnita-Heide.
Wenn du dorthin kommst, siehst du Gold
wie nie ein König vor dir.“
„Jung bin ich,“ erwiderte Sigurd,
„doch kenne ich die Art des Lindwurms,
und niemand wagt es, ihm zu nahen,
so groß und grimmig ist er.“
Regin aber schmähte seinen Mut und sprach:
„So hast du nicht den Sinn der Völsungs!“
Da forderte Sigurd die ganze Geschichte,
und Regin hob an zu erzählen.
„Hreidmar hieß mein Vater,“ sprach Regin,
„mächtig und reich. Fafnir war der erste Sohn,
Otter der zweite, und ich der dritte
und schwächste an Kraft, doch geschickt mit den Händen
in Eisen, Silber und Gold.
Mein Bruder Otter war ein Fischer von Art,
der am Tage die Gestalt des Otters annahm,
im Flusse tauchte und Fische fing,
die er dem Vater heimbrachte;
denn meist trug er das Ottergewand.
Fafnir aber war der größte und grimmsdte von allen.
Einst saß ein Zwerg namens Andvari
als Hecht im Wasserfall und suchte Speise.
Mein Bruder Otter war in den Strom gegangen
und frass am Ufer einen Lachs, im Schlummer befangen.
Da warf Loki einen Stein nach ihm,
dass er den Tod fand. Die Götter frohlockten,
zogen ihm das Otterfell ab
und brachten es am Abend zu unserem Vater.
Der ergriff sie und forderte als Buße,
dass sie den Otterbalg mit rotem Gold
ganz ausfüllen und von außen bedecken sollten.
Loki lieh sich von Ran ihr Netz,
ging zum Wasserfall und fing den Hecht.
Da sang der Zwerg:
Welcher Fisch aus den Fluten
schwebt stark in der Strömung,
ohne zu achten die List?
Dein Haupt musst du lösen
vom Abgrund der Hel
und mir zeigen der Wasser Flamme!
Und er sprach:
Andvari heißen sie mich,
Oinn mein Vater,
durch manchen Fall bin ich gefahren;
eine Norn' des Unheils
legte mir auf das Leben,
durch nasse Wege ewig zu waten.
Loki nahm sein ganzes Gold,
bis auf den letzten Ring, den er ihm auch noch raubte.
Da floh der Zwerg in die Felsenkluft
und schrie den Fluch aus:
Dieser goldene Ring und all das Gut
sollte der Tod sein eines jeden,
der es jemals besitzen würde!
Die Götter brachten den Schatz zu Hreidmar,
füllten den Balg und bedeckten ihn völlig mit Gold,
bis auf ein einzelnes Schnurrhaar, das noch hervorsah.
Da zog Odin den Ring von seiner Hand
und verbarg das Haar damit.
Loki aber sang:
Gold genug hast du nun,
ein großes Wergild,
dass mein Haupt in Frieden bleibt;
doch dir und deinem Sohne
ist kein Heil beschieden,
das Gold wird euer beider Tod sein!
Bald darauf erschlug Fafnir den Vater aus Habgier,
und ich bekam nichts von dem Schatz.
Er ward zum bösesten aller Würmer
und hockt nun brütend auf dem Gold.
Ich aber zog zum König und ward sein Schmied.“
Sigurd sprach: „Groß ist dein Verlust,
und grausam waren deine Verwandten!
Doch schmiede du mir ein Schwert durch deine Kunst,
wie nie zuvor ein Mensch es sah,
auf dass ich große Taten vollbringe
und diesen Drachen erschlage!“
Regin versprach es ihm.
Regin schmiedete ein Schwert und reichte es Sigurd.
Der schlug damit auf den Amboss –
und die Klinge zerbrach! Er warf sie fort
und forderte ein besseres Werk.
Auch das zweite zersprang
unter seinem Hieb,
da argwöhnte Sigurd Verrat
und ging zu seiner Mutter im Saal.
Sie empfing ihn mit Freuden
und gab ihm auf sein Verlangen hin
die Stücke des Vaterschwerts Gram.
Mit diesen Scherben ging Sigurd zu Regin
und gebot ihm, daraus die Klinge zu fügen.
Wütend ging der Zwerg ans Werk;
und als er das Schwert heraustrug,
schien es, als brannten Flammen an seinen Schneiden.
Sigurd schlug zu auf den stockharten Amboss –
die Klinge spaltete ihn bis zum Fuß,
ohne zu bersten oder zu brechen.
Zufrieden ging er an den Fluss
und hielt eine Büschel Wolle gegen die Strömung;
sie traf das Schwert und teilte sich rein in zwei Hälften.
Da freute sich Sigurd im Herzen.
Regin aber sprach:
„Nun habe ich das Schwert dir geschmiedet,
wirst du auch dein Wort halten und Fafnir erlegen?“
„Gewiss halte ich Schritt,“ sprach Sigurd,
„doch zuvor muss ich den Tod meines Vaters rächen!“
Und je älter der Jüngling ward,
desto tiefer schloss ihn ein jeglicher
in seine Liebe ein.
Es gab einen Mann, Grifir genannt,
der Sigurds Mutter Bruder war.
Bald nach dem Schmieden des edlen Schwerts
zog Sigurd zu ihm, denn Grifir wusste
das Künftige klar und des Schicksals Lauf.
Er bat ihn dringend um Kunde vom Leben,
das vor ihm lag. Und obgleich Grifir schwieg,
erhörte erletztlich des Helden Flehn
und offenbart' ihm sein ganzes Geschick,
genau wie es später sich sollte erfüllen.
Dann ritt der Jüngling heim an den Hof.
Und Regin trat zu ihm und sprach geschwind:
„Nun geh und erschlage den Fafnir, Jüngling,
so wie du es feierlich einst gelobt!“
Doch Sigurd entgegnete standhaft und fest:
„Das Werk soll geschehen; doch eines zuvor:
Ich muss den König Sigmund entrüsten
und rächen des Vaters blutiges Haupt,
samt allen Gefährten im letzten Streit.“
Sigurd trat vor die Könige kühn und sprach:
„Hier weilte ich lang bei euch im Schutz;
ich danke für Liebe und Gaben reich,
für Ehrung und Treue zu jeder Stund.
Doch nun will ich fort aus eurem Land,
zu suchen die Söhne von König Hunding!
Sie sollen erfahren, dass Völsungs Art
nicht untergegangen im Staube liegt;
drum bitt' ich um Hilf' und mächtiges Heer!“
Die Könige boten ihm alles dar,
was je sein begehrendes Auge ersah:
Schiffe voll Rüstung und wackere Mannen,
so dass die Fahrt in Pracht sich entfaltete.
Sigurd selbst lenkte den Drachenkiel,
der herrlichste unter den Kielen allen,
mit leuchtenden Segeln im Morgenwind.
Sie segelten tagelang frei durch die See,
bis wilder Sturm aufpeitschte die Flut,
dass Wellen wie blutiger Schaum sich türmten.
Doch Sigurd gebot, kein Segel zu raffen,
wie stark auch der Wind die Leinwand riss;
sie hielten stand in der brausenden Nacht.
Als sie am Felsen des Vorgebirgs glitten,
rief eine Stimme vom Ufer herab
und fragte, wer Herr der Flotte sei.
Man kündigte an, dass Sigurd das Schiff
befehlt, des Sigmund leuchtender Sohn,
der berühmteste Held der jungen Welt.
Da rief der Mann: „Von ihm kündet das Wort,
dass kein Königessohn ihm gleichen kann!
Rafft nun die Segel ein wenig ein
und nehmt mich alten Mann an Bord!“
Man fragte nach Namen, und singend er sprach:
„Hnikar hieß ich, da Huginn ich tränkte
und zog in die Schlacht, du leuchtender Spross!
Nun magst du mich rufen auf steilem Klippenkopf
Feng oder Fjolnir – ich folge dir gern!“
Sie legten ans Ufer, der Fremde stieg ein.
Da fragte Sigurd den klugen Mann:
„Sag an, Hnikar, da du der Götter Los
und der Menschen Geschicke gründlich kennst:
Was kündet uns Sieg im tobenden Streit,
wenn Schwerter kreuzen am blutigen Tag?“
Hnikar erwiderte:
„Günstig sind Zeichen mancherlei,
wenn Krieger sie deuten im Schwerterspiel:
Ein froher Gesell ist der dunkle Rabe
dem wackeren Kämpfer in blutiger Schlacht!
Das zweite Gute: wenn reisend du ziehst
auf langer Straße am frühen Morgen,
und siehst zwei Männer im Hoforhang
stehen voll Ehrgeiz und Ruhmbegier.
Das dritte: zu hören des Wolfes Heulen
draußen im Schatten der Äste und Zweige;
gutes Glück blüht dir im Schilderschiessen,
wenn diese vorüber den Weg dir weisen.
Niemand im Kampfe wende das Antlitz
ab von des Mondes Schwester am Himmel;
denn der gewinnt im tobenden Streit,
wer am klügsten blickt durch die Hiebe der Klinge
und geordnet führt die geschlossenen Reihen!
Gross ist die Not durch strauchelnden Fuss,
wenn kriegerisch ziehst du zum Ringkampf hin;
denn beiderseits wachen die Dísir am Pfad,
listig und lauernd auf deine Verwundung!
Wohlgewaschen und fein gekämmt
trete der Krieger zum Streite an,
und spare nicht Speise am frühen Tag;
denn wer weiß schon, wie der Abend naht –
schändlich ist's, feige vor Tod zu versinken!“
Der Sturm legte sich, und sie landeten bald
im Reiche der Söhne des Königs Hunding.
Da schwand der geheimnisvolle Fjolnir dahin.
Feuer und Eisen entfesselten sie;
sie sengten die Höfe und schlugen die Männer,
dass Furcht das Land wie ein Schatten ergriff.
Zu König Lyngi flohen die Scharen
und schrien, dass Feuer im Reiche wüte,
und dass Sigurd, des Sigmund kühner Sohn,
heranbrenne mit rasender Wut!
Da rief König Lyngi das Heer zu den Waffen,
voll Zorn und ohne den Gedanken an Flucht.
Ein wilder, erbarmungsloser Kampf entbrannte:
Äxte kracht'n, Schilde zersprangen im Schutt,
Helme spalteten sich, Schädel brachen,
und Tausende sanken zur kalten Erde!
Sigurd trat vor in vorderster Reihe,
schwang das edle Schwert Gram in der Hand,
erschlug die Männer zu Hauf und die Rosse,
schritt durch die Mitte des dicksten Gewühls,
die Arme rot vom Blut bis zu den Schultern!
Niemand vermochte ihm Einhalt zu tun;
keine Rüstung hielt vor dem Hieb der Klinge.
Die Söhne Hundings stürzten auf ihn,
doch Sigurd erschlug König Lyngi erst
und spaltete Helm und Haupt und den Rumpf;
danach Hjorward, seinen Bruder im Streit,
bis alle der Hunde Söhne gefallen
und der Feind vernichtet im Staube lag.
Heimwärts zog Sigurd mit herrlicher Beut',
voll Ruhm und Ehre vom siegreichen Pfad.
Doch kaum war er heimgekehrt in das Reich,
trat Regin erneut an den Helden heran:
„Nun hast du gerächt den Vater im Staub –
wirst du jetzt Fafnirs Stolz niederbeugen,
so wie du es einst versprochen hast?“
Sigurd entgegnete: „Das halten wir fest!
Es ist nicht entfallen dem treuen Gedächtnis.“
Sigurd und Regin ritten bergan
auf jenem Pfad, den der Wurm einst zog,
wenn er trinken ging an das kühle Wasser.
Dreißig Faden hoch war die Klippe,
an der er lag, wenn er sich niedergelassen.
Sigurd sprach: „Wie sagtest du, Regin,
dass dieser Drache nicht größer sei
als andere Würmer? Mir dünkt die Spur
von gigantischem Maß und gewaltiger Art!“
Regin rief: „Grabe dir eine Grube im Pfad
und sitze darin, wenn der Wurm naht zum Wasser!
Stich ihm das Schwert in das schlagende Herz
und gewinne dir Ruhm für alle Zeit!“
Sigurd aber entgegnete kühl:
„Was geschieht mir, wenn mich das Blut überschwemmt?“
Regin sprach: „Wenn du stets nur fürchtest das Schlimmste,
taugst du so gar nicht zu Völsungs Art!“
Sigurd ritt weiter allein über die Heide,
während Regin feige von dannen floh.
Der Held aber grub sich die Grube am Weg.
Da trat ein alter, langbärtiger Mann
zu ihm heran und frug nach dem Werk.
Er sprach: „Das ist trügerischer Rat!
Grabe vielmehr viele Rinnen und Gruben,
dass das Gift abfließt und darin sich sammelt,
sitze in einer und durchbohre das Herz!“
Mit diesen Worten verschwand der Graubart.
Da dröhnte die Erde, der Wurm kroch herab,
speiend Gift und Feuer auf seiner Bahn.
Doch Sigurd zitterte nicht vor dem Lärm.
Als der Drache über die Grube kroch,
stieß Sigurd die Klinge tief unter die Linke,
dass sie bis an das Heft im Fleisch versank!
Er sprang aus der Grube und riss das Schwert fort,
während sein Arm bis zur Schulter voll Blut stand.
Der sterbende Wurm peitschte mit Haupt und Schwanz,
dass ringsum Felsen und Bäume zersplitterten.
Er rief mit sterbender Stimme den Helden an:
„Wer bist du? Und wer ist dein Vater im Land?
Welches Geschlecht war so kühn und vermessen,
gegen mein Leben die Waffen zu ziehn?“
Sigurd entgegnete: „Mein Geschlecht ist verborgen,
man nennt mich ein edles und starkes Tier;
keinen Vater besitze ich, Mutter auch nicht,
ganz alleine zog ich hieher in den Streit.“
Fafnir sprach: „Wenn du elternlos bist,
aus welchem Wunder bist du entsprossen?
Doch ob du schweigst an deinem Todestag –
ich weiß, dass du lügst mit bitterem Wort!“
Da sprach der Held: „Sigurd heiße ich,
und mein Vater war der stolze Sigmund.“
Fafnir rief aus: „Wer trieb dich zur Tat?
Wusstest du nicht, dass die Welt mich erzittert?
Ein feuriger Vater zeugte den Knaben!“
Sigurd sprach: „Ein starkes und treues Herz,
eine starke Hand und das scharfe Schwert
halfen mir siegen in diesem Kampf;
selten beugt Alter die Feigheit der Jugend!“
Fafnir keuchte: „Das Gold, das ich horte,
wird auch für dich ein verhängnisvoller Fluch!
Hüte dich vor dem tobenden Meer,
bleibe an Land, wenn die Stürme toben!“
Doch Sigurd fragte: „Sag an, du Weiser,
wer sind die Nornen, die das Los uns bestimmen?“
Fafnir sprach: „Viele sind sie und fern gesinnt;
einige Asen-Art, andere Elben,
manche des Dvalin leuchtende Töchter.“
Noch einmal sprach Fafnir mit letztem Hauch:
„Regin, mein Bruder, hat mich verraten –
und er plant gewiss auch deinen Untergang!
Nimm dein Pferd und reite so schnell du kannst,
denn oft rührt sich Rache im Todesschmerz!“
Sigurd entgegnete: „Nichts von alledem!
Ich reite zum Hort und nehme den Schatz.“
Fafnir flüsterte: „Reite hin – Gold findest du
in Fülle für all deine Lebenstage;
doch das Gold wird dein Tod sein und jederlei Mann,
der jemals den funkelnden Schatz besinnt!“
Da erhob sich Sigurd und sprach zum Drachen:
„Heim würde ich reiten und all das Gut
von mir werfen, wenn ich wüsste, dass ich
nie sterben muss! Doch ein tapferer Mann
hält den Schatz in Händen bis zum letzten Tag.
Walle nun, Fafnir, im Todesschmerz,
bis Hel dich holt in ihr dunkles Reich!“
Und mit diesen Worten verschied der Wurm.
Da trat Regin zu Sigurd hin und sprach:
„Heil dir, Herr und Meister, du hast den Sieg
Errungen
an dem Wurm, den niemand je zu binden wagte!
Dein Ruhm wird leuchten, solange die Welt besteht.“
Lang blickte Regin zur Erde nieder,
dann sprach er düster und voll schwerer Last:
„Meinen eigenen Bruder hast du erschlagen –
und schwerlich bleib ich frei von Schuld an der Tat!“
Da trocknete Sigurd das Schwert Gram im Sand
und rief dem zürnenden Zwerg entgegen:
„Weit warst du fort, als ich das Werk vollbracht,
als ich mit eigener Hand und Völsungs Kraft
dem Drachen entgegentrat! In den Heidekraut-Büschen
lagst du verborgen, wusstest nicht einmal,
ob Himmel oder Erde dich umfing!“
Regin entgegnete: „Lange hätt' der Wurm gehaust,
hätte mein Schmiedewerk dir nicht das Schwert geschenkt;
ohne diese Klinge hättest du den Drachen nie besiegt.“
Sigurd aber sprach: „Im harten Streit der Völker
ist das tapfere Herz mehr wert als scharfer Stahl.“
Da schnitt Sigurd mit dem Schwert Ridil
dem Wurm das Herz heraus. Regin aber trank
das blutige Gift und bat um seinen Lohn:
„Röste mir das Herz über dem Feuer
und gib mir zu essen von seiner Kraft!“
Sigurd ging und briet das Herz am Spieß;
als der Schaum heraustrat, berührt' er ihn
mit dem Finger, um zu prüfen, ob es gar war.
Er steckte den Finger in den Mund –
und als das Herzblut seine Zunge traf,
verstand er mit einem Schlag das Lied der Vögel
und hörte die Spechte im Gesträuch geschwätzig kosen:
„Da sitzt du, Sigurd, am Bratspieß für einen andern,
statt selber zu essen von Fafnirs Herz!
Dann würdest du der Weiseste aller Menschen sein.“
Ein anderer rief: „Dort liegt Regin, der sinnt
auf Verrat an dem, der ihm vertraut!“
Der dritte sprach: „So schlag ihm das Haupt ab
und herrsche allein über all das goldene Gut!“
Der vierte sang: „Weise wärst du zu folgen dem Rat,
zum Lager des Drachen zu reiten und den Hort zu rauf'n,
und dann über Hindfell zu reisen, wo Brynhild schläft
in tiefem Schlaf; dort holst du dir Weisheit groß.
Denn wo Wolfsohren sind, sind Wolfszähne nicht fern!“
Der fünfte rief: „Nicht klug ist er,
wenn er den schont, dessen Bruder er schon erschlug!“
Und der sechste rief: „Schlag ihn tot
und sei der Herr des Schatzes!“
Da sprach Sigurd: „Noch ist die Stunde nicht geboren,
da Regin mein Verderben wird;
einen Weg sollen beide Brüder fahren!“
Und mit diesen Worten schwang er das Schwert Gram
und schlug Regin das Haupt vom Rumpf.
Da hörte er die Vögel erneut singen, genau wie die Sage kündet:
Der erste sang:
Binde du, Sigurd, die hellroten Ringe!
Nicht ziemt es sich, vor vielerlei zu zagen.
Eine Maid weiß ich, aller Frauen die schönste,
umgürtet mit Gold, gut zu erlangen für dich!
Der zweite sang:
Grün gehen die Wege zu Giukis Halle,
die das Schicksal zeigt denen, die dorthin reisen.
Dort zieht der mächtige König eine Tochter groß;
du wirst handeln, Sigurd, mit Gold für deine Süße.
Der dritte sang:
Eine hohe Halle ist dort erbaut auf Hindfell,
rings um sie her schlägt die rote Flamme empor.
Weise Männer schufen das Wunder der Halle
mit dem unverborgenen Glanz des goldenen Ruhms.
Der vierte sang:
Sanft auf dem Fjell schläft eine Schildmaid,
die rote Pest der Lindenbäume spielt um sie.
Den Schlaf-Dorn sticht Odin in diese Maid
für ihre Wahl im Kriege, die ihm missfiel.
Geh hin, Sohn, sieh jene Maid unter dem Helm,
die Vinskornir aus der Schlacht entführte;
von ihr weicht nicht die Qual des Schlafes,
dem Trotz der Schrecklichen Nornen zum Trotz!
Sigurd aß ein Teil von Fafnirs Herz,
den Rest bewahrte er auf.
Er schwang sich auf das Ross Grani,
folgte der Spur des Wurms bis in sein Lager
und fand die eisernen Türen und Balken,
tief in die Erde gegraben.
Unermesslicher Reichtum lag dort verstreut:
der Rotti-Schwert, der Helm der Schrecken,
der goldene Panzer und Schätze so schwer,
dass zwei oder drei Rosse sie kaum hätten tragen können.
Er lud sie in zwei große Kisten
auf den Rücken Granis; doch das Ross rührte sich nicht
und scherte sich nicht um Schläge.
Da spürte Sigurd den Sinn des Tieres,
schwang sich auf seinen Rücken
und stieß die Sporen in seine Flanken –
da lief das Ross, als wär es unbeschwert.
Lange ritt Sigurd durch weite Lande,
bis er emporstieg auf die Höhen des Hindfells
südwärts zum Reiche der Franken.
Da sah er vor sich auf dem Fjell ein Leuchten,
gleichwie loderndes Feuer bis in den Himmel empor!
Als er näher kam, stand eine schildbehangene Burg
mit einer Fahne auf der Zinne vor ihm.
Sigurd trat ein und sah einen Krieger
in voller Rüstung tief schlafend liegen.
Er zog den Helm von dessen Haupt
und sah, dass es kein Mann, sondern eine Frau war,
gekleidet in einen Panzer, der fest saß wie Haut.
Er schnitt ihn auf vom Kragen bis zum Saum
und trennte die Ärmel, als wär es weicher Stoff.
Da sprach Sigurd, sie habe allzu lange geschaut in den Schlaf.
Sie aber erwachte und fragte:
Welche Macht hat den Panzer zerrissen?
Wer bricht meinen Schlaf?
Wer hat von mir gewendet die finstere Qual?
Ist es Sigurd, des Sigmund Sohn,
der Fafnirs Helm trägt und Fafnirs Tod in der Hand hält?
Sigurd antwortete:
Des Sigmund Sohn mit Sigurds Schwert
hat eben zerrissen des Raben Wall.
Sie erkannte den Völsung und rief:
Lange habe ich geschlummert im harten Bann Odins!
Heil dem wiedergekehrten Tag! Heil den Söhnen des Lichts!
Heil der dunklen Nacht und ihrer Tochter!
Blickt gnädig herab auf uns Einsame.
Sie erzählte, wie sie Helm Gunnar im Streit erschlagen hatte
und Odin zur Strafe den Schlaf-Dorn in sie senkte,
mit dem Spruch, dass sie nie wieder den Sieg erringen
und sich vermählen solle – außer mit dem Mann,
der niemals das Fürchten kannte.
Sigurd bat sie um die Weisheit der Großen Runen.
Brynhild füllte den Becher, bot ihm den Liebestrank
und lehrte ihn die Runen der Welt:
Kriegsrunen für das hohle Schwert,
Seerunen für den sicheren Kiel im Sturm,
Wortrunen für das Thing,
Alerunen gegen Verrat und falsche Zauber,
Hilfsrunen für die gebärende Mutter,
Zweigrunen für die Kunst der Heilung,
und Gedankenrunen für den weisen Geist –
die Runen der Götter, der Elben und Menschen,
geschoren in Gold und Silber, in Holz und Wein,
auf Gungnirs Spitze und Granis Brust.
Und Sigurd sprach:
Niemals will ich fliehen, ob du mich fey wottest;
nicht bin ich zur Feigheit geboren!
Deinen lieben Rat will ich treu bewahren
in meinem Herzen, solange ich lebe.
Sigurd sprach: „Kein weiseres Weib
wird auf weiter Erde je gefunden;
lehr mich noch mehr von deiner Weisheit!“
Sie antwortete mild: „Gerne tu ich nach deinem Willen
und offenbare dir weise Reden aus tiefem Sinn.“
Und sie sprach:
Sei freundlich zu Freund und Verwandtem,
und vergelte nicht leicht ihr Vergehen;
trage und ertrage, so gewinnst du dir
langen und bleibenden Ruhm bei den Menschen.
Hüte dich wohl vor bösen Dingen:
der Liebe einer Maid und der Frau eines Mannes,
denn oft erwächst daraus schweres Leid!
Lass deinen Geist nicht beirren im Volksgericht
durch törichte Reden unwiser Männer;
oft sprechen sie schlimmer, als ihr Verstand reicht,
damit man dich einen Feigling schimpft.
Erschlag solchen Toren an einem andern Tag
und vergelte ihm so sein hässliches Wort!
Zieht dein Weg durch Gefahren und böses Gelichter,
so sei auf der Hut: nimm kein Nachtlager nah am Pfad,
ob die Nacht auch anbricht, denn dort lauern böse Geister.
Lass dich holde Frauen beim Fest nicht bezirben,
dass die Sehnsucht dir raube den Schlaf und die Ruhe,
und küsse sie nicht mit betörender Liebesgier.
Hörst du das dumme Wort eines Betrunkenen,
streite nicht mit ihm, der von Met besessen ist;
viel Kummer und gar der Tod entspringt daraus.
Kämpfe deine Schlachten draußen im Felde,
und lass dich niemals im Hause verbrennen!
Schwöre niemals einen trügerischen Eid,
denn groß und grimmig ist der Lohn des Treuebruchs.
Ehre die Toten – ob im Bett oder auf der See –,
und pflege ehrerbietig ihrer Leiber.
Vertraue nie dem, dem du Vater oder Bruder erschlugst,
auch wenn er noch jung ist:
denn oft wächst der Wolf im Wolfswelpen heran!
Sieh dich vor vor der List deiner Freunde;
doch möge der Hass der Sippe deiner Frau
dich niemals treffen auf deinen Wegen!
Sigurd sprach: „Keinen klügeren Menschen
gibt es unter den Söhnen der Männer;
drum schwöre ich dir: dich will ich zur Eigen haben,
denn du liegst mir nah am Herzen!“
Sie antwortete: „Dich würde ich mir wählen,*
hätt ich alle Söhne der Männer zur Hand!“
Und sie reichten einander die treue Hand zum Bund.
Sigurd ritt von dannen;
sein Schild war vielfach gefaltet
und glänzte von rotem Gold,
darauf die Gestalt eines Drachens gemalt –
oben dunkelbraun, unten leuchtend rot.
Mit gleichem Bild waren Helm, Sattel und Rüstung geschmückt;
er trug den goldenen Panzer
und Waffen, die ganz aus Gold getaucht waren.
Der Drache prangte auf all seinen Waffen,
damit jeder, der ihn erblickte, sofort wusste,
wer des Weges zog – jener Held,
der den großen Lindwurm erschlagen,
den die Woringer Fafnir nennen.
Seine Waffen schimmerten golden und braun,
und er selbst übertraf alle Menschen an Höflichkeit,
guten Sitten und edlem Wesen.
Wenn die Männer der Vorzeit von den Mächtigsten sprachen,
wurde stets sein Name an erster Stelle genannt;
sein Ruhm hallte weit nördlich der griechischen Meere
und wird leuchten, solange die Welt besteht.
Sein Haar war goldrot, von schöner Art,
in großen, schweren Locken herabfallend;
sein Bart war kurz und dicht, von gleicher Farbe.
Hochnäsig war er nicht, doch hoch im Wuchs,
mit breitem, markantem Gesicht und scharfen Augen,
vor deren Blick kaum einer standzuhalten wagte.
Seine Schultern waren breit wie die von zweien,
sein Körper vollkommen in Wuchs und Maß.
Wenn er sein Schwert Gram gürtete –
das volle sieben Spannen lang war –
und durch das reife Roggenfeld schritt,
berührte der Knauf des Schwertes die Ähren der Ernte!
Doch seine Kraft war noch größer als seine Gestalt:
Meisterhaft schwang er das Schwert,
warf den Speer, schoss den Pfeil,
hielt den Schild, spannte den Bogen
und lenkte das Ross mit ritterlicher Kunst.
Er verstand
die Sprache der Vögel
und wusste um Dinge, die noch verborgen waren,
sodass ihn selten etwas unvorbereitet traf.
Er war beredt und von so gewinnender Rede,
dass jeder, der ihn sprechen hörte,
glauben musste, es könne gar nicht anders sein,
als Sigurd es verkündete.
Seine größte Freude war es, den Seinen zu helfen,
sich in schwerer Not zu bewähren,
Feinden den Schatz zu rauben
und ihn den Freunden zu schenken.
Niemals verlor er den Mut,
und vor nichts auf der Welt kannte er Furcht.
Weiter ritt Sigurd, bis er an einen großen,
prächtigen Hof kam, dessen Herr ein mächtiger Fürst
namens Heimir war. Dieser hatte zur Frau
eine Schwester Brynhilds, Bekkhild genannt,
die daheim geblieben war und Handwerkskunst gelernt hatte,
während Brynhild mit Helm und Panzer in die Kriege zog.
Der Sohn von Heimir und Bekkhild hieß Alswid,
ein an Höflichkeit unübertrefflicher Mann.
Als die Leute dort den ritterlichen Reiter erblickten,
ließen sie ihr Spiel und staunten über seine Gestalt,
denn Seinesgleichen hatten sie nie zuvor gesehen.
Sie traten ihm entgegen und hießen ihn willkommen.
Alswid bat ihn zu bleiben und bot ihm alles an,
was sein Herz begehrte; Sigurd nahm es froh an.
Vier Männer trugen das schwere Gold vom Pferd,
und ein fünfter übernahm die Wache darüber.
Da gab es Kostbarkeiten zu bewundern:
seltene Kleinode, Panzer, Helme,
große goldene Becher und reiche Kriegswaffen.
Lange weilte Sigurd dort in höchsten Ehren,
während die Kunde von seiner Heldentat
– der Erlegung des fürchterlichen Drachens –
sich in allen Landen verbreitete.
Sie verlebten frohe Tage in Treue und Eintracht,
schmiedeten gemeinsam Waffen,
pfeiften die Bogen zu und ließen Falken fliegen.
Zu jener Zeit kehrte Brynhild, Heimirs Pflegetochter,
heim in das Haus. Sie saß in ihrem Gemach
mit ihren Mägden und webte mit goldenem Faden
die großen Taten Sigurds in den Stoff:
den Kampf mit dem Wurm, den Raub des Schatzes
und den Tod des Zwerges Regin.
Eines Tages ritt Sigurd mit Falken und Hunden
zur Jagd in den Wald. Als er heimkehrte,
flog sein Falke empor zu einem hohen Turm
und setzte sich auf ein offenes Fenster.
Sigurd folgte dem Vogel und erblickte
eine wunderschöne Frau – und er wusste,
dass es Brynhild war. Er fand alles an ihr bewundernswert:
ihre makellose Schönheit und die Kunst ihrer Hände.
Er ging in die Halle zurück,
doch die Spiele der Männer erfreuten ihn nicht mehr.
Da fragte Alswid: „Warum bist du so freudlos?
Dein Kummer schmerzt uns, deine Freunde.
Deine Falken darben, und dein Ross Grani
lässt traurig den Kopf hängen!“
Sigurd antwortete: „Höre, lieber Freund, was mich bewegt:
Mein Falke flog hinauf in den Turm,
und als ich ihn holte, sah ich eine edle Frau,
die goldene Fäden webte
und meine Taten – vergangene und künftige –
in den Wandteppich nähte.“
Alswid sprach: „Du hast Brynhild gesehen,
Budlis Tochter, die Größte aller Frauen.“
„Wahrlich“, sagte Sigurd, „doch wie kam sie hierher?“
Alswid entgegnete: „Es war nur eine kurze Spanne Zeit
zwischen der Ankunft von euch beiden.“
Sigurd rief: „Ich muss sie wiedersehen,
ihre Liebe gewinnen und ihr zum Pfand
einen goldenen Ring anstecken!“
Alswid schüttelte den Kopf:
„Niemals gab es einen Mann, den sie neben sich duldete
oder dem sie den Trunk reichte;
sie strebt nur nach Krieg und Ruhm.“
Doch Sigurd ließ sich nicht abbringen.
Am nächsten Tag ging er zum Gemach.
Alswid stand draußen und schnitzte Pfeile.
Sigurd trat ein und grüßte die edle Frau:
„Sei gegrüßt, wie geht es dir?“
Sie antwortete: „Mir geht es wohl,
meine Verwandten leben noch;
doch wer weiß, was das Schicksal uns bringt?“
Er setzte sich zu ihr.
Vier Jungfrauen traten ein mit goldenen Bechern
voll des edelsten Weins und schenkten ihnen ein.
Brynhild sprach: „Dieser Sitz ist für wenige bestimmt,
ausgenommen mein Vater kommt.“
Er erwiderte: „Und doch ist er einem gewährt,
der dein Wohlwollen sucht.“
Sigurd nahm den Becher, ergriff dabei ihre Hand
und zog sie an seine Seite.
Er schlang die Arme um ihren Hals, küsste sie
und sprach: „Du bist die Schönste, die je geboren ward!“
Doch Brynhild flüsterte: „Klüger ist es,
einer Frau nicht ganz zu vertrauen,
denn stets brechen sie das gegebene Wort.“
Er sprach: „Der schönste Tag wird heraufdämmern,
an dem wir beide vereint glücklich sind.“
Brynhild aber erwiderte: „Es ist nicht bestimmt,
dass wir beieinander bleiben;
ich bin eine Schildmaid, trage den Helm im Krieg
und liebe den Kampf.“
Sigurd rief: „Welchen Sinn hat unser Leben,
wenn wir getrennt wandern?
Dieser Schmerz ist schwerer zu tragen
als der Hieb des schärfsten Schwerts!“
Brynhild sprach: „Ich werde der Helden Schlachten schauen,
du aber wirst Gudrun heiraten, Giukis Tochter.“
Sigurd entgegnete: „Keine Königstochter vermag mich zu täuschen;
ich schwöre bei den Göttern:
Dich will ich zur Eigen haben – oder keine!“
Sie tauschten erneut die Eide der Treue,
und Sigurd ging zu seinen Männern zurück,
getrost und voller Hoffnung in seinem Herzen.
Ein König ward Giuki genannt,
am Rhein herrschte er im Süden,
drei Söhne stählten das Reich:
Gunnar, Hogni und Guttorm.
Gudrun hieß seine Tochter,
die Schönste unter den Mägden.
An Kraft und an Wuchs übertrafen
die Kinder der Fürsten alle;
in Kriugen rühmten die Söhne
sich mancher gewagten Tat.
Grimhild, die weise Frau,
hatte sich Giuki vermählt.
Mächtiger noch als Giuki
war Budli, weithin bekannt;
Atli war Brynhilds Bruder,
ein finstrer und grimmer Krieger,
schwarz von Blicke, doch edel von Art,
der Stärkste im Felde der Schlachten.
Grimhild barg wildes Herz.
In Blüte stand Giukis Haus,
getragen von jenen Kindern,
die Menschen an Ruhm übertrafen.
Eines Tages klagte Gudrun
ihren Mägdern das schwere Herz,
bis eine der Frauen sie fragte,
warum ihr die Freude entschwunden.
Da sprach sie: »Gram traf mich im Traum,
drum trägt meine Brust nun Sorge,
da du nach den Ursachen fragst.«
»Verkünde mir nun deinen Traum«,
sprach jene, »denn Träume künden
meist nur den Wandel des Wetters.«
Gudrun entgegnete: »Nein,
kein Wetter ist’s, das mich bedrückt!
Ein edler Habicht im Traum
saß mir am Arm, mit goldenen Federn.«
Die Frau sprach: »Weithin erschallt
dein Ruhm, deine Weisheit und Güte;
gewiss harrt dein ein Königssohn.«
Gudrun sprach: »Nichts war mir so teuer
als dieser strahlende Habicht,
jeden Hort hätt’ ich lieber geopfert.«
Da sprach die Frau: »So wird der Mann,
den du gewinnst, der Edleste sein,
und tief wirst du ihn lieben.«
Gudrun rief: »Weh, dass ich nicht weiß,
wem ich gehöre! Lass uns zu Brynhild ziehn,
sie kündet uns wahrlich die Kunde.«
Sie schmückten sich reich mit Gold
und wandten den Weg mit den Mägdern
hin zu der Hall' auf dem Berg,
die Brynhild in Gold erbaute.
Man sah sie im güldenen Wagen nah'n,
und Brynhild ward es verkündet:
»Gudrun naht, Giukis Tochter,
ich sah sie im Traum in der Nacht!
Lasst uns entgegen ihr gehen;
kein edleres Weib betritt unser Haus.«
Sie traten hinaus zur Begrüßung,
sie hießen sie herzlich willkommen
und schritten gemeinsam zur Halle,
die reich mit Silber geschmückt war.
Teppiche lagen am Boden,
sie dienten den Gästen in Treue
und spielten in mancherlei Weise.
Doch Gudrun blieb schweigend und ernst.
Da sprach Brynhild: »Störe nicht den Frohsinn der Menschen,
lass uns vom Wirken der Könige sprechen,
von Taten und Helden im Streit!«
Gudrun entgegnete: »Gut ist das Wort,
lass uns so tun! Welchen König
hälst du für den Ersten der Männer?«
Brynhild sprach: »Hakis Söhne
und Hagbard mit ihnen; sie vollbrachten
im Kriege manch rühmliche Tat.«
Gudrun entgegnete: »Wackere Männer!
Doch Sigar fing ihre Schwester,
verbrannte die andre samt Haus.
Sie zögerten lang mit der Rache.
Warum nanntest du nicht meine Brüder,
die heute die Ersten der Männer?«
Brynhild sprach: »Hoffnungsvoll sind sie,
doch wenig erprobt in den Schlachten.
Einen kenn' ich, der alle weit übertrifft:
Sigurd, den Sohn König Siegmunds.
Ein Knabe war er, da er Hundings Söhne
erschlug und den Vater gerächt,
samt Eylimi, des Vaters Vater.«
Gudrun sprach: »Worauf stützest du diesen Ruhm?«
Brynhild erwiderte: »Seine Mutter ging
einst durch die Schar der Erschlagenen
und fand König Siegmund schwer verwundet;
sie wollte ihm lindern die Schmerzen,
doch er sprach, er sei alt für die Schlachten,
und hieß sie den Trost sich bewahren:
Sie gebäre den rühmlichsten Sohn.
Wahr sprach der Weise in jener Stunde!
Nach Siegmunds Tod zog sie zu König Alf,
und Sigurd wuchs dort in Ehren auf;
Tag für Tag wirkte er kühne Taten,
der Weithinberühmteste auf der Welt.«
Gudrun sprach: »Die Liebe gab dir
die Kunde von ihm; doch ich kam,
dir meine Träume zu klagen,
die tiefe Sorge mir brachten.«
Brynhild sprach: »Lass dich nicht beugen!
Verweile bei Freunden, die froh dir sind!«
Gudrun sprach: »Dies war mein Traum:
Wir zogen aus dem Gemach,
und sahen einen gewaltigen Hirschen,
der alle Tiere an Größe übertraf,
und golden glänzte sein Haarkleid.
Wir alle begehrten das Tier,
doch ich allein erlangte den Hirschen,
er schien mir wertvoller als alles.
Doch du, Brynhild, erschossest ihn
gerade vor meinen Knien!
So tiefer Schmerz traf mein Herz,
dass ich ihn kaum tragen konnte.
Danach gabst du mir ein Wolfsjunges,
das mich mit meiner Brüder Blut bespritzte.«
Brynhild antwortete: »Ich deute den Traum
nach dem, was künftig sich ereignet:
Sigurd wird kommen, den ich mir erkor,
und Grimhild reicht ihm den Zaubertrank,
der uns alle in wilden Streit stürzt.
Ihn wirst du gewinnen und früh verlieren;
Atli wirst du zum Gatten nehmen,
deine Brüder wirst du verlieren
und Atli am Ende erschlagen.«
Gudrun sprach: »Weh mir des Leids,
wenn solches sich erfüllen muss!«
Sie wandte sich heim zu König Giuki.
Sigurds Ankunft und Vermählung
Sigurd reitet dahin mit dem großen Schatz,
im Frieden zieht er von dannen.
Er sprengt auf Grani mit Waffen und Gut
bis hin zu König Giukis Hof.
Einer der Männer sah ihn reiten
und sprach erstaunt zu den andern:
»Wahrlich, ein Gott ist hier hergekommen!
Sein Schmuck ist ganz von Gold,
sein Ross weit mächtiger als andere Pferde,
seine Waffen von edelster Art,
und er selbst übertrifft alle Sterblichen.«
Der König tritt mit den Seinen hinaus
und fragt: »Wer bist du, der in meinen Hof
so reitet, wie bisher kein Fremder wagte
ohne meiner Söhne Geheiß?«
Er antwortete: »Sigurd heiße ich,
der Sohn König Siegmunds.«
Da sprach König Giuki: »Sei mir willkommen!
Nimm von uns, was immer du begehrst.«
Er schritt in die Halle des Königs,
und alle Männer schienen klein neben ihm;
sie dienten ihm in frohem Verweilen.
Oft reiten sie nun gemeinsam aus:
Sigurd, Gunnar und Hogni;
doch Sigurd ragt stets vor allen hervor,
wie stark auch jene im Kampfe waren.
Grimhild erkennt, wie tief Sigurd Brynhild liebt
und oft von ihr spricht;
sie sinnt darüber nach, wie gut es wär',
bliebe er hier und vermählte sich
mit König Giukis Tochter.
Sie sah seine unvergleichliche Art,
seine Treue und seinen Reichtum,
den kein Mensch zu zählen vermochte.
Der König tat ihm gleich den eignen Söhnen,
und diese schätzten ihn höher als sich selbst.
Einst abends beim Becher saß die Königin,
trat vor Sigurd hin und sprach:
»Große Freude bereitet uns dein Verweilen,
all das Beste wollen wir dir bieten;
nimm nun dieses Horn und trinke!«
Er nahm es und trank. Da sprach sie weiter:
»Dein Vater soll König Giuki sein,
ich will deine Mutter sein,
Gunnar und Hogni deine Brüder;
solches sei einander geschworen!
Niemals fand die Welt Gleiches an euch.«
Sigurd nahm ihre Worte gern an,
denn durch den Trunk war jegliche Erinnerung
an Brynhild aus seinem Sinn entschwunden.
Er blieb dort eine Weile.
Eines Tages ging Grimhild zu König Giuki,
schlang die Arme um seinen Hals und sprach:
»Sieh, der Größte der Helden ist zu uns gekommen,
treu und von höchstem Wert.
Gib ihm deine Tochter zur Frau,
samt reichem Gut und Herrschaft nach Wunsch!
Vielleicht bleibt er dann ewig bei uns.«
Der König sprach: »Selten bieten Könige
ihre Töchter den Fremden an;
doch schöner ist es, sie diesem Mann zu reichen,
als demütig um sie zu bitten.«
An einem Abend gießt Gudrun den Wein,
und Sigurd schaut auf ihre Schönheit
und ihre edle Sitte.
Fünf Sommer weilte Sigurd dort,
in Ehren und treuer Freundschaft.
Da trugen die Könige Rat zusammen,
und Giuki sprach: »Großes gibst du uns, Sigurd,
und stärkst gewaltig unser Reich.«
Gunnar sprach: »Alles, was möglich ist,
wollen wir für dich tun, wenn du bleibst;
Herrschaft sollst du haben
und unsere Schwester frei und ohne Bitten,
die mancher sonst vergebens erfleht.«
Sigurd sprach: »Dank sei euch für diese Ehrung,
gerne nehme ich das an.«
Sie schworen einander Brüderschaft,
als wären sie Einer Mutter Kinder.
Ein herrlich Fest ward ausgerichtet,
viele Tage währte der Glanz;
Sigurd trank bei seiner Hochzeit mit Gudrun,
und man sah dort allerlei Spiel und Freude,
und schöner noch ward jeder Tag des Festes.
Nun ziehen sie weithin durch die Welt,
vollbringen manch gewaltige Tat,
erschlagen vieler Könige Söhne;
kein Mann hat je solche Taten vollbracht.
Heim kehren sie mit reicher Beute.
Sigurd gab Gudrun des Drachen Herz;
sie aß davon, ward kühner im Mut
und weiser als zuvor;
ihr beider Sohn hieß Sigmund.
Einst trat Grimhild zu ihrem Sohn Gunnar
und sprach: »Dein Leben blüht voll Glück,
nur eines fehlt dir: du bist unvermählt.
Freie Brynhild! Das ist ein guter Rat,
und Sigurd wird mit dir reiten.«
Gunnar sprach: »Herrlich ist sie,
und gerne will ich sie gewinnen!«
Er sprach mit seinem Vater und den Brüdern
sowie mit Sigurd, und alle drängten sie
zu dieser Werbung.
Sie rüsten sich froh zur Reise
und reiten über Hügel und Tal
zu Budlis Hof, um die Tochter zu frein.
Guten Mutes gewährt er das Wort,
will sie sich selbst nicht verweigern;
doch sagt er, so stolz sei ihr Sinn,
dass nur der sie gewinne, den sie selbst sich erwählt.
Sie reiten nach Hlymdale;
Heimir empfängt sie in Treue.
Gunnar kündet sein Werben;
Heimir spricht, sie müsse dem Mann gehören,
den sie frei sich erkoren.
Nah sei ihr Haus, und er wisse:
Den allein werde sie haben,
der durchs lodernde Feuer reitet,
das um ihre Halle brennt.
Sie reiten zur Halle und sehn das Feuer,
eine Burg mit goldenem Giebel,
und ringsum braust die Flamme empor.
Gunnar reitet auf Goti,
Hogni auf Holkvi;
Gunnar treibt sein Ross an das Feuer,
doch es weicht zurück.
Da spricht Sigurd: »Warum zögerst du, Gunnar?«
Er antwortet: »Das Ross will nicht durch die Lohe.
Leih mir dein Pferd Grani!«
Sigurd spricht: »Ja, aus vollem Willen.«
Gunnar treibt es ins Feuer,
doch Gram rührt sich nicht;
er vermag nicht durch die Flammen zu reiten.
Da tauschen sie die Gestalt,
Gunnar und Sigurd, wie Grimhild es lehrte.
Sigurd reitet in Gunnars Gestalt,
Gram in der Hand, goldene Sporen an den Fersen.
Da springt Grani ins Feuer beim Schmerz der Sporen;
ein wilder Brunststurm bricht los,
die Flammen wüten zum Himmel,
die Erde erbebt,
und kein anderer hätt' es gewagt,
durch das tiefe Dunkel zu reiten.
Die Lohe sinkt;
er springt von dem Ross,
schreitet in die Halle, wie das Lied verkündet:
Die Flamme loderte wild,
die Erde erbebte im Kreis,
als die rote Lohe empor
bis zum Himmel leckte.
Wenige Herrscher nur
wären gewillt gewesen,
durch das Feuer zu reiten
und quer es zu schreiten.
Dann schlug Sigurd
Grani mit dem Schwert,
und die Lohe verlosch
vor dem König.
Tief sanken die Flammen
vor dem Ruhmbedürftigen;
hell glänzte der Schmuck,
den Regin einst besessen.
Sigurd tritt in den Saal
und erblickt Brynhild.
Sie fragt: »Welcher Mann bist du?«
Er nennt sich Gunnar, den Sohn Giukis,
und spricht: »Du bist mir als Weib bestimmt
durch das Wort deines Vaters und Pflegevaters.
Ich ritt durch die Lohe nach deinem Gebot.«
Sie spricht: »Ich weiß nicht recht,
wie ich dir antworten soll.«
Sigurd steht aufrecht auf dem Hallenboden,
gestützt auf das Heft seines Schwertes,
und spricht zu Brynhild:
»Soll ich dir zum Lohn
einen großen Hort an Gold und Gut entrichten?«
Sie sitzt wie ein Schwan auf der Welle,
hält Schwert und Helm, in der Brünne gekleidet,
und spricht mit schwerem Sinn:
»O Gunnar, sprich nicht von solchen Dingen,
bist du nicht der Erste und Beste aller Männer!
So erschlage jene meine Werber,
hast du das Herz dazu.
Ich war im Krieg mit dem König der Griechen,
unsere Waffen trieften von rotem Blut,
nach solchen Taten sehne ich mich noch immer.«
Er antwortet: »Wahrlich, manch große Tat hast du vollbracht.
Doch erinnere dich des Eides,
da du schwurmst, dem zu folgen,
der dieses Feuer durchritt!«
Da erkennt sie, dass er die Wahrheit spricht,
erhebt sich und grüßt ihn geziemend.
Er weilt dort drei Nächte
und sie ruhen im selben Bett;
doch er legt das Schwert Gram zwischen sie.
Sie fragt nach dem Grund;
er antwortet, so müsse er seine Braut gewinnen
oder den Tod finden.
Da nimmt sie den Ring, Andvaris Hort,
den er ihr einst gab, und reicht ihn ihm;
er aber gibt ihr einen andren Ring aus Fafnirs Schatz.
Er reitet zurück durch dieselbe Lohe
zu den Gefährten;
sie tauschen die Gestalt
und reiten nach Hlymdale,
um den Ausgang zu künden.
Am selben Tag kehrt Brynhild zu ihrem Pflegevater zurück
und vertraut ihm:
»Ein König kam zu mir;
er ritt durch mein Feuer, gab sich als Gunnar aus.
Doch ich wusste, dass nur Sigurd solche Tat vollbringt,
mit dem ich auf dem Berg die Treu' gelobte;
er ist mein Erster und Liebster.«
Heimir spricht, dass es nun so bleiben muss.
Brynhild sagt: »Aslaug, meine und Sigurds Tochter,
soll hier bei dir behalten und genährt werden.«
Die Könige kehren heim.
Grimhild empfängt sie mit Ehren
und dankt Sigurd für seine Treue.
Ein großes Fest wird gerichtet;
Budli kommt mit seiner Tochter Brynhild
und seinem Sohn Atli.
Gunnar wird mit Brynhild vermählt.
Als das Fest vorüber ist,
erinnert Sigurd sich wieder all seiner Eide
und lässt dennoch alles in Frieden ruhn.
Brynhild und Gunnar sitzen zusammen in Freude
und trinken köstlichen Wein.
Der Streit der Königinnen beim Bad
Als die Königinnen zum Fluss gehen,
um ein Bad zu nehmen,
watschelt Brynhild am weitesten hinaus.
Gudrun fragt nach dem Sinn dieser Tat.
Brynhild spricht: »Warum sollte ich dir
in diesem Dinge gleichen und nicht den Vorrang haben?
Mein Vater ist mächtiger als der deine,
und mein Geliebter hat wunderbare Taten vollbracht
und das flammende Feuer durchritten,
während dein Gemahl nur König Hjalpreks Knecht war.«
Gudrun antwortet voll Zorn:
»Du tätest klüger zu schweigen,
statt meinen Gatten zu schmähen!
Jeder weiß, dass kein Gleicher ihm lebte.
Am wenigsten ziemt es dir, den zu verspotten,
der dein Erster und Liebster war:
Er erschlug Fafnir, er ritt durch dein Feuer,
ob du ihn auch für Gunnar hieltst!
An deiner Seite lag er
und nahm den Ring Andvaris Hort aus deiner Hand—
sieh ihn hier an deinem Finger!«
Brynhild sieht den Ring, erkennt ihn
und wird bleich wie eine Tote.
Sie geht heim und spricht den ganzen Abend kein Wort.
Als Sigurd zu Gudrun ins Bett tritt,
fragt er nach dem Gram der Königin.
Er antwortet: »Ich weiß es nicht,
doch ich fürchte, wir werden es bald nur allzu gut erfahren.«
Gudrun spricht: »Wie kann sie das Leben trüben,
da sie Reichtum, Lob und den Mann hat, den sie wollte?«
Sigurd spricht: »Wo war sie wohl,
als sie sprach, sie besäße den edelsten aller Männer?«
Gudrun sagt: »Morgen will ich sie fragen,
wer ihr der Liebste von allen sei.«
Sigurd warnt sie: »Ich muss dir das verbieten,
gewiss wirst du die Tat bereuen.«
Am nächsten Morgen sitzen sie im Gemach;
Brynhild schweigt.
Gudrun hebt an:
»Sei froh, Brynhild! Kränkt dich unser Wort
oder welcher andere Kummer raubt dir den Frieden?«
Brynhild antwortet: »Mit böser Absicht sprichst du das,
denn du hast ein grausames Herz.«
»Sag das nicht«, bittet Gudrun, »erzähle mir alles.«
Brynhild spricht: »Frag nur nach dem,
was dir zu wissen zusteht!
Schön ist es zu lieben, wenn alles nach Wunsch verläuft.«
Gudrun entgegnet: »Früh ist es für mich, mich zu rühmen;
doch dein Wort deutet auf Kommendes hin.
Welches Unheil drohst du uns an?
Ich tat dir nichts zuleide.«
Brynhild ruft: »Dafür wirst du bezahlen,
dass du Sigurd gewonnen hast!
Ich kann es nicht ertragen, dich in diesem Glück zu sehen,
wo du ihn und all seine Macht besitzt.«
Gudrun erwidert: »Ich wusste nichts von euren Bündnissen;
mein Vater hat mich vermählt, ohne dich zu fragen.«
Brynhild spricht: »Wir sprachen im Geheimen,
und du wusstest genau, wie du mich betrogst.
Wahrlich, du wirst deinen Lohn empfangen!«
Gudrun spricht: »Du bist besser vermählt,
als du verdienst; doch dein Zorn wird schwer zu stillen sein,
und mancher wird dafür büßen.«
Brynhild sagt: »Ich wäre zufrieden,
hättest du nicht den edleren Mann!«
Gudrun entgegnet: »Einen so edlen Gatten hast du,
dass kaum ein mächtigerer König zu finden ist.«
Brynhild ruft: »Sigurd erschlug Fafnir,
und jene Tat allein wiegt schwerer
als all die Macht von König Gunnar!«
Den Wurm erschlug Sigurd,
und nimmer wird diese Tat
im Alter verwittern,
solange die Welt besteht.
Doch dein Bruder, der König,
wagte nie und ertrug es nicht,
durch das flammende Feuer
hindurch zu reiten.
Gudrun antwortet: »Grani wollte das Feuer
unter König Gunnar nicht betreten;
doch Sigurd wagte die Tat,
und du kannst aufhören, ihn zu spotten.«
Brynhild erwidert: »Ich verhehle dir nicht,
dass ich von Grimhild nichts Gutes halte.«
Gudrun spricht: »Sprich kein böses Wort über sie,
sie ist dir in allem wie eine Mutter.«
Brynhild ruft: »Sie ist der Ursprung all dieses Leids!
Sie reichte Sigurd den bösen Trank,
sodass er meines Namens nicht mehr gedachte.«
Gudrun entgegnet: »Das ist die reinste Lüge!«
Brynhild spricht: »Hab deine Freude an Sigurd
nach dem Maß der List, mit der ihr mich betrogen habt!
Möge alles über euch kommen,
was mein Herz euch wünscht!«
Gudrun sagt: »Mehr Freude werde ich an ihm haben,
als du mir gönnst;
und niemandem kam je in den Sinn,
dass er einst vorzeiten sein Spiel mit mir gehabt hätte—
niemals!«
Brynhild ruft: »Böse Reden führst du;
wenn dein Zorn verraucht, wirst du es bereuen.
Komm, lasst uns nicht länger
mit bitteren Worten zanken!«
Gudrun antwortet: »Du hast den Streit begonnen
und tust nun so, als wolltest du ihn schlichten,
doch ein hartes Herz wohnt in dir.«
Brynhild spricht: »Lass uns das eitle Geschwätz sein.
Lange verbarg ich meinen Herzenskummer,
und sieh—dein Bruder allein ist es, den ich liebe.
Lasst uns von anderem sprechen.«
Gudrun sagt: »Dein Herz blickt weit über dies hinaus.«
So erwuchs aus jenem Gang zum Fluss
und der Offenbarung des Rings
all das namenlose Unheil.
Nach diesem Worten lag Brynhild zu Bett,
und Kunde ward König Gunnar gebracht,
dass Brynhild schwer erkrankt sei.
Er geht zu ihr hin, fragt nach ihrem Leid,
doch sie erwidert ihm kein einziges Wort
und liegt starr wie eine Tote.
Als er sie hart bedrängt um Antwort, bricht es aus ihr hervor:
»Was tatest du mit jenem Ring, den ich dir gab,
den König Budli mir beim letzten Abschied reichte,
als du mit König Giuki kamst,
um Feuer und Schwert zu drohen,
wenn ich dir nicht zur Braut gegeben würde?
Damals rief er mich beiseit'
und fragte, wen von den Kommenden ich erwählte.
Ich bat, das Land zu wahren
und einem Drittel seiner Männer vorzustehen.
Zwei Wege ließ er mir zur Wahl:
Entweder dem zu folgen, den er bestimmte,
oder all mein Gut und seine Freundschaft zu verlieren.
Er sprach, seine Freundschaft sei mir besser als sein Zorn.
Da wog ich ab, ob ich mich beugen
oder viele Männer erschlagen sollte.
Ich sah ein, dass der Kampf nichts nützen würde,
und so versprach ich, den zum Gatten zu nehmen,
der auf dem Ross Grani mit Fafnirs Hort
durch mein flammendes Feuer ritte
und jene erschlüge, die ich benannte.
Kein anderer wagte den Ritt als allein Sigurd,
dem es an Herzhaftigkeit nicht mangelte;
den Wurm erschlug er, Regin
und fünf Könige dazu.
Doch du, Gunnar, wagtest gar nichts,
wurdest bleich wie eine Leiche!
Kein König bist du, kein Held!
Da ich meinem Vater den Eid geschwurk,
nur den Edelsten zu lieben,
und dies kein anderer ist als Sigurd,
habe ich nun meinen Eid gebrochen
und zunichte gemacht, da er nicht der meine ist.
Deshalb werde ich deinen Tod beschließen,
und Grimhild will ich für ihr Werk reich vergelten;
nie lebte ein Weib voll dümmerem Herzen oder ärger als sie!«
Gunnar entgegnete so leise, dass wenige es vernahmen:
»Böse Worte führst du im Mund
und ein finsteres Herz trägst du,
da du ein Weib schmähst, das weit besser ist als du.
Nie verfluchte sie ihr Leben wie du,
sie quälte keine Toten, ermordete niemanden,
sondern lebt geehrt von allen.«
Brynhild antwortete: »Niemals lebte ich im Verborgenen mit Bösem
noch tat ich schändliche Taten –
doch am liebsten würde ich dich erschlagen!«
Sie wollte König Gunnar mit dem Schwert erschlagen,
doch Hogni warf sie in Fesseln.
Da sprach Gunnar: »Nein,
sie soll nicht in Fesseln liegen!«
Sie rief: »Kümmert euch nicht darum!
Niemals siehst du mich froh in deiner Halle:
niemals beim Trinken, niemals beim Schachspiel,
niemals ein freundliches Wort sprechend,
niemals die edlen Tücher mit Gold schmückend,
niemals dir guten Rat gebend!
O mein Herzenskummer, dass ich Sigurd nicht gewann!«
Sie richtete sich auf, riss ihr Nadelwerk
in Stücke und befahl, die Türen zu öffnen,
dass man ihr Wehklagen weithin im Hof vernehmen konnte.
Große Trauer und bitteres Klagen erhob sich,
sodass man es durch den ganzen Ort hörte.
Da fragte Gudrun ihre Mägde,
warum sie so freudlos und niedergeschlagen saßen:
»Was ist euch begegnet, dass ihr wie von Sinnen lauft,
welch ungeheure Wunder haben sich ereignet?«
Eine Zofe namens Swaflod antwortete:
»Ein bitterer, ein schwerer Tag ist’s,
unsere Halle ist erfüllt von Klage.«
Gudrun sprach zu einer ihrer Mägde:
»Steh auf, wir haben lange geschlafen;
weck Brynhild auf, lasst uns zum Werk gehn
und fröhlich sein!«
»Nimmermehr«, sprach die Magd,
»kann ich sie wecken oder mit ihr sprechen;
seit vielen Tagen trank sie weder Met noch Wein;
der Zorn der Götter hat sie gewiss getroffen.«
Da sprach Gudrun zu Gunnar:
»Geh und sieh nach ihr,
lass sie wissen, dass ihr Leid mich schmerzt.«
Gunnar antwortete: »Mir ist verboten,
sie zu besuchen oder an ihrem Schicksal teilzuhaben.«
Dennoch ging er zu ihr,
versuchte auf mancherlei Weise, sie zum Sprechen zu bringen,
erhielt jedoch keine Antwort.
Er ging zu Hogni und bat ihn, nach ihr zu sehn;
Hogni weigerte sich erst, ging dann,
erhielt aber ebenso wenig ein Wort.
Sie baten nun Sigurd, sie aufzusuchen;
er schwieg dazu, und so blieb es die Nacht über.
Als Sigurd am nächsten Tag von der Jagd heimkehrte,
ging er zu Gudrun und sprach:
»Mir dünkt, es werden große und schlimme Dinge
aus diesem Aufruhr erwachsen,
und Brynhild wird gewiss sterben.«
Gudrun antwortete: »O mein Herr,
von wunderlichen Dingen ist sie umringt;
sieben Tage und Nächte hat sie geschlafen,
und niemand wagte sie zu wecken.«
Sigurd sprach: »Sie schläft nicht;
ihr Sinn brütet über schrecklichen Plänen gegen mich.«
Weinend sprach Gudrun:
»Wehe um deinen Tod!
Geh und sieh nach ihr,
erforsche, ob ihr Grimm sich legen lässt;
gib ihr Gold, ersticke ihren Schmerz und Zorn damit!«
Sigurd ging hinaus
und fand die Tür von Brynhilds Gemach offen.
Er glaubte, sie schließe die Augen,
zog die Decke von ihr und sprach:
»Wache auf, Brynhild! Die Sonne scheint über das ganze Haus,
du hast genug geschlafen;
wirf den Gram ab und nimm die Freude!«
Sie sprach: »Wie wagtest du es, zu mir zu kommen?
In diesem Verrat war niemand schlimmer als du!«
Sigurd sprach: »Warum willst du mit niemandem sprechen?
Welcher Kummer quält dich?«
Brynhild antwortete: »Ach, dir allein will ich meinen Zorn klagen!«
Sigurd sprach: »Wie von Zauber bist du berührt,
wenn du glaubst, es läge Böses gegen dich in meinem Herzen.
Du hast doch den Mann zum Gatten, den du dir erkorst.«
Sie rief: »Ach nein! Niemals ritt Gunnar durch das Feuer zu mir,
niemals gab er mir der Erschlagenen Heer zum Lohn!
Ich wunderte mich über den Mann, der in meine Halle trat;
ich glaubte deine Augen zu erkennen,
doch ich sah nicht klar,
weil der Schleier auf meinem Schicksal lag.«
Sigurd sprach: »Keine edleren Männer gibt es als Giukis Söhne;
sie erschlugen den König der Dänen
und den großen Fürsten, König Budlis Bruder.«
Brynhild entgegnete: »Wahrlich, für manch böse Tat
muss ich sie belohnen; erinner mich nicht an mein Leid!
Du aber, Sigurd, erschlugst den Wurm,
rittst durch das Feuer – um meinetwillen,
und keiner der Söhne König Giukis!«
Sigurd antwortete: »Ich bin nicht dein Mann
und du bist nicht mein Weib;
doch ein berühmter König entrichtete dir den Brautschatz.«
Brynhild sprach: »Niemals sah ich Gunnar so an,
dass mein Herz ihm zulachte;
hart und kalt bin ich gegen ihn,
auch wenn ich es vor anderen verberge.«
Sigurd sprach: »Ein wunderbares Ding,
einen solchen König nicht zu lieben!
Was kränkt dich am meisten?
Seine Liebe sollte dir besser sein als Gold.«
Sie sprach: »Das ist mein schwerster Schmerz,
dass das scharfe Schwert nicht in deinem Blut gerötet ward!«
Sigurd sprach: »Fürchte das nicht;
es dauert nicht lange,
bis das scharfe Schwert tief in meinem Herzen steht.
Und für dich selbst brauchst du nicht zu beten,
denn du wirst nicht leben, wenn ich tot bin;
unser beider Leben währt ab nun nicht mehr lang.«
Brynhild antwortete: »Genug des Leids ist in deinen Worten,
da du mich betroguessedest und all des Glücks beraubtest;
mein Leben oder Tod kümmern mich nicht mehr.«
Sigurd sprach: »Ach, lebe und liebe König Gunnar und mich zugleich!
All meinen Reichtum will ich dir geben,
wenn du nicht stirbst.«
Brynhild antwortete: »Du kennst mich nicht
noch das Herz in meiner Brust;
denn du bist der Erste und Beste aller Männer,
und ich bin dir das verhassteste aller Weiber geworden.«
Sigurd sprach: »Wahr ist es,
dass ich dich mehr geliebt als mich selbst,
obwohl ich in Netze fiel,
denen wir nicht entkommen konnten.
Denn so oft mein eigener Sinn frei war,
bekümmerte es mich schwer, dass du nicht meine Frau warst;
doch ich trug mein Leid, so gut ich konnte,
da ich in eines Königs Haus lebte,
und dennoch war ich zufrieden, dass wir alle beisammen waren.
Es mag geschehen, was geweissagt ist;
ich fürchte seine Erfüllung nicht.«
Brynhild sprach: »Zu spät sagst du mir,
dass mein Leid dich schmerzte;
Mitleid finde ich jetzt nicht bei dir.«
Sigurd sprach: »Mein Herz wünschte,
dass du und ich in ein und dasselbe Bett gingen;
so wärest du meine Frau.«
Brynhild sprach: »Solche Worte dürfen nicht gesprochen werden,
ich will nicht zwei Könige in einer Halle haben;
ich lege lieber mein Leben nieder,
als König Gunnar zu betrügen.«
Sie erinnerte sich an jene Stunde auf dem Berg,
da sie einander den Eid geschworen hatten:
»Doch nun ist alles anders, und ich will nicht leben.«
Sigurd sprach: »Ehe du stirbst,
will ich dich zur Frau nehmen
und Gudrun von mir weisen!«
Da schwoll das Herz in seiner Brust so mächtig,
dass die Ringe seiner Brünne zersprangen.
Brynhild rief: »Ich will dich nicht –
und keinen anderen!«
Da ging Sigurd von ihr.
Wie das Lied von Sigurd singt:
Heraus ging Sigurd,
der großen Könige Lieber,
aus Rede und Kummer,
so schwer geknickt, so traurig,
dass das Hemd um seinen Leib
von eiserner Ringen Geflecht
in Stücke brach
an den Seiten des Helden.
Als Sigurd in die Halle trat,
fragte Gunnar, ob er erfahren habe,
welches große Leid auf ihr lastete
und ob sie der Sprache mächtig sei.
Sigurd verneinte das nicht.
Da geht Gunnar abermals zu ihr
und fragt, was ihr Schmerz sei
oder ob es etwas gäbe, das ihn heilen könnte.
Brynhild sprach: »Ich will nicht leben!
Denn Sigurd hat mich betrogen
und dich nicht minder,
da du zuließst, dass er in mein Bett kam.
Sieh her, zwei Männer in einer Wohnung will ich nicht haben;
das soll Sigurds Tod sein, oder dein Tod, oder mein Tod –
denn er hat nun alles Gudrun erzählt,
und sie verspottet mich noch in dieser Stunde!«
Draußen ging Brynhild nun
und saß unter ihrer Wände Wand,
klagte laut in bitterem Gram,
dass ihr alles nun verhasst sei –
Land und Herrschaft gleichermaßen,
da sie Sigurd nicht gewinnen durfte.
Gunnar trat erneut zu ihr.
Brynhild sprach: »Du verlierst
Herrschaft und Gut, Leben und mich!
Denn ich fahre heim zu den Meinen,
bleibe dort in tiefem Kummer,
schlägst du Sigurd nicht samt seinem Sohn.
Nähre niemals ein Wolfsjunges!«
Gunnars Herz ward krank vor Sorge,
er begriff nicht das Schreckliche,
das darunter verborgen lag.
An den Eid war er an Sigurd gebunden,
hin und her schwang das Herz in seiner Brust;
doch zuletzt gedachte er der maßlosen Schande,
sollte seine Frau von ihm gehen.
Er sprach bei sich: »Brynhild ist mir teurer
als alles andere auf der Welt,
die schönste aller Frauen;
ich will mein Leben eher lassen,
als ihre Liebe zu verlieren.«
Er rief seinen Bruder zu sich und sprach:
»Schwerer Kummer lastet auf mir«,
und er klagte, dass Sigurd sterben müsse,
da er den Glauben an ihn gebrochen habe;
»lass uns Herren des Goldes und des Reiches sein.«
Hogni antwortete: Ȇbel ziemt es uns,
unsre Eide durch Frevel zu brechen;
große Hilfe haben wir an ihm!
Keine Könige werden so mächtig sein wie wir,
lebt nur der König der Hunnen weiter.
Einen solchen Schwager finden wir nimmer!
Bedenk, wie gut es ist, einen solchen Mann zu haben
und unsrer Schwester solche Söhne!
Doch ich sehe wohl, wie es steht:
Brynhild hat dich dazu angestiftet,
und ihr Rat wird uns in tiefe Schande stürzen.«
Gunnar sprach: »Es soll dennoch geschehen.
Lass uns Guttorm dazu anreizen:
Er ist jung, kennt noch wenig
und ist frei von jedem Eid.«
Hogni sprach: »Ein böses Werk!
Doch geschieht es,
so erwartet uns die gerechte Strafe
für den Verrat an einem solchen Mann.«
Gunnar sprach: »Sigurd muss sterben –
oder ich selbst!«
Er hieß Brynhild aufstehen und frohen Mut sein.
Sie erhob sich,
doch wiederholte sie,
dass Gunnar ihr Bett nicht mehr betreten dürfe,
bis die Tat vollbracht sei.
Die Brüder beratschlagten,
und Gunnar sprach, dass der Raub
von Brynhilds Mägdetum den Tod verdiene:
»Lasst uns Guttorm zum Werk treiben!«
Sie riefen ihn zu sich,
boten ihm Gold und große Herrschaft an.
Sie nahmen eine Schlange
und ein Stück Wolfsfleisch,
kochten beides zusammen
und gaben es ihm zu essen,
wie der Sänger singt:
Fische des Waldgestrüpps,
die schleichende Schlange,
mit Wolfsfleisch gemischt,
schnitten sie für Guttorm;
dann in den Becher,
in den gewohnten Wein,
gossen sie den Trank
und übten Zauberwerk.
Durch dieses Mahl und Grimhilds finstere Worte
ward er wild und gierig,
gab sein Wort zum Werk
und ward mit hoher Ehre belohnt.
Von diesem Trug wusste Sigurd nichts;
er konnte seinem verhängten Schicksal
und der Frist seiner Tage nicht entkommen,
noch glaubte er, solchen Lohn von ihnen zu verdienen.
Am nächsten Morgen ging Guttorm zu Sigurd,
der auf dem Bette lag.
Er wagte nicht, die Hand zu erheben,
sondern wich wieder zurück.
Auch das zweite Mal ging es ihm so,
denn so hell und furchtbar blickten Sigurds Augen,
dass wenige ihm ins Antlitz sehen durften.
Beim dritten Mal aber lag Sigurd im Schlaf;
Guttorm zog das Schwert,
stieß es durch Sigurds Leib,
dass die Spitze in das Bett darunter drang.
Sigurd erwachte von der Wunde
und Guttorm floh zur Tür.
Da ergriff Sigurd das Schwert Gram,
schleuderte es nach ihm;
es traf ihn in den Rücken,
hieb ihn mitten durch,
sodass die Füße nach vorn
und Haupt und Hände zurück in die Stube fielen.
Gudrun schlief an Sigurds Brust;
sie erwachte zu unsäglichem Weh,
ganz gebadet in seinem Blut.
So bitter klagte sie mit Weinen und Worten des Kummers,
dass Sigurd sich auf das Kissen stützte und sprach:
»Weine nicht, deine Brüder leben zu deiner Freude;
doch ich habe einen jungen Sohn,
zu jung, um seiner Feinde zu wehren.
Übel haben die Brüder an ihrem eigenen Glück gehandelt:
Niemals erlangen sie einen mächtigeren Schwager
noch einen besseren Sohn für ihre Schwester,
sollte er zu Mannesalter heranwachsen.
Nun ist erfüllt, was mir einst geweissagt ward,
doch meinen Augen war es verborgen,
denn niemand kann gegen sein Schicksal siegen.
Dies hat Brynhild vollbracht,
die mich über alle Menschen liebte;
doch ich schwöre,
dass ich Gunnar niemals Unrecht tat,
stets meinen Eid hielt
und seiner Frau nie zu nahe trank.
Wäre ich gewarnt gewesen
und mit meinen Waffen gerüstet,
so hätte mancher das Leben gelassen,
ehe ich fiel;
alle jene Brüder wären erschlagen worden,
und schwerer wäre mein Fall gewesen
als der des stärksten Wildschweins im Walde.«
Mit diesen Worten wich das Leben des Königs.
Gudrun stöhnte und holte tief Atem.
Brynhild hörte es und lachte.
Da sprach Gunnar: »Du lachst nicht,
weil dein Herz froh ist;
warum wird dein Antlitz so bleich?
Du bist ein böses Geschöpf,
nahe deinem eigenen Tode!
Wie passend wäre es,
würde dein Bruder Atli vor deinen Augen erschlagen
und du über ihm stehen –
so wie wir nun über unserem Schwager stehen müssen,
dem Schwager und unsres Bruders Mörder!«
Sie antwortete: »Niemand braucht zu spotten,
dass das Maß des Bluts noch nicht voll ist!
Atli achtet euren Zorn und eure Drohungen nicht;
er wird länger leben als ihr
und ein mächtigerer Mann sein.«
Hogni sprach: »Nun hat sich Brynhilds Weissagung erfüllt –
ein böses Werk, das nicht zu sühnen ist.«
Gudrun sprach: »Meine Verwandten haben meinen Mann erschlagen;
doch wenn ihr das nächste Mal in den Krieg reitet
und in die Schlacht kommt,
dann werdet ihr euch umschauen
und sehen, dass Sigurd weder zur Rechten noch zur Linken ist,
und ihr werdet erkennen,
dass er euer Glück und eure Stärke war.
Hätte er gelebt und Söhne gehabt,
so wäret ihr durch seine Nachkommen gestärkt worden.«
Gudruns Klage um den toten Sigurd
Einst vor Zeiten
neigte sich Gudrun dem Tod,
als sie in Schmerz saß
über Sigurd.
Sie seufzte nicht,
schlug nicht Hand an Hand,
klagte nicht laut
wie andere Frauen.
Da traten weise Jarls zu ihr,
voll der Absicht,
Trost zu spenden
ihrem schrecklichen Herzen.
Stumm blieb Gudrun
von Klage und Gruß,
doch von schwerem Weh
brach ihr das Herz.
Hell und schön
saßen der Jarls Gemahlinnen,
in Gold geschmückt,
vor Gudrun;
jede erzählte das eigene Leid,
die bitterste Pein,
die sie je ertrug.
Da sprach Giaflaug,
Giukis Schwester:
»Siehe, auf Erden
lebe ich trostlos,
die fünf Gemahle
sterben sah,
zwei Töchter
und drei Schwestern,
acht Brüder,
und einsam zurückblieb.«
Nichts empfing Gudrun
an Weh und Gruß,
so schwer war sie
um den toten Mann,
so furchtbar im Herzen
um den hingeschiedenen König.
Da sprach Herborg,
Königin von Hunland:
»Grausamer ist die Geschichte,
die ich zu künden habe:
meine sieben Söhne
drüben im Süden
und den achten, den Gatten,
gefällt im Todeskampf.
Vater und Mutter
und vier Brüder
wurden auf dem weiten Meer
Spielball von Winden und Tod;
die Wogen schlugen
an die Schiffswände.
Allein muss ich sie besingen,
allein sie ausstatten,
allein müssen meine Hände
ihren Abschied bereiten;
und all dies geschah
im Laufe eines einzigen Jahres,
und niemand blieb mir
zur Liebe und zum Trost.
Dann ward ich gebunden
als Beute des Krieges,
als jene Zeit
ihrem Ende nahte;
wie eine Magd
musste ich die Schuhe binden
der hohen Herzogin
jeden Tag bei Sonnenaufgang.
Von ihrem eifersüchtigen Hass
erntete ich bitteren Hohn,
grausame Peitschenhiebe
legte sie auf meinen Rücken;
niemals traf ich
eine bessere Herrin
oder einen schlechteren Herrn
in der weiten Welt.«
Nichts empfing Gudrun
an Weh und Gruß,
so schwer war sie
um den toten Mann,
so furchtbar im Herzen
um den hingeschiedenen König.
Da sprach Gullrond,
Giukis Tochter:
»O Pflegemutter,
so weise du auch bist,
du kannst den Schmerz
der jungen Frau nicht lindern!«
Und sie hieß das Tuch
von dem Toten heben.
Sie zog das Laken
fort von Sigurd
und wandte seine Wangen
gegen die Knie der Frau:
»Schau auf den Geliebten,
leg deine Lippen auf seine Lippen,
als hieltest du fest
den lebenden König!«
Ein einzig Mal blickte Gudrun –
einen einzigen Blick nur –
und sah ihres Herren Locken
ganz blutüberströmt,
des großen Mannes Augen
glasig und tot,
und seiner Brust Schutzwehr
zerrissen vom Schwert.
Da sank Gudrun zurück
auf das Kissen,
ihr Kopfschmuck löste sich,
rot wurden ihre Wangen,
und die Regentropfen rannen
hinab über ihre Knie.
Da weinte Gudrun,
Giukis Tochter,
dass die Tränen flossen
durch das Kissen;
wie die Gänse im Hof,
die schönen Vögel der Magd,
fingen sie an zu kreischen.
Da sprach Gullrond,
Giukis Tochter:
»Wahrlich, ich wusste
keine Liebe wie eure Liebe
unter allen Menschen
auf Erden;
an nichts hattest du Freude
drinnen noch draußen,
o meine Schwester,
außer an Sigurd.«
Da sprach Gudrun,
Giukis Tochter:
»So war mein Sigurd
unter den Söhnen Giukis
wie der Königslauch,
der über dem niederen Gras wächst,
oder ein heller Edelstein
auf der Schnur,
oder eine köstliche Perle
auf dem Stirnreif des Fürsten.
Einst galt ich
bei den Kriegern des Königs
höher als jede
von Herjans Mägdern;
nun bin ich so klein
wie ein welkes Blatt
im windgepeitschten Wald,
da er tot daliegt.
Ich vermisse am Sitz,
ich vermisse im Bett
meinen Liebling süßer Worte.
Die Söhne Giukis,
die Söhne Giukis
haben diesen herben Schmerz bereitet,
ja, ihrer eigenen Schwester
den bittersten Schmerz!
So mögen eure Länder
allenthalben verwüsten,
wie ihr eure
heiligen Eide gebrochen habt!
Nimmermehr wirst du, Gunnar,
Freude am Gold haben;
die teuer erkauften Ringe
werden dich in den Tod ziehen,
auf die du geschworen hast
den Eid an Sigurd.
Ach, in vergangenen Tagen
war große Freude im Hof,
als mein Sigurd
dem Grani den Sattel auflegte
und sie ihres Weges zogen,
um Brynhild zu frein!
Ein böser Tag, ein böses Weib
und das schwerste Unheil!«
Da sprach Brynhild,
Budlis Tochter:
»Möge der Frau
Liebe und Kind fehlen,
die das Weinen erzwang
für dich, o Gudrun!
Die dir heute Morgen
so viele Worte gab!«
Da sprach Gullrond,
Giukis Tochter:
»Schweig mit solchen Worten,
du von allen Menschen Verhasste!
Die Verderberin tapferer Männer
bist du stets gewesen;
alle Fluten des Unheils
schlagen über deinen Sinn zusammen;
sieben großen Königen
warst du ein schwerer Kummer
und der Tod des Friedens
für Frauen und Männer.«
Da sprach Brynhild,
Budlis Tochter:
»Niemand als Atli
brachte das Unheil über uns,
mein eigener Bruder,
geboren von Budli.
Als wir in der Halle
des hunnischen Volkes sahen
das Gold erglänzen
an den königlichen Giukingen;
ich habe für jene Fahrt
oft und voll bezahlt
und für den Anblick,
den ich damals sah.«
An einer Säule stand sie
und presste das Holz an sich;
aus den Augen Brynhilds,
Budlis Tochter,
sprühte Feuer,
und sie stieß Gift aus
im Anblick der tiefen Wunden
des erschlagenen Sigurd.
Und niemand wusste, warum Brynhild
in Wehklagen ausbrach
um das, worum sie einst mit Lachen gefleht.
Sie sprach:
»Solchen Traum ich hatte, Gunnar:
mein Bett war eiskalt,
und du rittest in der Feinde Hand!
Wehe wird es dir und all den Deinen gehen,
ihr Eidbrecher!
Denn am Tag, da du ihn erschlugst,
vergabst du den Bund,
da du dein Blut mit Sigurds Blut mengtest.
Mit bösem Lohn lohntest du ihm
all das Gute, das er dir tat,
da er dich zum mächtigsten der Männer machte.
Wohl zeigte sich, wie fest er den Eid hielt,
als er zu mir kam
und das mit Gift gehärtete Schwert zwischen uns legte!
Allzu früh begann euer Frevel
gegen ihn und gegen mich,
als ich daheim bei meinem Vater weilte
und alles hatte, was ich begehrte,
ohne Wunsch, dass einer von euch der meine würde,
da ihr drei Könige zugleich in unseren Hof rittest.
Atli rief mich damals beiseit' im Geheimen
und fragte, ob ich nicht den wolle,
der Grani ritt – einen Mann,
der euch keineswegsglich.
Doch damals vermählte ich mich dem Sohne König Siegmunds
und keinem andern.
Wahrlich, auch mein Tod
wird euch keinen Vorteil bringen!«
Da erhob sich Gunnar,
schlang die Arme um ihren Hals
und flehte sie an zu leben,
Reichtum von ihm zu nehmen;
auch alle anderen hielten sie ab vom Sterben.
Doch sie stieß sie alle von sich
und sprach, es stehe keinem zu,
ihren Willen zu hindern.
Gunnar rief Hogni zu sich,
bat ihn um Rat und hieß ihn zu ihr gehen,
ob er ihr schreckliches Herz erweichen könne;
sie hätten wahrlich genug zu tun,
ihren Kummer zu stillen,
bis die Zeit darüber hinwegginge.
Hogni aber antwortete:
»Nein, lass niemand sie am Sterben hindern!
Keinen Gewinn bringt sie uns,
und keine Freude war sie, seit sie herkam!«
Nun ließ sie viel Gold herbeibringen,
rief all jene herbei, die Reichtum begehrten;
dann ergriff sie ein Schwert,
stieß es sich unter die Achsel
und sank seitwärts auf die Kissen.
Sie sprach: »Kommt und nehmt Gold, wer da will!«
Alle blieben stumm.
Da sprach sie: »Nehmt das Gold und freut euch daran!«
Sie wandte sich an Gunnar:
»Nun will ich dir ein wenig künden
von dem, was künftig geschehen wird:
Schnell wirst du wieder mit Gudrun vereint sein
durch den Rat der weisen Grimhild.
Die Tochter Gudruns und Sigurds
wird Swanhild heißen,
die schönste aller geborenen Frauen.
Gudrun wird Atli zur Frau gegeben,
doch wider ihren Willen.
Du wirst dich nach Oddrun sehnen,
doch Atli wird es dir verwehren;
im Geheimen werdet ihr euch treffen,
und tief wird sie dich lieben.
Atli wird dich verraten
und in eine Schlangengrube werfen;
danach werden Atli und seine Söhne erschlagen,
und Gudrun wird ihre Mörderin sein.
Später werden die großen Wogen sie tragen
zur Burg König Jonakrs,
dem sie Söhne von großem Ruhm gebären wird.
Swanhild wird aus dem Land gesandt
und König Jormunrek gegeben;
sie wird Bikkis Trat huldigen,
und damit ist euer Geschlecht dahin,
und neue Kumnisse treffen Gudrun.
Nun flehe ich dich um eine letzte Gunst an, Gunnar:
Lass einen großen Scheiterhaufen errichten
auf den Auen für uns alle –
für mich, für Sigurd
und für jene, die mit ihm erschlagen wurden.
Lass ihn bedecken mit Tüchern,
rot gefärbt von dem Volk der Gallier,
und verbrenne mich darauf
auf der einen Seite des Hunnenkönigs
und auf der anderen meine Männer,
zwei am Haupt und zwei an den Füßen,
dazu zwei Habichte;
so ist alles gleich geteilt!
Und lege ein gezogenes Schwert zwischen uns,
genau wie damals,
als wir beide in ein einziges Bett traten;
dann mögen wir Mann und Weib heißen,
und die Tür soll mir nicht am Absatz zuschlagen,
wenn ich hinter ihm hergehe.
Es soll kein ärmlicher Zug sein,
wenn ihm jene fünf Mägde folgen
und acht Knechte, die mein Vater mir gab,
samt jenen, die mit Sigurd erschlagen wurden.
Nun wollte ich mehr sagen,
doch meine Wunden öffnen sich
und der Lebens breath schwindet –
doch ich habe die Wahrheit gesprochen!«
Sigurds Leichnam wird nach alter Sitte gerüstet,
und ein mächtiger Scheiterhaufen entsteht.
Als er lichtloh brennt, legt man darauf
den leblosen Körper Sigurds, des Fafnirslöters,
samt seinem drei Jahre alten Sohn,
den Brynhild töten ließ,
und Guttorm dazu.
Als der Haufen hell auflodert,
wird Brynhild hinausgetragen,
nachdem sie sich von ihren Mägden verabschiedet
und ihnen das Gold geboten hat.
So stirbt Brynhild,
wird an Sigurds Seite verbrannt,
und damit endet ihrer Tage Leben.
Gudruns Vermählung mit Atli
Wer diese Kunde vernimmt, der spricht,
dass kein Gleicher Sigurds
nach ihm auf der Welt zurückblieb
noch je ein solcher Mann geboren ward
an Wert und Größe.
Sein Name wird im niederdeutschen Zunge
noch in allen Nordlanden jemals verblassen,
solange die Welt besteht.
Die Sage erzählt,
dass Gudrun einst in ihrem Gemach saß
und sprach:
»Schöner war das Leben in jenen Tagen,
als ich Sigurd hatte –
er, der andere Männer weit überragte
wie Gold das Eisen,
der Lauch das Wiesenas,
der Hirsch das wilde Getier –,
bis meine Brüder mir einen solchen Mann neideten,
den Ersten und Besten aller Männer,
und keine Ruh fandem, eh sie ihn erschlugen.
Riesigen Lärm erhob Grani,
als er seinen schwer verwundeten Herrn sah;
ich sprach zu ihm wie zu einem Menschen,
doch er sank zur Erde nieder,
denn er wusste, dass Sigurd tot war.«
Danach zog Gudrun hinaus in die wilden Wälder,
hörte allenthalben das Heulen der Wölfe
und hielt den Tod für erfreulicher als das Leben.
Sie wanderte weiter bis zu König Alfs Hof,
weilte dort für sieben Sommer in Dänemark
bei Thora, der Tochter Hakons,
und ward herzlich empfangen.
Sie breitete ihr Nadelwerk vor sich aus
und stickte darauf manch große Taten
und schöne Spiele nach Art jener Tage:
Schwerter, Brünnen und königliches Kriegsgerät
sowie König Sigmunds Schiff,
das am Ufer entlanggleitet;
auch wie Sigar und Siggeir im Süden auf Fünen kämpften,
arbeiteten sie darauf.
So fand Gudrun Trost in ihrem Schmerz.
Grimhild erfährt, wo Gudrun Zuflucht fand;
sie ruft ihre Söhne zu Rat
und fragt, ob sie Gudrun
für Sohn und Gatten sühnen wollen,
denn das gezieme sich recht und billig.
Gunnar antwortet,
er wolle ihren Gram mit Gold abgelten.
Sie senden nach Freunden,
schmücken Pferde, Helme, Schilde und Brünnen,
rüsten die Fahrt auf edelste Weise,
dass kein namhafter Held daheimbleibt.
Ihre Pferde tragen Ringpanzer,
jeder Ritter hat Helm in Gold oder Silber.
Grimhild zieht mit ihnen aus,
denn sie weiß,
dass ihr Werk sonst misslingt.
Wohl fünfhundert edle Männer reiten mit:
Waldemar von Dänemark,
Eymod und Jarisleif.
Sie ziehen in König Alfs Halle,
wo Langobarden, Franken und Sachsen harren;
sie ziehen im vollen Kriegsgeschmeide
mit roten Pelzen darüber,
wie das Lied verkündet:
Kurze Brünnen geschnitten,
starke Helme gehämmert,
mit guten Schwertern umgürtet,
rotes Haar glänzend.
Sie wollen der Schwester die besten Gaben wählen
und sprechen freundlich auf sie ein,
doch sie traut keinem von ihnen.
Da bringt Gunnar ihr einen Zaubertrunk,
gemischt mit tückischen Dingen;
sie muss ihn trinken,
und mit dem Trunk sinkt jede Erinnerung
an deren Schuld aus ihrem Sinn.
In diesem Trunk sind die Kräfte von Erde und Meer
gemischt mit dem Blut ihres Sohnes;
auf dem Horn sind alle Runen eingeritzt
und mit Blut gerötet, wie es heißt:
Auf des Horns Fläche standen
alle Buchstaben geschrieben,
recht geschnitten und gerötet –
wer könnte sie recht deuten?
Der lange Lingfisch
aus Haddinglands Boden,
ungeschnittene Ähren
und der wilden Tiere Eingeweide.
In diesem Bier mengten sich
viele Übel zusammen:
Blut des ganzen Waldes,
braun gebrannte Eichel,
der heerdunkle Tau,
des gottesverfluchten Wildtiers Innereien
und die gekochte Schweineleber,
um jedes Unrecht zu stillen.
Als ihre Herzen einander wieder nah sind,
bereiten sie ein großes Fest.
Grimhild tritt zu Gudrun und spricht:
»Sei gegrüßt, Tochter!
Ich gebe dir Gold und allerlei Gut
zu eigen nach deinem Vater,
teuer erkaufte Ringe und Bettzeug
der Mägde der Hunnen,
der höflichsten aller Frauen;
damit ist dein Gatte gesühnt.
Danach sollst du Atli, dem mächtigen König,
gegeben werden und Herrscherin über seine Macht sein.
Wirf nicht all deine Freunde fort für einen einzigen Mann,
sondern folge unserem Rat!«
Gudrun antwortet:
»Niemals will ich König Atli heiraten;
unziemlich ist es, Nachkommen miteinander zu zeugen.«
Grimhild spricht:
»Nähre nicht deinen Zorn;
es wird dir sein, als lebten Sigurd und Sigmund,
wenn du Söhne geboren hast.«
Gudrun spricht:
v »Ich kann mein Herz nicht von ihm losreißen,
denn er war der Erste aller Männer.«
Grimhild sagt:
»So ist es bestimmt,
dass du diesen König haben musst und keinen anderen.«
Gudrun erwidert:
»Gib mir diesen Mann nicht,
denn ein schweres Unheil wird von ihm
über euer Geschlecht kommen;
seinen eigenen Söhnen wird er Leid antun
und danach grausige Rache ernten.«
Da entbrennt Grimhild in wildem Zorn und spricht:
»Tu, wie wir dir heißen,
nimm Ehre und Freundschaft
sowie die Höfe Vinbjorg und Valbjorg!«
Solche Macht liegt in ihren Worten,
dass es so geschehen muss.
Gudrun spricht:
»So muss es also kommen,
wie sehr wider meinen Willen,
zu geringer Freude und zu großem Kummer.«
Männer schwingen sich auf die Pferde,
Frauen werden in Wagen gesetzt.
Vier Tage reiten sie,
vier weitere Tage fahren sie zur See
und noch vier Tage über Land und Straßen,
bis sie an eine hochgebaute Halle gelangen.
Viele Menschen eilen Gudrun entgegen,
ein prächtiges Fest wird ausgerichtet,
ganz nach der Verabredung beider Sippen,
in stolzer und stattlicher Pracht.
Bei diesem Fest feiert Atli
seine Hochzeit mit Gudrun –
doch ihr Herz lacht ihm nimmer zu,
und wenig süß und freundlich
ist ihr gemeinsames Leben.
Es trug sich zu in nächtlicher Stille,
dass König Atli erwachte vom Traume,
zu Gudrun sprach er mit schwerem Sinn:
»Mir träumte, du stießest ein Schwert durch mich hindurch!«
Gudrun deutete da den düsteren Traum,
sie sprach, dass Eisen von Feuer verkünde:
»Es spricht nur dein Hochmut aus solchem Wort,
da du dich wöhnst für den Ersten der Männer.«
Atli sprach: »Mir träumte noch mehr:
Zwei Ebereschen wuchsen im Garten empor,
ich hütete sie, dass kein Schaden sie trübe;
da wurden sie ausgerissen mit samtenen Wurzeln,
blutig gerötet zur Bank getragen,
und man hieß mich essen von ihrer Last.
Und mir träumte weiter, zwei Habichte flogen
hungrig und leer von meiner Hand,
sie fuhren zur Hölle, und mir deuchte,
ihre Herzen mengten sich süß mit Honig,
und ich aß davon in nächtlicher Schau.
Und mir träumte wiederum: zwei junge Hunde
lagen laut heulend vor meinem Angesicht,
ich aß von ihrem Fleisch in der Stube,
obwohl mein Wille sich sträubte dawider.«
Gudrun sprach: »Keine guten Träume,
doch sie werden sich wahrlich erfüllen und tagen;
deine Söhne sind nah am Tod,
und schweres Leid wird uns überkommen.«
Atli sprach: »Einen Traum sah ich noch:
mir deuchte, ich läge da in einem Bade,
und Männer beratschlagten meinen Mord.«
So wogten die Tage in Freudlosigkeit hin,
und wenig süß war ihr Bund im Reiche.
Atli aber gedachte des großen Goldes,
das einst Sigurd besessen mit stolzem Mut,
dessen Herren nun Gunnar und Hognis Brüder.
Ein mächtiger König, weise und stark,
rief er die Seinen zu Rat und Beschluss.
Er wusste wohl, dass kein Haus auf Erden
so reinen Hort in den Kammern barg;
er sann auf List und entsandte Boten,
lud sie zu Gast mit ehrendem Wort,
und Vingi hieß der Gesandten Führer.
Die Königin aber wusste vom Trug,
sie misstraute den Boten und sann auf Rettung;
sie schnitt in Runen die warnende Schrift,
flocht ein Wolfshaar ein in den goldenen Ring
und gab ihn den Boten des Königs zur Hand.
Sie zogen dahin nach des Herrschers Gebot;
doch ehe sie landeten, schaute Vingi die Runen,
er drehte und wendete sie bedacht,
dass es schien, als böte Gudrun den Brüdern
in den Runen flehentlich an, zu Atli zu reisen.
Sie traten ein in König Gunnars Halle,
wo sie freundlich empfangen und gastlich geehrt;
große Feuer flackerten hoch auf dem Herd,
und im Becher schäumte der beste Trank.
Vingi trat vor und sprach mit List:
»König Atli sendet mich her zu euch,
er will, dass ihr reist in all eurer Pracht
zu seinem Hof und Herrschaftsgebiet;
er bietet euch Schilde und Helme von Gold,
Schwerter und Brünnen, glänzendes Gewand,
Rosse und Heerscharen, weite Ländereien,
ja, er will euch den Thron und sein Reich vermachen,
am allerliebsten von Herzen gern!«
Gunnar wandte den Kopf zur Seite,
sprach leise zu Hogni im dunklen Saal:
»Wie sollen wirnehmen dies stolze Gebot?
Macht und Reichtum bietet er an;
doch wer kennt Könige, reicher an Gold als wir,
die wir den Hort der Gnitaheide bewahren?
Unsere Hallen strotzen von Waffen und Pracht,
und mein Ross ist das beste, mein Schwert das schärfste,
mein Gold das herrlichste unter der Sonne.«
Hogni erwiderte: »Mir ist es ein Wunder;
selten hat er je solchen Sinn gezeigt,
und übel geraten ist dieser Weg.
Als ich die kostbaren Gaben sah,
wunderte mich der Wolfsstrang am Ring;
vielleicht meint Gudrun es wölfisch mit uns
und will nimmer, dass wir dorthin ziehn.«
Doch Vingi zeigte die Runen sogleich,
die angeblich Gudrun gesandt zum Grunde.
Die Knechte gingen zu Bett und zur Ruh,
doch die Helden tranken im Kreise weiter;
da trat Kostbera, Hognis treue Gemahlin,
die schönste Frau, zu den Männern herbei
und schaute mit Kundigkeit auf die Runen.
Glaumvor auch, Gunnars hochgemute Frau,
schenkte den Wein in die Becher ein.
Die Könige tranken, von Rausch umfangen,
und Vingi, der Falsche, sprach von neuem:
»Ich will nicht verhehlen: Atli der König
ist schwerfällig worden und alt im Amt,
und seine Söhne sind jung und klein;
er will euch die Herrschaft ins Auge fassen
und euch die Freude daran verleihen
noch vor allen anderen auf dieser Welt.«
Da hielt der Rausch den Gunnar gefangen,
und die Aussicht auf Macht betörte den Sinn;
er konnte dem Schicksal nicht widerstehen,
gab sein Wort zur Fahrt und sprach's zu Hogni.
Hogni erwiderte düster und schwer:
»Dein gegebenes Wort soll heilig sein,
ich werde dir folgen auf diesem Pfad,
obwohl mir das Herz vor der Fahrt verzagst.«
Als die Männer sich satt getrunken hatten,
fielen sie tief in den Schlaf der Nacht;
Kostbera aber betrachtete die Runen von neuem,
entzifferte sorgsam die Buchstaben all
und sah, dass darunter der Trug verborgen:
Gefahr und Verrat an den Runen schnitt.
Sie legte sich schweigend zu Bette zum Mann;
und als sie erwachten, sprach sie zu Hogni:
»Du willst von dannen ziehen vom Haus –
ein übler Rat, verschieb es auf morgen!
Kaum bist du ein kundiger Runenleser,
wenn du glaubst, deine Schwester rief dich zum Fest;
ich las die Runen und staunte tief,
dass eine so weise Frau sich geirrt;
nein, das, was darunter verborgen liegt,
bringt euch den sicheren Untergang!
Und höre nun an meinen Traum, den ich sah:
Mir deuchte, ein reißender Fluss brach herein
und zerschmetterte jäh das Gebälk der Hall!«
Er antwortete: »Ihr Frauen seid stets
voll finsterem Sinn und böser Gedanken;
ich aber ward nicht so geschaffen,
dass ich Übles vergelte dem, der mir nichts tat;
gewiss wird er uns willkommen heißen.«
Sie sprach: »Das werdet ihr selber erfahren,
doch keine Freundschaft birgt diese Botschaft.
Mir träumte nochmals: ein anderer Strom
brach heran mit grausigem, wildem Rausche,
riss den Estrich der Halle fort
und brach euch beiden Brüdern die Beine!«
Er erwiderte: »Wiesen säumen den Weg,
und von Gräsern träumtest du nur im Schlaf;
denn wandern wir durch die blühenden Wiesen,
hängen die Halme uns reich an die Beine.«
Sie sprach: »Mir träumte, dein Mantel brannte,
die lodernde Lohe schlug über die Hall!«
Er sagte: »Ich weiß wohl, was das bedeutet:
mein prächtiges Gewand liegt hier im Gemach,
es wird brennen und glühen, wie du geträumt.«
Sie sprach: »Mir deuchte, ein Bär brach herein,
zerbrach den Hochsitz des Königsthrones,
schwang seine Pranken mit wildem Grimme,
dass wir alle erzitterten vor Angst und Grauen,
und er fraß uns alle in seinem Rachen,
sodass keine Rettung uns mehr verblieb!«
Er antwortete: »Ein heftiger Sturm
wird wohl toben, da du an Bären dachtest.«
Sie sprach: »Ein Adler stürzte herein,
fegte durch die Halle mit blutigen Schwingen
und netzte uns alle mit rotem Blut;
übles bedeutet das sicherlich,
denn mir deuchte, es war Atlis Ebenbild!«
Er erwiderte: »Vielmals schlachten wir Vieh
und hauen Großwild zum frohen Mahl;
der Adler betrifft nur Rinder allein,
und Atli ist redlich im Herzen uns zugetan.«
Damit schwiegen sie still und beendeten das Wort.
Es trug sich zu mit Gunnar dem Helden,
dass ihm im Traum ähnliches ward beschieden;
als sie erwachten, klagte Glaumvor ihm leis
manch schweren Traum von drohendem Trug und Eis:
»Mir träumte, ein blutiges Schwert schlug ein in die Hall,
womit du durchbohrt am Boden lagst überall,
und an beiden Enden des Stahls, schrecklich zu schaun,
heulten die Wölfe im fahlen Grau.«
Der König sprach: »Köter werden mich beißen nur,
blutige Waffen verkünden der Hunde Spur.«
Sie sprach: »Mir träumte noch mehr: Frauen traten herein,
schwer und gebeugt, wollten deine Gespielinnen sein;
das waren gewiss die Nornen, die Schicksalsmacht.«
Er sprach: »Schwer ist zu deuten der grauen Nacht
des Lebens Maß, das kein Sterblicher lenkt,
und leicht ist es möglich, dass meine Frist schwindet und kränkt.«
Am Morgen erwachten sie, bereit zur Fahrt,
obwohl mancher sie warnen und halten ward.
Da rief Gunnar den Mann, der Fjornir hieß:
»Steh auf, gib uns Wein aus den Fässern süß,
denn dies ist vielleicht unser letztes Mahl!
Wenn wir sterben, holt sich der alte Wolf das Tal,
und jene Bärenklaue spart nimmer den Zahn.«
Da geleitete sie weinend die Schar und der Bann.
Hognis Söhne riefen: »Lebt wohl in Fröhlichkeit!«
Der größte Teil der Gefolgsleute blieb in Weit.
Solar und Snaevar, Hognis Söhne, zogen mit fort,
samt Orkning, dem edlen Champion von manchem Ort,
der Kostberas Bruder und tapferer Recke war.
Sie wanderten nieder zur Flotte, trotz allem Jahr,
wo man sie hielt, doch umsonst war die Macht.
Da sprach Glaumvor zu Vingi in finsterer Nacht:
»O Vingi, von deiner Ankunft kommt schweres Leid,
und Unheil erwächst aus diesem Ritt und Streit!«
Er rief: »Hör meine Antwort! Wenn ich lüge ein Wort,
so treffe mich Galgen und Todesort!«
Da rief Kostbera: »Lebt wohl in der Tage Glanz!«
Und Hogni sprach: »Seid frohgemut im Tanz,
wie immer das Schicksal uns treffen mag!«
So trennten sie sich an jenem Tag.
Sie ruderten rasch, dass der Kiel fast brach,
sie stießen die Ruder mit Macht und Ach,
dass Doll und Dremse in Stücke sprangen.
Sie stiegen ans Land, als sie drüben angelangt;
auf edlen Rossen ritten sie durch den finsteren Hain,
bis sie sahen des Königs Heer im Sonnenschein.
Ein wilder Lärm und Waffengeklirr scholl laut,
die Tore der Burg waren dicht verbaut.
Hogni sprengte das Tor mit mächtiger Hand,
und sie ritten hinein in das feindliche Land.
Da rief Vingi: »Hättet ihr die Tat nur gelassen!
Wartet hier, bis ich euch Galgen erasse!
Süß und leise lockte ich euch her in die Nacht,
doch ein bitterer Verrat war darunter bedacht;
nun dauert es kurz, bis man euch an den Baum knüpft!«
Hogni sprach: »Uns erschreckt kein Wort, das du tröpfst;
wenig zitterten wir, wenn die Schwerter geschwungen,
und deine List hat umsonst gesungen!«
Sie stürzten ihn nieder auf blutigen Grund,
schlugen mit Axtämmern bis zu des Todes Stund.
Sie ritten zum Hof des Königs hin,
wo Atli sein Heer geordnet im Sinn.
Eine Mauer stand zwischen den Brüdern und der Schar.
Atli rief: »Willkommen, ihr Helden der Gefahr!
Gebt mir das reiche Gold, das mein eigen recht,
das Sigurd einst besaß nach dem alten Geschlecht,
das nun Gudrun gehört!«
Gunnar rief: »Nimmer gewinnst du das Hort!
Mächtige Männer musst du hier bestehn,
ehe wir das Leben lassen und untergehn!
Du hast das Fest wie ein Fürst bereitet,
hast den Adler und Wolf mit Raub geweitet!«
Atli sprach: »Längst sann ich auf diesen Tod,
um das Gold zu gewinnen und zu sühnen die Not,
jene Schandtat, da ihr den Besten betrogen;
nun will ich ihn rächen in blutigen Wogen!«
Hogni rief: »Was nützt das langes Sinnieren und Reihn,
lass uns lieber in den Kampf hinein!«
Da begann der harte Streit mit dem Wurfgeschoss,
und die Kunde eilte zu Gudrun vom großen Schloss.
Sie rannte hinaus, als sie den Lärm vernahm,
warf den Mantel ab in wildem Gram,
küßte ihre Brüder mit Herz und Mund,
und der Abschiedskuss war der letzte Bund.
Sie sprach: »Ich sann auf Rat, dass ihr bliebet daheim,
doch kein Sterblicher flieht vor des Schicksals Heim!«
Sie fragte: »Hilft es, um Frieden zu flehn?«
Doch hart und grimmig riefen sie: »Nein!«
Als sie sah, dass das Glück von den Brüdern wich,
wuchs ihr Mut, und sie rüstete sich.
Sie zog das Panzerhemd an, ergriff das Schwert,
kämpfte wie ein Held an der Brüder Herd;
keiner sah je eine tapferere Wehr.
Die Männer fielen dicht auf dem blutigen Meer;
die Brüder stritten weit vor der Schar,
und bis zum Mittag der Kampf gewaltig war.
Gunnar und Hogni ritten durch das Volk der Hunnen,
dass die Wiese von Blut gerötet schwamm in Brunnen.
Auch Hognis Söhne kämpften mit treuer Kraft.
Da rief König Atli: »Groß ist unsere Schar und Haft,
doch viele Helden fielen im wilden Streit;
neunzehn meiner Besten starben in Ewigkeit,
nur sechs blieben übrig vom stolzen Heer!«
Da ruhte die Schlacht für ein Weilchen schwer.
Atli sprach: »Vier Brüder waren wir, nun bin ich allein;
große Sippe gewann ich mir einst zum Schein,
eine Frau, stolz und klug von Sinn und Geist,
doch kein Frieden zwischen uns beiden reist.
Ihr habt mein Geschlecht erschlagen im Blute,
mich beraubt um das Reich und um reiche Güte,
und als schwerstes Leid habt ihr meine Schwester getötet!«
Hogni rief: »Was redest du so verblödet?
Du brachst den Frieden zuerst in der Welt,
hast unsre Verwandte gequält um das Geld,
sie Hungers sterben lassen in finsterem Haus –
ein Königswerk, des man lacht im Graus!
Dass du klagst über Weh, ist Spott für den Sinn;
ich danke den Göttern, dass du fällst dahin!«
Atli trieb seine Männer zum Sturm aufs neu,
und die Hunnen kämpften erbittert und treu.
Doch die Giukingen stürmten mit solcher Kraft,
dass Atli in die Halle wich mit der Schaft.
Drinnen tobte der Kampf, wild und schwer,
bis das Blut der Gefallenen floss umher.
Am Ende fielen der Männer all,
nur die beiden Brüder standen im Hall,
und viele sandten sie noch in die Hölle hinab,
eh die Waffen sanken ins dunkle Grab.
Gunnar wurde umringt von der riesigen Schar,
man fesselte ihn, da die Übermacht da war.
Hogni aber kämpfte mit Löwenmut,
erstreckte zwanzig Helden in heißer Glut,
warf manchen ins lodernde Hallenfeuer hinein,
dass alle staunten über den Heldenreif und Schein.
Doch am End’ erlag er der Macht der Vieh,
und sie fingen ihn ein mit List und Müh.
Atli rief: »Ein Wunder, wie viele er schlug im Streit!
Schneidet ihm das Herz heraus in Ewigkeit,
das soll sein Tod sein!«
Hogni sprach: »Tu, wie es dir gefällt allein;
froh will ich ertragen, was du mir getan,
du siehst, mein Herz zittert nicht im Bann!
Hartes erfuhr ich im Leben genug,
jetzt bist du der Herr im blutigen Zug.«
Da sprach ein Ratgeber von des Königs Stuhl:
»Nehmt lieber den Sklaven Hjalli in den Kuhl,
schenkt Hogni Schonung; der Sklave muss sterben bald,
und je länger er lebt, desto weniger gilt sein Gehalt!«
Der Sklave schrie auf und floh davon,
schrie, dass hart sei sein Los und sein Lohn,
fortgerissen vom Leben und von den Schweinen fein.
Doch sie fingen ihn ein und stießen ihm ein das Bein,
und er schrie, noch ehe er den Stahl gespürt.
Da tat Hogni etwas, das selten ein Held berührt:
Er bat um das Leben des Sklaven im Streit,
weil er dessen Schreie nicht ertrug in Ewigkeit;
es sei ein geringeres Spiel für das Ende der Zeit.
So behielt der Sklave das Leben für diese Frist,
während Gunnar und Hogni gefesselt im Kerker list.
Atli trat zu Gunnar und sprach das Wort:
»Sag mir, wo das Gold verborgen ist an dem Ort,
willst du das Leben behalten und frei sein?«
Gunnar sprach: »Erst will ich das blutige Herz sehn
von Hogni, meinem Bruder!«
Da fingen sie wieder den Sklaven klein,
schnitten ihm das Herz heraus zum Schein,
brachten es Gunnar. Der aber sprach:
»Seht hier das schwache Herz in der Schmach,
das kleine Herz von Hjalli dem Knaben!
Es zitterte mehr in der Brust begraben,
als da es lag auf der Schale kalt!«
Da griffen sie Hogni, wie Atli befahl mit Gewalt,
und schnitten ihm das Herz aus der Brust.
Doch so groß war sein Mut und seine Lust,
dass er lachte, während die Pein ihn fraß,
und alle Hunnen staunten voll Schreck und Maß.
Sie zeigten es Gunnar. Der sprach zur Stund:
»Das mächtige Herz von Hogni ist kund,
so wenig wie jetzt zitterte es in der Brust!
Doch nun, Atli, stirbst auch du gewiss und bewusst!
Ich allein weiß, wo das Gold im Rhein begraben liegt,
nimmer wird ein Hunne den Schatz gekriegt;
lieber soll der Strom des Rheins das Gold verschlingen,
als dass Hunnenhände es zu Tage bringen!«
Atli rief: »Schafft den Gefangenen fort!«
Und sie warfen Gunnar an dunklen Ort.
Gudrun aber rief ihre Männer zu sich her,
sprach zu Atli: »Verflucht sei dein Tun und dein Heer,
wie du deinen Eid gebrochen hast an mir!«
Gunnar ward geworfen in eine Schlangengrube voll Gier,
wo viele Würmer warteten auf seine Hand,
während man ihn fesselte mit starkem Band.
Doch Gudrun schickte ihm heimlich eine Harfe zu,
und mit seinen Zehen spielte er ohne Ruh,
er schlug die Saiten so herrlich und rein,
dass niemand je schöneres Spiel gehört im Schein.
Mit solcher Macht klang das Saitenspiel im Schacht,
dass alle Würmer einschliefen in tiefer Nacht –
nur eine Natter, groß und bös von Gestalt,
kroch an ihn heran im Erdenkalt,
biss in seine Brust und traf sein Herz mitten entzwei.
So endete Gunnar sein Leben in Heldenstreit und Reu.
König Atli wähnte sich im Siegesglück
und sprach zu Gudrun mit hohnvollem Blick:
»So hast du nun, Gudrun, die Brüder verloren,
und selbst hast zu diesem Unheil geschworen!«
Sie sprach: »In gutem Mut weilst du und prahlst,
während du mir die Morde bezahlst;
doch vielleicht wirst du es noch bitter bereun,
wenn die Zukunft bringt den wahren Schein.
Das Längste, das bleibt von all meinem Schmerz,
ist die ewige Erinnerung an dein grausem Herz;
und solange ich lebe, wird dir nichts gedeihn!«
Er bot ihr Frieden und sprach im Verein:
»Lass uns versöhnen mit Gold und Gut,
ganz wie es wünscht dein finsterer Mut.«
Sie sprach: »Zu lange war ich hart im Sinn;
als Hogni noch lebte, da stand es dir hin,
jetzt kannst du die Brüder mir nimmer ersetzen.
Doch oft müssen Frauen sich beugen und hetzen
unter der Männer gewaltiger Macht.
Nun sind alle Verwandten tot in der Nacht,
und du allein gebietest als Herr im Land.
Drum rate ich dir mit kluger Hand:
Lasst uns ein großes Totenmahl halten,
wo ich der Brüder gedenke und deiner Alten!«
So gab sie sich weich und freundlich im Wort,
obwohl sie ganz anderes sann an dem Ort;
er hörte ihr willig undgläubig zu,
vertraute der Rede in süßer Ruh.
Gudrun hielt das Leichenmahl für die Brüder fein,
und König Atli feierte mit den Seinen im Schein.
Sie aber vergaß ihren Jammer nicht,
sann auf Rache und Schande mit finsterem Gesicht.
Bei Einbruch der Nacht nahm sie Atlis Kinder klein,
als sie spielten auf dem Estrich beim Fackelschein;
die Knaben fragten schweren Muts,
was sie wohl vorhabe mit Gut und Bluts.
Sie sprach: »Fragt nicht! Ihr beide müsst sterben nun!«
Sie riefen: »Du kannst mit uns tun,
was dir gefällt, kein Hinderer steht dir zur Weil,
doch Schande bringt dir dieses feige Teil.«
Trotz alledem schnitt sie ihnen die Kehle ab.
Der König frug, wo die Söhne blieben im Grab.
Gudrun sprach: »Ich will es dir künden zur Stund,
und dein Herz erfreuen mit bitterem Mund!
Du schufst mir Einst ein gewaltiges Weid,
nun höre meine Tat für alle Zeit:
Deine Söhne starben, ihre Köpfe sind Becher hier,
ihr Blut trankest du, gemischt mit Wein zu dir,
und ihre Herzen nahm ich, briet sie am Spieß,
dass du davon gäßest im finsteren Riss!«
Atli sprach: »Grimm bist du, Weib im Bund,
dass du die Kinder mordetest so krumm und wund,
und mir ihr Fleisch zu essen gabst im Haus;
nur kurzer Raum liegt zwischen böser Tat und Graus!«
Gudrun sprach: »Mein Herz steht fest auf Schande für dich,
nie wird das Maß des Unheils voll für einen König wie mich!«
Der König sprach: »Schlimmer tust du, als man sagt im Land,
und töricht ist solcher Ratschlag und Verstand;
man sollte dich binden und steinigen im Kreis,
und dann verbrennen auf dem Scheiterhaufen heiß!«
Sie sprach: »Dein eigner Tod steht nah vor der Tür,
ein ander Ende ist bestimmt für mich und mir!«
Nun lebte noch Hognis Sohn, Niblung genannt,
der hegte tiefen Zorn im weiten Land;
er kündigte Gudrun an, den Vater zu rächen.
Sie hieß es gut, sie wollten darum besprechen,
wie groß das Glück wohl wäre bei dieser Tat.
Als der König betrunken zu Bette schlich in der Saat,
kamen Gudrun und Hognis Sohn in der Nacht.
Gudrun stieß das Schwert durch seine Pracht,
sie legten beide die Hände an das Werk im Haus.
Atli erwachte von der Wunde und schrie heraus:
»Kein Binden noch Salben! Wer hat dies vollbracht?«
Gudrun sprach: »Ich, Gudrun, und Hognis Sohn in der Nacht!«
Atli sprach: Ȇbel ziemte dir dieser Streich,
obwohl wir stritten im weiten Reich;
ich warb um dich einst mit der Sippe Rat,
zahlte Lösegeld und Gut zur Saat –
dreißig Ritter und Mägde fein dazu,
und doch war dir nicht genug in Ruh,
du wolltest herrschen auf Budlis Grund,
und triebst die Schwiegermutter in Trän' und Mund!«
Gudrun sprach: »Du sprichst viel Falsches und leer,
oft war ich wild, doch du tatst dazu noch mehr.
Hier tobten Kriege, Sippe schlug Sippe tot,
Freund kämpfte mit Freund in blutiger Not.
Bessere Tage blühten mir an Sigurds Hand,
da wir Könige stürzten im ganzen Land,
Schätze nahmen und Frieden gaben dem, der es bat,
und mächtige Herren beugten sich unserer Saat!
Dann verlor ich ihn – ein bitteres Los,
doch der grausamste Schmerz war mein Weg zu dir, bloß!
Du brachtest nie Ruh aus der Schlacht nach Haus,
als nur das schlechteste Teil und den Graus!«
Atli sprach: »Nichts ist wahr von deinem Wort,
unsere Rede bessert kein Los an dem Ort;
tue mir nun Ehre an, nach gutem Brauch,
und rüste meinen Leichnam in Silber und Rauch.«
»Das will ich tun!« sprach sie mit Bedacht,
»ein steinernes Grab bauen in stiller Nacht,
dich hüllen in Leinen nach Sitte und Schein.«
Damit verschied er im blutigen Schein.
Sie tat nach ihrem Wort. Dann warfen sie Brand
in die Halle, dass Feuer umher entbrannt.
Die Männer erwachten in Angst und Not,
wollten dem Feuer entfliehn aus dem Tod,
erschlugen einander und starben im Streit;
so endete Atli und sein Volk in Ewigkeit.
Gudrun aber wollte nicht leben nach der Tat,
doch ihr Ende war noch nicht da in der Saat.
Die Völsungen und Giukingen, so sagt die Mähr,
waren die herzigsten Helden im Zeitenmeer.
Mit diesen Kunden fand das Leid sein End.
Gudrun gebar dem Sigurd ein Mägdlein rein,
Swanhild genannt, die Schönste im Sonnenschein;
sie blickte wie ihr Vater mit eifrigen Aug' und Pracht,
dass kaum jemand wagte zu schaun in ihre Macht.
Sie übertraf alle Weiber auf Erden weit,
wie die Sonne den hellen Himmelsstern erfreut.
Eines Tages ging Gudrun zum grauen Strand,
nahm schwere Steine in ihre Arme und Hand,
wollte dem Leben ein Ende machen im Meer.
Doch mächtige Wogen trugen sie fort und her,
hoben sie empor durch die Flut und Macht,
bis sie an König Jonakrs Burg gebracht.
Er nahm sie zur Frau mit königlichem Sinn,
ihre Söhne hießen Hamdir, Sorli und Erp darin;
und dort wuchs Swanhild auf in Pracht und Gut.
Jormunrek hieß ein mächtiger König in jenen Tagen,
sein Sohn war Randver, dem sie vieles aufgetragen.
Der König sprach zu ihm: »Reise in meinem Auftrag fort
zu König Jonakr an diesen Ort,
wo Swanhild erzogen wird, Sigurds Kind.
Sie ist die schönste Maid, die wir je find;
sie will ich zur Frau vor allen erkiesen,
wirb du für mich in den fernen Wiesen!«
Randver sprach: »Es ist recht, mein Herr und Hort,
ich reise für dich an diesen Ort.«
Sie rüsteten sich und kamen zu Jonakrs Haus,
sahen Swanhild in ihrer Schönheit und Graus.
Randver sprach zu Jonakr an einem Tag:
»König Jormunrek dein Schwager sein mag,
er begehrt Swanhild zur eignen Frau;
keinen Mächtigeren gibt es im Himmelsblau.«
Der König sprach: »Das ist ein Bund von Ehr!«
Gudrun aber warnte: »Ein wankelmütig Heer
ist das Glück, das sich wandelt zu jeder Stund!«
Doch der Brautwerbung gab man den Bund.
Swanhild schiffte sich ein mit stolzer Schar,
saß im Heck neben dem Königssohn fürwahr.
Da sprach Bikki zu Randver im leisen Ton:
»Wie fein wär es, nähmst du das Weib, junger Sohn,
statt des alten Königs dort im Land!«
Das Wort gefiel dem Königssohn hand in hand,
sie sprachen süße Worte zueinander im Schiff.
Als sie ankamen, sprach Bikki mit tückischem Griff
zum alten König: »Wisse, Herr, was geschah!
Dein Sohn hat Swanhild gewonnen, sie ist ihm nah,
sie ist seine Buhle geworden im Streit;
lass diese Schandtat nicht ungerächt in Ewigkeit!«
Der König geriet in wilden, blutigen Zorn,
befahl, Randver zu hängen am Galgenborn.
Als er zum Galgen geführt ward in Schmach,
rupfte er die Federn vom Habicht ab und sprach:
»Zeigt das meinem Vater!« Als der König es sah,
sprach er: »Mein Ehr ist verflogen wie Federn da!«
Doch zu spät – Bikki hatte sein Werk vollbracht,
Randver war tot in der dunklen Nacht.
Bikki sprach weiter: »An Swanhild räche dich nun,
lass sie einen schändlichen Tod ruhn!«
»Ja«, sprach der König, »so soll es geschehn!«
Sie banden sie fest am Burgtor im Wehn,
und trieben Pferde auf sie zu mit Macht.
Doch als sie die Augen weit aufgemacht,
durften die Pferde sie nicht berühren im Sand!
Da zog man ihr einen Sack über Kopf und Wand,
und so verlor sie das Leben im grausen Ort.
Als Gudrun vernahm, dass Swanhild erschlagen,
da sprach sie zu ihren Söhnen mit klagen:
»Was sitzt ihr hier friedlich bei fröhlichem Wein,
während Jormunrek niedertrat Schwesterlein
unter Hufen der Pferde in schändlicher Schmach?
Kein Herz habt ihr Helden, das gleicht diesem Dach –
wären Gunnar und Hogni noch am Leben im Kreis,
sie hätten gerächt die Verwandte mit Fleiß!«
Hamdir erwiderte: »Wenign rühmtest du damals die Brüder,
als sie Sigurd gefällten im Blut nieder;
du warst ja selber gerötet von seiner Flut,
und schlecht waren deine Brüder gerächt durch den Mut
deiner eigenen Söhne im finsteren Land!
Doch wäre es kein schlechtes Werk mit der Hand,
König Jormunrek zu erschlagen im Streit;
du treibst uns so hart in die Ewigkeit,
dass wir nimmer ertragen dein hartes Wort!«
Gudrun lachte laut an dem Ort,
reichte ihnen große Becher zum Trank,
und holte die besten Panzer ohne Schrank
und alles Kriegsgeschmeide fein.
Hamdir sprach: »Dies ist der Abschied mein,
du wirst von uns hören in kurzer Frist,
und ein Grab-Bier trinken, wo Swanhild ist!«
Gudrun ging in ihre Kämmerlein,
das Herz geschwollen von Schmerz und Pein,
und sprach:
»Drei Männern war ich angetraut:
Erst Sigurd, dem Helden im Sonnengraus,
der verraten ward und erschlagen im Hain –
das war der größte aller Schmerzen mein!
Dann gab man mich Atli, dem König wild,
dass mein Herz vor Zorn und Gram zerfällt;
ich schlachtete meine und seine Kinder im Blut!
Dann stürzte ich mich in die Flut,
doch die Wogen warfen mich an den Strand,
und jenem König gab man mich in die Hand.
Dann sandte ich Swanhild fort über das Meer
mit reichen Schätzen und stolzem Heer;
das war mein zweitgrößter Schmerz im Leben,
als Pferde sie traten und den Tod gegeben!
Doch der grausamste Schmerz von allen war hier:
als Gunnar geworfen in die Schlangengier,
und Hognis Herz man schnitt aus der Brust!
Ach, wär mir Sigurd noch einmal bewusst,
und ginge mit ihm in das Schattenreich,
denn kein Kind tröstet mich hier im Bereich!
Oh, gedenkst du nicht, Sigurd, des Wortes im Bett,
als wir sprachen vom Tod und vom Wiedersehnsnett –
dass du kommen würdest zu mir im Grab,
selbst aus der Toten stiller Hab?«
So endeten die Worte des Jammers schwer.
Die Sage kündet von Gudruns Söhnen dar,
dass sie ihre Rüstung geschmiedet fürwahr
so, dass kein Stahl sie beißen konnt’;
sie mahnte, sie sollten nicht werfen gekonnt
mit Steinen noch schweren Dingen im Streit,
denn das brächte ihnen Verderben und Leid.
Als sie wanderten, trafen sie Erp unterwegs,
und fragten ihn, wie er helfe dem Zweck.
Er sprach: »Wie Hand der Hand hilft im Bund,
oder Fuß dem Fuß auf dem Erdenrund!«
Das achteten sie für nichts an der Statt,
und erschlugen den Bruder in blutiger Saat.
Bald darauf strauchelte Hamdir im Schlamm,
stützte sich ab mit der Hand am Stamm,
und sprach: »Erp sprach wahres Wort im Hain,
jetzt wär ich gefallen, stützte die Hand mich nicht fein!«
Wenig später strauchelte Sorli gar,
fing sich auf beiden Füßen fürwahr,
und sprach: »Nun wär ich gestürzt in die Nacht,
hätt ich mich nicht mit beiden Füßen bedacht!«
Da bereuten sie bitter die Missetat an Erp.
Sie wanderten weiter zu Jormunreks Dom,
stürmten auf ihn ein wie ein wilder Strom;
Hamdir hieb ihm beide Hände ab,
Sorli die Füße, dass er niedersank ins Grab.
Da rief Hamdir: »Ab wäre der Kopf im Streit,
wär Erp noch am Leben für alle Zeit –
unser braver Bruder, den wir erschlugen auf der Bahn,
den Kundigen im Kriege dann und wann!«
Wie das Lied spricht:
Ab wäre der Kopf,
Wär Erp noch am Leben,
Unser tapferer Bruder,
Den wir erschlugen auf der Bahn,
Den Weitgerühmten im Streit.
Nun mussten sie abweichen von der Mutter Wort,
denn sie gerieten an Steine an diesem Ort.
Männer fielen sie an im feindlichen Kreis,
sie wehrten sich tapfer mit heroischem Fleiß,
fällten manchen Helden im wilden Hieb,
denn kein Eisen sie ritzen und beißen trieb.
Da trat ein alter, einäugiger Mann herbei,
und sprach: »Klug seid ihr nicht in der Schlägerei,
da ihr diese Männer nicht tötet im Bund!«
Der König rief: »Gib Rat zur Stund,
wenn du es vermagst!«
Er sprach: »Schlagt sie tot mit Steinen im Kreis!«
So taten sie es; Steine flogen dicht und schwer
von allen Seiten auf das tapfere Heer,
und das war das Ende ihrer Lebenstage.
Damit fand die Wurzel der Giukingen ihre Klage.
NUN MÖGEN ALLE EDELINGE
BESSEREN SINNS SEIN,
DER SCHMERZ ALLER MÄDCHEN
MÖGE IMMER MINDER SEIN,
FÜR DIESE GESCHICHTE DES LEIDS,
SO ERZÄHLT BIS ZUM ENDE.
So ritt Helgi fort in die dunkle Nacht,
und die Dienerin hütete treu die Wacht.
Zur Stunde der Dämmerung ging Sigrun zum Hügel
und sang mit Schmerz im gefesselten Flügel:
»Hier nun käme er,
wär er zum Kommen bereit –
Sigmunds Spross aus dem Hallenkleid
von Odins Halle!
Ach, mir schwindet die Hoffnung ganz
auf Helgis Ankunft im hellen Glanz;
denn hoch auf den Eschenzweigen sitzen
die Adler und lauern mit blutigen Spitzen,
und alles Volk zieht hin zur Rast
zum Thing der Träume als stille Gast.«
Die Magd sprach: »Sei nicht töricht im Sinn,
und wandle allein dorthin,
zum Hause der Toten, o Königin!
Denn stärker und schrecklicher in der Nacht
sind alle Toten in ihrer Macht
als im hellen Tageslicht!«
Nur kurze Zeit lebte Sigrun noch her,
gebeugt von Schmerz und endlosem Schwer.
In alter Zeit glaubten die Menschen froh,
dass die Toten erneut geboren im Stroh,
ob man das heute nur Alte-Weiber-Mähr’ nennt;
so wurden Helgi und Sigrun brennend entbrennt,
neu geboren als Hadding-Feind und Kind,
und sie hieß Kara, wenn Mären künd –
eine Walküre, wie das Lied der Kara spricht.
Aus dem Lied von Sigrdrika
Dies ist mein erster Rat für dich:
Dass du mit deiner Sippe ewig freigleich
an Schuld und Trug, nie hastig im Zorn,
trotz alledem, was an Schmerz geboren –
tue den Toten das Gute kund!
Das ist der zweite Rat aus dem Bund:
Schwöre niemals einen falschen Eid,
nur treue und wahre Einigkeit!
Grimme Qualen fesseln den Treuebrecher fein,
ein verfluchter Wolf muss der Eidbrüchige sein.
Das ist mein dritter Rat für dich:
Meide auf dem Thing die Toreniglich;
denn der Unweise lässt aus dem Munde fließen
schlimmere Worte, als sie ihn verdrießen.
Doch schwer ist es, Frieden zu bewahren rein,
wenn Männer dich feige und falsch schrein;
am andren Tag magst du den Täter schlagen,
und dem Lügner seine Lügen vergelten mit Klagen!
Höre den vierten Rat mit Macht:
Wenn eine böse Hexe deinen Weg bewacht
und Unheil bringt auf der Straßen Bahn,
gehe lieber weiter im finsteren Wahn,
als dort zu gaste zu weilen in Nacht,
selbst wenn der Sturm am Himmel erwacht!
Ferne sehende Augen braucht jeder Held,
der wütend in den Krieg hineingestellt;
denn finstere Frauen lauern am Pfad,
zu brechen der Herzen und Schwerter Saat.
Und der fünfte Rat sei dir vertraut:
So schön dir auch erscheinen die Braut
und Frauen, die auf der Bänke prangen,
lass nicht das Silber der Liebe verlangen
und zieh kein Weib zu verbotenem Kuss!
Denn Wein und Weiber bringen Verdruss.
Für das sechste Ding sei dir geraten fein:
Wenn Männer beim trüben Aletrunk sein,
und wilder Zank aus Worten sprießt,
streite nicht mit den Trunkenen und vergisst,
denn Wein raubt vielen den klaren Sinn!
Hader und Trank brachten oft hin
den großen Schmerz und das bittre Leid,
Bane für manchen zu aller Zeit.
Für das siebente: Wenn du Streit erregst
mit einem Mann, den stolz du pflegst,
kämpfe lieber draußen im freien Feld,
als zu brennen im eigenen Hallenzelt!
Der achte Rat, den ich gebe dir:
Hüte dich vor allem Trug und Zier,
zieh dir kein fremdes Mägdlein an,
verrate keines Mannes treue Frau sodann!
Das ist die neunte Warnung fein:
Achte auf die Toten im Feldes Schein –
ob seetot, ob krank im Bette verbracht,
ob durch Waffen gefällt in der Schlacht!
Mach ein Bad für die Toten bereit,
wasche ihre Hände und Füße mit Zeit,
kämme das Haar und trockne sie fein,
eh sie im Sarge geborgen sein,
und wünsche ihnen süße Ruh!
Der zehnte Rat: Traue nimmer im Nu
den Eiden der Sippe deines Feindes gut –
hast du erschlagen sein eigen Blut,
sei es des Bruders oder des Vaters Pein:
Im jungen Sohn wächst der Wolf hinein,
selbst wenn man ihn glättet mit rotem Gold!
Haß und Rache ruhen niemals hold,
weder Sorge noch Streit vergeht;
nur wer Waffen und Weisheit versteht,
kann der Herrscher und Erste sein im Land!
Der elfte und letzte Rat an der Wand:
Hüte dich vor allem Unheil und Schein,
und wach über deiner Freunde Sein!
Kaum wage ich langes Leben dir zu mühn,
denn schwere Drangsal beginnt schon zu blühn.
Das kurze Lied von Sigurd
Sigurd, der junge Völsung rein,
ritt einst zu Giukis Hallen ein,
nach gewonnener Schlacht und Heldentat;
sie schworen Eide nach alter Saat.
Man gab ihm ein Mägdlein reich und gut:
Gudrun, die junge, von edlem Blut.
Sie tranken und freuten sich manchen Tag,
Sigurd und Giukis Söhne im Hain –
Bis sie ritten mit kühnem Sinn
um Brynhilds Werbung mit stolzem Sinn.
Der weise Völsung, der alle Wege kannt' –
er hätt' sie zur Frau im eignen Land,
hätt' das Schicksal es anders gelenkt!
Sigurd vom Süden ein Schwert geschenkt,
blank und scharf aus der Esse geschmiedet,
hat er zwischen sie beide gebettet und gehütet;
keinen Kuss gewann er von der schönen Maid,
keinen Arm umfing sie in jener Zeit,
seit er die Jungfrau dem Giukisohn gab.
Keine Schande wusste sie je im Grab,
kein schreckliches Ding auf der Lebensbahn –
und doch zog das Schicksal sie dunkel an.
Einsam saß sie am Abend im Saal,
und sprach zu sich selbst in bitterem Qual:
»O weh um Sigurd! Mein Tod muss nah sein,
oder er liegt in den Armen mein!
Für das gesprochene Wort muss ich büßen schwer:
Gudrun ist seine Frau, ich bin Gunnars Ehr!
Die Nornen schufen uns langes Weh.«
Oft zog sie nachts über Eis und See,
von dunklen Gedanken ins Herz getroffen,
wenn Sigurd und Gudrun im Bette schlafen hoffen,
und Sigurd die Decke um Brynhild schlug.
»Nun hält der Hunnenkönig sein Weib im Bug,
während ich darbe an Freud' und Glück,
und nur in Gedanken blicke zurück!«
Diese Gedanken trieben sie hin zum Mord:
»Höre, Gunnar, an diesem Ort!
Du verlierst meine Länder und mich dazu!
Ich liebe das Leben mit dir nicht im Ruh;
ich kehre zurück in das Heimatland,
zu den Meinen, die mich gut verstand'n,
und schlafe mein Leben in Frieden ein –
es sei denn, du schlägst den Hunnen tot im Schein,
und machst deine Macht noch größer als sein!
Lass den Sohn nach dem Vater gehn,
lass keinen jungen Wolf zu lange stehn!
Denn Rache ist leichter auf dieser Welt,
wenn der Sohn nicht lebt im Hunnenzeld!«
Gunnar erbebte, voll schwerem Sinn,
er saß den ganzen Tag von Sinnen hin;
er wusste nicht, was er tun sollt' und tat,
welches die beste und gerechteste Saat.
Er gedachte des Eides dem Völsung geschworen,
und des Unrechts, das er am Helden verloren.
Sein Geist schwankte hin und her:
»Brynhild ist mir mehr als das ganze Heer,
die Tochter Budlis ist das beste Weib!
Lieber lass ich mein eignes Leben im Leib,
als dass ich getrennt von der Herrlichen bin!«
Er rief Hogni an seinen Hort
und sprach zu ihm ein vertrautes Wort:
»Willst du Sigurd verraten um das Gold im Rhein?
Herrrlich ist es, der Schätze Herr zu sein!«
Hogni erwiderte kurz und klar:
»Solche Taten sind uns nimmer wahr;
Eide zu brechen mit blutiger Hand,
ist Schande im weiten Heldenland!
Wir kennen auf Erden kein besseres Paar,
solange wir vier regieren die Schar
und der Hunnenkönig am Leben ist!
Und keine Sippe gedeiht mit List,
wenn wir fünf Söhne nicht weiter ziehn –
doch ich seh wohl, wie die Dinge blühn,
und Brynhild drängt dich zu sehr mit Macht.
Lass uns Guttorm holen für diese Schlacht,
unseren jüngsten Bruder, bar an Verstand,
denn er hielt keinen Eid mit eigener Hand!«
Leicht ist es, den zu reizen, der nichts bedenkt! –
Tief drang das Schwert in Sigurds Brust gesenkt.
Dort in der Halle holte der Held sich Rache fein,
denn sein Schwert schwang er gegen den Feind im Hain:
auf Guttorm flog Gramm mit mächtiger Kraft,
der blitzende Stahl aus Sigurds Handschaft.
Der Mörder stürzte, in Stücke geschlagen,
das schwere Haupt und die Hände getragen
fielen nach vorn, während Füße und Bein
blieben zurück, wo sie standen im Schein.
Gudrun schlief weich in des Bettes Ruh,
ohne Sorge an Sigurds Seite dazu;
als sie erwachte, war alle Freude dahin,
sie schwamm im Blut ihres Herzensgin.
So schmerzlich schlug sie die Hände zusammen,
dass der edle Held sich erhob mit Flammen:
»O Gudrun, weine nicht so voller Schmerz,
süße, liebe Braut, dein Bruder lebt fürs Herz!
Ein junges Kind hab ich zum Erbe mein,
zu jung noch, zu fliehn aus der Feinde Pein;
schlimme Taten und Unheil haben sie vollbracht,
einen bösen Rat haben sie zuletzt erdacht.
Spät, spät reiten sie zum Thing mit Schar,
solch Schwestersohn, wenn du sieben gebärst fürwahr;
doch wohl weiß ich, wohin der Weg nun geht –
allein hat Brynhild dieses Unheil gesät.
Diese Maid liebte mich weit vor allen Leuten,
doch Unrecht tat ich Gunnar zu keiner Zeiten;
Bruderschaft achtete ich und heiligen Eid,
dass niemand mich nannte der Königin Neid.«
Müde seufzte Gudrun, als der König verschied,
und so hart schlug sie die Hände im Lied,
dass die Becher ringsum erklangen im Haus,
und die Gänse schrien auf dem Anger heraus.
Da lachte Brynhild, Budlis Kind,
ein einzig Mal aus dem Herzen geschwind,
als an ihr Bett drang der helle Ton
von Gudruns Klage und schwerem Lohn.
Da sprach Gunnar, der Falken-Träger fein:
»Weil du lachst, du hasserfülltes Weib allein,
fröhlich auf dem Bette im weiten Haus,
verheißt das nichts Gutes im finstern Graus!
Warum fehlet dir sonst die liebliche Glut?
Du Bringerin von Unheil, vom Tod im Blut!
Wohl würdig bist du vor allen Frauen im Land,
dass deine Augen sehn Atli gebannt
von uns erschlagen, in Blut und Pein,
dass deines Bruders Wunden binden die Händ dein!«
»Niemand tadelt dich, Gunnar, die Rache ist dein,
doch Atli fürchtet euren Willen nicht klein;
später als ihr wird er sein Leben hinlegen,
und noch mehr Macht als ihr hegen und pflegen.
Ich will dir sagen, Gunnar, was du längst weißt,
wie ihr einst Unheil gestiftet mit Geist;
jung war ich damals, von Kummer frei,
und reich an Schätzen im brüderlichen Mai!
Keinen Sinn hatte ich für Freier im Haus,
eh ihr Giukinger rittet in den Hof heraus;
drei Könige saßen auf Rossen im Hain –
ach, dass diese Fahrt nie geschehen wär rein!
Da sprach Atli zu mir im vertrauten Sinn,
dass er mir keinen Schatz gäbe hin,
weder Gold noch Länder zu eigenem Glück,
wenn ich mich weigerte im Brautstück-Blick;
keinen Teil des Gutes, das er im ersten Jahr
mir einst gegeben und gezählt fürwahr.
Mein Sinn schwankte hin und her im Streit,
ob ich kämpfen sollte mit Schwert und Zeit,
bold in der Byrny um des Bruders Pracht;
das wär Ruhm gewesen für aller Leute Macht,
doch für manchen Mann voll Sorge und Pein.
So ließ ich den Frieden siegen zum Schein:
mehr verlangte mich nach dem goldenen Hort,
nach den rot schimmernden Ringen an dem Ort,
dem Erbe des Sigmundssohnes fein;
denn kein anderes Schatzgut sollte mein sein.
Denn ich hatte mich ganz dem König gegeben,
der im Gold saß auf Granis munterem Leben;
seine Augen glichen nicht euren Blicken fein,
sein Antlitz war anders als euer Schein,
obwohl ihr euch dünktet als Herren der Welt.
Einen liebte ich – und keinen andern im Feld,
die goldgeschmückte Maid schwankte nie im Sinn;
das wird Atli erfahren ganz gewiss darin,
wenn er erfährt, dass ich tot bin geschwind.
Fern sei es mir, so schwach und klein,
je die Liebe eines andern zu sein –
ja, mein Leid soll gerächt sein fein!«
Da stand Gunnar auf, der Edlen Hort,
und schlang die Arme um den Hals an dem Ort;
alle traten sie her, einer nach dem andern im Kreis,
mit ganzem Herzen zu wenden ihr Sinn mit Fleiß.
Doch sie stieß sie alle von ihrem Hals fort,
niemand sollte sie hindern an ihrem Ort.
Da rief er Hogni zu einem Wort im Bund:
»Lass alle Leute in die Halle zur Stund,
deine und meine – o Not so schwer! –
zu sehn, ob wir halten mein Weib noch mehr,
bis die Zeit verwebt das Hindernis fern.«
Hogni erwiderte kurz und mürrisch von Kern:
»Lass die harte Not walten im Haus,
und niemand halte sie auf mit Graus!
Nie möge sie lebend zurückkehren von dort!
Unglücklich kam sie in der Mutter Schooß,
geboren für ewiges Leid und bloß,
zu tiefem Kummer für manchen Mann groß!«
Er wandte sich ab von dem Streit im Saal,
dorthin, wo die Schatzkammer barg das Mahl;
sie blickte und sah all den Reichtum fein,
und die hungernden Mägde im Sonnenschein.
Ohne Gutes im Herzen zog sie die goldene Byrny an,
ehe sie das Schwert durch den Leib sich stieß dann;
auf die Kissen sank sie zurück in der Nacht,
und dachte im Sterben an klugen Rat bedacht:
»Kommt alle hervor, die ihr goldenen Glanz
oder wertvolle Schätze wollt gewinnen ganz;
jedem gebe ich eine vergoldete Kette fein,
gewebte Behänge und Betten im Schein!«
Alle schwiegen und dachten im Streit,
dann gaben sie alle Antwort zur Zeit:
»Genug sind dem Tode geweiht in der Welt,
wir wollen noch leben auf grünem Feld,
als Mägde der Halle das Werk zu bestehn!«
Aus ihrem weisen Herzen sprach die Maid,
die junge Frau in leinenem Kleidt:
»Ich will, dass niemand durch Hand oder Wort
verliere sein Leben an diesem Ort.
Ihr sollt alle verbrannt auf den Scheiten sein,
mit weniger Schatz bei der Reise mein,
und nicht mit Menias Mühle sollt ihr mich sehn!«
»Setz dich nieder, Gunnar, mein Wort nimm an,
ich muss dir künden vom Schicksal sodann,
vom Sturz und Ende der leichten Braut –
auch wenn dein Schiff nicht sanft mehr schaut
auf den Wellen dahin, obgleich ich hingen
mein Leben opfere mit allen Dingen!
Früher, als du denkst in der Welt,
wirst du Frieden schließen, der dir gefällt,
mit Gudrun; denn die weise Frau
wird tilgen im Herzen den Schmerz ganz genau
vom toten Gatten in jungen Jahren.
Eine Maid wird geboren und aufgehoben fürwahr
von ihrer Mutter, heller und schöner noch
als der helle Tag in des Himmels Loch:
Swanhild soll sie heißen, Sonnenschein genannt.
Du wirst Gudrun geben in fremde Hand
an einen Großen, von aller Welt gepriesen,
edel und hoch in den fernen Wiesen;
nicht aus eigenem Willen noch Liebeskraft
wirst du sie geben in diese Haft,
doch Atli wird kommen, um sie zu winnen –
mein eigener Bruder mit kühnem Sinnen,
geboren von Budli!
Ach, manch Erinnerung an euer Tun,
wie ihr mich betrogst in der Ruh und Ruhn,
wie schmerzlich und böse ihr mich gequält,
dass alle Freude aus dem Leben mir fehlt!
Froh wirst du sein, Oddrun zu ersehn,
doch Atli wird deinen Willen verstehn
und untersagen im finsteren Haus;
doch heimlich werdet ihr finden den Graus,
und sie wird dich lieben mit Herz und Sinn,
wie ich dich geliebt in den Tagen drin,
hätt das Schicksal uns anders gelenkt!
Doch mit allem Unheil wird Atli dich quälen,
in den engen Schlangengarten dich wählen,
dass du dort stürzest in Schmach und Pein.
Doch es wird keine lange Zeit mehr sein,
bis auch Atli das Leben verliert ganz und gar,
all seinen Wohlstand und seine Söhne fürwahr;
denn ein schreckliches Lager bereitet ihm Gudrun
aus schwerem Herzen mit scharfem Schwert nun!
Besser ziemte es Gudrun, der Schwester dein,
im Tode zu folgen dem Gatten fein,
hätt man ihr guten Rat gegeben zur Stund,
oder ihr Herz wär meinem Herzen im Grund!
Schwächer wird meine Stimme im Streit –
doch um unsertwillen zu keiner Zeit
soll sie das geliebte Leben verlieren;
das Meer soll sie fassen, die Wogen sie führen
hinaus zu Jonakrs väterlichem Land!
Dort wird sie Söhne gebären mit starker Hand,
Stützen der Erbschaft, Jonakrs Söhne fein;
und Swanhild wird sie senden fort aus dem Rein,
die Maid, die geboren von Sigurd dem Held.
Sie wird erlegen dem Rat von Bikki im Feld,
denn Jormunrek findet kein Leben zum Gut;
und so verdirbt ganz Sigurds edles Blut
und neues Weh für Gudrun im Land!
Und nun eine Bitte noch aus meiner Hand –
das letzte Wort von mir in dieser Welt:
So breit auf dem Felde die Totenburg schnellt,
dass genug Raum bleibe für uns im Kreis,
für uns alle, die starben durch Sigurds Fleiß!
Hänge um diese Burg Teppiche und Schild' fein,
von Galliern gewebte Stoffe im Schein;
dort verbrenne den Hunnenkönig im Kreis,
liegend an meiner Seite mit edlem Fleiß.
Doch zur andern Seite verbrenne mit Pracht
die, die mir dienten in dunkler Nacht,
mit Schätzen gestreut: zwei an dem Haupt,
zwei an den Füßen, wie man mir’s geglaubt,
zwei Hunde dazu und zwei Haken im Hain;
dann ist alles geteilt mit gerechtem Schein!
Lege mitten unter uns den gewohnten Stahl,
das scharfkantige Eisen aus jenem Mal,
wie es lag, als wir beide im Ehebett
als Mann und Frau wurden genannt so nett!
Nie soll hinter ihm prasselnd schlagen
das helle Tor von Valhall mit Ringen im Wagen;
und wenn meine Gefolgschaft ihm folgt sodann,
reisen wir nicht wie das elendeste Bann!
Ihn sollen begleiten fünf Mägde fein,
acht Knechte dazu, kein armseliges Sein;
dazu mein Pflegevater und das Gut im Bund,
das Budli einst gab seinem Kind zur Stund!
Viel habe ich gesprochen, mehr spräch ich noch,
gäbe das Schwert mir Raum dazu doch;
doch meine Worte schwinden im Schmerz,
meine Wunden schwellen im müden Herz –
die reine Wahrheit hab ich dir kundgetan,
und nun mache ich Ende auf meiner Bahn!«
Nach Brynhilds Tod wurden Scheiterhaufen zwei,
für Sigurd zuerst, der gebrannt als Reih;
auf dem andern man Brynhild dem Feuer übergab,
in einem Wagen geschmückt zum Grab,
behängt mit Teppichen herrlich und fein.
So fuhr sie darnach auf dem Wagen allein
hinab auf dem Wege zur Hölle hinunter,
und kam an ein Haus, wo wohnte ein Riesenweib munter.
Das Riesenweib rief ihr entgegen mit Macht:
»Niemals nach meinem Willen und Pracht
gehst du durch diesen steingepflasterten Hain,
meine Stätte soll dir verschlossen sein!
Besser ziemte es dir, das Tuch zu nähen im Haus,
als zu schauen der Liebe des andern den Graus.
Was tust du, wenn du aus dem Gallierland
kommst zu mir in das steinige Wand,
du ruheloser Kopf? Hast du denn nicht,
wenn du hören willst, mit sanftem Gesicht
der Männer Blut von den Händen gewaschen fein?«
Brynhild sprach: »Tadel mich nicht in dem Schein,
du Braut aus der Felsen-Halle dort,
ob ich einst Krieg zog an manchem Ort!
Die Höhere von uns beiden werd ich bleiben allzeit,
wenn man zählt von unserer Art und Zeit.«
Das Riesenweib sprach: »Du, Brynhild, von Budlis Art,
warst die schlimmste Maid auf der Erdenfahrt;
denn den Kindern Giukis brachtest du Tod,
und stürztest in Schande ihr Haus in Not!«
Brynhild sprach: »Ich will dir die Wahrheit künden vom Wagen,
da du nichts weißt von den dunklen Tagen,
wenn du es hören willst: Wie jene mir brachten,
die Erben Giukis, die mich verlachten,
ein lieblos Leben, ein Leben voll Schrei!
Hild unter Helm nannte man mich dabei
im Hlymdale-Kreis, wo die Leute mich kannt'n,
wenn sie mich Seherinnen nannten und wandt'n.
Die wandelbaren Gestalten von uns acht Schwestern
befahl der weise König zu tragen im Gestern
unter die Eiche; zwölf Winter war ich alt,
wenn du es wissen willst, in der KALTEN WALT,
als ich dem jungen Herrn schwur Liebeseide.
Danach gab ich im Reiche der Gothe-Beute
dem alten Helmgunnar die Reise ins Totenreich,
und gab dem Bruder von Aud den Ruhm und Sieg –
woraus Odin erwachte in wildem Zorn,
und mich verbannte an den Felsenborn!
Er schloss mich ein in eine Schildmauer fein
im Skata-Hain, wo rot und weiß Schilde reihn;
und gebot, dass nur der den Schlaf mir bricht,
der auf keiner Erde die Furcht kennt im Licht.
Er setzte um meine Halle nach Süden ein
das Verderben aller Bäume im Feuerschein;
und bestimmte, dass nur der darüber reitet,
der mir das Gold bringt, das Fafnir neidet!
Da ritt auf Grani der goldstreuende Held
dorthin, wo mein Pflegevater herrscht im Feld;
er, der allein für den Besten galt im Land,
der Kriegsfürst der Dänen mit starker Hand.
In Frieden schliefen wir weich in einem Bett,
als wär er mein Bruder, getreu und nett;
obwohl wir acht Nächte beieinander ruhn,
legten wir in Liebe keine Hand an den Tun!
Und doch tadelte mich Gudrun, Giukis Kind,
dass ich in Sigurds Armen geschlafen im Wind;
da wusste ich, was ich nicht wissen wollt',
dass sie mich betrogen im Liebesgold!
Ach, für die Unruh allzu lang
sind Männer und Frauen geschaffen im Drang!
Doch wir beide zusammen wandern durch die Zeit –
Sigurd und ich, in Ewigkeit!
Sink nieder, du Riesenweib!«
Fragmente aus dem Lied von Brynhild
Hogni sprach:
»Was hat Sigurd getan an Vergehen und Not,
dass du trachtest nach des Berühmten Tod?«
Gunnar sprach:
»Mir hat Sigurd viele Eide geschworen,
viele Eide geschworen, betrügerisch verloren;
er hat mich betrogen, da es Zeit war zu stehn,
als treuester Mann auf den Wegen zu gehn!«
Hogni sprach:
»Dich hat Brynhild in jedes Unheil gehetzt,
mit Hass und Trauer das Herz benetzt;
sie gönnt Gudrun nicht das Leben fein,
und dir die Wonne an ihrem Sein.«
...
Einige brieten den Wolf im Hain,
einige schnitten den Wurm in den Schein,
einige gaben Guttorm das Wolfsfleisch zum Mahl,
ehe sie stürzten sich voller Qual
auf den hohen König mit todbringender Hand.
Sigurd lag tot im südlichen Land,
hoch von dem Baume krächzte der Rabe fein:
»Ah, noch wird Atli euch färben den Stein,
die alten Eide werden euch drücken schwer
auf euren Seelen, ihr Helden im Heer!«
Draußen stand Gudrun, Giukis Kind,
und sprach die ersten Worte im Wind:
»Wo ist denn Sigurd, der Krieger Herr,
da mein Geschlecht reitet her?«
Hogni sprach:
»Unsere Schwerter hieben Sigurd entzwei,
und das graue Pferd hängt den Kopf herbei
über dem Herrn, der tot darniederlag!«
Da sprach Brynhild, Budlis Maid am Tag:
»Guten Segen sollt ihr von Waffen und Land sehn,
die Sigurd allein im Reich hätt' bestehn,
wenn er gelebt noch eine kleine Weil'!
Ach, es ziemte sich nicht für Sigurd im Teil,
zu herrschen in Giukis Haus und im Gothland,
wenn fünf Söhne von ihm in des Kampfes Brand
nach dem Morde der Männer begerext!«
Da lachte Brynhild – die Halle erbebte weit,
ein einziges Lachen aus der Zeit:
»Lang soll eure Wonne an Land und Leuten blühn,
da ihr den berühmten Herrn fälltet dahin!«
Da sprach Gudrun, Giukis Kind:
»Viel sprichst du, was schrecklich rinnt;
alle Schande treffe Gunnar, des Mörders Hand!
Aus hassvollem Herzen kommt Rache im Land!«
Der Abend schwand, man trank sich satt,
man sprach viel weiche Worte im Blatt,
und alle legten sich schlafen zur Nacht;
nur Gunnar lag wach in finsterer Pracht.
Er bewegte die Füße, sprach zu sich im Sinn,
der Verwüster der Männer, und sann darin,
was auf dem Baume die beiden wohl sprachen,
der Rabe und der Adler, beim Heimwegmachen.
Doch Brynhild erwachte, Budlis Kind,
die Maid der Schildleute, geschwind:
»Drückt vorwärts oder zurück – nun ist jedes Leid vollbracht!
Soll ich klagen den Schmerz oder schweigen zur Nacht?«
Alle schwiegen nach ihrem Wort,
keiner kannte den Sinn an dem Ort,
warum sie weinen musste vor Schmerz,
da sie lachend einst bat um den Tod im Herz.
Brynhild sprach:
»In Träumen, Gunnar, fielen grimmige Dinge ein,
tötend-kalt war die Halle, mein Bett im kalten Schein;
und du, Herr, rittest gefesselt auf der Bahn,
geraubt aller Wonne, im Feindesbann!
So werdet ihr alle, ihr Niblungen im Kreis,
bald vernichtet sein, ihr Eidbrüche mit Fleiß!
Gedenkst du nicht, Gunnar, wie das einst geschah,
als ihr fließen ließet das Blut so nah
in derselben Spur? Mit bösem Lohn
hast du vergolten den Drang und Hohn
seines Herzens, das stets der Erste sein wollt'!
Wie damals ward gesehn im goldnen Sold,
als er ritt zu meiner Werbung im Hain,
der König aller Treue und Schein,
wie der Heerverderber hielt das Gelübde rein,
das er geschworen dem jungen König vor der Zeit!
Denn für seine Wund-Stange, ganz mit Gold verziert,
hat der geliebte König zwischen uns platziert
das bloße Schwert; außen war die Schneide
mit Feuer geschmiedet in wilder Eide,
doch im Innern mit Giftstropfen tief gefärbt.«
So erzählt dieses Lied vom Tode des Sigurd,
und schildert, wie sie ihn erschlugen vor der Tür;
doch einige sagen, im Haus sei es geschehen,
schlafend im Bett, als sie ihn gesehn.
Das deutsche Volk aber spricht im Verein,
sie erschlugen ihn draußen im finsteren Hain;
und so kündet das alte Lied von Gudrun,
dass Sigurd und Giukis Söhne ritten zum Thing nun,
als er erschlagen ward. Doch alle im Bund
sagen einstimmig, sie brachen den Bund
und fielen ihn an, unbewaffnet und blind.
Das zweite oder alte Gudrunlied
König Thiodrek saß in Atlis Haus
und hatte verloren den Großteil der Seinen daraus;
so klagten Thiodrek und Gudrun einander ihr Leid,
und sie sprach und hob an zur Zeit:
»Eine Maid unter Mägden erzog mich die Mutter
hell in der Bower, wo der Honig sich tutter;
ich liebte die Brüder mit ganzem Sinn,
bis Giuki mich schmückte mit Gold darin,
mit Gold mich schmückte im hellen Schein,
und gab mich Sigurd zum Weibe mein.
Solch war mein Sigurd bei Giukis Söhnen fein
wie der grüne Lauch über dem niederen Gras im Schein,
oder ein hochbeiniger Hirsch im Hain
vor jagendem Wild, oder rotes Gold im Schrein
hoch über dem silbernen Grauen!
Bis sie es mir neideten und raubten,
jene Brüder, das Glück, ihn zu haben,
der der Erste war unter allen Knaben;
sie konnten nicht schlafen, nicht raten im Kreis,
ehe sie Sigurd erschlugen mit Fleiß!
Grani rannte zum Thing im lauten Schall,
es dröhnte der Hufschlag überall,
doch Sigurd selbst kam nimmer dorthin;
die gesattelten Rosse liefen blutig darin,
matt vom Wege, unter Mördern verjagt.
Da ging ich weinend, mit Tränen geklagt,
zu Grani und fragte, was ihm geschehn;
doch Grani senkte das Haupt im Wehn,
legte die Schnauze tief in das Gras,
denn das treue Ross wusste, was Mord vergaß.
Lange wanderte ich, mein Sinn schwankte schwer,
eh ich die Könige fragen konnt' umher.
Da senkte Gunnar den Kopf im Saal,
und Hogni erzählte von dem Mord und Qual
meines Sigurd: ›Draussen am Wasser fern
liegt erschlagen, zu fressen dem ern
des Wolfes, der Mörder von Guttorm im Hain!
Geh, schau nach Sigurd im südlichen Schein,
dort wirst du hören die Adler schrein,
die Raben krächzen nach Aas im Gras,
und den heulenden Wolf über deinem Mann im Schas!‹
– ›Wie konntest du, Hogni, mir das künden so schwer,
mich leer zu machen von Freude und Ehr?
Dein elendes Herz mögen Raben zerreisen
weit in der Welt, auf all ihren Gleisen!‹
Hogni hatte darauf nur ein Wort im Bund,
abgefallen von hohem Sinn zur Stund:
›Mehr Weinen noch, Gudrun, wartet dein,
sollten Raben mein Herz zerreissen im Schein!‹
Dahin wandte ich mich von dem Streit im Saal,
zu lesen, was übrig vom Wolf im Tal;
keinen Seufzer tat ich, kein Händeringen,
keine Klage rief ich im finsteren Ring,
wie andere Frauen am Grabe tun,
als ich saß über meinem Sigurd nun.
Nacht schien es mir und mondlose Pracht,
als ich saß in Trauer die ganze Nacht;
besser als alles schien es mir fein,
wenn sie mich ließen ins Feuer rein,
oder brennten mich wie das Birkenholz.
Vom Fels wanderte ich fünf Tage stolz,
bis die hohe Halle von Half sich fand;
sieben Winter saß ich bei Thora im Land,
der Tochter Hacons, in Dänemark rein.
Um mein Herz zu erfreuen im Sonnenschein,
webte sie mit Gold südliche Hallen fein
und Schwäne der Dänen am Webstuhl im Schein;
dort malten wir spielende Helden im Bild,
mit kunstvollen Händen, vom Ruhm erfüllt.
Rote Schilde wir machten, doughtige Huns,
gesperrte Heere, helmbewehrte Jungs,
und Sigmunds Schiffe mit goldnem Bug,
die schnell dahinsegelten im Flug.
Wir brodierten auf Tuch die Schlachten im Hain,
Siggeir und Siggar, im Süden zu Feyn.
Da hörte Grimhild, die Königin stolz,
wie ich saß im Kummer im fremden Holz;
sie warf das Webstück fort aus der Hand,
rief ihre Söhne herbei im Land,
und frug sie eifrig und bitterlich,
wer den Schaden sühne für sie und mich,
wer für den erschlagenen Herrscher im Hain
das Wergeld zahlt und den Frieden rein.
Gunnar war bereit, Gold zu streun im Bund,
und Hogni folgte ihm allzustund;
dann frug sie, wer reiten wollte das Feld,
das Ross zu satteln für die Heldenwelt,
den Habicht fliegen und Pfeile schießen im Reigen.
König Valdarr kam mit Jarisleif im Eigen,
Eymod der dritte folgte im Schritt,
und Jarizskar zog mit den Langobarden mit;
rote Mäntel trugen sie, Byrnyen kurz geschoren,
starke Helme, Schwerter am Gurt verloren,
und rotes Haar im Winde wehnd.
Ein jeder bot mir Gaben gesegnet und schänd,
Worte voll Trost für mein schweres Herz,
wenn sie mich heilen könnten vom Schmerz –
doch ich traute keinem in meinem Sinn.
Da brachte Grimhild mir einen Becher hin,
kalt und bitter, um Schmerz zu stillen;
gemischt war der Trank nach dunklem Willen
mit Erdenkraft und See-Welle rein,
und dem Blut von Son in des Bechers Schein.
Auf dieses Horns Rand waren Zeichen geschnitten,
rot gefärbt, schwer zu enträtseln mitten:
des Hadding-Landes langer Fisch im Hain,
unaufgehörter Weizen und der wilden Tiere Pein.«
In diesem Trank war manches Übel vermischt,
des Waldes Blut und braune Eichel gelöscht;
der schwarze Tau der Feuerstätte fein,
der toten Bestien Innereien im Schein
und die gesottene Leber vom Schwein,
um den Schmerz zu stillen, der den Toten ein.
Da schwand meine Erinnerung, tief und schwer,
als dieser Trank war im Magen mir leer,
an meinen Herrn in der Halle dort,
durch das Eisen niedergestreckt an dem Ort.
Drei Könige traten vor meine Knie,
eh sie selbst zu sprechen begannen mit mir sie:
»Ich will dir geben, Gudrun, Gold zum Geleit,
all den großen Reichtum in Ewigkeit
deines geschiedenen Vaters im Land,
Ringe aus rotem Gold mit starker Hand,
die große Halle von Lodver fein
und all die Teppiche im Sonnenschein.
Mägde der Hunnen sollen Webebilder mühn
und feine Arbeit in Gold vollziehn,
bis du dich selber erfreut wirst sehn.
Herrschen sollst du allein im Budli-Geh'n,
gemacht voll Gold in des Bruders Hand,
und gegeben an Atli im fernen Land.«
»Niemals will ich zu einem Gatten gehn,
oder den Bruder der Braut ansehen;
es ziemt mir nicht mit des Budli Kind
Nachkommen zu zeugen im frischen Wind,
oder zu leben in Freude und Glück.«
»Nein, die Hohen sollst du nicht meiden im Stück,
denn bedenke, ich war die Erste im Streit!
Deinem Herzen wird sein in der Zeit,
als lebten sie beide in Freud und Glanz,
Sigurd und Sigmund, wenn Söhne du gebärst ganz.«
»Niemals kann ich, Grimhild, nach Freude streben,
noch hoffen auf Krieger in meinem Leben,
seit Wolf und Rabe Freunde waren im Bund,
die gierigen, grausamen, zu Sigurds Stund!«
»Unter allen Männern im Erdenrund
fandt ich diesen König am edelsten im Grund;
ihn sollst du haben bis zum Alter im Grau –
oder bleibe für immer eine ledige Frau!«
»Nein, nein, heiße mich nicht mit Worten so schwer,
zu nehmen dies unselige Geschlecht ohn Ehr;
dieser König wird Gunnar dem Tode übergeben
und Hogni das Herz aus der Brust vertreiben!
Und ich will mein Leben nicht lassen geschhn,
ehe ich selbst mit der Hand lass gehn
den eifrigen Herrn im Schwerterstreit!«
Grimhild weinend das Wort nun nahm,
als sie den kommenden Jammer vernahm,
der ihren geliebten Söhnen drohte im Land:
»Ich will dir geben mit reicher Hand
große Länder und Männer dazu,
Wineberg und Valberg, zur ewigen Ruh!«
»Dann muss ich ihn nehmen aus Königs Schar,
wider mein Herz, von der Kinde Schar;
doch keine Freude erwarte ich von dem Herrn –
kaum wird der Brüder Mörder mein Schild sein fern!«
Bald sah man die Krieger im Sattel reiten,
die gallischen Frauen in Wagen geleiten;
sieben Tage lang ritten wir durch kaltes Land,
und weitere sieben durch Wellen am Strand;
mit den nächsten sieben kamen wir ans trockene Land.
Dort öffneten die Wächter der Burg weit und breit
die Riegel, ehe wir ritten herein zur Zeit...
Atli weckte mich, als mir schien im Sinn,
dass ich voll Gram für die Toten war drin.
»So weckten mich die Nornen zur Stunde fein« –
er wollte das dunkle Gesicht verstehn:
»Mir deuchte, Gudrun, Giukis Kind,
dass du mir in das Herz stachst ein Schwert geschwind.«
»Für Feuer halte ich das eiserne Bild,
für Stolz und Lüge den Zorn so wild
von edlen Frauen; vielleicht verbrenn ich dich bald
zu deinem Trost, obschon du mir missfällst.«
»Im schönen Hof schienen Bäume zu fallen,
ganz so wie ich es wollte von allen;
entwurzelt waren sie, mit Blut bekleckert,
auf die Bänke getragen, wo man zittert.
Mir schien, aus meiner Hand flogen Falken aus,
ohn Speise und Fleisch in das finstere Haus;
ihre Herzen vermischt mit Honig schienen schwer,
voll Blut und Schmerz aß ich sie im Heer.
Zwei Junghunde ließ ich aus meiner Hand,
freudlos waren beide, voll Jammer im Land;
ihr Fleisch ward zu Aas in der Nacht,
worauf ich essen musste, mit schwerer Macht!«
Ȇber der Fischer Beute wird man das Urteil fryn,
von dem hellen Fisch wird man die Köpfe befrein;
in wenigen Nächten, dem Tode geweiht,
werden sie essen von diesem Trunk zur Zeit.«
»Niemals seitdem legte ich mich nieder zur Ruh,
niemals schlief ich im Bett dazu;
das Werk muss ich tun mit hartem Sinn!«
Gudrun, Giukis Kind, rächte ihre Brüder weithin bekannt;
zuerst erschlug sie Atlis Söhne von Hand,
dann Atli selbst in finsterer Nacht,
und verbrannte die Halle darnach mit Macht,
samt allem Gesinde im hellen Schein:
und über diese Taten stimmt man dieses Lied ein:
In Tagen vergangener Zeiten
schickte Atli zu Gunnar mit Ritten
einen listigen Boten, Knefrud sein Name;
er kam zu Giukis Hof und zum Stamme,
in die Halle Gunnars, wo die Bänke prangten,
und die fröhlichen Gäste beim Weine verlangten.
Dort tranken die Großen in des Listigen Schweigen,
tranken Wein in der Halle im reigen;
denn sie fürchteten den Zorn der Hunnen,
als Knefrud rief mit kalten Stummen,
sitzend auf dem Hochsitz, der Südland-Mann:
»Atli hat mich gesandt auf der Bahn,
reitend in Eile auf den Rossen im Hain,
durch dunkle Wege, unberührt und rein,
zu dir, König Gunnar, zu rufen geschwind
auf seine Bank, wo die Helme geschmückt sind,
in das Haus des Königs Atli im Land.
Schild sollst du haben mit starker Hand,
und eschene Speere, Helme rot vom Gold,
und Hunnenheere im bunten Sold;
silbervergoldetes Sattelgeschirr,
blutrote Hemden im wilden Klirr,
die Wehr der Kriegsfrauen und Rosse im Zaum.
Und er spricht, er gibt dir den Gnitaheath-Raum,
weithin erstreckt, und pfeifende Speere,
vergoldete Prove und reiche Ehre,
Macht und Schätze von Danpis Hain
und jenen edlen Wald, den man Murkwood nennt fein!«
Da wandte Gunnar den Kopf zur Stund
und sprach zu Hogni aus edlem Bund:
»Was rätst du mir, Hoher, da wir solches vernehmen?
Kein Gold kenn ich auf dem Gnitaheath-Gehms,
das wir nicht selbst in gleichem Maß besitzend sehn!
Sieben Hallen haben wir, voll von Schwertern fein,
ein jedes hat einen goldenen Griff im Schein;
mein Ross ist das beste, mein Schwert das schärfste im Land,
schön ist mein Bogen, die Byrny glänzt in der Wand;
hellster Helm, hellster Schild, von Kiars Hof gebracht –
alles hab ich besser als die Hunnen in der Macht!«
Hogni sprach:
»Welchen Sinn hat unsere Schwester fein,
dass sie uns sandte einen Ring im wolfsgewandten Schein?
Mahnt sie uns nicht, wachsam zu sein?
Denn ein Wolfshaar fand ich um den Ring gewebt,
ein von Wölfen besetzter Weg uns schwebt,
wenn wir reiten auf diese Fahrt im Land!«
Keine Söhne ermahnten Gunnar, kein Verwandter im Bund,
keine Gelehrten oder Weisen zur Stund;
da sprach Gunnar, wie ein König spricht,
herrlich in der Meadhalle, mit starkem Gesicht:
»Steh auf nun, Fiornir, reiche hinab
an den Bänken die Goldbecher zum Grab,
dass die Becher kreisen in der guten Männer Hand!
Wohl wollen wir trinken den Wein im Land,
die Labung des Herzens, so süß und fein,
ob dies das letzte Fest in unserm Hause soll sein!
Denn Wölfe werden walten über den Reichtum der Niblungs Macht,
mit den Hütern des Pinienwaldes vergeht Gunnar in der Nacht;
und die schwarzfelligen Bären mit heftigem Zahn
beißen zur Lust der Hunde sodann,
wenn Gunnar nicht wiederkehrt auf seine Bahn!«
Da führten die Tapferen, des Schandens bar,
laut weinend den großen König fürwahr
aus dem heimatlichen Hof; und rief der junge Sohn
von Hogni dem König mit hellem Ton:
»Reist glücklich, ihr Herren, wohin das Herz euch führt!«
Da ließen die Helden die Rosse springen,
schnell über die Felsen und Gründe dringen,
durchwanderten den unbekannten Murkwood im Hain;
der ganze Hunnenwald erbebte beim Reihn,
als die Starken zogen durch grüne Flur
auf scheuen Rossen ohne Zügelspur.
Da sahen sie Atlis Land im Schein,
große, starke Türme und Burgen rein,
und die kühnen Männer von Bikki im Kreis
oben auf der Burg mit stolzem Fleiß;
der Südland-Leute Halle voll Bänken prangt,
mit festen Schilden und hellen Schildern umdringt und verlangt.
Dort trank Atli, der finstere Hunnenkönig im Saal,
Wein in seiner Halle beim heiteren Mahl;
draußen standen die Wächter auf der Wacht,
Gunnars Leute zu hüten in finsterer Nacht,
dass sie nicht kämen mit pfeifendem Speer,
zu wecken den Krieg gegen den König im Heer.
Doch als sie die Halle erreichten im Bund,
kam ihre Schwester entgegen zur Stund,
beide Brüder traf sie mit bittrem Sinn,
von Bier wenig erfreut im Herzen drin:
»Verraten bist du, Gunnar! Was tust du, großer Held,
dass du Krieg bringst in der Hunnen Feld?
Reih dich schnell fort aus der Halle im Land!
Besser wär es, Bruder, du hättest die Byrny an der Wand,
als mit geschmücktem Helm zu sehn
Atlis großes Haus und den Weg zu gehn:
dann hättest du im Sattel gesessen durch Sonnentage rein,
um den Kampf zu wecken und die Felder rot zu spein!
Über das Volk, das das Schicksal bleich macht,
hätten der Nornen Tränen weinen mit Macht,
die Schildmaid der Hunnen hätt' Trauer gekannt,
und König Atli selbst wär zum Wurmgarten gebannt;
doch nun ist der Wurmgarten aufgehoben allein
nur für dich im finsteren Schein!«
Da sprach Gunnar, groß unter den Leuten im Saal:
»Allzu spät, Schwester, rufst du die Niblunge zum Mahl;
ein langer Weg ist es, Hilfe zu flehn
von den Bergen des Rheins für das Kriegergeschehn!«
Sieben schlug Hogni nieder im Streit
mit dem scharfgeschliffenen Schwert zur Zeit,
und den achten warf er mitten in das Feuer hinein.
So soll stets ein berühmter Held kämpfen fein
gegen die Feinde mit starker Hand,
wie Hogni kämpfte für Gunnars Stand.
Doch sie fielen über Gunnar her,
legten ihn in Fesseln schwer,
fesselten den Freund der Burgunden fest;
dann fragten die Krieger, ob er das Leben lässt,
ob er das Leben kauft mit Gold im Hain,
der König der Goten im finstern Schein.
Edel sprach Gunnar, der Niblungen Herr:
»Hognis blutendes Herz soll mir liegen quer
zuerst in der Hand, geschnitten aus der Brust
des kühn reitenden Herrn mit scharfer Lust,
mit dem bitter scharfen Messer aus Königs Hand!«
Mit List wollten sie den Großen betrügen fein,
griffen den wehklagenden Knecht im Schein,
schnitten das Herz aus Hjalli heraus,
legten es blutend auf den Teller ins Haus,
und trugen es Gunnar zum Blick im Raum:
»Hier habe ich das Herz von Hjalli dem Knaben,
wenig gleicht es dem Herzen des wackern Schwaben,
so sehr es zitterte auf der Schale im Licht,
noch um die Hälfte mehr zitterte es in der Brust im Gesicht!«
Da lachte Hogni, als man ihm das Herz durchschnitt,
dem Scheitel-Schmied, der vor Schmerz nicht bricht;
den harten Gedanken-Kern nahmen sie dem König fein,
legten ihn blutend auf den Teller im Schein,
und trugen es Gunnar zum Blick in den Saal:
»Hier habe ich das Herz von Hogni dem Starken,
wenig gleicht es Hjallis Zittern und Karken;
wie wenig es zittert auf dieser Schale hier,
noch viel weniger zitterte es in der Brusteier!«
»So fern magst du bleiben den Augen der Leut, Atli, du Zier,
wie du bleiben sollst von jenem Schatztier!
Schau hin: in meinem Herzen ist für immer versteckt
der Schatz der Niblungen, da Hogni gestorben im Feld.
Zwei Wege trieben mich, da wir beide noch lebten im Kreis,
doch nun ist alles vorbei, da ich lebe ganz allein mit Fleiß!«
»Der große Rhein wird walten
über den hassweckenden Schatz,
über das Gold der Niblungen,
den Samen der Götter im Platz;
im wallenden Wasser soll dieser Reichtum glänzen,
oder er strahle an den Händen der Hunnen in den Grenzen!«
Da rief Atli, der König des Hunnenvolkes fein:
»Treibt eure Wagen vorwärts, der Sklave ist gebunden dein!«
Und sogleich zogen die zaudernden Rosse
den Hortwächter, den Kriegsgott, zum Tode ohne Grosse.
Atli, der große König, ritt auf Glaum im Hain,
mit Schilden umringt und den scharfen Dornen der Reihn;
Gudrun, durch Ehre gebunden an diese,
die der Sieg zu Göttern machte im Wiese,
hielt die Tränen zurück in der Brust,
als sie rannte in die Halle mit finstrer Lust.
»So ergehe es dir, Atli, nach all deinen Eiden geschworen,
die du oft brachst gegenüber Gunnar, verloren;
ja, den Eiden der alten Zeit,
durch die nach Süden neigende Sonnenschaft und Neid,
durch die hohe Burg von Sigry fein,
durch das edle Ruhebett und den roten Ring von Ull!«
Nun warf eine Schar von Männern den hohen König im Kreis
lebendig in einen engen Schlangenkasten mit Fleiß,
überkrochen von höchst garstigen Würmern im Grau,
voll von allem Gift, das gräbt in die Brust genau.
Zornmütig schlug er die Harfe mit der Hand,
Gunnar lag dort allein im Land;
und laut erklangen die Saiten im Raum –
so sollte stets der harte Ringspender im Baum
das Gold fernhalten von aller Leute Blick
im Hof seines Feindes, Stück für Stück.
Dann wollte Atli reiten durch sein weites Land,
auf seinem bronzenbeschlagenen Ross mit starker Hand,
zurück von dem Mord. Lärm war im Hofe dort,
ganz gedrängt mit den Pferden an dem Ort;
hoch erhob sich das Waffengesangslied im Schein
von den Männern, die kamen von der Heide heim.
Heraus ging Gudrun, Atli empfangend auf der Bahn,
mit einem vergoldeten Becher im Arm sodann,
zu grüßen den Herrscher des Landes im Haus:
»Komm und nimm ihn, König im Saal mit Braus,
aus Gudruns Händen, denn die Höllenfahrer stöhnen nicht zum Graus!«
Es klangen die Becher von Atli im Kreis,
weinbeladen auf der Bank mit Fleiß,
als sie versammelt in der Halle saßen,
die Hunnen zu reden nicht vergaßen;
und die langbärtigen, eifrigen Männer traten ein,
frisch aus der finstern Höhle beim Wein,
vom Morde Gunnars heimgekehrt im Schein.
Da beeilte sich die sanftgesichtige Zier
der Schildleute in der Hallenzier,
den Wein zu bringen den Männern im Raum;
die schreckliche Frau reichte dorthin den Gaum
und Speisen dazu den vom Schicksal blassen Herren,
und sprach ein seltsames Wort zu Atli fern:
»Die Herzen deiner Söhne hast du verzehrt, Schwertverhandler fein,
ganz blutig vom Tode und getränkt mit Honig im Schein;
in schwerster Stimmung brüte über dem Menschenfleisch im Saal!
Trinke reiche Tränge dazu beim Mahl,
und schicke es hinab über die hohen Bänke zum Tal!
Niemals rufst du von nun an zu deinem Knie
den feinen Erp oder feinen Eiril, sieh! –
hellgesichtigt vom Trank im hellen Raum;
niemals siehst du sie wieder im Sitz im Baum,
wie sie das Gold streuen, die Speere scharen,
die Mähnen kämmen und die Rosse fahren!«
Lärm erhob sich von den Bänken im Saal,
schrecklicher Männergesang überall,
Geräusch inmitten der schönen Behänge fein,
als alle Kinder der Hunnen weinten im Schein;
alle außer Gudrun, die niemals weinte im Schmerz,
für ihre bärenharten Brüder im Herz,
für ihre süßen und hellen Söhne im Land,
die jungen, einfachen, mit Atli einst bekannt.
Den Samen des Goldes säte die schwanenhelle Maid,
ringe aus rotem Gold gab sie den Knechten zur Zeit;
das Schicksal ließ sie wachsen, das helle Gold fließen frei,
in nichts sparte jene Frau der Vorratskammern Reih.
Atli war ahnungslos müde vom Trank im Hain;
keine Waffe hatte er, kein Abarbeiten von Gudrun fein –
ach, besser wäre das Mitleid gewesen dort,
als sie sich einst umarmten an dem Ort
vor den großen Herren in sanftem Sinn!
Zum Bette mit der Schwertspitze gab sie zu trinken Blut
mit einer Hand, die nach Rode steht gut,
und sie ließ die Hunde los im Saal;
dann warf sie brennende Fette ins Tal,
wachte die Knechte auf mit feuriger Macht,
und rächte ihre Brüder in der Nacht!
Dem Feuer gab sie alles, was da zu finden war,
es fielen die alten Balken für und für,
es rauchten alle Schatzkammern im Land;
dort verbrannten die Schildmäden in der Brand,
ihre Lebensspanne ward zu Nichts gemacht;
im wilden Feuer versank der Budlungs Sitz mit Macht!
Weit erzählt ist dies – niemals seitdem auf der Welt
fuhr so eine Braut in Byrny aufs Feld,
um ihre Brüder zu rächen mit schwerer Hand;
denn siehe, diese feine Frau brachte dreien Königen im Land
den sicheren Tod, ehe sie selber starb in der Wand!
Gudrun ging hinab ans Meer, da sie Atli erschlagen fein,
und warf sich hinein, um zu enden ihr Sein;
doch nimmer vermochte sie unterzugehn.
Sie trieb über die Fjorde zu König Jonakrs Höh'n;
er vermählte sich mit ihr, und ihre Söhne im Kreis
waren Sorli, Erp und Hamdir mit Fleiß.
Auch Swanhild, Sigurds Tochter, ward dort genährt,
und Jormunrek dem Mächtigen als Braut verehrt.
Doch Bikki, ein Mann von ihm, gab dem Königssohn Randver den Rat,
dass er sie nehme zur Frau in der Tat;
und mit diesem Rat waren die Jungen wohlzufrieden.
Da erzählte Bikki dem König, der Randver ließ hängen im Grieben,
und befahl, dass Swanhild von Pferden getreten sei
in den Staub und Schlamm der Reih.
Als Gudrun das vernahm im Schmerz,
sprach sie zu ihren Söhnen aus brennendem Herz:
»Worte des Streits hör ich, größer als alle,
woelvolle Worte, entsprungen der Halle,
als die grimmige Gudrun mit härtestem Wort
ihre Söhne hetzte zum Morde fort:
Warum sitzt ihr hier und schlaft das Leben dahin?
Warum schmerzt es euch nicht mit treusinnigem Sinn,
glückliche Worte zu sprechen im Haus,
jetzt, da eure Schwester – jung war sie noch ein Graus! –
von Jormunrek ward getreten im Feld
durch das Trampeln der Pferde, die die Welt sich bestellt?
Schwarze Pferde und weiße im Weg der Krieger fein,
graue Pferde, die der Goten Straßen schrein!
Wenig seid ihr geworden dem Gunnar von einst!
Nichts ist euer Herz wie das Herz von Hogni, wie du weinst!
Wohl würdet ihr Rache suchen mit Macht,
wär euer Sinn wie der Sinn meiner Brüder bedacht,
oder wie die kühnen Herzen im Kreis
der Könige der Hunnen mit edlem Fleiß!«
Da sprach Hamdir, der Hochherzige im Saal:
»Wenig lobtest du Hognis Taten beim Mahl,
als Sigurd erwachte aus seinem Schlaf,
und das blau-weiße Bettzeug im Hain erwarf
mit dem Blute deines Mannes, blutig und schwer!
Zu unheilvoll war die Rache, die du dir gabst im Heer
für deine Brüder, als du erschlugst deine Söhne im Land –
sonst hätten wir alle vereint mit starker Hand
an Jormunrek Rache vollbracht zur Stund
für unsere Schwester auf diesem Grund!
Kommt, bringt schnell her das helle Gewand der Hunnen im Hain,
da du uns getrieben zum Schwert-Thing hinein!«
Lachend ging Gudrun zum Kammergut fein,
holte die Helme der Könige aus den Kisten im Schein,
und weite Byrnyen trug sie zu den Söhnen im Land;
dann luden die Helden die Last auf die Rosse gewandt.
Da sprach Hamdir, der Hochherzige im Kreis:
»Niemals kommt die Mutter zurück mit Fleiß,
den niedergestreckten Speergott zu sehn
im Lande der Goten den Weg zu gehn.
Das eine Leichenmahl magst du trinken für uns all,
für die Schwester Swanhild und uns im Saal!«
Da klagte Gudrun, Giukis Kind;
voller Kummer ging sie in den Vorhof geschwind,
dass sie mit tränenumflogenem Gesicht
ihre müde Klage spreche im Licht:
»Drei Feuer kannte ich, drei Herde im Haus,
zu dreier Ehemänner Hallen trug man mich aus;
und besser als alle war Sigurd allein,
den meine Brüder brachten in den Tod hinein.
Solchen Schmerz, dachte ich, gäbe es nimmer im Land,
doch es blieb noch mehr für mein Leiden genannt,
als die Großen mich gaben an Atli im Kreis.
Meine hellen, glänzenden Knaben rief ich zum Fleiß,
noch konnt ich kein Wergeld gewinnen für meine Pein,
ehe ich der Niblungen Köpfe hieb ab im Schein.
Zum Meeresstrand ging ich, den Nornen zornig im Sinn,
denn ich wollte von mir stoßen den Sturm darin;
doch die hohen Wellen wollten mich nicht ertränken fein,
sondern trugen mich an Land, um länger zu sein!
Dann ging ich zu Bett – ach, besser in alten Tagen! –
das war das dritte Mal zu des Volkes Wagen;
Nachkommen gebar ich, Stützen des Hauses fein,
Jonakrs edle Söhne im Sonnenschein.
Doch um Swanhild saßen die Mägde im Kreis,
sie, die von allen mein Herz liebte mit Fleiß;
solche war meine Swanhild in der Halle Mitten,
wie ein Sonnenstrahl, der uns angeschritten.
In Gold kleidete ich sie und in Kleider fein,
ehe ich sie gab an der Goten Reihn;
das war das härteste aller meiner Leiden im Land,
als das helle Haar – o das helle Haar von Swanhild gewandt! –
im Schlamm getreten ward durch der Pferde Huf und Brand.
Das war das schwerste, als mein Sigurd, mein Held,
geraubt seiner Herrlichkeit im Bette verfällt;
doch dies das grimmigste, als glitzernde Würmer im Hain
fressend drangen durch Gunnars Herz hinein.
Doch dies das schärfste, als man schnitt in den Kern
des furchtlosen Hognis mit eisernem Stern.
An viel Unheil erinnre ich mich im Kreis,
an manchen Kummer denk ich mit Fleiß;
warum soll ich sitzen und abwarten mehr
von Unheil und Schmerz im dunklen Heer?
Dein kohlrabenschwarzes Pferd, o Sigurd, zaum ein,
das schnelle auf der Straße im Sonnenschein!
O lass es herbeieilen mit raschem Fuß!
Hier sitzt kein Sohn mehr und keine Tochter zum Gruß,
keine guten Gaben mehr zu schenken Gudrun zum Schuss!
Erinnerst du dich nicht, Sigurd, der Rede im Bund,
als wir auf einem Bette saßen zur Stund,
o mein großer König – dass du zu mir kommst fein,
ja, selbst aus der Hölle Halle, ich zu dir in den Schein?
Türmt hoch, o Grafen, den eichenen Scheiterhaufen fein,
lasst ihn den höchsten von allen für die Königin sein!
Lasst das Feuer schnell brennen, mein Herz mit Weh schwer,
und schmelzt all mein Herz, das vor Kummer ist leer!«
Nun mögen alle Grafen gebessert sein im Sinn,
der Mädchen Kummer gemindert sein darin,
durch diese Geschichte von Schmerz und Pein,
die hier erzählend findet ihr Ende fein.
Große Taten des Leids
im Hof begannen,
beim traurigen Dämmern
der Elfen Sorge;
wenn der Tag wächst
und des Menschen Gram erwacht,
und des Jedes Einzelnen Schmerz
der frühe Tag anfacht.
Nicht jetzt, nicht jetzt,
noch gestern,
sondern vor langer Zeit
ist jener Tag verweht,
jene urälteste Zeit,
als Gudrun,
geboren von Giuki,
ihre Söhne hetzte
zur Rache für Swanhild.
»Dein Schwesterherz
hieß niemand anders als Swanhild,
die Jormunrek
mit Pferden hat zertreten lassen!
Weiße Pferde und schwarze
auf dem kriegsgeprüften Pfad,
graue Pferde, die da gehen
auf den Straßen der Goten.
Ganz allein steh ich nun
wie im Walde die Espe;
wie der Tanne von Zweigen,
so bin ich von Sippe bar;
so entblößt vom Ersehnten
wie die Weide von Blättern,
wenn der astbrechende Wind
den warmen Tag beendet.
Wenige, traurige seid ihr geblieben,
ihr Könige meines Volks!
Doch allein lebend,
die letzten Fetzen meiner Sippe!
Ach, nichts seid ihr geworden
wie jener Gunnar der alten Tage;
nichts sind eure Herzen
wie das Herz von Hogni!
Wohl würdet ihr Rache suchen,
die Taten vollbringen,
wenn eure Herzen in irgendwas
wären wie die Herzen meiner Brüder!«
Da sprach Hamdir,
der Hochherzige:
»Nichts hattest du zu rühmen
von Hognis Taten,
als sie Sigurd aufweckten
aus dem Schlummer,
und du auf dem Bette saßst
mitten im Lachen der Mörder.
Als dann dein Bettzeug,
blau-weiß, wohl gewoben
durch Kunst der Handwerker,
ganz schwamm im Blute deines Königs;
als Sigurd starb,
saßst du über seiner Leiche,
nicht achtend auf Freude,
weil Gunnar es so wollte.
Großen Kummer um Atli
schufst du durch Erps Ermordung,
und das Ende deines Eitil,
doch schlimmeren Kummer für dich selbst.
Gut ist es, das Schwert zu nutzen
zum Erschlagen anderer,
so dass dessen Schneide
sich nicht gegen uns selbst wendet!«
Da sprach Sorli wohl
aus einem Herzen voller Weisheit:
»Keine Worte werde ich
machen mit meiner Mutter,
obwohl ihr beide vielleicht
Worte braucht –
was forderst du, Gudrun,
dass du das Klagen lässst?
Weine um deine Brüder,
weine um deine süßen Söhne,
und deine nächsten Verwandten,
hingestreckt an der Kampfstatt!
Ja, und du, Gudrun,
magst um uns beide klagen,
wie wir fey auf den Rossen reiten,
verurteilt, in fernen Landen zu sterben.«
Vom Hof gingen sie fort
mit Herzen voller Zorn,
Sorli und Hamdir,
die Söhne Gudruns,
und sie trafen auf dem Weg
den in Ränken Weisen:
»Und du, kleiner Erp,
was für Hilfe kommt von dir?«
Er, aus anderem Schoß,
sprach also:
»Gute Hilfe für meine Sippe,
so wie Fuß dem Fuß gibt,
oder die fleischbedeckte Hand
der Hand gibt!«
»Was für Hilfe für den Fuß?
Jene Hilfe, die der Fuß gibt,
oder für die fleischbedeckte Hand
die Hilfe der Hand?«
Dann sprach Erp
noch einmal,
spottend sprach der Fürst,
als er auf seinem Rosse saß:
»Narrat, den Weg zu zeigen
einem Feigling!«
»Kühn über alle Maßen«,
sprachen sie, »ist der Ungebetene!«
Aus der Scheide
zogen sie den Scheidenspegel,
und der Klingen Schneiden spielten
zur Freude der Hölle;
um den dritten Teil verringerten sie
die Macht, die sie hatten,
ihren jungen Verwandten ließen sie liegen
erkaltet auf der Erde.
Dann schüttelten sie ihre Pelzmäntel
und banden fest ihre Schwerter,
in herrlich gewobenen Netzen
waren diese Großen gekleidet;
jung gingen sie über die Felsen,
wo der Tau frisch gefallen war,
schnell, auf Rossen der Hunnen,
schwere Rache zu nehmen.
Weit erstreckten sich die Wege,
und einen bösen Weg fanden sie,
ja, ihres Schwestersohns
hängend erschlagen am Baum –
Wolfsbäume vom Wind kalt gemacht
an der Westseite der Stadt,
laut mit dem Geschrei der Kraniche –
ein böses Verweilen dort lange!
Lärm in der Königshalle
von Männern, die fröhlich tranken,
und keiner konnte hören
das Traben der Pferde,
bevor die Wächter
ihr großes Horn bliesen.
Dann gingen Männer voran
zu Jormunrek,
um zu berichten von der Ankunft
der Männer unter Helm:
»Gebt guten Rat!
Große sind hierher gekommen,
wegen des Unrechts an mächtigen Männern
ist die Maid zu Tode getreten worden.«
Laut lachte Jormunrek,
und legte die Hand an den Bart,
bat nicht, seine Byrny zu bringen,
sondern mit dem Wein kämpfend,
schüttelte er seine roten Locken,
auf seinen weißen Schild starrte er,
und in seiner Hand
schwang er den Goldbecher hoch.
»Süßer Anblick für mich,
jene beiden zu erblicken,
Sorli und Hamdir,
hier in meiner Halle!
Dann mit Bogenleinen
möchte ich sie binden,
und die guten Giukinger hängen
oben am Galgen!«
Da sprach Hrothglod
von den hohen Stufen,
sprach die feingefingerte
zu ihrem Sohn –
denn eine Drohung ward ausgestoßen
von dem, was nie geschehen sollte:
»Sollen zwei Männer allein
zweihundert Goten
binden oder niederzwingen
mitten in ihrer Burg?«
Streit und Lärm in der Halle,
Becher zerschlagen,
Männer lagen nieder in Blut,
das aus den Brüsten der Goten floss.
Da sprach Hamdir,
der Hochherzige:
»Du verlangtest, o König,
nach dem Kommen unserer Eын,
den Söhnen einer Mutter,
mitten in deiner Halle –
schau auf diese Hände von dir,
schau auf diese Füße von dir,
hingeworfen von uns, Jormunrek,
ins Feuer hinein!«
Da rief laut
des hohen Gottes Verwandter,
kühn unter der Byrny –
er brüllte wie Bären brüllen:
»Steine auf die Starken,
die die Speere nicht beißen,
noch die Schneiden des Stahls,
diese Söhne Jonakrs!«
SORLI SPRACH:
»Unheil, Bruder, schufst du
durch jenes Beutels Öffnung,
oft aus jenem Beutel
kommt Rat des Unheils!
Herz hast du, Hamdir,
wenn du Herzensweisheit hättest –
großer Mangel bei einem Mann,
der Weisheit und Lehre entbehrt!«
HAMDIR SPRACH:
»Ja, ab wäre der Kopf,
wenn Erp noch am Leben wäre,
unser kühner Bruder,
den wir unterwegs erschlugen;
der Weithinberühmte durch die Welt –
ach, die Fahrt trieb mich an,
und der vom Kriege geheiligte Mann,
da musste ich ihn erschlagen!«
SORLI SPRACH:
»Unziemlich, dass wir tun
wie das Tun der Wölfe ist,
Unrecht erhebend einer gegen den andern
wie die Hunde der Nornen,
die Gierigen, genährt
in wüsten Stätten der Welt.
In starker Weise haben wir gekämpft,
auf Gotenleichen stehen wir,
niedergeschlagen von unsern Schneiden,
gerade wie Adler auf dem Zweig.
Groß Ruhm gewinnt unsere Macht,
sterben wir heute oder morgen –
kein Mann lebt bis zum Abend,
den die Fiktionen des Morgens verurteilen.«
Am Giebelende der Halle
fiel Sorli zur Erde,
aber Hamdir lag nieder
an der Rückseite der Häuser.
Nun wird dies das Älteste Lied von Hamdir genannt.
Es war ein König geheißen Heidrik,
und seine Tochter hieß Borgny,
und der Name ihres Geliebten war Vilmund.
Nun konnte sie keineswegs leichter werden
von einem Kind, mit dem sie schwanger ging,
bevor Oddrun, Atlis Schwester, zu ihr kam –
sie, die die Geliebte Gunnars, Giukis Sohnes, gewesen war.
Doch von ihrer Unterredung miteinander ist dies gesungen:
Ich habe sagen hören
in alten Geschichten,
wie eine Maid dorthin kam
ins Mornaland,
weil kein Mensch
auf Erden weilend
Heidriks Tochter
heilen konnte.
Das hörte alles Oddrun,
Atlis Schwester,
wie das Fräulein
schwere Krankheit hatte;
da führte sie aus dem Stall
ihr gezäumtes Ross,
und auf den Rappen
legte sie den Sattel.
Sie ließ ihr Pferd wandeln
über glatte Wege der Erde,
bis zu einer hocherbauten
Halle sie kam;
dann den Sattel nahm sie
von dem hungrigen Pferd,
und ihre Wege wandelte sie
hinein in die weite Halle,
und dieses Wort zuerst
sprach sie hervor:
»Was ist am berühmtesten
draußen in Hunland,
oder was mag
am fröhlichsten sein in Hunland?«
DIE MAGD SPRACH:
»Hier liegt Borgny,
niedergedrückt von Not,
deine liebe Freundin, o Oddrun,
sieh nach ihrer Hilfe!«
ODDRUN SPRACH:
»Wer von den Fürsten
hat ihr diesen Kummer auferlegt,
warum ist die Angst
von Borgny so müd?«
DIE MAGD SPRACH:
»Er heißt Vilmund,
Freund der Falkenträger,
er hüllte die Jungfrau
in das warme Bettzeug
fünf Winter lang
ohne des Vaters Wissen.«
Nicht mehr als das
sprachen sie, dünkt mich;
freundlich setzte sie sich
an die Knie der Jungfrau;
mächtig sang Oddrun,
scharf durchdringende Lieder
an Borgnys Seite:
Bis ein Mädchen und ein Junge
treten konnten auf die Wege der Welt,
frohe Kinder und süße
von Hognis Mörder;
da nahm die übermüdete Jungfrau
das Wort auf,
das erste Wort von allen,
das ihr entwandt war:
»So möge dir helfen
alles Helfende,
Fey und Freya
und alle edlen Götter,
wie du diese Qual
von mir gestoßen hast!«
ODDRUN SPRACH:
»Doch kein Herz hatte ich
zu deiner Hilfe,
da du niemals
hilfebedürftig warst – nein,
mein Wort hielt ich ein,
das einst gesprochen ward,
als die hohen Fürsten
das Erbe aufteilten,
dass jeder Seele
ich immer helfen würde.«
BORGNY SPRACH:
q»Ganz verrückt bist du, Oddrun,
und beraubt deiner Sinne,
da du harte Worte
zu mir sprichst,
deiner Gefährtin stets
auf der Erde,
als ob wir als zwei Brüder
wären geboren worden.«
ODDRUN SPRACH:
»Wohl erinnere ich mich noch,
was du an jenem Abend sprachst,
als ich frischen Trunk
für Gunnar herbeitrug;
so etwas, sagtest du,
sollte niemals geschehen,
für keine Maid
außer für mich allein.«
Daran erinnerte sich die Jungfrau
des müden Tages,
als die hohen Fürsten
das Erbe aufteilten,
und sie setzte sich hin,
die traurige Frau,
zu erzählen von der Not
und dem schweren Kummer.
»Genährt wurde ich
in der Halle der Könige –
die meisten Leute waren froh –
im Rat der Großen;
in hellem Leben lebte ich
und vom Reichtum meines Vaters
fünf Winter lang nur,
während er noch lebte.
Das waren die letzten Worte,
die er je sprach,
der müde König,
eh er von dannen ging;
denn er befahl den Leuten, mir zu geben
das rotglänzende Gold,
und mich in den Südlanden zu geben
dem Sohne Grimhilds.
Aber Brynhild befahl er
sich zur Helmstadt zu begeben,
und sprach, dass zur Todeswählerin
sie werden solle;
und dass keine Bessere
jemals geboren werden könnte
in die Welt,
wenn das Schicksal es nicht verdirbt.
Brynhild im Gemach
nähte an ihrer Stickerei,
Leute hatte sie
und schöne Länder um sich her;
die Erde schlief,
es schliefen die Himmel droben,
als Fafnirs-Bänderer
die Burg zuerst sah.
Dann ward Krieg geführt
mit dem walisischen Schwert,
und die Burg ganz gebrochen,
die Brynhild besaß;
es verging keine lange Zeit,
wie es sich wohl fügte,
bevor sie all jene Ränge und Listen
ganz gut kannte.
Hart und schrecklich
war die Rache, die sie anzog,
so dass wir alle
genug Kummer haben.
Durch alle Länder der Welt
soll diese Geschichte wandern,
wie sie sich den Tod gab
wegen des Todes von Sigurd.
Aber daneben verfiel ich in Liebe
zu Gunnar, dem Goldschpender,
und hätte ihn lieben sollen.
Ringe aus rotem Gold
wollten sie Atli geben,
wollten sie meinem Bruder geben,
gute und große Dinge.
Ja, fünfzehn Höfe
wollten sie für mich geben,
und die Last von Grani
als Geschenk zu haben;
aber da sprach Atli,
dass es sein Wille sei,
niemals ein Geschenk anzunehmen
von den Söhnen Giukis.
Aber wir konnten keineswegs
der Liebe widerstehen,
und meinen Kopf musste ich legen
auf meinen Geliebten, den Ringbrecher;
und viele gab es
unter meiner Sippe,
die sagten, sie
hätten uns zusammen gesehen.
Da sprach Atli,
dass ich gewiss niemals
in Verbrechen fallen würde
oder schändliche Torheit;
doch nun lasse sich niemand
für einen anderen
jene Schande absprechen,
wo die Liebe Handel treibt.
Denn Atli schickte
seine Knechte aus,
weit durch den dunklen Wald,
um Beweise von mir zu erlangen;
und dorthin kamen sie,
wo sie niemals hätten hinkommen sollen,
wo wir beide ein Bett
für uns bereitet hatten.
Jenen Männern hatten wir gegeben
Ringe aus rotem Gold,
nichts davon
Atli zu sagen,
doch eilig eilten sie
heim zum Haus,
und erzählten Atli
die ganze Geschichte.
Während sie es vor Gudrun
wohl verbargen,
obwohl es für sie um die Hälfte besser gewesen wäre,
es gewusst zu haben.
Lärm war zu hören
von den goldbeschlagenen Hufen,
als in den Hof ritten
die Söhne Giukis.
Dort schnitten sie Hogni
das Herz aus der Brust,
aber in den Schlangengarten
warfen sie den andern.
Dort strich der König, der weise Herze,
über seine Harfen saiten,
denn der mächtige König
hatte immer im Sinn,
dass ich bald zu seiner Hilfe
kommen würde.
Aber ich war damals weg
wieder einmal
zu Geirmund,
ein gutes Fest zu feiern;
doch ich vernahm,
sogar draußen von Hlesey,
wie von schwerem Kummer
die Harfensaiten sangen.
So befahl ich den Mägdern,
schnell bereit zu sein,
denn ich war entschlossen zu retten
das Leben des Königs,
und wir ließen unser Schiff
schwimmen über den Sund,
bis Atlis Wohnstatt
wir ganz klar sahen.
Da kam die Elende
herausgekrochen,
ja, Atlis Mutter,
mit all ihrem Kummer!
Ihr Stachel grub sich ein
ins Herz von Gunnar,
so dass keine Hilfe
für meinen Helden blieb.
O goldbekleidete Frau,
sehr oft wundre ich mich,
wie ich mein Leben
danach noch halte,
denn mich deuchte, ich liebte
jene Leuchte im Kampf,
den Schnellen mit dem Schwert,
wie mich selbst.
Du hast gesessen und gelauscht,
während ich dir erzählte
von manchem schlimmen Schicksal,
dem meinigen und dem ihrigen –
ein jeder Mensch lebt,
gerade wie er leben kann –
nun ist ergangen
der Gruß von Oddrun.