BHAGAVADGITA IN PROSA

VON TORSTEN SCHWANKE




Einleitung: Die Bhagavad-Gita – Ein zeitloser Dialog


Die Bhagavad-Gita, das „Gesang des Erhabenen“, nimmt in der Weltliteratur einen singulären Rang ein. Eingebettet in das monumentale Epos des Mahabharata, ist sie weit mehr als ein episches Zwischenspiel; sie ist ein philosophisches Kompendium, das die existenziellen Fragen des Menschseins mit einer Dringlichkeit behandelt, die auch Jahrtausende nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat.


Ein philosophisches Meisterwerk

Als philosophischer Text ist die Gita eine Synthese der indischen Weisheitslehren. Sie führt den Leser durch das Labyrinth der Dharma-Fragen – die Frage nach der rechten Lebensführung inmitten von Pflicht, Verantwortung und persönlichem Streben. Ihr Wert liegt nicht in einer starren Lehrmeinung, sondern in der dialektischen Führung durch die verschiedenen Wege zur Erkenntnis (Yogas): den Weg des Handelns (Karma-Yoga), des Wissens (Jnana-Yoga) und der liebenden Hingabe (Bhakti-Yoga). Sie lehrt den Menschen, inmitten der Wirren und der „Schlachtfelder“ des eigenen Lebens eine innere Haltung der Gelassenheit und des uneigennützigen Handelns zu bewahren.


Die poetische Form: Dialog im Spannungsfeld

Die poetische Gestalt der Gita ist untrennbar mit ihrer philosophischen Tiefe verbunden. Als Dialog zwischen dem zweifelnden Krieger Arjuna und dem göttlichen Wagenlenker Krishna entfaltet sich die Lehre in der dynamischen Form eines Gesprächs. Die metrische Struktur des Sanskrit-Originals verleiht der Unterweisung eine rhythmische Eindringlichkeit, die den Text wie ein Mantra wirken lässt. In der vorliegenden Prosaübersetzung wurde versucht, diese poetische Energie zu bewahren, indem die Eleganz und Dichte der Sprache den Charakter eines spirituellen Zwiegesprächs unterstreicht – eine Reise von der existentiellen Verzweiflung zur klaren Einsicht.


Die Bedeutung für den christlichen Dialog

Für christliche Leserinnen und Leser bietet die Gita eine faszinierende Resonanzfläche. Obwohl sie in einer grundlegend anderen kulturellen und religiösen Tradition verwurzelt ist, finden sich in ihr universelle Themen, die auch im christlichen Denken zentrale Ankerpunkte bilden: die Notwendigkeit der Selbsthingabe an das Göttliche, das Gebot des Handelns ohne Anhaftung an den persönlichen Vorteil und die tiefe spirituelle Freundschaft zwischen Mensch und Gott. Viele christliche Denker haben in der Gita eine „Suche nach dem göttlichen Wort“ erkannt. Sie fordert dazu auf, die eigene Tradition im Licht einer fremden, doch wesensverwandten Weisheit neu zu befragen. So wird die Gita für Christen nicht zu einer Alternative zum eigenen Glauben, sondern zu einer Einladung, die Tiefe und Weite des göttlichen Mysteriums, das keine Grenzen kennt, mit neuen Augen zu betrachten.


Diese Übersetzung möge dem Leser nicht nur als intellektuelle Begegnung mit einem antiken Klassiker dienen, sondern als spiritueller Begleiter, der – ähnlich wie Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra – hilft, die eigene Mitte in einer fragilen Welt zu finden.




Kapitel I: Die Aufstellung der Armeen auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra


Dhritarashtra sprach:

„O Sanjaya, sag mir: Was taten meine Söhne und die Pandavas, als sie sich auf der heiligen Ebene von Kurukshetra versammelt hatten, begierig auf den Kampf?“


Sanjaya sprach:

Als König Duryodhana die Armee der Pandavas in Schlachtaufstellung sah, näherte er sich seinem Lehrer Drona und sprach: „O Lehrer, betrachte diese gewaltige Armee der Söhne Pandus, aufgestellt von deinem intelligenten Schüler, dem Sohn Drupadas (Dhrishtadyumna). In ihr stehen viele tapfere und mächtige Bogenschützen, die an Kampfesmut Bhima und Arjuna ebenbürtig sind: Yuyudhana, Virata und der mächtige Wagenkrieger Drupada; ebenso Dhrishtaketu, Chekitana, der tatkräftige Herrscher von Kasi, Purujit, Kuntibhoja und Saivya, der Stier unter den Menschen; dazu der tapfere Yudhamanyu, der kraftvolle Uttamaujas, der Sohn Subhadras und die Söhne Draupadis – allesamt mächtige Wagenkrieger.


Höre nun, o Bester der Zweimalgeborenen, wer die Anführer unserer eigenen Armee sind, damit du sie dir einprägen kannst: Du selbst, Bhishma, Karna, der stets siegreiche Kripa, Aswatthaman, Vikarna, Saumadatta und Jayadratha. Es gibt noch viele weitere heldenhafte Krieger, die bereit sind, ihr Leben für mich zu opfern; sie sind mit verschiedenen Waffen ausgerüstet und im Kampf geübt. Unsere von Bhishma beschützte Armee ist zwar unzureichend, doch jene Streitmacht der Pandavas, die von Bhima behütet wird, scheint uns überlegen. Stellt euch daher alle an euren zugewiesenen Positionen auf und beschützt Bhishma mit vollem Einsatz.“


Um Duryodhana zu ermutigen, stieß der tapfere Großvater der Kurus (Bhishma) ein löwenartiges Gebrüll aus und blies seine Muschel. Sofort erschollen ringsum Muschelhörner, Trommeln, Zimbeln und Hörner, und das Getöse schwoll zu einem ohrenbetäubenden Aufruhr an.


Da bliesen Krishna (Madhava) und Arjun (Pandus Sohn), die beide auf einem großen, mit weißen Rossen bespannten Wagen standen, ihre göttlichen Muschelhörner. Hrishikesha (Krishna) blies sein Panchajanya, Dhananjaya (Arjuna) sein Devadatta, und Vrikodara (Bhima), der zu schrecklichen Taten fähig ist, blies seine gewaltige Muschel namens Paundra. König Yudhishthira, der Sohn Kuntis, blies das Anantavijaya, während Nakula und Sahadeva ihre Muscheln, Sughosa und Manipushpaka, ertönen ließen. Auch der Herrscher von Kasi, der große Bogenschütze, Sikhandin, Dhrishtadyumna, Virata, der unbesiegte Satyaki, Drupada, die Söhne Draupadis und der starkarmige Sohn Subhadras bliesen – jeder für sich – ihre Muschelhörner. Das Dröhnen, das laut durch Himmel und Erde widerhallte, zerriss die Herzen der Dhartarashtras.


Als der Sohn Pandus, dessen Wagen das Affenbanner schmückte, sah, dass die Truppen der Dhartarashtras aufmarschiert waren und die Waffen bereits gehoben wurden, wandte er sich an Hrishikesha (Krishna) und sprach:


Arjuna sprach:

„O Unfehlbarer, bitte lenke meinen Wagen zwischen die beiden Armeen, damit ich jene beobachten kann, die hier begierig auf den Kampf stehen und mit denen ich mich in diesem Krieg messen muss. Ich möchte diejenigen mustern, die versammelt sind, um dem bösen Sohn Dhritarashtras im Kampf zu dienen.“


Sanjaya fuhr fort:

So von Gudakesa (Arjuna) gebeten, lenkte Hrishikesha den prächtigen Wagen zwischen die beiden Armeen, genau vor Bhishma, Drona und alle Könige der Erde, und sprach: „O Partha, betrachte hier die versammelten Kurus.“


Dort erblickte der Sohn Prithas (Arjuna) Väter, Großväter, Lehrer, Onkel, Brüder, Söhne, Enkel, Freunde sowie Schwiegerväter und Gratulanten in beiden Armeen. Als der Sohn Kuntis all diese Verwandten dort stehen sah, wurde er von tiefem Mitleid ergriffen und sprach verzweifelt:


„O Krishna, beim Anblick dieser Verwandten, die kampfeslustig vor mir stehen, versagen meine Glieder und mein Mund wird trocken. Mein Körper zittert und mein Haar sträubt sich. Mein Bogen Gandiva entgleitet meiner Hand, und meine Haut brennt. Ich kann nicht länger stehen; mein Geist scheint zu wandern. Ich sehe nur ungünstige Vorzeichen, o Kesava. Ich wünsche mir keinen Sieg, o Krishna, noch Souveränität oder Vergnügen. Was nützt uns ein Königreich, o Govinda, oder Vergnügen und Leben, wenn jene, um deren willen wir uns all das wünschen – Lehrer, Väter, Söhne, Großväter, Onkel, Schwiegerväter und Verwandte –, hier bereitstehen, ihr Leben und ihren Reichtum im Kampf zu opfern?


Selbst wenn sie mich töten wollten, möchte ich sie nicht erschlagen, o Vernichter von Madhu – nicht einmal für die Herrschaft über die drei Welten, geschweige denn für dieses irdische Königreich. Welche Befriedigung könnte uns das Töten der Dhartarashtras bringen? Wir würden nur Sünde auf uns laden, indem wir diese Feinde, die zugleich unsere Verwandten sind, töten. Es ziemt sich nicht für uns, unsere eigenen Verwandten umzubringen. Wie könnten wir dabei glücklich werden, o Madhava?


Auch wenn sie, deren Urteil durch Habgier pervertiert ist, das Unheil der Zerstörung einer Sippe und die Sünde des mörderischen Streits nicht erkennen – warum sollten wir, die wir die Folgen dieser Vernichtung sehen, uns nicht von dieser Sünde abwenden? Mit der Zerstörung einer Rasse gehen die ewigen Familienbräuche verloren, und wenn die Tugend schwindet, überwältigt die Sünde die gesamte Gemeinschaft. Durch die Vorherrschaft der Sünde verderben die Frauen der Familie, und wenn sie verderben, entsteht eine Vermischung der Kasten. Dies führt sowohl die Zerstörer der Familie als auch die Familie selbst in die Hölle, da die Opferriten für die Ahnen versiegen. Durch diese Sünden, welche die Kastenordnung und die ewigen Familienriten zerstören, stürzen die Menschen in ewiges Leid. O Janardana, wir haben gehört, dass für diejenigen, deren Familienriten aussterben, nur die Hölle bleibt.


Welch ein schweres Verbrechen haben wir geplant! Aus Gier nach der Herrschaft sind wir bereit, unsere eigenen Verwandten zu erschlagen. Es wäre für mich besser, wenn die Söhne Dhritarashtras mich unbewaffnet und wehrlos im Kampf erschlügen.“


Sanjaya fuhr fort:

Nachdem Arjuna dies auf dem Schlachtfeld gesagt hatte, legte er Pfeil und Bogen beiseite und sank, von tiefem Kummer geplagt, auf seinen Wagen zurück.





Kapitel II: Die Lehre vom Yoga (Die Philosophie des Geistes)


Sanjaya sprach:

„Als der Mörder von Madhu (Krishna) den in Mitleid versunkenen Arjuna sah, dessen Augen vor Tränen überflossen und der tief verzweifelt war, sprach er zu ihm:“


Der Heilige (Krishna) sprach:

„O Arjuna, woher kommt diese Verzagtheit in dieser kritischen Stunde? Sie ist eines edlen Mannes unwürdig, verschließt den Weg zum Himmel und bringt nur Schande. Sei nicht so verweichlicht, o Sohn der Kunti; das passt nicht zu dir. Schüttle diese Herzensschwäche ab und erhebe dich, o Feindevernichter!“


Arjuna sprach:

„O Bezwinger Madhus, wie soll ich Bhishma und Drona mit Pfeilen bekämpfen? Sie verdienen meine Verehrung! Es ist besser, in dieser Welt als Bettler zu leben, als diese ruhmreichen Lehrer zu erschlagen. Würde ich sie töten, wären meine Freuden mit Blut befleckt. Wir wissen nicht, was besser ist: dass wir sie besiegen oder sie uns. Selbst jene Dhartarashtras, deren Tod ich nicht wünsche, stehen uns gegenüber. Mein Wesen ist von Mitleid befallen und mein Geist über meine Pflicht verwirrt. Ich flehe dich an: Sag mir, was gewiss gut für mich ist. Ich bin dein Schüler; unterweise mich, ich suche deine Hilfe. Ich sehe nichts, was meinen Kummer lindern könnte, selbst wenn ich ein blühendes Königreich auf Erden oder die Herrschaft über die Götter erlangen würde.“


Sanjaya sprach:

Nachdem Arjuna dies zu Hrishikesha (Krishna) gesagt hatte, erklärte er: „Ich werde nicht kämpfen“ – und schwieg. Daraufhin sprach Krishna inmitten der beiden Armeen zu dem Niedergeschlagenen:


Der Heilige sprach:

„Du betrauerst jene, die es nicht verdienen, betrauert zu werden, obwohl du wie ein Weiser sprichst. Wahre Weise trauern weder um die Toten noch um die Lebenden. Niemals gab es eine Zeit, in der ich, du oder diese Könige nicht existierten, und niemals werden wir in Zukunft aufhören zu sein. So wie das verkörperte Wesen in diesem Körper Kindheit, Jugend und Alter durchläuft, so nimmt es beim Tod einen anderen Körper an – darüber täuscht sich der Weise nicht.


Die Berührungen der Sinne mit ihren Objekten erzeugen Wärme und Kälte, Freude und Schmerz. Sie sind vergänglich, haben einen Anfang und ein Ende; ertrage sie tapfer, o Bharata! Wer sich von diesen Empfindungen nicht erschüttern lässt, wer in Schmerz und Freude gleichmütig bleibt und einen festen Geist besitzt, ist reif für die Befreiung.


Wisse, dass das, was das gesamte Universum durchdringt, unzerstörbar ist; niemand kann die Zerstörung des Unvergänglichen herbeiführen. Nur die Körper haben ein Ende, doch die innewohnende Seele ist ewig und unendlich. Kämpfe daher! Wer glaubt, die Seele könne töten oder getötet werden, der irrt; sie tötet nicht, noch wird sie getötet. Sie wird nicht geboren, noch stirbt sie. Sie ist ungeboren, ewig und uralt; sie stirbt nicht, wenn der Körper zugrunde geht. Wer dies weiß, wie und wen sollte er töten? Wie ein Mensch alte Kleider ablegt und neue anzieht, so legt die Seele abgenutzte Körper ab und tritt in neue ein. Keine Waffe kann sie spalten, kein Feuer sie verbrennen, kein Wasser sie benetzen, kein Wind sie austrocknen.


Da du weißt, dass sie unzerstörbar und unveränderlich ist, ziemt es dir nicht, zu trauern. Selbst wenn du glaubst, dass sie ständig geboren wird und stirbt, hast du keinen Grund zur Trauer, denn der Tod ist für den Geborenen gewiss und die Geburt für den Toten. Alle Wesen sind vor der Geburt und nach dem Tod unmanifestiert; nur im Zwischenzustand sind sie sichtbar.


Für einen Kshatriya (Krieger) gibt es nichts Besseres als einen gerechten Kampf. Ein solcher Kampf, der wie ein offenes Tor zum Himmel vor dir liegt, ist ein Glücksfall. Wenn du diesen gerechten Kampf verweigerst, lädst du Sünde auf dich, vernachlässigst deine Pflicht und deinen Ruhm. Die Menschen werden deine Schande verkünden, und für einen Achtbaren ist Schande schlimmer als der Tod. Erschlagen wirst du den Himmel erreichen; siegreich wirst du die Erde genießen. Erhebe dich daher entschlossen zum Kampf! Betrachte Freude und Schmerz, Sieg und Niederlage als gleich und kämpfe – so wirst du keine Sünde auf dich laden.


Dies ist das Wissen des Sankhya; höre nun von der Lehre des Yoga. Wer darin handelt, wirft alle Fesseln ab. Auf diesem Pfad geht keine Anstrengung verloren, und selbst ein kleiner Fortschritt bewahrt vor großer Angst. Hier gibt es nur einen Geisteszustand: die feste Hingabe. Die Gedanken der Unentschlossenen jedoch verzweigen sich in endlose Wünsche. Diejenigen, die den blumigen Worten der Veden folgen und nach irdischen Freuden streben, verstricken sich in Geburten und Riten, doch ihr Geist findet nicht zur wahren Kontemplation.


Sei frei von den drei Gunas (Eigenschaften) und den Gegensatzpaaren. Dein Recht gilt nur dem Handeln, niemals den Früchten des Handelns. Sei nicht motiviert durch den Lohn, aber verfalle auch nicht der Untätigkeit. Bleibe in der Hingabe, verrichte deine Pflicht, lege jede Anhaftung ab und bleibe gleichmütig in Erfolg und Misserfolg. Dieser Gleichmut wird Yoga genannt. Klug ist, wer in diesem Yoga handelt und so von der Last der Früchte befreit wird. Wenn dein Geist das Labyrinth der Täuschung durchquert hat, wirst du wahre Gleichgültigkeit erreichen.“


Arjuna sprach:

„O Kesava, was sind die Kennzeichen eines Menschen, dessen Geist fest auf Kontemplation ruht? Wie spricht, wie sitzt und wie bewegt sich ein Mensch von beständigem Geist?“


Der Heilige sprach:

„Wenn jemand alle Wünsche seines Herzens ablegt und in sich selbst zufrieden ist, dann ist er von beständigem Geist. Wer frei von Anhaftung, Angst und Zorn ist, gilt als ein Weiser. Wenn er seine Sinne von den Objekten zurückzieht, wie eine Schildkröte ihre Glieder, ruht sein Geist fest. Sinnliche Objekte mögen sich von dem Abstinenzler abwenden, doch das Verlangen bleibt oft zurück – erst wenn man das Höchste Wesen schaut, schwindet selbst das Verlangen.


Die Sinne sind so stürmisch, dass sie selbst den Geist eines Weisen fortreißen können. Wer sie zügelt und mich zur Zuflucht macht, dessen Geist ist fest. Wer über Sinnesobjekte nachdenkt, entwickelt Anhaftung; aus Anhaftung entsteht Zorn, daraus Verblendung, daraus Gedächtnisverlust, daraus der Verlust der Vernunft und schließlich der Untergang. Wer jedoch seine Sinne ohne Anhaftung und Abneigung beherrscht, erlangt inneren Frieden. Ohne diesen Frieden gibt es kein Glück. So wie der Wind ein Boot auf dem Wasser fortreißt, raubt ein Geist, der den Sinnen folgt, dem Menschen den Verstand.


Der Beherrschte ist wach, wenn es für alle Geschöpfe Nacht ist; wenn andere wach sind, ist es Nacht für den Weisen. Wie der Ozean stets gefüllt wird, ohne aus den Ufern zu treten, so erlangt derjenige Frieden, in den alle Wünsche eingehen – nicht derjenige, der den Wünschen nachjagt. Wer alle Begierden aufgibt, frei von Ich-Sinn und Stolz lebt, erlangt den göttlichen Zustand und wird am Ende in das Höchste Selbst aufgenommen.“




Kapitel III: Karma-Yoga (Der Pfad des Handelns)


Arjuna sprach:

„O Janardana, wenn du Wissen als dem Handeln überlegen ansiehst, warum verpflichtest du mich dann zu diesem schrecklichen Kampf, o Kesava? Mit deinen zweideutigen Worten scheinst du meinen Verstand zu verwirren. Sag mir klar: Welcher Weg ist der eine, durch den ich das Höchste erreichen kann?“


Der Heilige (Krishna) sprach:

„O Sündloser, ich habe bereits gesagt, dass es in dieser Welt zwei Wege zur Selbstverwirklichung gibt: den Weg des Wissens für die Kontemplativen (Sankhyas) und den Weg des Handelns für die Tätigen (Yogis). Ein Mensch erreicht nicht die Freiheit vom Handeln, indem er einfach nichts tut, noch erlangt er Vollkommenheit allein durch Entsagung. Niemand kann auch nur einen Augenblick ohne zu handeln verweilen, denn alle Wesen werden von den Kräften der Natur zum Handeln getrieben.


Wer seine Sinnesorgane zügelt, aber im Geist ständig über die Sinnesobjekte nachsinnt, der ist ein Heuchler. Wer jedoch seine Sinne durch den Verstand beherrscht und ohne Anhaftung seine Pflicht erfüllt, der ist wahrlich ausgezeichnet. Verrichte daher deine Pflicht, denn Handeln ist besser als Untätigkeit; selbst zur Erhaltung deines Körpers ist Arbeit notwendig.


Die Welt ist in die Fesseln des Karmas gebunden, es sei denn, man handelt als ein Opfer für das Göttliche. Erfülle daher deine Pflicht, o Sohn Kuntis, ohne an das Ergebnis zu haften. Der Schöpfer brachte einst die Wesen zusammen mit dem Opfer hervor und sprach: ‚Durch dieses Opfer werdet ihr gedeihen.‘ Nähre durch Opfergaben die Götter (die kosmischen Kräfte), und mögen sie dich nähren. Wer die Gaben der Götter genießt, ohne ihnen etwas zurückzugeben, der ist wie ein Dieb. Diejenigen, die die Reste des Opfers als geistige Nahrung empfangen, werden von Sünden befreit.


Alle Wesen entstehen aus Nahrung, Nahrung entsteht aus Regen, Regen aus dem Opfer, und das Opfer entspringt dem rechten Handeln. Wisse, dass das Handeln in den Veden wurzelt, die vom Ewigen ausgehen; daher ist das Allgegenwärtige stets im Opfer gegenwärtig. Wer nicht in diesem Rad des Lebens mitwirkt, sondern nur seine Sinne erfreut, der lebt umsonst.


Doch wer im Selbst ruht und in sich selbst zufrieden ist, der hat keine weltliche Pflicht mehr zu erfüllen. Er gewinnt nichts durch Handeln und verliert nichts durch Unterlassung, und er ist von keinem Wesen abhängig. Handle daher stets pflichtbewusst, ohne Anhaftung; wer so handelt, erreicht das Höchste. Auch Könige wie Janaka erreichten die Vollkommenheit durch solches Handeln. Was ein Großer tut, das tun ihm andere gleich; die Welt folgt dem Maßstab, den ein Vorbild setzt.


O Partha, in allen drei Welten gibt es für mich nichts zu tun, denn ich habe alles erreicht, was zu erreichen ist; dennoch bleibe ich tätig. Würde ich nicht ohne Unterlass handeln, würden die Menschen meinem Beispiel folgen und die Welt zugrunde gehen, da Ordnung und Gemeinschaft zerfielen. Wie der Unwissende aus Anhaftung handelt, so soll der Weise ohne Anhaftung handeln, um die Welt auf dem Pfad der Pflicht zu halten. Er sollte den Geist der Unwissenden nicht verwirren, sondern sie durch sein eigenes Beispiel zum rechten Handeln ermutigen.


Alle Handlungen werden durch die Kräfte der Natur vollbracht; wer jedoch von Egoismus getäuscht ist, glaubt, er selbst sei der Handelnde. Wer aber das Wesen der Naturkräfte kennt, der weiß, dass die Sinne nur auf Sinnesobjekte treffen, und bleibt unberührt. Widme mir daher alle deine Taten, richte deinen Geist auf das Höchste Selbst, befreie dich von Verlangen und Egoismus und kämpfe! Wer diesen meinen Rat mit Glauben und ohne Klagen befolgt, der wird durch das Handeln selbst befreit. Wer ihn jedoch aus Missgunst missachtet, der ist ohne jedes Wissen und geht zugrunde.


Selbst der Weise handelt gemäß seiner eigenen Natur. Die Sinne neigen zu Anziehung und Abstoßung – lass dich nicht von ihnen beherrschen, denn sie sind Hindernisse auf dem Weg. Es ist besser, seine eigene Pflicht unvollkommen zu erfüllen, als die Pflicht eines anderen vollkommen auszuüben. Der Tod in der Erfüllung der eigenen Pflicht ist ein Segen; die Pflicht eines anderen zu übernehmen, bringt nur Gefahr.“


Arjuna sprach:

„O Sohn der Vrishni-Rasse, von welcher Macht getrieben begeht der Mensch Sünde, auch wider seinen Willen, als würde er dazu gezwungen?“


Der Heilige sprach:

„Es ist das Verlangen, es ist der Zorn, geboren aus der Leidenschaft, der alles verschlingt und zutiefst sündhaft ist. Wisse, dies ist der Feind in dieser Welt. Wie Feuer vom Rauch, ein Spiegel vom Staub oder ein Fötus von der Gebärmutter umhüllt ist, so wird das Wissen von diesem unersättlichen Verlangen verhüllt.


Die Sinne, der Verstand und der Verstandesfunke sind seine Wohnstätten. Durch sie täuscht das Verlangen das verkörperte Selbst und verhüllt das Wissen. Zügele daher zuerst deine Sinne, o Stier der Bharatas, und töte dieses Laster, das Wissen und Selbsterkenntnis zerstört. Die Sinne sind mächtig, doch mächtiger als die Sinne ist der Verstand; mächtiger als der Verstand ist das Denken, und mächtiger als das Denken ist das Selbst. Erkenne also, dass du jenseits des Verstandes stehst, und besiege durch das Selbst das Verlangen – diesen schwer zu bezwingenden Feind.“




Kapitel IV: Jnana-Yoga (Der Pfad des Wissens)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Diese unvergängliche Lehre vom Yoga habe ich einst Vivaswat, dem Sonnengott, offenbart. Er gab sie an Manu weiter, und dieser lehrte sie Ikshaku. So wurde dieses Wissen von Generation zu Generation den königlichen Weisen überliefert. Doch mit der Zeit, o Züchtiger der Feinde, ist dieser Yoga in der Welt verloren gegangen. Dass ich dir heute eben diese Lehre erneut verkünde, geschieht, weil du mein Verehrer und Freund bist – es ist ein tiefes Geheimnis.“


Arjuna sprach:

„Deine Geburt ist später, die Geburt Vivaswats liegt in fernster Vergangenheit. Wie soll ich verstehen, dass du es warst, der dies am Anfang lehrte?“


Der Heilige sprach:

„Viele Geburten habe ich hinter mir, Arjuna, und auch du hast viele erlebt. Ich kenne sie alle, doch du, o Feindevernichter, kennst sie nicht. Obwohl ich ungeboren und ewig bin, obwohl ich der Herr aller Wesen bin, erscheine ich durch meine eigene Maya (göttliche Kraft) in meiner Natur. Wann immer das Gesetz der Rechtschaffenheit (Dharma) schwindet und Ungerechtigkeit (Adharma) überhandnimmt, manifestiere ich mich. Zum Schutz der Guten und zur Vernichtung der Bösen, zur Wiederherstellung des Dharma, erscheine ich von Zeitalter zu Zeitalter.


Wer mein göttliches Geburts- und Wirkungsgeheimnis in Wahrheit erkennt, wird nach dem Verlassen des Körpers nicht erneut geboren, sondern gelangt zu mir. Viele, frei von Anhaftung, Furcht und Zorn, ganz in mir versunken und durch das Wissen der Erkenntnis geläutert, haben mein Wesen erreicht. Wie auch immer Menschen zu mir kommen, so nehme ich sie an; auf allen Wegen folgen sie, o Partha, meinem Pfad.


Die vierfache Einteilung der Kasten habe ich nach den unterschiedlichen Anlagen und Tätigkeiten geschaffen. Obwohl ich der Urheber bin, wisse, dass ich jenseits von Handeln und Vergehen stehe. Handlungen berühren mich nicht, denn ich begehre ihre Früchte nicht. Wer mich so erkennt, wird nicht durch die Fesseln des Karmas gebunden. Mit diesem Wissen handelten schon die Weisen der Vorzeit; handle daher auch du, wie es die Ahnen taten.


Was Handeln und was Untätigkeit ist – darüber sind selbst Gelehrte verwirrt. Wer Untätigkeit im Handeln und Handeln in der Untätigkeit sieht, der ist wahrhaft weise. Ein solcher Mensch ist in vollkommener Hingabe tätig, auch wenn er handelt. Wer alle Anhaftung an die Früchte seiner Taten aufgegeben hat, stets zufrieden und unabhängig ist, der handelt eigentlich nicht, auch wenn er mitten im Tun steht. Wer wunschlos, mit beherrschtem Geist und Sinnen, nur zur Erhaltung des Körpers handelt, lädt keine Sünde auf sich. Wer in Erfolg und Misserfolg gleichmütig bleibt, wird durch Taten nicht gefesselt.


Alle Handlungen eines Menschen, dessen Geist in Erkenntnis ruht und der frei von Anhaftung handelt, lösen sich auf. Für ihn wird das Opfer zum Göttlichen selbst: Brahma ist das Gefäß, Brahma die Opfergabe, Brahma das Feuer, und wer das Handeln als ein Opfer in Brahma sieht, der erreicht gewiss das Höchste.


Andere bringen verschiedene Opfer dar: Manche opfern ihre Sinne im Feuer der Selbstbeherrschung; andere opfern materielle Güter, Askese, Meditation oder das Studium der Schriften. Wieder andere regulieren ihren Atem oder fasten, um sich zu läutern. All jene, die den Sinn des Opfers verstehen, werden von Sünden gereinigt. Doch das Opfer des Wissens ist jedem materiellen Opfer überlegen, denn alles Handeln findet im Wissen seine Vollendung.


Lerne dieses Wissen durch demütiges Fragen, Forschen und Dienen. Die Weisen, welche die Wahrheit geschaut haben, werden dich lehren. Mit diesem Wissen wirst du keine Täuschung mehr erfahren und alle Wesen zuerst in dir und dann in mir sehen. Selbst wenn du der größte aller Sünder wärst, würdest du durch das Floß der Erkenntnis das Meer des Leids überqueren. So wie ein loderndes Feuer das Holz zu Asche verbrennt, so verbrennt das Feuer des Wissens alle Wirkungen des Handelns.


Nichts in dieser Welt ist so reinigend wie das Wissen. Wer durch Hingabe zur Reife gelangt, findet es mit der Zeit in sich selbst. Wer Glauben hat, seine Sinne zügelt und nach Erkenntnis strebt, erlangt in kürzester Zeit den höchsten Frieden. Wer jedoch zweifelt und ohne Glauben ist, geht zugrunde – für ihn gibt es weder Glück noch diese oder jene Welt. Erhebe dich daher, Arjuna, zerschlage mit dem Schwert des Wissens den Zweifel, der in deinem Herzen wohnt, und widme dich dem Yoga!“




Kapitel V: Karma-Sannyasa-Yoga (Der Pfad der entsagungsvollen Handlung)


Arjuna sprach:

„O Krishna, einmal preist du die Entsagung vom Handeln, dann wieder den Yoga des Handelns. Sag mir eindeutig: Welcher dieser beiden Wege ist der bessere?“


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Sowohl die Entsagung vom Handeln als auch das Handeln in Hingabe führen zur Befreiung. Doch von beiden ist das Handeln in Hingabe (Karma-Yoga) dem bloßen Verzicht überlegen. Wer weder Abneigung noch Verlangen hegt, gilt als wahrhaft Entsagender. Wer frei von den Gegensatzpaaren ist, wird leicht von den Fesseln des Karmas befreit.


Nur Unwissende, nicht die Weisen, sehen zwischen dem Pfad des Wissens (Sankhya) und dem Pfad des Handelns (Yoga) einen Unterschied. Wer einen von beiden vollkommen praktiziert, erntet die Frucht beider. Das Ziel, das die Sankhyas erreichen, erreichen auch die Yogis. Wer diese beiden als eins betrachtet, der sieht die Wahrheit.


Doch Entsagung ohne Hingabe ist schwer zu erreichen. Der Weise hingegen, der im Yoga des Handelns geübt ist, erreicht das Höchste ohne Verzögerung. Wer in Hingabe handelt, dessen Seele rein ist, dessen Körper und Sinne beherrscht sind und der sich mit allen Geschöpfen eins weiß, der ist durch Handlungen nicht gebunden, auch wenn er handelt.


Der Wissende, der im Yoga verankert ist, denkt bei allem Tun – beim Sehen, Hören, Berühren, Riechen, Essen, Gehen, Schlafen, Atmen oder Sprechen: ‚Ich tue nichts.‘ Er weiß, dass es nur die Sinne sind, die auf ihre Objekte treffen. Wer so handelt und alle Anhaftung aufgibt, indem er sein Werk dem Göttlichen widmet, den berührt die Sünde nicht, so wenig wie Wasser ein Lotusblatt benetzen kann.


Die Yogis handeln mit Körper, Geist und Verstand, ohne auf ein Ergebnis auszugehen, allein um die Seele zu läutern. Wer auf die Frucht verzichtet, erlangt dauerhaften Frieden; wer jedoch durch Gier getrieben an das Ergebnis haftet, bleibt in den Fesseln gefangen.


Das beherrschte Wesen, das innerlich entsagt hat, ruht in Frieden, weder handelnd noch jemanden zu Handlungen veranlassend. Der Herr ist nicht die Ursache für das Handeln der Menschen, für deren Bindung an die Früchte oder für das Wirken der Natur. Die Natur selbst ist es, die handelt. Der Herr nimmt niemandes Sünde oder Verdienst an. Da das Wissen jedoch durch Unwissenheit verschleiert ist, werden die Geschöpfe getäuscht. Wenn aber die Unwissenheit durch Selbsterkenntnis zerstört ist, offenbart sich die Wahrheit wie die Sonne.


Die Weisen blicken gleichmütig auf alles – auf einen gelehrten Brahmanen, eine Kuh, einen Elefanten, einen Hund oder einen Unberührbaren. Sie haben den Kreislauf der Geburt bereits hier besiegt, da sie im fehlerlosen, gleichen Brahman ruhen. Wer Brahman erkennt und darin fest verankert ist, den erfreut kein angenehmes Ereignis und kein unangenehmes erschüttert ihn.


Wer seinen Geist nicht an äußere Sinnesobjekte bindet, findet das Glück in seinem Inneren; durch die Kontemplation des Göttlichen genießt er unvergängliche Freude. Die Freuden, die aus Sinnenkontakten entstehen, sind Quellen des Kummers, denn sie haben einen Anfang und ein Ende – der Weise findet an ihnen kein Gefallen.


Wer schon hier, vor dem Tod, die Stürme von Verlangen und Zorn zu beherrschen vermag, der ist fest verankert im Yoga und wahrhaft glücklich. Wer sein Glück im Inneren findet, dessen Licht aus seinem eigenen Selbst strahlt, der wird eins mit dem Göttlichen und erreicht die höchste Erlösung.


Die heiligen Menschen, deren Sünden getilgt, deren Zweifel zerstreut und deren Sinne bezwungen sind und die zum Wohl aller Wesen wirken, erreichen das Göttliche. Befreit von Verlangen und Zorn, den Geist unter Kontrolle, erfahren sie in sich die Gegenwart des Höchsten.


Wer äußere Sinnesobjekte ausschließt, den Blick zwischen die Brauen richtet und die Atemströme ausgleicht, wer seine Sinne, seinen Verstand und sein Denken beruhigt und von Begierde, Angst und Zorn befreit ist, der ist wahrhaft befreit. Wer mich als den Genießer aller Opfer, als den Herrn aller Welten und als den wahren Freund aller Wesen erkennt, der erlangt den Frieden.“




Kapitel VI: Dhyana-Yoga (Der Pfad der Meditation)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Wer seine Pflicht erfüllt, ohne an die Früchte seines Handelns zu haften, der ist ein wahrer Entsagender und Yogi, nicht jener, der nur das Opferfeuer vernachlässigt oder das Handeln ganz aufgibt. Wisse, o Arjuna, dass Entsagung (Sannyasa) dasselbe ist wie Yoga (Hingabe), denn wer nicht allen Vorsätzen entsagt hat, kann kein Yogi werden.


Für den Weisen, der zur Hingabe strebt, ist das Handeln das Mittel; hat er die Stufe der Hingabe erreicht, ist die Stille das Mittel. Wenn einer weder an den Objekten der Sinne noch an Handlungen haftet, gilt er als fest im Yoga gegründet.


Man erhebe sich durch das eigene Selbst; man erniedrige sich nicht. Das Selbst ist der Freund des Selbst, und das Selbst ist auch der Feind des Selbst. Wer sich selbst besiegt hat, dem ist das Selbst ein Freund; wer sich nicht unterworfen hat, dem ist das eigene Selbst ein Feind. Die Seele eines Menschen, der in Ruhe verweilt und sich selbst unterworfen hat, bleibt unerschüttert in Kälte und Hitze, Freude und Schmerz, Ehre und Schande. Ein solcher Asket, dessen Geist in Wissen und Erfahrung ruht, der seine Sinne gezügelt hat und für den Stein, Erde und Gold gleich sind, gilt als ein wahrer Yogi. Er ist der Beste, der gleichermaßen auf Freunde und Feinde, Fremde und Verwandte, Gute und Böse blickt.


Der Yogi suche einen sauberen Ort, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, und bereite dort einen Sitz mit einer Decke, einer Hirschhaut oder Gras. Dort setze er sich unbewegt nieder, den Körper, den Kopf und den Hals in einer Linie, den Blick auf die Nasenspitze gerichtet, ohne sich umzusehen. Mit ruhigem Geist, frei von Furcht und den Gelübden der Enthaltsamkeit verpflichtet, lenke er sein Herz auf mich und betrachte mich als das höchste Ziel.


Yoga ist nicht für den, der zu viel isst oder fastet, nicht für den, der zu viel schläft oder ständig wacht. Wer jedoch maßvoll ist in Essen und Vergnügen, in Arbeit, Schlaf und Wachen, dessen Yoga vernichtet das Leid. Wie eine Lampe an einem windstillen Ort nicht flackert, so ist der Geist des Yogis, der in der Meditation ruht. In jenem Zustand findet der Geist Frieden, und man erfährt jene höchste Glückseligkeit, die jenseits der Sinne liegt. Wenn man diesen Schatz erlangt hat, hält man keinen anderen Gewinn für größer; in diesem Zustand wird man von selbst dem schwersten Kummer nicht erschüttert.


Mit Geduld und festem Entschluss löse man sich von allen Begierden. Wenn der unruhige, unstete Geist ausschweift, ziehe man ihn immer wieder zu sich selbst zurück. Wer so seinen Geist zur Ruhe bringt, dessen Leidenschaften erlöschen; er wird eins mit Brahman und erlangt das höchste Glück. Er sieht das Selbst in allen Geschöpfen und alle Geschöpfe in sich. Wer mich überall sieht und alles in mir sieht, der ist mir niemals verloren, und ich bin ihm niemals verloren. Wer in dieser Einheit lebt und mich in allem verehrt, der lebt in mir, wie auch immer er wandelt. Für mich ist derjenige der Größte, der alles Glück und Leid anderer als das eigene empfindet.“


Arjuna sprach:

„O Krishna, diese Lehre vom Gleichmut erscheint mir aufgrund der Unruhe des Geistes schwer zu verwirklichen. Der Geist ist ruhelos, eigensinnig und hart zu zähmen – ebenso schwer wie der Wind.“


Der Heilige sprach:

„Zweifellos ist der Geist schwer zu zähmen, o Arjuna. Doch durch stetige Übung und das Aufgeben von Begierden lässt er sich kontrollieren. Wer seinen Geist nicht beherrscht, für den ist die Hingabe schwer, doch für den Eifrigen ist sie durch rechte Mittel erreichbar.“


Arjuna sprach:

„O Krishna, was geschieht mit demjenigen, der voll Vertrauen ist, aber nicht die nötige Kraft aufbringt, um das Ziel zu erreichen? Ist er verloren wie eine zerrissene Wolke, wenn er von beiden Wegen – dem des Wissens und dem des Handelns – abfällt?“


Der Heilige sprach:

„O Arjuna, für den, der das Gute tut, gibt es kein Verderben, weder hier noch im Jenseits. Ein Yogi, der vom Weg abfällt, wird in die Familie der Frommen oder der Weisen wiedergeboren. Dort erlangt er die Einsichten seines früheren Lebens zurück und strebt mit neuer Kraft nach Vollkommenheit. Durch viele Geburten gereinigt, erreicht er schließlich das höchste Ziel.


Der Yogi ist den Asketen, den Gelehrten und den Handelnden überlegen. Werde daher ein Yogi, o Arjuna! Und selbst unter allen Yogis ist jener der Höchste, der mit vollem Glauben sein Herz auf mich richtet und mich voller Hingabe verehrt.“




Kapitel VII: Jnana-Vijnana-Yoga (Das Wissen vom Absoluten)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Höre, o Sohn der Pritha, wie du mich vollständig und ohne jeden Zweifel erkennen kannst, indem du deinen Geist auf mich richtest, Hingabe übst und Zuflucht bei mir suchst. Ich werde dir nun dieses Wissen und diese Erfahrung in ihrer Ganzheit offenbaren, sodass dir nichts mehr in dieser Welt verborgen bleibt.


Unter Tausenden von Menschen strebt vielleicht einer nach Vollkommenheit, und selbst unter den Vollkommenen erkennt mich kaum einer in meinem wahren Wesen. Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther, Geist, Verstand und Ich-Bewusstsein – das ist meine achtfache materielle Natur. Wisse jedoch, dass es eine höhere Natur von mir gibt, die belebt ist und durch die dieses gesamte Universum getragen wird. Wisse, dass alle Geschöpfe aus diesen beiden Naturen hervorgehen; ich bin der Ursprung und auch das Ende des gesamten Universums. Es gibt nichts, o Arjuna, das höher ist als ich. Auf mir ruht alles, wie eine Perlenkette auf einem Faden.


Ich bin der Geschmack im Wasser, der Glanz in Sonne und Mond, das ‚Om‘ in allen Veden, der Klang im Raum und das Mannhafte im Menschen. Ich bin der reine Duft der Erde, die Pracht des Feuers, das Leben in allen Wesen und die Stärke der Asketen. Wisse, o Sohn der Pritha, dass ich der ewige Same aller Wesen bin. Ich bin die Intelligenz der Klugen und die Herrlichkeit der Herrlichen. Ich bin die Kraft der Starken, frei von Begierde und Leidenschaft, und ich bin das Verlangen in den Wesen, sofern es im Einklang mit der Pflicht (Dharma) steht.


Wisse, dass alle Daseinsformen – seien sie von Güte (Sattva), Leidenschaft (Rajas) oder Finsternis (Tamas) geprägt – von mir ausgehen. Ich bin in ihnen, doch sie sind nicht in mir. Die Welt ist durch diese drei Gunas (Qualitäten) getäuscht und erkennt mich nicht, der ich jenseits dieser Eigenschaften und unvergänglich bin. Diese göttliche Illusion (Maya), die auf den Gunas beruht, ist schwer zu durchdringen, doch wer bei mir Zuflucht sucht, überschreitet sie.


Übeltäter, Unwissende und jene, deren Wissen durch Maya geraubt wurde und die eine dämonische Natur angenommen haben, suchen mich nicht. Vier Arten von tugendhaften Menschen verehren mich: der Leidende, der Suchende nach Wissen, der nach Reichtum Strebende und der Weise (Jnani). Von ihnen ist der Weise, der in ständiger Hingabe eins mit mir ist, der Beste. Denn dem Wissenden bin ich über alles lieb, und er ist mir lieb. Alle diese Verehrer sind edel, doch den Wissenden betrachte ich als mein eigenes Selbst, da er in seinem Geist bei mir als dem höchsten Ziel verankert ist. Erst nach vielen Geburten findet der Weise den Weg zu mir und erkennt: ‚Vasudeva (Gott) ist alles.‘ Solche Seelen sind jedoch äußerst selten.


Andere, deren Wissen durch verschiedene Wünsche geraubt wurde, verehren andere Gottheiten, geleitet von ihrer eigenen Natur. Welches Bild man auch immer mit Glauben verehren möchte, diesen Glauben mache ich fest. Wer mit diesem Glauben verehrt, erlangt die Erfüllung seiner Wünsche, da ich es bin, der diese Früchte verleiht. Doch der Lohn für jene mit geringer Intelligenz ist vergänglich. Wer den Gottheiten opfert, geht zu den Gottheiten, wer aber mich verehrt, kommt zu mir.


Die Unwissenden halten mich für eine manifestierte Form, da sie mein transzendentes, unvergängliches und höchstes Wesen nicht kennen. Eingenommen von meiner Maya, bin ich nicht für alle sichtbar; die verblendete Welt erkennt nicht, dass ich ungeboren und unvergänglich bin. Ich kenne alle Wesen – die vergangenen, die gegenwärtigen und die zukünftigen –, doch mich kennt niemand.


Alle Geschöpfe sind bei ihrer Geburt durch die Täuschung der Gegensatzpaare (wie Freude und Leid, Anziehung und Abstoßung) verwirrt. Jene jedoch, deren Sünden durch tugendhaftes Handeln getilgt wurden und die frei von diesen Täuschungen sind, verehren mich mit festem Entschluss. Wer bei mir Zuflucht sucht und nach Befreiung von Alter und Tod strebt, der erkennt das Brahman, das gesamte Selbst (Adhyatma) und das Wirken des Handelns (Karma). Wer mich als das höchste Wesen erkennt, das alles beherrscht – das Adhibhuta, das Adhidaiva und das Adhiyajna –, dessen Geist ist fest, und er erkennt mich selbst noch im Moment des Todes.“




Kapitel VIII: Akshara-Brahma-Yoga (Das Wissen vom unvergänglichen Absoluten)


Arjuna sprach:

„O höchstes Wesen, was ist dieses Brahman, was ist das Adhyatma (das Selbst), und was ist das Wirken des Handelns (Karma)? Was wird als Adhibhuta (die materielle Welt) bezeichnet und was als Adhidaiva (die himmlische Ebene)? Und wie, o Vernichter Madhus, kann jemand, der sein Selbst beherrscht, dich zum Zeitpunkt des Todes erkennen?“


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Brahman ist das Höchste, das Unvergängliche. Das Adhyatma ist das innewohnende Selbst in jedem Wesen. Als Karma bezeichnet man das schöpferische Handeln, das die Existenz der Wesen begründet.


Wer seinen Körper ablegt und dabei im letzten Augenblick nur an mich denkt, der geht in mein Wesen ein – daran besteht kein Zweifel. Woran auch immer man am Ende denkt, wenn man den Körper verlässt, das erreicht man, o Sohn Kuntis, da der Geist ständig darauf ausgerichtet war.


Denke daher allzeit an mich und kämpfe! Wenn du deinen Geist und dein Verständnis ganz auf mich richtest, wirst du ohne Zweifel zu mir kommen. Wer mit unerschütterlicher Hingabe und beständiger Meditation an das höchste göttliche Wesen denkt, der erreicht dieses Ziel.


Wer im Moment des Abschieds seinen Geist mit Ehrfurcht auf den alten Seher richtet – den Lenker, der kleiner als das Atom und doch der Erhalter aller ist, dessen Form unbegreiflich und der jenseits aller Dunkelheit leuchtet –, und wer dabei den Lebensatem (Prana) konzentriert zwischen den Augenbrauen hält, der erreicht das höchste Ziel.


Ich werde dir kurz das Wesen dessen erklären, was die Kenner der Veden das Unvergängliche nennen und wonach die Asketen streben, die von allen Wünschen frei sind. Wer alle Tore der Sinne verschließt, den Geist im Herzen konzentriert, den Lebensatem zum Scheitel hinauf lenkt und in beständiger Meditation die Silbe ‚Om‘ – das Symbol Brahmans – ausruft, der erreicht das Höchste.


Wer beständig und ohne Unterlass an mich denkt, dem bin ich, o Partha, leicht zugänglich. Die großen Seelen, die mich erreicht haben, sind nicht mehr der Wiedergeburt unterworfen – diesem vergänglichen Ort des Leids. Alle Welten, selbst die des Schöpfergottes Brahma, unterliegen dem Kreislauf der Geburt, doch wer zu mir gelangt, ist frei von der Wiederkehr.


Wer weiß, dass ein Tag Brahmans tausend Weltzeitalter (Yugas) umfasst und seine Nacht ebenso lange dauert, der versteht das Wesen von Zeit und Ewigkeit. Beim Anbruch des Tages entspringt alles Manifeste aus dem Unmanifestierten, und bei Anbruch der Nacht löst sich alles wieder in das Unmanifestierte auf.


Doch jenseits dieser beiden Zustände – des Manifestierten und des Unmanifestierten – liegt eine andere, ewige Wesenheit, die niemals vergeht, selbst wenn alle Wesen zerstört werden. Dies ist das höchste Ziel, mein oberster Sitz, von dem man nicht zurückkehrt. Es ist der Ort, der von allem durchdrungen ist.


Ich werde dir nun die Pfade nennen, auf denen die Verstorbenen entweder zurückkehren oder nicht zurückkehren. Jene, die Brahman kennen und auf dem Pfad des Feuers, des Lichts, des Tages, der hellen Mondhälfte und der sechs Monate der nördlichen Sonnenwende wandeln, gehen zu Brahman und kehren nicht zurück. Jene jedoch, die auf dem Pfad des Rauchs, der Nacht, der dunklen Mondhälfte und der südlichen Sonnenwende gehen, erreichen den Mond und kehren wieder in die Welt der Sterblichen zurück.


Diese beiden Wege – der helle und der dunkle – sind die ewigen Pfade des Universums. Wer sie kennt, der bleibt ungetäuscht. Sei deshalb zu jeder Zeit im Yoga verwurzelt, o Arjuna! Die Frucht, die man durch das Studium der Veden, durch Opfer, Askese oder Gaben erlangt, übersteigt der Yogi, der dieses Wissen besitzt, um den höchsten, ursprünglichen Sitz zu erreichen.“




Kapitel IX: Raja-Vidya-Raja-Guhya-Yoga (Das königliche Wissen und das königliche Geheimnis)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Ich werde dir nun das geheimnisvollste Wissen offenbaren, verbunden mit der direkten Erfahrung. Wenn du es erkennst, wirst du von allem Übel befreit sein. Es ist das höchste Gesetz, unvergänglich und leicht zu praktizieren. Wer jedoch kein Vertrauen in diese heilige Lehre hat, findet nicht zu mir und kehrt in den Kreislauf dieser vergänglichen Welt zurück.


Dieses gesamte Universum ist von mir in meiner unmanifestierten Form durchdrungen. Alle Wesen ruhen in mir, doch ich ruhe nicht in ihnen. Zugleich sind die Wesen doch nicht in mir – betrachte meine göttliche Macht! Ich bin der Erschaffer und der Erhalter aller Wesen, und doch weile ich nicht in ihnen. So wie der allgegenwärtige Raum stets im Äther ruht, so ruhen alle Wesen in mir.


Am Ende eines Weltzeitalters (Kalpa) gehen alle Wesen in meine Natur ein, und zu Beginn eines neuen Kalpas bringe ich sie erneut hervor. Durch meine eigene Natur schaffe ich das gesamte Universum immer wieder neu, geleitet durch die eigene Beschaffenheit der Wesen. Doch all diese Taten binden mich nicht, denn ich verweile in ihnen wie ein unbeteiligter Beobachter. Unter meiner Aufsicht bringt die Natur die Welt der beweglichen und unbeweglichen Wesen hervor, weshalb sich der Kreislauf von Entstehen und Vergehen immerzu dreht.


Die Unwissenden missachten mich in meiner menschlichen Gestalt, da sie mein wahres Wesen als Herr aller Wesen nicht kennen. Ihr Verstand ist verwirrt, und ihre Handlungen sowie ihr Wissen sind eitel, beeinflusst von einer dämonischen Natur. Die Hochbeseelten hingegen, die göttliche Natur besitzen, verehren mich mit ungeteiltem Geist, da sie mich als den ewigen Ursprung aller Wesen erkennen.


Sie verehren mich, indem sie mich preisen, sich mit festen Gelübden bemühen und sich mit Hingabe vor mir verneigen. Andere bringen das Opfer der Erkenntnis dar – manche sehen mich als Einen, manche als den, der in vielen Formen erscheint, andere als das Universum selbst.


Ich bin das Opfer, ich bin die vedische Vorschrift, ich bin die heilige Pflanze, ich bin das Mantra, das Feuer und die Gabe. Ich bin der Vater, die Mutter, der Schöpfer und der Großvater dieses Universums. Ich bin das zu Erkennende, der Reiniger, die Silbe ‚Om‘ sowie die Veden (Rik, Saman, Yajus). Ich bin das Ziel, der Unterstützer, der Herr, der Zeuge, die Zuflucht, der Freund, der Ursprung und das Ende, der unzerstörbare Same. Ich schenke Wärme, ich sende und halte den Regen zurück; ich bin Unsterblichkeit und Tod, das Existierende und das Nichtexistierende.


Wer die Veden studiert und durch Opfer gereinigt ist, sucht den Himmel. Sie erreichen die himmlische Welt der Götter und genießen dort göttliche Freuden. Doch wenn ihre Verdienste erschöpft sind, kehren sie wieder in die Welt der Sterblichen zurück. Wer jedoch die drei Veden befolgt und nach Wünschen strebt, durchläuft immer wieder den Kreislauf von Kommen und Gehen.


Doch denjenigen, die ohne Unterlass an mich denken und mich mit ungeteiltem Geist verehren, schenke ich, was ihnen fehlt, und bewahre, was sie besitzen. Selbst jene, die voller Glauben andere Gottheiten verehren, verehren in Wahrheit mich allein, wenn auch auf unvollkommene Weise. Denn ich bin der Herr aller Opfer. Da sie mich jedoch nicht in meinem wahren Wesen erkennen, fallen sie (aus dem Himmel) zurück. Wer zu den Ahnen opfert, geht zu den Ahnen; wer niedere Geister verehrt, geht zu diesen; wer aber mich verehrt, kommt zu mir.


Wer mir mit Liebe ein Blatt, eine Blume, eine Frucht oder Wasser darbringt, das nehme ich an, sofern es mit reinem Herzen dargeboten wird. Was immer du tust, isst, opferst oder schenkst, o Sohn Kuntis, mache es zu einer Gabe an mich. So wirst du von den Fesseln des Karmas befreit.


Ich bin allen Wesen gleich; niemand ist mir verhasst oder besonders lieb. Doch wer mich mit Hingabe verehrt, der ist in mir, und ich bin in ihm. Selbst wenn ein Mensch mit sehr schlechtem Verhalten mich mit ungeteilter Hingabe verehrt, gilt er als tugendhaft, denn sein Entschluss ist recht. Er wird schnell zu einer frommen Seele und erlangt ewigen Frieden. Wisse, o Sohn Kuntis, dass mein Verehrer niemals verloren geht.


Selbst wer sündiger Geburt ist, Frauen, Kaufleute oder Arbeiter – wer bei mir Zuflucht sucht, erreicht das höchste Ziel. Wie viel mehr gilt dies für heilige Brahmanen und Weise, die mir ergeben sind! In diese vergängliche und leidvolle Welt gekommen, sei daher mein Verehrer. Richte deinen Geist auf mich, verneige dich vor mir, mache mich zu deiner Zuflucht, und du wirst gewiss zu mir kommen.“




Kapitel X: Vibhuti-Yoga (Der Pfad der göttlichen Manifestationen)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Höre noch einmal, o Arjuna, meine heiligen Worte. Weil du mir lieb bist, offenbare ich dir zu deinem Wohl diese höchste Wahrheit. Weder die Götter noch die großen Rishis kennen meinen Ursprung, denn ich bin der Ursprung aller Götter und Weisen. Wer mich als den ungeborenen, anfangslosen Herrn des Universums erkennt, der ist frei von aller Täuschung und von allen Sünden.


Intelligenz, Wissen, Freiheit von Täuschung, Vergebung, Wahrheit, Selbstbeherrschung, Ruhe, Freude, Schmerz, Werden und Vergehen, Furcht und Sicherheit, Gewaltlosigkeit, Gleichmut, Zufriedenheit, Askese, Freigebigkeit, Ruhm und Schande – all diese verschiedenen Eigenschaften der Wesen entspringen allein mir. Die sieben großen Rishis, die vier Ur-Weisen und die Manus, von denen die Menschen abstammen, sind aus meinem Geist geboren.


Wer diese meine Herrlichkeit und mystische Macht in Wahrheit erkennt, der verbindet sich mit mir in unerschütterlicher Hingabe. Ich bin der Ursprung von allem; aus mir geht alles hervor. In diesem Wissen verehren mich die Weisen. Mit ihrem Geist fest auf mich gerichtet, ihr Leben mir geweiht, finden sie Erfüllung und Freude daran, einander von mir zu erzählen. Denjenigen, die mir in Liebe ergeben sind, schenke ich die Kraft des Geistes, durch die sie zu mir gelangen. Aus reiner Gnade zerstöre ich in ihrem Inneren die Dunkelheit der Unwissenheit mit dem leuchtenden Licht der Weisheit.“


Arjuna sprach:

„Du bist das höchste Brahman, die höchste Wohnstätte und das Allerheiligste. Alle Weisen nennen dich das ewige, göttliche Wesen, den Ursprung, den Herrn. Was du sagst, halte ich für wahr. Doch o Herr, selbst die Götter können deine Manifestationen nicht vollständig erfassen. Du allein kennst dich selbst. Ich bitte dich: Erkläre mir ausführlich deine göttlichen Vollkommenheiten, durch die du diese Welten durchdringst. Wie soll ich über dich meditieren? Erzähle mir mehr von deiner Macht, denn ich werde nicht müde, deine nektargleichen Worte zu hören.“


Der Heilige sprach:

„Wohl an, ich will dir meine göttlichen Vollkommenheiten offenbaren, doch nur die wichtigsten, denn meine Herrlichkeit ist unendlich.


Ich bin das Selbst, o Arjuna, das in den Herzen aller Wesen wohnt; ich bin ihr Anfang, ihre Mitte und ihr Ende.


Unter den Lichtgestalten (Adityas) bin ich Vishnu, unter den Strahlenden die Sonne.


Unter den Sternen bin ich der Mond, unter den Veden der Sama-Veda.


Unter den Sinnen bin ich der Geist (Manas), in den Wesen das Bewusstsein.


Unter den zerstörerischen Kräften bin ich Shiva (Shankara), unter den Schätzen der Gott des Reichtums.


Unter den Bergen bin ich der Meru, unter den Priestern der Gelehrte Brihaspati.


Unter den Feldherren bin ich Skanda, unter den Gewässern der Ozean.


Unter den Weisen bin ich Bhrigu, unter den Worten die Silbe ‚Om‘.


Unter den Opfern bin ich das Opfer des stillen Gebets (Japa), unter den unbeweglichen Dingen der Himalaya.


Unter den Bäumen bin ich der heilige Feigenbaum, unter den göttlichen Weisen Narada.


Unter den Tieren bin ich der Löwe, unter den Pferden Uchchaisravas, unter den Elefanten Airavata und unter den Menschen der König.


Unter den Waffen bin ich der Blitz, unter den Kühen die Wunschkuh.


Ich bin die Liebe, die neues Leben schenkt, und unter den Schlangen bin ich Vasuki.


Unter den Richtern bin ich Yama, unter den Reinigern der Wind.


Unter den Fischen bin ich das Meeresungeheuer, unter den Strömen die Ganga.


O Arjuna, ich bin der Anfang, die Mitte und das Ende aller Dinge. Ich bin die höchste Weisheit und das Argument der Disputierenden. Ich bin der Buchstabe ‚A‘, die unendliche Zeit, der alles verschlingende Tod und die Quelle dessen, was kommen wird.


Unter den Frauen bin ich Ruhm, Reichtum, Sprache, Gedächtnis, Intelligenz, Beständigkeit und Vergebung. Unter den Metren bin ich das Gayatri, unter den Monaten der Margashirsha, unter den Jahreszeiten der Frühling. Ich bin das Spiel der Betrüger und der Glanz der Herrlichen. Ich bin der Sieg, der Fleiß und die Güte der Guten.


Ich bin Krishna unter den Vrishnis und Arjuna unter den Pandavas. Wisse: Es gibt nichts in der Welt – weder beweglich noch unbeweglich –, das ohne mich existieren könnte. Meine göttlichen Vollkommenheiten sind unendlich. Was immer herrlich, kraftvoll oder erhaben ist, wisse, dass es aus einem Funken meiner Energie geboren wurde. Doch was nützt es dir, dies alles im Detail zu wissen? Wisse nur dies: Ich halte dieses gesamte Universum mit nur einem winzigen Teil meines Wesens zusammen.“




Kapitel XI: Vishvarupa-Darshana-Yoga (Die Schau der göttlichen Weltgestalt)


Arjuna sprach:

„Durch deine gnädige Unterweisung über das höchste Geheimnis des Selbst (Adhyatma) ist meine Täuschung gewichen. Ich habe von dir alles über das Entstehen und Vergehen der Wesen sowie über deine unvergängliche Größe erfahren. O höchster Herr, ich wünsche nun deine göttliche, souveräne Gestalt zu schauen. Wenn du mich für fähig hältst, dann zeige mir, o Herr der Yoga-Kraft, dein ewiges Selbst.“


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Siehe, o Arjuna, meine Formen zu Hunderten und Tausenden, göttlich, vielfältig in Farbe und Gestalt. Siehe die Adityas, die Vasus, die Rudras, die Ashvins und die Maruts. Siehe all die Wunder, die noch kein Mensch zuvor geschaut hat. Erblicke in diesem meinem Leib das gesamte Universum – das Bewegliche und das Unbewegliche – und alles, was du sonst noch sehen möchtest. Doch mit deinem menschlichen Auge kannst du mich nicht schauen. Ich verleihe dir das göttliche Auge; siehe nun meine souveräne Macht!“


Sanjaya fuhr fort:

„Nach diesen Worten offenbarte Krishna, der mächtige Herr des Yoga, Arjuna seine höchste Weltgestalt: ein Anblick mit unzähligen Mündern und Augen, zahllosen wunderbaren Aspekten, himmlischen Ornamenten und erhobenen Waffen. Sein Glanz war so strahlend, als würden tausend Sonnen zugleich am Himmel aufleuchten. Arjuna sah in diesem Körper des Gottes der Götter das gesamte Universum, vereint und doch vielfältig. Überwältigt und voller Staunen verneigte er sich mit gefalteten Händen.“


Arjuna sprach:

„O Gott, in deinem Leib sehe ich alle Götter und Heerscharen von Wesen. Ich sehe dich mit unzähligen Armen, Bäuchen, Mündern und Augen, ohne Anfang, Mitte oder Ende. Du bist das lodernde Feuer, Sonne und Mond sind deine Augen, dein Glanz erhitzt das Universum. Beim Anblick dieser gewaltigen, furchteinflößenden Gestalt erzittert die Welt. Die Heerscharen der Götter und Weisen preisen dich in Ehrfurcht. Doch wenn ich deine schrecklichen Münder mit ihren Stoßzähnen sehe, die wie das Weltenfeuer lodern, verliere ich den Frieden und die Orientierung.


Ich sehe die Söhne Dhritarashtras mit all den Königen und unseren Helden in deine schrecklichen Schlunde eilen, wie Wasserströme, die dem Ozean zueilen oder Motten, die ins lodernde Feuer stürzen. Wer bist du, von solch schrecklicher Form? Sei gnädig und offenbare dich mir!“


Der Heilige sprach:

„Ich bin die Zeit, der alles vernichtende Zerstörer der Welten. Ich bin hier, um die Heerscharen zu vernichten. Auch ohne dein Zutun werden all diese Krieger nicht überleben. Darum erhebe dich, erringe Ruhm, besiege die Feinde und genieße die Herrschaft. Sie sind bereits von mir besiegt; sei du nur mein Werkzeug, o Arjuna. Drona, Bhishma, Karna und die anderen sind bereits von mir getötet – zögere nicht, kämpfe!“


Arjuna sprach:

„Es ist recht, dass das Universum dich preist. Du bist das Unendliche, die höchste Zuflucht, der Wissende und das zu Erkennende. Du bist Vayu, Yama, Agni, Varuna und der Mond. Ehrerbietung sei dir tausendmal! Verzeih mir meine Unwissenheit, wenn ich dich in Vertrautheit einen Freund nannte, ohne deine Größe zu kennen. Du bist der Vater und der Meister dieses Universums. Sei gnädig wie ein Vater zu seinem Sohn oder ein Freund zu seinem Freund. Ich habe deine universelle Form gesehen und bin nun erschüttert. Zeige mir bitte wieder deine gewohnte, sanfte Gestalt.“


Der Heilige sprach:

„Zufrieden mit dir, habe ich dir diese höchste, universelle Form gezeigt, die zuvor niemand außer dir gesehen hat. Habe keine Furcht mehr.“


Sanjaya fuhr fort:

„Nachdem Krishna dies gesagt hatte, nahm er wieder seine freundliche menschliche Gestalt an und tröstete den erschütterten Arjuna.“


Arjuna sprach:

„O Krishna, beim Anblick deiner sanften menschlichen Gestalt bin ich nun wieder bei klarem Verstand.“


Der Heilige sprach:

„Diese Form, die du gesehen hast, ist schwer zu schauen. Selbst die Götter sehnen sich danach. Nicht durch Veden, Askese oder Opfer ist sie zu erlangen, sondern allein durch ungeteilte Hingabe. Wer alle Handlungen mir weiht, mich als sein höchstes Ziel betrachtet, frei von Anhaftung ist und allen Wesen mit Wohlwollen begegnet – der kommt zu mir, o Arjuna.“




Kapitel XII: Bhakti-Yoga (Der Pfad der Hingabe)


Arjuna sprach:

„Wer von den Verehrern ist vollkommener in der Hingabe: jene, die dich beständig in deiner persönlichen Gestalt anbeten, oder jene, die über das Unveränderliche und Unmanifestierte meditieren?“


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Diejenigen, die ihren Geist auf meine persönliche Form richten und mich mit unerschütterlichem Glauben verehren, halte ich für die vollkommensten Yogis.


Jene aber, die über das Unmanifestierte, Unaussprechliche und Allgegenwärtige meditieren – das Unveränderliche, Unbewegliche und Ewige –, die ihre Sinne beherrschen und überall Gleichmut bewahren, die sich dem Wohl aller Wesen widmen, erreichen ebenso mich. Doch für diejenigen, deren Geist auf das Unmanifestierte fixiert ist, ist der Pfad mühsamer, da das Unmanifestierte für die Verkörperten schwer zu erfassen ist.


Wer jedoch alle Handlungen mir weiht, mich als das höchste Ziel betrachtet und in ungeteilter Hingabe über mich meditiert, für den werde ich ohne Verzug zum Befreier aus dem Ozean von Geburt und Tod. Richte dein Herz allein auf mich, lasse deinen Verstand in mir ruhen – danach wirst du zweifellos in mir weilen.


Wenn du jedoch nicht fähig bist, deinen Geist fest auf mich zu richten, dann versuche, mich durch stetige Übung (Yoga-Abhyasa) zu erreichen. Bist du auch dazu nicht imstande, so mache das Wirken für mich zu deinem höchsten Ziel; denn selbst durch das Handeln um meinetwillen wirst du Vollkommenheit erlangen. Wenn dir auch dies schwerfällt, dann nimm Zuflucht zu meiner Hingabe, bändige dein Selbst und entsage den Früchten all deiner Handlungen.


Wissen ist besser als bloßes Üben, Meditation ist besser als Wissen, doch das Aufgeben der Frucht des Handelns ist besser als Meditation; denn durch Entsagung erlangt man unmittelbar Frieden.


Wer keinem Geschöpf gegenüber Hass hegt, wer freundlich und mitfühlend ist, wer frei von Ich-Bewusstsein und Eitelkeit ist, wer Freude und Schmerz als gleich betrachtet und vergebungsbereit ist; wer stets zufrieden, beherrscht und fest in seinem Entschluss ist, dessen Herz und Verstand auf mich gerichtet sind – ein solcher Verehrer ist mir lieb.


Wer die Welt nicht beunruhigt und durch die Welt nicht beunruhigt wird, wer frei ist von Freude, Zorn, Furcht und Sorge – der ist mir lieb. Wer erwartungslos, rein, geschickt, unbefangen und frei von Kummer ist und auf jedes Streben nach Früchten verzichtet – der ist mir lieb.


Wer weder Freude empfindet noch Widerwillen, wer nicht trauert und nicht begehrt, wer Gutem wie Bösem entsagt und voller Glauben ist – der ist mir lieb. Wer Feind und Freund gleich achtet, wer in Ehre und Unehre, in Hitze und Kälte, Lust und Schmerz gleichmütig bleibt, wer frei von Anhaftungen ist, wem Tadel und Lob gleich gelten, wer schweigsam ist und mit allem zufrieden, was ihm zuteilwird, wer heimatlos und von festem Verstand ist – ein solcher Verehrer ist mir überaus lieb.


Diejenigen aber, die diesen Pfad der Rechtschaffenheit (Dharma), der zur Unsterblichkeit führt, mit vollem Glauben beschreiten und mich als das höchste Ziel betrachten, sind mir am allerliebsten.“




Kapitel XIII: Kshetra-Kshetrajna-Vibhaga-Yoga (Die Unterscheidung zwischen dem Feld und dem Kenner des Feldes)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Dieser Körper, o Sohn Kuntis, wird das ‚Feld‘ (Kshetra) genannt. Wer ihn kennt, den nennen die Weisen den ‚Kenner des Feldes‘ (Kshetrajna). Wisse, o Arjuna, dass ich in allen Feldern der Kenner bin. Das Verständnis von Feld und Kenner des Feldes ist es, was ich als wahres Wissen betrachte.


Was dieses Feld ist, wie es beschaffen ist, welche Veränderungen es erfährt, woher es kommt und wer der Kenner ist und welche Kraft er besitzt – das will ich dir kurz erläutern. Die Weisen haben dies in vielen Hymnen besungen, durch wohlgesetzte Worte, die Hinweise auf das Höchste Brahman geben.


Die großen Elemente, das Ich-Bewusstsein (Egoismus), der Verstand, das Unmanifestierte (die Ur-Natur), die zehn Sinne und der Geist, die fünf Sinnesobjekte sowie Verlangen, Abneigung, Freude, Schmerz, das Lebensprinzip und die Beständigkeit – all das zusammen bildet das Feld in seiner entfalteten Form.


Wahrer Erkenntnis (Jnana) entspricht: Abwesenheit von Eitelkeit und Prahlerei, Gewaltlosigkeit, Vergebung, Aufrichtigkeit, Hingabe an den Lehrer, Reinheit, Beständigkeit, Selbstbeherrschung, Gleichgültigkeit gegenüber Sinnesobjekten, das Erkennen des Leids, das mit Geburt, Tod, Alter und Krankheit verbunden ist, Freiheit von Anhaftung an Familie und Heim, beständiger Gleichmut bei Erfolg und Misserfolg, unerschütterliche Hingabe an mich, das Aufsuchen einsamer Orte, Abneigung gegen den Trubel der Massen sowie die stete Wahrnehmung der Einheit von Individuum und dem Höchsten. Alles andere ist Unwissenheit.


Ich werde dir nun den Gegenstand der Erkenntnis erklären, dessen Erreichen Unsterblichkeit schenkt: das höchste Brahman. Es ist anfangslos, weder als ‚seiend‘ noch als ‚nicht-seiend‘ zu bezeichnen. Es hat Hände und Füße, Augen, Köpfe und Gesichter in alle Richtungen; es durchdringt alles in der Welt. Obwohl es keine Sinne hat, nimmt es alle Eigenschaften wahr. Es ist anhaftungslos und trägt doch alles. Es ist außerhalb und innerhalb aller Wesen, beweglich und unbeweglich. Aufgrund seiner Subtilität ist es schwer zu erkennen; es ist fern und doch ganz nah. In allen Wesen ungeteilt, scheint es doch in ihnen verteilt. Es ist der Erhalter, der Schöpfer und das Licht aller leuchtenden Körper, jenseits der Dunkelheit. Es ist das Wissen selbst, das Ziel des Wissens und ruht im Herzen eines jeden.


Wer dies weiß, wird eins mit mir. Wisse, dass sowohl die Natur (Prakriti) als auch der Geist (Purusha) anfangslos sind. Alle Eigenschaften und Modifikationen entspringen der Natur. Die Natur gilt als Ursache für Ursache und Wirkung, während der Geist die Quelle für das Erleben von Freude und Schmerz ist. Die Verbindung des Geistes mit den Qualitäten der Natur führt zu Geburten in guten oder niederen Schößen.


Doch der Höchste Geist im Körper ist auch der Beobachter, der Befürworter, der Unterstützer, der Genießer und der Herr. Wer die Natur und den Geist samt ihren Qualitäten auf diese Weise kennt, der ist frei vom Kreislauf der Wiedergeburten, in welchem Zustand er sich auch befinden mag.


Manche erkennen das Selbst im Selbst durch Meditation, andere durch den Pfad des Wissens (Sankhya) oder den Pfad des Handelns (Yoga). Andere wiederum, die dies selbst nicht unmittelbar erfahren haben, beten an, nachdem sie von anderen davon gehört haben; auch sie überwinden durch dieses Vertrauen den Tod.


Wisse, o Arjuna, dass jedes Wesen – ob beweglich oder unbeweglich – aus der Verbindung von Feld und Kenner des Feldes entsteht. Wer den Herrn unvergänglich in allen vergänglichen Wesen gleich wohnen sieht, der sieht wahrhaftig. Wer Gott überall gleich gegenwärtig erkennt, der schadet sich nicht selbst und erreicht das höchste Ziel.


Wer erkennt, dass alle Handlungen allein durch die Natur bewirkt werden und das Selbst nicht handelt, der sieht wahrhaftig. Wenn man erkennt, dass die Vielfalt der Wesen in dem Einen begründet ist, erreicht man Brahman.


Das unerschöpfliche Höchste Selbst ist anfangslos und ohne Attribute. Obwohl es im Körper weilt, handelt es nicht und wird nicht befleckt – genau wie der allgegenwärtige Raum, der durch seine Feinheit nie berührt wird. Wie die Sonne die ganze Welt erleuchtet, so erleuchtet das Selbst das gesamte Feld. Wer mit dem Auge des Wissens den Unterschied zwischen Materie und Geist erkennt und weiß, wie man sich von der Natur befreit, der erreicht das Höchste.“




Kapitel XIV: Gunatraya-Vibhaga-Yoga (Die Unterscheidung der drei Gunas)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Ich werde dir nun noch einmal die höchste aller Wissenschaften offenbaren, durch deren Erkenntnis die Weisen die höchste Vollkommenheit erreicht haben. Wer diese Weisheit erlangt und meine Natur verwirklicht, wird bei einer neuen Schöpfung nicht wiedergeboren und bei der Auflösung des Universums nicht erschüttert.


Die große Materie (Brahman/Prakriti) ist mein Schoß; in diesen lege ich den Keim des Lebens, und daraus entstehen alle Wesen. O Arjuna, welche Formen auch immer in irgendeinem Schoß geboren werden – die Materie ist ihr Ursprung, und ich bin der samengebende Vater.


Die drei Gunas (Qualitäten), die aus der Natur geboren sind – Güte (Sattva), Leidenschaft (Rajas) und Finsternis (Tamas) – binden die unvergängliche Seele an den Körper.


Sattva (Güte): Da es rein ist, erhellend und leidfrei, bindet es die Seele durch die Anhaftung an Glück und Wissen.


Rajas (Leidenschaft): Es ist von der Natur des Verlangens, entspringt aus Gier und Anhaftung und bindet die Seele durch die Fesseln des Handelns.


Tamas (Finsternis): Aus Unwissenheit geboren, verwirrt es alle Lebewesen und bindet die Seele durch Trägheit, Gleichgültigkeit und Schlaf.


Güte schenkt Glück, Leidenschaft treibt zum Handeln an, und Finsternis verschleiert das Wissen und führt in den Irrtum. Wenn die Güte vorherrscht, leuchtet in allen Toren des Körpers das Licht der Erkenntnis. Wenn die Leidenschaft überwiegt, entstehen Gier, rastlose Aktivität und Unruhe. Wenn die Finsternis dominiert, herrschen Trübsinn, Untätigkeit, Irrtum und geistige Verwirrung.


Wer stirbt, während die Güte in ihm herrscht, erreicht die reinen Sphären der Wissenden. Wer in Leidenschaft stirbt, wird unter den an Handeln haftenden Menschen wiedergeboren. Wer in Finsternis stirbt, wird in den Schößen der Unwissenden geboren. Die Frucht guten Handelns ist rein; die Frucht der Leidenschaft ist Schmerz; die Frucht der Finsternis ist Unwissenheit.


Wer die Güte pflegt, steigt empor; wer in Leidenschaft verweilt, bleibt in der Mitte; wer der Finsternis verfällt, sinkt hinab. Wer jedoch erkennt, dass allein die drei Gunas handeln, und wer das erkennt, was jenseits der Gunas liegt, der erreicht mein Wesen. Wer diese drei Qualitäten, die den Körper verursachen, transzendiert, wird von Geburt, Tod, Alter und Leid befreit und erlangt Unsterblichkeit.“


Arjuna sprach:

„O Herr, woran erkennt man jemanden, der diese drei Gunas überschritten hat? Wie verhält er sich, und wie kann man sie transzendieren?“


Der Heilige sprach:

„Wer weder Licht, noch Aktivität, noch Täuschung ablehnt, wenn sie auftreten, sie aber auch nicht herbeisehnt, wenn sie ausbleiben; wer unerschüttert verweilt, im Wissen, dass nur die Gunas tätig sind; wer Freude und Schmerz als gleich betrachtet; wer im Selbst ruht und für den Gold, Stein und Erde denselben Wert haben; wer bei Angenehmem wie Unangenehmem, bei Tadel wie Lob, bei Ehre wie Unehre, bei Freund wie Feind unbewegt bleibt und auf alle fruchtorientierten Anstrengungen verzichtet – von einem solchen Menschen sagt man, er habe die Gunas überschritten.


Wer mich mit unerschütterlicher Hingabe verehrt, der transzendiert diese Gunas und ist bereit, eins mit dem Absoluten (Brahman) zu werden. Denn ich bin die Wohnstätte des Brahmans, der Unsterblichkeit, des ewigen Dharma und der ungetrübten Glückseligkeit.“




Kapitel XV: Purushottama-Yoga (Der Pfad zum Höchsten Wesen)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Man spricht von einem ewigen Ashvattha-Baum (dem Weltenbaum), dessen Wurzeln oben im Höchsten liegen und dessen Zweige nach unten ragen. Seine Blätter sind die Veden. Wer ihn wahrhaft erkennt, kennt den Sinn der Veden. Seine Zweige erstrecken sich nach oben und unten, genährt von den drei Gunas (Qualitäten), und seine Triebe sind die Sinnesobjekte. Seine Wurzeln, die in dieser Welt der Menschen zur Bindung durch Karma führen, breiten sich auch nach unten aus.


Seine wahre Form, seinen Anfang, sein Ende oder seinen Ursprung kann man hier in der Welt nicht begreifen. Man muss diesen fest verwurzelten Ashvattha-Baum mit der scharfen Axt der Nicht-Anhaftung fällen. Danach sollte man jenen Ort suchen, von dem man nicht mehr in den Kreislauf der Welt zurückkehrt, indem man sich dem urzeitlichen Ursprung zuwendet, aus dem das Leben einst hervorging.


Jene, die frei von Stolz und Verblendung sind, die das Übel der Anhaftung überwunden haben und stets im Selbst verweilen, deren Verlangen erloschen ist und die sich von den Gegensatzpaaren wie Lust und Schmerz befreit haben, sie erreichen diesen ewigen Zustand. Diesen Sitz erleuchten weder Sonne noch Mond noch Feuer; es ist mein höchstes Ziel, von dem es keine Wiederkehr gibt.


Ein ewiger Teil von mir selbst manifestiert sich als die individuelle Seele (Jiva) in dieser Welt. Sie zieht die fünf Sinne und den Geist als sechsten an sich, die alle in der Natur (Prakriti) ruhen. Wenn die Seele einen Körper annimmt oder verlässt, nimmt sie diese (Sinne und Geist) mit sich, so wie der Wind den Duft von den Blumen davonträgt. Sie lenkt das Ohr, das Auge, den Tastsinn, den Geschmackssinn, den Geruchssinn und den Geist und genießt die Sinnesobjekte.


Die Verblendeten bemerken nicht, wie die Seele den Körper bewohnt, ihn verlässt oder die Qualitäten genießt; doch jene, die das Auge der Erkenntnis besitzen, sehen es. Die suchenden Yogis erkennen ihn in sich selbst, während die Unverständigen ihn selbst bei größter Anstrengung nicht sehen.


Wisse, dass der Glanz, der die Sonne, den Mond und das Feuer erfüllt, mein Glanz ist. Ich durchdringe die Erde und erhalte alle Wesen durch meine Kraft; als lebenspendender Mond nähre ich alle Pflanzen. Ich bin das Lebensfeuer (Vaishvanara) in den Körpern aller Lebewesen; vereint mit dem Atem verdaue ich die vier Arten der Nahrung.


Ich wohne in den Herzen aller Wesen. Von mir kommen Erinnerung, Wissen und deren Verlust. Ich bin das, was durch alle Veden zu erkennen ist; ich bin der Urheber der Vedanta-Philosophie und der Kenner der Veden.


Es gibt zwei Arten von Wesen in dieser Welt: das Veränderliche (Kshara) und das Unveränderliche (Akshara). Das Veränderliche umfasst alle Geschöpfe, das Unveränderliche wird als das Unwandelbare bezeichnet. Doch es gibt ein Drittes, das Höchste Wesen, genannt Paramatman, der ewige Herr, der die drei Welten durchdringt und stützt. Da ich über dem Veränderlichen stehe und selbst das Unveränderliche übertreffe, werde ich in der Welt und in den Veden als Purushottama – das Höchste Wesen – gepriesen.


Wer mich ohne Täuschung als dieses Höchste Wesen erkennt, der weiß alles und verehrt mich mit seinem ganzen Sein, o Arjuna. Damit habe ich dir das geheimnisvollste Wissen offenbart. Wer dies versteht, wird wahrhaft weise und hat das Ziel seines Lebens erfüllt.“




Kapitel XVI: Daivasura-Sampad-Vibhaga-Yoga (Die Unterscheidung zwischen göttlichen und dämonischen Anlagen)


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Furchtlosigkeit, Reinheit des Herzens, Beständigkeit in der Erkenntnis und im Yoga, Freigebigkeit, Selbstbeherrschung, Opferbereitschaft, das Studium der Veden, Askese und Aufrichtigkeit; Gewaltlosigkeit, Wahrheit, Freiheit von Zorn, Entsagung, Gelassenheit, Verleumdungsfreiheit, Mitgefühl für alle Wesen, Abwesenheit von Gier, Sanftmut, Bescheidenheit und Stetigkeit; Tatkraft, Vergebungsbereitschaft, Standhaftigkeit, Reinheit, Abwesenheit von Neid und Eitelkeit – dies sind die Eigenschaften dessen, der mit göttlichen Anlagen geboren wurde, o Arjuna.


Heuchelei, Hochmut, Einbildung, Zorn, Härte und Unwissenheit hingegen zeichnen denjenigen aus, der mit dämonischen Anlagen geboren wurde. Die göttlichen Anlagen führen zur Befreiung, die dämonischen zur Knechtschaft. Doch betrübe dich nicht, o Arjuna, denn du bist mit göttlichen Anlagen geboren.


In dieser Welt gibt es zwei Arten von Wesen: die göttlichen und die dämonischen. Die dämonischen Menschen verstehen weder, was sie tun, noch, was sie lassen sollten. Weder Reinheit noch Wahrheit noch rechtes Verhalten existiert in ihnen. Sie behaupten, das Universum sei ohne Wahrheit, ohne moralische Ordnung und ohne einen göttlichen Lenker; sie glauben, es entstünde nur aus Lust und natürlicher Paarung, sonst aus nichts.


Mit dieser verblendeten Ansicht verfallen diese Menschen dem niederen Verstand und verrichten grausame Taten, die der Welt zum Verderben gereichen. Getrieben von unersättlichen Begierden, voller Heuchelei und Stolz, lassen sie sich von ihren falschen Vorstellungen verführen und pflegen unheilige Praktiken. Ihre Gedanken sind grenzenlos und vom Streben nach materieller Befriedigung beherrscht; sie halten den Genuss für das höchste Ziel des Lebens.


Gefesselt durch hunderte von Hoffnungen, berauscht von Begierde und Zorn, häufen sie durch unrechtmäßige Mittel Reichtümer an, nur um ihre Lüste zu befriedigen. Sie denken: ‚Das habe ich heute gewonnen, dies werde ich morgen erlangen; dieser Reichtum ist mein, und jener wird auch mein sein. Ich habe diesen Feind besiegt und werde auch andere vernichten. Ich bin der Herr, ich bin der Genießer, ich bin mächtig, glücklich und erfolgreich. Ich bin reich und von edler Geburt – wer wäre mir gleich? Ich werde opfern, ich werde schenken, ich werde fröhlich sein!‘


So verwirrt durch Unwissenheit, verstrickt in ein Netz von Wahnvorstellungen und süchtig nach den Freuden der Sinne, stürzen sie in eine elende Existenz. Selbstgefällig, starrsinnig und vom Stolz auf ihren Reichtum aufgebläht, vollziehen sie ihre Opferrituale nur zum Schein, voller Heuchelei und entgegen jeder heiligen Vorschrift.


Gefangen in Eitelkeit, Macht, Stolz, Lust und Zorn, hassen diese Boshaften mich, den Höchsten, der in ihrem eigenen Körper und in den Körpern aller anderen wohnt. Diese grausamen Menschen, die Schlechtesten unter den Sterblichen, schleudere ich immer wieder in dämonische Existenzen. Geboren in solchen Zuständen, verblendet von Leben zu Leben, sinken sie in den tiefsten Abgrund, ohne mich jemals zu erreichen.


Es gibt drei Tore zur Hölle, die das Selbst verderben: Lust, Zorn und Gier. Wer sich von diesen befreit, arbeitet an seinem eigenen Heil und erreicht das höchste Ziel. Wer jedoch die Gebote der heiligen Schriften missachtet und nur dem Impuls seines Begehrens folgt, erlangt weder Vollkommenheit noch Glück noch den höchsten Zustand.


Lasse daher die heiligen Schriften deine Autorität sein, um zu bestimmen, was getan werden soll und was nicht. Handle, indem du dir bewusst machst, was in der Offenbarung gelehrt wird.“




Kapitel XVII: Shraddhatraya-Vibhaga-Yoga (Die Unterscheidung der drei Arten des Glaubens)


Arjuna sprach:

„O Krishna, wie ist der Zustand derer, die zwar die Anordnungen der Schriften ignorieren, aber dennoch Opfer mit vollem Glauben darbringen? Ist ihr Glaube von der Qualität der Güte, der Leidenschaft oder der Finsternis?“


Der Heilige (Krishna) sprach:

„Der Glaube der verkörperten Wesen ist dreifacher Art und entspricht ihrer jeweiligen Natur: Sattva (Güte), Rajas (Leidenschaft) und Tamas (Finsternis). Jeder Mensch wird von seinem Glauben geformt; wie sein Glaube ist, so ist er selbst.


Diejenigen in der Güte verehren die Götter; die in der Leidenschaft verehren Yakshas und Rakshasas (Geisterwesen); jene in der Finsternis verehren Verstorbene und niedere Geisterscharen.


Jene Menschen hingegen, die strenge asketische Übungen praktizieren, die nicht in den Schriften vorgeschrieben sind, und die dabei von Heuchelei, Stolz, Gier und Gewalt getrieben werden – diese Unverständigen quälen ihre körperlichen Organe und mich, der ich in ihrem Inneren wohne. Solche Entschlossenheit ist dämonischer Natur.


Auch die Nahrung, die Opfer, die Askese und die Gaben sind von dreierlei Art:


Nahrung: Lebensmittel, die Lebenskraft, Energie, Kraft, Gesundheit, Wohlbefinden und Freude mehren – wohlschmeckend, ölig, nahrhaft und angenehm –, sind jenen in der Güte lieb. Speisen, die bitter, sauer, salzig, zu heiß, scharf, trocken oder brennend sind und Leid, Kummer oder Krankheit verursachen, werden von den Leidenschaftlichen begehrt. Speisen, die kalt, geschmacklos, stinkend, verdorben oder unrein sind, lieben die Menschen in der Finsternis.


Opfer: Das Opfer, das gemäß den Vorschriften, ohne Erwartung von Früchten und als reine Pflicht erfüllt wird, ist gütig. Das Opfer, das jedoch aus Prahlerei oder in der Hoffnung auf persönlichen Gewinn dargebracht wird, ist leidenschaftlich. Das Opfer, das gegen die Vorschriften verstößt, ohne heilige Mantras, ohne Gaben für die Priester und ohne Glauben vollzogen wird, ist dunkel.


Askese: Die Askese des Körpers besteht in Ehrfurcht vor Göttern, Lehrern und Weisen, in Reinheit, Aufrichtigkeit, Enthaltsamkeit und Gewaltlosigkeit. Die Askese der Rede umfasst wahrhaftige, angenehme, nützliche Worte sowie das Studium der Schriften. Die Askese des Geistes besteht in Gelassenheit, Sanftmut, Schweigsamkeit, Selbstbeherrschung und geistiger Reinheit. Diese dreifache Askese, die ohne Wunsch nach Lohn und mit Hingabe ausgeübt wird, ist gütig. Wird sie aus Eitelkeit um des Ruhmes willen vollbracht, ist sie leidenschaftlich. Wird sie aus Verblendung mit der Absicht der Selbsttortur oder zur Schädigung anderer ausgeübt, ist sie dunkel.


Gaben: Eine Gabe, die zur rechten Zeit, am rechten Ort und an einen würdigen Empfänger ohne Erwartung einer Gegenleistung gegeben wird, ist gütig. Eine Gabe, die widerstrebend, in der Hoffnung auf Lohn oder als Gegenleistung erbracht wird, ist leidenschaftlich. Eine Gabe, die zur falschen Zeit, am falschen Ort, an einen unwürdigen Empfänger und mit Verachtung dargebracht wird, ist dunkel.


‚OM, TAT, SAT‘ gilt als die dreifache Bezeichnung des Brahman. Mit ‚OM‘ beginnen nach Vorschrift alle Opfer, Gaben und Askese-Übungen. Mit ‚TAT‘ führen jene, die nach Befreiung streben, ihre Handlungen ohne Erwartung von Früchten aus. ‚SAT‘ bezeichnet das Sein und das Gute; es wird bei jeder glücksverheißenden Handlung verwendet.


Alles, was ohne Glauben als Opfer, Gabe oder Askese dargebracht wird, gilt als ‚Asat‘ (nichtseiend) – es hat keinen Wert, weder hier noch im Jenseits.“




Kapitel XVIII: Moksha-Sannyasa-Yoga (Der Pfad der Befreiung durch Entsagung)


Arjuna sprach:

„O Krishna, o Starkarmiger, o Bezwinger von Kesi, ich wünsche die wahre Natur von Sannyasa (Entsagung) und Tyaga (das Aufgeben der Früchte des Handelns) zu erfahren und sie im Unterschied zu verstehen.“


Der Heilige sprach:

„Die Weisen verstehen unter Sannyasa das Aufgeben von Handlungen, die aus Begierde entspringen. Andere Gelehrte sagen, man solle das Wirken nicht ganz aufgeben, sondern Handlungen wie Opfer, Gaben und Askese weiter ausführen. Höre nun meine Entscheidung, o Bester der Bharatas, denn das Aufgeben wurde in drei Arten unterschieden:


Opfer, Gaben und Askese sind Läuterungen für die Weisen und dürfen nicht aufgegeben werden; sie müssen vollzogen werden. Doch selbst diese Handlungen sollten ohne Anhaftung an die Früchte und in einem Geist der Pflicht getan werden – dies ist mein entschiedenes Urteil.


Wer eine vorgeschriebene Pflicht aus Täuschung vernachlässigt, handelt aus einer Qualität der Finsternis (Tamas). Wer Arbeit aus Furcht vor körperlicher Anstrengung aufgibt, handelt aus Leidenschaft (Rajas) und wird niemals die wahre Frucht der Entsagung ernten. Wer hingegen eine vorgeschriebene Pflicht erfüllt, weil sie getan werden muss, und dabei Anhaftung und die Frucht der Handlung aufgibt, dessen Entsagung gilt als gütig (Sattva).


Da Handlungen von einem verkörperten Wesen niemals vollständig aufgegeben werden können, gilt derjenige als wahrhaft Entsagender, der auf die Früchte seines Handelns verzichtet.


Höre nun die fünf Ursachen für das Gelingen aller Taten: der Körper (das Substrat), der Handelnde, die verschiedenen Sinne, die verschiedenen Bemühungen und das göttliche Walten. Wer in seinem unreifen Verständnis glaubt, nur er allein sei der Handelnde, sieht nicht die Wahrheit. Wer jedoch frei von Egoismus ist und dessen Geist nicht befleckt ist, der tötet nicht, auch wenn er im Kampf tötet, und ist nicht an die Tat gefesselt.


Das Wissen, das Objekt des Wissens und der Wissende bilden den Impuls zur Handlung. Das Instrument, die Handlung und der Handelnde bilden die Ergänzung der Handlung.


Dreifaches Wissen:


Das Wissen der Güte sieht in allen Dingen eine einzige, ungeteilte Essenz.


Das Wissen der Leidenschaft sieht alle Dinge in ihrer Getrenntheit als verschiedene Wesenheiten.


Das Wissen der Finsternis haftet an einem einzigen Objekt, als sei es das Ganze, ohne Grund oder Wahrheit.


Dreifache Handlung:


Die Handlung der Güte ist pflichtgemäß, ohne Anhaftung und frei von Begierde oder Abneigung.


Die Handlung der Leidenschaft entspringt egoistischem Streben und ist mit großer Anstrengung verbunden.


Die Handlung der Finsternis erfolgt blind, ohne Rücksicht auf Folgen, Verlust oder Verletzung anderer.


Dreifacher Handelnder:


Der Handelnde der Güte ist frei von Anhaftung, unbewegt von Erfolg oder Misserfolg, beständig und energiegeladen.


Der Handelnde der Leidenschaft ist gierig, begehrlich, grausam, unrein und voller Freude und Leid.


Der Handelnde der Finsternis ist träge, unentschlossen, eigensinnig, hinterlistig und mutlos.


Dreifacher Intellekt und Beständigkeit:

Der Intellekt der Güte erkennt, was zu tun und was zu lassen ist. Der Intellekt der Leidenschaft unterscheidet nur unvollkommen zwischen Recht und Unrecht. Der Intellekt der Finsternis hält das Falsche für das Richtige.


Die Beständigkeit der Güte kontrolliert Geist, Sinne und Atem durch Yoga. Die Beständigkeit der Leidenschaft haftet an Gewinn, Vergnügen und Erfolg. Die Beständigkeit der Finsternis gibt Schlaf, Angst, Kummer und Torheit nicht auf.


Dreifaches Glück:

Das Glück der Güte ist anfangs wie Gift, am Ende wie Nektar, geboren aus der Klarheit des Selbst. Das Glück der Leidenschaft entspringt der Verbindung der Sinne mit Objekten; es schmeckt anfangs wie Nektar, ist aber am Ende wie Gift. Das Glück der Finsternis täuscht die Seele von Anfang bis Ende und entspringt Schlaf, Trägheit und Dummheit.


Es gibt auf Erden und im Himmel kein Wesen, das frei von diesen drei Gunas ist.


Die Pflichten der Kasten:

Die Pflichten der Brahmanen (Ruhe, Selbstbeherrschung, Wissen, Glaube), der Kshatriyas (Mut, Energie, Entschlossenheit, Führung), der Vaishyas (Landwirtschaft, Handel) und der Shudras (Dienst) sind aus ihrer Natur geboren. Wer seine eigene Pflicht erfüllt, erlangt Vollkommenheit. Besser die eigene Pflicht, auch mangelhaft erfüllt, als die eines anderen, die gut erfüllt wird. Jeder, der Gott durch die Erfüllung seiner eigenen Pflicht verehrt, erlangt das höchste Ziel. Man darf seine natürliche Pflicht nicht aufgeben, selbst wenn sie Mängel aufweist, denn jedes Handeln ist wie Feuer, das von Rauch umhüllt ist.


Die Vollendung:

Wer geistig ungebunden ist, sich selbst unterworfen hat und frei von Begierden ist, erlangt durch die Entsagung von den Früchten die höchste Vollkommenheit. Wer nun den reinen Geist erlangt hat, in der Meditation verweilt, Sinnesobjekte meidet und Zorn sowie Anhaftung aufgegeben hat, der ist bereit, eins mit dem Absoluten (Brahman) zu werden. Wer in diesem Zustand des Friedens weder trauert noch begehrt, der erlangt die höchste Hingabe an mich. Durch diese Hingabe versteht er mich in meinem wahren Wesen und tritt sofort in mich ein.


Widme mir alle Taten, sei mir ergeben und richte deine Gedanken ständig auf mich. Wenn du dich auf mich verlässt, wirst du durch meine Gnade alle Schwierigkeiten überwinden. Wenn du jedoch aus Eigendünkel nicht hören willst, wirst du zugrunde gehen. Die Natur wird dich ohnehin zum Handeln zwingen; handle daher einsichtsvoll.


Der Herr wohnt im Herzen aller Wesen und lenkt sie durch seine Kraft, als säßen sie auf einer Maschine. Suche Zuflucht bei ihm, o Arjuna, und du wirst durch seine Gnade höchsten Frieden und den ewigen Sitz erlangen.


Ich habe dir nun das Wissen offenbart, das geheimnisvoller ist als alles andere. Denke darüber nach und handle, wie es dir gefällt. Höre nun die allerletzte Weisheit: Richte dein Herz auf mich, werde mein Verehrer, opfere mir und verneige dich vor mir. Dann wirst du zu mir kommen – ich verspreche dir das, denn du bist mir lieb.


Gib alle religiösen Pflichten auf und suche Zuflucht allein bei mir. Ich werde dich von allen Sünden befreien; sei nicht traurig. Dieses Wissen darfst du niemandem lehren, der nicht hingegeben ist oder der mich verleumdet. Doch wer dieses Geheimnis meinen Verehrern offenbart, wird mir die höchste Hingabe erweisen. Unter allen Menschen gibt es keinen, der mir einen teureren Dienst leisten könnte.


Jeder, der dieses heilige Gespräch studiert, bringt mir ein Opfer der Erkenntnis dar. Wer es mit Glauben hört, wird befreit und gelangt in die glückseligen Regionen der Frommen. Hast du dies nun mit gesammeltem Geist gehört, o Arjuna? Ist deine Täuschung zerstört?“


Arjuna sprach:

„Meine Täuschung ist gewichen, und ich habe durch deine Gnade meine Erinnerung zurückerlangt. Ich bin nun standhaft und meine Zweifel sind zerstreut. Ich werde deinen Willen tun.“


Sanjaya fuhr fort:

„So hörte ich dieses wunderbare Gespräch zwischen Krishna und Arjuna. Durch die Gnade des Vyasa hörte ich dieses höchste Geheimnis des Yoga direkt vom Herrn des Yoga selbst. O König, wenn ich mich an dieses heilige Gespräch erinnere, bin ich immer wieder voller Freude. Wenn ich mich an die wunderbare Form Krishnas erinnere, ist mein Erstaunen groß. Wo immer Krishna, der Herr des Yoga, ist und wo immer der große Bogenschütze Arjuna ist, dort sind, so glaube ich, Wohlstand, Sieg, Größe und ewige Gerechtigkeit.“