AUS DEM SECHSTEN BUCH DES MAHABHARATA
DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
ERSTER GESANG
Dhritarashtra sprach:
Auf heil’gem Feld von Kuru stand
die Schar, bereit zum wilden Streit.
Was taten meine Söhne dort
und Pandus Brut in dieser Zeit?
Sanjaya sprach:
Als König Duryodhana sah,
wie Pandus Heer sich aufgestellt,
ging er zu Drona, dem Gemahl
der Kunst, die diese Welt erhellt.
„Sieh, Meister, diese Riesenmacht,
die Drupadas Sohn klug vereint!
Dein Schüler führt sie in die Schlacht,
wo hell das Licht der Rüstung scheint.
Hier stehen Helden, stark und kühn,
wie Bhima und Arjuna groß:
Virata, Yuyudhana zieht
mit Drupada ins Kampfeslos.
Dhrishtaketu und Chekitana,
des Kasis Fürst voll wilder Macht,
und Purujit mit Kuntibhoj,
als Stiere in der Männerschlacht.
Yudhamanyu, der Tapfere,
Uttamaujas voller Kraft,
Subhadras Sohn und Draupadis,
die man als Wagenkrieger schafft.
Doch höre, Bester, wer bei uns
als Führer an der Spitze steht;
ich nenne sie zu deinem Schutz,
bevor der Sturm des Kampfes weht:
Du selbst und Bhishma, Karna auch,
und Kripa, dem der Sieg gelingt,
Aswatthaman, Vikarna treu,
Saumadatta, den der Ruhm umschlingt.
Und viele Helden opfern gern
ihr Leben hier für mein Geheiß;
mit mancher Waffe wohlbewehrt,
vom Kampfe wohlvertraut und heiß.
Doch uns’re Macht, von Bhishma geführt,
scheint mir für diesen Sieg zu klein;
die Macht von Bhima wohlbeschützt,
wird für die Pandavas gedeihn.
Drum haltet eure Posten gut,
in jeder Spalte, jedem Tor,
und schützt den Ahnen Bhishma jetzt,
der mutig tritt für uns hervor!“
Da stieß der weise Großvater
ein lautes Löwengebrüll heraus;
er blies die Muschel voller Kraft,
dass Duryodhana Mut erwuchs.
Und plötzlich klang ein wilder Lärm
von Hörnern, Trommeln, Muschelschall;
ein Aufruhr, der den Himmel riss,
erklang mit Dröhnen überall.
Auf einem großen Wagen dann,
von weißen Rossen wild gezogen,
da standen Madhava und Freund
Arjuna vor dem Weltenbogen.
Panchajanya blies Hrishikesha laut,
Devadatta blies Dhananjaya kühn;
Paundra, die Riesenmuschel, ließ
Vrikodara im Grimme glühn.
Anantavijaya blies der König rein,
Yudhishthira, der Kuntis Sohn;
Nakula und Sahadeva auch,
ihr Horn erschuf den Gegenthon.
Des Kasis Herrscher, Sikhandin,
Dhrishtadyumna in stolzer Pracht,
Virata und Satyaki wild,
sie alle bliesen in die Nacht.
Und Draupadis und Subhadras Sohn,
sie stimmten in den Lärm mit ein;
ihr Brüllen riss der Feinde Herz
im lauten Erden-Himmels-Schein.
Da sah der Sohn des Pandu ein,
dass nun das Werfen bald begann;
er hob den Bogen in die Luft
und sprach zu Krishna als ein Mann.
Arjuna sprach:
„O Fehlerloser, lenke nun
den Wagen zwischen das Geleit,
damit ich sehe, wer hier steht,
begierig auf den großen Streit.
Ich will sie schauen, die sich hier
versammelt haben für den Sohn
von Dhritarashtra, blind vor Gier,
zu dienen seinem falschen Thron.“
Sanjaya sprach:
Als Gudakesha so gesprochen,
stellt’ Hrishikesha den Gefährten
bereit vor Bhishma, Drona hin,
wo alle Könige begehrten.
Er sprach: „O Partha, schaue selbst
die Kurus, die im Felde stehn!“
Da sah der Sohn von Pritha dort
die Ahnen und die Freunde gehn.
Väter und Enkel sah er da,
Verwandte in der beiden Heer;
von Mitleid wurde er erfasst,
sein Herz ward traurig und so schwer.
Arjuna sprach:
„Wenn ich die eig’nen Leute seh,
versammelt für den wilden Krieg,
dann zittern meine Glieder mir,
ich wünsche keinen fahlen Sieg.
Der Mund wird trocken, und die Haut
brennt mir wie Feuer, heiß und wild;
das Gandiva entgleitet mir,
mein Geist verliert das klare Bild.
Ich kann nicht stehen, mein Verstand
dreht sich im Kreise, Kesava;
ich sehe nur ein böses Zeichen,
wenn ich die Brüder schaue da.
Was nützt uns Macht und Souveränität,
was nützt Genuss und dieses Leben,
wenn jene, die es teilen sollten,
das Dasein in den Tod hier geben?
Lehrer und Väter, Söhne auch,
Großväter, Enkel und Verwandte,
ich will sie wahrlich töten nicht,
selbst wenn ihr Speer mein Herz durchrannte!
Nicht für die Herrschaft dreier Welten,
geschweige denn für diese Erde!
Was bringt uns Janardana an Glück,
wenn ich zum Mörder jener werde?
Die Sünde wird uns überfalln,
wenn wir die Dhartarashtras töten;
sie sind Verwandte uns’res Blut’s,
warum sie in den Tod erlöten?
Wie können wir je glücklich sein,
wenn wir die eig’ne Sippe morden?
Auch wenn ihr Auge, blind vor Geiz,
verdorben ist in diesen Horden;
Wenn sie nicht sehn das große Quälen,
das aus dem Stammestode sprießt,
warum sollt’ uns das Wissen fehlen,
bevor das Blut der Rasse fließt?
Wird eine Rasse ganz vernichtet,
stirbt auch ihr ew’ger Glaube bald;
und ist die Sitte erst verloren,
wächst Sünde auf mit Machtgewalt.
Wenn Sünde herrscht, o Krishna mein,
verderben Frauen in dem Haus;
und sind die Frauen erst befleckt,
bricht wilder Kastenmischmasch aus.
Die Mischung führt zur Hölle nur
den Mörder und die Rasse gleich;
die Ahnen stürzen aus dem Licht,
beraubt der Gaben im Bereich.
Durch diese Sünden stirbt das Recht,
das ewig in den Sippen galt;
wir hörten, dass des Menschen Geist
dann in der Hölle lang verweilt.
Ach, eine Sünde, groß und schwer,
zu tun sind wir bereitgewesen;
aus Lust an Macht und Königsglanz
woll’n wir das eig’ne Blut erlesen!
Mir wär’ es besser, wenn die Söhne
von Dhritarashtra unbewehrt
mich auf dem Felde töten würden,
eh sich mein Arm im Kampf vermehrt.“
Sanjaya sprach:
Als er dies auf dem Feld gesagt,
setzt’ sich Arjuna auf den Wagen;
er legte Pfeil und Bogen fort,
vom tiefen Kummer ganz zerschlagen.
ZWEITER GESANG
Sanjaya sprach: Zu ihm gewandt,
Der voller Mitleid und Verzagen,
Mit nassen Augen, trüb im Geist,
Hat Madhus Mörder dies gesagt:
Die Mahnung des Heiligen
Der Heilige sprach: Woher, mein Freund,
Kommt diese Schwäche in der Not?
Sie bringt dir Schande, raubt den Himmel,
Und bricht der Ahnen streng Gebot.
Gib dich der Ohnmacht jetzt nicht hin,
O Kuntis Sohn, es steht dir schlecht!
Wirf ab die Schwäche deines Herzens,
Steh auf und kämpfe für dein Recht!
Arjuna sprach: Wie kann ich bloß
Mit Pfeilen gegen Bhishma ziehn?
Und Drona auf dem Felde schlagen,
Wo Ehrfurcht mir gebührt vor ihn’?
Viel besser wär’s, als Bettler hier
Durch diese weite Welt zu gehn,
Als durch den Mord an meinen Lehrern
In blutbefleckter Lust zu stehn.
Wir wissen nicht, was besser ist:
Ob wir des Sieges Früchte tragen,
Ob sie uns schlagen im Gefecht –
Die vor uns stehen zum Erschlagen.
Mein Wesen ist von Schmerz gelähmt,
Ich frage dich nach meiner Pflicht.
Ich bin dein Schüler, leite mich,
Denn mein Verstand sieht klares nicht.
Ich sehe nichts, was diesen Gram,
Der meine Sinne sprengt, vertreibt,
Selbst wenn der Erde reicher Thron
Oder der Götter Macht mir bleibt.
Sanjaya sprach: Als Gudakesha
Dies zu Govinda hat gesagt,
Verstummte er im tiefen Schmerz:
„Ich kämpfe nicht!“, hat er geklagt.
Zu ihm, der ganz von Mutlosigkeit
Mitten im Heer gefangen saß,
Sprach Hrishikesha voller Güte,
Als er des Jammers Tiefe maß.
Der Heilige sprach: Du trauerst hier
Um jene, die kein Beileid brauchen.
Du sprichst wie ein gelehrter Mann,
Doch Weise klagen nicht beim Hauchen
Des Todes oder Lebens Lauf.
Es gab kein Einst, da wir nicht waren,
Und keiner wird je schwinden, der
Hier steht in diesen Herrscherscharen.
Wie Kindheit, Jugend und das Alter
In diesem Körper fest bestehn,
So wandert er zu neuem Fleisch;
Der Weise wird das Täuschspiel sehn.
Der Sinne Wandel bringt dir nur
Die Kälte, Hitze, Schmerz und Lust.
Sie kommen und sie gehen wieder,
Ertrage sie in deiner Brust!
Der Mann, den dies nicht quälen kann,
Der fest in Lust und Schmerz verweilt,
Ist für die Ewigkeit bereit,
Weil ihn kein Erdenwahn ereilt.
Was nichtig ist, besteht doch nie,
Was ewig ist, vergeht auch nicht.
Wer diese Wahrheit tief geschaut,
Der wandelt rein im ew’gen Licht.
Das Höchste, das die Welt durchdringt,
Ist unzerstörbar, ewig rein.
Kein Wesen hat auf dieser Erde
Die Macht, des Ew’gen Tod zu sein.
Der Körper endet, doch der Geist,
Der ihn bewohnt, bleibt unbegrenzt.
Er stirbt nicht, ist unsterblich frei,
Drum kämpfe, wenn dein Schild jetzt glänzt!
Wer glaubt, dass er den Tod bringt oder
Dass er im Kampf erschlagen wird,
Der kennt die Wahrheit beide nicht,
Weil sich sein Geist im Wahn verirrt.
Das Selbst wird niemals neu geboren,
Es stirbt auch nicht in jener Schlacht.
Ungeboren, uralt, unverändert,
Bleibt es bestehn in seiner Macht.
Wer weiß, dass es unsterblich ist,
Unwandelbar und ohne Leid,
Wie kann er töten oder lassen?
Er steht jenseits von Raum und Zeit.
Wie man ein altes Kleid abstreift,
Um neue Kleider anzuzieh’n,
So wirft die Seele Körper ab,
Um neu in and’re einzuzieh’n.
Kein Schwert durchschneidet dieses Selbst,
Kein Feuer brennt es jemals nieder,
Kein Wasser macht es jemals nass,
Kein Wind verdorrt die Geisterglieder.
Es ist unendlich, fest und stet,
Unfassbar für des Geistes Sinn.
Wenn du dies weißt, o edler Held,
Dann gib dich nicht dem Jammer hin!
Und selbst wenn du die Seele glaubst
Geboren und dem Tod geweiht,
Geziebt es dir, o Starkarmiger,
Nicht, dass du weinst in Einsamkeit.
Dem Unvermeidlichen entspringt
Der Tod, dem Toten neues Leben.
Was sich nicht ändern lässt auf Erden,
Dem sollst du keine Tränen geben.
Am Anfang sind die Wesen stumm,
Dazwischen kurz im Licht zu sehn,
Am Ende schwinden sie ins Dunkel,
Was gibt es da, es zu betrügen?
Als Wunder sieht es einer an,
Ein and’rer spricht von großer Macht,
Doch selbst wer davon hören mag,
Hat es im Geiste nie durchdacht.
Die Seele lebt in jedem Leib
Und kann von niemandem vergehn.
Drum lerne, um kein ird’sches Wesen
In falscher Trauer hier zu stehn.
Schau auf die Pflicht von deinem Stand:
Für Krieger gibt es kein Versagen,
Wenn ein gerechter Kampf beginnt,
Musst du das Schwert mit Stolz getragen.
Von selbst hat sich das Tor geöffnet
Zum Himmel für des Kriegers Fleiß.
Wer solchen Kampf erleben darf,
Gewinnt des Glückes höchsten Preis.
Doch wenn du diesen Kampf verweigerst,
Verlierst du Ehre, Pflicht und Ruhm.
Du lädst nur Sünde auf dein Haupt
Und brichst dein eig’nes Heiligtum.
Die Welt wird deine Schande rufen,
Und für den Mann von hohem Rang
Ist Schande schlimmer als der Tod,
Ein bitterer, verhasster Klang.
Die Helden werden von dir denken,
Dass Furcht dich aus der Schlacht vertrieb.
Und wer dich einst so hoch geschätzt,
Dem wird kein Respekt mehr mieden.
Die Feinde spotten deiner Kraft
Mit Worten, die voll Bosheit schrein.
Was könnte schlimmer für dein Herz
Und schmerzlicher im Leben sein?
Erschlagen winkt der Himmel dir,
Und siegreich herrschst du auf der Welt.
Steh auf, o Kuntis tapf’rer Sohn,
Entschlossen auf das Waffenfeld!
In Freude, Schmerz, Gewinn, Verlust,
Im Sieg wie auch in der Gefahr,
Kämpf ohne Gier, dann bleibt dein Herz
Von jeder Sünde rein und klar.
Dies ist das Wissen aus dem Sankhya,
Nun höre, was der Yoga lehrt!
Mit diesem Geist brichst du die Fesseln,
Die dich an diese Welt beschwert.
Hier wird kein Anfang je verloren,
Kein Hindernis hält deinen Lauf.
Schon wenig von der Frommheit rettet
Dich aus der größten Angst herauf.
Hier führt der Pfad zu einem Ziel,
Das fest im Geist verankert steht.
Der Unentschloss’ne schwankt im Denken,
Weil sein Begehren irregeht.
Die Toren lieben eitlen Prunk
Und deuten der Veden Wort so aus,
Dass es kein höh’res Ziel mehr gäbe
Als Lust und Pracht im Himmelshaus.
Sie suchen Macht und neue Geburt,
Verstrickt in Riten ohne Zahl.
Ihr Geist, von Gier und Pracht betäubt,
Findet im Gott-Sein keine Wahl.
Die Veden sprechen von drei Kräften,
Sei frei von ihnen, edler Held!
Frei von den Gegensätzen hier,
Beherrscht und ohne Gier nach Geld.
Wie ein Brunneneimer weichen muss,
Wenn ringsum große Fluten fließen,
So kann der Weise aus den Veden
Das höchste Selbst für sich genießen.
Dein Recht gilt nur dem Tun allein,
Doch niemals dem Gewinn der Tat.
Lass Früchte nicht dein Antrieb sein,
Noch Trägheit säen falsche Saat!
In Yoga-Andacht tu dein Werk,
Wirf die Anhänglichkeit weit fort!
Bleib gleich im Sieg und im Versagen,
Gleichmut ist dieses Pfades Wort.
Die Tat aus Gier nach Lohn und Frucht
Steht weit im Schatten dieser Kraft.
Such Zuflucht nur im reinen Geist,
Die Erntesucher sind erschlafft.
Wer fest im Gleichmut wandelt, wirft
Das Gute wie das Schlechte ab.
Drum widme dich dem Yoga ganz,
Es führt das Handeln klug bergab.
Die Weisen weisen Früchte ab,
Vom Rad der Geburt sind sie befreit,
Sie gehen ein an jenen Ort,
Der frei von Kummer und von Leid.
Wenn dein Verstand den Wahn durchbricht,
Wird dir das Hören einerlei,
Was du gehört, was du noch hörst,
Gleichgültig wirst du davon frei.
Wenn dein Verstand, vom Wort verwirrt,
Sich festigt in der Schau allein,
Unwandelbar im tiefen Sinnen,
Wird Yoga dein Erreichen sein.
Arjuna sprach: Wie zeigt sich mir
Der Mensch, der fest im Geiste steht?
Wie spricht und sitzt ein solcher Muni,
Wenn er durch dieses Leben geht?
Der Heilige sprach: Wer alle Wünsche
Aus seinem Herzen von sich weist,
Und nur im Selbst Zufriedenheit findet,
Der hat den ganz gefest’gten Geist.
Wer frei von Kummer in den Sorgen,
Wer frei von Gier in Freuden lebt,
Wer frei von Zorn und Angst und Bindung,
Als weiser Muni vor uns schwebt.
Wer ohne Bindung überall,
Wer ohne Jubel und Verdruss
Das Gute und das Schlechte nimmt,
Dessen Geist im Frieden weilen muss.
Wer seine Sinne ganz entzieht
Der Sinnenwelt an jedem Ort,
So wie die Schildkröte ihre Glieder,
Dessen Geist ruht sicher dort.
Wohl schwindet Welt vom Fastenden,
Doch bleibt der Reiz im Herzen wach.
Erst wer das Höchste selbst geschaut,
Dem läuft die Sehnsucht nicht mehr nach.
Die Sinne stürmen wild heran,
Sie reißen selbst den Weisen mit,
Der sich bemüht mit ganzer Kraft
Und strauchelt auf dem Lebensschritt.
Beherrsche sie und sitze still,
Und mache Mich zur Zuflucht dein.
Denn wessen Sinne unterdrückt,
Dessen Geist wird dauerhaft und rein.
Wer ständig an die Dinge denkt,
Baut eine Bindung an sie auf.
Aus Bindung wächst des Wunsches Gier,
Aus Gier nimmt wilder Zorn den Lauf.
Aus Zorn entsteht Verwirrung bald,
Verwirrung raubt des Geistes Spur,
Der Geistverlust zerstört das Denken,
Und am Ende steht Verderben nur.
Doch wer mit freiem Geist sich bewegt,
Von Lust und Abneigung befreit,
Und seine Sinne fest beherrscht,
Findet des Friedens Seligkeit.
Wenn Seelenfrieden erst erwacht,
Vergeht des Elends herbe Pein.
Denn wessen Herz in Ruhe weilt,
Dessen Verstand wird sicher sein.
Wer unberuhigt, hat kein Sinnen,
Wer nicht sinnt, findet keine Ruh’.
Und woher soll das Glück wohl kommen,
Schaut man dem Geist nicht friedlich zu?
Das Herz, das den Sinnen blindlings folgt,
Zerstört des Menschen klugen Sinn,
So wie der Wind ein Boot im Meer
Treibt in den Untergang dahin.
Darum, o Held mit starkem Arm,
Ist dessen Geist vollkommen still,
Der seine Sinne von der Welt
Und ihren Reizen trennen will.
Was für die Wesen finst’re Nacht,
Da ist der Weise wach und klar.
Und wenn die Kreaturen wachen,
Ist Nacht für den, der Wahrheit sah.
Wie Ströme in den Ozean fließen,
Der voll ist und doch ruhig steht,
So zieht der Frieden in den Mann,
In den der Wünsche Sturm vergeht.
Wer alle Wünsche abgeworfen,
Wer ohne Gier und Stolz sich regt,
Wer frei von „Mein“ und eig’nem Ich,
Den tiefen Frieden in sich trägt.
Dies ist der göttliche Zustand, Partha,
Wer ihn erreicht, wird nie getäuscht.
Wer bis zum Tod darin verweilt,
Geht ein ins Selbst, das alles heilt.
DRITTER GESANG
Arjuna sprach:
Wenn du die reine Hingabe
vor jede Arbeit stellst,
warum, o Herr, in diese Schlacht,
die grausam ist, mich stellst?
Mit Worten, die zweideutig sind,
verwirrst du meinen Sinn.
Bestimme mir den einen Weg,
der mich zum Heile bringt!
Der Heilige sprach:
Zwei Wege gibt es in der Welt,
o Sündenloser, wisse:
Der Weise sucht das Licht durch Geist,
der Yogi schafft im Fleiße.
Kein Mensch entgeht der Tat, indem
er stumpf die Hände schlingt;
und kein Verzicht auf dieser Welt
dir je Befreiung bringt.
Denn niemand kann auch nur ein Quäntchen
Zeit in Trägheit ruhn;
die Kräfte der Natur erfeuern
uns zum steten Tun.
Wer seine Sinne außen zügelt,
doch im Geist begehrt,
der lügt sich an; sein Lebensweg
ist gänzlich umgekehrt.
Doch wer die Sinne kühl beherrscht
und ohne falsche Pflicht
die Hände für das Werk gebraucht,
der wandelt rein im Licht.
Geh an dein Werk! Denn Tun ist stets
viel besser als die Rast.
Du kannst den Leib nicht mal erhalten,
wenn du gar nichts tust.
Die Welt ist starr in Tat gefesselt,
die kein Opfer kennt;
drum fehle frei von Sucht das Werk,
das dich vom Höchsten trennt.
Bedenke, was der Schöpfer einst
beim Ur-Opfer versprach:
„Gedeiht durch dies und nehmt euch frei,
was euch der Tag vermacht.
Erfreut die Götter im Gebet,
sie geben es zurück;
so dient ihr euch im Wechselspiel
und findet Reichtum, Glück.“
Wer nimmt, was ihm die Götter schenken,
ohne Dank und Pflicht,
der ist ein Dieb, der in der Nacht
durch fremde Zäune bricht.
Die Guten, die vom Opfer essen,
sind von Schuld befreit.
Doch Sünde isst, wer sich allein
die Speise w wärmt und weiht.
Aus Nahrung wachsen alle Wesen,
Regen schenkt das Korn;
das Opfer bringt den Regen her,
aus Arbeit wird’s gebor‘n.
Die Arbeit strömt aus Vedenkraft,
die Gott im All entfaltet;
das Höchste ist im Opferdienst,
der diese Welt gestaltet.
Wer dieses Rad, das ewig kreist,
im Erdenleben stört,
lebt ganz umsonst; er dient der Lust,
die ihm die Seele zehrt.
Doch wer allein im Selbste ruht,
zufrieden und gestillt,
für den gibt es kein Müssen mehr,
das eine Pflicht erfüllt.
Ihm bringt kein Tun Gewinn, und auch
kein Lassen bringt ihm Harm;
er hängt an keinem Wesen hier
und bleibt im Geiste warm.
Drum tue, was zu tun dir obliegt,
ohne Gier und Zwang.
Wer unangeheftet wirkt,
bricht jeden Erdendrang.
Durch Arbeit nur erreichte Janaka
das höchste Ziel;
auch du sollst wirken für die Welt,
die sonst in Trümmer fiel.
Was auch ein großer Mann vollbringt,
das ahmt die Menge nach;
was er als Richtmaß setzt und tut,
wird andern zum Gesetz.
Ich selbst, o Partha, müsste nicht
in diesen Welten stehn;
mir fehlt kein Gut, und dennoch siehst
du mich im Wirken gehn.
Denn wenn ich jemals träge ruhte,
ohne Fleiß und Tat,
dann folgte bald die ganze Welt
auf meinem faulen Pfad.
Die Welten würden jäh vergehn,
wenn ich die Hand abzog,
Verwirrung sät’ ich in das Volk
und führt’ es in den Tod.
Wie nun der Tor mit Sucht und Gier
an seinem Werke hängt,
so wirke frei der weise Mann,
der an das Ganze denkt.
Der Weise soll den blinden Toren,
der an Werken klebt,
nicht irre machen; lenken soll
er ihn, wie man recht lebt.
Die Werkzeuge der Kraft Natur
vollbringen jede Tat.
Doch wer vom Stolz verblendet ist,
meint, dass er selbst es tat.
Wer aber, Starker, tief durchschaut
der Kräfte wildes Spiel,
der weiß: Nur Sinne treffen Stoffe —
und bleibt rein und kühl.
Wer von Naturkraft blind getäuscht
an Stoff und Sinnen hängt,
den schelte nicht der Wissende,
der tieferes bedenkt.
Weihe mir dein ganzes Tun
mit klarem, freiem Sinn;
kämpfe ohne Furcht und Wunsch,
gib alle Schwäche hin!
Die Menschen, die an meine Lehre
glauben, treu und rein,
die werden durch ihr rechtes Wirken
bald unsterblich sein.
Doch wer nur nörgelt und verhöhnt,
was ich dir hier vermache,
der stürzt blind in sein Verderben,
ohne Kraft und Wache.
Selbst der Weise handelt nur,
wie es sein Wesen treibt;
ein Wesen folgt der eignen Spur —
was hilft’s, wenn alles bleibt?
In Lust und Frust der Sinnenwelt
liegt tiefer Reiz und Schmerz.
Verfalle nicht dem wilden Drang,
er fesselt dir das Herz.
Die eigne Pflicht, wenn auch verfehlt,
ist besser als das Glück
in fremder Pflicht; im eignen Werk
bleibt kein Verderben zurück.
Es ist viel besser, treu zu sterben
auf dem eignen Pfad.
Die fremde Pflicht bringt stete Angst
und führt zu falscher Tat.
Arjuna sprach:
Doch sag, o Held aus Vrishnis Stamm,
was treibt den Menschen an,
dass er die Sünde wählt, obwohl
er sich kaum wehren kann?
Es wirkt, als ob ein fremder Zwang
ihn bös nach vorne stößt.
Der Heilige sprach:
Es ist die Gier, es ist der Zorn,
aus Leidenschaft entflammt;
sie fressen alles, voller Makel,
Feinde aller Welt!
Wie Rauch das Feuer dicht umhüllt,
wie Staub den Spiegel bricht,
wie Mutterleib das Kind verdeckt,
so raubt die Gier das Licht.
Das Wissen wird vom ew‘gen Feind
der Weisen starr umhüllt:
Das ist die Sucht, die wie ein Feuer
wütet, ungestillt.
Verstand und Geist und Sinneskraft
sind ihrer Heimat Ort;
sie täuschen das verkörperte Selbst
und jagen Weisheit fort.
Drum zügle, Stier aus Bharatas Geschlecht,
zuerst die Sinnenwelt!
Zerschlag das Monster, das Erkenntnis
und Wissen quält!
Man sagt: Die Sinne sind dem Leib,
der träge ist, voraus.
Doch über ihnen thront der Geist,
er treibt das Denken aus.
Dem Geiste steht das Wissen vor,
als klares, helles Licht.
Doch über allem thront nur Gott,
den keine Schranke bricht.
Wenn du nun weißt, wer höher steht
als Wissen und Verstand,
dann töte, Starker, diesen Feind,
den Gier im Herzen fand!
VIERTER GESANG
Der Heil’ge sprach: „Ich gab dies Wort,
das nie vergeht und ewig bleibt,
einst Vivaswat, der es forthin
zu Manu trug, wie man es schreibt.
Und Manu gab es Ikshaku,
so lernten es die Weisen fort.
Doch durch die lange Zeit, mein Freund,
verlor die Welt das hehre Wort.
Heut hab ich es erneut erklärt,
weil du mein Freund und Diener bist.
Es ist das größte Urgeheim,
das nun für dich geöffnet ist.“
Arjuna sprach: „Dein Erdenpfad
begann doch erst in jener Zeit.
Vivaswats Geburt liegt weit zurück,
in grauer Unvordenklichkeit.
Wie soll ich fassen, was du sagst,
dass du am Anfang standst und lehrtest?“
Der Heil’ge sprach: „Ich war schon da,
als du noch keinen Gott verehrtest.
Gereinigt durch das Geistfeuer,
sind viele schon zu mir gelangt.
Auf welchem Weg man mich auch sucht:
Ich gebe, was das Herz verlangt.
Wer nach Erfolg im Handeln strebt,
verehrt die Götter dieser Welt.
Denn rasch erwächst der Erdenlohn,
der Fleiß und Mühe schnell vergilt.
Die vier Kasteneinteilungen
erschuf ich nach der Pflichten Sinn.
Doch wisse, dass ich wandellos
und nicht ihr wahrer Schöpfer bin.“
„Mich rührt kein Werk, mich lockt kein Lohn,
wer mich so kennt, bleibt ungebunden.
In diesem Geist der alten Zeit
hast du den Weg zum Heil gefunden.
Was Handlung ist, was Stillstand sei,
selbst Weise führt dies in die Irre.
Ich zeige dir, was Tat bedeutet,
damit das Böse dich nicht wirre.
Schwer zu begreifen ist der Pfad:
Wer in der Tat den Stillstand sieht
und Inaktivität als Werk,
ist weise und vom Wahn geschieden.
Das Feuer der Erkenntnis brennt
all seine Sehnsucht rein zu Asche.
Wer frei von Gier und Bindung bleibt,
dem droht nicht, dass er haltlos hasche.
Zufrieden mit dem, was entsteht,
erhaben über Zorn und Neid,
ist er im Glück wie im Verlust
von jeder Fesselung befreit.“
„Das Opfergerät ist Gottes Geist,
das Opferfeuer brennt in ihm.
Wer Gott in jeder Handlung sieht,
der schreitet hin zum Heiligtum.
Manch einer opfert Gut und Geld,
manch einer zähmt der Sinne Macht,
ein andrer lenkt den Lebenswind,
bis tief im Geist das Licht erwacht.
Doch höher als das Sachgeschenk
ist das des Wissens, teurer Freund!
Weil jede Tat im Weltenall
sich im Erkenntnislicht vereint.
Erfahre dies durch Demut nun,
durch Fragen und durch treuen Dienst.
Die Seher zeigen dir den Pfad,
auf dem du Wahrheit dir verdienst.
Selbst wenn du aller Sünder Größter
gewesen wärst auf dieser Welt:
Das Boot des Wissens trägt dich sicher,
bis jeder Zweifel von dir fällt.
Wie lodernd Feuer Holz verbrennt
und es zu grauer Asche macht,
so brennt das Wissen Taten nieder,
bis deine Seele rein erwacht.
Nichts reinigt so wie dieser Geist,
wer glaubt und seine Sinne zwingt,
der findet bald die höchste Ruh,
die ihm den tiefen Frieden bringt.
Wer zweifelt, wer kein Wissen hat,
ist im Universum ganz verloren.
Ihm bringt dies Leben kein Geschick,
er wird zu keinem Glück geboren.
Zerreiß den Zweifel nun im Geist,
der aus dem Unverstand entsprang!
Nimm das Schwert der Erkenntnis an,
erhebe dich, fang an den Gang!“
FÜNFTER GESANG
Arjuna spricht:
„Du rühmst, o Krishna, das Entsagen,
und preist doch auch die Tat zugleich.
Was soll ich tun in diesen Tagen?
Sag, welcher Weg macht mich wahrhaft reich?“
Der Heilige spricht:
„Entsagung und auch rechtes Handeln,
sie führen beide hin zum Licht.
Doch besser ist’s, im Tun zu wandeln,
wenn man die Frucht der Tat zerbricht.
Als wahrer Asket ist der zu nennen,
der weder wünscht noch Hass verspürt.
Wer frei von Dualität, wird trennen
die Fesseln, die das Handeln schürt.
Nur Toren trennen Geist und Handeln,
die Weisen sehen sie als eins.
Wer lernt, auf einem Pfad zu wandeln,
erntet die Frucht des ew'gen Seins.
Den Ort, den die Entsagten finden,
erreicht auch der, der handelnd strebt.
Wer sieht, wie sich die zwei verbinden,
hat die Erleuchtung wahr erlebt.
Doch ohne Demut und Ergeben
ist schwer Entsagung zu verstehn.
Der Weise wird im tät'gen Leben
ganz ohne Zögern zu Gott gehn.
Wer reiner Seele, Herr der Sinnen,
sich selbst mit allem Leben eint,
bleibt frei von Fesseln tief da drinnen,
wie sehr das Tun auch mächtig scheint.
Der Kenner weiß im Geist zu sagen:
Ich selber tue gar nichts hier.
Beim Sehen, Riechen, Schlafen, Tragen,
beim Atmen bleibt er rein bei mir.
Es sind die Sinne, die berühren
die Dinge, die der Welt verwandt.
Kein Makel kann die Seele spüren,
wie Wasser auf dem Lotusrand.
Der Weise wirft die Haftung nieder,
wirkt mit Verstand und reinem Sinn.
Er reinigt Leib und Geist sich wieder
und gibt sich Gott vollkommen hin.
Wer hingebungsvoll wirkt im Leben,
auf Früchte der Aktion verzichtet,
dem wird die höchste Ruh’ gegeben,
weil er den Geist auf mich gerichtet.
Doch wer aus Gier nach Früchten strebt,
bleibt an die Kette festgebunden.
Der Geist, der nur in Wünschen lebt,
hat nie den Pfad nach Haus gefunden.
Die Seele, die sich selbst bezwungen,
ruht still im Haus der neun Tore.
Vom Zwang der Tat ist sie entsprungen,
unberührt vom Erdenchöre.
Der Herr erschuf nicht Tat noch Sinnen,
noch die Verbindung mit dem Lohn.
Die Urkraft wirkt nur tief da drinnen,
Natur treibt das Geschehen schon.
Der Herr nimmt Sünde nicht noch Gaben,
durch Täuschung ist das Licht verhüllt.
Die Menschen, die im Dunkeln traben,
sind von Verwirrung ganz erfüllt.
Doch wem die Unwissenheit wich,
durch klares Wissen tief im Geist,
dem offenbart das Höchste sich,
wie eine Sonn', die Nebel reißt.
Wer Ihn als Ziel und Zuflucht wählt,
wer ganz in Seinem Lichte steht,
wird nie mehr in die Welt gezählt,
da jede Sünde schnell vergeht.
Ob Priester, voll von sanfter Zucht,
ob Hund, Elefant oder Kuh –
der Weise sieht in jeder Frucht
dieselbe Göttlichkeit in Ruh'.
Schon hier besiegten sie das Sterben,
weil Gleichmut ihren Geist durchdringt.
Da Gott vollkommen, frei von Verderben,
ihr Leben tief in Gott erklingt.
Der Geist bleibt fest, kein Trug kann blenden,
wer Gott erkennt, in Gott ersteht.
Kein Glück wird falschen Jubel senden,
kein Leid ihn quälen, das vergeht.
Wer frei von äuß'ren Sinnesbanden,
findet das Glück im eig'nen Kern.
Im Geist mit Brahma fest verstanden,
bleibt ihm Verfall und Kummer fern.
Was aus den Sinnen wird geboren,
bringt Leiden nur und schnellen Schmerz.
Es fängt an und geht bald verloren,
kein Weiser schenkt ihm sein Herz.
Wer hier, noch eh' der Leib zerbricht,
den Sturm aus Zorn und Gier bezwingt,
der bleibt im Gleichgewicht und Licht,
dem das erhab'ne Glück gelingt.
Wer in sich selbst die Freude findet,
wer in sich selbst sein Leuchten schaut,
wird ganz mit Brahma fest verbindet,
weil er auf Gottes Geist vertraut.
Die Seher, deren Zweifel schwinden,
von Sünden frei, dem Wohl geweiht,
sie werden Brahmas Frieden finden,
erlöst von aller Erdenzeit.
Wer frei von Zorn und wilden Trieben,
wer selbstbeherrscht im Geiste wacht,
für den ist Gottes Ruh' geblieben,
im Hier und in der ew'gen Nacht.
Wer äuß're Dinge hält von fern,
den Blick nimmt zwischen die Brauen,
atmet im Gleichmaß still und gern,
kann tief in seine Seele schauen.
Wer Geist und Sinnen hat bezwungen,
befreit von Wünschen, Angst und Zorn,
ist zur Befreiung durchgedrungen,
trinkt ewig aus dem Lebensborn.
Wer Mich als Herrn der Opfer kennt,
als Freund von jedem Erdensohn,
wer Mich den Herrn der Welten nennt,
findet im Frieden seinen Lohn.“
SECHSTER GESANG
Wer sich bezwang, dem ist er selbst ein Freund,
wer nicht, der wandelt sich zum eigenen Feind.
Wer sich beherrscht und Ruhe in sich fand,
bleibt fest bei Kält’ und Hitze, Herzensband,
bei Lust und Schmerz, bei Ehre wie bei Schand’.
Der Asket, der an Wissen sich erfreut,
der alle Regungen und Triebe scheut,
dem Stein wie Gold und Gras gleichgültig sind,
der keine Zuneigung in sich noch find’t,
der Freund wie Feind, den Fremden, Gut und Böse
mit gleichem Blick sieht, fern von der Getöse,
der ist ausgezeichnet und rein vom Sinn,
trägt all sein Denken auf das Höchste hin.
Der Gottgeweihte bleibe stets allein,
an stillem Ort, um dort bei sich zu sein.
Geist und Körper zügle er mit Macht,
ohne Erwartung, wachend durch die Nacht.
Er wähle sich ein Plätzchen, sauber, fein,
nicht allzu hoch, nicht tief soll es wohl sein.
Auf Gras, ein Fell, ein Tuch, da setz’ er sich,
den Geist auf eines nur, auf innerlich.
Die Sinne stumm, das Herz zur Ruh’ gebracht,
dass er zur Reinigung den Geist entfacht.
Den Körper aufrecht, Nacken, Kopf zugleich,
in unbewegter Haltung, fest und reich.
Den Blick zur Nasenspitze hingelenkt,
wobei er nicht nach außen sich beschränkt.
Von Angst befreit, mit ruhigem Gemüt,
während die Kraft der Selbstbeherrschung glüht,
setzt er das Herz auf mich, sein einzig Ziel,
vergisst der Außenwelt verwirrtes Spiel.
Durch stete Übung kommt der Geist zur Ruh’,
findet im Einssein mit mir ewig zu.
Doch Yoga ist nicht für den, der zu viel isst,
noch für den, der des Essens sich vergisst.
Nicht für den Schläfer, nicht für den, der wacht,
wer Maß in allem hält, der hat’s vollbracht.
Wer maßvoll isst, wer maßvoll tätig ist,
wer Schlafen wie das Wachen wohl bemisst,
dem schwindet alles Leid und alle Pein,
wer Maß hält, lässt das Yoga bei ihm sein.
Wenn dann der Geist auf sich sich selbst besinnt,
und keine Gier mehr in die Fremde rinnt,
dann wird er Gottgeweihter, fest im Licht,
wie eine Lampe, die im Wind nicht bricht.
Wenn so der Geist durch Praxis still nun schweigt,
man sich in sich als sich selbst dann zeigt,
die höchste Seligkeit, die Sinne fern,
als Wahrheit strahlend, wie ein heller Stern,
von der man nimmermehr sich jemals trennt,
die jedes Leid als Nichtigkeit erkennt –
dies nennt man Yoga, trennt vom Schmerz das Band,
mit festem Herzen, unbeugsamem Verstand.
Wer jeden Wunsch, den das Begehren schürt,
mit weisem Sinn in festen Schranken führt,
der leite langsam seinen Geist sodann,
bis er im Selbst nur noch verweilen kann.
Wo immer auch der Geist unstet entflieht,
man ihn zum Zentrum wieder sanft entzieht.
Wer so den Geist in Ruhe nun bewahrt,
der Leidenschaften Fesseln offenbart,
wer eins mit Brahma wurde, frei von Schuld,
den trifft des höchsten Glückes Huld.
Der Yoga-Meister, frei von Sünd’ und Last,
der ungestört zum höchsten Glück nun fasst,
der überall mit gleichem Auge sieht:
Dass alles Sein in mir sich wohl befindet,
dass ich in allem Wesen mich begründe,
und alles Sein in mir sich wiederfinde.
Ich bin ihm nah, er ist mir nie verloren,
wer mich in allen Wesen sieht, den Segen sich erkoren.
Wer eins ist mit dem Ganzen, tief in mir,
der lebt in mir, wo er auch sei, stets hier.
Wer Leid und Freude aller Wesen spürt,
als sein Gebilde, das sein Herz berührt,
der gilt als Bester, wahrhaft in der Tat,
der auf dem Pfad der höchsten Einung naht.
Da sprach Arjuna: „Krishna, ach, mein Herr,
der Geist ist rastlos, wild und schwer!
Wie man den Wind im Sturme kaum bezähmt,
so bleibt mein Geist, der sich der Ruh’ entfremdet.
Die Zügelung erscheint mir schier zu schwer,
ein Ziel, das kaum zu greifen ist, so leer.“
Der Heilige sprach: „Du hast gewisslich recht,
der Geist ist launisch, wild und oft auch schlecht.
Doch durch die Übung, Sohn der Kunti, fein,
und durch Verzicht, lässt er sich zähmen ein.
Wer seinen Geist nicht zügelt, sucht vergebens,
wer aber eifert, findet Sinn des Lebens.“
Arjuna fragte: „Doch wenn man nun versagt?
Wenn man zwar glaubt, doch dann den Pfad verjagt?
Wenn einer scheitert, der doch Yoga sucht,
ist er verloren, von dem Pfad verflucht?
Wie eine Wolke, die vom Sturm zerrinnt,
die keine Zuflucht und kein Ziel gewinnt?
O Krishna, nimm den Zweifel mir hinweg,
du nur kennst meines Suchens tieferen Zweck.“
Der Heilige sprach: „Mein Sohn, sei ohne Sorge,
denn Gutes trägt die Frucht für jeden Morgen.
Wer Gutes tut, dem droht kein Untergang,
ein edles Leben klingt ein Leben lang.
Selbst wer den Weg verlässt, wird neu geboren,
in reichem Haus, um wieder aus den Toren
des Wissens aufzustehn, an altem Punkt,
bis Weisheit wieder in ihm neu versinkt.
Gezogen von der Übung alter Zeit,
strebt er empor zur höchsten Herrlichkeit.
Nach vielen Leben, frei von jeder Schuld,
erreicht er mich, gewinnt des Himmels Huld.
Der Yoga-Mann steht über dem Asketen,
der sich in kargen Kasteiungen wird beten.
Er steht auch über dem, der nur nur Wissen pflegt,
und über dem, der nur im Handeln sich bewegt.
Drum werde du zum Yoga, tief im Geist,
als jener, der die höchste Form verheißt.
Von allen Gläubigen ist mir der der Beste,
der in mir ruht, mit Glauben, ohne Reste.“
SIEBTER GESANG
Ich bin der Quell, aus dem das All entspringt,
Und auch der Schlund, der es zur Auflösung zwingt.
Nichts Höheres gibt es, O Dhananjaya, als mich,
Wie Perlen an der Schnur, so ruht das All für mich.
Ich bin der Geschmack, der im Wasser liegt,
Die Pracht, die Sonne und Mond anstrahlt und wiegt.
Ich bin der Om-Klang, der in Veden schwingt,
Der Raum-Klang und was Kraft in Menschen bringt.
Ich bin der Erde Duft, der Flammen Glanz,
Das Leben in der Kreatur, im Sein der Tanz.
Die Buße der Asketen bin ich auch,
Der ewige Same, der im Werden haucht.
Ich bin der Geist, der jedem Wesen denkt,
Die Herrlichkeit, die jedem Glanz geschenkt.
Ich bin die Stärke, frei von Gier und Not,
Die rechte Lust im Wesen, wie Gebot.
Was gut ist, was in Leidenschaft erglüht,
Was dunkel durch das Reich der Schatten zieht –
Wisse: All dies entspringt allein aus Mir,
Ich bin in ihnen, doch nicht gebunden hier.
Das Weltall, von den drei Qualitäten blind,
Erkennt mich nicht, die ich ihr Schöpfer sind.
Die Maya ist so schwer, so wunderbar,
Dass meine wahre Form bleibt unsichtbar.
Nur wer Zuflucht bei mir allein erfährt,
Der hat die Illusion als Trug entehrt.
Doch wer im Bösen lebt, im Unverstand,
Findet zu mir, dem Höchsten, nie die Hand.
Vier Arten von Menschen verehren mich fein:
Der Leidende, der Wissende, der Suchende rein,
Und der, der stets ergeben bei mir weilt –
Dem Wissenden ist meine Lieb' erteilt.
Denn er sieht mich als sein eigen Selbst an,
Als höchstes Ziel, das er erreichen kann.
Nach vielen Leben kehrt er heim zu mir:
"Vasudeva ist alles" – so weiß er hier.
Doch solch ein Geist ist selten auf der Welt,
Der Wissende, den nur das Eine hält.
Die andern, durch Begierde tief gelenkt,
Haben ihr Herz an nied're Götter gehängt.
Welch Bild der Gläubige auch immer wählt,
Ich bin es, der den Glauben in ihm stählt.
Mit meiner Kraft wird seine Treue fest,
Er erntet, was er wünscht, als Gottes Rest.
Doch ihre Frucht ist flüchtig, bald vorbei,
Wer Götter ehrt, bleibt in der Formerei.
Wer mich verehrt, geht ein in meine Pracht,
Weil er die Einheit in der Tiefe dachte.
Verblendet von der Maya, ohne Sicht,
Erkennen sie mein wahres Wesen nicht.
Sie sehen mich als Mensch, in Zeit und Raum,
Und ahnen nicht den ew'gen, wahren Traum.
Verhüllt durch meine Kraft, bin ich nicht nah,
Die Welt erkennt das Ungebore' nicht da.
Ich weiß um alles, was vergangen ist,
Was gegenwärtig bebt, was Zukunft frisst.
Doch mich kennt niemand, wer ich wirklich bin,
Der Mensch verliert im Paar den rechten Sinn.
Durch Hass und Gier wird jedes Kind getäuscht,
Das in der Welt der Gegensätze keuscht.
Doch jene, deren Tat die Sünden bricht,
Die finden mich und sehen endlich Licht.
Von aller Täuschung und dem Zwiespalt frei,
Sind sie mir treu in jeder Lebensreih.
Nimm Zuflucht nun zu mir, entfliehe Leid,
Von Alter, Tod und allem Weltenstreit.
Erkenne Brahman, des Daseins tiefsten Grund,
Das Adhyatma und das Handeln in dem Bund.
Wer mich als Adhibhuta, Adhidaiva sieht,
Als Adhiyajna, der im Opfer glüht,
Dessen Geist in mir zur Ruhe kommt,
Der mich auch dann erkennt, wenn
Sein Abschied naht und er vom Leibe strömt.
ACHTER GESANG
Arjunas Fragen
Arjuna sprach: „O Bester unter allen,
die als Männer gehn,
Was ist das Brahman? Was Adhyatma?
Was ist Handeln zu verstehn?
Was ist Adhibhuta? Was wird Adhidaiva,
sag es mir!
Und wer ist der Adhiyajna,
wie wohnt er im Körper hier?
Wie bist du, Madhu-Vernichter,
in der letzten Stund’ zu sehn,
Von jenen, die in Selbstbeherrschung
auf dem Wege weitergehn?“
Die Antwort des Herrn
Der Heilige sprach: „Das Brahman
ist das Höchste, unzerstörbar, rein;
Als Adhyatma nennt man das,
was will in eigenem Wesen sein.
Das Handeln ist die Gabe,
die das Werden erst hervorbringt,
Wenn Schöpfung sich durch Opferkraft
in jedes Dasein schwingt.
Wer in der letzten Stunde,
wenn der Leib das Leben lässt,
An mich allein nur denkt,
der geht in mein Wesen ein, gewiss und fest.
An welche Form der Gottheit auch
der Geist am Ende denkt,
Dorthin gelangt die Seele,
wenn sich die Gewohnheit dorthin lenkt.
Darum gedenke mein stets fort,
zieh in den Kampf mit festem Sinn,
Mit Geist und Herz auf mich gerichtet,
kommst du sicher zu mir hin.
Wer ohne Wanken, in der Sammlung,
sich auf mich allein besinnt,
Der geht zum göttlich höchsten Wesen,
wo er seine Heimat findt.
Wer beim Verlassen dieses Leibes
den Atem staut im Augenpaar
Mit Andacht und mit Geist,
der eins ist, der wird mir dann offenbar.
Den Seher, Herrscher, der
das All ordnet im kleinsten Atom so klein,
Der unvorstellbar, fern der Dunkelheit,
wird dem Frommen sicher sein.
Vom Sitz, den Kenner der Veden
als unzerstörbar preisen laut,
In den die Asketen eintreten,
weil ihre Sehnsucht auf ihn baut,
Und dessen Willen man erstrebt,
wenn man sich der Enthaltsamkeit weiht –
Von diesem Pfad, o Arjuna,
erzähl’ ich dir voll Klarheit jetzt bereit:
Verschließe alle Sinne,
schließ den Geist im Herzen ein,
Lass fest den Lebenshauch im Raum
der Augenbrauen sicher sein.
Wer in der Meditation verweilt,
das heilige ‚Om‘ erklingen lässt,
Und mein gedenkt, der erreicht
das Höchste, ganz gewiss und ungestresst.“
Wer unablässig an mich denkt,
den Geist von allem ferngehalten,
Der stets in Meditation verweilt,
sieht mich in seinem Innern walten.
Für solchen Gottergebenen bin ich,
o Partha, leicht zu finden,
Wer mich erreicht, wird nie durch Schmerz
und Wiedergeburt an Welt sich binden.
Denn alle Welten, selbst die Stadt,
wo Brahman thront in seinem Licht,
Sind dem Kreislauf der Zeit unterworfen,
sie enden, dauern ewig nicht.
Doch wer zu meinem Hause kommt,
den trifft das Schicksal nicht mehr schwer,
Für ihn gibt es kein Wiederkehren,
er ist des Leids nunmehr entbehr’.
Wer weiß, dass Brahmans Tag und Nacht
zehntausend Weltzeitalter währen,
Der kennt das Maß der Zeit,
in der sich Tag und Nacht stets wiederkehren.
Wenn Brahmans Tag beginnt,
erwacht das Unmanifeste zum Entstehen,
Wenn seine Nacht anbricht,
muss alles wieder in das Verborgene gehen.
Die Scharen aller Wesenheiten,
die immer neu das Licht erblicken,
Muss in der Nacht des Schöpfers
wieder die dunkle Auflösung ersticken.
Doch hinter diesem Unmanifesten,
in Ewigkeit, steht noch ein Wesen,
Das nicht vergeht, wenn alle Welten
aus dem Dasein sind genesen.
Das ist das Ziel, das Höchste Licht,
mein oberster, mein wahrer Sitz,
Woher kein Geist zur Erde kehrt,
durchdrungen von des Geistes Blitz.
In dem alle Wesen ruhen,
der alles durchdringt, fern von Wahn –
Er ist durch reine Hingabe
zu erreichen auf der Lebensbahn.
Ich sage dir nun an, o Stier,
wie jene Pfade sich gestalten,
Auf denen Seelen nach dem Tod
ihr Schicksal oder Heil entfalten:
Wer durch das Licht, das Feuer,
den Tag, die helle Zeit der Sonne geht,
Der findet zu dem Brahman hin,
der dort in ewigem Glanze steht.
Doch wer im Rauch, in Nacht und Mondlicht,
wenn die Sonne südlich zieht,
Sein Ende findet, der muss wieder
in das Erdendasein, wie es geschieht.
Das Helle und das Dunkle sind
die Wege, die seit Anbeginn bestehn,
Der eine führt zur Freiheit hin,
der andre lässt den Geist vergehn.
Wer diese beiden Pfade kennt, o Arjuna,
bleibt vom Trug befreit,
Sei darum stets mit Hingabe
in deinem Herzen fest geweiht.
Was man durch Opfer, Veden, Fasten
an heiligen Früchten sich erworben,
Ist nichts gegen das Wissen hier,
das dir mein Wort nun hat verborgen:
Wer dies begreift, erreicht das Ziel,
das jede gute Tat übersteigt,
Und er erreicht den Ur-Sitz,
der sich dem Erleuchteten am Ende zeigt.
NEUNTER GESANG
Erkenne, dass in mir all das Dasein ruht,
Gleichsam verwoben mit des Wesens Glut.
Am Ende jeder Zeit, Sohn Kuntis, kehren
Sie heim zu mir, um sich in mir zu mehren;
Doch bei des Kalpas neuem Anbeginn
Erschaff’ ich sie erneut, wie ich es sinn’.
Die eigene Natur beherrscht das Spiel,
Das Wesen treibt es hin zum Weltenziel;
Gefangen in der Materie weicher Hand,
Entsteht der Welt Gestalt, ein stetes Band.
Doch mich, der ich dort unbeteiligt ruht,
Fesselt der Taten Drang nicht, noch die Glut.
Als Aufseher lenk’ ich der Natur Getriebe,
Die Schöpfung wirkt durch meine stille Liebe;
Beweglich und unbeweglich, alles Sein,
Geht durch die Runden, geht in mich hinein.
Doch Unwissende, trüb in ihrem Sinn,
Verkennen mich und gehen in sich hin;
Sie achten nicht das Göttlich-Menschliche,
Vom Asura-Geist, dem trügerischen, sie.
Doch jene, die den hohen Geist bewahren,
Sich ganz zu mir, dem Ursprung, offenbaren,
Die ehren mich, in steter Hingabe,
Mit Lob und Opfer, jeder Lebensgabe.
Ob einer mich als Einheit nun verehrt,
Ob er als Vielheit mich im Weltenmeer beschwert –
Ich bin das Opfer, bin der Kräuter Kraft,
Das Mantra, das die heilige Glut erschafft.
Ich bin der Mutter Schoß, des Vaters Hand,
Der Wissende, das reinigende Band;
Das Om, das Rik, das Yajus, Samas Klang,
Das Ziel des Weges, Lebens Untergang.
Ich bin die Quelle und der Samen Kern,
Ich bin der Tod, die Wärme, nah und fern;
Das Sein, das Nichtsein, Unsterblichkeit zugleich,
Ich bin der Herr in meines Geistes Reich.
Wer sich den Veden zuwendet mit Macht,
Den Soma trinkt, die Sünden hat verlacht,
Der sucht den Himmel, wo die Götter thronen,
Um dort kurzzeitig in dem Licht zu wohnen.
Doch ist die Tugend dort dann aufgebraucht,
Wenn sie den Himmel haben ausgehaucht,
Dann kehren sie zur Erdenwelt zurück,
Im ewigen Kreislauf, ohne Dauerglück.
Doch jene, die das Herz nur mir allein
Verschreiben, stets im Denken bei mir sein,
Die behüte ich, ich schenk’ ihnen das Glück,
Ich bringe ihnen alles stets zurück.
Auch jene, die zu andern Göttern gehen,
Verehren mich, auch wenn sie mich nicht sehen;
Sie kennen mich als Opferherrn nicht recht,
Deshalb sind ihre Wege nicht so echt.
Wer mir ein Blatt, ein Wasser, eine Frucht,
Mit reinem Herzen darbringt, ohne Sucht,
Derjenige ist mir als Freund geweiht,
Ich nehme an, was er mir gibt mit Freud’.
Was du auch tust, was du auch isst und schenkst,
Wenn du dabei an mich, den Höchsten, denkst,
Dann wirst du frei von der Natur Gebot,
Von Taten Last und aller Sünden Not.
Ich bin in jedem Wesen, gleich an Sinn,
Kein Feind, kein Freund, ich ziehe alle hin.
Wer mich verehrt, ob er auch Sünder war,
Wird bald tugendhaft und dem Licht ganz nah.
So wisse, Sohn der Kunti, glaube mir:
Wer mir ergeben ist, bleibt stets bei mir.
Selbst wer aus sünd’gem Schoß geboren ist,
Wer Frau, Vaisya, Sudra, im Leid vergisst,
Wer auf mich baut, der findet seinen Lauf
Zum höchsten Ziel, nimmt meine Gnade auf.
Was soll ich erst von jenen Brahmanen sagen,
Die fromm und weise ihre Seelen tragen?
Die Heiligen, die mir ergeben sind,
Die Zuflucht finden, wo der Frieden rinnt.
In dieser Welt, so flüchtig und so schwer,
Gilt einzig meine Anbetung noch mehr.
Drum richte deinen Geist auf mich allein,
Sollst mein Verehrer und mein Diener sein.
Verbeuge dich, mach mich zu deinem Hort,
Vertraue ganz auf mein erlösend Wort;
Wenn du dein Denken so in mir vereinst,
Wirst du bei mir, der du die Einheit meinst.
ZEHNTER GESANG
Die Offenbarung des Höchsten
Der Herr spricht:
„Hör noch einmal, oh starker Held, mein Wort, das dir zum Besten dient,
Weil mir dein Herz voll Güte scheint, das mir in Liebe wohlgesinnt.
Kein Gott, kein Rishi, groß und weise, erkennt, woher mein Wesen stammt,
Denn ich bin’s, der sie alle schuf, der in mir selbst als Ursprung flammt.
Wer mich als Herrn der Welten kennt, als den, der ohne Anfang ist,
Der bleibt vom Sterblichen befreit, wenn er die Sünde ganz vergisst.
Verstand, das Wissen, reine Wahrheit, Vergebung, Ruhe, Selbstbeherrscht,
Schmerz, Freude, Leben, Tod und Furcht – von mir sind sie, wie mir es deucht.
Die sieben Weisen, Manus auch, entsprangen meinem Geist allein,
Aus ihnen ging die Welt hervor, in mir kehrt alles wieder ein.
Wer diese meine Macht versteht, die über alle Grenzen geht,
Der wird in unerschütterlich, mit Liebe, die im Herzen steht.
Sie denken mein, sind mir geweiht, lehren sich gegenseitig froh,
Erfüllt von meinem Geist sind sie, das Leben strahlt in ihnen so.
Aus Gnade schenk’ ich ihnen nun die Leuchte, die das Dunkel bricht,
Die Weisheit in der eignen Seel’, die führt zum ew’gen Himmelslicht.“
Arjuna spricht:
„Du bist das höchste Brahma, Herr, die Wohnstatt, heilig, ewig, rein,
Der Erste unter Götterkindern, das göttlich-männliche Sein!
Die Rishis künden deinen Ruhm, Vyasa auch und Narada,
Und was du sagst, o Kesava, das nehm’ ich wahr, das ist mir nah.
Kein Gott und auch kein Danava ergründet dein Geheimnis tief,
Nur du allein kennst deine Macht, die einst den Kosmos rief!
O Schöpfer, Herr der Götterwelt, enthülle mir, wie du durchdringst
Die Welt mit deiner Herrlichkeit, und wie du alles in dir schwingst.
Wie soll ich, tief in Meditation, dich finden, Herr voll Wunderkraft?
In welchen Formen zeigst du dich, die deine Gegenwart erschafft?
O Janardana, sprich noch mehr, lass mich dein Wort, den Nektar, hören,
Denn nie kann ich mich satt an dir, an deinen Worten, still betören!“
Die Manifestation des Göttlichen
Der Herr spricht:
„Wohlan, ich künde dir nun meine Macht, in kurzen Zügen nur,
Denn meine Pracht ist ohne End’, durchdringt der Welten jede Spur.
Ich bin die Seele, tief im Herz von jedem Wesen, das da lebt,
Ich bin der Anfang, Mitte, Schluss – das Ziel, nach dem man ewig strebt.
Vishnu bin ich der Adityas, die Sonne, die das Dunkel bricht,
Der Mond bei Nacht, der Maruts Kraft, in jedem Stern ein helles Licht.
Der Sama-Veda bei den Hymnen, bei Göttern Indra, mächtig groß,
Bei Sinnen bin ich Geist und Sinn, der alles hält in seinem Schoß.
Ich bin Sankara bei den Rudras, der Reichtum bei den Geistern dort,
Meru der Berg, bei Vasus Agni – ich bin der Sinn an jedem Ort.
Als Priester Vrihaspati, Skanda als Feldherr, kühn und frei,
Der Ozean bei jedem Fluss, bei Rishis Bhrigu stets dabei.
Als heil’ge Silbe 'Om' bin ich in jedem Wort, das klingt und schwingt,
Das Japa-Opfer bei den Riten, das sanft das Herz zum Schweigen bringt.
Der Himavat als Bergmassiv, der Feigenbaum im Waldesrund,
Narada bei den Weisen stets, der Gandharvas Klang aus meinem Mund.
Ich bin der Kapila im Yoga, bei Pferden Uchchaisravas stolz,
Airavata beim Elefanten, wie Eiche hart das Lebensholz.
Der König unter Menschenkindern, der Blitz in wilder Waffenschlacht,
Kamadhuk als die Wunsch-Kuh gilt, Vasuki in der Schlangen Nacht.
Ananta bei den Nagas dort, Varuna bei der Wasser Pracht,
Yama, der über Sünden richtet, in dunkler Tiefe, bei der Nacht.
Prahlada bei den Daityas, Zeit bei dem, was zählt und schnell verrinnt,
Der Löwe in der Tierwelt Kraft, wo Stolz und Stärke sich verbindet.
Ich bin der Wind, der reinigt alles, bei Waffenträgern Rama kühn,
Der Makara im Fischzug hell, und Ganga, die in Strömen grün.
Ich bin der Anfang, Ende, Mitte, bei jedem Ding, das Atem holt,
Die höchste Weisheit im Verstand, die sich in klugen Worten rollt.
Bei Buchstaben das A bin ich, bei Wortverbindungen der Sinn,
Die ew’ge Zeit, der Lenkergeist, der zieht die Fäden überall hin.
Ich bin der Tod, der alles rafft, die Quelle, die das Morgen webt,
Der Ruhm, die Sprache, Geisteskraft – in dem, was in den Frauen lebt.
Bei Metren bin ich das Gayatri, der Margasirsha bei den Monaten,
Des Frühlings Blütenpracht bin ich, bei Betrügern das Spiel der Taten.
Ich bin der Glanz der Herrlichen, der Sieg, die Tugend und der Mut,
Bei Vrishnis bin ich Vasudeva, in Arjuna des Pandus Glut.
Ich bin Vyasa unter Weisen, Usanas bei den Sehern hell,
Die Zucht, das Recht der Herrschenden, der Stille tiefer Quell.
Der Same, der das Sein entfaltet, nichts gibt es, das ohne mich besteht,
Was immer lebt, was immer ruht, in meiner Kraft es aufersteht.
Kein Ende hat mein göttlich Wesen, nur Beispiele nannt’ ich dir,
Was strahlend, stark und herrlich ist, entstammt der Energie von mir.
Doch wozu dir im Detail sagen, was ohnehin den Kosmos füllt?
Ich stütze dieses Universum, da mein ein Teil die Welt enthüllt.“
ELFTER GESANG
Die Offenbarung der Weltform
Arjuna spricht:
„Dein Wort, o Herr, vom höchsten Geist,
Hat meinen Geist von Täuschung frei gemacht.
Dein Wesen, das den Glanz des Lotos preist,
Hat meine Last der Zweifel sanft entfacht.
Ich sah das Ewige, das nie zerfällt,
Was du von dir gelehrt, ist Wahrheit pur.
Ich will nun schauen, wie du hältst die Welt,
Gewähr mir Einblick, Herr, in deine Natur.“
Der Heilige spricht:
„O Sohn von Pritha, schau, mein göttlich Licht,
In tausend Formen, farbenprächtig, weit.
Die Götter scharen sich um mein Gesicht,
Wunder, die kein Auge sah seit Anbeginn der Zeit.
Doch schau, o Arjuna, mein ganzes Sein,
In diesem Leib ist Welt und Raum vereint.
Die Kraft, die lässt dich erst durch Gnade schrein,
Wenn göttliche Sicht den Horizont bescheint.“
Sanjaya berichtet:
„So sprach der Herr, die Macht, die alles lenkt,
Und offenbarte sich in höchster Pracht.
Mit Mündern zahllos, wie man Leben schenkt,
In Schmuck und Waffen, göttlich angebracht.
Wenn tausend Sonnen plötzlich glühend heiß,
Am Himmelszelt ihr Licht zusammengießen,
Wär’ das ein Abglanz nur, ein schwacher Kreis,
Gegen das Licht, das aus dem Herrn muss fließen.
Der Pandu-Sohn, er sah die Welt verteilt,
In diesem Leib, der alles in sich trägt.
Er staunte, seine Seele eilte, weilte,
Von Ehrfurcht tief, von Schauer sanft bewegt.
Mit Händen faltend, Haar das zu Berge steht,
Sprach er, das Haupt geneigt vor Gottes Macht:
‚Ich seh’ dich unendlich, wo der Wind auch weht,
Der Mond und Sonne aus den Augen wacht.
Der Raum zwischen den Sternen ist dein Kleid,
Das Feuer deines Mundes wärmt das All.
Die Welt erzittert, in der Unendlichkeit,
Die Götter beten laut mit tiefem Schall.
Die Rishis loben dich in Hymnen hell,
Die Rudras, Adityas, des Himmels Chor,
Sie schauen auf dich, oh, so wundervoll,
Und staunend neigen sie sich vor dir vor.
Doch schrecklich ist dein Antlitz, voller Zähne,
Mit ungezählten Armen, Schenkeln, Blick.
Ich zittre, Herr, und eine Angst, die wähne,
Nimmt mir den Frieden, nimmt mir das Geschick.
Dein Mund, das Feuer, das am Ende brennt,
Die Welten schlingt er in der Gier Gequäl.
O Gott der Götter, den man Zuflucht nennt,
Sei gnädig mir, befrei mich aus der Qual.
Des Feindes Heerscharen, sie stürzen ein,
In deinen Schlund, der Zähne scharf und wild.
Sie gehen unter, lösen sich im Schein,
Dein unaufhaltsames, alles-sehendes Bild.‘“
Die Zerstörung und die Erkenntnis
Arjuna fährt fort (im Anblick der Weltform):
„Wie Wasserströme, die zum Ozean eilen,
So stürzen Helden in den Schlund der Glut.
Wie Motten, die im Feuer strahlend weilen,
Verzehrt der Schlund das Fleisch, die Kraft, das Blut.
Du leckst mit Flammenzungen sie hinab,
Das ganze All ist von dir durchdrungen.
Sag mir, wer bist du, der den Tod uns gab?
Ich beuge mich, von deiner Macht bezwungen.“
Der Heilige (Krishna) spricht:
„Ich bin der Tod, der Welten Zerstörer,
Entfaltet in Macht, um das Schicksal zu lenken.
Ich bin der Vollstrecker, der Weltenschwörer,
Das Ende des Lebens, das Völker versenken.
Auch ohne dein Schwert, im Getümmel der Schlacht,
Sind sie schon verloren, ihr Ende steht fest.
Drona und Karna, der Helden Pracht,
Sie fallen bereits durch mein göttliches Nest.
Steh auf, Arjuna, sei Werkzeug nur du!
Besiege die Feinde, erringe das Glück.
Kämpfe nun tapfer, die Schlacht ist im Nu
Zu deinen Gunsten, schau niemals zurück.“
Sanjaya berichtet:
„Der Diadem-Träger, er zitterte sehr,
Die Stimme erstickt, als er Krishna nun sah.
Er faltete Hände, das Herz wurde schwer,
Die Demut war nun vor dem Herrn ihm so nah.“
Arjuna betet:
„O Hrishikesa, die Welt singt dein Lob,
Die Siddhas verneigen sich tief vor dir nieder.
Dass man dich preist, wenn dein Geist sich erhob,
Ist recht, denn du schenkst uns die Welt wieder.
Du bist der Anfang, das Höchste, das Sein,
Das, was nicht ist, und das, was jenseits von allem.
Der Wissende selbst, der sich spiegelt im Schein,
Dem alle Wesen, die sterben, verfallen.
Du bist der Wind, das Feuer, der Mond,
Du bist der Großvater, der Ursprung der Welt.
Ehrerbietung dem, der im Unendlichen thront,
Der alles umarmt und die Sterne erhält.
Vergib mir, o Freund, für das sorglose Wort,
Dass ich dich rief: ‚O Krishna!‘ beim Namen.
Ich wusste nicht, dass du der höchste Hort,
Verzeih mir die Schwäche, die menschlichen Samen.
Du bist der Vater, der Meister der Welt,
Wer wäre dir gleich an erhabener Macht?
Da niemand den Vergleich mit dir hält,
Verneig ich mich tief in der göttlichen Nacht.“
Arjuna bittet:
„Ich werfe mich nieder, den Körper zur Erde,
Und flehe um Gnade, o Herr der Welt.
Dass mein Vergehen vergeben mir werde,
Wie der Vater dem Sohn, der die Liebe erhält.
Wie Freunde einander den Fehler verzeihen,
Wie Liebende sanft ihre Herzen vereinen,
So sei mir nun gnädig, lass Angst mich befreien,
Lass mich nicht länger vor deinem Glanz weinen.
Zeig mir die Form, die ich früher gekannt,
Mit Diadem, Keule und Diskus im Licht.
Vierarmig, sanft, wie mein Geist dich benannt,
O tausendarmiger Herr, zeig mir dein menschlich Gesicht.“
Der Heilige spricht:
„Zufrieden mit dir, durch die Kraft meines Wesens,
Zeigt’ ich die Form, die kein Sterblicher sah.
Kein Opfer, kein Studium, kein Tun des Lebens,
Macht diese Schau einem anderen nah.
Vergib deine Furcht und der Seele Erschrecken,
Blick an meine Form, die nun sanft sich entfaltet.
Kein Schatten soll länger den Frieden verdecken,
Wenn sich mein Bild nun als Mensch wieder gestaltet.“
Sanjaya berichtet:
„So sprach Vasudeva, der Herr aller Macht,
Und nahm seine sanfte Gestalt wieder an.
Er hat den Geplagten aus Angst nun gebracht,
Dorthin, wo der Geist wieder ruhig begann.“
Arjuna spricht:
„O Janardana, nun, da ich sehe dein Gesicht,
Das sanfte, das menschliche, bin ich genesen.
Mein Geist kehrt zurück in das klare Licht,
Ich bin wieder ich, in meinem normalen Wesen.“
Der Heilige spricht:
„Selbst Götter begehren, was du nun erfuhrst,
Doch Veden und Opfer erreichen es nicht.
Nur der, der die Hingabe rein in sich spürst,
Der findet den Weg in mein innerstes Licht.
Wer alles mir weiht, ohne Anhaftung lebt,
Wer allen Geschöpfen mit Liebe begegnet,
Wer einzig nach mir und der Wahrheit nur strebt,
Der ist es, der mich, den Befreier, gesegnet.“
ZWÖLFTER GESANG
Arjuna sprach:
„Sag an: Die, die Dich voller Liebe schauen,
Und jene, die auf das Unmanifeste bauen,
Das unveränderlich in sich verweilt –
Wer ist es, der in Deiner Gunst geeilt?“
Der Erhabene sprach:
„Wer Herz und Sinn auf mich allein gelenkt,
Mir ganz sein inneres Erleben schenkt,
Der ist vollkommen mir in Liebe nah,
Das ist der Pfad, der zur Befreiung sah.
Wer aus dem Meer der Sterblichkeit entflieht,
Wenn er in mir sein tiefstes Wohnen sieht,
Dem bin ich Retter. Zweifel nicht daran!
Doch schaffst Du das nicht, höre, was ich kann:
Wenn Dein Gemüt mir nicht beständig folgt,
Dann übe Dich, wo meine Gnade wolkt;
Durch stetes Tun, in dem Du Dich bewährst,
Du nach und nach zu meiner Nähe kehrst.
Ist selbst der stete Einsatz Dir zu schwer,
Dann tu Dein Werk für mich – als Opfer mehr.
Wer alles Tun in meinen Namen stellt,
Erreicht das Ziel, das über allem welt.
Kannst Du auch das nicht, dann verinnerliche,
Beherrsche Dich, dass nur mein Licht erreiche
Dein Geist, und gib die Früchte Deiner Taten
Ganz auf – so wirst Du in mir neu geraten.
Denn Wissen ist der Übung überlegen,
Doch Meditation bringt reichern Segen.
Dem Segen folgt das Loslassen der Frucht,
Das Frieden bringt, nach dem der Weise sucht.
Wer keinem Wesen je mit Groll begegnet,
Wer mitfühlend und freundlich alle segnet,
Wer frei von Ich und Eitelkeit verweilt,
Und in dem Leid wie Lust die Stille teilt;
Wer selbstvergessen, stets in mir beständig,
Mit festem Sinn, das Herz mir ganz verständig,
Wer keinen stört und sich nicht stören lässt,
Wer Angst und Zorn in mir besiegt und bändigt;
Wer ohne Gier, wer rein und ohne Klage,
Wer jede Last verlässt in jeder Lage,
Wer Lob und Tadel gleich als Wind empfindet,
Und sich an keine Form der Welt mehr bindet;
Wer Freund und Feind im selben Lichte sieht,
Wenn Kälte drückt oder die Sonne glüht,
Wer schweigend nimmt, was ihm das Schicksal beut,
Und fest in mir sein Glaubenskleid erbeut –
Der ist mir lieb. Doch wer den Pfad beschreitet,
Den diese Lehre zur Unsterblichkeit bereitet,
Wer mir vertraut, mich als sein Höchstes ehrt,
Dem bin ich treu – der ist mein liebstes Wert.“
DREIZEHNTER GESANG
Der Heilige sprach: „Hör, Sohn von Kunti, wohl zu:
Der Leib ist das Kshetra, die Stätte der Ruh.
Wer ihn erkennt, heißt Kshetrajna sodann,
Erkenne mich als Kshetra, o Bharata-Mann.
Das Wissen um beides ist Wissen allein,
Was Kshetra ist, wie es muss wandelbar sein,
Woher es entspringt, welche Kräfte es lenkt,
Wird dir nun kurz durch mein Wort hier geschenkt.
Schon Rishis besangen dies mannigfach klar,
In Texten voll Vernunft, die der Wahrheit nah war,
Wo Brahman sich zeigt in der Verse Gestalt,
In Weisheit verkündet mit höchster Gewalt.
Die Elemente, das Ego, der Geist, das Unbekannte,
Die zehn Sinne, der Sinn, den der Mensch hier benannte,
Die Objekte der Sinne, Lust, Schmerz und auch Pein,
Das Streben, der Mut – dies muss Kshetra wohl sein.
Doch nenne ich Weisheit: Bescheidenheit rein,
Verzicht auf den Prunk, kein verletzendes Sein,
Vergebung, die Güte, dem Lehrer die Treue,
Die Reinheit des Geistes, die sich stets erneuere.
Beständigkeit, Selbstbeherrschung der Sinnlichkeit,
Die Freiheit von Ego und Eitelkeit weit,
Die Einsicht, dass Alter, dass Tod und auch Leid,
Nur Mühsal bedeuten für alle der Zeit.
Nicht haften an Heim, an der Frau oder Kind,
Gleichmütig bei Glück, wenn die Stürme auch sind,
In stetiger Andacht, nur hingabevoll mein,
An einsamen Orten nur bei sich zu sein.
Der Masse entfliehend, das Ziel stets im Blick,
Erkenntnis des Selbst ist des Wissens Geschick,
Was dem widerspricht, ist nur Unwissenheit,
Die Wahrheit ist Ziel für die Ewigkeit.
Nun sag ich dir, was man erkennen nun soll:
Das höchste Brahman, das ewig und voll,
Anfanglos, ohne ein Sein oder Nicht,
Das alles durchdringt, das das Dunkel durchbricht.
Mit Händen und Füßen an jeglichem Ort,
Mit Augen und Köpfen, an jedem der Wort,
Den Sinnen entzogen, doch fühlt es doch nach,
Ohne Anhaftung wirkend, das alles zerbrach.
Im Inneren aller, in fernem Gefild,
Unteilbar und doch in der Vielheit das Bild,
Der Schöpfer, Erhalter, der alles absorbiert,
Das Licht, das in Dunkelheit niemals erfriert.
Wer dies nun begreift, das Wissen, das Ziel,
Der wird mir im Geiste ganz eigen, nicht viel,
Natur und der Geist sind von Anfang an da,
Die Quelle der Qualitäten, die uns ist nah.
Die Natur wirkt die Taten, die Freude, den Schmerz,
Der Geist, der in ihr weilt, berührt dann das Herz,
So findet er Eingang in Leib, gut und schwer,
Durch Bindung an Kräfte, die stürmen umher.
Doch der höchste Purusha, der lenkt den Prozess,
Als Zeuge, als Herr, ohne Sorge und Stress,
Der Unterstützer, Genießer, der Seele höchst Licht,
In diesem Gehäuse, das niemals zerbricht.“
Wer so die Natur und den Geist wohl versteht,
Wie alles im Wechsel der Eigenschaften geht,
Der wird – in welchem Zustand er auch immer sei –
Von der Kette der Wiedergeburt endlich frei.
Die einen durchschauen das Selbst im Gebet,
Wenn tief in der Stille das Sinnen ersteht;
Die andern durch Yoga, durch Arbeit, durch Geist,
So wie es die Lehre des Sankhya verheißt.
Und andere, die noch im Suchen verweilen,
Dem Worte des Lehrers die Achtung erteilen;
Auch sie, die dem Hören ergeben sich weihn,
Werden sicher des Todes Überwinder sein.
O Stier der Bharatas, wisse dies wahr:
Was immer entsteht, ob stumm oder klar,
Entspringt dem Vereinen von Geist und Gestalt,
Von Kshetra und Kshetrajna – durch göttliche Gewalt.
Wer gleichermaßen den Herrn in sich spürt,
In Wesen, die sterben, die Zeit, die berührt,
Wer in dem Vergänglichen Ewigkeit sieht,
Der ist es, der wahrhaft dem Untergang entflieht.
Er sieht, dass die Handlungen Natur nur entspringen,
Dass Geister sich nicht in die Taten verschlingen,
Wer so die Einheit im Vielfachen erkennt,
Erreicht, was man Brahman als Zielhaftes nennt.
Das Selbst ist unendlich, von Anfang an rein,
Ohne Eigenschaften, kann nie befleckt sein.
Wie Raum, der alles durchdringt und doch frei,
Geht die Seele durch Körper, bleibt fern dem Geschrei.
Wie eine Sonne die Welt hell durchdringt,
So ist es der Geist, der das Wissen erzwingt,
Er strahlt in die Materie, erhellt ihren Schein,
O Bharata, so kehrt das Licht in uns ein.
Wer so mit dem Auge des Wissens durchschaut,
Wie Geist sich von Stoffen der Welt hier entbaut,
Der löst sich aus Banden der Natur, die ihn hält,
Und erreicht das Höchste, das jenseits der Welt.
VIERZEHNTER GESANG
Der Heilige sprach: „Ich künde dir erneut die höchste Lehre,
die Wissenschaft, die über alle andern tritt an Ehre.
Denn Munis, die den Leib bezwangen, fand’n Vollendung dort,
und kehrten durch das Wissen an der Wahrheit ewigen Ort.
Wer diese Lehre fasst und in mein Wesen geht ein,
wird nie durch Schöpfung neu, noch durch die Auflösung klein.
Der große Brahma ist mein Schoß, den Keim leg’ ich hinein,
so entsteht, oh Bharata, der Wesen Dasein, groß und klein.
Welch Form auch immer aus dem Schoß der Mutter lebe,
Brahma ist der Leib, der zeugt, ich bin’s, der Samen gebe.
Drei Kräfte, aus der Natur entsprossen, binden, stark und schwer,
die ewige Seele im Körper, wie ein festes, enges Meer:
Güte, Leidenschaft und Dunkelheit ist ihre Zahl.
Die Güte bindet durch das Glück, sie ist des Wissens Strahl,
ist rein und hell, frei von dem Leid, das uns so oft verzehrt,
hat sie den Sündenlosen einst zur Erkenntnis hoch bekehrt.
Die Leidenschaft, entsprungen aus dem Drang nach fremdem Gut,
bindet an das Wirken, an den Durst und an den Übermut.
Doch Dunkelheit, aus Unwissenheit nur, sie täuscht den Geist,
bindet durch Wahn, durch Trägheit, Schlaf und Wirrsal, die sie speist.
Güte schenkt Freude, Leidenschaft das rastlos’ Handeln nur,
die Dunkelheit verhüllt das Licht und führt zur Irrtums-Spur.
Verdrängt man zwei, bleibt die, die siegt – so wechselt das Geschick,
doch zeigt sich Güte, offenbart sich Weisheit Stück für Stück.
Wo Licht der Erkenntnis aus allen Toren des Leibes bricht,
da wisse, dass die Güte ihre Kraft in dir verspricht.
Wo Geiz, Unruhe, Gier und Drang das Wirken wild entfalten,
da ist es die Leidenschaft, die dort lässt ihre Kraft walten.
Wo Trübsinn, Untätigkeit, Wahn und Dunkelheit regieren,
da ist es die dunkle Macht, die uns lässt den Pfad verlieren.
Wer stirbt, wenn Güte herrscht, der steigt zu reinen Höhen auf,
wer in der Leidenschaft vergeht, nimmt neuen Wirkens Lauf.
Wer in der Dunkelheit versinkt, wird blind für jedes Licht,
und findet sich in Schoßen wieder, wo Vernunft zerbricht.
Güte gibt Frucht, die rein und gut, das Leid den Lohn der Qual,
die Dunkelheit gibt Unwissenheit als ihr ewig’ Teil und Wahl.
Aus Güte wächst das Wissen, aus Leidenschaft nur Gier und Not,
aus Dunkelheit erwächst der Irrtum und der geistige Tod.
Die Guten streben aufwärts, die Leidenschaftlichen in die Mitte,
die Dunklen sinken tief hinab, gemäß der niedrigen Tritte.
Wer erkennt, dass nur die Eigenschaften wirken, nicht das Ich,
und was darüber steht, erschaut – der erreicht mein Wesen sich.
Wer jenseits dieser drei Qualitäten, der Quelle aller Pracht,
die Seele frei von Geburt erhält, ist zur Unsterblichkeit erwacht.“
Aus Güte wächst das Wissen klar, aus Gier der Leidenschaft Begehr,
aus Dunkelheit entspringt der Wahn, Unwissenheit so schwer.
Die Guten streben aufwärts hin, die Mittleren bleiben in der Welt,
die Dunklen sinken tief hinab, wo sie der Abgrund hält.
Wer einsieht, dass nur Gunas wirken, nicht das Ich den Taten dient,
und das, was jenseits der Qualitäten liegt, mit klarem Geist bedient,
der geht in mein Wesen ein, vom Kreislauf der Geburten frei,
die Seele trinkt Unsterblichkeit, geht am Sterben ganz vorbei.
Da fragt Arjuna, voller Hauch: „Sag an, oh Herr, mit welchem Zeichen
erkennt man jenen, der transzendiert, dem die drei Mächte weichen?
Wie wandelt er auf dieser Erd’, wie ist sein Tun und Sein,
wie lässt er all die Fesseln der Natur für immer hinter sich, allein?“
Der Heilige spricht: „Wer nicht erbebt, wenn Licht oder Verblendung walten,
wer nicht nach ihnen dürstet, wenn sie sich vor ihm entfalten,
der wie ein Unbeteiligter ruht, den kein Guna je erschüttert,
der in sich weiß: ‚Nur Gunas wirken‘, und nicht vor ihnen zittert;
Wer Schmerz und Freude gleich empfindet, in seinem Innern fest begründet,
wem Stein, Gold und ein Halm aus Gras, denselben Wert verkündet;
wer Tadel, Lob und Ehre, Schmach, wie Freund und Feind gleich sieht,
und wer auf jedes Streben, das an die Welt ihn bindet, mied –
Wer all sein Handeln niederlegt, der hat die Schranken überwunden,
der hat das wahre Wesen meiner Kraft in sich gefunden.
Denn wer mit reiner Hingabe nur Mich allein verehrt,
der wird für Brahman, für mein Sein, für immerdar belehrt.
Ich bin der Sitz des Ewigen, der unvergänglichen Pracht,
die Quelle, wo Unsterblichkeit und Glück in Ewigkeit erwacht.“
FÜNFZEHNTER GESANG
Der Heilige sprach: „Der Aswattha-Baum, uralt und groß,
Er wurzelt im Himmel, die Zweige sind bloß
Zur Erde geneigt, und die Blätter, sie sind
Die Lieder der Veden, die rauschen im Wind.
Wer ihn so kennt, der versteht das Gesetz,
Das göttliche Wort in dem irdischen Netz.
Die Äste, sie streben nach oben und tief,
Genährt von den Qualitäten, die Gott einst erschuf,
Die Sprossen sind Sinne, die Objekte begehren,
Die Wurzeln, sie treiben den Menschen zum Lehren,
Zum Tun und zum Handeln in dieser Welt Not,
Verstrickt in das Schicksal, das Leben und Tod.
Sein Wesen ist schwer zu erkennen im Licht,
Kein Anfang, kein Ende, die Stütze bricht nicht.
Doch schlag mit der Waffe, der eisernen Pflicht,
Der Welt-Unbekümmertheit, hart ins Gesicht!
Durchtrenne die Wurzeln, befrei deinen Geist,
Und suche den Ort, den der Urvater weist.
Dort kehrt man nie um, dort verweilt man in Ruh,
Gefeit vor dem Stolz und den Täuschungen du.
Wenn Anhaftung schwindet, das Ich sich verliert,
Und man nur den Höchsten im Innern verspürt,
Wenn Paare wie Freude und Schmerz dann vergehen,
Wird man in den ewigen Sitz endlich eingehen.
Kein Mond und kein Feuer, kein Schein der Natur,
Erleuchtet den Ort, der ist göttliche Spur.
Es ist meine Stätte, mein höchstes Gefild,
Wo man mich erblickt, ohne Schatten und Schild.
Ein Teil von mir selbst, ein ewiges Licht,
Wird zur Seele im Körper, die Sinnlichkeit spricht.
Sie zieht den Verstand und die Sinne zu sich,
Wie Düfte der Wind – so entziehe ich mich.
Wenn ich diesen Körper verlasse, vollbracht,
Wie Düfte der Wind, in der stillen Nacht.
Der Blinde, vom Wahn des Genusses verführt,
Er sieht mich nicht, wie man mich wählt oder spürt.
Doch wer mit dem Auge des Wissens nun schaut,
Der sieht, wie mein Geist in dem Innern sich baut.
Die Toren, sie mühen sich ab, doch vergeblich,
Ihr Geist ist zerstreut und mein Wirken ist herrlich.
Die Pracht in der Sonne, das Licht in der Glut,
Im Mond und im Feuer – mein heiliges Blut.
Ich bin es, der Erde die Kraft stetig gibt,
Der als Mond alle Kräuter mit Nahrung durchsiebt.
Als Lebenswärme in jeglichem Leib,
Verdaue ich Nahrung, die bleibt und vertreib.
Ich sitze im Herzen bei allen bereit,
Von mir kommt das Wissen, das Sein und die Zeit,
Vergessen, Erinnern – ich bin das, was ist,
Der Autor der Veden, die Wahrheit, die misst.
Zwei Wesen sind hier in der Welt, die du siehst:
Das wandelbar Sterbliche, das du nun pries,
Und jenes, das ewig und unverwandelt,
In dem sich der Urgrund der Dinge behandelt.“
Das Wandelbare nennt man die Welt der Gestalten,
Was atmet und stirbt, muss die Zeit wohl verwalten.
Das Unveränderliche, fest und in sich ruhend,
Ist jene Essenz, die nicht wirkt, sondern tuend –
Doch tiefer noch liegt, verborgen dem Blick,
Das höchste Geheimnis, das göttliche Glück.
Es ist Paramatman, das Wesen so rein,
Das alle drei Welten durchdringt mit dem Sein.
Er hält das Gefüge, er trägt jedes Ding,
Der Herr, der das Schicksal der Welten umschlang.
Weil ich das Vergängliche weit übersteig,
Und selbst dem Unwandelbaren noch beig’ –
Weil ich beides transzendier’ mit dem Geist,
Das man „Purushottama“, Höchstes Wesen, heißt.
Wer ohne den Schleier der Täuschung erkennt,
Dass ich es bin, der alle Dinge benennt,
Wer mich als das Höchste in allem nun sieht,
Dem ist es gewiss, dass die Furcht vor ihm flieht.
Er ehrt mich in allem, mit Herz und mit Sinn,
Er ist in der Einheit, dort ist sein Gewinn.
O Bharata, höre: Das ist das Mysterium,
Das Höchste der Lehren, das Geist-Imperium.
Wer diese Erkenntnis im Innern bewahrt,
Wird klug durch das Wissen, das alles entart’ –
Wer dies nun begriffen, der hat sein Ziel erreicht,
Da jede Verpflichtung dem heiligen Wissen nun weicht.
SECHZEHNTER GESANG
Du bist für göttlich’ Gut bestimmt, für lichte Höh’n geboren,
Doch zwei Gestalten sind’s, die diese Welt sich auserkoren:
Das Göttliche, das rein und licht, das Dämonische, das blind.
Vom Lichte sprach ich schon zu dir, nun hör, was Dämonen sind.
Sie kennen keine Neigung nicht, noch Abneigung im Herzen,
Kein reines Sein, kein wahrer Sinn vermag den Wahn zu schwärzen.
Sie sagen: „Kein Gesetz regiert, kein Gott hält diese Welt,
Nur Lust und blinder Trieb, die alles ineinander hält.“
Mit wenig Geist, in sich verloren, zum Untergang bereit,
Als Feinde aller Welt gebor’n, verbreiten sie das Leid.
Mit Heuchelei und Stolz erfüllt, durch Torheit tief verstrickt,
Sind sie vom Schein des Falschen nur gar täuschend eingeknickt.
Sie meinen, Ziel sei nur der Genuss, und kennen kein Maß mehr,
In hundert Schlingen der Begier, da irren sie umher.
„Das hab’ ich heut’, das wird mein sein, der Feind ist nun besiegt,
Ich bin der Herr, ich bin der Reiche, der Macht und Lust erwiegt!“
„Wer ist mir gleich? Ich bin so stolz, von edler Art und Wahl!“
So irren sie in Unwissendheit, ins dunkle Jammertal.
Gefangen in den Maschen, die ihr eignes Ich gewoben,
Sind sie vom Geist der Gier und Macht in ihre Hölle gehoben.
Verstockt, in Rausch und Hochmut blind, verhöhnen sie den Pfad,
Sie hassen Mich im eignen Leib und tun Mir niemals Rat.
In nied’re Schöße werf’ Ich sie, von Geburt zu Geburt verbannt,
Fern von Mir, in tiefster Nacht, verliert sich ihr Verstand.
Drei Pforten gibt es, die zum Grab, zum Abgrund alles führen:
Den Zorn, die Gier und pure Lust – sollst du sie gar berühren?
So meide diese drei, mein Sohn, sie löschen das Licht im Sein,
Wer sie verlässt, der findet dann zum höchsten Ziel allein.
Wer die Gebote Gottes schmäht und nur dem Trieb vertraut,
Der baut auf Sand sein Lebenshaus, das niemals auf uns schaut.
Kein Glück, kein Heil, kein höchstes Ziel wird ihm je zuteil,
Drum nimm das Wort der Schrift als Maß, zu deines Geistes Heil.
Lass sie das Licht dir sein, das weist, was Pflicht ist und Verbot,
Handle nach ihrem heil’gen Sinn, in aller Lebensnot.
SIEBZEHNTER GESANG
Arjuna spricht:
„O Krishna, sag, wer jene Seelen sind,
die Gottes Wort verlassen, blind,
doch Opfer bringen voller Schein –
soll dies in Licht oder Dunkel sein?“
Der Herr spricht:
„Der Glaube wohnt in jedem Wesen,
nach seiner Art, wie man kann lesen.
Dreifach ist er, auf Erden fein:
In Güte, Gier und Finsternis sein.
Wie einer glaubt, so wird sein Sein,
ein jeder spiegelt sich darin ein.
Wer rein ist, ehrt das Licht der Götter,
der Gierige die dunklen Schlotter,
die Geister, Dämonen, das niedere Heer,
wer blind ist, folgt dem Schatten sehr.
Wer sich quält in falscher Pein,
nicht nach der Schrift, nur Schein und Sein,
heuchlerisch, stolz und voller Gewalt,
der hat nicht des Wissens sanfte Gestalt.
Er martert sein Fleisch und den Geist in sich,
der Gott in ihm – er schändet mich.
Auch Nahrung kennt die drei Gestalten,
die sich in allen Menschen entfalten:
Was Leben, Kraft und Freude schenkt,
ist gut, wenn man an Güte denkt.
Was scharf, trocken und bitter schmeckt,
das Leid und Krankheit in uns weckt.
Was faul, unrein und abgestanden,
gehört des dunklen Geistes Banden.
Auch Opfer, Buße, Gaben gehen,
in diesen drei Bereichen stehen:
Das Opfer, das als Pflicht geschieht,
bei dem man nicht nach Früchten sieht,
ist edel, rein und wohlgefügt,
weil man sich nicht um Lohn betrügt.
Was man nur tut, um zu erscheinen,
um Ruhm und Stolz mit Lohn zu einen,
das ist der Leidenschaft geweiht,
zerstreut und fern der Ewigkeit.
Doch Opfer ohne Schrift und Wort,
ohne Almosen, am falschen Ort,
an Brahmanen ohne Ehr’ nicht gedacht –
das ist aus Finsternis gemacht.
Die Buße nun des Leibes Schein:
Ehrfurcht, Reinheit, wahr und rein.
Die Buße der Rede sei sanft und wahr,
das Studium der Veden, hell und klar.
Die Buße des Geistes, friedvoll und still,
wer so sich selbst beherrschen will,
der lebt in Güte, stetig und rein,
ohne nach irdischem Lohn zu schrein.
Wer heuchelt, um zu glänzen nur,
der folgt der Leidenschaft der Flur.
Wer andern schadet durch eigene Pein,
der muss in tiefer Finsternis sein.
Das Geschenk, das man am rechten Ort,
als Pflicht gibt, ohne falsches Wort,
an jemanden, der nichts geben kann –
das ist der Güte edler Plan.
Was man mit Zögern gibt, mit Gier,
nach Lohn schielend, mit schlechtem Visier,
das ist der Leidenschaft verfallen.
Und was man gibt, um zu verkrallen,
zur Unzeit, ohne Respekt und Sinn,
ist Finsternis, die macht nicht hin.“
„OM, TAT, SAT – so nennt man ihn,
den Brahma, der in allen Dingen schien.
Seit Anbeginn ist dies das Wort,
das Ordnung schafft an jedem Ort:
Durch diesen Klang, in heil’ger Weise,
entstanden Veden, Opfer, Kreise.
Wer immer handelt, mit Verstand,
setzt OM an den Beginn, als Band.
Es weiht die Buße, jedes Geben,
lässt Opfer erst im Geiste leben.
Wer dann nach wahrer Freiheit strebt,
in TAT das Herz dem Höchsten hebt.
Ohne den Lohn der Frucht zu kennen,
lässt er das Opfer flammen brennen.
SAT ist das Wort für echtes Sein,
für Güte, die im Wirken rein.
In jeder Tat, die Glück verheißt,
erscheint dies Wort, das alles speist.
Beständigkeit in Opfergaben,
an denen sich die Seelen laben,
die Tat, die man für Brahma tut –
auch sie trägt „SAT“ in ihrem Glut.
Doch alles, was man ohne Glauben,
sich selbst und andern will berauben,
wenn man die Gaben, Buße, Pflicht,
verrichtet ohne wahres Licht –
das nennt man ASAT, ohne Wert,
das weder hier noch dort ernährt.
Was ohne Glauben wird vollbracht,
ist leer – es hat keine Macht.“
ACHTZEHNTER GESANG
Arjuna:
„O Starker, sprich: Was ist der wahre Sinn,
Wenn ich entsage – wo führt das Handeln hin?
Was ist Verlassen, Herr der Sinne, sag,
Wenn Kesi stirbt und anbricht neuer Tag?“
Der Heilige:
„Wer Werke meidet, die begehrlich sind,
Den nennt der Weise, der den Pfad ersinnt,
Entsagend. Doch die Pflicht, das Opfer, Brot
Für Arme, Buße – tilge diese Not!
Du Bharata-Sohn, vernimm den Rat von mir:
Drei Arten der Verlassung nenn’ ich dir.
Das Opfer, Gaben, Buße – bleib dabei!
Sie machen frei und sind des Geistes Brei,
Der uns reinigt. Doch das Handeln sei
Von Frucht und Gier und Anhaftung befreit,
Das ist mein Wort für alle Ewigkeit.
Wer Pflicht versäumt aus Wahn und blindem Schmerz,
Der trägt der Dunkelheit Last im Herz.
Wer aus Verdruss vor Qual das Tun verlässt,
Hält nur die Leidenschaft am Werk fest.
Wer aber pflichtbewusst sein Tagewerk vollbringt,
Wenn Anhaftung in seinem Geist zerrinnt,
Wer ohne Gier nach Früchten wirkt und strebt,
In reiner Güte er auf Erden lebt.
Wer fest in Weisheit ruht, den Zweifel brach,
Dem wird das Angenehme nicht zur Sach’,
Das Unangenehme nicht zum harten Groll,
Er ist des Geistes Gunst und Maß voll.
Da kein Geschöpf sein Handeln ganz vergisst,
Der nur als ‚Aufgebender‘ zu nennen ist,
Wer jede Frucht der Tat im Stillen lässt,
Hält wahrhaft an der Loslösung fest.
Fünf Ursachen, so lehrt die Sankhya-Lehr’,
Sind für das Ende jeder Tat das Mehr:
Der Körper, das Substrat, das Werkzeug fein,
Das Tun und Gottes Funken obendrein.
Wer nur sich selbst als Täter sieht allein,
Der ist noch blind und geht im Denken ein.
Doch wer vom Stolz befreit, das Ich vergisst,
Obgleich er handelt, frei vom Zwange ist.
Wissen, das Ziel und der, der Wahrheit sucht,
Sind Taten Impuls, von Weisheit wohlgebucht.
Instrument und Handeln, des Wirkers Kraft,
Sind das Komplement, das Ordnung schafft.
Hör nun der Güter dreifache Gestalt:
Wissen, das eins im Vielen sieht mit Halt,
Das ist die Güte. Wer das Viel‘ getrennt
Als fremde Wesen nur im Irrtum kennt,
Der ist der Leidenschaft verfallen schwer.
Doch Wissen, das im Teil sieht nur das Meer –
Das ganze All, doch ohne Sinn und Grund,
Macht das der Dunkelheit in uns kund.
Die Tat, die heilig, ohne Gier geschieht,
Ohne Abneigung, wenn sie von dannen zieht,
Ist reine Güte. Doch wer voller Müh’
Und Ich-Gefühl vollbringt sein Tun, die Knie
Vor der Begierde beugt – erkenne dort:
Der Leidenschaft ein treues, dunkles Wort.“
Der Heilige:
„Wer ohne Sinn und ohne Maß agiert,
Durch Täuschung nur das eigene Heil verliert,
Wer and’re kränkt und nur die Macht begehrt,
Dessen Handeln ist von dunklem Geist genährt.
Wer frei von Anhaftung, mit festem Mut,
In Sieg wie Schmerz verharrt, ist edel, gut.
Doch wer mit Gier nach Lohn das Werk vollbringt,
Voll Grausamkeit, wenn Leid und Freud’ erklingt,
Der ist der Leidenschaften Knecht und Spiel,
Er kennt kein Maß und nur sein eignes Ziel.
Wer träge, mutlos, falsch und böse plant,
Den Geist in Dunkelheit und Stolz verbann’t,
Der ist ein Sklave seiner dunklen Art,
Der sich der Einsicht und des Lichts entzieht so hart.
Vernimm nun, Dhananjaya, klar und rein:
Wie Intellekt und Wille dreigeteilt sein.
Der Geist, der Pflicht von falschem Tun erkennt,
Der Furcht von Freiheit klar beim Namen nennt,
Der ist der Güte Licht und Wesenskern.
Doch wer im Halbdunkel verweilt, so fern
Von wahrer Ordnung, was man tun soll – nicht,
Dem fehlt der Leidenschaft das rechte Licht.
Wer aber ganz im Dunkeln irrend meint,
Das Falsche sei das Wahre, das uns scheint,
Dessen Verstand ist trüb und tief verstrickt,
Ein dunkler Geist, der in die Irre blickt.
Die Festigkeit, die Sinne wohl beherrscht,
Den Lebensatem, Geist – wenn du danach dürst’t –,
Die ist der Güte Ausdruck, rein und fest.
Doch die am Wunsch und am Ertrag sich lässt,
Am Profit und der Religion sich klammert,
Ist Leidenschaft, die nach den Früchten jammert.
Wer aber Stumpfsinn, Angst und Schlaf nicht meidet,
Und in der Dunkelheit der Seele leidet,
Der ist im starren, dunklen Netz gefangen,
In Trägheit, Kummer, Schmerz und Wahn befangen.
Hör nun vom Glück, das dreifach sich entfaltet:
Das, was in Selbsterkenntnis sich gestaltet;
Erst schmeckt es bitter wie ein herber Trank,
Doch endet’s süß, als Nektar, Gott sei Dank!
Das ist der Güte Glück, das aus der Ruhe blüht.
Das Glück, das aus der Sinne Kontakt glüht –
Erst Nektar, süß und verlockend im Moment,
Doch das am Ende nur den Schmerz uns kennt –,
Das ist der Leidenschaft vergänglich Spiel.
Und Glück, das aus der Trägheit, aus dem Ziel-
Losen Schlaf und aus der Torheit quillt,
Ist nur der Dunkelheit trübes Bild.
Kein Wesen gibt es hier, auf Erden weit,
Noch in den Himmeln, das von dieser Dreiheit
Der Natur befreit, die in ihm wirkt und lebt.
Nach seiner Art ein jeder Mensch nun strebt:
Der Brahmane, in Ruhe, Reinheit, Licht,
Mit Glauben, Weisheit, seine Pflicht verspricht.
Der Kshatriya, mit Mut und Stolz im Kern,
Er kämpft, führt aus und dient dem Volke gern.
Dem Vaisya ist der Handel, Land und Vieh,
Der Sudra dient – so baut sich auf die Lieb’ und Müh’.
Wer treu in seiner Pflicht das Wirken findet,
Der sich mit dem, der alles Sein verbindet,
Anbetend ehrt – der wird vollkommen sein.
Er tritt in das göttliche Wesen ein.
Denn besser ist die eigne Pflicht, ob klein
Und mangelhaft – als fremdes Tun, so rein
Und glänzend auch der Schein des and’ren mag sein.
Wer seine Pflicht erfüllt, wie Gott sie lenkt,
Und ihm das Werk aus eigner Natur schenkt,
Der sündigt nicht. Gib deine Pflicht nicht preis,
Auch wenn sie Mängel hat, sei nicht so leis’;
Denn jedes Tun ist, wie das Feuer raucht,
Von Mängeln leicht verhüllt, die jeder braucht.
Wer geistig frei, den Stolz im Griff bewahrt,
Durch Entsagung sich zur Höh’ hinaufgeschart,
Der lerne nun, wie man zum Brahman geht,
Wo höchste Weisheit in der Stille steht:
Ein reiner Geist, der sich vom Lärm entzieht,
Wenn er von Sinneslust und Zank flieht,
An einsamem Ort, bei mäßigem Mahl,
Den Körper zähmt in geistiger Qual,
Wer Egoismus, Zorn und Gewalt besiegt,
Und fest in tiefer Meditation liegt –
Der wird mit Brahman eins, im Inneren still,
Weil er nicht mehr, als was die Gottheit will.
Gleich allen Wesen, in dem höchsten Licht,
Findet er Hingabe, die sein Herz bricht.
Wer Mich so kennt, der geht in Mich sogleich,
Erreicht durch Meine Gunst das ew’ge Reich.
Leg alle Taten in Mein off’nes Herz,
Sei Mein Ergeb’ner, tilge jeden Schmerz.
Denk stetig an Mich, richte den Sinn auf Mich,
So rett’ Ich durch Meine Gnade immer dich.
Doch hörst du nicht, aus Hochmut, starr und blind,
So wirst du scheitern, wie ein Blatt im Wind.
Wenn du aus Eigendünkel kämpfen willst,
Und doch im Herzen dich dem Kampf entstimmst:
Die Natur wird dich zum Handeln schnell bekehren,
Du kannst dich ihrer Kraft nicht mehr erwehren.
Wie auf der Maschine, dreht der Herr der Welt
Die Herzen aller, wie es Ihm gefällt.
Such Zuflucht nur bei Ihm, O Bharata,
Dann findest du die ew’ge Ruhe da.
Nun hör das höchste Wort, mein letztes Licht,
Weil dein Vertrauen mir so nahe spricht:
Gib alle Pflichten auf, komm nur zu Mir!
Ich löse dich von aller Sünd’ und Gier.
Traure nicht mehr! Ich schenke dir das Heil,
Doch halte dieses Wissen wohlfeil:
Verkünd es nicht, wer keine Hingabe kennt,
Nicht dem, der fern von meinem Leuchten brennt.
Wer aber jenen, die Mir treu ergeben,
Dies Wissen reicht, dem schenk’ Ich ew’ges Leben.
Kein Dienst ist teurer Mir, kein Mensch ist mir
So lieb wie er, auf dieser Erdenspur.
Wer diese heil’ge Rede liest und ehrt,
Hat Mir das Opfer der Erkenntnis wohl gewährt.
Wer glaubensvoll und frei von Neid dies hört,
Ist von den Sünden, die ihn quälten, frei zerstört.
Hast du dies nun, O Pritha-Sohn, vernommen?
Ist mit dem Geist die Klarheit dir gekommen?
Ist nun der Wahn, die Unwissenheit zerronnen,
Und hat das Licht die Dunkelheit gewonnen?“
Arjuna:
„Die Täuschung ist zerstört, das Licht ist da,
Ich bin nun wieder, was ich ewig war.
Durch Deine Gunst ist meine Kraft erwacht,
Die Zweifel sind in weite Fern’ gebracht.
Ich stehe fest, mein Geist ist nun bereit,
Ich folge Deinem Wort in Ewigkeit.“
Sanjaya:
„So hört’ ich diesen Dialog, so groß,
Den Krishna und der Held gemeinsam schlossen, bloß
Ein Wunder, das die Haare mir lässt stehen,
Wenn ich die Tiefe dieser Worte sehe.
Durch Vyasas Gunst wurd’ mir der Einblick frei,
In Krishnas Lehre, die vom Yoga sei.
Der Herr des Yoga sprach das Wort persönlich,
Ein heil’ges Wissen, leuchtend und versöhnlich.
O König, wenn ich an das Bild nun denke,
Wie Krishna und der Held sich Worte schenken,
Dann freu’ ich mich in jedem neuen Nu,
Und finde in der heil’gen Schau nur Ruh’.
An Haris Form, die wunderbar und groß,
Erinn’r ich mich und fühl’ mich friedvoll bloß.
Mein Staunen wächst, die Freude hält mich fest,
Weil Gott uns Menschen niemals einsam lässt.
Dort, wo der Herr des Yoga, Krishna, weilt,
Wo Partha, der den Bogen sicher teilt,
Da ist, so wahr ich sag’ und ich es seh’,
Das Glück, der Sieg und das gerechte Weh’,
Da ist der Wohlstand und der Größe Schein,
Und ew’ge Ordnung wird dort immer sein.“