SONETTE VON SOR JUANA

DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE



I


Entsprechungen zwischen Lieben und Verachten

Feliciano liebt mich – ach, ich kann’s nicht leiden;

Lisardo flieht mich – und ich lieb’ ihn sehr.

Dem, der mich kalt verschmäht, wein’ ich hinterher,

und den, der weint um mich, den lass’ ich scheiden.


Dem, der mich schmäht, möcht’ ich mein Herz bereiten;

den, der mich ehrt, entwürd’ge ich noch mehr.

Den, der mich hebt, stoß’ ich verächtlich her,

und den, der mich verachtet, will ich leiten.


Wehr’ ich dem einen, straft mich sein Begehren;

geb’ ich dem andern nach, quält mich sein Schweigen.

So muss ich beiden dienen und mich wehren,


der eine will, was ich nicht kann erreichen,

der andre hat nicht, was ich möcht’ begehren –

und beide lassen mich im Zwiespalt neigen.



II.


An ihr Bildnis


Dies Bild, das dich in Farben fein verkläret,

ein Blendwerk ist’s, das schmeichelnd dich verrät;

ein Trug, der, was die Zeit an dir zerfrisst,

mit falschem Schein dem Auge neu gewähret.


Was Kunst hier wagt, hat nur den Sinn begehret,

dem Alter seine Schatten abzuwehr’n;

doch wird kein Pinsel je den Tag verkehr’n,

der deine Blüte welkt und dich entehrt.


Ein eitler Schutz ist’s, der dem Schicksal trotzet,

ein Hauch im Wind, ein Flor, der bald verweht,

ein Schild, der bricht, sobald das Los ihn stutzet.


Ein töricht Werk, das nur im Schein besteht –

sieh hin: es ist, wenn man es recht ermotzet,

nur Staub und Schatten, was hier ewig steht.



III.


Moralische Betrachtung über eine Rose


Du Rose, die in zarter Purpurzier

der Schönheit Lehr’ und Meisterschaft entfaltet,

in der Natur ihr reinstes Bild gestaltet,

ein Schnee von Duft, ein Purpurglanz von dir.


Ein Gleichnis bist du unsrer Baukunst hier,

ein Beispiel, wie die Eitelkeit veraltet;

in deinem Sein hat Mutter Natur geschaltet

und Wiege wie auch Grab vereint in dir.


Wie stolz du stehst, dem Tod zum Trotz erkoren,

und wie du bald, von welkem Hauch getroffen,

zusammensinkst, der Kraft und Pracht verloren.


So täuscht dein Leben, das so schnell betroffen,

und sterbend lehrst du, was wir längst verloren:

dass Schönheit trügt – und Weisheit bleibt nur offen.



IV.


An Pater Francisco de Castro


Die Wunderblume, reich an Duft und Zier,

die Mexikos und Kastiliens Gärten krönet,

die, statt des Drachen, den Johannes höhnet,

den Geist erhebt und heil’ge Kraft in ihr –


sie zeigt, wie himmlisch sich das Licht gebier’,

das deine Feder, Vater, uns versöhnet;

wie jede Zeile, die dein Geist erwähnet,

ein Abbild ist des Himmels selbst in dir.


Zum zweiten Mal, so scheint’s, will Gott verkünden

sein Zeichen uns in blühend klaren Zügen,

in Blumen, die sein Rätsel neu begründen.


Doch schöner noch als jene stillen Fügen

sind deine Verse, die wir staunend finden –

ein Kranz, den selbst die Sterne dir genügen.



V.


Die Vernunft über den Geschmack


Den, der mich lässt, such’ ich in Liebesgluten;

den, der mich sucht, den lass’ ich kalt zurück.

Den, der mich kränkt, begehr’ ich voll Verzück’,

den, der mich ehrt, den straf’ ich mit Verbluten.


Dem, den ich liebe, bin ich hart wie Gluten;

dem, der mich liebt, verweigr’ ich mein Geschick.

Ich töte den, der mich will im Triumphstück,

und triumphier’ bei dem, der mich tut bluten.


Bezahle ich dem einen, leidet Triebe;

fleh’ ich dem andern, leidet mein Verstand.

So steh’ ich zwischen Pflicht und wilder Liebe.


Doch wähl’ ich lieber, dass ich unverwandt

die Sklavin sei des einen, den ich liebe,

als Beute sei des, der mich nie verstand.



VI.


Lieber sterben als die Schmach des Alters ertragen


Celia sah eine Rose, frisch im Glanz,

die rot und zart ihr Antlitz ließ erstrahlen,

als wollt’ sie selbst den Frühling übermalen

mit Purpurglut und jugendlichem Tanz.


„Genieß“, sprach Celia, „ohne Furcht und Kranz

den kurzen Lauf, den dir die Stunden malen;

denn was du heut’ empfängst in vollen Schalen,

nimmt dir kein Morgen, selbst im Totentanz.“


Und kommt der Tod, der rasch die Blüten bricht,

so klage nicht, dass er dich jung genommen –

denn schöner Tod ist’s, wenn das Alter nicht


dich trifft und dir die letzte Zier benommen.

Drum stirb, bevor dein Spiegel dich vernicht’:

der Jugend Glanz sei dir genug gekommen.



VII.


An die Hoffnung


Grün lockt sie uns, die Torheit unsrer Tage,

die Hoffnung, goldner Wahn in Menschengestalt,

ein Traum der Wachen, labyrinthisch, kalt,

ein Schatz, der schimmert – doch nur Blendwerk trage.


Sie ist der Weltgeist, jugendlich und vage,

ein Greisenlaub, das jugendlich sich malt;

der Glücklichen ersehnter Augenhalt,

der Unglücksel’gen morgige Zusage.


Ihr folg’ der, der durch grüne Gläser schauet

und alles färbt nach seinem eignen Willen,

sein Herz mit Wunschgespinsten überbauet.


Ich aber will die klare Wahrheit stillen:

mit offnen Augen, die kein Traum betrauet,

seh’ ich nur das, was meine Hände füllen.



VIII.


Wie sie einen Verdacht mit Tränen widerlegt


Als ich, mein Lieb, heut’ Nachmittag dir sprach,

sah ich in Blick und Haltung dein Verzagen,

dass Worte nicht die Wahrheit mitzutragen

vermochten – und mein Herz zerbrach.


Da kam die Liebe selbst mir still zuwach:

sie zwang, was schier unmöglich schien, zu sagen;

denn zwischen Tränen, die mein Leid beklagen,

zerfloss mein Herz und rann in Tropfen nach.


Genug der Strenge, Liebster, lass es enden;

quäl’ dich nicht mehr mit eifersücht’gen Plagen,

noch lass den Wahn dein stilles Glück verenden.


Du sahst, du fasstest – ohne zu verzagen –

mein Herz, das sich in Tränen dir will spenden,

und fühltest es zerschmolzen in den Händen.



IX.


Eine zufriedene Fantasie mit anständiger Liebe


Verweile, Schatten meines flücht’gen Glücks,

Bild jenes Zaubers, den mein Herz erkoren,

die süße Täuschung, der ich gern verloren,

der Traum, für den ich sterb’ in stillem Blick.


Wenn deiner Anmut Kraft, in sanftem Strick,

mein Herz wie Stahl an deinen Reiz gebunden,

warum verlockst du mich in süßen Stunden,

um dann zu fliehn, ein spöttisch Augenblick?


Doch rühmen darfst du nicht, in stolzem Wähnen,

dass deine Tyrannei mich niederzwänge;

denn ob du fliehst, mich spottest in den Tränen –


mein Geist hält dich, auch wenn mein Arm dich fänge.

Was nützt es, Leib und Nähe mir zu nehmen,

wenn meine Fantasie dich doch bedränge?



X.


Sie beklagt, dass man sie für ihr Talent schmäht


War, ach, mein Fehler so ein schwer Vergehen,

dass du, o Schicksal, mir zur Strafe gibst

nicht nur, was ich im Denken übertriffst,

sondern auch das, was du mich hören sehen?


So streng hast du dich wider mich erhoben,

dass ich mich selbst von deinem Sinn betrogen

und glaube, du hab’st mir den Geist gewogen,

damit mein Leid nur größer sei von oben.


Du gabst mir Ruhm, damit er mich erniedre;

du hobst mich hoch, damit ich tiefer falle;

und deine List, so scheint’s, war noch perfider:


du gabst mir Gaben, reichlich, über alle,

damit, wenn ich in Kummer mich vergieße,

kein Mensch mein Leid bemitleiden solle.



XI.


Warum ein einziger Liebender genug ist


Fabio, von allen wird die Schönheit gern

verehrt, denn jede will als Göttin gelten,

und hält die Altäre leer in ihren Welten,

wenn nicht die Opferflammen lodern fern.


Drum klagt die Schöne, wenn sie nur den Herrn

von einem Herzen hat in ihren Zelten;

sie glaubt, dass mehr als Reiz die Macht der Welten

ihr zukommt, wenn sie viele Beter nähr’n.


Ich aber bin in diesem Maß besonnen:

seh’ ich zu viele, wird mein Herz verwirrt,

und nur der eine sei von mir gewonnen,


der meinen Liebesdienst mit Liebe ziert.

Denn süß ist Liebe nur, wenn sie begonnen

in rechtem Maß – zu viel wie zu wenig irrt.



XII.


Sie will nicht gelten, als hätte sie vergessen


Du sagst, ich hätt’ dich, Celio, längst vergessen –

doch irrst du, denn ich denk’ nicht mal daran,

dich zu vergessen; nein, ich fang’ nicht an,

dich selbst als Schatten in mein Herz zu lassen.


So fremd bist du den Wegen meines Fassens,

dass meine Gedanken, die dich nie ersah’n,

nicht wissen, ob sie dich vergessen kann,

noch ob sie’s täten, würd’ es dich erfassen.


Wärst du zum Lieben fähig, wärst du’s auch

zum Vergessen – und das wär’ Ruhm gewesen,

zumindest einst in meines Herzens Bauch.


Doch bist du weit von solchem Los erlesen:

mein Nichtgedenken ist kein Nebelhauch,

es ist ein Nein – du bist nie dagewesen.



XIII.


Sonett an Martín de Olivas (Akristichon)


Mit scharfem Geist, der kühn die Formen lenkte,

Archimedes gleich, der Meister alter Zeit,

Rühmst du Erfindungskraft und Klarheit weit,

Tief, dass der Stein dein Namenszeichen schenkte.


In Marmor grubst du, was dein Werk bedenk­te,

Nicht ohne Kunst, ein Wunder der Geweiht’;

Dein Name, der in Blüten sich verstreut,

Erglänzt im Schild, den deine Hand beschenkte.


Oh möge mir der Himmel Kraft verleihen,

Lichtblick zu sein, der deinem Pfad sich neigt,

Im Meer der Wissenschaft mich zu befreien.


Als Schiff, das, wenn es deinem Ruhm sich zeigt,

Sich rühmen darf, in deinem Werk zu weihen,

So dass dein Name durch die Kunst sich zeigt.



XIV.


Die Tragödie von Pyramus und Thisbe


Ein düstrer Stamm, von schwarzer Trauer schwer,

birgt noch den Hall, der Thisbes Namen weinet;

ein hohler Zeuge, der die Nacht vereinet

mit jenem Leid, das längst vergangen wär’.


Er deckte einst das grüne Wiesenheer,

wo Pyramus, von Liebesqual gesteinet,

sein Herz entblößt, und Thisbe, die erscheinet,

gab Zeichen, die die Welt erschüttern sehr.


Da sah der Tod so viel verkehrte Liebe

und schloss die beiden in ein enges Band,

als wollt’ er heilen, was das Schicksal triebe.


Doch ach, wie grausam bleibt des Loses Hand:

sie kann dem Pyramus nicht Brust noch Triebe

zurückgeben – nicht einmal durch das Schwert im Sand.



XV.


An Julia


Die stolze Gattin, die Pompejus ehrte,

sah blutbefleckt sein Kleid – und voller Grauen

empörte sich ihr Herz, nicht zu vertrauen,

dass sie noch lebte, während er verzehrte.


Sie gab das Leben hin, das sie begehrte

als Hort des Gatten, ließ den Leib erschauen,

warf ab, was sie in Schmerzen wollt’ erbauen,

und raubte Rom den Frieden, den’s verehrte.


Hätt’ sie das Kind, das sie im Schoß getragen,

nicht sterbend aus der Welt hinweggeschoben,

so wär’ Pompejus’ Tod vielleicht verschlagen.


Wie grausam ist das Schicksal, das erhoben

mit jener Liebe, die sie stets getragen,

ihr selbst das Leid, das sie gefürchtet, loben.



XVI.


An Porcia

Welch Schmerz, Porcia, welch verblendetes Verlangen

treibt dich, dein eig’nes Leben so zu richten?

Was tat dir deine Unschuld, dass die Pflichten

des Selbstschutzes in Blut und Feuer prangen?


Wenn deinem Gatten trotz der frommen Bangen

das Schicksal hart begegnet in den Schichten,

so lass ihm doch den Trost der stillen Lichten,

nicht soll dein Tod sein Leid noch tiefer fangen.


Lass ab von Kohlen, die dein Herz verzehren;

nicht soll dein Liebesfeuer sich vermählen

mit Flammen, die den Leib in Asche kehren.


Denn wer an Liebesglut nicht will vergehen,

der wird an ird’schen Feuern kaum sich quälen –

die wahre Glut lässt keinen Tod verwehen.



XVII.


Das Werk der Lucretia


O Lucretia, deren edles Blut geflossen

aus jener Brust, die keusch und rein geblieben,

und deren Tropfen, wider Lust getrieben,

die Flamme löschten, die der König beschlossen.


Mit Recht hat dich die Welt so hoch erhoben,

denn deiner Tugend Preis ist kaum zu messen;

zu eng erscheint der Kranz, den wir ermessen,

für Ruhm, der selbst die Zeiten überflogen.


Doch könntest du den Weg, den du genommen,

auslöschen aus der Schrift der alten Tage,

so nimm die Spitze jenes Dolchs genommen,


mit dem du endetest so manche Plage;

denn mindert nicht dein reines Heil vollkommen,

dass du dich selbst erschlugst in deiner Klage.



XVIII.


Wie sie den Schmerz einer Leidenschaft mildert


Von einer Liebeswunde tief getroffen,

klagt’ ich, dass mich der Tod vielleicht erreiche;

ich suchte selbst, dass er sich näher schleiche,

als wär’ mein Herz für solches Leid geschaffen.


Mein Geist, in seinem Kummer eingeschlossen,

zählte die Qualen, die mein Herz erweiche;

und jede neue Pein, die ich erreiche,

ließ tausend Tote mir im Leben pochen.


Als dann der Schlag von beiden Seiten traf

und mein erschöpftes Herz den Atem barg,

als wollt’ es sterben, matt und kraftentblößt –


da sprach ich plötzlich, wie vom Traum erlöst:

„Wie wunderlich, dass ich mich selbst beklag’ –

wer war in Liebesdingen je so brav?“



XIX.


Die Wahl eines dauerhaften Lebensstandes

Wenn einer wüsste, was das Meer verheißt,

so würd’ kein Mensch sich je auf Schiffe wagen;

und säh’ er erst die Stürme, die dort jagen,

er bliebe fest, wo Land und Sicherheit.


Und wüsste einer, wie das Ross sich reißt,

wie wild sein Lauf, wie schwer sein Schlag zu tragen,

so würd’ kein Reiter, selbst in jungen Tagen,

den Zügel fassen, der die Kraft verleiht.


Doch gäb’ es einen, der so kühn und frei,

dass er, trotz aller Furcht, Apollos Wagen

mit eigner Hand zu lenken sich vermag –


der würd’ nicht zögern, ohne Furcht zu fragen,

und wählte nicht ein Amt, das täglich neu,

sondern ein Los, das trägt bis an den letzten Tag.



XX.


Warum Abwesenheit schlimmer ist als Eifersucht


Der Abwesende leidet still und schwer,

der Eifersücht’ge tobt in wilder Flamme;

der eine fühlt die Wahrheit, die ihn lähme,

der andre sieht Gespenster rings umher.


Der Eifersücht’ge zügelt manchmal sehr

sein Wüten, wenn Vernunft ihm kommt als Amme;

doch nichts kann mindern, was der andre sammle,

der seufzt und klagt, und findet keinen Wehr.


Der eine leidet Zweifel, unentschlossen;

der andre leidet sicher, ohne Pause;

der eine kämpft, der andre ist zerflossen.


Und wenn das Leid des Schadens sich erbaue,

so ist die Abwesenheit, unverdrossen,

ein größeres Verderben als die Eifersuchtsklause.



XXI.


Warum sie nicht einmal hassen will, was so unwürdig ist

Silvio, ich hasse dich – und doch verachte

ich selbst, dass du in meinem Sinn noch wohnst;

denn selbst ein Skorpion, vom Stahl bedroht,

macht Eisen schändlich, das ihn niederbrachte.


Du bist wie Gift, das unbedacht gemachte

Verwundung schädigt, die man kaum verschont;

so falsch, so schlecht, so tief im Trug bewohnt,

dass selbst zum Hass du kaum die Würde brachtest.


Dein Bild ruf’ ich mir auf – doch widerstrebt

mein Herz vor Schreck, es länger zu behalten,

als Strafe für das, was ich einst erstrebt.


Denn wenn ich prüfe, was die Jahre galten,

so hasse ich nicht nur dich, der mich erhebt –

ich hasse mich für’s Lieben deiner Falten.



XXII.


Ein Eifersüchtiger erklärt die Gefahr widersprüchlicher Gefühle


Ich zweifle nicht, Lisarda, dass ich liebe,

obgleich du mir so manches Leid getan;

ich bin zugleich erzürnt und dir getan –

zwei Kräfte, die ich trenne, doch nicht schiebe.


Dass Hass und Liebe in mir gleicher Triebe

sich halten, zeigt: kein Gefühl steht fortan

im höchsten Maß; denn Hass, der wachsen kann,

setzt Liebe voraus, die einst im Herzen bliebe.


Und glaubst du, dass die Seele, die dich wollte,

auf ewig an dein Weh gebunden wäre,

so irrst du, wenn du meinst, dass sie so sollte.


Denn wo der Hass die Liebe schwächt und leere,

da fällt, was einst im Höchsten stehen sollte,

vom Wenigen zuletzt ins Nichts der Leere.



XXIII.


Reue über eine unwürdige Liebe


Wenn ich mein Irren und dein Elend sehe,

Silvio, der einst mein Herz verführt, betrogen,

so spür’ ich, wie der Wunsch, der mich gezogen,

so sündig war, so stark, dass ich vergehe.


Ich glaub’ es kaum, dass je in meinem Wehe

ein Platz für dich war, der so tief verlogen;

du warst der letzte Punkt, der ungelogen

den Schlussstrich bildet’ unter meinem Flehe.


Ich wollt’, ich könnt’, wenn ich dich heut’ erblicke,

mein schändlich Liebesband ganz widerrufen;

doch mahnt Vernunft mich, dass ich’s offen schicke.


Denn nur durch laut Bekennen kann ich schufen,

dass ich, befreit von deiner falschen Tücke,

mein Herz vom Irrtum reinige in Stufen.



XXIV.


Schwere Wirkungen der Liebe – und dass die Ursache sie übertrifft


Siehst du mich, Alcino, wie in Ketten schwer

der Liebe ich gefangen, ganz verloren,

in Elend, Knechtschaft, Qualen neu geboren,

der Freiheit fern, dem Trost des Lebens leer?


Siehst du mein Herz, von Angst erfüllt so sehr,

von Flammen wild gepeitscht, die mich durchbohren,

und wie ich selbst, von Pein und Wahn erkoren,

mich minder wert als meine Leiden ehr’?


Siehst du mich folgen einem Wahngebilde,

das ich verurteile und doch weiter trage?

Siehst du mein Blut, das rinnt in roter Milde,


auf falscher Spur, in selbstgewählter Plage?

Du wunderst dich? Dann sieh, wie groß und wilde

die Ursache – weit größer als die Klage.



XXV.


Neue Lobpreisung der Tat der Lucretia


arquinius sucht mit List dein Herz zu zwingen,

Lucretia, bald mit Flehn, bald mit Verlangen;

bald schweigt er, bald lässt Tränen sich verfangen,

bald will er dir die ganze Seele bringen.


Und wenn er glaubt, dein Herz würd’ sich bezwingen,

so muss er, wie Sisyphus, neu anfangen;

sein Lohn ist stets, erneut sich aufzurangen,

und nie den Gipfel seiner Lust zu bringen.


Er lodert wild, und deine keusche Stärke

wächst nur, je mehr er deine Tugend kränkt,

und macht sein Wüten härter in der Werke.


O göttlich Fügen, die dein Sein beschenkt:

dein Ehrgefühl, das er zu Fall will merken,

macht dich durch seine Schmach erst voll vollendet.



XXVI.


Klage über das Schicksal und Rechtfertigung der Hinwendung zu den Musen


Warum, o Welt, verfolgst du mich so sehr?

Worin beleid’ge ich dich, wenn ich strebe,

mein Denken zu verschönern – nicht das Gewebe

der Schönheit selbst zu suchen rings umher?


Ich schätze Reichtum nicht, noch Gold noch Heer;

mich kränkt’s, wenn ich den Geist dem Glanz ergebe,

statt Reichtum in den Geist zu legen, hebe

ich lieber Geist als Reichtum um mich her.


Auch Schönheit schätz’ ich nicht, die bald verflogen

als Raub der Zeit in Staub und Schatten fällt;

noch Reichtum, der auf Lügen ist erzogen.


Ich wähle lieber, was die Wahrheit hält:

die Eitelkeit des Lebens abgewogen –

nicht Leben selbst in Eitelkeit gestellt.



XXVII.


Was schlimmer ist: zu lieben oder geliebt zu werden, wenn beides verkehrt ist


Dass Fabio mich nicht liebt, obwohl ich’s tue,

ist Schmerz, der tief in meinem Herzen brennt;

doch dass mich Silvio liebt, den ich nicht kenn’,

ist minder schlimm – doch auch kein süßes Ruhe.


Welch Leid ist’s, wenn das Ohr in steter Ruhe

den Stolz des einen hört, der mich verkennt,

und dann das Seufzen dessen, der mich nennt,

den ich verschmäh’, und dem ich nichts antue.


Wenn Silvios Treue mich ermüdet, schwer,

so müde ich auch Fabio, der mich meidet,

wenn ich von ihm Erwiderung begehr’.


So bin ich doppelt, ganz und gar, verleidet:

ich leide, wenn ich liebe – noch viel mehr,

wenn einer liebt, den meine Liebe meidet.



XXVIII.


An die hochgeborene Señora de Paredes

Ein Sohn, den eine Magd zur Welt gebracht,

gehört – so spricht das Recht – dem Herrn alleine,

dem sie gehorcht, und dessen Macht die seine

durch ihre Mutterschaft erst wirksam macht.


Die Frucht, die auf dem Feld in Fülle lacht,

gehört dem Herrn, der sorgsam, ohne Peine,

den Boden nährt – und wächst sie reich und reine,

so schuldet sie ihm, was sie groß gemacht.


So, göttliche Lisi, diese Zeilen hier,

die Kinder meiner Seele, meines Herzens,

gebührt es, dass ich sie zurückgeb’ dir.


Und hindern sollen sie nicht ihre Schmerzen;

denn dir gehören, rechtens, sie und wir –

da deine Seele Ursprung ist des Scherzens.



XXIX.


Die mexikanische Muse, erhabene Tochter


Die mexikanische Muse, Apollos Kind,

doch göttlicher als selbst die neun Gefährtinnen,

weil sie, als jüngste Tochter seiner Gärten,

dem Sonnenvater spät im Westen rinnt.


Wie fein sie denkt! Wie klug ihr Worte sind!

Wie zart sie spricht, wie rein die Töne gären!

Und singt sie Liebe, kann kein Laut entehren –

so rein, dass selbst der Schatten Tugend find’t.


Einzige Dichterin, dein hoher Geist,

den du nicht streust, nein, weise zu verwenden,

ist selbst dem scharfen Blick der Liebe heiß.


O mögest du, Pilgerin, dich mir verenden,

wenn je mein Denken durch die Lüfte reist –

damit es dich in seinen Räumen fände.



XXX.


Tränen, die unweigerlich fließen beim Anblick der Geliebten


Du willst, Anarda, dass ich ohne Tränen

in deine Augen seh’ – und ich verstehe,

dass du nicht weißt, warum ich, wenn ich gehe,

schon halb verloren bin in süßen Sehnen.


Die Liebe, Herrin, lässt sich nicht verwehren:

mein Herz, in Flammen, die kein Wort vergehe,

treibt Blut und Atem aufwärts in die Höhe,

bis sie als Dampf aus meinen Blicken kehren.


Dann suchen meine Augen dein Erscheinen,

den Mittelpunkt des Zaubers, den sie kennen,

und eh sie dich in Ehrfurcht ganz vereinen,


prallt Licht an deiner Kühle, deinem Trennen –

und was als warmer Hauch begann zu scheinen,

kehrt, an dir gebrochen, heim als Tränen.



XXXI.


Inés, wenn man dich eine Spitzbübin nennt


Inés, wenn man dich schilt als lose Dirne,

hast du sofort ein Alibi zur Hand;

du sagst, es sei nur dies, nur jenes Tand –

und deckst geschickt, was du im Stillen birne.


Ergreifst du erst das Wort, so lärmt die Stirne:

kein Vogel kreischt so schrill im ganzen Land;

du polterst, dass der Boden fast verbrannt,

und wirbelst Lärm wie Glocken in der Firne.


Dies ganze Toben wirft die Welt in Stücke,

dies Gaukelspiel verwirrt die halbe Stadt –

doch weiß mein Herz, trotz all der kleinen Tücke,


wie sehr es weiß, was man vergeben hat;

und lässt sich nicht betören von der Mücke –

du bist ein Wirbelwind, und ich ein Blatt.



XXXII.


Obwohl du, Teresilla, so jung bist…


Obwohl du, Teresilla, jung an Jahren,

machst du dem armen Camacho schwer zu schaffen;

denn selbst ein Mann, der frei von allen Waffen,

würde an deinem Spiel sich bald verfahren.


Von deinen Liebesdiensten ganz befahren,

trägt er die Last wie einer deiner Schaffen;

sein Stolz wächst so, dass er kaum kann entschlaffen,

und muss sich bücken, um den Kopf zu wahren.


Du bist so geübt im Spott, im kleinen Scherze,

und weißt so gut, wie man aus Fallen geht,

dass, was dein Mund erzählt aus deinem Herzen,


ihm glauben lässt, was er so gerne fleht:

dass du, um seine Habe zu vergrößern,

aus fremder Saat ihm deine Ernte nähst.