ADAM MICKIEWICZ – SONETTE

Deutsch von Torsten Schwanke



ERSTER TEIL

SONETTE VON DER KRIM


I. Steppen von Akkerman


Im trocknen Ozean der Steppe gleite

Der Wagen wie ein Kahn durch Wiesengründe;

Grünflut umspült die Räder, und im Münde

Des Abends schwimmt die Welt in Duft und Weite.


Kein Weg, kein Hügelmal in dieser Breite;

Ich suche Sterne, jene stillen Kunde,

Bis fern ein Schimmer flammt im Himmelsrunde —

Der Dnjestr glänzt, Akkermans Lampe leuchtet heute.


Halt ein… wie lautlos! Kranichzüge klingen,

Die selbst des Falken Auge nie erreichte;

Ein Schmetterling lässt Gras und Schatten schwingen.


Ein Schlangenleib streift Kräuter, kaum dass er sie streiche.

So horch’ ich, dass mir Heimatstimmen dringen —

Doch niemand ruft. Wir fahren. Nacht wird bleiche.



II. Meeresstille bei Tarkankut


Kaum rührt der Wind das Band am leichten Zelte,

Die Flut liegt lächelnd, wie in süßem Traume

Ein junges Mädchen, das im Rosensaume

Erwacht, um leis zu seufzen — dann sich stellte.


Die Segel, wie die Fahnen nach dem Feld,

Schlummern an nackten Masten; sanfte Räume

Wiegen das Schiff, als hielten Kettenbäume

Es fest, und jeder Matrose ruht der Welt.


O Meer! In deiner Tiefe schläft ein Wesen,

Ein Polyp, der nur erwacht, wenn Stürme drohen,

Und seine Arme hebt in dunklem Beben.


So ruht im Geist die Erinnerung, verschlossen, lohend,

Bis Frieden kommt — dann gräbt sie ihre Sporen

Ins Herz, das eben noch in Ruh’ geflossen.



III. Die Fahrt


Es rauscht gewaltig; dichter drängen Schatten

Des Meeres sich zu drohenden Gestalten.

Ein Matrose steigt, als wollt’ er Netze halten,

Unsichtbar, wie die Spinne in den Matten.


Wind! Wind! Das Schiff beginnt sich aufzuratten,

Reißt an den Zügeln, bäumt sich in Gewalten,

Stampft Wogen nieder, die sich türmend spalten,

Und schneidet Wolken mit den Mastenspitzen.


Mein Geist erhebt sich mit den Segelwinden,

Die Phantasie bläht sich wie weiße Bahnen;

Ein Ruf entflieht mir, wild wie Kindersinnen.


Ich fall’ ans Deck, die Arme ausgestrecket,

Als trieb mein Herz das Schiff in freien Bahnen —

So leicht, so kühn! Ich weiß, was’s heißt zu fliegen.



IV. Die Sturmnacht


Die Segel fortgerissen, Steuer zerbrochen,

Ein Heulen rings, ein Donnern ohne Ende;

Die letzten Taue glitten aus der Spende

Der Matrosenhände, die vor Angst verblichen.


Der Sturm triumphiert; auf nassen Wogenrochen

Steigt Tod empor, als stürmte er Gelände

Zerfallner Mauern, drängt sich an die Wände

Des Schiffs, das bebend knirscht in Nacht und Knochen.


Die einen liegen stumm, die andern flehen,

Ein dritter fällt dem Freund in letzte Arme,

Ein vierter ringt, die Hoffnung noch zu sehen.


Nur einer sitzt allein, in stiller Wärme

Des Denkens: Glücklich, wer im Sturm der Wehen

Noch beten kann — oder ein Herz zur Harme.



V. Bergblick von den Steppen Kozlows


Pilger

Dort! Hat Allah aus Eis ein Meer gegossen,

Ein Bollwerk, das die Sterne nicht durchdringen?

Hat er den Engeln Throne dort zu schwingen,

Aus Wolkenstahl und Winterlicht ergossen?


Welch Feuerschein! Ist’s Stambul, das erflossen

Im Brand? Hat Gott, wenn Nächte Schleier bringen,

Für Welten, die durch Räume wandernd singen,

Die Lampe dort an Himmels Rand geschlossen?


Mirza

Dort war ich: Winter wohnt in jenen Zinnen,

Ich sah der Bäche Schnäbel, die sich nährten

Aus seinem Schoß, und Schnee entwich den Sinnen.


Ich stieg, wo selbst die Adler kaum noch kehrten,

Bis über mir nur Sternenglanz verrinnen —

Das ist Czatyrdah, der Herr der weißen Härten.


Pilger

Ah!



VI. Baktschisarai


Noch groß, doch leer die Hallen der Girajen;

Die Baschas Stirnen fegten einst die Schwellen,

Nun kriechen Schlangen durch die toten Stellen,

Und Heuschreckschwärme springen über Steine.


Durch bunte Fenster dringt der Rank in Reihen,

Er wuchert über Wölbung, Wand und Zellen,

Nimmt Menschenwerk, um’s neu der Welt zu stellen,

Und schreibt: „Ruina“ — lautlos, ohne Schreien.


Inmitten steht ein Becken, weiß aus Marmor:

Der Brunnen des Harems, unversehrt geblieben,

Er weint noch Perlen, wie in alten Jahren.


„Wo seid ihr, Macht und Liebe, Glanz und Arbor?

Ihr solltet ewig sein — doch seid vertrieben.

Nur Wasser bleibt. Und ihr? Nur Klang in Scharen.“



VII. Baktschisarai bei Nacht


Die Frommen ziehn aus stillen Moscheen nieder,

Der Ruf des Muezzins verweht im Schweigen;

Die Abendröte will ihr Rot verneigen,

Der Mond sucht seine Braut in Silberliedern.


Im Harem des Himmels glühn die Sterne wieder,

Ein Wolkenschwan zieht träumend durch die Reigen,

Die Brust wie Schnee, die Ränder gold’ne Zweigen,

Und schwebt, als sänge er verborgne Lieder.


Hier fällt der Schatten von Zypresse, Minaretten,

Dort hocken Felsgestalten, schwarz wie Mahner,

Wie Eblis’ Diener in verfluchten Betten.


Von ihren Spitzen flammt zuweilen ferner

Ein Blitz, der wie ein Reiter durch die Ketten

Der Nacht jagt, schweigend, schneller als die Banner.



VIII. Das Grab der Potocka


Im Lenzesland, in Gärten voller Milde,

Verwelktest du, o junge Rosenblüte;

Die goldnen Schmetterstunden deiner Güte

Entschwebten dir und ließen dunkle Bilder.


In deinem Herzen nisteten die Erinnerungen, wilde

Insekten, die im Schmerz ihr Nest behüte;

Dort oben, wo nach Polen Sternenglühte

Sich häuft — ob dein Blick Spuren dort erfüllte?


Polin! Auch ich vollende einst in Klagen

Mein fernes Wandern; möge Freundeshand

Mir eine Handvoll Erde niedertragen.


Oft sprechen Pilger an deinem stillen Rand;

Dann wird mich Heimatklang ins Leben tragen,

Und ein Poet singt mir — wie dir — sein Heimatland.



IX. Die Gräber des Harems


Mirza zum Pilger

Hier nahm man unreife Trauben aus den Reben

Der Liebe, trug sie auf des Allmächtigen Tische;

Perlen des Ostens, die im Glücke frische

Dem Meer der Lust entstiegen — früh entheben


Die Särge sie der Welt, in Nacht zu leben.

Vergessenheit und Zeit sind ihre Nische;

Ein kalter Turban glänzt im Gartengewische,

Wie Schattenbanner, die im Winde beben.


O Rosen Edens! Unter Scham und Schweigen

Verblühten eure Tage, rein und helle,

Verborgen jedem fremden, kalten Zeigen.


Nun trifft euch doch des Fremdlings Blick zur Stelle…

Ich lasse’s zu — verzeih, o Prophet der Reigen! —

Er ist der Einz’ge, der euch sah und weinte schnelle.



X. Bajdary


Ich treibe mein Roß vorwärts, schlage Funken;

Wald, Fels und Tal verfließen wie Gestalten,

Die in des Baches Wirbeln sich entfalten —

Ich will mich in den Strudelbildern trunken.


Doch wenn das Tier, vom Rausch der Hast betrunken,

Nicht mehr gehorcht, und Farben sich entfalten

Zu Nacht, als wär’ die Welt in Glas gespalten,

Dann seh’ ich Schatten, die im Auge dunkeln.


Die Erde schläft — nur mir ist Schlaf entrissen.

Ich springe in des Meeres schwarze Räume;

Ein Wogenberg stürzt donnernd aus den Rissen.


Ich neige mich, als wollt’ ich seine Säume

Umarmen; Flut zerbirst an meinem Wissen —

Ich warte, bis die Gedanken sinken wie in Träume.



XI. Aluschta am Tag


Die Berge schütteln Morgendunst vom Leibe,

Ein goldner Acker rauscht im Frühgebete;

Der Wald verneigt sich, streut aus grünem Klete

Rubine, wie der Kalif sie fromm vertreibe.


Die Wiese blüht, und über ihr im Reibe

Schweben die Falter, bunt wie Regenbete,

Ein Baldachin aus Licht, der in die Höhe

Sich spannt, als wär’s des Himmels Edelweibe.


Wo nackte Felsen in die Wasser schauen,

Da kocht das Meer, und stürmt mit neuem Drängen;

In seinem Funkeln glimmt des Tigers Grauen.


Doch weiter draußen wiegen sich die Stränge

Der Wellen mild, und Schwäne, weiße Frauen,

Und Flotten baden sich in sanften Gängen.



XII. Aluschta bei Nacht


Die Winde kühlen, Tag und Dürre schwinden;

Auf Czatyrdahs gewalt’gen Schultern bricht

Der Sternenlampe Strahl, ergießt sein Licht

In Purpurfluten, die im Dunkel münden.


Die Berge schwärzen sich, in Tälern finden

Die Quellen murmelnd Schlaf im Blumenlicht;

Die Luft, ein Duftgebet, das leis’ berichtet,

Was Herzen hören, wenn sie Frieden finden.


Ich schlafe ein im Mantel stiller Schatten;

Da weckt mich plötzlich greller Feuerregen,

Ein goldner Strom, der Himmel, Erd’ umfassen.


O Nacht des Ostens! Wie die Odaliske pflegen

Dein Blick und deine Küsse mich zu gatten —

Und wecken mich erneut mit Funkensegen.



XIII. Czatyrdah


Mirza

Zittrig küsst der Gläub’ge deiner Felsen Füße,

O Czatyrdah, des Krimlands hoher Mast!

O Minarett der Welt! O Fürst der Last

Der Berge, die du überragst wie Grüße!


Du sitzt am Tor des Himmels, wie der süße

Gabriel, der Eden hütet; Wald und Rast

Sind dein Gewand, und Blitze, die in Hast

Sich sticken in den Turban deiner Süße.


Ob Sonne brennt, ob Nebel uns umschlingen,

Ob Heuschreckschwärme ernten, Feuer drohen —

Du bleibst, o Berg, in Schweigen eingeringen.


Zwischen der Welt und Gott, in stillen Zonen,

Stehst du und hörst, was Schöpferworte bringen,

Und legst der Erde zu den Füßen Kronen.



XIV. Der Pilger


Zu meinen Füßen Fülle, Glanz und Gaben,

Am Himmel Licht, zur Seite schöne Züge —

Warum entflieht mein Herz in weite Flüge,

Zu fernen Zeiten, die ich einst begraben?


Litauen! Deine Wälder, die mich laben,

Sangen mir süßer als die Nachtigallzüge

Von Bajdar; selbst die Sümpfe deiner Wiege

Waren mir lieber als die Tropengaben.


So fern, so fremd — und dennoch zieht’s mich wieder!

Warum, zerstreut, seufz’ ich in steter Pein

Nach jener, die ich liebte in den Lidern


Der Jugend? In dem Land, das nicht mehr mein,

Tritt sie auf meine Spuren, hört die Lieder —

Doch denkt sie, wenn sie’s tut, an mich hinein?



XV. Der Weg über dem Abgrund bei Tschufut-Kale


Mirza

Sprich still dein Gebet, lass Zügel, wend’ das Antlitz:

Hier gibt der Reiter seinem Pferd den Sinn.

Sieh, wie es steht, den Abgrund prüft darin,

Das Huf am Rand, als hielte es des Schicksals Blitz.


Dort unten — schau nicht hin! — fällt Blick wie Sitz

In Kairens Brunnen, ohne Grund und Sinn.

Zeig nicht mit Händen — Federn fehlen drin;

Und lass die Gedanken nicht, wie Anker, stürzen jetzt.


Sie fallen wie ein Stein in Meerestiefen,

Durchbohren nicht den Grund, doch reißen nieder

Das Boot, das ihnen folgt in dunklen Riffen.


Pilger

Mirza — ich sah hinab! Durch Weltenlieder

Sah ich… doch sag’ ich’s erst, wenn Seelen schwiegen;

Denn keine Sprache lebt, die fasst dies wieder.



XVI. Der Berg Kikineis


Mirza

Sieh in den Abgrund! Unten liegt das Blaue,

Das Meer — als lägen Himmel dort gebettet;

Und mitten drin, als wär’ ein Berg gerettet

Vom Sturz der Götter, schwebt ein Fels im Graue.


Ein Vogelberg, vom Blitz gefällt zur Aue,

Breitet die Schwingen, weit wie Regenkettet;

Ein Weißland, das die Flut mit Schnee durchfettet —

Doch ist’s nur Wolke, die im Raum zur Schaue.


Aus ihrer Brust fällt Nacht auf halbe Erden;

Sieh dort das feur’ge Band, das auf ihr brennet —

Das ist der Blitz, der ihre Stirn durchschneidet.


Doch halt! Der Abgrund droht uns zu gefährden.

Wir müssen springen, wenn der Weg sich endet.

Ich springe vor — und du, mit Sporn und Wenden,


Wenn ich verschwinde, schau auf jene Kanten:

Blitzt dort ein Federweiß, so bin ich’s, der sich wandte;

Wenn nicht — dann soll kein Mensch mehr hierhin landen.



XVII. Die Ruinen von Balaklawa


Die Burgen, die in stolzen Tagen standen,

Zerfallen nun in wirre Steinmassive;

Sie schmückten dich und hielten dich in Triebe,

Und nun sind sie wie Schädel, ausgebrannten.


In ihren Höhlen hausen Schlangenbande

Und Menschen, die noch tiefer sich verschriebe;

Wir steigen auf die Türme, suchen Triebe

Von Wappen, Namen, die im Staub versandten.


Ein Grieche meißelte einst attische Zierden,

Ein Italiener zwang den Mongol’ zum Eisen,

Ein Mekkaner sang hier seine frommen Liedern.


Nun kreisen Geier über Grab und Kreisen;

Wie Städte, die der schwarze Tod verzehrten,

Weht hier nur Trauerflagge über Felsen.



XVIII. Ajuda


Ich liebe, auf des Judahfelsens Zinnen

Zu stehn und auf das Meer hinabzuschauen,

Wie Wogen sich in dunklen Reihen bauen,

Dann brechen, schäumen, stürzen, sich besinnen.


Wie Silberfluten, die im Kreis beginnen,

In tausend Regenbögen sich zu stauen,

Wie Heere, die die Küste übertauchen,

Und wieder fliehn, als wollten sie entrinnen.


So stürmt in dir, o junger Dichter, Leidenschaft,

Erhebt sich wild, will Herz und Sinn verschlingen;

Doch wenn du deine Laute hebst mit Kraft,


Dann flieht sie, um im Meer der Zeit zu ringen,

Und lässt dir Lieder, die in Ewigkeit

Wie Perlen an den Schläfen weiterklingen.




ZWEITER TEIL

EROTISCHE SONETTE


I. Erinnerung


Die Jahre, Laura, sag: glühn sie dir noch immer,

Da wir, in uns versunken, weltvergessen,

Nur Herz an Herz, von keinem Blick besessen,

Uns bargen unterm Laub der Abendschimmer?


Der Jasmin flocht den Schatten ringsherum noch schlimmer,

Der Bach, der leis durch weiche Wiesen fließen,

Schien unser Flüstern heimlich zu genießen,

Wenn Nacht uns deckte mit dem Sternenschimmer.


Der Mond, der bleich aus dünnen Wolken trat,

Erhellte deine Brust, die goldnen Locken,

Und gab den Götterzügen neuen Rat.


Da hob das Herz sich auf in süßem Stocken,

Aug traf in Aug, die Lippe Lippe bat,

Und Tränen mischten sich mit Seufzerflocken.



II. An Laura


Kaum sah ich dich, da stieg mir heißes Glühen,

Als hätt ich dich seit alten Zeiten kannte;

Und auf den Wangen, die der Morgen brannte,

Sah ich den gleichen Purpur wieder blühen.


Kaum hob dein Mund ein Lied, da mußte ich verfrühen

Und weinen; denn dein Ton, so mild und leise,

Drang in mein Herz wie himmlische Begrüßungweise,

Als würd ein Engel meinen Namen ziehen.


O Liebe! laß dein Auge nicht sich scheuen.

Wenn dich mein Blick, mein Wort in Schwingung bringe,

So mag die Welt auch gegen uns sich freuen.


Ich flieh und liebe ohne Hoffnungsschwinge;

Ein andrer mag die Hand zum Ehebund erneuen –

Doch Gott vermählte mir die Seele, die ich singe.



III. Unruhe


Ich rede wirr, verhasple mich im Worte,

Mein Herz schlägt wild, der Atem will nicht gehn;

Ein Funke glüht in meinen Augen schön,

Dann werd ich bleich – man fragt nach meinem Orte.


So schlepp ich mich durch Tage, durch die Pforte

Der Nacht in Hoffnung, Schlaf möge mich sehn;

Doch Bilder brennen, die nicht untergehn,

Und jagen mich an ungebrochnen Orte.


Ich springe auf, ich schmiede Fluch und Klage,

Die ich dir sagen will in heißem Drange,

Und doch vergesse sie am nächsten Tage.


Denn seh ich dich – so schweigt die Zunge lange,

Ich werde Stein, so kühl wie Wintertage,

Um neu zu brennen, stumm wie eh und lange.



IV. Die Ungekünstelte


Nicht Kunst an dir, nicht Wort, das künstlich klänge,

Nicht Blick, der prahlt – und dennoch mußt du siegen;

Denn alle, die dir nahen oder liegen,

Verlieren Herz und Rede in der Enge.


Gestern, als Sang und Lachen laut und strenge

Den Raum erfüllten, scherzend, ohne Wiegen:

Da tratst du ein – und alle Stimmen fliegen,

Ein heil’ges Schweigen senkt sich ohne Dränge.


Wie wenn beim Fest, wo Tanz und Lieder kreisen,

Ein Engel plötzlich durch die Halle schreite,

Da stockt der Schritt, die Stimmen leis verweisen.


»Ich weiß«, spricht dann der Dichter, »wer da gleite.«

Man ehrt den Gast, doch nicht die meisten weisen,

Daß himmlisch Wesen still vorübergleite.



V. Begegnung im Hain


»Bist du’s? So spät?« – »Ich irrte durch die Pfade,

Im Mondlicht, das die dunklen Zweige bricht.

Vermißtest du mich?« – »Frag mich das nur nicht!

Denk ich an andres denn an dich, mein Gnade?«


»Gib mir die Hand, den Fuß, die zarte Wade.

Du bebtest?« – »Weiß nicht. In dem nächtgen Licht

Erschreckt mich jedes Blatt, das leis zerbricht;

Wir müssen schuldig sein – so fühlt die Lade.«


»Sieh mir ins Aug: Nie wohnt in solchem Scheine

Ein Makel; Furcht blickt anders, nicht so helle.

Sind wir denn schuldig, daß wir sitzen, Reine?


Ich sitze fern, ich spreche kaum zur Stelle,

Und spiel mit dir, mein irdisch süßes Weine,

Als wärst du schon ein Engel auf der Schwelle.«



VI. Zwiespalt


Der Fromme tadelt uns, der Lüstling lacht,

Daß wir, allein in stillen Kammerräumen,

So jung, so heiß, und dennoch wie in Träumen

Die Augen senken, sie in Tränen sacht.


Ich kämpfe wider Reiz und süße Macht,

Sie will die Hoffnung selbst in Fesseln säumen,

Die uns das Schicksal gab in dunklen Räumen –

Wir wissen selbst nicht, was das Herz entfacht.


Ist’s Schmerz? Ist’s Lust? Wenn deine Hände drücken,

Wenn ich den Hauch von deinen Lippen trinke –

Wie könnte solches Leiden mich bedrücken?


Doch wenn wir weinen, wenn wir fast versinken,

Wenn Seufzer uns die letzten Kräfte rücken –

Wie nenn ich’s Lust, wenn wir so tief ertrinken?



VII. Morgen und Abend


Die Sonne steigt im Kranz von Feuerwogen,

Der Mond verblasst im Westen still und bleich;

Die Rose folgt dem Licht im Purpurreich,

Der Veilchenkelch beugt sich dem Tau verbogen.


Da sah ich Laura – und mein Herz erzogen

Sich nieder auf den Stufen, demutsreich.

»Warum«, sprach sie, »so traurig früh zugleich

Wie Mond und Veilchen, die vom Tau betrogen?«


Am Abend kam ich wieder, neu entzündet:

Der Mond nun voll, der Veilchenkelch erhoben,

Die Nacht hat seine Blätter neu verbündet.


Da stand sie wieder, schöner noch verwoben,

Und ich, zu ihren Füßen, tief verkündet,

War traurig wie am Morgen – ungeschoben.



VIII. An den Niemen


Niemen, du Fluß der Heimat! Wo die Wellen,

Aus denen ich als Kind die Hände tränkte,

Auf denen später ich in Träumen lenkte,

Um meinem unruhvollen Herz zu stellen?


Hier flocht sich Laura Kranz und Haar zur Helle,

Hier sah sie stolz ihr Bild, das sich versenkte;

Hier hab ich oft, vom Feuer, das mich kränkte,

Die Flut getrübt mit Tränen ohne Quelle.


Niemen, wo sind die Wasser, die mich trugen,

Und mit ihnen die Hoffnung, die ich hegte?

Wo Kinderglück, das einst mein Herz geschmückt?


Wo Jugendsturm, der süß mich hat betrogen?

Wo Laura? Freunde? Alles ist entflogen –

Nur meine Tränen sind mir unentrückt.



IX. Der Schütze


Ich sah den Jäger wandern, stumm vor Hitze,

Den ganzen Tag durch Flur und Wald und Stein.

Er stand am Bach, sah weit ins Land hinein

Und seufzte: »Ehe ich scheide, such ich ihre Sitze.


Ich will sie sehen, die ich nie besitze.«

Da kam vom jenseits Ufer, schlank und fein,

Auf weißem Pferd, im Kleid der Jagdgöttin,

Ein Mädchen, das den Blick zum Schützen ritze.


Er wich zurück, er bebte, lächelte bitter,

Lud seine Waffe, murmelte voll Groll,

Als würd ein finstrer Schatten in ihm fitter.


Er ging ein Stück, als ließ er ab vom Soll.

Da sah er Staub – er hob die Büchse zitter-

nd, zielte… doch niemand kam aus diesem Groll.



X. Resignation


Unglücklich ist, wer Liebe ruft vergebens;

Unglücklicher, wen öde Herzen quälen;

Doch der ist tiefster unter allen Seelen,

Der nicht vergißt, daß er geliebt des Lebens.


Er sieht die frechen Augen, Stirnen eben,

Und Gift der Lust durch alte Wunden stählen;

Er wagt nicht, reine Schönheit anzuwählen,

Weil welk sein Herz, das einst so reich gewesen.


Er flieht die eine, weil sie ihn erniedrigt,

Die andre, weil sie göttlich ihm erscheinet;

Und zwischen beiden stirbt die Hoffnung müdigt.


Sein Herz gleicht Tempeln, die der Sturm verneinet:

Die Götter wohnen nicht, der Mensch verzweifelt,

Und nur der Wind durch leere Hallen weinet.



XI. An …


Du siehst mich an, du seufzest – o Verderben!

Hüte dich vor dem Gift, das Augen tragen;

Flieh, eh mein Atem dich beginnt zu schlagen,

Wenn du nicht willst in Gram und Kummer sterben.


Ich sag es offen, eh wir beide sterben:

Du weckst in mir ein Feuer ohne Zagen;

Doch kann ich einsam leben, ohne Klagen –

Warum sollst du in meinem Schicksal sterben?


Ich liebe Lust, doch täuschen will ich keine.

Du bist ein Kind, ich bin von Schmerz verzehrt;

Du bist im Kreis der Frohen, hell und reine.


Mein Platz ist dort, wo Grab an Grab sich mehrt.

Umschlinge junge Pappel, junger Weine –

Laß Dornen nur die Totensteine zieren.



XII. An die Poesie


Poesie! Wo ist der Zauber deiner Hände?

Wenn ich dich rufen will, so flieht die Regung,

Und meine Worte, arm an Farbbewegung,

Stehn wie Gefangne hinter Gitterwände.


Poesie! Wo sind die süßen Klanggewände?

Ich singe – doch sie hört nicht meine Regung;

Wie Nachtigall, die überm Quell in Schwebung

Den Bach nicht hört, der tief im Dunkel wende.


Nicht nur der Klang, nicht Farbe, nicht die Geister,

Auch meine Feder, die mir sonst gehorchte,

Verlernt die alten Rechte ihres Meisters.


Sie zeichnet Zeichen, die kein Herz erforschte –

Musik der Schrift, doch ach! kein Lied wird leiser

Von ihrem Mund, der nie mein Lied durchforschte.



XIII. Die neue Liebe


Zum ersten Mal bin ich aus Lust gefangen,

Und doch so frei, so heiter wie noch nie.

Ich seh dich – und mein Herz bleibt ohne Müh;

Ich denk an dich – und darf mich nicht verfangen.


Oft hielt ich kurze Lust für hohes Prangen,

Oft täuschte mich ein Wort, ein Angesieh;

Doch stets verfluchte ich die süße Müh,

Die mich in Glut und Wahnsinn ließ verfangen.


Selbst jene, die ich einst wie Engel ehrte –

Wie viel Verzweiflung, Tränen, heiße Pein!

Schon ihr Gedanke macht, daß ich mich wehrte.


Mit dir nur kann ich froh und selig sein.

Gott sei gepriesen, daß er dich mir lehrte,

Und dich, daß du mich lehrst, ihm dankbar sein.



XIV. Schuld und Furcht


Geliebte! Wenn ich seufze, ist’s Erinnerung

An himmlisch süße Stunden, die verglommen;

Doch fürcht ich, daß dein Herz, so oft beklommen,

Von Gram gequält wird, ohne Heil und Linderung.


Geliebte! Was ist deine eigne Minderung?

Daß deine Augen brennen, Lippen frommen?

Zu sehr vertrautest du der Tugend, frommen,

Zu sehr dem Feuer unsrer Schöpfungssinnerung.


Wir kämpften lang, durch Tage, durch die Nächte,

Allein, zu zweien, jung und ohne Zügel,

Und waren würdig unsrer eignen Rechte.


Nun geh ich weinen an des Altars Hügel;

Ich bitt nicht um Vergebung meiner Sünde –

Nur daß dein Schmerz nicht sei mein letztes Siegel.



XV. Guten Morgen


Guten Morgen! Ich wagte kaum zu sprechen.

Dein Geist war halb im Himmel, halb auf Erden,

Wie Sonnenglanz, der halb verhüllt will werden,

Und doch die Welt mit goldnem Hauch bestechen.


Guten Morgen! Ein Seufzer ließ dich brechen,

Ein Strahl im Auge wollte neu sich werden;

Die Sonne stört die Lider, die sich wehrden,

Und freche Mücken necken deine Zechen.


Ich trug ein süßres Morgenwort im Herzen,

Doch deine Schönheit nahm mir Mut und Klang.

Ich muß erst wissen, ob du frei von Schmerzen,


Ob du erwachst mit heitrem Mut und Drang.

Guten Morgen! Du verweigerst mir die Kerzen

Der Hand? Ich geh – und grüß dich neu entlang.



XVI. Gute Nacht


Gute Nacht! Wir wollen heut nicht weiter spielen.

Der Engel Schlaf soll dich mit blauen Schwingen

Umhüllen, deine müden Augen lind umringen,

Und deinem Herzen stillen Frieden zuteilen.


Gute Nacht! Aus jeder Stunde, die wir fühlen,

Soll ein leiser Klang in deinem Ohr erklingen,

Und wenn die Träume deine Sinne zwingen,

Soll mein Gesicht sich in die Lider schmiehen.


Gute Nacht! Noch einmal wend die Augen her,

Erlaub mir… Gute Nacht! Du willst die Diener rufen?

Laß mich die Brust noch küssen… Gute Nacht! so schwer.


Gute Nacht! Du fliehst, willst schon die Türe schlußsen.

Gute Nacht durch den Türgriff – ach, verschlossen sehr.

Würd ich’s nicht sagen dürfen, ließ ich dich nie ruhen.



XVII. Guten Abend


Guten Abend! Süßer klingt kein Gruß auf Erden.

Nie, ob uns Morgen trennt, ob Nacht uns findet,

Nie grüß ich dich, ob Tag sich hebt, sich mindert,

Mit solchem Glück wie in den Abendwerden.


Denn wenn die Schatten mich zum Mutigwerden

Ermahnen, und dein Blick sich leis entzündet,

Wenn du, die schweigen will, sich doch verbündet

Mit einem Seufzer, der sich nicht verbergen.


»Guten Morgen« sei den Paaren, die gemeinsam

Den Tag beginnen, Hand in Hand in Mühen;

»Gute Nacht« den Liebenden, die selig glühen.


Doch denen, die sich lieben, heimlich, einsam,

Soll »Guten Abend« wie ein Schleier leise

Die allzu sprechenden Augen übergießen.



XVIII. Besuch bei D. D.


Kaum tret ich ein, kaum sprech ich leis mit ihr,

Da klingelt’s schon – ein goldgestickter Tölpel

Stürzt prunkend rein, und hinter ihm ein Völpel,

Dann wieder einer… und der Friede stirbt in mir.


Ich wollt den Türschwellen ein Wolfsloch montieren,

Mit Fallen, Ketten, Dornen jedes Stölpel

Vertreiben – und wenn’s nicht reicht, wär ich der Pilger,

Der in den Hades flieht vor solchen Tieren.


Verfluchter Schwätzer! Ich zähle jede Minute

Wie ein Verurteilter, der die Folter spürt,

Und du erzählst vom Ball, vom Kleid, vom Gute!


Nun nimmst du Handschuh, suchst den Hut – ich rührt

Schon aufzuatmen… Götter! Er bleibt wie im Blute

Am Stuhl festkleben, als wär er festgenagelt, ungerührt.



XIX. An die Besuchenden


Willst du ein angenehmer Gast mir sein,

So merke dir dies kleine Regelwerk:

Nicht reicht es, daß du sagst, was jeder merkt –

Daß’s regnet, tanzt, daß Korn und Preise fein.


Findst du im Saal zwei Menschen ganz allein,

So prüfe, ob sie dich begrüßen, stark

Oder nur höflich, ob sie, still und stark,

Sich fern gesetzt – ob alles stimmt im Schein.


Wenn sie zu lachen scheinen ohne Lachen,

Wenn er die Uhr hervorzieht, wieder steckt,

Und Höflichkeit im Mund, im Auge Schrecken machen:


Dann weißt du, wie man solche Paare weckt:

»Leb wohl, mach’s gut!« – und willst du’s besser machen,

Besuch sie wieder frühestens in einem Jahr entdeckt.



XX. Abschied – an D. D.


Du stößt mich fort… Hab ich dein Herz verloren?

Doch hatt ich’s nie! Ist’s Tugend, die dich hält?

Doch liebst du einen andern! Ist’s das Geld?

Doch gab ich’s nie – und dennoch war ich erkoren.


Und nicht umsonst! Denn jede Lust, geboren

Aus deinem Kuss, war teuer mir der Welt:

Ich zahlte sie mit Seele, die sich stellt

Zum Opfer, und mit Frieden, längst erfroren.


Nun seh ich deine neue Gier erwachen:

Du wolltest Lobgedichte? Eitles Spiel!

Für solches prahlst du mit der Herzen Sachen?


Die Muse kauft man nicht! Ich gab zu viel.

Und selbst dies Lied ward hart in meinem Rachen,

Als ich – o Schmach – erneut dein’n Namen schrieb.



XXI. Die Danaiden


O schönes Weib! Wo ist die goldne Zeit,

Da man für Blumen Herzen konnte kaufen,

Für Stickerei, für Kränze, die im Laufen

Der Jugend blühten, schlicht und ohne Neid?


Heut ist die Welt wohl billiger im Kleid,

Doch teurer in den Wünschen, die sie saufen:

Der einen geb ich Gold – sie will mich taufen

Mit Liedern; jener Herz – sie will Geleit.


Danaiden! In euren bodenlosen

Gefäßen sank mein Lied, mein Gut, mein Leben;

Ich wurde geizig, wo ich einst gegeben.


Und ob mich noch die schönen Züge kosen,

Ob ich noch schenken muß und Lieder weben –

Ich geb euch alles wie zuvor – nur nicht mein Herz, das große.



XXII. Entschuldigung


Ich sang von Liebesglut im Kreis der Jungen;

Die einen lobten, andre flüsterten leis:

»Er liebt nur sich, er klagt nur seinen Fleiß,

Er kann nichts andres, ist in sich versunken.«


Nun frag ich mich, da Jahre mich bezwungen:

Warum brennt noch mein Herz in Kinderspeis?

Gab mir der Gott die Stimme nur zum Kreis

Der eignen Schmerzen, ewig unbesungen?


Ich nahm mir hohen Rat und griff zur Leier

Des Alcäus, kleidete mich wie Ursin,

Und kaum begann ich – floh der ganze Reigen.


Ich riß die Saiten, warf sie in den Weiher

Der Lethe, daß sie schweigen, dumpf und hin.

So klingt der Dichter, wie die Hörer zeigen.