SCHAPP-STUDIE

VON TORSTEN SCHWANKE


FÜR QUENTIN BECKER



ERSTES KAPITEL

GESCHICHTEN-PHHILOSOPHIE


Die Geschichten-Philosophie von Wilhelm Schapp (1884–1965) – einem Schüler Edmund Husserls – gehört zu den originellsten, aber oft übersehenen Ansätzen der Phänomenologie des 20. Jahrhunderts. Seine zentrale These lautet schlicht:


„Wir Menschen sind immer in Geschichten verstrickt.“


Aus einer christlich-phänomenologischen Sicht gewinnt dieser Ansatz eine enorme theologische Tiefenschärfe. Er befreit den Glauben aus dem Korsett abstrakter Dogmen und führt ihn zurück dorthin, wo er historisch und existentiell hingehört: in das konkrete, gelebte Leben und die geteilte Erzählung.


Das Phänomen: Der Mensch als der „Verstrickte“

Husserl wollte „zu den Sachen selbst“ und suchte sie im reinen Bewusstsein. Schapp geht einen Schritt weiter in die Lebenswelt. Wenn wir radikal phänomenologisch beschreiben, wie wir uns selbst und die Welt vorfinden, begegnen wir keinen isolierten Objekten oder nackten Fakten. Wir begegnen Geschichten.


Kein isoliertes Ich: Ich bin kein neutrales Subjekt, das erst nachträglich Beziehungen aufbaut. Bevor ich überhaupt „Ich“ sagen kann, bin ich bereits verstrickt – in die Geschichte meiner Eltern, meiner Kultur, meiner Sprache und meiner Begegnungen.


Das Ding als Geschichte: Selbst Gegenstände sind für Schapp verstrickt. Ein Kruzifix an der Wand ist kein bloßes Holzobjekt mit chemischen Eigenschaften; es existiert für uns nur durch die Passionsgeschichte, die daran hängt, und die Geschichte der Menschen, die davor gebetet haben.


Aus christlicher Sicht spiegelt dieses „Verstricktsein“ die Geschöpflichkeit des Menschen wider. Wir haben uns nicht selbst gemacht; wir haben uns unsere Lebensgeschichte nicht ausgesucht. Wir sind immer schon Vorgefundene und Empfangende.


Die christliche Perspektive: Der verstrickte Gott

Bringt man Schapps Phänomenologie mit der christlichen Theologie zusammen, leuchtet der Kern des christlichen Glaubens neu auf: die Inkarnation (Menschwerdung).


Im Johannesevangelium heißt es: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Phänomenologisch gewendet bedeutet das: Gott selbst lässt sich in die menschlichen Geschichten verstricken.


Schapp: Der Abgrund zum Anderen: Zwischen mir und dem Nächsten liegt ein Graben; wir verstehen uns nur, indem wir unsere Geschichten teilen.

Kirche: Die Brücke der Menschwerdung: Gott überbrückt den unendlichen Abgrund zwischen Schöpfer und Geschöpf, indem er in Jesus von Nazaret eine konkrete, jüdische, menschliche Geschichte teilt.

Schapp: Passivität: Wir verstricken uns nicht aktiv; wir sind verstrickt. Wir sind mehr unsere Zufälle als unsere Absichten.

Kirche: Gnade und Kontingenz: Das Leben ist unverfügbar. Das christliche Konzept der Gnade korrespondiert mit dieser Passivität: Das Heil ist kein logisches System, sondern eine Heilsgeschichte, die uns widerfährt.


Gott rettet den Menschen nicht durch ein abstraktes Metasystem oder eine ethische Formel, sondern indem er Teil unseres „Wollknäuels“ aus Leid, Schuld und Hoffnung wird.


Sünde und Erlösung als narratives Geschehen

Schapps Begriff des Verstricktseins eignet sich hervorragend, um die Dynamik von Sünde und Erlösung phänomenologisch greifbar zu machen.


Die Verstrickung in die Sünde: Sünde ist im Christentum selten ein isolierter Einzelfall. Sie ist ein Netz, eine Struktur – eine „Unheilsgeschichte“. Wir werden in eine Welt hineingeboren, die bereits von Ungerechtigkeit, Egoismus und Entfremdung geprägt ist. Wir sind in die kollektive Schuldgeschichte der Menschheit verstrickt.


Erlösung als „Um-Erzählung“: Erlösung bedeutet bei Schapp nicht, aus allen Geschichten herausgerissen zu werden (das wäre der Tod oder die absolute Isolation). Es bedeutet, aus einer destruktiven Geschichte herausgeholt und in eine neue, lebensspendende Geschichte hinein verstrickt zu werden – in die Geschichte von der Auferstehung, der Vergebung und des Reiches Gottes.


Die Kirche als Erzählgemeinschaft (Wir-Geschichte)

Schapp unterscheidet zwischen Ich-Geschichten, Fremd-Geschichten und Wir-Geschichten. Eine christliche Phänomenologie sieht in der Kirche genau das: eine fundamentale Wir-Geschichte.


Kirche ist demnach keine Institution, die primär Dogmen verwaltet, sondern eine Gemeinschaft derer, deren Lebensgeschichten mit der Christusgeschichte überkreuzt sind. Das gemeinsame Feiern der Eucharistie ist das phänomenologische Ur-Ereignis des Verstricktseins: Es wird eine alte Geschichte (das letzte Abendmahl) im Hier und Jetzt so weitererzählt, dass die Feiernden in sie verflochten werden.


Fazit: Vom dogmatischen Satz zur lebendigen Wahrheit

Die Verbindung von Wilhelm Schapps Geschichten-Philosophie mit dem christlichen Glauben führt zu einer tiefen Befreiung. Sie erinnert die Theologie daran, dass Wahrheit im biblischen Sinne (Emet = Treue, Zuverlässigkeit) nicht die Richtigkeit eines logischen Satzes ist, sondern die Treue in einer Beziehungsgeschichte.


Der Mensch findet zu sich selbst und zu Gott nicht durch philosophische Abstraktion, sondern indem er seine eigene, oft bruchstückhafte Geschichte hinhält und darauf vertraut, dass sie in der großen Geschichte Gottes aufgehoben und zum Guten weitererzählt wird.



ZWEITES KAPITEL

HUSSERLS WAHRNEHMUNGSLEHRE


Um zu verstehen, wie radikal Wilhelm Schapps Ansatz der „Verstrickung“ eigentlich ist, muss man ihn direkt neben die Wahrnehmungslehre seines Lehrers Edmund Husserl stellen. Schapp bricht hier nämlich nicht einfach mit der Tradition, sondern er nimmt Husserls Methode der Phänomenologie ernst und treibt sie an einen Punkt, an dem die klassische Erkenntnistheorie ins Wanken gerät.


Der Zusammenhang zwischen beiden lässt sich über drei Kernaspekte beschreiben: von der bloßen Wahrnehmung eines Objekts zur Wahrnehmung einer ganzen Geschichte.


Husserls Absprung: Das Ding und seine „Abschattungen“

Husserl untersuchte in seiner Wahrnehmungslehre intensiv, wie wir Gegenstände erfassen. Seine Entdeckung: Wir sehen ein Ding (z. B. einen Würfel) nie ganz auf einmal. Wir sehen immer nur eine Seite, eine bestimmte Perspektive – Husserl nennt das Abschattung.


Dennoch nehmen wir keinen zweidimensionalen Fleck wahr, sondern einen dreidimensionalen Würfel. Warum? Weil unser Bewusstsein die Rückseite und die verborgenen Innenseiten im Geist automatisch mitmeint (Appräsentation). Wir haben eine Erwartungshorizont, wie der Würfel aussieht, wenn wir ihn umdrehen.


Schapps Weiterführung: Der Horizont ist kein Raum, sondern eine Geschichte

Hier setzt Schapp an und stellt eine entscheidende Frage: Was genau schattet sich da eigentlich ab, und woraus besteht dieser „Erwartungshorizont“ im echten Leben?


Für Husserl ist der Horizont primär räumlich und geometrisch. Für Schapp hingegen ist er narrativ und lebensweltlich. Wenn ich ein Ding wahrnehme, sehe ich nicht nur seine geometrische Rückseite, sondern ich nehme sofort seine Geschichte wahr.


Das Beispiel mit dem Messer:

Wenn ein Messer auf dem Tisch liegt, nehme ich laut Husserl eine Klinge und einen Griff wahr und ergänze die Unterseite des Griffs, die ich gerade nicht sehe. Schapp sagt: Nein, so nehmen wir im Alltag nicht wahr! Ich sehe ein Küchenmesser, das zum Schneiden von Brot da ist, oder ich sehe das Messer, mit dem sich gestern jemand verletzt hat, oder das Erbstück meines Großvaters.


Das Messer schattet sich nicht in geometrischen Formen ab, sondern in Geschichten. Die Wahrnehmung eines Dinges ist untrennbar mit seiner Funktion, seiner Herkunft und seiner Bedeutung in unserem Leben verflochten. Ein Ding ohne Geschichte gibt es in unserer Wahrnehmung überhaupt nicht.


Die Radikalisierung: Abschied vom „reinen Ich“

Der tiefste Unterschied (und der stärkste Zusammenhang) liegt im Status des Wahrnehmenden:


Husserls „Transzendentales Ego“: Um zur reinen Wahrheit der Wahrnehmung zu gelangen, forderte Husserl die Epoché – das Einklammern der Welt und aller Vorurteile. Das Subjekt soll als „reiner Beobachter“ gegenüberstehen, der die Welt konstituiert.


Schapps „Verstricktes Ich“: Schapp zeigt phänomenologisch, dass dieses „reine Ich“ eine Illusion ist. Ich kann mich nicht aus der Welt ausklammern, weil mein Sehorgan, meine Sprache und meine Aufmerksamkeit selbst schon Produkte von Geschichten sind. Ich konstituiere die Welt nicht als einsamer Schöpfer; die Geschichten, in denen ich stecke, bestimmen vielmehr, wie und als was ich die Dinge überhaupt wahrnehme.


Die christlich-phänomenologische Synthese

Bringt man diesen Zusammenhang nun zurück in die christliche Perspektive, wird Schapps Korrektur an Husserl theologisch hochgradig fruchtbar:


Gott wird für den Menschen nicht erfahrbar, indem man die Welt „einklammert“ und in der reinen, abstrakten Meditation des Bewusstseins nach dem Absoluten sucht (was dem platonischen oder gnostischen Ideal entspräche).


Gott wird genau in der Art und Weise wahrnehmbar, wie Schapp Wahrnehmung beschreibt: In, mit und unter den Geschichten der Welt. Wenn der Gläubige die Welt wahrnimmt, sieht er sie im Horizont der Schöpfungs- und Bundesgeschichte. Ein Regenbogen ist dann kein bloßes meteorologisches Lichtphänomen (Husserls physikalisches Ding) und auch nicht nur ein schöner Farbverlauf (Husserls reine Phänomenalität) – er wird wahrgenommen als das Zeichen des Bundes Gottes mit Noah. Die biblische Erzählung ist der Wahrnehmungshorizont, der der Natur ihre tiefste Tiefendimension verleiht.



DRITTES KAPITEL

EDITH STEIN


Edith Stein (1891–1942) war wie Wilhelm Schapp Teil des berühmten Göttinger Kreises um Edmund Husserl. Obwohl Schapp seine Philosophie der Geschichten erst in den 1950er Jahren voll entfaltete (lange nach Steins Märtyrer-Tod in Auschwitz), stand sie vor genau denselben philosophischen Problemen wie er.


Aus ihrer spezifisch christlich-phänomenologischen Perspektive liefert sie das perfekte Gegenstück und Fundament zu Schapps Geschichten-Philosophie. Man kann sagen: Was Schapp auf der Ebene der Erzählung beschreibt, begründet Edith Stein auf der Ebene der menschlichen Seele.


Die Brücke zum Anderen: Einfühlung statt reines Ego

Wie wir gesehen haben, kritisiert Schapp, dass Husserls „reines Ich“ isoliert sei, und behauptet, wir begegnen dem Anderen, indem wir uns in seine Geschichte verstricken.


Edith Stein löste dieses Problem des isolierten Ichs bereits 1917 in ihrer berühmten Dissertation „Zum Problem der Einfühlung“.


Wahrnehmung des Fremden: Stein argumentiert gegen Husserl, dass ich den anderen Menschen nicht erst mühsam im Kopf „konstruieren“ muss. Ich nehme den Anderen direkt als lebendigen Leib und als Person wahr.


Wenn ich sehe, dass jemand weint, sehe ich nicht nur Grimassen (Husserls Abschattungen), sondern ich erfahre direkt seine Trauer.


Hier schließt sich der Kreis zu Schapp: Für Stein ist die Einfühlung der Akt, durch den ich überhaupt erst fähig werde, die Geschichte eines anderen Menschen zu verstehen. Ohne Steins Konzept der Einfühlung gäbe es bei Schapp keine „Verstrickung“ – wir blieben füreinander stumme Objekte.


Der Mensch als „Gefäß“ einer Geschichte (Endliches und Ewiges Sein)

In ihrem christlich-philosophischen Hauptwerk „Endliches und Ewiges Sein“ (1937) schlägt Stein die Brücke von der Phänomenologie zur christlichen Scholastik (Thomas von Aquin). Ihr Blick auf das menschliche Leben spiegelt Schapps Narrativität auf metaphysischer Ebene wider:


Das Werden der Person: Für Stein ist der Mensch kein starres Wesen, sondern ein „Dasein“, das sich in der Zeit entfaltet. Die menschliche Seele hat eine innere Form, aber sie braucht die Welt, die Begegnung und die Zeit, um sich zu verwirklichen. Der Mensch lebt sich aus – und das ist exakt der Prozess des Verstricktseins in Geschichten.


Gott als Sinnstifter: Wo Schapp sagt, wir werden in Geschichten hineingeboren, sagt Edith Stein: Das endliche Sein des Menschen ist ein „geschenktes Sein“. Weil wir uns nicht selbst erhalten können, hängen wir sekündlich am ewigen Sein Gottes. Unsere Lebensgeschichte ist also kein sinnloses Wollknäuel aus Zufällen, sondern sie ist von Gott getragen.


Die Kreuzeswissenschaft: Die radikalste Verstrickung

Das reifste Werk Edith Steins, geschrieben kurz vor ihrer Verhaftung durch die Gestapo, ist „Kreuzeswissenschaft“ (eine Studie über den Mystiker Johannes vom Kreuz). Hier wird die christlich-phänomenologische Synthese völlig existenziell.


Schapp spricht davon, dass wir in leidvolle Geschichten verstrickt sind, aus denen wir uns nicht selbst befreien können. Edith Stein radiert diesen Gedanken nicht aus, sondern sie durchlebt ihn:


„Die Christusnachfolge ist kein Zuschauen, sondern ein Mitgehen.“


Für Stein ist das Kreuz kein theologisches Symbol, sondern eine konkrete Realität, in die sie sich hineinverstricken lässt. Als Jüdin und katholische Ordensfrau teilt sie bewusst das Schicksal ihres Volkes. Phänomenologisch betrachtet ist das die radikalste Form von Schapps Wir-Geschichte: Das eigene Leben wird so vollständig in die Passionsgeschichte Christi hineingewoben, dass Tod und Leid ihren absurden Charakter verlieren und stattdessen Sinn (Erlösung) annehmen.


Schapp: Wir sind in Geschichten verstrickt.

Stein: Wir sind durch Einfühlung miteinander und durch Gnade mit Gott verbunden.

Schapp: Der Horizont der Dinge ist ihre lebensweltliche Bedeutung.

Stein: Der Horizont der Welt ist das Ewige Sein Gottes, das sich in den Dingen spiegelt.

Schapp: Erlösung ist das Hineingezogenwerden in eine neue Erzählung.

Stein: Erlösung ist die Transformation der Seele in der Nachfolge Christi (Kreuzeswissenschaft).


Während Schapp uns zeigt, dass unser Leben die Form einer Geschichte hat, zeigt uns Edith Stein, wer diese Geschichte im Tiefsten zusammenhält: Ein persönlicher Gott, dem man sich im Vertrauen gläubig überlassen kann.



VIERTES KAPITEL

MAX SCHELER


Wenn wir Max Scheler (1874–1928) – neben Husserl und Heidegger das dritte große Genie der frühen Phänomenologie – in diesen Dialog holen, bekommt die christlich-phänomenologische Betrachtung von Wilhelm Schapp eine ganz neue, dynamische Energie.


Schapp setzte sich in seinen späten Manuskripten explizit mit Scheler auseinander. Während Schapp fragt, wie wir in Geschichten verstrickt sind, und Edith Stein untersucht, wie die Seele beschaffen ist, bringt Scheler die emotionale und wertende Tiefenstruktur ins Spiel. Aus christlicher Sicht liefert er den „Treibstoff“ für Schapps Geschichten.


Der Zusammenhang lässt sich anhand von drei Kernbereichen entfalten:


Die Logik des Herzens: Warum wir uns überhaupt verstricken

Für Husserl war das Bewusstsein primär erkennend und rational. Schapp korrigierte dies, indem er sagte: Wir nehmen die Welt über Bedeutungen und Geschichten wahr. Scheler liefert hierzu das phänomenologische Fundament mit seiner Wortethik und intentionalen Gefühlschenlehre:


Die Liebe als Auge des Geistes: Scheler betont (in Anlehnung an Blaise Pascal), dass das Herz eine eigene Logik besitzt (ordre du cœur). Wir erkennen Werte nicht durch den Verstand, sondern durch das Fühlen – allen voran durch die Liebe.


Für Scheler ist die Liebe das dynamische Prinzip, das uns überhaupt erst für die Welt öffnet.


Überträgt man das auf Schapp, heißt das: Wir verstricken uns nicht aus Zufall oder bloßer Logik in Geschichten, sondern weil wir lieben. Die Liebe ist der Motor, der uns in die Geschichte des Nächsten hineinzieht. Wo keine emotionale Wertnahme stattfindet, entsteht auch keine Verstrickung, sondern nur kalte, geschichtslose Distanz.


Der Mensch als „Mit-Vollzieher“ Gottes (Schelers Anthropologie)

Ein zentraler Begriff bei Schapp ist die Passivität: Geschichten widerfahren uns, wir finden uns in ihnen vor. Scheler nimmt diese Idee der menschlichen Unvollständigkeit auf, wendet sie aber in seiner christlichen Phase metaphysisch:


Der Mensch als Person: Für Scheler ist der Mensch kein festes Ding, sondern ein „Monaden-artiges“ Geflecht von Akten. Die Person existiert nur im Vollzug ihrer Taten.


Das Werden der Heilsgeschichte: In seiner religionsphilosophischen Schrift „Vom Ewigen im Menschen“ argumentiert Scheler, dass der Mensch im religiösen Akt ein „Mit-Vollzieher“ der göttlichen Intentionen wird.


Das harmoniert perfekt mit Schapps christlicher Narrativität: Die Heilsgeschichte ist kein fertiges Buch, das Gott vom Himmel wirft. Indem der Mensch liebt, glaubt und handelt, schreibt er aktiv an der Geschichte Gottes in der Welt mit. Gott und Mensch sind in einer gemeinsamen, lebendigen Beziehungsgeschichte verflochten.


Die Vorbild-Theorie: Der „Heilige“ als erzählte Existenz

Wie wird der christliche Glaube phänomenologisch greifbar? Schapp würde sagen: Indem wir die Geschichten von Jesus, den Aposteln und den Heiligen hören und in sie hineingezogen werden.


Scheler hat dem eine präzise soziologische und phänomenologische Struktur gegeben – seine Lehre von den Vorbildern:


Werte existieren für Scheler nicht als abstrakte Gesetzestexte (wie bei Kant). Sie werden immer an Personen sichtbar.


Der höchste Werttyp ist für den christlichen Scheler der Heilige (Urtyp: Christus).


Wir folgen einem Heiligen oder Christus nicht, weil wir seine Argumente logisch prüfen (Husserl), sondern weil seine Person uns anzieht. Diese Anziehung geschieht dadurch, dass uns seine Lebensgeschichte vor Augen gestellt wird. Das Vorbild bricht in unsere eigene, isolierte Geschichte ein und formt sie um.


Die christlich-phänomenologische Synthese: Schapp und Scheler im Dialog

Bringt man Schapps Verstrickung und Schelers Wertphilosophie aus christlicher Sicht zusammen, ergibt sich ein kraftvolles Bild für das christliche Leben:


Sünde ist demnach das Verstricktsein in eine verkehrte Werte-Hierarchie (Scheler nennt das Idolatrien oder die Zerrüttung des Herzens), bei der materielle oder egoistische Werte über die Liebe gestellt werden. Dadurch entstehen zerstörerische Geschichten.


Erlösung geschieht, wenn das Herz durch die Begegnung mit dem Ur-Vorbild (Christus) neu ausgerichtet wird. Durch diese „Bekehrung des Fühlens“ werden wir aus den alten Mustern gelöst und in die große, erlösende Erzählung der göttlichen Liebe hinein verstrickt.



FÜNFTES KAPITEL

HEIDEGGER


Wenn wir Martin Heidegger (1889–1976) in diesen phänomenologischen Kreis holen, stehen wir vor einer faszinierenden Parallele. Obwohl Heidegger und Schapp sich in ihren Schriften kaum direkt aufeinander bezogen haben, atmet Schapps Philosophie der Geschichten denselben revolutionären Geist wie Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927).


Man kann Schapp fast als denjenigen lesen, der Heideggers existenziale Analytik in die konkrete, alltägliche Erzählung übersetzt hat. Aus christlicher Sicht kreuzen sich ihre Wege vor allem in der Frage, wie der Mensch mit seiner Endlichkeit und seiner Schuld umgeht.


Die Parallele: „Geworfenheit“ vs. „Verstricktheit“

Heidegger bricht wie Schapp radikal mit Husserls Idee eines reinen, unbeteiligten Zuschauer-Ichs. Für Heidegger ist der Mensch immer schon „In-der-Welt-sein“.


Heideggers Geworfenheit: Wir haben uns unser Dasein nicht ausgesucht; wir finden uns in eine bestehende Welt vor, mit einer bestimmten Sprache, Kultur und Epoche. Heidegger nennt das die Geworfenheit.


Schapps Verstricktheit: Schapp konkretisiert dieses abstrakte Konzept phänomenologisch: Worin genau sind wir denn geworfen? Wir sind in Geschichten geworfen. Das In-der-Welt-sein ist ein In-Geschichten-verstrickt-sein.


Für eine christliche Interpretation bedeutet das: Der Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt. Seine Freiheit ist immer eine situierte Freiheit. Er kann sein Leben nur innerhalb der Geschichten gestalten, in die er bereits hineingeboren wurde – was theologisch tief mit dem Konzept der Erbsünde (als dem unverschuldeten Hineingeborensein in eine zerrüttete Welt) korrespondiert.


Das Zeug vs. Das Ding in der Geschichte

Heideggers berühmte Analyse des Alltags zeigt, dass uns Gegenstände nicht als nackte Objekte (wie bei Husserl) begegnen, sondern als „Zeug“, das zu etwas nutze ist – der Hammer ist zum Hämmern da, er ist zuhanden. Erst wenn er kaputt geht, wird er zum bloßen Objekt (vorhanden).


Schapp geht hier völlig d'accord, gibt dem Ganzen aber eine narrative Wendung: Ein Hammer ist für Schapp deshalb zuhanden, weil er eine Gebrauchsgeschichte hat.


Während Heidegger die Welt als ein funktionales Verweisungszusammenhang von Werkzeugen beschreibt, beschreibt Schapp sie als ein Gewebe von Geschichten.


Der große Bruch: Eigentlichkeit vs. die Erlösung von außen

Obwohl Schapp und Heidegger das Problem der menschlichen Existenz fast identisch beschreiben, trennen sich ihre Wege radikal, sobald es um die „Lösung“ geht. Und hier wird die christliche Abgrenzung zu Heidegger überdeutlich:


Heideggers heroischer Existenzialismus (Die Eigentlichkeit): Für Heidegger droht der Mensch im Alltag zu verkommen (im unpersönlichen „Man“). Er kann sich nur selbst retten, indem er entschlossen seine Endlichkeit annimmt – im Sein-zum-Tode. Das Dasein zieht sich quasi an den eigenen Haaren aus dem Sumpf, indem es seine eigene Geschichte als endliche Ganzheit radikal bejaht. Es ist eine Philosophie der heroischen Selbstrettung.


Schapps Passivität (Das Errettet-Werden): Schapp weiß, dass wir uns aus dem Wollknäuel der Geschichten, in die wir verstrickt sind, gerade nicht selbst befreien können. Jeder Versuch, sich eigenmächtig loszureißen, verheddert uns nur noch mehr (das ist die phänomenologische Beschreibung von Sünde als Verkrümmung in sich selbst). Wir können nicht aus den Geschichten aussteigen – wir brauchen eine andere Geschichte, die uns begegnet.


Die christlich-phänomenologische Synthese: Heidegger korrigiert durch Schapp

Aus christlicher Sicht bietet Schapp das perfekte Korrektiv zu Heideggers oft düsterer und einsamer Philosophie:


Heidegger: Der Mensch läuft einsam vor seinem Tod an (Sein-zum-Tode).

Schapp: Der Mensch ist getragen von einer Heilsgeschichte, die über den Tod hinausgeht.

Heidegger: Die Geschichte ist das Schicksal der Geschichtlichkeit des Daseins.

Schapp: Die Geschichte ist der Raum der Begegnung zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Heidegger: Befreiung geschieht durch Entschlossenheit des eigenen Ichs.

Schapp: Befreiung geschieht durch das Hineingezogenwerden in die Erlösungsgeschichte Christi.


Wo Heideggers Mensch einsam in die Nacht seiner Endlichkeit blickt, ist Schapps Mensch – trotz aller Verstrickung und allem Leid – niemals allein. Seine Geschichte ist immer schon mit der Geschichte des Nächsten und letztlich mit der großen Erzählung Gottes verwoben.



SECHSTES KAPITEL

KAROL WOJTYLA


Karol Wojtyła (1920–2005) – der als Papst Johannes Paul II. Weltgeschichte schrieb – war ebenfalls ein tiefgründiger Phänomenologe. Er verband die Phänomenologie Husserls und Max Schelers mit der christlichen Metaphysik des Thomas von Aquin (Thomismus).


Sein philosophisches Hauptwerk „Person und Tat“ (1969) antwortet auf Schapps Geschichten-Philosophie auf eine Weise, die Schapps Passivität („wir sind verstrickt“) ein kraftvolles, christliches Prinzip der Aktivität und Selbstgestaltung entgegensetzt.


Die Tat als die „Zuspitzung“ der Geschichte

Wo Schapp sagt: „Der Mensch ist in Geschichten verstrickt“, präzisiert Wojtyła: Der Mensch erfährt und gestaltet diese Geschichten primär durch seine Taten.


Für Wojtyła ist das menschliche Handeln (Actus humanus) der Moment, in dem die Person sichtbar wird. Wenn wir eine bewusste Entscheidung treffen, geschieht zweierlei:


Transzendenzeffekt: Wir verändern etwas in der Außenwelt (wir schreiben an der Geschichte mit).


Immanenzeffekt: Wir verändern uns selbst. Indem ich eine gute Tat vollbringe, werde ich selbst gut; indem ich lüge, mache ich mich selbst zum Lügner.


Auf Schapp angewendet bedeutet das: Wir sind den Geschichten, in die wir verstrickt sind, nicht hilflos ausgeliefert. Durch jede freie, sittliche Tat strukturiert der Mensch das „Wollknäuel“ seiner Verstrickungen um. Die Tat ist der Punkt, an dem aus einer passiven Geschichte eine aktive, verantwortete Lebensgeschichte wird.


Solidarität: Die christliche Verantwortung in der „Wir-Geschichte“

Schapp spricht davon, dass wir in „Wir-Geschichten“ stecken (Gemeinschaften, Kultur, Kirche). Wojtyła füllt diesen Begriff mit seiner berühmten phänomenologischen Theorie der Solidarität:


Der Mensch kann sich nur in der Gemeinschaft mit anderen vollenden. Solidarität bedeutet bei Wojtyła, die Last des Anderen mitzutragen und die Verantwortung für die gemeinsame Geschichte zu übernehmen.


Das steht im krassen Gegensatz zur Sünde des Konformismus (sich blind in der Masse treiben zu lassen, was Schapp als passive, unreflektierte Verstrickung beschreiben würde) oder der Entfremdung (sich aus den Geschichten der Mitmenschen egoistisch herauszuhalten).


Aus Wojtyłas Sicht ist die Kirche die ultimative Solidargemeinschaft: Hier kreuzen sich die Taten der Gläubigen mit der erlösenden Tat Christi auf Golgatha.


Die „Theologie des Leibes“: Die sichtbare Geschichte Gottes

Ein späterer, aber genialer phänomenologischer Wurf Wojtyłas als Papst war seine Theologie des Leibes. Hier schließt sich der Kreis zu Schapps Idee, dass selbst Gegenstände und physische Realitäten Geschichten in sich tragen.


Wojtyła argumentiert, dass der menschliche Körper kein biologischer Apparat ist, sondern ein Sakrament – ein sichtbares Zeichen einer unsichtbaren Realität. Der Leib ist von Gott so geschaffen, dass er eine „Brautmodale Sprache“ spricht. Er ist darauf ausgelegt, Liebe auszudrücken und sich hinzugeben.


Wenn Schapp sagt, dass wir die Welt immer im Horizont von Bedeutungen wahrnehmen, würde Wojtyła ergänzen: Der tiefste Horizont, in dem wir den anderen Menschen (auch in seiner Leiblichkeit) wahrnehmen, ist die Schöpfungsgeschichte. Der Körper erzählt die Geschichte der göttlichen Liebe.


Schapp: Das Ich ist passiv in Geschichten verstrickt.

Wojtyla: Das Ich verwirklicht sich aktiv in der bewussten Tat (Person und Tat).

Schapp: Die Lebenswelt ist ein Gewebe von Erzählungen.

Wojtyla: Die Lebenswelt ist der Raum der sittlichen Bewährung und der gelebten Werte.

Schapp: Wir teilen Wir-Geschichten.

Wojtyla: Wir verwirklichen Solidarität durch das Mit-Tragen der Verantwortung des Nächsten.


Wojtyła rettet den Menschen aus einer reinen Passivität, die Schapps Ansatz drohen könnte. Er erinnert daran, dass das Christentum zwar eine Geschichte ist, die uns geschenkt und erzählt wird, dass diese Geschichte aber im Hier und Jetzt durch unsere eigenen, freien Taten im Glauben Fleisch und Blut annehmen muss.



SIEBTES KAPITEL

HANNA-BARBARA GERL-FALKOVITZ


Mit Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz holen wir eine der profiliertesten zeitgenössischen Religionsphilosophinnen und Phänomenologinnen Deutschlands ins Boot. Als herausragende Expertin für Edith Stein und Romano Guardini führt sie Schapps Ansatz der „Verstrickung“ dorthin, wo phänomenologische Analyse in existenzielle, christliche Vollzüge übergeht: in den Bereich des Leibes, des Spieles, der Liturgie und der radikalen Hingabe.


Aus ihrer Perspektive lässt sich Schapps Geschichten-Philosophie auf faszinierende Weise vertiefen:


Die Einklammerung korrigieren: Die Welt als „Gabe“

Gerl-Falkovitz macht in ihren Vorlesungen und Schriften immer wieder deutlich, worin das eigentliche Paradox der frühen Phänomenologie bestand: Husserl wollte alles Reale „einklammern“ (die Epoché), um das Wesen zu sehen. Aber genau durch diese radikale Reduktion stießen seine Schüler (wie Stein, Scheler oder Schapp) auf etwas ganz anderes: die tiefe Sinnhaftigkeit und Lebendigkeit der Welt.


Für Gerl-Falkovitz ist Schapps „Verstricktsein“ der phänomenologische Beweis dafür, dass die Welt uns vorgegeben ist. Sie ist kein Konstrukt unseres Geistes, sondern eine Gabe. Wenn Schapp sagt, wir finden uns in Geschichten vor, liest Gerl-Falkovitz dies als Chiffre für die Geschöpflichkeit. Wir empfangen unser Dasein als ein narratives Geschenk, das wir nicht selbst gemacht haben.


Der Leib als Erzählmedium

Schapp betont, dass Dinge und Räume in Geschichten verstrickt sind. Gerl-Falkovitz, die eine tiefgehende Anthropologie des Leibes vertritt, spitzt das zu: Unser eigener Körper ist der Ort, an dem diese Geschichten Fleisch werden.


Der Leib ist für sie kein bloßes biologisches Werkzeug (wie das „Zeug“ bei Heidegger) und auch nicht nur ein psychophysisches Objekt.


Er ist das primäre Ausdrucksmedium der Seele.


In unseren Gesten, in unserem Leiden, in unserem Altern und in unserer Sexualität schreiben und erleben wir phänomenologisch jene Geschichten, von denen Schapp spricht.


Ein christlicher Glaube, der auf der Menschwerdung (Inkarnation) Gottes basiert, darf Geschichten nicht als bloßes „Gerede“ verstehen – sie sind leibhaft erlebte Realität.


Die Liturgie als das „heilige Spiel“ der Geschichten

Hier verbindet Gerl-Falkovitz Schapp genial mit Romano Guardini. Schapp fragte, wie wir in die Wir-Geschichte der Kirche hineingezogen werden. Ihre Antwort lautet: durch das Phänomen des Spiels und der Liturgie.


Liturgie ist für Gerl-Falkovitz ein „zweckfreies, aber hochgradig sinnvolles Spiel“. In ihr wird die Heilsgeschichte nicht bloß intellektuell erinnert (wie man ein Geschichtsbuch liest), sondern phänomenologisch vollzogen:


Durch Weihrauch, Kniebeugen, Gesang und das Teilen von Brot und Wein werden die historischen Geschichten der Bibel aus der Vergangenheit geholt.


Der Mensch des 21. Jahrhunderts verstrickt sich leibhaftig in das Ostergeheimnis.


Die Liturgie ist der phänomenologische Raum, in dem Schapps Verstrickung eine sakrale, erlösende Qualität bekommt.


Schuld und Verzeihung des Unverzeihlichen

Ein zentrales Thema im Werk von Gerl-Falkovitz („Verzeihung des Unverzeihlichen?“) berührt Schapps Kernproblem der „tragischen Verstrickung“. Schapp weiß, dass wir uns in Schuldgeschichten verfangen können, aus denen es rational kein Entrinnen gibt. Jede Tat zieht neue Konsequenzen nach sich.


Gerl-Falkovitz zeigt phänomenologisch, dass Vergebung ein radikaler, fast übernatürlicher Einbruch in das kausale Netz der Geschichten ist.


Wer vergibt, bricht die logische Kette von Ursache und Wirkung auf.


Vergebung ist die radikale Weigerung, die destruktive Geschichte weiterzuerzählen.


Aus christlicher Sicht ist das die Definition von Gnade: Gott reißt uns nicht aus unserer Geschichte heraus, sondern er ermöglicht uns – inmitten unserer Verstrickung – einen absoluten Neuanfang.


Fazit aus Sicht von Gerl-Falkovitz

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz würde Wilhelm Schapp dafür danken, dass er die Phänomenologie aus dem Elfenbeinturm des reinen Bewusstseins (Husserl) in die lebendige Wirklichkeit geholt hat. Sie würde jedoch darauf bestehen, dass diese Geschichten keine bloßen psychologischen Narrative sind.


Für sie sind die Geschichten, in die wir verstrickt sind, Spuren der Transzendenz. Sie zeigen, dass der Mensch ein Wesen ist, das auf ein Gegenüber – letztlich auf den unendlichen Gott – hin angelegt ist, der unsere fragmentarischen Lebensgeschichten zu einem guten Ende führt.