DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE
Diese Nachdichtung widme ich meiner toten Geliebten Karine
DIE HÖLLE
GESANG I
Mitten auf dem Pfad, den unser Leben geht,
Fand ich mich in einem dunklen Wald allein,
Weil ich vom rechten Weg abgeirrt, zu spät.
Wie schwer zu sagen ist, wie wild und fein
Der Wald, so rau und voller Dichte stand,
Dass selbst der Schreck erneuert noch mein Pein.
So bitter ist er, kaum ist’s Tod – bei Hand!
Doch um vom Guten, das ich dort noch fand,
Bericht zu geben, sei mir dies bekannt.
Wie ich dort hinkam, weiß ich kaum zu nennen,
So voll von Schlaf war ich in jener Stund,
Als ich verließ den Weg, die Wahrheit kennen.
Doch kam ich bald an eines Berges Grund,
Dort, wo der Wald sein Ende endlich fand,
Der mir die Brust mit Angst erschlug zum Bund.
Ich blickte auf und sah das hohe Land,
Wie es vom Lichte jenes Sterns umgeben,
Der jeden Pfad recht weist, im ganzen Rand.
Da endlich begann sich das Herz zu heben,
Das in der Nacht der Angst so fest geruht,
Die ich in Qualen durchlebt beim wilden Streben.
Und wie der, der mit Müh’ und spätem Mut
Dem Meer entronnen, blickt auf die gefährliche Flut,
So wandt’ ich mich zum Grund, der Seele Glut.
Nachdem ich kurz geruht vom Wandern schwer,
Bestieg ich nun den Pfad, der einsam stieg,
Der feste Fuß stets tiefer, immer mehr.
Und siehe, kaum begann der erste Sieg,
Da trat ein Panther, leicht und sehr geschwind,
Der dicht mit buntem Fell im Wege lag und schwieg.
Er wich mir nicht, er zwang mich, wie ein Kind,
Mich oft zu wenden, wollte mich verbauen,
Der Weg schien mir, als ob die Hoffnung rinnt.
Es war die Zeit, als in den frühen blauen
Morgenstunden die Sonne sich erhob,
Mit jenen Sternen, die wir gerne schauen,
Als Gott in Liebe einst die Welt erob’,
So dass die Zeit der Stunde, mild und hell,
Mir Hoffnung gab, die Furcht ein wenig hob.
Doch schreckte mich des Tieres Blick zu schnell,
Ein Löwe schien sich mir entgegenzustellen,
Mit stolzer Mähne, hungrig, laut und grell.
Er schien die Luft mit Beben zu erhellen,
Und eine Wölfin, hager und in Not,
Die voller Gier schien alle Lust zu quellen.
Sie brachte manchem schon den frühen Tod,
Und solche Last lag auf mir in dem Bangen,
Dass ich verlor den Mut, der Hoffnung Brot.
Wie einer, der mit Gier will Gold erlangen,
Und wenn die Zeit kommt, die ihn alles raubt,
In Tränen und in Klagen ist befangen,
So trieb das Tier, das mich des Glücks beraubt,
Mich Stück für Stück zurück in tiefe Schatten,
Wo kaum noch Licht den Tag im Wald erlaubt.
Als ich hinabsank, wo die Wege glatten,
Erschien mir einer, der vor Stille schien,
Wie einer, den die Jahre lange hatten.
Ich rief ihm zu, als ich ihn sah dahinziehn:
„Hab Mitleid mit mir, wer du auch magst sein,
Ob Schatten du, ob Mensch, lass mich nicht fliehn!“
Er sprach: „Kein Mensch, doch Mensch war ich derein,
Und meine Eltern waren aus der Lombardei,
Mantua ihr beider Heim und ihr Verein.
Geboren ward ich, wenn auch spät noch frei,
Zur Zeit des Julius, in Rom gelebt,
Unter dem Augustus, in der Friedenszeit dabei.
Ein Dichter war ich, habe mich bestrebt,
Den Sohn Anchises’ zu besingen, der aus Troja kam,
Als Ilion in stolzer Flamme bebt.
Doch du, warum kehrst du zurück, so gram?
Warum nicht zum Berg, der Wonne Quell,
Dass jeder Geist in Freude sich vernahm?“
„Bist du der Vergil, der Quell so hell,
Der Sprache Strom, die weit und offen fließt?“
Sprach ich zu ihm, mit Ehrfurcht, staunend, schnell.
„Du bist es, den mein Geist stets gern begrüßt,
Du bist mein Meister und mein Vorbild hier,
Von dem ich alles, was in Versen grüßt,
Erlernte. Schau die Wölfin, schau das Tier!
Sie ist der Grund, warum ich mich nun wandte,
Bewahre mich vor ihr, sie raubt mein Leben mir.“
„Du musst ein and’res Ziel“, so er entbrannte,
„Wenn du entkommen willst, hier diesem Ort,
Wo dich die Wölfin, die das Leid benannte,
Nur töten will und hindert jedes Wort.
Sie lässt nicht durch, sie stört den Weg, den Lauf,
Bis sie den Tod verfällt, von ihrem Mord.
Ihr Wesen ist so bös, nimmt nie zu ab,
Nach ihrem Fraß ist sie noch hungriger als zuvor,
Und viele Tiere nimmt sie mit hinab.
Mit vielen paart sie sich, und dann das Tor
Des Unheils öffnet sich, bis der Hund dann kommt,
Der sie verjagt und treibt sie wieder vor.
Der wird nicht speisen Gold, das er bekommt,
Noch Erde, sondern Weisheit, Liebe, Kraft,
Und seine Heimat zwischen den Welten frommt.
Er ist das Heil, das Italien dann rafft,
Für das die Jungfrau Camilla einst gestorben,
Und Euryalus, Turnus, Nisus, die er schafft.
Er wird sie jagen, ihr den Plan verdorben,
Bis er sie wieder in die Hölle stößt,
Wo Neid sie einst hat selbst erworben.
Ich denke, dass du gut und recht erlöst,
Wenn du mir folgst, ich führe dich mit mir,
Wo du die ewigen Schreie dann entblößt.
Du wirst die Geister sehen, das Revier,
Die in der zweiten Glut nach Frieden flehn,
Weil sie schon Hoffnung haben, auch als Tier.
Willst du dann höher, zu den Sternen sehn,
Ein Geist, der würdiger ist als ich, erwarte dich,
Den lass ich bei dir, wenn wir weitergehn.
Denn jener Kaiser, der dort oben stich’,
Erlaubt mir nicht in seine Stadt zu gehn,
Weil ich sein Gesetz nicht kannte – fürchterlich!
Er herrscht im Himmel, doch lässt er mich sehn,
Sein Reich, doch bin ich dort nicht Bürger, nein,
O glücklich, wen er wählt, dort zu verstehn!“
Ich sprach zu ihm: „Dichter, ich lade dich ein,
Beim Gott, den du nicht kanntest, führ mich fort,
Dass ich entfliehe diesem Leid und Pein.
Führ mich, wo du mir sagtest, an den Ort,
Dass ich des Petrus Pforte sehe dann,
Und jene, die du nennst, als böses Wort.“
Da ging er los, ich folgte seinem Plan.
GESANG II
Der Tag entwich, und dunkle Schatten hüllten
Die Wesen der Erde in ihr stilles Kleid,
Da ich allein mich nun den Qualen füllten,
Den Weg der Schmerzen, der so voller Leid,
Den Kampf, den mein Gedächtnis nun beschreibt,
Das niemals irrt in dieser Einsamkeit.
O Musen, o Genie, das mich jetzt treibt,
Helft mir, mein Geist, der alles niederschrieb,
Dass meine wahre Würde uns verbleibt!
„Dichter“, begann ich, „die du mich nun trieb,
Prüf meine Kraft, bevor du mich vertraust
Dem Pfad, den du mir wählst, dem, der mir blieb.
Du sagst, Silvius’ Sohn, der sich behaust
Im Sterblichen, sei zu der Welt gegangen,
Wo niemals Schmerz noch Geist das Licht geraubt.
Doch wenn der Feind des Bösen, ohne Bangen,
Ihm Gnade schenkt, bedenkt, was aus ihm wird,
Wenn Rom und sein Reich die Welt umfangen.
Denn sie sind beide, wenn man es gespürt,
Zum heiligen Ort erkoren, der Bestand,
Wo heute noch der Nachfolger des Petrus führt.
Er lernte viel in diesem fernen Land,
Was zum Sieg und zum Papsttum dann geführt,
Dahin auch Paulus einst sein Herz gespannt.“
„Ich bin nicht Aeneas“, sprach ich unberührt,
„Nicht Paulus bin ich, wer mich würdig hält?
Wer solch ein hohes Werk mir nun entführt?
Wenn ich mich aufgeb, diese neue Welt,
Fürchte ich, dass ich töricht nur besteh;
Du bist verständig, ahnst, was mir noch fehlt.“
Wie einer, der sich abkehrt vom Geseh’,
Und neu beginnt, durch Zögern wird der Sinn,
Dass er verlässt, was er erst wollte, weh!
„Wenn ich die Rede recht im Geiste sinn“,
Sprach jener Schatten auf der dunklen Bahn,
„So ist die Feigheit wohl in dir bei mir drin.
Sie drückt das Herz oft nieder, hält den Plan,
Wie ein scheues Tier, das im Dämmerlicht erschrickt,
Wenn Schatten sich im Wege dann vertan.“
„Damit du verstehst, was mich zu dir geschickt,
Warum ich Mitleid spürte, als ich vernahm,
Was dich in diese tiefe Nacht bedrückt:
Ich war dort, wo die Angst das Herz entnahm,
Da rief mich eine Frau, so rein und schön,
Dass ich sie bat, mir zu gebieten – zahm.
Ihre Augen leuchteten wie Sterne, schön,
Sie sprach zu mir, mit sanfter, leiser Stimm’,
„O Geist von Mantua, den die Menschen sehn!
Die Welt lebt noch in deinem Lob, so schlimm,
Mein Freund, der nicht mein Freund ist, auf dem Weg,
Wird durch das Hindernis gehemmt, so gram.
Er ist so sehr im Schrecken, dass ich beleg’,
Dass er vom Berg verirrt, und ich zu spät
Ihm helfe, da im Himmel man es aufschrieb, reg.“
„Ich bin Beatrice, die dich nun anfleht,
Komm von dort, wo ich hinzukehren brenne,
Liebe bewegt mich, dass die Sprache geht.“
„Wenn ich vor meinem Herrn stehe, die ich nenne,
Will ich dich preisen, bei ihm für dich einstehn“,
So sprach sie, als ich sie im Geiste kenne.
Da antwortete ich: „O Frau, die man muss sehn,
Durch die der Mensch allein die Welt erhebt,
Die Freude der Himmel, die in Gnaden gehn!
Dein Wunsch ist mir Befehl, so sehr es bebt,
Es ist schon zu spät, ich eile schon zu dir,
Sag mir, was mich nun in der Tiefe lebt?“
„Wie kannst du dich nicht fürchten?“, sprach sie mir,
„Dass du herabsteigst in diesen tiefen Schlund,
Der dich doch brennt, das Leid ist hier in dir?“
„Ich bin im Himmel, an dem heiligen Grund,
Liebe ist das, was mich zu dir nun lenkt,
Und ich erzähl dir alles, in der Stund.“
„Wenn ich bei meinem Herrn bin, so geschenkt,
Werd ich dich loben, wenn wir wieder sehn“,
Und dann blieb sie stumm, das Licht, das mich beschenkt.
Lucia, die das Elend wollt ergehn,
Kam zu ihr: „Dein Diener ist nun in Not,
Den empfehle ich dir, lass ihn verstehn.“
Beatrice, Feindin alles, was den Tod
Erbringt, eilte schnell, wo ich saß bei dir,
Und suchte für mich das rettende Brot.
Sie nahm mich auf, mit Vertrauen hier,
„Warum bist du so zögernd, warum so klein?
Warum ist keine Kühnheit mehr in dir?
Wenn solche drei, die heilig in dem Schein,
Für dich im Himmel sorgen, was willst du mehr?
Warum ist dein Herz so schwach und klein?“
Wie Blumen, die das Eis, so schwer und schwer,
Die Sonne öffnet, so erwachte der Mut,
Und ich sprach frei, das Herz war nun so leer:
„O Mitleid, das mich rettet vor der Glut!
O du, die du so gütig warst, mein Wort
Zu hören, das du tatest mit so viel Mut!
Du hast mein Herz nun befreit, an diesem Ort,
Ich folge dir, mein Wille ist nun dein,
Führ mich, o Meister, an den wahren Hort!“
Ich sprach’s, wir gingen nun in den Weg hinein.
GESANG III
„Durch mich geht man hinein zur Stadt der Qualen,
Durch mich geht man zum ew’gen Schmerzeshort,
Durch mich zu denen, die das Leid bezahlen.
Gerechtigkeit trieb an den höchsten Hort,
Die Macht der Schöpfung, die das Werk vollbracht,
Die Ur-Liebe und der Weisheit höchstes Wort.
Vor mir war nichts, das jemals ward erdacht,
Nur Ewiges, und ewig werd’ ich sein:
Lasst alle Hoffnung, die ihr seid erwacht!“
In dunklen Lettern sah ich diesen Schein,
Ob jenem Tor, das hoch empor sich hob.
„Meister“, sprach ich, „die Worte sind so klein,
Und doch so schwer, sie treffen mich so grob.“
Da sprach er zu mir, wie ein Wissender:
„Hier lässt du jeden Zweifel, jedes Lob,
Hier muss man jeden Wagemut, wie schwer
Er auch sein mag, im Innersten ersticken.
Wir sind nun dort, wo ich dir sagte: Her,
Da wirst du sehen, wie im finst’ren Blicken,
Die Geister, die der Vernunft das Licht verlor’n,
In ew’ger Nacht sich weiter hinzuschicken.“
Er nahm meine Hand, als er mich sah verschwor’n,
Und führte mich hinein, in das Geheimnis,
Wo Tränen fließen, von Schmerz dazu erkor’n.
O Muse, die du weinst im Finsternis!
Es schrieen Stimmen, wild in dem Geklange,
In einer Welt, die ohne Licht gewiss.
Wie Sand im Wind, bei unendlichem Bange,
So wirbelten sie durch die dunkle Luft,
Die ohne Stern blieb, in dem ew’gen Prange.
„Was ist das für ein Schrei, der nach uns ruft?
Wer sind die Geister, die im Schmerz so matt?“
Ich fragte ihn, in jener dunklen Gruft.
Er sprach: „Dies ist der elenden, bösen Stadt
Zustand, die weder Lob noch Tadel kannten,
Die nur sich selbst, in ihrem Leben, satt.
Mit jenen Engeln, die sich nie verbrannten,
Für Gott, doch auch nicht gegen ihn sich wandten,
Sondern für sich, in ihrem Stolz erstarrten.
Der Himmel stieß sie aus, um nicht zu schwanken,
Die Hölle nimmt sie nicht, die Schlechten all,
Weil sie die Bösen sonst zu sehr erkrankten.“
„Meister“, rief ich, „was ist der große Schall,
Der sie so drängt, dass sie so klagend schreien?“
„Das sag ich dir“, so kam der Widerhall.
„Sie haben keine Hoffnung, die befreien
Vom Tod sie könnte, und ihr blindes Leben,
Das so verachtet ward, in diesen Reihen.
Die Welt lässt keine Spur von ihnen kleben,
Barmherzigkeit und Recht verachten sie,
Kein Wort von ihnen soll das Licht beleben.
Komm, geh vorbei, frag nicht, verlier sie nie!“
Ich sah ein Banner, das im Lauf sich drehte,
Und rastlos lief, in steter Agonie.
Ein Heer von Schatten, die das Schicksal stete,
Ich sah sie alle, die der Tod gefällt,
Der Zweifler, der in seinem Hochmut betete.
Als ich sie kannte, wie die Welt sich stellt,
Sah ich den Schatten, der aus Feigheit dann,
Den großen Verzicht vollbrachte in der Welt.
Ich wusste wohl: Dies war der elende Plan
Derer, die Gott und Teufel nie gefielen.
Sie liefen nackt, im Stachel, den sie rann,
Und Wespen stachen sie in jenen Zielen,
Das Blut, mit Tränen, die zum Boden liefen,
Vom Ungeziefer labten sich die Stielen.
Dann sah ich mehr, die dort zur Ufer riefen,
An einem großen Strom, und ich frug:
„Meister, wer sind die dort, in Gründen tiefen?“
Er sprach: „Das sag ich dir beim nächsten Zug,
Wenn wir am Ufer des Acheron dann stehn.“
Da schaute ich, in meiner Scham voll Trug,
Und sah die Menge, die zum Strom wollt gehn,
Mit Augen nieder, weil der Strom so breit,
Und schämte mich, ihn weiter anzusehn.
Da kam ein Greis, mit Bart, in weißem Kleid,
Auf einem Schiff, er schrie mit wilder Stimme:
„Weh euch, ihr Seelen, die ihr nun das Leid
Erwartet! Kommt, verlasst das gute Glimme,
Ich führ euch in die Finsternis der Pein,
In Eis und Feuer, in dem ew’gen Grimme!“
„Und du, lebendiger Geist, lass ab vom Sein!
Geh weg von diesen, die ihr Ende fanden!“
Doch als er sah, dass ich blieb in dem Schein,
Sprach er: „Auf and’re Wege, and’re Landen
Musst du gelangen, nicht auf meinem Schiff,
Ein leichteres Boot wird dich dort anbanden.“
Mein Meister sprach: „Charon, kein Schliff,
Es ist gewollt, wo man das Wollen kann,
Und frag nicht mehr, an diesem finst’ren Riff!“
Da ward der Bart des Fährmanns still und wann,
Der jene Geister trieb, mit Augen glühend,
Die schreiend einst, nun schweigend in den Bann.
Sie waren alle vor der Angst erblühend,
Die Zähne klappernd, als sie ihn verstanden,
Den Fluch der Götter, ihre Not versprühend.
Sie fluchten Gott, ihr Schicksal, ihre Landen,
Ihr Elternhaus, die Zeit, den Ort der Qual,
Bis sie im Boot des Todes nun gestrandeten.
Dann flohen sie zusammen, in das Tal,
Am Ufer des Acheron, in Gottes Zorn,
Die alle warten, in dem dunklen Mal.
Der Fährmann winkt, er treibt sie in den Dorn,
Wer zögert, den schlägt er mit seinem Stab,
Wie Blätter fallen, wenn der Herbst ist vorn.
So fielen sie ins Boot, vom Ufer ab,
Wie Vögel, die dem Ruf des Lockers folgen,
So fuhren sie, ins tiefe Höhlengrab.
Da bebte plötzlich die Erde, in den Wolken,
Ein Windstoß, der mit rotem Licht erwachte,
Dass ich in Schlaf verfiel, wie Wolken,
Die man im Traum als Schmerz nun dachte.
GESANG IV
Ein tiefer Donner weckte aus dem Schlafe
Mich in dem Kopf, wie einer, den man weckt,
Und ich stand auf, wie einer aus dem Grafe.
Ich schaute um mich, wohl und fein gedeckt,
Und stand am Rande jenes Abgrunds Schlund,
Der alle Qualen der Welt in sich erschreckt.
So dunkel war es, neblig und so kund,
Dass ich hinein ins Tiefe sah, so schwer,
Dass meine Augen trafen keinen Grund.
„Wir steigen ab in das Reich, das ist so leer“,
Begann der Dichter, blass im Angesicht,
„Ich werde bleich, nicht aus Angst, ach so sehr,
Sondern aus Mitleid, das mir fast zerbricht.“
So gingen wir, in den ersten Kreis hinein,
Wo nicht die Klage schreit, doch Seufzer dicht.
Denn dort war kein Schmerz, nur Sehnsucht allein,
Die Kinder, Frauen, Männer, in der Stille,
Die ohne Qual, doch ohne Hoffnung sein.
„Willst du nicht fragen?“, fragte er mit Wille,
„Wer sind die Geister, die du hier so siehst?
Bevor du weitergehst, in der Stille Fülle,
Wisse, sie sündigten nicht, wie du nun kriegst;
Sie hatten Verdienst, doch ohne Taufe hier,
Die Teil des Glaubens ist, den du nun wiegst.
Sie lebten vor dem Christentum, bei dir,
Und haben Gott nicht recht verehrt, so fein,
Und ich bin auch unter ihnen, wie ein Tier.
Wegen dieser Schuld, kein and’res Pein,
Sind wir verloren, nur mit Sehnsucht hier,
Verdammt, im Wollen, ohne Ziel zu sein.“
Ich fühlte Schmerz, als ich es hört’ von mir,
Denn große Männer sah ich dort im Raum,
Die würdig schienen, in der Welt, bei dir.
„Sag mir, mein Meister, Herr im Geist und Baum,
Ist je einer hinaus aus diesem Ort,
Durch eigene Kraft oder durch and’ren Traum?“
Er ahnte, was ich meinte, an dem Wort:
„Ich war erst kurz in diesem Zustand hier,
Als ich sah einen, kräftig, an dem Ort,
Der trug der Siegeskrone Zeichen, in der Zier.
Er nahm den Geist von Abel, Noah dort,
Den Moses, den Gesetzgeber, zu dir.
Abraham, den Patriarchen, an dem Ort,
David, den König, Jakob mit dem Kind,
Und Rahel, für die er diente, an dem Hort.
Und viele andere, die in Frieden sind,
Er machte sie selig, doch zuvor war keiner,
Der Rettung fand, in diesem Geistgeschwind.“
Wir gingen weiter, durch die Geister einer,
Durch einen Wald aus Menschen, dicht und schwer,
Wie ein Geflecht, von Schatten, ohne Reiner.
Wir waren nicht weit vom Gipfel, doch so sehr,
Sah ich ein Feuer, das die Nacht erhellte,
Das eine Hemisphäre der Finsternis, so leer.
Wir waren nah, doch noch so weit, ich wählte,
Die Achtung jener, die dort würdig saßen,
Die deren Ruhm die Welt schon oft erzählte.
„O du, die Kunst und Wissen einst besaßen,
Wer sind die, die so geehrt dort ruhn,
Dass sie von and’ren Schatten sich vermaßen?“
„Ihr Name ehrt sie, in ihrem Wirken-Tun“,
Sprach er, „da Gott sie ehrt, mit Ruhm und Licht,
Dass sie so weit, in ihrem Schaffen ruhn.“
Und eine Stimme rief, die mir verspricht:
„Ehrt den größten Dichter, kehrt er nun zurück,
Sein Schatten kehrt, der uns den Glanz zerbricht!“
Vier Schatten sah ich kommen, auf dem Glück,
Mit Mienen, weder traurig noch erfreut,
Der Meister sprach, als er sie sah mit Blick:
„Siehst du den, der das Schwert führt, in der Zeit,
Vor allen andern, wie ein Fürst voran?
Homer ist er, der Dichter der Ewigkeit.
Der zweite ist Horaz, der Satire dann,
Ovid ist der dritte, der vierte ist Lucan,
Weil sie mich riefen, in den Namen-Bann.“
So taten sie mir Ehre, mit dem Plan,
Sie sprachen unter sich, im Geiste fein,
Und nahmen mich in ihren Kreis sodann.
Ich war der Sechste nun, in ihrem Schein,
Und so gingen wir weiter, in die Stadt,
Wo sie sprachen von Dingen, die so rein,
Die man nur dort, im Schweigen, sagen hat.
Wir kamen zu der Burg, mit sieben Mauern,
Ein schöner Fluss, der um die Mauern trat.
Wir schritten über Brücken, ohne Dauern,
Und durch sieben Tore gingen wir hinein,
Auf einer grünen Wiese, ohne Schauern.
Dort waren Menschen, mit Blicken, ohne Schein,
Groß und ernst, in ihrem ganzen Sein,
Sie sprachen wenig, mit sanftem Ton, so fein.
Wir stiegen auf einen Hügel, in den Schein,
Von wo aus wir sie alle überblickten,
Die Geister der Antike, im Sonnenschein.
Dort sah ich Elektran, mit Vielen, die sich schickten,
Hector, Aeneas, Cäsar, in Waffenpracht,
Camilla, Penthesilea, die sich drückten.
Ich sah den König Latinus, in der Nacht,
Lavinia, Brutus, der Tarquin vertrieb,
Lucretia, Julia, Marcia, mit Bedacht.
Und weiter, abseits, sah ich, wie es blieb,
Saladin allein, den Weisen, in der Welt,
Aristoteles, den Meister, der alles trieb.
Um ihn die andern, die der Geist erhellt,
Platon, Sokrates, die vorne stehn,
Demokrit, der die Welt in Atomen hält.
Ich sah dort alle, die das Wissen sehn,
Orpheus, Cicero, Livius, mit Sinn,
Ich konnte nicht alle einzeln hier verstehn.
Mein Geist war voll, in dem Gebilde drin,
Doch wir gingen weiter, zu einer neuen Bahn,
Wo wir den Sturm erlebten, mit dem Sinn.
Wir ließen die Stille, den ruhigen Plan,
Und kamen in das Reich, wo das Licht nicht mehr scheint,
Und gingen tiefer, in den Schmerz sodann.
GESANG V
So stieg ich nieder vom ersten in den zweiten Kreis,
Der weniger Umfang, doch mehr Schmerz umschließt,
Wo Stachel der Qualen treiben ihr geheimes Geiß.
Dort steht Minos, grimmig, der das Urteil gießt,
Er prüft am Eingang die Sünde, urteilt schnell,
Und wie er sich windet, so das Schicksal fließt.
Wenn eine Seele vor ihn tritt, so grell,
Beklagt sie alles, was sie je begangen,
Er sieht die Sünde, hell wie ein Quell.
Und er umwindet sich mit seinem Schwanz, so bangen,
So oft, wie er sie will in Kreisen sehn,
Sie müssen hinab, zu ihrem tiefen Prangen.
Stets kommen viele, vor dem Richter stehn,
Sie sagen aus, sie hören ihr Gericht,
Dann stürzen sie hinab, in der Höllen Wehn.
„O du, der du kommst, wo das Leid bricht,
Achte auf den Ort, den Eintritt nicht zu weit,
Vertrau nicht der Weite, die dir das Tor verspricht!“
So sprach Minos, in seiner Düsterkeit,
„Warum schreist du auch?“, mein Meister rief,
„Behindre nicht den Gang, der ist geweiht.“
Nun hör ich Klagelaute, die tief,
Mich überkommen, an den Ort, wo Schmerz
Und Weh mich treffen, wie ein dunkler Brief.
Ich kam an einen Ort, wo kein Licht, kein Herz,
Es toste wie das Meer in schwerem Sturm,
Wenn Winde kämpfen, ein einziger Schmerz.
Der höllische Orkan, der niemals müd, sein Turm,
Treibt die Geister mit Gewalt und Macht,
Schleudert sie hin und her, wie in einem Wurm.
Wenn sie zur Kante kommen, zur nächtlichen Nacht,
Da schreien sie, da klagen sie ihr Weh,
Da wird die göttliche Ordnung verflacht.
Dies ist die Pein, die sie nun seh,
Die Wollüstigen, die der Vernunft entzogen,
Die ihrem Trieb erlagen, auf der Höh.
Wie Stare im Winter, in dem Sturm gebogen,
So fliegen sie, in dem wirbelnden Lauf,
Hierhin und dorthin, vom Wind betrogen.
Sie haben keine Hoffnung, die sie auf,
Nicht auf Ruhe, nicht auf ein Ende der Qual,
Sie schreien und klagen, sie geben auf.
Ich fragte: „Meister, welche Seelen im Tal,
Sind das, die die schwarze Luft so quält?“
„Die erste“, sprach er, „die du siehst im Strahl,
War Kaiserin über Völker, die sie wählt,
Sie gab sich dem Laster der Wollust hin,
Semiramis, deren Geschichte die Welt erzählt.
Sie folgte Ninos, war seine Königin,
Sie herrschte dort, wo der Sultan regiert,
Die andre ist Dido, die aus Liebessinn,
Dem Geist von Sicheus untreu ward, so verirrt.
Dort ist Kleopatra, die sich dem Lustspiel gab.“
Ich sah Helena, die so viel Leid gebärt,
Achill, der durch Liebe fand sein Grab,
Paris, Tristan – er zeigte mir so viele,
Die alle die Liebe stießen in das Grab.
Ich stand da, mit Mitleid, in dem Ziele,
„Dichter“, begann ich, „ich möchte gern,
Mit den beiden reden, im Sturmes-Spiele,
Die zusammen schweben, wie der Wind, so fern.“
Er sprach: „Wenn sie näher kommen, ruf sie an,
Bei der Liebe, die sie treibt, mit dem Stern.“
Als sie zum Wind kamen, fing ich zu rufen an:
„O gequälte Seelen, kommt, redet mit mir,
Wenn es euch nicht verboten ist, im Bann!“
Wie Tauben, die der Trieb führt, zu der Zier,
So kamen sie zu uns, durch die Luft geschwungen,
Beatrice’ Segen war bei mir, hier.
„O du, der du gütig, durch das Dunkel durchdrungen,
Fragst nach uns, die wir die Welt gefärbt,
Hätten wir Frieden, in unseren Zungen.
Da wo der Po in das Meer erstirbt,
Da bin ich geboren, in der Stadt Ravenna,
Dort, wo die Liebe das Herz uns verdirbt.
Die Liebe, die kein Geliebter zu lieben entbehrt,
Packte mich so, mit seiner Schönheit Kraft,
Dass sie mich noch jetzt, in der Pein, ehrt.
Die Liebe führte uns zu dem gleichen Schaft,
Der Tod wartet auf den, der uns verbrannt.“
Sie sprachen, ich neigte mein Haupt, in der Haft.
„Was denkst du?“, fragte der Meister, mein Verwandt’.
Ich sprach: „Welch süße Gedanken, welch ein Verlangen,
Hat sie zu diesem Gang hierher gesandt?“
Dann fragte ich: „Francesca, dein Leid, in den Schlangen,
Macht mich weinen, so mitleidig bin ich hier.
Doch sag mir, in der Zeit der süßen Verfangen,
Wie habt ihr gemerkt, das Verlangen, in dir?“
Und sie: „Kein größerer Schmerz, als im Unglück sein,
Erinnert an die Freude, die war in dir.
Doch wenn du willst wissen, den Ursprung klein,
So werd ich sprechen, wie einer, der weint.
Wir lasen einst, ganz allein, ohne Schein,
Von Lancelot, wie er von Liebe verneint,
Wir waren allein, ohne Argwohn im Sinn.
Oft begegneten sich die Blicke, wie es scheint,
Und machten uns blass, in dem Schauen hin.
Doch ein Punkt war es, der uns dann brach:
Als wir lasen, wie der Kuss kam, von ihm,
Küsste er mich, der nie weicht von mir nach.
Das Buch war ein Galeotto, ein Bote der Gier!
An jenem Tag lasen wir nicht mehr nach.“
Während der eine Geist erzählte dies hier,
Weinte der andere, so tief, dass ich erlag,
Und fiel wie tot, mit Schmerz, in mir.
GESANG VI
Als ich erwachte aus der Ohnmacht, die mich brach,
Als ich Francesca und Paolo weinen sah,
War ich von Mitleid tief in Schmerz und Sach’.
Ich sah mich um, und wo ich auch geschah,
Sah ich neue Geister, neue Qual,
Wohin ich ging, wohin mein Blick auch sah.
Ich war im dritten Kreis, in dem Tal,
Wo ewiger Regen, kalt und schwer und trüb,
Herabfällt auf die Sünder, ohne Wahl.
Ein Wasser, das so unrein, grob und üb’,
Fällt auf die Erde, die stinkt vor Fäulnis schon,
Ein eklig’ Geruch, der dort ewig blieb.
Dort bewacht Zerberus, in seinem Lohn,
Das Tier, mit drei Rachen, bellt es wild,
Auf die, die versanken in Völlerei-Sohn.
Seine Augen rot, das Fett um das Schild,
Sein Bauch weit offen, die Krallen bereit,
Er zerreißt die Seelen, mit grimmigem Bild.
Die Geister schreien, in der Kälte Leid,
Sie wenden sich hin und her, wie Hunde geplagt,
Vom Regen getroffen, in ihrer Einsamkeit.
Das Ungeheuer, als es mich hat befragt,
Öffnete die Mäuler, zeigte die Zähne bloß,
Es gab kein Glied, das nicht hat geklagt.
Mein Meister griff die Erde, mit seiner Schoß,
Und warf sie in die gierigen Rachen hinein,
Da beruhigte sich das Tier, wurde groß.
Wie ein Hund, der beißt, dann schweigt im Schein,
Wenn er sein Fressen bekommt, und nur noch frisst,
So war das Tier, in seinem hungrigen Sein.
Wir schritten über die Schatten, die man vergisst,
Die der Regen niederdrückt, auf den Boden,
Sie schienen wie Körper, die das Leid bemisst.
Sie lagen alle dort, in dem kalten Oden,
Einer hob den Kopf, als wir kamen vorbei:
„O du, der du wandelst auf den Höllen-Boden!
Erkenne mich, wenn du kannst, in der Schrei,
Du warst erschaffen, noch vor meinem Fall.“
Ich antwortete: „Dein Leiden macht mich frei,
Dass ich dich kaum erkenne, in dem Knall,
Doch sag mir, wer du bist, in diesem Ort,
Dass du bist hier, in diesem dunklen Wall?“
Er sprach: „In deiner Stadt, die so hort
Voll Neid, dass der Sack schon überfließt,
War ich Ciacco, an diesem bösen Wort.
Wegen der Völlerei, die mich genießt,
Liege ich hier, im Regen, der mich quält,
Und auch die andern, die der Neid ergießt.“
Ich fragte: „Ciacco, sag mir, was wählt
Die Zukunft dieser Stadt, mit ihrem Zwist?
Gibt es dort Gerechte, die die Welt erhellt?“
Er sprach: „Nach langem Kampf, wie du es lißt,
Wird Blut fließen, die Partei wird fallen,
Die, die stolz ist, die das Volk vergisst.
Dann wird die andre bald wieder erschallen,
Nach drei Sonnenjahren, mit fremder Macht,
Die in den Häuptern wird ihre Last abwallen.“
„Doch sag mir noch“, so hab ich ihn gedacht,
„Wo sind die Bürger, die das Gute wollten?
Gibt es noch Hoffnung, in der finst’ren Nacht?“
„Sie sind unter den Schwarzen, die sich grollten“,
Antwortete er, „versunken, tief und fern,
Wo ihre Sünden sie in die Hölle wollten.“
Dann blickte er mich an, wie ein Stern,
„Ich sage nichts mehr“, sprach er, „denn mein Weg
Führt mich zurück, ins Dunkle, ach so gern.“
Er sank zurück, in den schlammigen Steg,
Und ich ging weiter mit meinem Begleiter,
Der über das Schicksal sprach, das so reg.
„Meister“, fragte ich, „wird das Leid nun heiter,
Nach dem jüngsten Tag, wird es dann mehr?
Wird die Qual wachsen, oder wird sie weiter?“
Er sprach: „Frag deine Wissenschaft, die so schwer,
Jedes Ding, das vollkommener sein will,
Fühlt mehr den Schmerz, auch wenn es ist leer.
Obwohl diese Verdammten, in ihrem Drill,
Niemals zur wahren Vollkommenheit gelangen,
Wird ihre Qual doch mehr sein, in der Still.“
So gingen wir, auf dem Pfad, den wir gefangen,
Über den Kreis, wo die Sünde begraben,
Und sprachen von dem, was wir dort ergangen.
Wir kamen an den Ort, wo wir nun laben,
Den Abstieg zum vierten Kreis, wo das Geld
Die Geister hält, die Gier als ihre Gaben.
GESANG VII
„Pape Satàn, Pape Satàn aleppe!“, rief der Geist,
Mit heiserer Stimme, Plutus, der Gott des Geldes,
Der uns den Weg in die Finsternis verheißt.
Mein weiser Meister, der das Wissen des Helden
Besitzt, sprach zu mir: „Lass dich nicht erschrecken!
Keine Macht nimmt uns die Kraft des Feldes.“
Er wandte sich zu dem Tier, um die Angst zu decken,
„Schweig, verfluchter Wolf, verschling deinen Zorn!
Lass die Wut in dir selbst, in den eigenen Flecken.“
Wie die Segel, die vom Wind gebrochen vorn,
Zusammenfallen, wenn der Mast sich neigt,
So stürzte das Tier, im göttlichen Zorn.
Wir stiegen ab, wo die Finsternis nicht schweigt,
In den vierten Graben, der die Sünden sammelt,
Wo die Welt sich dem Geiz und der Verschwendung zeigt.
O göttliche Gerechtigkeit, die so stammelt,
Wer häuft so viele Qualen und so viel Müh?
Warum wird das Schicksal so zusammengestammelt?
Wie die Wogen, die am Charybdis-Knie
Zusammenprallen, so stießen die Geister hier,
In einem Tanz, den man nie verstand, nie!
Hier sah ich mehr, als an jedem Ort, bei mir,
Auf der einen Seite die, die zu viel sparten,
Auf der andern die, die verschwendeten ihr Tier.
Sie stießen sich mit der Brust, in den Karten,
Dann drehten sie um, schrien: „Warum hältst du fest?“
„Warum wirfst du weg?“, in den harten Arten.
So kehrten sie zurück, in ihrem Test,
Zum Gegenpunkt, in jedem Kreis der Nacht,
Wo der Zorn sie treibt, im ewigen Fest.
Ich fühlte Mitleid, in der dunklen Pracht,
„Meister“, sprach ich, „wer sind diese Leute?
Sind das alles Kleriker, in der Macht?“
„Sie waren alle blind, im Leben, in ihrer Beute“,
Sprach er, „sie maßen nicht mit gesundem Sinn,
Sie gaben Gold aus und hielten fest die heute.“
„Sie kläffen nun, in ihrer Stimm’ darin,
Die Geizigen und die Verschwender, im Streit,
Sie kommen hierher, in dem grauen Beginn.“
„Doch sag mir, Meister, was ist das Schicksal der Zeit?
Was ist das Glück, das die Güter verteilt?“
„O törichtes Volk“, sprach er mit Heiterkeit,
„Die Unwissenheit, die dich in die Irre eilt!
Gott schuf die Himmel, gab jedem das Licht,
Dass eine Kraft die andere dort heilt.“
„So gab er auch der Welt ihr Angesicht,
Die Güter der Erde, die wandern durch die Hand,
Von Geschlecht zu Geschlecht, in ihrem Pflicht.“
„Kein menschlicher Rat kann ihr Schicksal am Band,
Sie sind wie das Glück, das man nicht kennt,
Ein verborgenes Urteil, in einem weiten Land.“
Wir stiegen weiter, durch den Abhang, der brennt,
Zu einer Quelle, die aus dem Felsen bricht,
Ein dunkler Strom, der in das Tal sich rennt.
Das Wasser war dunkler als das Purpurlicht,
Wir folgten dem Pfad, in dem finsteren Lauf,
Bis wir kamen zum Sumpf, der den Namen Styx spricht.
Ich schaute hinab, in den Schlamm hinauf,
Da sah ich Menschen, nackt und voller Zorn,
Die schlugen sich mit den Händen, in dem Kauf.
Sie schlugen sich nicht nur mit Händen, im Dorn,
Sondern mit Füßen, mit Köpfen, im Wahn,
Sie zerrissen sich selbst, wie mit dem Horn.
„Mein Sohn“, sprach der Meister, „schau die Bahn,
Derer, die vom Zorn besiegt im Leben waren,
Und unter dem Wasser, im Schlamm, ihre Wut vertan.“
„Sie seufzen im Innern, in den tiefen Scharen,
Was du siehst, sind Blasen auf der Fläche, dort,
Wo sie ihre Wut, im Schlick, ewig offenbaren.“
Wir gingen um den Sumpf, an dem Ort,
Zwischen trockenem Ufer und dem morastigen Rand,
Und sahen die, die sich gaben dem bösen Wort.
Schließlich kamen wir an einen Turm, am Wand.
GESANG VIII
Ich sage weiter, noch bevor wir kamen
Zum Fuß des hohen Turms, sahen wir zwei
Kleine Flammen, die dort oben zusammenkamen.
Und eine weitere Antwort – weit, fast frei –
So weit weg, dass das Auge sie kaum erfasst.
Ich wandte mich zum Meister, ohne Scheu:
„Was ist das Licht? Und wer ist dort, der fast
Wie ein Wächter ruft? Was ist das für ein Signal?“
Er sprach: „Schau über das Wasser, in die Last,
Dort kommt das Schiff, das uns führt aus dem Tal.“
Nie sah ich einen Pfeil, der durch den Lauf
Der Luft so schnell schoss, wie beim nächsten Mal
Ein kleines Boot kam, unter dem Schimmel drauf,
Gelenkt von einem Fährmann, der laut schrie:
„Bist du nun da, du Seele, im Sturmlauf?“
„Phlegyas, Phlegyas, umsonst ist deine Müh!“,
Sprach mein Meister, „nur für die kurze Fahrt
Über den Schlamm, gewährt uns Gott die Sühne.“
Wie einer, der von einem schweren Verrat
Erfährt und tief in seinem Innern bebt,
So war Phlegyas, in seiner dunklen Art.
Wir stiegen ein, das Boot war nun belebt,
Es lag im Wasser tiefer als je zuvor,
Während die Seele sich im Sumpf erhebt.
Wir fuhren durch den toten Kanal, das Tor
Des Sumpfes Styx, da erhob sich aus dem Schlamm
Einer, beschmutzt, mit Wut in seinem Chor:
„Wer bist du, der da kommt, vor der Zeit im Damm?“
„Ob ich gekommen bin, ich bleibe nicht hier“,
Sprach ich, „doch wer bist du, in deinem Gramm?“
„Ich bin einer, der weint“, sprach das Tier zu mir.
Und ich: „Bleib in deinem Weinen, in deinem Dreck,
Verfluchter Geist, ich kenne dich, du Gier!“
Er griff nach dem Boot, doch der Meister, keck,
Stieß ihn zurück: „Geh fort, zu den andren Hunden!“
Dann umarmte er mich, in seinem Zweck,
Und küsste mein Gesicht, in den dunklen Stunden:
„O Seele, sei gesegnet, die du mich trug!
Die Mutter, die dich trug, in den Wunden,
War gütig. Der war stolz, in seinem Trug,
Keine Güte schmückt sein Andenken hier,
Deshalb ist sein Schatten nun voll Wut-Zug.“
Ich sah ihn zerfleischen, im eigenen Tier,
Die andren Sünder, in ihrer Wut-Schlacht,
„Filippo Argenti“, sagten sie dort – und mir.
Wir ließen ihn dort, in seiner tiefen Nacht,
Da hörte ich ein Weh, das mir den Sinn
Verschloss, und schaute, mit ganzer Macht.
„Mein Sohn“, sprach der Meister, „wir sind drin,
Die Stadt des Dis nähert sich, mit ihren Mauern,
Und ihren Bürgern, in ihrem bleiernen Sinn.“
Ich sah die Türme, die in den Flammen schauern,
Sie leuchteten rot, als wären sie aus Feuer,
Die Stadt der Hölle, in den ewigen Schauern.
Wir kamen tief, in den Graben, in dem Geheuer,
Die Mauern schienen aus Eisen zu sein,
Wir fuhren weit, ein langes Abenteuer.
Schließlich rief der Fährmann: „Steigt aus, fein!
Hier ist der Eingang!“ Ich sah über dem Tor
Tausend Geister, die aus dem Himmel schrein,
Voll Wut: „Wer ist der, der ohne Tod, im Chor
Durch das Reich der Toten geht, so frei?“
Mein weiser Meister gab sein Wort hervor,
Er wollte allein mit ihnen reden, bei
Dem Geheimnis, das er in sich trug.
„Geht fort!“, schrien sie, „er soll weg, das sei
Sein Schicksal, doch der, der uns hier schlug,
Er soll gehen, durch den Pfad, den er kam!“
Ich war verzagt, in meinem bangen Zug.
„O mein Meister, den ich stets vernahm,
Lass mich nicht allein, in dieser Not!“
Doch er sprach: „Hab keine Angst, so gram,
Keiner kann uns hindern, am heiligen Brot.
Doch warte hier, mein Geist soll dich stärken,
In der kleinen Welt, vor dem nahen Tod.“
So ließ mich der Vater, im Dunkel, in den Werken,
Und ich stand allein, in Angst und in Zweifel,
Mein Herz wollte sich kaum in den Geist bemerken.
Ich hörte nicht, was er sprach, in dem Teufel-
Gefecht, doch er blieb nicht lange dort,
Er kam zurück, wie ein stolzer Streifel.
Die Türen der Stadt, an dem finstren Ort,
Wurden ihnen vor der Nase zugeschlagen,
Und er kam zurück, ohne ein schönes Wort.
Er sah meine Angst, die ich wollte wagen:
„Warum bist du so bekümmert?“, fragte er.
Ich erzählte ihm alles, ohne zu verzagen.
„Auch wenn man uns die Pforten verwehrt, so schwer,
Wir werden sie öffnen, denn einer ist bereit,
Der uns hilft, in diesem dunklen Heer.“
GESANG IX
Die Blässe, die mein Gesicht aus Angst bedeckte,
Als ich den Meister sah, der umkehrte, so schwer,
Unterdrückte in ihm die Regung, die ihn weckte.
Er blieb stehen, wie einer, der lauscht, so sehr,
Denn das Auge konnte nicht weit in das Dunkel schauen,
Durch den dichten Nebel, das ewige Heer.
„Wir müssen siegen“, begann er, „mit Vertrauen,
Wenn nicht… doch einer hat uns Hilfe versprochen,
O wie wir warten, auf das, was wir erschauen!“
Ich merkte wohl, wie er die Worte gebrochen,
Um das Begonnene zu verdecken, mit dem Sinn,
Vielleicht ein and’res Wort, als er erst gesprochen.
Doch seine Rede schlug mir das Bangen hin,
Denn ich fürchtete das Ende, das so schwer,
Das noch viel schlimmer war, als der Beginn.
„Steigt jemals einer von uns, aus dem Heer,
Der im ersten Kreis die Strafe trägt, so klein,
Dass er zum Grund schaut, in dieses Meer?“
So fragte ich, und er, der den Schein
Der Wahrheit kannte, antwortete geschwind:
„Selten steigen wir ab, in das Pein-Dasein.“
„Doch einmal war ich dort, als Hexe, ein Kind,
Beschworen von Erichtho, die Geister rief,
Um einen Körper zu holen, den sie find’t.“
„Mein Fleisch war nackt, ich war in dem Riff,
Da schickte sie mich in den Cocytus-Schlund,
Um den Geist zu holen, der dort unten schlief.“
„Ich kenne den Weg, dort in dem Untergrund,
Doch schau! Die Furien, auf dem Turm, so rot,
Dort oben stehen sie, in dem Feuerbund.“
Drei Höllenfurien, mit blutiger Not,
Mit Schlangen und Hydren, ihr Haar so wild,
Dass selbst das Herz erstarren muss, vor dem Tod.
„Das ist Megära“, sprach er, so bild,
„Links weint Aletto, rechts Tisiphone,
Die ihre Brust zerkratzen, wie das Schild.“
Sie schrien auf, mit krallenden Händen, ohne Höhn,
Dass ich vor Angst an den Meister mich schmiegte.
„Komm, Medusa!“, riefen sie, in den Tönen,
„Dass er zu Stein wird, wenn er uns kriegte!“
„Wende dich ab!“, rief der Meister, mein Heil,
„Denn wenn die Gorgone uns besiegt, so siegte
Der Tod, und wir fänden kein Rückkehr-Seil.“
Er drehte mich um, und nicht nur auf mein Wort,
Er legte seine Hände auf mein Teil,
Und deckte meine Augen, an dem Ort.
„O ihr, die ihr Vernunft besitzt, achtet genau,
Was sich verbirgt, unter dem Schleier fort!“
Und siehe! Da kam ein Geräusch, so schau,
Über das Wasser, ein Wind, der bebte,
Dass die Ufer zitterten, in dem Blau.
Wie wenn ein Sturm, der das Holz zerlebte,
Die Äste bricht und die Blätter jagt,
Dass das Tier und der Hirte, der dort webte,
Fliehen müssen, so kam er, unverzagt,
Er stieß den Nebel beiseite, mit Macht,
Die Dämonen wichen, als er sie gejagt.
Ich sah ihn, mit den Füßen, in der Nacht,
Er schritt über den Styx, mit trockenem Fuß,
Er schaute nicht zurück, in seiner Pracht.
Er hielt einen Stab, der seinen Gruß
An das Tor brachte, das sich öffnete sacht,
Kein Widerstand hielt stand, in dem Verdruss.
„O ihr, die ihr aus dem Himmel seid erwacht“,
Begann er, am Tor, mit heiliger Stimm’,
„Warum habt ihr diesen Widerstand gemacht?“
„Warum wehrt ihr euch gegen den Plan, im Glimm’,
Der niemals sein Ziel verfehlt, in der Welt?
Warum vergrößert ihr nur den Schmerz, im Grimm?“
Er ging zurück, wo der Weg ihn hält,
Er sprach kein Wort zu uns, er wirkte so,
Wie einer, der nur die Sorge um das Feld,
Und nicht um den, der vor ihm steht, ist froh.
Wir traten ein, durch das offene Tor,
Kein Feind mehr da, wir waren wieder so.
Ich schaute mich um, zu dem Grund hervor,
Und sah eine Ebene, weit und voll Pein,
Wo Gräber lagen, wie ein endloser Chor.
Wie bei Arles, wo die Rhône in den Schrein
Des Meeres fließt, oder bei Pola am Strand,
So waren hier die Gräber, im steinernen Schein.
„Meister“, fragte ich, „was ist das für ein Land?
Was sind das für Menschen, in den Steinen dort?“
„Das sind die Ketzer“, so mein Verwandt’,
„Mit ihren Anhängern, an diesem Ort,
Hier liegt mehr, als du denkst, in der Stille,
In jedem Grab ist die Qual, das bittere Wort.“
Wir gingen weiter, mit des Meisters Wille,
Zwischen den Mauern und den Gräbern, so grau,
Und ließen die Hölle, in ihrer ewigen Fülle.
GESANG X
Wir gingen nun auf einem schmalen Steig,
Zwischen den Mauern und der Qual der Pein,
Mein Meister voran, ich folgte in dem Schweig’.
„O Tugend, die du führst, in dem Schein
Der Höllenkreise, durch die Geister weit,
Sprich zu mir, mach das Wissen mir nun rein!
Die hier in Gräbern liegen, in der Zeit,
Kann man sie sehen? Die Deckel sind ja offen,
Kein Wächter steht bei ihnen, in dem Leid.“
„Sie werden alle zugedeckt, in dem Hoffen“,
Sprach er, „wenn sie aus Josaphat zurück,
Mit ihrem Fleisch, das sie bei Gott getroffen.“
„Hier haben ihre Stätte, in dem Blick,
Epikur und seine Schar, die lehrt,
Dass mit dem Körper stirbt auch das Geschick.“
„Doch bald wird deine Frage sein gewährt,
Und auch das Sehnen, das du noch verschweigst.“
„Ich berge meine Herzensnot, nicht unerhört“,
Sprach ich, „du weißt, dass ich mich nicht neigst
Zu vielem Reden, wie du mich einst gelehrt.“
„O Toskaner, der du durch die Stadt du steigst,
Der brennenden Geister, mit so höflichem Wort,
Halt ein und bleib an diesem Ort, das zeigst!“
„Deine Rede verrät, dass du an dem Hort
Der edlen Stadt gebürtig bist, die ich wohl plagte,
Vielleicht zu sehr, an diesem finstren Ort.“
Aus einem Grab erklang die Stimme, die fragte,
Dass ich vor Angst mich an den Meister wandt’,
Er sprach: „Was tust du? Dreh dich, wenn sie sagte!“
Dort stand Farinata, den ich schnell erkannt’,
Vom Gürtel aufwärts, in dem Feuerglanz,
Mit stolzem Blick, als ob er Hölle verbannt’.
Er sah mich an, mit ein wenig Trotz-Tanz,
„Wer waren deine Ahnen?“, fragte er kurz.
Ich sprach, nichts verbergend, in dem Kranz,
Der Familie Namen, ohne jeden Sturz.
Da hob er die Brauen, fast wie mit Hohn:
„Sie waren gegen mich, durch ihren Kurz-
Sinn, und gegen meine Partei und meinen Thron.“
„Auch wenn sie vertrieben wurden, sie kamen zurück“,
Sprach ich, „doch deine haben nicht gelernt, den Lohn.“
Da schob sich ein anderer aus dem Grab-Glück,
Ein Geist, auf den Knien, so schien es mir,
Er spähte umher, mit suchendem Blick.
Er sah nicht mich, doch suchte er nach ihr,
„Wenn du durch das Genie hier wandeln magst,
Wo ist mein Sohn? Warum ist er nicht hier?“
Ich erkannte ihn: „Nicht aus eigener Kraft, fragst
Du mich, doch der, der dort wartet auf mich,
Führte mich hierher, den du nicht wagst.“
„Wie? ‚Wartete‘? Ist er nun tot, so fürchterlich?
Darf das Licht ihn nicht mehr treffen, nein?“
Als er zögerte, in seinem Schmerz-Stich,
Sank er zurück, in den feurigen Schein.
Doch der Stolze, Farinata, blieb, wie er war,
Er änderte nicht die Miene, im höllischen Pein.
„Wenn sie die Kunst nicht lernten, ist mir klar“,
Sprach er, „das quält mich mehr als dies Bett hier.
Doch nicht fünfzig Mal wird das Antlitz der Schar,
Der Königin, die hier regiert, wie ein Tier,
Erleuchten, bevor du weißt, wie schwer der Pfad.
Doch sag mir: Warum ist das Volk so gier’,
Gegen mein Geschlecht, in der Stadt, so rad?“
„Die Wut, die den Arno in Rot verwandelt“,
Sprach ich, „brachte das Ende, so hart und schad.“
Er seufzte, als die Wahrheit sich abhandelt,
„Ich war nicht allein dort, sicher, nicht ohne Grund,
Doch war ich’s, der für Florenz einst wandelt.“
„Doch möge deine Saat den Frieden finden im Mund“,
Fragte ich, „löse doch den Knoten, der mich quält,
Warum seht ihr die Zukunft, in diesem Schlund?“
„Wir sehen wie einer, der schlecht Licht wählt,
In weiter Ferne“, sprach er zu mir,
„Das Licht Gottes ist, was uns hier fehlt.“
„Wenn die Dinge kommen, ist unser Blick im Tier,
Wenn sie nahe sind, ist unser Wissen blind.
Nur durch die Boten wissen wir von hier.“
„Deshalb begreifst du, dass unser Sinn geschwind,
Vergeht, wenn das Tor der Zukunft sich schließt.“
Ich sprach, da ich nun in der Schuld mich find’:
„Sag jenem Gefallenen, dass sein Sohn gießt
Noch Leben in die Welt, und dass mein Schweigen
War, weil ich noch im Zweifel mich ergießt.“
Mein Meister rief mich nun, in den Reigen,
Ich fragte schnell den Schatten, wer dort liegt,
„Mit tausend andern“, sprach er, ohne Neigen.
„Hier liegt Friedrich der Zweite, der sich wiegt,
Und der Kardinal“, dann war er verschwunden.
Ich ging zum Dichter, der meine Schritte biegt.
Wir gingen weiter, durch das Tal gewunden,
Ich dachte an die Worte, die er mir gesagt,
Das Unheil, das mir droht, in dunklen Stunden.
Er sprach: „Warum bist du so betrübt, geplagt?“
Ich sagte ihm alles, was ich vernahm.
„Behalte es im Sinn, was man dir fragt“,
Sprach er, „und höre gut, was man dir nam:
Wenn du vor das holde Licht der Frau trittst,
Wird sie dein Leben richten, ohne Gram.“
Dann wandten wir uns links, den Pfad, der schwitzt,
Hinab in den Grund, wo man den Gestank fühlt,
Der aus der Tiefe, in die Luft sich spritzt.
GESANG XI
An einem Fels, der aus den Trümmern ragte,
die jäh zum Abgrund stürzten, saßen wir,
wo eine engere Kluft uns drohend sagte,
dass neue Qualen warteten auf hier.
Doch stieg aus tieferen Kreisen herauf Gestank,
den jene Schlucht uns brachte, voll Gier.
Wir traten an ein Grab, das schmal und krank,
auf dessen Deckel stand in großer Schrift:
„Ich halte Anastasius, den, der sank,
der Photinus folgte und der Wahrheit Gift.“
„Wir müssen hier verweilen, bis der Sinn
sich an den stechenden Gestank dann trifft.“
So sprach der Meister; ich: „Damit der Gewinn
nicht Zeitverlust sei, gib mir nun Bescheid!“
Er sprach: „Das ist mein Plan, auch ich bin drin.“
„Mein Sohn“, so sprach er, „in diesem Geleit
aus Fels zu Fels gibt es drei Kreise hier,
gleich denen, die du ließest in der Weit.
Voll Stolz und Bosheit, blind vor böser Gier,
ist jeder Kreis voll Geister, schwer belastet;
doch hör, warum sie büßen jetzt bei mir.
Von jedem Unrecht, das den Himmel hastet,
ist Unbill das Ziel, das Leid dem Nächsten bringt,
sei es durch List, sei es, wo Gewalt sich rastet.
Weil List jedoch allein dem Menschen schwingt,
missfällt sie Gott am meisten; wer sie übt,
der Betrüger, den die Strafe tiefer umschlingt.
Gewalt ist für die Nächsten nur getrübt,
durch Blut und Gut und Brand, die man entfacht,
an jenen, die man wohl zu kennen gibt.
Des Menschen Tod, der Wunden bittere Macht,
an Nachbarn, denen man das Leben raubt,
und Brand, der Hab und Gut zu Asche macht.
Wer Hand an sich, sein Leben kurz erlaubt,
und sein Vermögen, oder wen er spielt,
und wessen Hab in Schutt und Asche glaubt.
Man kann Gewalt an Gott auch üben, wie es zielt,
im Herzen Ihn verneinend, Ihn verschmähend,
und Natur, die dort ihr freies Spiel nie spielt.
Drum wird der kleinste Kreis, den Gott uns sehend,
in Sodom und in Cahors Buße tut,
und wer aus Gottverachtung redend, gehend.
Die List, die jedes Gewissen zerfrisst, die Glut,
kann man verüben an denen, die uns trauen,
und jenen, die misstrauen – das ist die Wut.
Dies zweite Band scheint nun das Band zu schauen,
der Liebe, die Natur uns eingegeben,
und auch das Band, auf dem die Treuen bauen.
Drum finden wir im zweiten Kreis das Leben
von Hypokrisie, Verrat und falscher Zeug,
und Diebstahl, Zauber und Verleumdung eben.
Im andern Kreis vergisst man, was das Beug’
der Liebe ist, und das Vertrauen vergisst,
der Anhang, der dem Schöpfer sich nicht neigt.
Drum liegt im Schlund, wo das Zentrum ist,
wo Dis sich dreht, wer das Vertrauen brach,
so dass der Ewigkeit das Licht vermisst.“
Ich sprach: „Du erklärst es gut, o Meister, ach!
Du ordnest diesen Abgrund wohl und klar,
doch sage mir, wer folgt dem alten Sach?
Die dort im Sumpf, die Winde treffen wahr,
die Regen peitscht, die sich im Streit begegnen,
warum sie nicht bei Gott sind, wenn die Schar,
ihr Zorn, sie trifft in diesen dunklen Gegenden?
Und wenn nicht, warum sind sie dann so schwer?“
Er sprach: „Warum willst du den Geist erregend,
dass er vergisst, was er gelernt doch sehr?
Erinnerst du dich nicht, was Aristoteles lehrt,
von drei Beschaffenheiten, die nicht ehren, sehr?
Unmäßigkeit, die Gottes Zorn beschwert,
und Bosheit, die dem Himmel fern geblieben,
und Wahnsinn, der die Mäßigung entbehrt?
Wie wenig Gott das Unmäßige kann lieben,
und wie er straft – denk nach, besinne dich,
da wo das Buch die Lehren hat geschrieben.
Da siehst du, warum sie nicht bei den Bösen sich
befinden, und warum die Rache hier
sie weniger straft, da ihre Schuld ist, sich...“
„O Sonne, die du heilst bei allem Irren hier,
so sehr gefällt mir, wenn du mich belehrst,
dass Nichtwissen mir Lust ist, genau wie Gier.
Kehr ein Stück zurück“, so sprach ich, „dass du lehrst,
wie Wucher Gott beleidigt, dieser Schmerz,
und löse mir das Rätsel, das du nährst.“
„Die Philosophie“, sprach er, „in ihrem Herz,
zeigt dem, der sie versteht, auf vielen Stellen,
dass die Natur ihren Gang nimmt, ohne Scherz.
Wie von der Kunst des Intellekts den Quellen,
sie folgt der göttlichen Vorsehung, genau!
Und liest du in der Physik, in diesen Wellen,
dann siehst du bald, wenn du auf Gott noch schau,
dass eure Kunst, so weit sie kann, dem Pfad
der Natur folgt, wie ein Schüler voller Bau.
Sie ist, gleichsam, Enkelin Gottes, in der Tat.
Erinnerst du dich an den Anfang der Genesis,
dass Mensch und Kunst dort leben, wie der Rat.
Da der Wucherer einen andern Weg für sich miss,
verachtet er Natur und ihre Art,
weil er auf andres hofft, das er vergisst.
Doch lass uns gehn, der Fisch am Horizont jetzt starrt,
und überm Ufer steht der Wagen nun,
und dort beim Caurus fällt die Nacht so hart.“
GESANG XII
Der Ort, an den wir kamen, um hinabzusteigen,
war schroff und voll von wildem, fremdem Sinn,
dass jedes Auge gern dem Blick möchte weichen.
Wie jene Wand, die bei Trient liegt hin,
durch Erdrutsch oder Schwäche des Gesteins
am Etscherand, wo Fels sich stürzt mit Sinn,
und von der Spitze, wo der Fels des Scheins
einst Halt verlor, sich so zum Tale bog,
dass er dem Kletterer Pfad bot, doch nur eines:
So war der Abstieg jener Schlucht, die zog
sich steil hinab; und dort am Rand, am Spalt,
lag jener Schrecken, den man Kreta bog –
die Schande, die im Labyrinth erthalt,
als Minotaurus, den die Kuh gebar,
und der sich selbst zerfraß in blinder Gewalt.
Als er uns sah, biss er sich selbst, fürwahr,
als einer, den der Zorn von innen presst.
Mein Weiser rief: „Vielleicht hältst du für wahr,
dass hier der Herzog von Athen sich lässt
herab, der oben dich mit Tod bezwang?
Verschwinde, Ungetüm, das uns hier lässt!
Nicht deine Schwester führt hier ihren Gang,
ich komme nur, um eure Pein zu sehen.“
Wie Stiere, die den Strick zerreißen lang,
wenn sie den Todesstoß schon spüren, gehen
sie nicht voran, sondern im Sprung und Fall;
so sah ich jenes Ungeheuer stehen.
Mein Meister rief: „Lauf schnell zum freien Wall!
Es ist gut, dass man steigt, solange er tobt.“
Wir stiegen ab durch den Geröll-Schwall,
der unter meinen Schritten oft gelobt
sich abwärts schob, durch Gewicht, das neu.
Ich ging und dachte: „Vielleicht ist dies erprobt,
durch jene Kraft, die ich hier sehe, treu –
die jene Geister dort unten stürzt und schlägt?“
Er sprach: „Du wunderst dich, doch schau herbei:
Dort, wo der Fluss das Ufer rötlich prägt,
da ist der erste Ring, wo jene liegen,
die dem Nächsten Gewalt ihr Leben gibt und regt.“
O blinder Hochmut, der uns lässt erliegen,
der uns in diesem Leben kurz betört,
und uns in der Ewigkeit lässt ewig siegen –
beim Schmerz, der in dem Strome uns betört!
Ich sah einen weiten Graben, der sich bog
im Kreis, wie es das ganze Feld verehrt.
Und zwischen Fuß des Felsens, der sich zog,
und Graben, liefen Zentauren im Lauf,
mit Pfeilen, wie sie’s einst beim Jagen pflog.
Sie sahen uns und hielten alle auf;
drei traten vor, mit Bogen in der Hand.
Der eine rief von weitem: „Welchen Kauf
sucht ihr, die ihr kommt in dieses Land?
Sagt es von dort, sonst spanne ich den Bogen!“
Mein Meister rief: „Wir gehn an Chiron’s Band,
dort drüben; dein Wille ist mir wohl gewogen.“
Chiron, der einst den Tod so sehr gespürt,
kam nah und sprach zu seinen Leuten, den gebogenen:
„Wisst ihr, dass jener, der die Seite führt,
die Dinge bewegt, die er berührt?
So tun auch die Geister, die er hier nun führt.“
Wir gingen weiter, durch den roten Fluss, der rührt
das Blut, in dem die Kochenden nun schreien.
Dort sah ich Sünder, die ihr Haupt nun führt,
tief eingetaucht in Blut, in Qualen-Reihen.
Alexander war da, und Dionys der Graus,
die Sizilien ließen in Tränen gedeihen.
Und jener, dessen Haar schwarz – ohne Saus –
war, Ezzelin, und Obizzo von Este,
dem man das Leben nahm im Ränke-Schmaus.
Ich wandte mich zum Weisen, zur Rest-e,
er sprach: „Lass ihn der Erste sein, ich der Zweite.“
Ein Stück weiter sahen wir die Gäste,
die bis zur Kehle im Blut sich ihre Weite
verschafften. Und wir sahen einen Geist,
der einsam stand, an jener steilen Seite:
„Er stach im Schoß das Herz, das man verweist
am Ufer der Themse“, sprach Chiron dann.
Dann sah ich andere, die den Kopf hier weist,
gar bis zum Rumpf, im heißen Fluss, den Bann.
So sahen wir viele, die dort büßen mussten,
im heißen Blut, das jeden überrann.
So schritt der Zentaur durch das flache Fluss-Krusten,
und wir mit ihm, zum andern Ufer hin,
wo man nur Stöhnen hört, in tausend Lüsten.
Wir sahen Menschen, die im Schlamm, mit Sinn,
bis an die Brauen im Blut versunken waren.
„Wie diese hier“, sprach der Zentaur mit Gewinn,
„bestraft man jene, die ihr Raubgut sparen,
die Tyrannei und Blutvergießen pflegen.
Hier weinen sie, in endlosen Gefahren,
um das, was sie taten auf ihren Wegen;
hier ist Dionys, hier der Azzolino,
und hier Obizzo, der den Tod wird erregen.“
Dann wandte sich der Zentaur, der Dino,
und wir überquerten den Strom, der dampfte,
im tiefen Sumpf, wie in einem Kino.
GESANG XIII
Noch war Nessus nicht am anderen Strand,
als wir uns in einen Wald hinein begaben,
in dem kein Pfad sich bot, in keinem Land.
Nicht grüne Blätter, dunkle Farben laben,
nicht glatte Zweige, nur verknöcherte,
die Gift und Dornen statt der Früchte haben.
Nicht so dicht sind die Wälder, die verzehrte,
von wilden Tieren, die Maremma scheut,
wo Cecina und Corneto der Sumpf vermehrte.
Hier nisten Harpyien, die die Brut der Freud’
von den Strophaden einst vertrieben haben,
mit Unheil-Botschaft, die das Leid erneut.
Sie haben Menschenantlitz, Flügel, Graben
als Klauen, und der Bauch ist federleicht,
sie heulen auf den Bäumen, die sie laben.
Mein Meister sprach, bevor wir weiterreicht:
„Bevor du weitergehst, so wisse wohl,
dass du im zweiten Ring nun bist, der bleicht,
bis dass du kommst zum Sand, der schrecklich voll.
Drum schau genau, was du hier wirst erblicken,
es ist zu groß, als dass ich’s sagen soll.“
Ich hört’ an allen Orten Schmerz und Erschrecken,
doch sah ich niemanden, der den Laut vollbracht’,
und blieb verwirrt, in meinem Leid am Wecken.
Ich glaub’, er dachte, dass ich in der Nacht
der Bäume etwas ahnte, das dort schrie,
von Leuten, die sich vor uns in Acht.
Der Meister sprach: „Wenn du die Zweige, wie
ein kleines Reis von diesem Baum hier brichst,
wird dein Gedanke sich ändern, wie nie.“
Ich streckte meine Hand aus, doch im Nichts,
und brach ein Ästchen von einem großen Baum;
der Stamm rief: „Warum nur? Warum solches Lichts?“
Dann dunkles Blut – es rann aus dem Saum,
und sprach erneut: „Warum zerreißt du mich?
Besitzt du keinen Sinn, in diesem Raum?
Wir waren Menschen, jetzt sind wir Bäume, sich
verwandelnd; doch hätte eine Schlange uns gerührt,
wäre mehr Mitleid noch als hier, für dich!“
Wie ein brennendes Holz, das man nun führt
an einem Ende, und das andere zischt,
und durch den Wind, der durch die Poren rührt,
so kam aus jenem Ast, der dort erfrischt,
gleichzeitig Blut und Wort. Ich ließ ihn fallen
und stand wie einer, den die Furcht erwischt.
Der Weise sprach: „Wenn er nur hätte allen
Glauben geschenkt, was er in Versen las,
hätt’ er nicht Hand an dich, mein Sohn, in Dallen.
Doch die Unwahrscheinlichkeit, das Maß,
zwang mich, ihn zu verleiten zur Tat,
die mich auch reut, in diesem dunklen Glas.“
„Doch sag ihm, wer du bist, auf dass der Rat
des Ruhms zurückkehrt in der Welt der Zeit,
wo er zurückkehren darf, auf deinem Pfad.“
Der Baum antwortete: „Du lockst mich weit,
dass ich muss sprechen; verzeih mir, wenn ich rede,
denn ich kann nicht schweigen, in dieser Ewigkeit.
Ich bin der, der die Schlüssel hielt, die fehde,
des Herzens Friedrichs, und sie wandte hin,
dass kaum ein Mensch mehr bei ihm fand die Rede.
Ich war so treu, im Geist und auch im Sinn,
dass ich verlor den Schlaf und auch das Blut.
Die Hure, die aus Cäsars Haus mit Gewinn
nie ihren Blick wandte, mit Bosheit und Glut,
entfachte gegen mich den Neid der Leute,
und jene entfachten Augustus mit Wut.
Mein Geist, der aus Entrüstung, aus Beute,
dachte, durch Tod dem Hochmut zu entfliehen,
machte mich Unrechten, gegen meine Leute.
Doch bei den neuen Wurzeln, die hier ziehen,
ich schwöre dir, dass ich dem Herrn, der treu,
nie untreu war, in diesen dunklen Wiegen.
Wenn einer von euch heimkehrt, in die Scheu,
der Welt, so helft mir, dass ich wieder stehe,
im Gedächtnis, das nun liegt in dieser Neu.“
Der Dichter schwieg, und sprach dann: „In der Nähe,
nutze die Zeit, denn er kann nicht mehr sprechen,
frag ihn, was du willst, in dieser Zähe.“
Ich fragte: „Frag ihn, wenn die Noten brechen,
was ich mich selbst nicht traue, so ist die Qual,
sie können nur aus Blut ihr Leid versprechen.“
Er begann: „Wie ihr wollt, im gleichen Tal,
möge er dir antworten, frag du ihn!“
„Wie kommen diese Seelen in den Pfahl?“
„Wie kommt es, dass sie Baum sind? Sag es hin,
und sag, ob je ein Geist sich frei von Ästen
macht, wenn er hier ist, mit dem Sinn?“
Der Baum blies stark, und dann zu den Resten
des Windes wurde der Ton: „Kurz wird gesagt:
Wenn die Seele sich trennt von den Festen,
von denen sie sich selbst hat weggejagt,
sendet Minos sie zum siebten Grund,
hier, wo sie fällt, wie sie es nicht gewagt.
In den Wald fällt sie, kein Ort ist Kund,
doch wo das Schicksal sie hinwirft, dort keimt
sie wie ein Korn, im dunklen Schlund.
Sie wächst zum Baum, die Harpyien sind reimt
mit ihr, und fressen Blätter und den Schmerz,
der durch das Leid der Blätter uns hier reimt.
Wir kommen zur Abholung, mit dem Herz,
doch unsere Leiber nicht, denn es ist nicht Recht,
dass man bekommt, was man verlor mit Scherz.
Wir werden sie hierher ziehen, im schlechten Geflecht,
und unsere Körper werden im Wald dann hängen,
jeder am Dornenstrauch, der uns macht schlecht.“
Wir standen noch beim Baum, in den Engen,
als wir ein Geräusch hörten, wie von Jagd,
die durch den Wald begann, in den Längen.
Zwei Nackte flohen, in den Bäumen gejagt,
zerreißend den Wald, die Zweige brachen laut.
Der Vordere schrie: „Komm Tod!“, wie er gefragt.
Und hinter ihm die Hündinnen, in der Haut,
die ihn zerfleischten, und dann den Busch zerbrachen,
wo der Geist versteckt war, wie er vertraut.
Mein Meister nahm mich, in den dunklen Sachen,
und führte mich zum Dornenstrauch, der weinte
aus seinen Wunden, in den dunklen Rachen:
„O Giacomo da Sant’Andrea, wer meinte,
dass du mich als Sichtschutz nutzt für deine Qual?
Was kann ich dafür, dass dein Leben vereinte?“
Der Meister trat vor den Strauch, in das Tal:
„Wer warst du, der durch Wunden so viel Blut
vergoss, in dieser dunklen Qual?“
Er sprach: „O Geister, die ihr kommt mit Mut,
um die Schande zu sehen, die mich entblößt,
sammelt meine Blätter, in dieser Flut!
Ich war aus Florenz, das den Täufer gelöst,
drum hat es den Schutzpatron nun gewechselt,
durch die Kunst, die den Frieden hier zerstört.
Dort hänge ich, vom Tode nun verhechselt.“
GESANG XIV
Weil mich die Liebe zu der Heimat trieb,
raffte ich die Blätter auf, so zerstreut,
und gab sie ihm zurück, der schon fast blieb.
Dann kamen wir dorthin, wo die Trennung heut
den ersten Ring vom zweiten, in der Spur,
und ich sah Wunder, wie das Schicksal beut.
Um die Wahrheit kundzutun: Wir kamen zur Flur,
einem weiten Sand, der jedes Pflanzenleben
versagt, in seiner trockenen, heißen Natur.
Der Wald der Schmerzen war der Kranz, daneben
der Graben des Blutes, der Wald um den Rand;
hier mussten wir am Rande des Abgrunds leben.
Wir schritten über den trockenen, festen Sand,
der nicht anders war als jener, den einst trat
Catos Fuß, als er durch die Wüste schwand.
O Strafe Gottes, wie sehr, wie auf den Pfad,
solltest du gefürchtet werden von jedem, der liest,
was meine Augen sahen, in dem Rad!
Ich sah viele Scharen, die nackt und groß, mit List,
alle weinten, in verschiedenen Arten von Leid,
und jedes Gesetz schien anders, wie es ist.
Einige lagen auf dem Rücken, in der Ewigkeit,
andere saßen zusammengekauert, ohne Rast,
andere wanderten umher, in ihrer Zeit.
Die meisten waren jene, die die Last
der Sorgen trugen, und die größte Zahl
jene, die auf dem Rücken, in der Pein erfasst.
Und über den Sand regnete in Schwall,
mit weiten Flocken, Feuer, wie in den Alpen,
wenn der Wind still ist, im harten Fall.
Wie Alexander in den heißen Landen, die talpen,
Feuer auf seine Scharen fallen sah,
und die Erde beben ließ, in ihren Alpen –
so fiel das ewige Feuer, das nah
den Sand entzündete, wie Zunder im Funken,
und verdoppelte das Leid, das hier geschah.
Ohne Rast war das Spiel der Hände, versunken,
um den heißen Boden abzuschütteln, im Wahn,
von den neuen Qualen, die hier trunken.
Ich begann: „Meister, der du alles kannst, im Plan,
außer den hartnäckigen Dämonen am Tor,
wer ist der Große, der, wie im Wahn,
nicht auf das Feuer achtet, im Chor
der anderen, und dort liegt, trotzig und schwer,
als ob der Regen ihn nicht rührte, im Rohr?“
Jener, der meine Frage hörte, von fern her,
rief: „Was ich war, als Lebender, bin ich im Tod!
Wenn Jupiter seinen Schmied ermüdet, im Meer,
von dem er den Blitz nahm, in seiner Not,
den er mir schleuderte, im letzten Schlag,
und die anderen Schmiede, im glühenden Rot,
am Berg Mongibello, im harten Tag,
‚Hilf mir, Vulcan!‘ rufend, wie er es tat,
als er den Kampf bei Phlegra sah, im Hag –
und mich mit voller Kraft zerschlug, im Rat,
so mag er sich nicht an Rache erfreuen, im Leid!“
Mein Meister sprach mit einer Kraft, in der Tat:
„Capaneus, in deinem Stolz, in deiner Neuheit,
wird die Strafe nur noch größer, durch den Schmerz,
dein Zorn ist deine eigene Qual, in deiner Ewigkeit.“
Dann sprach er sanfter, mit anderem Herz:
„Dies ist einer der sieben Könige, die Theben
belagerten; er hielt und hält Gott für Scherz.
Wie ich ihm sagte, sein Stolz ist sein Beben,
doch folge mir nun, und pass auf, wo du trittst,
nicht auf den Sand, der heiß ist in seinem Leben.“
Wir schwiegen und kamen, wo ein Bach, der spritzt,
aus dem Wald heraus, rötlich und klein,
dass mir das Blut im Angesicht noch blitzt.
Wie aus dem Bulicame der Bach, in den Schein,
sich teilt unter die Sünder, im Lauf,
so floss dieser über den Sand, in den Rein.
Der Boden und die Ränder waren versteinert im Kauf,
der Bach wurde zu Stein, das Ufer war kalt.
„Unter allem, was ich dir zeigte im Lauf,
seit wir das Tor passierten, in der Gestalt,
ist nichts so bemerkenswert, wie dieser Fluss,
der das Feuer löscht, über dem Wald.“
So sprach mein Meister; ich bat mit Genuss,
dass er mir die Nahrung gebe, für den Geist,
da er mir den Hunger stillte, mit dem Schluss.
„In der Mitte des Meeres liegt ein Land, das heißt
Kreta“, sprach er, „unter einem König, der einst
die Welt regierte, als die Unschuld kreist.
Dort gibt es einen Berg, der Ida heißt,
einst voll von Wasser, nun trocken und alt.
Ein alter Mann steht dort, der die Welt bereist.
Sein Rücken ist dem Damietta zugewandt,
er blickt auf Rom, als sein Spiegelbild.
Sein Haupt ist aus Gold, in feiner Art und Wand,
seine Arme und Brust aus Silber wild,
aus Erz ist der Rumpf, bis zur Spaltung hin,
darunter ist Eisen, in festerem Schild.
Der rechte Fuß ist aus Ton, in dem Sinn,
und er steht mehr auf diesem, als auf dem andern.
Jeder Teil, außer Gold, hat einen Riss in sich,
durch den Tränen fließen, in ihrem Wandern,
die sich sammeln und durch die Grotte brechen,
und in diesen Abgrund sich entsandern.
Sie fließen als Acheron, Styx und Phlegethon,
in diesen Sumpf, wo sie sich vereinen,
und enden, wo kein Abfluss mehr ist im Lohn.“
Ich fragte: „Wenn dieses Bächlein fließt in den Reinen,
warum siehst du es nur hier, an diesem Ort?“
Er sprach: „Du weißt, der Kreis ist rund in seinen Scheinen,
und obwohl wir viel gelaufen sind, im Hort,
immer nach links, in die Tiefe der Qual,
haben wir nicht den ganzen Kreis gesehen, in einem Wort.“
„Wenn also der Phlegethon hier fließt im Tal,
wo ist der Lethe? Du hast ihn nicht genannt!“
„Deine Fragen gefallen mir, im ersten Strahl,
doch das Wasser des Lethe, in diesem Land,
ist fern von hier, wo die Seelen sich waschen,
wenn sie bereut haben, in Gottes Hand.“
„Lass uns nun gehen, und den Rand verlassen,
die Ränder spenden Schatten, der Dampf erlischt,
und wir können den Weg durch das Feuer fassen.“
GESANG XV
Nun trägt uns der befestigte Damm mit Macht,
und des Baches Dampf schützt den Pfad vor dem Brand,
dass Feuer und Wasser sich wehren in der Nacht.
Wie die Flamen, die sich bei Brügge an den Strand
der Schelde bauen, um das Meer zu wehren,
das gegen sie stürmt in steter Flut im Land;
oder wie Brenta bei Chiarentana, um zu beschweren
die Dörfer und Burgen, bevor das Eis sie quält –
so war der Damm, gebaut in ähnlichen Sphären,
nur dass der Schöpfer, ob er ihn weit oder eng gewählt,
ihn nicht so hoch noch so mächtig erdacht.
Wir waren schon weit vom Wald, der mich beseelt,
als eine Schar uns entgegenkam in der Pracht,
und einer fragte: „Wer seid ihr, die hier gehen?“
Er griff mein Kleid und hielt es fest in der Nacht.
Als ich ihn ansah, um ihn zu verstehen,
seine verbrannte Gestalt, sein gezeichnetes Gesicht,
konnte ich ihn trotz der Schwärze wohl sehen.
Ich streckte meine Hand aus in das Licht,
und rief: „Seid Ihr hier, Ser Brunetto, mein Lehrer?“
Er sprach: „Mein Sohn, nimm es mir übel nicht,
wenn ich, dein alter Freund und eifriger Zehrer,
ein wenig verweile mit dir und die Schar lass gehn.“
Ich sagte: „Ich bitte Euch, bleibt, seid mein Erlehrer,
und wenn Ihr wollt, so lasst uns hier stehen,
solange mein Meister es mir gestattet, im Lauf.“
Er sprach: „Mein Sohn, wer hier bleibt, muss sich drehen,
und liegt hundert Jahre, ohne sich aufzuraffen, zuhauf,
wenn ihn das Feuer trifft; drum geh nur weiter,
ich folge dir nach, am Saum, der uns schuf,
und dann hol ich meine Gefährten, die heiter
im ewigen Schmerz nun ihre Wege gehn.“
Ich wagte nicht, vom Damm hinab, auf die Leiter,
doch senkte ich den Kopf, um ihn zu sehen,
und ging neben ihm, wie ein ehrfürchtiger Gast.
Er fragte: „Was führt dich her, in diesen Wehen,
bevor der Tag vollendet seine Last?
Und wer zeigt dir den Weg, durch dieses Tal?“
„Dort oben“, sagte ich, „in der Welt, die fast
vergaß das Leben, kam ich in die Qual,
verirrt in einem Tal, bevor mein Alter kam.
Gestern früh wandte ich mich ab, im Strahl,
als dieser mir erschien, und mich in Scham
wieder heimwärts führt, auf diesem Pfad.“
Er sprach: „Wenn du folgst deinem Stern, im Gramm,
wirst du den Hafen erreichen, wie Gott es hat,
wenn ich in meinem Leben nicht irrte so sehr.
Hätte ich gewusst, dass das Schicksal so tat,
hätte ich dich gestützt, mit meiner Lehre schwer.
Doch jenes undankbare Volk, das von Fiesole stammt,
von den alten Bergen, rau wie das Meer,
ist neidisch auf dich, weil dein Geist entflammt.
Es ist kein Wunder, denn unter Feigen bösen
wächst keine süße Frucht, die uns verdammt.
Schon alt ist ihr Ruf, den die Leute lösen,
als blind, als geizig, als stolz und als neidisch;
sollst dich von ihren Sitten nun lösen.
Dein Schicksal hält dir Ehren bereit, so eidis,
dass beide Parteien nach dir hungern werden;
doch weit weg sei das Gras von der Ziege, seid is.
Lass die Tiere von Fiesole sich selber beerdigen,
und lass sie nicht die Pflanze berühren, falls sie keimt,
in der der heilige Same bleibt auf Erden,
in der die Römerstadt wieder erscheint,
die blieb, als das Nest der Bosheit dort stand.“
„Wenn mein Gebet erhört wird“, sagte ich, der weint,
„so wärt Ihr noch unter der Menschen Wand.
Denn in meinem Gedächtnis steht noch fest,
Eure väterliche Güte, die mich band,
als Ihr mich gelehrt, wie der Mensch sich lässt
zur Ewigkeit erheben; mein Dank bleibt mein Leben.
Was Ihr mir prophezeit, schreib ich in den Rest,
für eine Herrin, die es deuten wird, eben,
zusammen mit andern, wenn ich sie treffe dort.
Nur eines sollt Ihr, mein Herr, mir heute geben:
Ich sehe, dass das Glück spielt sein Wort,
doch ich bin bereit, egal was das Schicksal dreht.“
Mein Meister sprach: „Wer gut hört, ist am Ort.
Hör zu, was ich sage, wie es weitergeht:
Man vergisst nicht, was man in der Jugend gelernt,
dass man wie ein Mensch im Wind des Lebens weht.“
Ich ging weiter, mein Herz war nicht entfernt
von meinem Lehrer, der in der Vergangenheit lag.
Ich rief: „Wer sind die, die ihr Euch gern entlarnt,
die mit Euch wandern, Tag für Tag?“
Er sprach: „Es sind viele, doch es ist gut zu schweigen,
von denen zu sprechen, die ich nicht nennen mag.
Kurz gesagt: Sie waren Gelehrte, die sich beugen,
berühmt und groß, doch die gleiche Sünde trägt
sie alle hier, wo sie das Feuer zeigen.
Priscian ist da, und Francesco d’Accorso erregt,
und wenn du noch mehr wissen willst, von diesem Rang,
so siehst du Andrea de’ Mozzi, der sich hier bewegt,
den der Diener der Diener Gottes aus dem Gang
nach Bacchiglione sandte, wo er ließ das Fleisch,
das krank war, im Zwang und im Drang.
Ich könnte noch mehr sagen, doch der Weg wird bleich,
ich sehe dort Rauch aufsteigen, am Sand.
Menschen kommen, die ich nicht kenne, im Bereich.
Ich muss gehen, dort steht meine Band.
Vergiss mein ‚Tesoro‘ nicht, das bleibt mein Ruhm,
ich verlange nichts mehr, als dass es bleibt im Land.“
Er wandte sich um und lief, in seinem Stum-
men Lauf, wie jener, der in Verona gewinnt,
beim Rennen um den grünen Stoff – sein Heiligtum –,
und sah aus, als ob er siegt, und nicht der, der zerrinnt.
GESANG XVI
Ich war schon dort, wo man das Rauschen hört
des Wasserfalls, der in den andern Schlund
hinunterstürzt, wie Bienen, die man stört,
als drei Gestalten liefen, aus dem Grund
sich lösend, einer Schar, die dort verwich
unter dem Regen, der ihr Los nun kund.
Sie liefen auf mich zu, und einer rief: „Halt dich!
Du, dessen Kleid den Anschein von uns trägt,
und aus dem Ort kommt, der da schrecklich sich
in Bosheit wandelt.“ – O, was ich da geprägt
an Wunden sah, an ihren Gliedern schwer,
vom Brand gezeichnet, der ihr Fleisch erregt!
Noch heute schmerzt mich dieser Anblick sehr.
Mein Lehrer hielt nun an, sprach zu mir: „Warte!
Diesen gebührt Respekt, denn sie sind mehr
als ihresgleichen. Käme nicht die harte
Gewalt des Feuers, das auf sie herab
nun fällt, wär’s angemessen, dass die Zarte
ihr entgegenkäme, doch der Schicksalsstab...“
Sie blieben stehn und hoben an ihr Lied:
„O du, der uns wohl kommt, in dieses Grab!“
Dann liefen sie im Kreis, in ihrem Glied,
wie Ringer, nackt und wohlgeölt, die schauen,
wie sie den Griff gewinnen, der nicht flieht,
bevor sie schlagen, um den Sieg zu bauen.
So drehten sie sich, mit dem Blick auf mich,
dass Hals und Füße immer abwechselnd schauen.
„Wenn uns die Not, die hier in Asche sticht“,
sprach einer, „und das hässliche Gesicht
verachtet, so sollst du uns hören, Licht!
Unser Ruf, den die Welt uns einst verspricht,
soll deine Zunge wohl verkünden, sag!
Wer bist du, der hier wandelt, ohne Schicht,
am Leben noch? Die Fußspur, die du magst,
ist breiter als die unsere, in der Not!“
„Ich bin in Florenz geboren, wo du fragst,
und hab es geliebt, bis zu dem frühen Tod.“
So sprach ich, und sie beugten sich im Schmerz,
wie man es tut, wenn Scham die Wahrheit droht.
„O du, der unsre Heimat liebt mit Herz“,
sprach einer, „sag: Wohnt Höflichkeit noch dort,
und Tugend, oder ist sie weit, mit Scherz?
Denn Borsiere, der sich wandelt fort,
kam jüngst zu uns, und klagt uns vieles Leid,
das unsre Stadt verlor an jedem Ort.“
„Das neue Volk, der plötzliche Bescheid,
an Reichtum, haben dich, Florenz, gelehrt,
dass du nun Stolz hast, Maßlosigkeit und Neid.“
So rief ich laut, und sie, die unbeschwert
in Sünden waren, sahen sich nur an,
wie einer, der die Wahrheit hört, beschwert.
„Wenn du so leicht antwortest, ohne Bann“,
sprachen sie alle drei, „glücklich bist du,
dass du so frei reden kannst, wie ein Mann!
Wenn du der Hölle entkommst, in deiner Ruh,
und wieder siehst die Sterne, hell und klar,
dann sprich von uns, und gib der Welt dazu!“
Sie liefen los, im Kreis, in ihrer Schar,
die Beine flink, wie Räder ohne Halt,
und ihre Namen riefen sie, fürwahr!
Wir kamen an den Fall, der, wie gewalt’
ein kleiner Strom, vom Monte Viso fällt,
und bis zum Meer ein Rauschen in sich ballt.
Dort war der Abgrund, der das Land erhellt
mit seinem Donner, dass ich fast erschrak.
Ich trug ein Seil, das ich um mich bestellt,
mit dem ich einst den Panther, im Gestank,
fangen wollte, in der Hoffnung auf den Sieg.
Ich gab es dem Meister, der es nahm und schwank
es, wie er wollte, in den Abgrund, tief im Krieg.
Dann wandte er sich rechts und warf es hin,
dort, wo der Abgrund sich in Dunkel neigt.
„Was ist verborgen, muss nun ans Licht mit Sinn,
und bald“, dachte ich, „wird eine neue Form
aus dem Wasser steigen, mit dem Stolz darin.“
Ach, wie vorsichtig muss der Mensch, im Sturm,
hinter den Weisen gehen, die nicht nur sehn,
sondern die Gedanken lesen, wie das Wurm!
Er sprach: „Bald wird das kommen, was ich flehn
mit meinem Blick, und was dein Geist nur ahnt,
wird sich im Wasser bald vor dir drehen.“
Bevor ich den Mund öffnete, wie geplant,
sah ich etwas, das schwamm, voll dunkler Pracht,
ein Geist, der Schrecken in der Tiefe bahnt.
So steigt einer, der vom Grund der Nacht
den Anker hebt, der sich im Fels verfing,
und oben glänzt, im Licht, das ihn bewacht.
GESANG XVII
„Sieh das wilde Tier mit dem spitzen Schwanz,
das Berge durchdringt, Mauern und Waffen bricht!
Sieh das, das alle Welt verseucht mit Glanz!“
So sprach mein Meister, und er rief das Licht
des Wesens zu uns her, das nun gelandet,
auf festem Grund, mit krummem Angesicht.
Das Bild der Bosheit, das dort schrecklich strandet,
hatte das Antlitz eines Mannes, mild und fein,
doch Schlangenkörper, der sich windend wandet.
Zwei Tatzen, pelzig bis zur Achsel rein,
der Rücken, Brust und beide Flanken prangen
mit Knoten und mit Schilden, bunt und klein.
Nie hat ein Türke oder Tartar aufgehangen
so schöne Stoffe, mit so bunter Zier,
noch hat Arachne solche Webkunst je erzwungen.
Wie manchmal Schiffe liegen, im Revier,
halb im Wasser und halb auf festem Sand,
und wie dort das Biber-Tier, in seinem Gier,
mit seinem Schwanz den Fischfang sucht im Land –
so lag das Ungeheuer, giftig und schaurig,
mit dem Schwanz am Rand, in brennendem Gewand.
Sein Schwanz, der in der Luft schwang, einsam, traurig,
mit einer Spitze, wie ein Skorpion, giftig schwer.
„Wir müssen nun“, sprach mein Meister, gar nicht schaurig,
„ein wenig abweichen, dort zu jenem Heer,
das dort im Sande sitzt, in seiner Pein.“
Wir gingen rechts, ein Stück am Ufer her,
zehn Schritte weit, um das Feuer zu mein’,
und um den Sand zu meiden, der dort glüht.
Wir kamen zu den Seelen, die in Pein
am Rand des heißen Regens, der dort sprüht,
ihr Leid ertrugen, in dem heißen Sand.
Aus ihren Augen kam der Schmerz, der glüht.
Wie Hunde, die im Sommer, in dem Land,
mit Pfoten oder Schnauze sich nun wehren,
gegen die Fliegen, die sie in dem Brand
mit Hitze oder Bissen nun verzehren –
so sah ich sie, die sich im Sande wanden,
um sich vor Glut und Boden zu bekehren.
Ich sah auf ihre Gesichter, die nun standen,
und erkannte keinen; doch an jedem Hals,
sah ich Wappen, die dort im Feuer brannten.
Der eine war gelb, mit einer Gans, des Schalls,
der weißer war als Butter, in der Nacht.
Ein anderer hatte ein Schwein, das eines Falls
von Blau gezeichnet war, mit stolzer Pracht.
„Was machst du in diesem Graben?“, rief er mir,
„Geh weg! Und weil du lebst, mit voller Macht,
so wisse, dass mein Nachbar, der mit Gier
hier sitzt, mein Feind ist, der aus Padu’a kommt.“
Er verzog den Mund, wie ein Stier.
Ich fürchtete, den Zorn, der dort entglimmt,
und ging zurück, zu meinem weisen Führer,
der schon auf dem Rücken des Monsters schwimmt.
„Sei stark und mutig!“, rief der Entführer,
„Der Abstieg ist nun steil, auf diesem Rücken.
Reite vorsichtig, sei ein wachsamer Schürer!“
Wie einer, der die Schüttelfrost-Lücken
schon spürt, und dessen Nägel blass und weiß sind,
der schon beim bloßen Anblick mag entsprücken –
so wurde ich, als ich die Worte rein sind.
Doch Scham, die den Diener vor dem Herrn bewahrt,
machte mich stark, wie es die Helden sind.
Ich setzte mich auf den Rücken, der dort starrt.
„Umfass mich mit den Armen!“, wollt’ ich sagen,
doch die Stimme fehlte mir, in der Art.
Aber er, der mich oft gerettet in den Tagen,
hob mich hoch, als ich mich fest hielt, schwer,
und rief: „Geryon, schwing dich auf, in den Lagen!“
Wie ein Schiff zurücksetzt, im großen Meer,
so stieg er auf, und als er Raum gewann,
drehte er den Schwanz, wie ein Aal, nun her.
Er streckte die Pfoten aus, und hob sich dann,
und ließ sich in die Leere gleiten, frei,
und ich, der Schwindel spürte, am roten Bann.
Ich sah nur noch das Feuer, das dort sei,
an jeder Seite, und hörte nur den Schrei,
der aus dem Abgrund kam, in der Völlerei.
Ich sah den Schrecken, der uns schwebend sei,
wir senkten uns, langsam, in den Kreis der Qual,
und ich spürte den Wind, der wehte, bei der Reih’.
Von rechts hörte ich den Lärm, im Tal,
wie er sich brach am Felsen, im großen Sturz.
Ich streckte die Arme aus, in meiner Wahl,
und sah das Feuer, den Schmerz, der nun kurz
vorbei war. Doch das Zittern nahm mich ein,
da ich nun schwebte, in diesem Schlund, dem Kurz.
Wir schwebten weiter, im dunklen Schein,
er stieg, er senkte sich, und ich sah nur
das Leid, von dem ich nun ein Teil wollt’ sein.
Endlich, am Fuß des Felsens, in der Flur,
setzte er uns ab, und war so schnell verschwunden,
wie ein Pfeil, der die Sehne verlässt, in seiner Spur.
GESANG XVIII
Es gibt einen Ort, den Hölle man nennt, ganz aus Stein,
von Farbe eisern, wie der Fels, der ihn umgibt,
und eine Schlucht, die zieht sich in den Kreis hinein.
Inmitten des Feldes, das so weit sich übt,
klafft tief ein Schacht, mit einer Wand so rund,
deren Bau der Meister, der mich führt, wohl liebt.
Der Grund dazwischen, in dem weiten Rund,
besteht aus zehn Tälern, die sich ringförmig ziehn,
wie Festungsgräben um den Wall, im tiefen Schlund.
Wie man, um die Stadt zu schützen, im Sinn,
gräbt Gräben um die Mauern, für den Schutz,
so war es hier, wo die Geister nun entfliehn.
Vom Rücken des Monsters, ohne Schmutz,
stieg Geryon herab, und ließ uns dort am Rand,
mein Meister ging links, ich folgte in den Trutz.
Rechts sah ich Neues, in diesem dunklen Land,
neue Qualen und Peiniger, voll Hass,
die in der ersten Bolgia sich verbrannt.
Nackte Sünder in der Tiefe, in dem Gras,
sie kamen uns entgegen, in der Mitte,
auf der anderen Seite, in dem harten Maß.
Wie Römer, die zur Zeit des Jubiläums, in der Sitte,
wegen der Menge den Übergang bestreiten,
die eine Schar zum Schloss, mit leisem Tritte,
die andere zum Petersdom, um zu verbreiten
ihr Gebet. – Auf beiden Seiten, an dem Stein,
sah ich Teufel, die mit Peitschen dort geleiten.
Wie sie die Sünder trafen, in dem Bein,
und sie antrieben, mit einem scharfen Hieb,
keiner wagte den langsamen Schritt zu sein.
Ich sah einen Geist, den ich kannte, im Trieb,
und rief: „Dich hab ich doch schon mal gesehen!“
Er senkte den Blick, als ob er es nicht liebt.
„Was bringt dich hierher, in dieses Wehen?“,
fragte er, doch der Teufel schlug ihn schon:
„Geh weiter, Kuppler, hier gibt’s nichts zu verstehen!“
Ich ging weiter, zu einer Brücke im Lohn,
trat auf den Stein, der über den Abgrund ragt,
und sah die anderen, in ihrem Ton.
Die Schar, die sich am anderen Ufer wagt,
die wurde auch von den Teufeln nun getrieben,
und meine Frage wurde dort vertagt.
„Wer ist der dort?“, fragte ich, ohne Üben,
und der Meister sprach: „Das ist Jason, der Große,
der durch Mut und List die Schafe hat vertrieben.“
Er führte die Kolchier in die blühende Schoße,
nachdem er Medea verführt, im falschen Spiel,
und ihr die Treue brach, in der Pose.
Er ließ sie dort zurück, mit ihrem Ziel,
und darum wird er in der Grube nun gepeinigt,
und solche, die ihm folgen, in dem Stil.
Doch lass uns gehn, wo der Graben sich vereinigt,
mit dem andern, und die Mauer uns nun trägt,
wo die Brücke über die nächste Grube sich reinigt.
Wir kamen dort an, wo man die Sünder schlägt,
die in der zweiten Grube nun verweilen,
sie waren in Exkrementen, die sich regt.
Ich sah einen Kopf, der war so voll von Teilen,
von Schmutz, dass man nicht sah, ob er ein Laie
oder ein Kleriker war, in seinen Meilen.
„Warum starrst du auf mich, in dieser Reihe?“,
schrie er mich an, „Ich bin Thais, die Hure,
die ihrem Liebsten sagte, als er fragte: ‚Freie?‘“
„Ja, überaus“, antwortete sie, in der Sture,
und nun muss ich hier bleiben, in dem Gestank,
für meine Schmeichelei, in der ewigen Tour.“
„Schau nur“, sprach der Meister, in dem Dank,
„dass du den Blick noch etwas weiter schweifen lässt,
damit du siehst, wie sie dort hängen, krank.“
Ich sah sie dort, in ihrem dunklen Nest,
mit Kot bedeckt, die aus dem Abgrund trieben,
und ich verließ den Ort, zum nächsten Fest.
GESANG XIX
O Simon Magus, du und deine Schar,
die ihr des Herrn Gebote, die so heilig,
aus Habgier raubtet, als sie göttlich war –
euch muss die Posaune nun erschallen, eilig,
denn in der dritten Bolgia seid ihr nun,
in einer Grube, die sich zeigt ganz greilig!
Wir waren schon am Rand, im stillen Tun,
auf jener Brücke, die den Graben quert,
die genau über der Mitte will nun ruhn.
O göttliche Weisheit, wie du alles lehrst!
Wie du die Erde, den Himmel und die Welt
mit Ordnung und mit Gerechtigkeit verzehrst!
Ich sah an den Seiten, wie es sich erhellt,
den Boden voll von Löchern, rund und klein,
aus Stein, der grau und nicht zu groß sich stellt.
Sie waren genau so breit und auch so fein,
wie jene in meinem schönen Johannis-Taufbecken,
wo man die Priester tauft, in Gottes Schein.
Eines davon musste ich dereinst erwecken,
als ein Kind drin ertrank – dies sag ich klar,
um jeden Irrtum nun vor euch zu schrecken.
Aus jedem Loch ragte ein Fuß, fürwahr,
und Beine bis zur Wade, aus dem Schlund,
der Rest blieb drinnen, in der dunklen Schar.
Die Sohlen brannten, rot und kugelrund,
dass Gelenke zuckten, wie mit starker Macht,
und jedes Band riss auf, im Feuerbund.
Wie Öl an Leder brennt, in dunkler Nacht,
so lief das Feuer an den Sohlen hin,
die von der Ferse bis zum Zeh man bracht’.
„Wer ist der Geist, der sich mit solchem Sinn
so quält, und heftiger zuckt als die anderen hier?“,
sprach ich, „mit roter Flamme, in seinem Gewinn?“
„Wenn du willst, dass ich dich trage, sag’s mir,
dorthin, wo wir ihn fragen können, fein,
und er selbst sagt, wer er ist, in seinem Gier.“
Ich antwortete: „Was du willst, ist mein;
du bist mein Meister, du weißt, was ich begehr,
und was nicht ausgesprochen ist, im Schein.“
Wir kamen auf die vierte Brücke her,
wandten uns links und stiegen in den Grund,
der eng und voller Löcher war, so schwer.
Der gute Meister ließ mich nicht, im Stund,
vom Rücken, bis ich an das Loch nun kam,
des Geistes, der so weinte, in seinem Pfund.
„O wer du auch bist, der du, in seinem Gram,
mit dem Kopf nach unten, wie ein Pfahl,
so steckst – rede, wenn du kannst, im Scham!“
Ich stand dort, wie der Priester, der den Strahl
des Beichtvaters hört, an dessen Stelle steht,
während der Mörder wartet auf die Qual.
Er rief: „Stehst du schon da, wo das Schicksal weht?
Stehst du da, Bonifatius? Die Schrift hat gelogen!
Die Zeit, die dir der Geist schon angefleht?
Bist du schon satt des Gutes, das bei Bogen
dich listig lockte, und die schöne Frau
hast du durch Schande dann ins Grab gezogen?“
Ich stand da, wie einer, der vor Schau
nicht weiß, was er antworten soll, verwirrt,
von dem, was er hört, im dunklen Bau.
Doch Vergil rief: „Sag ihm schnell, dass es irrt!
Ich bin nicht der, den du hier meinst zu sein!“
Und ich antwortete, wie der Geist nun schnirrt.
Die Füße zuckten, aus dem tiefen Schrein,
und er sprach seufzend: „Was willst du dann noch hier?
Wenn du den Namen wissen willst, mein Schein:
Ich war ein Papst, mit einer stolzen Zier,
und ein Sohn der Bärin, so gierig in der Tat,
dass ich die Welpen stopfte, in dem Revier.
Ich zog die Schätze, in den engen Pfad,
hier in den Beutel, mich selbst in den Schlund,
wie der Bär, der frisst, in seinem Rat.
Unter meinen Füßen sind die andern rund,
die vor mir Simonie trieben, in der Not,
gequetscht in die Spalten, im steinigen Grund.
Auch ich werde sinken, wenn der Tod
den anderen bringt, den du für mich hieltest,
als ich die Frage stellte, in der Not.
Doch länger ist mein Fuß schon, den du heiltest,
und länger stehe ich hier, im roten Brand,
als jener, der aus Westen kommt, wenn du verweiltest.
Denn er wird kommen, ein Pfaffe ohne Band,
vom Gesetz, noch schändlicher, als man es kennt,
der uns beide deckt, mit seiner Hand.
Ein neuer Jason wird er sein, wie man nennt,
der sich den König kauft, wie jener einst,
der den Gott des Landes, in seinem Stolz, verbrennt.“
Vielleicht war ich zu kühn, da ich vereinst
ihm diese Worte gab, in der Entrüstung:
„Sag mir, wie viel Gold Gott bei Petrus einst
verlangte, als er ihm die Schlüssel zur Erlösung
gab? Er sagte sicher nicht: ‚Folge mir!‘
Er nahm nur: ‚Silber und Gold, das ist die Lösung.‘
Kein Geld nahm Petrus, noch Matthias, hier,
als sie den Platz des Verräters sich erwählten.
So bleib hier, denn du hast gelitten, in der Gier!
Du hast die Kirche geschändet, und die Welt bestohlen,
durch Götzenanbetung, die du hast gepflegt,
während die anderen sich im Reichtum suhlen!“
Ob er mich ob dieser Worte hat bewegt,
indem er die Füße wild in die Luft nun schlug,
weiß ich nicht, doch sein Zorn sich dort nun regt.
Mein Meister war zufrieden, im Zug,
und sah mich an, mit lächelndem Gesicht,
als er das Wort hörte, das aus Wahrheit schlug.
Er nahm mich dann, mit seiner Kraft, ins Licht,
und trug mich über die Brücke, auf die Seite,
wo der Weg hinab zur nächsten Grube bricht.
GESANG XX
Von neuer Qual muss ich nun Verse schreiben,
und das Material für den zwanzigsten Gesang,
um den zehnten Graben in Worten zu beschreiben.
Ich stand bereit, mit Blick und mit Gesang,
in die Tiefe zu sehen, die in Tränen badet,
und sah Leute kommen, im langsamen Gang.
Sie schwiegen alle, und das Weinen schadet,
sie kamen durch das Tal, in ihrem Schritt,
wie Prozessionen, die die Kirche beladet.
Als mein Blick sie traf, so nahm ich mit,
dass jeder von ihnen, vom Kinn zur Brust,
nach hinten gedreht war, in seinem Schnitt.
Das Gesicht war am Rücken, in der Lust,
des Gehens gehindert, sie mussten rückwärts sehn,
da sie nicht vorwärts schauen konnten, voller Wust.
Vielleicht hat Lähmung, die in den Gliedern muss,
einen Menschen so völlig verkehrrt gemacht,
doch ich sah es nie, in meinem Lebensfluss.
O Leser, so wahr Gott dir das Wissen lacht,
verstehe, wie ich mein Antlitz trocken hielt,
als ich das Bild sah, das das Leid gebracht!
Die Tränen, die aus den Augen das Auge quält,
flossen am Rücken hinunter, bis zur Spalte,
wo der Körper sich in die Pein nun wählt.
Ich weinte, gelehnt an die Felsengestalte,
mein Führer sprach: „Bist auch du, wie die Toren?
Hier lebt das Mitleid, wo das Urteil walte.“
„Wer ist noch frevelhafter, im Verloren,
als der, der Gottes Urteil will beugen,
in diesem Abgrund, in dem Leid geboren?“
„Heb das Haupt, und schau, die sie beugen,
die Erde bebte, als man ihn begrub,
die Griechen riefen: ‚Wo gehst du, Manto, mit den Zeugen?‘“
Er war Manto, die durch die Welt sich trug,
und blieb in meinem Land, wo ich geboren,
drum hör mir zu, wie ich die Wahrheit schlug.
Als ihre Mutter aus diesem Leben verloren,
und Bacchus’ Stadt in Knechtschaft lag,
wurde sie durch die Länder, in dem Zor’n, erkoren.
In Italien, im Land, das zum Meer hin schlag,
liegt ein See, Benaco, zu Füßen der Berge,
die Deutschland von Italien trennen, am Tag.
Tausend Quellen entspringen, in der Zwerge
Reich, in Camonica, in Appennin und in Gardasee,
wo das Wasser sich sammelt, in der Stärke.
An der tiefsten Stelle, wo das Land bei’m See
sich trifft, baute sie ihre Wohnung auf,
und dort lebte sie, fern von dem Leid und Weh.
Sie wählte den Ort, ohne Segen, im Lauf,
und begrub dort ihre Knochen, in der Erde,
die Manto, die später Mantua trug zum Kauf.
Dort siedelten Menschen, die in der Gebärde
des Ortes lebten, und die Stadt benannten,
nach ihr, der Wahrsagerin, in ihrer Herd’.
Doch nun, da ich sehe, wie sie sich nannten,
hör mir zu, wer hier noch in Qualen ist,
und warum ihre Namen sich dort verbrannten.
„Siehst du den dort, dessen Bart sich frisst,
über die Schulter, in dem Rückenraum?
Er war ein Augur, als Griechenland vergisst,
und Männer verließ, in dem großen Traum,
nur Greise blieben zurück, in Aulis,
er gab das Zeichen, in dem Schicksalsbaum.
Eurypylus hieß er, in dem dunklen Stalis,
und mein Trauerspiel besingt ihn, in der Tat,
wie du weißt, der du kennst meinen Kreis, in der Palis.“
„Und der andere, der so dünn ist, in dem Rat,
war Michael Scot, der die Künste verstand,
der Zauber und List zu seinem Zwecke hat.“
Schau Guido Bonatti, und schau in das Land,
Asdente, der wünscht, er hätte Leder noch,
doch bereut es nun, in der ewigen Wand.
Schau die Weiber, die Nadel und Spindel noch
verließen, um Wahrsagung zu betreiben,
sie wirkten Zauber, in dem dunklen Loch.
Doch komm, denn Kain steht mit Dornen im Scheiben,
an der Grenze der Hemisphären, am Meer,
und die Sonne geht unter, in den hellen Leibern.
Gestern Nacht war der Mond voll, im Heer,
erinnere dich, er half dir im Wald,
in der Dunkelheit, in dem Tal so schwer.“
So sprach er, und wir gingen, in der Gestalt.
GESANG XXI
So sprachen wir von Brücke zu Brücke, weit,
von Dingen, die mein Lied nicht weiter preist;
wir kamen an, wo die nächste Grube schreit.
Wir hielten inne, um zu sehn, wer weist
den Weg im nächsten Tal, in der Malebolge,
die voller Tränen war, die der Schmerz verbeißt.
Es schien ein Pech, das siedend in der Folge
dort glänzte, in einer klebrigen, dunklen Flut,
die an den Rändern klebte, in der Molke.
Wie in Venedig, in der Werft mit Mut,
das zähe Pech im Winter man nun kocht,
um die Schiffe zu dichten, die in der Wut
des Meeres litten, und die man dort pocht,
sie hämmern neue Spanten, flicken das Kiel,
das durch das Fahren nun zu Bruch ist gekocht:
So kochte dort, durch göttliches Gefühl,
ein dickes Pech, das jeden Rand bedeckte,
und klebrig war, in seinem zähen Spiel.
Ich sah es wohl, doch sah ich nichts, was schmeckte,
als nur die Blasen, die der Dampf dort trieb,
und wie der Schlund sich in der Tiefe reckte.
Während ich starrte, in dem dunklen Trieb,
rief mein Begleiter: „Hüte dich, nimm acht!“
Und zog mich zu sich, als die Gefahr dort blieb.
Ich wandte mich, wie einer, der erwacht,
und sehen will, was ihn zum Fliehen drängt,
und der durch Furcht an Ort und Stelle kracht.
Ich sah einen Teufel, der im Sturze hängt,
schwarz und entsetzlich, laufend auf dem Stein,
der seine Flügel weit im Fluge sprengt.
Sein Fuß war spitz, er sah die Brücke ein,
und rief: „O Malebranche, hier ist einer
der Ältesten von Lucca, komm herein!
Tauch ihn ins Pech! Ich hole noch einen feiner
vom Land, das voll ist davon, bis auf Bonturo!
Dort sind alle Bestechliche, kein reiner!“
Er schleuderte den Sünder, wie ein Furo,
und wandte sich, wie ein Hund, der die Beute hetzt,
und rannte los, in seinem dunklen Schiro.
Der Sünder tauchte ein, und war nun letzt,
die Teufel riefen von der Brücke laut:
„Hier tanzt man nicht wie im Serchio-Netz!
Hier bleibt man unten, unter der Haut der Haut,
tauch nicht hervor, wenn du kannst, in der Flut!“
Dann stachen sie ihn, als sie ihn wohl erschaut:
„Hier musst du tanzen, ohne die alte Wut,
stehl so viel du kannst, im geheimen Spiel!“
Sie trafen ihn mit hundert Haken – gut.
Mein Meister sprach: „Versteck dich nun im Stil,
hinter einem Fels, dass man dich nicht erspäht,
damit du sicher bist, in diesem Ziel.
Egal, was man mir antut, was geschieht,
bleib du hier, denn ich kenne ihre List,
ich hab das schon erlebt, im alten Lied.“
Er ging und trat an die Brücke, die dort ist,
und als er am sechsten Damm nun ankam,
musste er zeigen, dass er mutig ist.
Mit dem Zorn, mit dem man aus dem Loch sich nahm,
kamen die Teufel, mit gefletschten Zähnen,
und riefen: „Bleib!“, in ihrem wilden Gram.
„Keiner von euch soll sich hier nun lehnen!“,
sprach mein Lehrer, „Bevor ihr mich stecht,
soll einer von euch das Wort hier dehnen.“
„Lass Malacoda kommen!“, riefen sie schlecht.
Einer kam vor, und fragte: „Was ist der Sinn?“,
„Glaubst du, Malacoda, dass ich, so recht,
hierher kam, ohne Gottes Willen, mit Gewinn?“,
sprach mein Meister, „Ohne das Schicksal, das mich leitet?
Lass uns passieren, denn Gott will es hin!“
Da fiel sein Haken, der ihn dort begleitet,
und er rief den andern: „Verletzt ihn nicht!“,
mein Führer rief zu mir, der dort im Dunkel weitet:
„Du, der du kauerst, hinter dem Stein im Licht,
komm schnell zu mir!“, und ich trat vor den Damm,
die Teufel stürmten vor, in ihrem Bericht.
Ich fürchtete mich, wie die Soldaten im Gramm,
als sie Caprona verließen, mit dem Abzug,
und sahen die Feinde, im wilden Stamm.
Ich schmiegte mich an den Meister, im Anzug,
und schaute auf ihr Gesicht, das nicht gut war,
sie riefen: „Soll ich ihn stechen, beim Flug?“
„Halt ein!“, sagten sie, wie es bei ihnen war.
Der Teufel, der mit dem Meister sprach, der wusste:
„Das reicht jetzt, lass den Haken, sei nicht rar!“
Er sprach zu uns: „Kein Pfad führt durch die Kruste,
die Brücke brach im sechsten Tal – das ist wahr!
Doch wenn ihr wollt, dass ihr hier weiter musstet,
so geht am Damm entlang, in dieser Schar,
denn eine andere Brücke ist ganz nah,
vor fünf Stunden, wie es bei uns nun war,
vor tausendzweihundertsechsundsechzig Jahr,
brach dieser Pfad – ich sende meine Leute
mit euch, sie schauen, ob man aus dem Sumpf gebar.“
„Geh Alichino, Calcabrina, in der Beute,
und Cagnazzo! Barbariccia führt das Heer,
Libicocco, Draghinazzo, in der Leute!
Ciriatto der Zahnschweiner, in dem Meer,
Graffiacane, Farfarello, Rubicante,
sucht nach dem Pech, im Sumpf, hin und her!“
„Ich werde gehen!“, rief ich, „Doch der Kant’,
wer beschützt mich?“, doch mein Meister sprach:
„Vertrau nur auf den Teufel, in dem Stand.“
Sie begannen zu gehen, im dunklen Dach,
und der Teufel machte ein Geräusch mit dem Hintern,
das klang, wie eine Trompete, in der Sach.
GESANG XXII
Ich sah schon Reiter aufbrechen, zum Schein,
und Scharen marschieren, im Feld, im Gefecht,
und manchmal fliehen, bei Gefahr und Pein.
Ich sah Streifzüge, in der Schlacht im Recht,
und Turniere, bei Glocken und Trompeten-Schall,
bei Trommeln und Signalen, für das Geschlecht –
doch solch ein Signal, in diesem dunklen Fall,
hab ich noch nie gehört, weder zu Land noch See,
bei einer Pfeife, die erschallt im Hall.
Wir gingen mit den Teufeln, im Gehe,
o Grauen! – mit den Heiligen in der Kirch’,
mit den Narren in der Kneipe, im Wehe!
Die Augen waren auf das Pech gerichtet, wirch,
um jeden Sünder zu sehen, der dort schwamm,
der sich im Sumpf, wie ein Fisch, in Qualen schlicht.
Wie Delfine, wenn sie mit dem Rücken am Stamm
des Schiffes warnen, dass man segeln soll,
so sah ich einen, der im Pech im Gram
sich kurz erhob, um zu entkommen voll,
doch schnell wieder abtauchte, wie ein Blitz.
Wie Frösche, die am Rand im Wasser scholl,
und wenn die Schlange kommt, im schnellen Sitz,
so tauchen sie unter, in den Schlamm hinein –
so sah ich Graffiacane, in seinem Witz,
einen Geist packen, bei den Haaren fein,
und ihn hochziehen, wie einen Otter am Fang,
er schrie: „Das ist ein Italiener, im Schein!“
Ich wusste seinen Namen, in dem Drang:
„Rubicante, nimm ihn mit deinem Haken,
schind ihm die Haut, in diesem schweren Gang!“
„O Meister“, sprach ich, „kannst du nicht bekaken
den Namen dieses Unglücklichen hier,
der in die Hände der Feinde kam, mit Laken?“
Mein Führer trat zum Teufel, in der Gier,
und fragte, wer er sei, in seinem Lauf.
„Ich bin aus Navarra“, sprach er, „in der Zier,
meine Mutter gab mich einem Herrn zum Kauf,
sie war eine arme Frau, mein Vater ein Sünder,
ich diente im Hause eines Königs, im Hauf.“
„Ich war ein Bestechlicher, wie diese Finder,
hier büße ich das, in diesem kochenden Brei.“
Ciriatto, der aus dem Maul, wie ein Zylinder,
zwei Zähne hatte, wie ein Eber, frei,
stach ihn, und er schrie vor großem Schmerz.
„Geht weg“, rief Barbariccia, in der Reih’,
„Er gehört mir!“, und fasste ihn, beim Herz,
mit seinem Arm, und sprach zu unsrer Schar:
„Fragt ihn noch mehr, bevor er wird zum Scherz!“
„Sag uns“, begann mein Meister, „was für eine Bar
ist dort bei dir, sind dort Latiner in der Not?“
„Ich sprach gerade mit einem, der dort war,
der lebte dort, wo Italien bricht das Brot,
ich wünschte, ich wäre noch bei ihm im Pech,
da fürchtete ich keinen Haken, noch den Tod.“
Libicocco rief: „Das ist zu viel, beim Blech!“,
und riss ihm den Arm, mit dem Haken auf.
Draghignazzo wollte in die Beine, im Pech,
doch ihr Anführer drehte sich, im Lauf,
und schaute sie an, mit drohendem Blick.
Als sie sich beruhigten, nach dem Kauf,
fragte mein Meister: „Wer war der, beim Glück,
von dem du sagst, du seist von ihm gegangen?“
„Es war Frate Gomita“, mit dem Strick,
„der aus Gallura, voll von Betrug und Bangen,
der die Feinde seines Herrn im Gefängnis hielt,
er nahm ihr Geld, und hat sie nicht empfangen,
er hat sie frei gelassen, wie man spielt,
und andere Dinge tat er, in der Nacht.
Michel Zanche ist bei ihm, wie es zielt.“
Farfarello wollte ihn stechen, mit Macht,
doch der Anführer rief: „Zurück, du böser Geist!“
„Wenn ihr sehen wollt“, sprach der Geist mit Pracht,
„Tuskener oder Lombarden, wie sie beißt,
so bringe ich sie euch, in kurzer Zeit!
Doch die Malebranche sollen sich verstecken, weist
sie an, dann hole ich sie, in Einigkeit,
ich werde pfeifen, wie wir es hier nun tun,
wenn einer von uns auftaucht, in der Breite.“
Cagnazzo schüttelte den Kopf, in seinem Nun,
und sprach: „Hör auf mit dieser List, im Schlund!“
„Bin ich ein Lügner?“, sprach er, „In meinem Tun
werde ich nur mehr Schmerzen haben, im Grund.“
Alichino konnte sich nicht halten, im Kreis,
„Wenn du springst, folge ich dir, in dem Pfund!“
Er dachte, der Geist wolle entkommen, beim Preis.
Der Geist, der seine List wohl kannte, im Lauf,
sprang in das Pech, und machte sich nun heiß,
die Teufel waren empört, und sahen ihm nach, zuhauf,
besonders jener, der ihn ließ entfliehen.
„Du fliegst!“, riefen sie, doch er war auf –
der Teufel schlug mit den Flügeln, um ihn zu ziehen,
doch das Pech war zu zäh, er konnte nicht mehr.
Der andere tauchte ab, in den Linien der Lieben.
Der Teufel flog zurück, im leeren Meer,
wie eine Ente, die untertaucht, in der Not,
und der Jäger kehrt zurück, ohne Beute, schwer.
Calcabrina war wütend, in dem Brot,
und flog hinter ihm, in einem Streit,
er wollte, dass der andere stürzt in den Tod.
Als der Sünder weg war, in der Ewigkeit,
kamen sie zusammen, im Pech und im Zorn,
der eine hatte den Haken, in der Breite.
Der andere war wie ein Falke, im Born,
sie fielen beide ins kochende Pech hinein,
die Hitze war für sie, wie ein Dorn.
Der Dampf trennte sie, sie waren klein,
sie konnten nicht mehr fliegen, in der Not,
so mussten sie dort bleiben, im Pechstein.
Barbariccia, der wütend war im Gebot,
ließ vier von ihnen fliegen, mit den Haken,
sie stießen von allen Seiten, in den Kot.
Wir ließen sie dort, in ihren Plagen und Magen,
und gingen weiter, allein auf dem Pfad,
die Teufel in ihrem Streit, in den Tagen.
GESANG XXIII
Wir gingen schweigend, einer nach dem andern,
wie Minoriten, die zu Fuß nun ziehn,
als sie in ihren Wegen einsam wandern.
Der Streit der Teufel kam uns in den Sinn,
wie Äsops Fabel von der Maus und Frosch,
denn „hier“ und „dort“ sind gleich im Ende drin.
Denn wie das Wort den Sinn nicht ganz versproch,
so folgt ein Ende auf den Anfang klar,
wie man im Geist das Ganze wohl besoch.
Wie aus dem einen Zweig das andere war,
so wuchs aus jenem Streit ein neuer Zorn,
der mich erschreckte, als ich’s endlich sah.
Die bösen Geister, wie sie nun im Born
des Pechs sich stritten, flogen hinter uns,
wie Vögel, die man jagt im wüsten Dorn.
Mein Meister nahm mich, in des Schicksals Glanz,
und trug mich, wie die Mutter, die erwacht
bei Brandgeruch, und in des Kindes Tanz
es rettet und nicht auf ihr Leben achtet,
so stieg er, an der steilen Böschung fort,
wo das Wasser des nächsten Grabens kracht.
Nie floss das Wasser schneller, wie ein Hort,
in einer Mühle, wo die Räder gehn,
als wir nun glitten an dem Felsen dort.
Der Meister hielt mich, in des Pfades Höhn,
wie einen Sohn, nicht wie ein Diener nun,
und sprach: „Ich seh die Malebranche stehn!
Sie sind voll Zorn, ich hör sie schon im Tun,
sie sind schon hinter uns, ich spür sie sehr!
Lass uns zum andern Damm, wo wir nun ruhn.“
Noch sprach er nicht, als ich mit Angst und Ehr
die Flügel hörte, und die Teufel kamen,
die uns verfolgten, wie ein schweres Heer.
Mein Meister griff mich, und aus jenen Namen
des Zorns entflohen wir, den Hang hinab,
wo die Heuchler in ihren Mänteln kamen.
Sie waren langsam, in dem Grab, im Grab,
sie trugen goldne Mäntel, außen schön,
doch innen Blei, das ihnen jede Kraft nun ab-
nahm, wie Friedrichs Mäntel in der Höhn.
O ewige Last! Wir gingen mit der Schar,
die unter ihrer Bürde musste gehn.
Da rief einer: „Florentiner, der du warst, fürwahr,
unter den Heuchlern, sag uns, wer du bist!“
„Ich bin in Florenz geboren“, in der Gefahr.
„Doch wer seid ihr, die unter dieser List
der Blei-Mäntel nun die Tränen gießen?
Welcher Schmerz ist das, der euer Herz nun frisst?“
Einer sprach: „Die Mäntel sind aus Blei, die fließen
so schwer, dass wir nun stöhnen unter’m Druck,
wir waren Mönche, die das Gold genießen.
Ich war Catalano, er Loderingo, im Puck,
aus Bologna, von deiner Stadt gewählt,
wie man sonst einen Einzigen nimmt zum Schmuck.“
Ich begann: „O Brüder, euer Leid ist...“,
doch sah ich einen, der am Boden lag,
an drei Pfählen, die das Kreuz nun wählt.
Als er mich sah, bebte er am Tag,
und blies durch seinen Bart die Luft hinaus.
Frate Catalano sprach, in seiner Klag:
„Das ist der, der die Juden im Kuss nun aus-
lieferte, und der die Pharisäer riet,
dass einer sterbe für das Volk im Haus.“
Er lag dort nackt, am Boden, wie man sieht,
von allen andern im Weg zertreten nun.
So war das Leid, das ihn im Tode zieht.
Auch sein Schwiegervater, in seinem Tun,
lag dort im Kreis, wie alle andern auch,
die für die Bosheit mussten ewig ruhn.
Ich sah Vergil, der staunte, in dem Hauch,
über den Geist, der so am Kreuze litt,
im ewigen Feuer, im ewigen Rauch.
Er fragte: „Sagt uns, wenn es nicht verbitt,
ob rechts ein Ausgang ist, wo wir nun gehn,
ohne dass wir brauchen der Teufel Schritt.“
„Es ist ein Stein, der bricht, in diesen Höhn“,
sprach der Mönch, „vom großen Wall, der hier nun bricht,
doch hier ist die Brücke auch am Boden schon.“
„Die Teufel stiegen ab, bei diesem Licht,
doch hier ist sie zerbrochen, schau hinab!“
Mein Meister blickte, mit verzog’nem Gesicht.
„Der, der die Sünden mit dem Haken gab,
erklärte uns den Weg nur falsch, im Schein!“,
sprach er, und schaute, wo der Pfad uns ab-
begleitete, in den Graben, in den Pein.
„Der Teufel lügt!“, sprach der Mönch mit List,
„er ist ein Mörder, das wird wohl nun sein.“
Mein Meister schritt mit großen Schritten, wie er ist,
voller Zorn, und ich folgte seinem Lauf,
bis wir am Ufer waren, wo das Licht erlischt.
GESANG XXIV
In jener Zeit, wenn das Jahr sich neigt zum Frost,
und die Sonne unter dem Wassermann den Lauf vollendet,
und der Tag dem Abend schon den Frost als Gast erlost,
wenn der Hirt den Stab im Felde sieht, der endet,
und nicht weiß, was er dem Vieh zu essen gibt,
und zur Hütte geht, wo er den Schlaf vollendet;
wenn er erwacht und die Wiese weiß sieht, geliebt
vom Reif, den er für Schnee hält in der Nacht,
und sich schlägt, wie der, der die Hoffnung trübt,
dann geht er hinaus, und sieht, wie die Pracht
des Grases wieder den Kopf erhebt im Licht,
und er nimmt seinen Stab und treibt die Lacht –
so war mein Meister, als ich sah das Gesicht
der Verwirrung, doch er half mir schnell,
wie ein Arzt, der das Leiden bricht.
Denn als wir kamen zum zerstörten Stell’,
da reichte er mir die Hand, und half mir hin,
über den Felsen, in den Abgrund, hell.
Er suchte einen weiteren Stein, mit Sinn:
„Fass nun auf jenen, doch prüfe vorher wohl,
ob er dich trägt, mit Kraft in deinem Kinn.“
Es war kein Pfad für den, der in der Kohle
der Hölle lebte; wir waren schwer beladen,
ich kam kaum mit, im steilen, steinigen Tole.
Hätte ich nicht die Hilfe, in den Pfaden,
wäre ich wohl gestürzt, doch wir kamen an,
bis wir am obersten Punkt den Blick nun laden.
Mein Atem war so schwer, in meinem Bann,
dass ich mich setzte, als wir oben waren.
„Nun musst du ablegen die Trägheit, in dem Plan!“,
sprach der Meister, „denn auf Federn, in den Scharen,
kommt man nicht zum Ruhm, noch unter Decken,
wer sein Leben führt, ohne das Werk zu wahren.
Steh auf! Den Atem musst du nun erwecken,
denn der Geist besiegt den Körper, in der Not,
wenn er nicht sinkt, im Schlaf der dunklen Flecken.
Ein langer Weg wartet noch, in diesem Kot,
noch höher musst du steigen, über die Stufen!“
Ich stand auf, und gab vor, als sei ich im Lot.
„Ich bin bereit“, sprach ich, „mit neuen Rufen.“
Wir gingen den Felsweg weiter, schmal und schwer,
und stiegen höher, wo die Schatten rufen.
Ich sprach, um zu verbergen, dass ich war leer,
als plötzlich aus dem Schlund ein Ton erklang,
ein Wort, das keinen Sinn ergab im Meer.
Ich weiß nicht, was er sagte, in dem Gang,
doch er schien zornig; ich schaute nach unten hin,
doch aus der Tiefe kam kein klarer Klang.
Ich war verwirrt, ich hatte keinen Sinn,
als ich in den Graben schaute, in die Qual,
da sah ich Schlangen, ohne Zahl und Min.
O Gott, die Farben! Ich erzittere im Tal,
wenn ich daran denke, an jene Art,
von der die Libyen noch heute spricht, in ihrer Wahl.
Hier war sie, doch sie war nicht, wie man spart,
mit Gift und Viper, doch mit solch einer Gier,
dass ich die Flucht ergriff, in der Start.
Die Sünder rannten nackt, ohne Rüstung, hier,
ohne Hoffnung auf ein Loch, um sich zu verstecken,
mit Schlangen, die sie banden, in ihrer Zier.
Die Schwänze waren durch die Lenden, in den Flecken,
vorne geknotet, und sie bissen in den Rücken,
mit giftigen Zähnen, um das Leid zu wecken.
Da sah ich einen, der vor Schreck im Zucken
lag, und eine Schlange stach ihn in den Hals,
er brannte zu Asche, in den Schicksalsstücken!
Er fiel zu Boden, wie ein Baum des Schalls,
von Blitz getroffen, und aus der Asche, in der Not,
formte er sich neu, in des Todes Falls.
„Wer bist du?“, fragte mein Meister, in dem Lot,
„Wie bist du hierher gekommen, in das Pech?“
„Ich war ein Dieb“, sprach er, „in meiner Not,
Vanni Fucci, aus Pistoia, das raue Blech,
ich war ein Tier, das die Kirchen beraubt hat.“
Ich fragte meinen Meister: „Welch
ein Schmerz ist dies, der ihn so tief begrabt?
Frag ihn nach seinem Namen, und seiner Tat,
ich sah ihn bluten, als die Strafe ihn labt.“
Der Dieb, der mich hörte, in seinem Rat,
wandte sich nicht ab, doch schaute mich an,
mit Scham in seinem Gesicht, wie es der Verrat
immer tut; er sprach: „Dass du mich siehst, im Bann,
schmerzt mich mehr, als dass ich den Diebstahl tat.
Doch weil du fragst, so hör, wie ich gewann:
Ich bin Vanni Fucci, das schlimme Saat,
aus Pistoia, die Diele, die ich stahl.
Du fragst nach dem Grund, der mich hierher naht?
Ich war ein Maultier, in der dunklen Wahl,
in Pistoia, und nun bin ich ein Tier,
in dieser Hölle, in dieser schwarzen Qual.“
Der Dieb floh, und die Schlange, in der Gier,
umwand ihn, und er schrie, in seinem Schmerz,
und ich sah ihn nicht mehr, in diesem Revier.
GESANG XXV
Als er geendet hatte, hob der Dieb
die Hände hoch, mit beiden Fäusten, frech:
„Nimm dies, o Gott!“, rief er, in seinem Trieb.
Von da an liebten mich die Schlangen – das Pech –
denn eine schlang sich um seinen Hals, geschwind,
als wollt’ sie sagen: „Schweig!“, in diesem Blech.
Eine andere um die Arme, wie ein Kind,
und band ihn fest, mit Knoten, die sich drehen,
dass er sich nicht bewegen konnte, im Wind.
O Pistoia, Pistoia! Warum nicht untergehen,
in deiner Asche, da deine Brut so böse ist,
dass sie den Schöpfer verachtet, in ihrem Gehen?
Keinen Geist sah ich in Gottes Abgrund, mit List,
so stolz gegen Gott, nicht einmal jenen,
der einst von den Mauern von Theben gerissen ist.
Er floh, ohne ein Wort zu sagen, in den Tränen;
da sah ich einen Kentaur, voll wildem Zorn,
der rief: „Wo ist der Stolze?“, in seinen Plänen.
Ich glaube, Maremma hat nicht so viele im Born,
wie Schlangen er auf dem Rücken trug, bis zum Rand,
dort, wo der menschliche Körper wird zum Dorn.
Auf seinen Schultern, in der Hand der Wand,
saß ein Drache mit offenen Flügeln, der entflammt,
und jeden verbrennt, der ihm kommt in den Stand.
„Das ist Cacus“, sprach mein Meister, der verdammt,
„der unter dem Berg Aventin so oft
einen See von Blut schuf, der den Dieb erlahmt.“
„Er geht nicht den Weg, den seine Brüder erhofft,
wegen des Raubs der Herde, die er stahl,
und dann den Tod fand, in der Schlagschrift gehofft.“
Während er sprach, ging er weiter, in der Wahl,
und drei Geister kamen unter uns daher,
von denen ich nichts wusste, in der Qual.
Doch plötzlich riefen sie: „Wer seid ihr, schwer?“,
wir hielten inne, und hörten auf zu schauen,
sie waren uns bekannt, in diesem Meer.
„Wer seid ihr?“, fragten sie, mit bösem Grauen.
Ich sprach: „Ich bin Dante, aus der Welt der Zeit,
und was ich sah, will ich euch nun bauen.“
Mein Meister hörte, wie sie in Einigkeit
über den einen sprachen, der dort stand,
und wir schauten zu, in der Ewigkeit.
Der eine, Cianfa, der das Unheil fand,
lief auf allen Vieren, auf den Geist zu,
der dort vorne stand, in seinem Gewand.
Er verschmolz mit ihm, wie Wachs in der Ruh,
sie tauschten die Farben, die Form und das Fleisch,
keiner war mehr der, der er war im Nu.
Wie das Papier, das brennt, in seinem Bereich,
und braun wird, bevor es ganz zu Asche brennt,
so wurde der eine dunkel, der andere bleich.
Die zwei andern schauten zu, und wie sie trennt
die Form, riefen sie: „O Agnel, wie du dich biegst!
Du bist nicht eins, und nicht zwei, wie jeder erkennt!“
Die zwei Köpfe wurden zu einem, wie du siegst,
und die Arme wurden zu Schlangen, im Leib,
die Beine und Schenkel, in denen du liegst.
Es wurde ein Wesen, in seinem Zeitvertreib,
doch die Form blieb schrecklich, wie ein Ungeheuer,
kein Mensch mehr, und kein Tier, in seinem Kleib.
Dann sah ich den andern, in seinem Feuer,
Buoso, der sich krümmte, und klein wurde bald,
der erste wuchs, in seinem stolzen Ungeheuer.
Die Schlange blieb stehen, in ihrer Gestalt,
der Mensch wurde zur Schlange, auf dem Boden,
er spie Gift, und sie sprach, in ihrem Halt.
Er wandte den Rücken, in dem bösen Moden,
und lief davon, die Schlange hinter ihm her,
mit zischenden Worten, wie in den Lodern.
Er rief: „Lauf, Buoso, lauf, in dem Meer!“,
so sah ich die Verwandlung, in der Hölle Pein,
o Muse, hilf mir, in dem schweren Heer!
Die andern drei waren Gaule, das soll sein,
und Puccio Sciancato war der, der nicht verging,
in diesem Wechsel, in diesem ewigen Schein.
So änderte sich das Bild, in dem Ring,
und mein Geist war verwirrt, in der Hölle Schlund,
und ich sah nicht mehr, wie das Schicksal uns fing.
Doch jeder erkannte den andern, in dem Grund,
und ich schrieb es nieder, wie ich es sah,
mein Auge war müde, und mein Herz war wund.
GESANG XXVI
Freu dich, Florenz, dass du so groß bist nun,
dass deine Schwingen weit über Land und Meer
sich dehnen, und dein Name wird in Hölle ruhn!
Unter den Dieben fand ich fünf, die schwer
an Schuld beladen, und die mich beschämen,
dass meine Stadt sich rühmt, in ihrem Heer.
Doch wenn der Geist, der kurz vorm Morgen kommen,
die Wahrheit ahnt, so wirst du bald erleben,
was Prato und die andern dir genommen.
Wäre es schon geschehen! Es müsste geben
den Tag, an dem das Unglück dich besucht!
Ich wünschte, es wäre jetzt, in diesem Leben.
Wir stiegen auf, wo wir den Fels gesucht,
auf den Stufen, die wir zuvor herabgestiegen,
mein Meister führte mich, von Gott verflucht.
Wir gingen weiter, durch die Felsen, liegen
muss ich nun, um nicht den Halt zu verlieren,
wo die Füße kaum noch den Pfad bekriegen.
Als wir dort waren, wo die Seelen agieren,
schaute ich hinab, in den Schlund, in die Pein,
und sah Funken, die das Tal nun zieren.
Wie ein Bauer, der am Abend ruht im Schein,
und Glühwürmchen sieht, im Tale, im Feld,
wenn die Mücken den Tag beenden im Sein –
so sah ich den Graben, der sich erhellt,
von Flammen, die sich in der Tiefe bewegen,
wo der Verräter des Rates sich nun gesellt.
Wie Elia, der im Feuerwagen entgegen
dem Himmel fuhr, und die Pferde sich wanden,
so sah ich Flammen, die sich wild bewegen.
Jede Flamme verbarg einen Geist, den sie fanden,
in ihrem Innern, und das Feuer war ihr Gewand,
die Sünder in dem Licht nun schwandten.
Ich stand auf der Brücke, im dunklen Land,
dass ich fast fiel, hätte ich nicht den Stein
gepackt, als ich die Flamme dort erkannt.
„In diesen Flammen sind die Geister klein“,
sprach mein Meister, „jeder in seinem Kleid,
in dem Feuer, das ihn verbrennt, im Schein.“
„Meister“, sprach ich, „du hast mir den Weg bereit’,
doch wer ist in der Flamme, die sich spaltet,
wie jene, die den Körper des Eteokles befreit?“
„Dort drin“, sprach er, „Odysseus sich entfaltet,
mit Diomedes, im gleichen Zorn der Qual,
wie sie den Zorn des Schicksals hier gestaltet.“
„Sie begingen Betrug, mit dem Pferd der Wahl,
das das Tor öffnete, in die Stadt der Troer,
und den Samen der Römer brachte ins Tal.“
„Sie büßen dort den Hinterhalt der Toren,
und die List, mit der sie den Achilles riefen,
und das Palladium, das sie entführt, verloren.“
„Dürfen sie sprechen?“, fragte ich, und triefen
die Worte aus meinem Mund, im Verlangen:
„Lass mich die Flamme hören, in den Tiefen!“
„Deine Bitte ist wert, erhört zu werden, empfangen“,
sprach er, „doch lass du mich sprechen, denn sie
sind Griechen, sie könnten deinen Stolz verlangen.“
Als die Flamme näher kam, in ihrer Geh,
sprach mein Meister: „Ihr zwei, in dem einen Licht,
wenn ich euch diente, in dem Leid und Weh,
wenn ich euch diente, als ich schrieb das Gedicht,
so bleibt ein wenig, und sagt mir, wo ihr
den Tod fandet, in dem Untergang, dem Schicht!“
Das größere Horn der alten Flamme, im Zier,
begann zu zischen, wie ein Feuer im Wind,
und bewegte sich, wie eine Zunge, hier.
Dann kamen Worte aus dem Feuer geschwind:
„Als ich Circe verließ, die mich gefangen hielt,
länger als ein Jahr, in ihrem Haus, als Kind,
konnte weder die Sehnsucht, die mich durchwühlt,
nach meinem Sohn, noch die Liebe zur Frau,
noch die Pflicht des Vaters, die das Herz umspült,
die Leidenschaft löschen, die in mir war im Bau,
die Welt zu erfahren, in ihrer ganzen Pracht,
und den Wert und die Laster der Menschen, im Schau.
Ich fuhr hinaus auf das offene Meer, bei Nacht,
mit nur einem Schiff, und den treuen Gefährten,
die mir geblieben waren, mit ihrer Macht.
Ich sah die Küsten, die mich nun erwehrten,
Spanien, Marokko, Sardinien und das Meer,
und die Inseln, die dort das Wasser verklärten.
Ich und meine Leute waren alt und schwer,
als wir zum engen Durchgang kamen, wo
Herkules die Zeichen setzte, im Meer,
um zu zeigen, dass man nicht weiter solle, wo
Sevilla links blieb, und Ceuta rechts, im Wind.
‚Brüder‘, sprach ich, ‚ihr seid nun ebenso,
durch hundert Gefahren, in dem Geist, geschwind,
so lasst uns die Sonne suchen, im Westen,
die Welt ohne Menschen, die wir bald find’.
Denkt an eure Herkunft, zu den Festen,
ihr wurdet nicht geschaffen, wie Tiere zu leben,
sondern nach Tugend und Wissen, den Resten!‘
Meine Gefährten wurden so kühn in dem Streben,
dass ich sie kaum noch halten konnte, im Lauf,
und wir gaben dem Osten den Rücken, im Beben.
Wir segelten weiter, und die Sterne kamen auf,
in der anderen Welt, und unsere Fahrt war lang,
bis der Berg erschien, im nächtlichen Hauf.
Er war hoch, wie ich noch nie sah im Gang,
und wir freuten uns, doch bald wurde es Leid,
ein Sturm kam auf, der das Schiff nun verschlang.
Drei Mal drehte sich das Schiff, in der Ewigkeit,
beim vierten Mal hob sich das Wasser, das Schlund,
bis es über uns brach, in der großen Weit.
Wie Gott es wollte, in seinem dunklen Grund,
das Meer schloss sich über uns, in der Not,
und mein Leben endete, in diesem Stund.“
GESANG XXVII
Die Flamme war nun ruhig, stand und schwieg,
nachdem sie ihre Botschaft uns verkündet,
und zog davon, wie auch der Dichter stieg,
als plötzlich ein Geräusch, das uns ergründet,
aus ihrer Spitze kam, verworren, schwer,
weil sie die Zunge als Sprachrohr nun entzündet.
Wie jener Stier, der einst mit Zorn und Wehr
den Perillus schrie, der ihn in Erz geschmiedet,
so war der Ton, der aus dem Feuer kam, so leer –
da er sich in des Feuers Form nun gliedert,
wurde das Wort zu menschlichem Gefühl,
das sich in diesem Leid nun langsam wiederliedert.
„O du, dem ich nun meine Worte befehl’,
du, der eben sprachst in der Lombardei:
‚Geh hin, ich frage nicht mehr nach deinem Ziel‘ –
obwohl ich spät kam, in der Schmerzen Rei’,
verzeih, dass ich ein wenig nun verweile,
denn auch das Feuer brennt mich, in der Frei’.
Wenn du aus der Welt der Sünde, in der Eile,
ins dunkle Land nun fielst, sag mir genau:
Hat Frieden oder Krieg in der Romagna, die Geile,
noch ihren Sitz? Ich war ein Mann, ein Bau,
aus den Bergen zwischen Urbino und dem Tal,
aus dem der Tiber entspringt, im dunklen Grau.“
Ich stand noch da, beugte mich in die Wahl,
als mein Lehrer mich berührte an der Seite:
„Sprich du! Er ist ein Italiener in der Qual.“
Und ich, der ich bereit war, in der Weite,
begann sofort: „O Geist, der du dort bist,
Romagna ist nicht ohne Krieg, in ihrem Gleite,
doch war sie nie so offen, wie sie ist,
in ihren Städten, im verborgenen Streit.
Ich verlasse sie, wie du es wohl gewiss vermisst.
Ravenna steht, wie sie seit Jahren bereit,
Polenta hält sie fest, mit seinen Schwingen,
und Cervia ist unter seinem Leid.
Die Stadt, die einst den langen Widerstand bringen
musste, und die Franzosen blutig schlug,
ist wieder unter den grünen Löwen, in den Dingen.
Der alte und der junge Mastiff, im Flug,
die einst Verrucchio beherrschten, mit dem Zahn,
sie nagen wieder, wie es ihr Betrug nun trug.
Die Städte des Lamone und Santerno, im Plan,
führt der kleine Löwe, unter dem Sternbild weiß,
der wechselt den Herrn, von Sommer zu Winter-Wahn.
Und jene Stadt, die an den Savio-Fluss, im Kreis,
die sich dem Fluss hingibt, wie sie sich windet,
lebt zwischen Tyrannei und Freiheit, im Schweiß.
Nun sag uns, wer du bist, das sich entzündet,
sei nicht so hart, wie du es einst wohl warst,
so dass dein Ruhm auf Erden wieder gründet!“
Als die Flamme zischte, wie sie es wohl sah’st,
bewegte sie die Spitze hin und her,
und sprach die Worte, die du nun bewahrst:
„Wenn ich glaubte, dass ich antworte dem Heer,
das je zur Welt zurückkehrt, in dem Licht,
wäre diese Flamme still, in ihrem Begehr.
Doch da niemand aus diesem Abgrund bricht,
und ich die Wahrheit sage, ohne Scham,
fürchte ich den Ruf der Schande nicht.
Ich war ein Mann, der in den Waffen kam,
und wurde ein Cordelier, in der Hoffnung,
dass ich Sühne finde, in meinem Gram.
Und diese Hoffnung wäre auch vollbringung,
hätte der Hohe Priester – ach, der Böse! –
mich nicht zurückgeführt, in die alte Schwingung.
Wie, fragst du? Hör, wie ich die Zeit löse:
Solange ich Fleisch und Knochen hatte, mein Leib,
den meine Mutter mir gab, die Schöne, die Lose,
war mein Handeln nicht wie ein Löwe, ein Weib,
sondern wie ein Fuchs, mit List und mit Tücke,
ich kannte jeden Pfad, in jedem Zeitvertreib.
Doch als ich sah, dass ich auf die Brücke
des Alters trat, wo man die Segel streicht,
und die Taue einholt, in der letzten Lücke,
da bereute ich, was mich zuvor noch gleicht,
und wurde ein Mönch, und es wäre mir wohl,
hätte der Papst nicht die Sünd’ an mich gereicht.
Der Fürst der neuen Pharisäer, im Stolz voll,
führte Krieg beim Lateran, und nicht mit Sarazenen,
nicht mit Juden, die er nicht erreichen soll –
alle seine Feinde waren Christen, in den Tränen,
keiner von ihnen belagerte Akkon,
keiner handelte mit den Feinden, in den Söhnen.
Er achtete nicht auf die Kirche, im Lohn,
noch auf seine heiligen Schlüssel, die er trug,
die einst Konstantin dem Silvester bot, im Ton.
Wie ein Arzt, der den Kranken heilt im Zug,
so rief er mich, um seine Bosheit zu heilen,
und ich schwieg, da seine Rede war ein Betrug.
Er sprach: ‚Lass dein Herz nun nicht enteilen,
ich löse dich vorab, doch du musst lehren,
wie ich Penestrina kann in Stücke teilen.
Ich habe den Himmel, kann ihn schließen und verkehren,
wie du weißt, die zwei Schlüssel, die ich hielt,
die mein Vorgänger nicht wollte so sehr verehren.‘
Seine Worte waren schwer, und ich fühlte, wie er spielt,
und dass Schweigen der größte Schaden wohl wäre,
so sprach ich: ‚Vater, da du mich nun zielst,
von der Sünde, in die ich nun kehre,
so versprich mir, dass du hältst, was du sagst,
denn sonst ist dein Versprechen nur Leere.‘
Dann kam das Angebot, das mich wohl plagt:
‚Ich will die Stadt gewinnen, mit falschem Rat,
denn ich kann den Himmel öffnen, wie du gefragt.‘
Da unterschrieb ich – was blieb mir für ein Pfad?
Der Tod kam, und der schwarze Cherub kam zu mir,
und rief: ‚Nimm ihn nicht, denn er braucht keinen Rat!
Er muss hinab, zu meinen Dienern hier,
denn wer den Rat zur Täuschung gibt, ist mein,
und wer ihn annimmt, ist wie das Tier.
Man kann nicht bereuen, wenn man bleibt im Schein,
die Sünd’ und die Reu’ können nicht bestehen,
wegen des Widerspruchs, der das Sein muss sein.‘
O weh, wie ich erschrak, in diesem Gehen,
als er mich packte und rief: ‚Du wusstest nicht,
dass ich ein Logiker war, in diesem Sehen!‘
Er brachte mich zu Minos, ins helle Licht,
der achtmal seinen Schwanz um sich nun schlug,
und biss sich in das Fleisch, in seinem Gericht.
Er sprach: ‚Dies ist ein Sünder im Betrug,
drum bin ich hier, in diesem Feuer verkleidet,
und wandle mich, in diesem Schmerz-Zug.‘“
Als er seine Rede beendet, die leidet,
zog die Flamme sich wieder zurück, im Zorn,
und die Spitze zitterte, als sie sich scheidet.
Wir gingen weiter, durch den Abgrund im Born,
zu einer anderen Brücke, wo das Schicksal straft,
diejenigen, die säen Zwietracht, mit dem Dorn.
GESANG XXVIII
Wer könnte wohl, mit Worten frei von Banden,
selbst in der Prosa, auch nur annähernd schildern
das Blut und die Wunden, die hier sind erstanden?
Jede Zunge würde in den Worten mildern,
denn unsre Sprache und der Geist sind klein,
zu fassen das, was diese Schluchten bilden.
Wenn man versammelte, im dunklen Schein,
all jene, die in Apuliens weitem Land
bluteten, im langen Kampf der Pein –
bei Troja, und im Krieg, der die Wand
der Römer sah, wo man die Ringe raubte,
die man als Beute schlug, mit starker Hand –
und jene, die sich gegen Robert Guiscard aufbäumte,
und die Gebeine, die man bei Ceperano fand,
wo Apulien untreu wurde, wie es träumte,
und bei Tagliacozzo, wo Alardo die Hand
hob ohne Waffe – jeder zeigt’ seine Glieder,
zerstochen, abgetrennt, im Schandgewand!
Ein Fass, das seinen Boden verlor, im Mieder,
ist nicht so offen, wie ich einen sah,
vom Kinn bis dahin, wo man leert die Glieder.
Die Eingeweide hingen ihm nun nah,
das Herz und alles, was den Menschen macht,
ich sah den Magen, der zum Ekel geschah.
Ich schaute ihn an, und er, der aufgewacht
aus seinem Schmerz, riss mit der Hand die Brust:
„Sieh, wie ich mich zerreiße in der Nacht!
Sieh, wie Mahomet leidet, im Verlust!
Vor mir geht Ali, weinend, das Gesicht
gespalten vom Kinn bis zum Haar, im Wust.
Und alle andern, die du siehst im Licht,
sie säten Zwietracht, während sie noch lebten,
drum sind sie nun zerstückelt, im Gericht.
Ein Teufel ist dort hinten, der uns eben
mit seinem Schwert zerhackt, bei jedem Gang,
wenn wir den Kreis des Leids erneut durchbeben.
Doch wenn wir wiederkehren, im Empfang
des Schlags, heilt jede Wunde sich zuvor,
und er zertrennt uns neu, in seinem Drang.
Doch wer bist du, der dort an dem Tor
verweilt, um die Strafe zu prüfen, im Kreis,
und wohl den Aufschub sucht, im Chor?“
„Noch ist er nicht gestorben“, sprach der Beweis,
meines Lehrers, „noch führt ihn nicht die Sünde
zum Tod, doch ich, der ich das Schicksal weiß,
muss ihn durch diese Hölle, im Winde,
von Kreis zu Kreis, als Toter durch den Tod,
begleiten, wie ich hier das Schicksal gründe.“
Mehr als hundert sahen mich in der Not,
und vergaßen ihren Schmerz, um zu schauen,
erstaunt über den Lebenden im Lot.
„Sag dem Fra Dolcino, er soll bauen
auf Vorrat, wenn er nicht will, dass der Schnee
ihn zwingt zu Novara, in den grauen
Mauern, damit er nicht verfällt dem Weh!“,
sprach Mahomet zu mir, mit dem Fuß erhoben,
um zu gehen, doch er blieb im See.
Ein anderer, dem die Kehle war verschoben,
und Nase bis zum Brauen abgetrennt,
und nur ein Ohr geblieben, dort oben,
hielt inne, mit den anderen, die man erkennt,
und öffnete die Röhre, die von innen rot
und voller Blut, wie man es dort benennt:
„O du, den keine Schuld hier in den Tod
nun zwang, und den ich oben sah im Leben,
erkennst du Pier da Medicina in der Not?
Sag Fano’s Bürgern, die sich dort ergeben,
dass Guido und Angiolello, die dort sind,
ins Wasser geworfen werden, im Streben,
von einem Verräter, der den Sturmwind
beschwört, bei Cattolica, im Verrat,
ein Verbrechen, das man im Geist nur find’.
Von Zypern bis Mallorca, kein Rat
sah je ein solches Übel, unter den Menschen,
selbst unter Piraten, nicht bei der Tat!
Der Verräter, der nur ein Auge sieht in den Längen,
und die Stadt hält, die ein anderer gern besäße,
lässt sie zu sich kommen, in den engen
Gesprächen, und macht sie ohne Maße
beten, dass sie nicht den Wind von Focara fürchten.“
Und ich: „Zeig mir, wer das ist, in der Trasse,
damit ich seine Kunde kann durchleuchten!“
Er legte die Hand auf den Kiefer, eines Andern,
und öffnete den Mund, um zu befeuchten:
„Das ist der, der nicht mehr kann wandern,
der in Cäsars Geist den Zweifel säte,
und sagte, dass das Handeln stört im Landern!“
O wie erschrocken schien er, in der Kälte,
Curio, dem die Zunge war gespalten,
im Schlund, wie er seine Schande nun entzählte!
Ein anderer, dem die Hände waren entfalten,
im Stummen, und das Blut im Gesicht,
schrie: „Erinnere dich an Mosca, den Alten,
der sagte: ‚Was getan ist, das hält Gericht‘ –
ein Wort, das für das Volk von Florenz
das Unheil brachte, in der dunklen Schicht!“
„Und den Tod für deine Sippe!“, rief ich, im Glanz
des Zorns, und er ging fort, wie ein Verrückter,
beladen mit dem Schmerz, in seinem Tanz.
Ich blieb noch, um zu sehen, im dunklen Wüter,
und sah etwas, das ich kaum zu sagen wage,
ohne Beweis, doch mein Gewissen ist der Hüter.
Ich sah einen Körper, ohne Haupt, in der Klage,
der ging, wie die andern in der Herde,
er hielt sein Haupt an den Haaren, in der Sage,
wie eine Laterne, die leuchtet auf der Erde,
er schaute uns an und rief: „O weh!“,
das Haupt, das so einsam im Dunkeln werde.
Er machte sich selbst zum Licht, im Schnee,
zwei waren eins, und eins war zwei im Schein,
wie es geschah, o Gott, im großen Weh!
Als er am Fuß der Brücke stand, allein,
hob er den Arm, mit dem Haupt, um uns zu zeigen
die Worte, die aus seinem Munde schrein:
„Sieh die schwere Pein, in diesen Geigen!
Sieh, ob es einen Schmerz gibt, wie den meinen,
dass ich die eigene Sippe musste neigen!
Ich bin Bertrand de Born, der den Rat gegeben,
dem jungen König, ihn gegen den Vater gehetzt,
ich machte Sohn und Vater zu Gegnern in ihrem Leben.
Weil ich die Zusammengehörigen habe verletzt,
trag ich mein Haupt, vom Rumpf getrennt,
wie es mein Wirken in der Welt ersetzt.
So ist das Gesetz, das in der Hölle brennt,
in mir, im Gegenstrom, durch meine Tat!“
Und so ging er, durch das Tal, das jeder kennt.
GESANG XXIX
Die vielen Wunden und das viele Blut,
das ich dort sah, machten meine Augen trüb,
und ich wollte weinen, in dieser heißen Glut.
Doch mein Meister sprach: „Was starrst du, voller Trieb,
auf diese Körper, die zerstückelt sind?
Warum bleibt dein Blick dort, wo das Leid verblieb?
Bei den andern Gräben hast du nicht so sehr entbrennt,
doch schau, wenn du sie zählen willst im Geist,
zweiundzwanzig Meilen ist der Kreis, der uns trennt.
Der Mond ist schon unter unsern Füßen, der beweist,
dass die Zeit uns drängt, und noch vieles bleibt,
das du noch siehst, wenn du in den Graben reist.“
„Hättest du gewusst“, antwortete ich, im Kleid
meiner Gedanken, „warum ich dort so stand,
hättest du mir die Zeit gelassen, in der Weit.“
Wir gingen weiter, mein Lehrer an der Wand,
ich folgte ihm, und sprach vom Geist dort unten,
der weinte, weil seine Sünde ihn so schwer erfand.
„Ich glaube, dass dort unten, in den Gründen,
ein Verwandter von mir die Strafe trägt,
für die Schuld, die dort ist so schwer zu künden.“
Der Meister sprach: „Lass ihn, das ist bewegt
von anderm Leid; er ist dort bei der Brücke,
und niemand hat ihn dort bisher gepflegt.
Ich sah ihn wütend, in seiner Lebenslücke,
er drohte mit dem Finger, Geri del Bello,
du hast ihn nicht beachtet, in deiner Krücke.“
So sprachen wir, bis wir zum zweiten Bello
der Brücke kamen, wo die Tiefe weit
den letzten Graben zeigt, in seinem Quello.
Dort hörten wir das Klagen, das in Ewigkeit
wie Pfeile aus Schmerz auf uns niederging,
so dass ich mir die Ohren deckte, in der Zeit.
Was wäre, wenn man in einem Sommer-Ding,
die Kranken aus den Spitälern in Maremma,
aus Sardinien und Valdichiana in den Ring
würde bringen, in einen Graben, mit dem Schema –
so war es dort, aus der Fäulnis der Qual,
ein Gestank wie von Wunden, in einem Thema.
Wir stiegen auf den letzten Damm, im Tal,
von links, und sahen in die Tiefe hin,
wo die Gerechtigkeit Gottes, in ihrer Wahl,
die Fälscher straft, die sie nicht sah mit Sinn.
Ich glaube nicht, dass es ein größeres Leid gab,
bei Ägina, als die Pest die Seuche fing,
dass alles starb, bis auf den kleinsten Stab,
und die Ameisen sich in Menschen verwandelten,
(so sagt die Sage, aus dem alten Grab) –
als es war, in diesem Tal, wo sie behandelten
ihr Dasein, häufchenweise, auf dem Sand,
sie lagen da, wo sie ihr Leben entfalteten.
Einer auf dem andern, und am Bauch der Rand,
manche auf den Rücken, in der Qual der Last,
sie krochen weiter, ohne Hoffnung, ohne Land.
Wir gingen schweigend, in dieser öden Rast,
und schauten auf die Kranken, die nicht stehen
konnten, in ihrer Wut, in ihrer Hast.
Ich sah zwei sitzen, die sich anlehnten, im Gehen,
wie Pfannen, die man wärmt, um Fett zu braten,
und jeder war mit Schorf bedeckt, im Sehen.
Ich sah keinen, der so eifrig kratzte, in den Taten,
wie einer, der im Fieber sich nun quält,
und seine Nägel schlug, in die Wunden-Saaten.
Wie der Koch die Haut vom Fisch nun wählt,
so schuppte die Haut sich ab, in der Not,
unter dem Kratzen, das das Fleisch verhehlt.
„O du, der du deine Finger nutzt, im Lot,
und dich manchmal zwickst, wie eine Zange“,
begann mein Meister, in diesem dunklen Kot,
„Sag uns, ob es hier Lateiner gibt, im Gange,
unter den Seelen, die du hier zerfleischt?
Mögen deine Nägel dir helfen, in der Lange!“
„Wir sind hier, die du hier so bleich siehst,
wir sind Lateiner!“, weinte der eine, in der Pein,
„Wer bist du, der uns hier so fragend grüßt?“
„Ich bin ein Lebender, der hier muss sein,
und den Geist führt, von Ort zu Ort,
durch diese Hölle, im ewigen Schein.“
Sie zitterten, und wandten sich an den Ort,
zu mir, und andere, die es hörten, kamen her,
vergessend ihren Schmerz, bei diesem Wort.
Mein Meister sprach zu mir: „Sag ihnen, was du begehr!“
Ich begann: „Möge euer Gedächtnis nicht vergehen,
in der Welt da oben, bei den Menschen sehr,
sagt mir, wer ihr seid, und aus welchen Reihen?
Lasst euch von eurer Scham nicht halten,
dass ihr mir sagt, was ihr wart, in eurem Gedeihen!“
„Ich war aus Arezzo“, sprach der eine, „in den alten
Taten, und Albero von Siena verbrannte mich,
doch das ist nicht der Grund, warum ich mich hier halte.
Er sagte ihm zum Scherz, dass ich versprach, mich
in die Luft zu erheben, und er, der neugierig war,
wollte, dass ich es täte, in meinem Stich –
doch da ich ihn nicht lehrte, wie man das wahr
macht, ließ er mich verbrennen, durch seinen Vater.
Doch hier bin ich, in dieser Pein, fürwahr,
wegen der Alchemie, die ich trieb als Verräter.“
Ich sprach zu dem Dichter: „Gibt es ein Volk,
das so eitel ist, wie die von Siena, in der Äther?
Sicher nicht die Franzosen, in ihrem Volk!“
Ein anderer Sünder, der es hörte, im Sein,
antwortete: „Stricca, der so wenig ausgab im Molk,
und Niccolò, der zuerst die Gewürze im Wein
fand, in dem Garten, wo das alles wächst,
und Caccia d’Asciano, der so stolz in seinem Schein,
und Abbagliato, der alles verloren hat, verhext!
Doch da du wissen willst, wer so gegen Siena steht,
schau auf mein Gesicht, das sich im Schorf nun text.
Du siehst Capocchio, der die Metalle verwandelt’
mit Alchemie, du erinnerst dich wohl an mich,
wie ich die Natur der Dinge habe behandelt!“
GESANG XXX
Als Juno wütend war, aus Eifersucht entbrannt,
gegen die Sippe der Semele, mehr als einmal,
wie sie bewies durchs thebanische Land,
da verlor Athamas den Verstand im Tal,
so dass er seine Frau mit zwei Söhnen sah,
und rief: „Lasst uns die Netze spannen, in der Wahl,
die Löwin mit den Jungen bei dem Pfad!“
Er griff den Learchos, in der Wut der Nacht,
und schlug ihn gegen einen Stein, in der Tat;
die Mutter ertrank mit dem andern, in der Macht.
Und als das Schicksal Trojas Stolz brach,
und alles Königliche in den Staub gebracht,
Hekuba sah, wie Polyxena lag im Dach,
und sah ihre Polydorus am Strand,
da bellte sie wie ein Hund, in ihrem Ach –
doch niemals sah ich, im thebanischen Land,
oder im trojanischen, solch einen Zorn,
der Geister schlug, mit so böser Hand,
wie ich zwei bleiche Schatten sah, im Born,
die liefen, ohne Ziel, im Hungerwahn,
wie ein Schwein, das aus dem Stall ist verlorn.
Der eine war Gianni Schicchi, im Plan,
der andere Myrrha, die den Vater liebt.
Sie bissen alles, was sie fanden im Wahn.
Myrrha war als Geist dort, wie es die Strafe gibt,
und Schicchi sagte: „Die Myrre ist hier,
die das Böse den anderen in die Hand gibt.“
„Gianni Schicchi“, sprach ich, „was war die Zier?“
Er sprach: „Um des Buoso Donati Erbe zu gewinnen,
gab ich mich aus für ihn, mit böser Gier,
und machte ein Testament, in allen Sinnen!“
Dann sah ich einen, der wie eine Laute geformt,
an der Hüfte, wo die Beine sich rinnen.
„Du, der du hier bist, von Strafe ungestormt“,
sagte der Geist mit geschwollenem Leib,
„erinnere dich an mich, der ich bin verformt!
Ich bin Adamo, im Gelde, im Zeitvertreib,
ich fälschte die Gulden, mit der Heiligen Drei,
darum brennt in mir dieses giftige Weib.“
„Hier ist Guidolfo, die Gräfin, in ihrer Reih’,
sie brachten mich dazu, das Gold zu prägen,
ich brenne hier, in dieser ewigen Drei.“
Ich sprach zu ihm: „Was für ein böses Erregen!
Sind dort in der Grube, die mit dir sind,
die Verräter, die du konntest bewegen?“
„Hier sind sie, die ich fand, als ich in Blind-
heit war“, sprach er, „keine andere Strafe ist groß!
Sinon ist hier, der die Griechen uns bringt, das Kind.
Er log, dass Troja fiel, in seinem Schoß,
er hat das Fieber, das ihn brennt wie Pech.“
Da schlug ihn einer, der im Schlage groß
war, und Sinon schlug zurück, das Blech,
er war hart wie ein Amboss, in dem Streit.
„Ein Verräter bin ich?“, rief er, „Im Pech,
bin ich doch stolz auf meine Bosheit, in der Zeit!“
„Deine Bosheit“, sprach Sinon, „war das Pferd,
das die Welt nun weiß, in ihrer Eitelkeit!“
„Und du seist verflucht, mit dem Pferd, so schwer!“,
sprach Adamo, „mit dem Durst, der dich quält,
und dem Bauch, der dich sticht, wie ein Speer!“
Der Fälscher antwortete: „Dein Mund ist gewählt,
um Schlechtes zu sagen, doch wenn ich Durst habe,
und das Wasser mich im Innern nun quält,
so ist deine Zunge das Feuer, das ich labe!
Du bist der, der die Gulden fälschte, in der Not,
und auch wenn du geschwollen bist, in der Gabe,
ist dein Körper schwer, wie ein Berg im Kot.“
Ich stand da und hörte ihnen zu, im Streit,
mein Meister rief: „Schau nur auf das Gebot,
denn ich werde wütend, in dieser Ewigkeit!“
Als ich das hörte, schämte ich mich sehr,
und drehte mich weg, mit großer Leichtigkeit.
Wie einer, der im Traum ist, wie ein Meer,
und wünscht, dass es ein Traum sei, in der Nacht,
so fühlte ich mich, im Schmerz der Welt, so schwer.
Ich konnte nicht mehr sprechen, in der Macht,
mein Meister sah mich an und sagte: „Mehr
Schande als diese hat man nie vollbracht!
Vergiss das Leid, das du sahst im Heer,
doch wenn du wieder kommst, an diesen Ort,
so sei gewiss, dass du nicht irrst in der Leer.
Der Wunsch zu hören, ist ein niedriger Hort.“
GESANG XXXI
Die gleiche Zunge, die mich erst verwundet,
mit Scham erfüllte, so dass meine Wangen brannten,
hat mir auch Heilung, im Wort, gesundet.
So sah ich, wie die Lanze, die wir kannten,
des Achilles und seines Vaters, erst den Schmerz,
dann Heilung brachte, in den alten Bannten.
Wir ließen das Tal hinter uns, mit Herz,
und gingen über den Damm, der den Kreis umgibt,
schweigend, in der Dunkelheit, in dem Scherz
des Schattens, der dort leise sich verschiebt.
Es war nicht Tag, doch nicht ganz Nacht im Grund,
mein Blick sah wenig, wo das Licht sich trübt.
Da hörte ich ein Horn, das im Schlund
so laut erscholl, dass jeder Donner klein
dagegen wäre, in seiner Stund’.
Ich richtete meinen Blick, in den Schein,
dorthin, wo das Horn den Ton verlor,
und sah Türme, die in den Nebel hinein
sich reckten. „Welche Stadt ist das im Chor?“,
fragte ich. „Zu weit ist dein Blick, in der Not,
im dunklen Dunst, drum täuschst du dich, am Tor.
Das sind keine Türme, wie du sie siehst im Lot,
das sind Riesen, die im Brunnenrand
bis zur Mitte stehen, im ewigen Kot.“
Als sich mein Auge, in dem dunklen Land,
an den Nebel gewöhnte, sah ich klarer nun,
die Formen, die sich hoben am Rand.
Wie Montereggioni, die Türme in ihrem Tun
mit Riesen krönt, so ragten aus dem Rand
die Riesen heraus, die dort im Sumpf nun ruhn.
Ich sah den einen, dessen Haupt im Wand
des Felsens steckte, ein gewaltiges Bild,
er war ein Schrecken, in seinem Zustand.
„O Nimrod!“, rief der Meister, wild,
„Du verwirrte Seele, die Sprachen sind dein Schicksal,
sprich nicht, sondern lass dein Horn, das wild
dir Antwort gibt, in deiner eigenen Zahl!“
Dann sprach er zu mir: „Er klagt sich selbst an,
denn seine Sprache ist für alle eine Qual.“
Wir gingen weiter, und sahen im Plan
einen andern, Ephialtes, der sich wand,
der einst die Götter stürzte, im Wahn.
„Warum zittert er?“, fragte ich im Land,
„Er ist nicht gefesselt, wie der andere dort!“
„Seine Wut ist größer, in dem festen Band“,
sprach der Meister, „und er schüttelt den Ort,
er ist so stark und wild, wie du siehst,
er ist Briareus, in seinem letzten Wort.“
Dann kamen wir zu Antäus, der im Knie
sich bog, fünf Ellen ohne Kopf im Raum.
„O du, der du in der Wüste, wie nie,
den Löwen und Bären erjagtest, im Traum,
der tausend Riesen in Zama besiegte,
als die Erde bebte, in ihrem Saum –
hilf uns, und senke uns dort, wo es wiegt,
die Kälte des Cocytus, in das Tal,
wo der Verräter, im Eise, nun liegt.“
Der Riese, der uns sah, in seiner Wahl,
streckte seine Hände aus, die einst
Götter erschütterten, in der großen Zahl.
Mein Meister sprang auf ihn, und in dem Instinkt
nahm er mich mit, auf dem Rücken, so breit,
dass ich dachte, wir fliegen, wie der Wind, der entblinnt.
Wie die Carisenda, wenn die Wolke weit
sich über sie zieht, so sah er von oben aus,
als er uns senkte, in die kalte Weit.
Ich fürchtete mich, im schwarzen Haus,
doch er setzte uns ab, im Grunde des Sees,
wo die Verräter brennen, im Eis-Schmaus.
Er richtete sich auf, wie ein Mast im Gehe,
und verschwand, in der Höhe, im Wind,
und ließ uns zurück, in der Kälte, im Wehe.
GESANG XXXII
Hätte ich Reime, die rau und heiser wären,
wie es dem Schlund gebührt, der alle Felsen trägt,
auf denen alle anderen Qualen sich verzehren,
dann würde ich das Bild, das meine Seele prägt,
genauer formen; doch mir fehlt die Kraft,
die Sprache, die das Grauen wahrhaft wägt.
Denn keine leichte Aufgabe ist es, in der Schaft,
die untersten Punkte des Universums zu besingen,
noch eine Zunge, die „Mama“ und „Papa“ schafft.
Doch mögen jene nun ihr Lied vollbringen,
die Amphion halfen, als Theben sich erhob,
damit die Worte nicht im Leeren klingen!
O ihr, die ihr im Elend seid, im Lob
der Hölle, in diesem See, der wie aus Glas
gefroren ist, in der Kälte, die man nicht erprob’!
Die Augen, die ich senkte in das Maß
der Tiefe, sahen Brüder, die sich eng
umschlangen, im Zorn, im ewigen Hass.
Ich fragte: „Wer seid ihr, in diesem Zwang?“
Sie hoben die Köpfe, die Augen voll von Eis,
das aus den Tränen, die sie weinten, sprang.
Sie weinten, doch das Eis, in seinem Preis,
verschloss die Lider, so dass sie nur noch klagen,
ihr Schmerz ist groß, in diesem kalten Kreis.
Der eine stieß mit dem Kopf, wie in den Tagen
des Sturms, und der andere, der ihn wohl kannte,
rief: „Warum willst du mich noch weiter schlagen?“
„Warum starrst du auf mich?“, rief er, entbrannte.
„Wenn du wissen willst, wer diese hier sind,
die du im Eise festgefroren nannte:
Der eine ist Napoleone, der andere ist Lind,
die Söhne Alberts, die in ihrer Gier
sich gegenseitig töteten, im Wind.
Sie sind aus Caina, dort wo die Brüder hier
sich spalten; und jener dort, der noch mehr leidet,
hat den Kopf verloren, durch die Schuld, das Tier!“
Ich schaute weiter, und sah, was sich scheidet:
Tausend Gesichter, wie in der Wut des Frosts,
die mich erschauern ließ, wie das Herz nun leidet.
Ich ging weiter, und trat, im Pfad des Trosts,
auf einen Kopf, der festgefroren war,
„Warum trittst du auf mich?“, rief er, im Rost.
„Bist du gekommen, um die Rache, für wahr,
an Montaperti zu üben, in diesem Land?“
Ich fragte: „Wer bist du, der mich fragt, so klar?“
„Ich bin Bocca“, rief er, mit festem Band,
„Ich bin ein Florentiner, der hier weint!“
Ich packte ihn am Schopf, mit meiner Hand:
„Du wirst mir sagen, wer du bist, vereint,
oder ich reiße dir die Haare aus,
denn niemand außer mir ist hier, der dich verneint!“
Er schrie: „Du kannst mich schlagen, in dem Haus,
ich sage dir nicht meinen Namen, im Zorn,
auch wenn du mich zerbrichst, im kalten Graus!“
Ich nahm seine Haare, wie ein Geist, im Born,
und er schrie weiter, im Schmerz der Qual,
doch dann trat einer herbei, im schwarzen Dorn.
„Bocca, was ist los? Ist es nicht die Wahl,
dass du genug schweigst? Kannst du nicht sagen,
warum du schreist, in diesem tiefen Tal?“
„Jetzt brauche ich nicht mehr zu fragen!“,
sprach ich, „Denn ich kenne deine Schande,
du Verräter, der uns ließ in den Tagen!“
„Geh weg!“, schrie er, „Erzähle, was du im Bande
gesehen hast, doch schweige von dem Geist,
der hier so redet, in diesem kalten Rande!“
Wir gingen weiter, und sahen, wie er weißt
auf zwei, die wie in einem Loch zusammen stecken,
der eine nagte am Kopf des andern, voller Geist.
Wie ein Hungriger das Brot will in sich recken,
so biss er in den Nacken, wo die Wirbel sind,
um den Hunger des Hasses dort zu wecken.
„O du, der du so zeigst, wie man besinnt
den Hass gegen den, den du dort beißt,
sag mir, warum, mein Herr, mein Kind!“
Er hob den Mund von dem, den er zerreißt,
und wischte sich am Haar des Kopfes ab,
den er benagt hatte, in seinem Geist.
„Du willst, dass ich erneuere den Trab,
des Schmerzes, der mein Herz schon bricht,
bevor ich spreche, aus meinem kalten Grab?
Doch wenn meine Worte Saat sind im Gericht,
für den Verräter, den ich hier benage,
so höre, was ich weine, im Sonnenlicht!
Ich bin Graf Ugolino, in dieser Klage,
und das ist Erzbischof Ruggieri, in der Not,
ich erzähle dir, warum ich ihn hier plage.
Wie ich durch seinen Verrat fand den Tod,
im Turm, der heute Hunger-Turm wohl heißt,
und wo noch andere sterben, im Gebot –
dort sah ich durch ein Fenster, wie es kreist,
viele Monde, in der Nacht, die mich beschien,
bis ich den Traum sah, der mein Ende weist!“
GESANG XXXIII
Der Sünder hob den Mund von der behenden
Beute, die er zerkaut am Hinterhaupt,
und wischte ihn ab an dessen Haar-Enden.
Dann begann er: „Du willst, dass ich wieder schraubt
den Schmerz, der mein Herz schon erstickt,
bevor ich spreche, eh’ die Sprache raubt?
Doch wenn meine Worte Saat sind, die erstickt
den Verräter, den ich nage, dann werde ich
weinen und sprechen, dass der Hass erquickt.
Ich weiß nicht, wer du bist, noch wie du dich
heraufgewagt in diese Welt der Pein,
doch klingt dein Wort nach Florenz für mich.
Ich war Graf Ugolino, und der hier im Schein
ist Erzbischof Ruggieri; nun hör, wie mein Ende
war, durch seine List, in den Kerkern klein.
Wie mein Tod geschah, durch seine Hände,
werde ich dir sagen, denn er hat mich verraten,
als ich in den Turm kam, in der Gefangenen Wände.
Dort, wo viele noch hungern, in ihren Taten,
hatte ich die Zeit, das Licht zu schauen,
bis ich das Ende sah, in den finsteren Pfaden.
Da sah ich einen Traum, der mir das Vertrauen
nahm; er jagte den Wolf und die Welpen zur Not,
auf dem Berg, den man sieht bei den Pisanern, in den Gauen.
Mit Hündinnen, die er sich erzog im Gebot,
sah ich Gualandi, Sismondi und Lanfranchi,
die vorne liefen, um zu bringen den Tod.
Nach kurzem Lauf erschöpft, die Mutter, dann die
Welpen, schienen sie die Zähne zu spüren,
die scharf waren, in der Angst und im Weh.
Als ich erwachte, in den frühen Stunden,
hörte ich meine Kinder weinen, im Schlaf,
sie baten um Brot, in den finsteren Runden.
Grausam bist du, wenn du nicht weinst bei dem Straf,
was mein Herz ahnte – was weinst du denn dann?
Sie waren schon wach, und der Wärter traf
die Zeit für das Essen, doch der Traum im Bann
hatte uns Schlimmes gezeigt; da hörte ich zu,
wie sie den Eingang nagelten, im Wahn.
Ich schaute meine Söhne an, in der Ruh,
ohne ein Wort; ich weinte im Innern, mein Leid,
sie weinten auch, in der dunklen Kluft dazu.
‚Vater, was starrst du so?‘, riefen sie in der Zeit,
‚Was ist dir?‘ Ich weinte nicht, doch schwieg
bis zum andern Tag, in der Ewigkeit.
Als ein Lichtstrahl in den Kerker stieg,
sah ich in ihren Gesichtern mein Gesicht,
da biss ich mir in die Hände, vor dem Sieg
des Schmerzes. Sie meinten, ich täte es im Licht,
weil ich Hunger hätte, und riefen: ‚Vater, iss!
Es ist weniger Qual, wenn du nimmst das Gericht!‘
Ich beruhigte sie, damit sie nicht litten im Riss,
wir schwiegen zwei Tage – o harte Erde,
warum hast du uns nicht verschlungen, in der Miss?
Am vierten Tag fiel Gaddo, in der Gebärde,
und rief: ‚Vater, warum hilfst du mir nicht?‘
Dann starb er dort, auf der dunklen Herde.
Und wie du mich siehst, sah ich sie im Licht,
einen nach dem andern, bis zum sechsten Tag,
da fielen sie, und ich verlor mein Gesicht.
Ich tastete blind, in der letzten Klag’,
rief sie zwei Tage lang, als sie schon tot,
dann tat der Hunger, was der Schmerz nicht vermag.“
Er schwieg, und dann mit Augen, die im Kot
sich krümmten, biss er wieder zu, im Zorn,
mit Zähnen, stark wie Hunde, in der Not.
O Pisa! Schande für das Volk im Dorn,
weil du nicht untergingst, in der Flut,
weil das Meer das Ufer nicht hat verlorn!
Wir gingen weiter, in der eisigen Glut,
zu den Seelen, die gefesselt waren, im Wind,
und ihre Gesichter nach oben, in ihrer Wut.
Das Weinen selbst verhindert, dass sie hier find’
Trost, denn die Tränen gefrieren im Auge,
und der Schmerz wird zum Kristall, im Kind.
Denn wenn auch das Gefühl sich enttauge,
so bleibt das Eis im Auge, wie eine Maske,
und das Leid bleibt im Innern, wie eine Lauge.
Ich fragte: „Wer bist du, in der dunklen Taske?“
„Ich bin Frate Alberigo“, rief er im Kreis,
„Ich bin hier für das Obst, das ich gab im Raske.“
„Bist du schon tot?“, fragte ich ihn im Eis.
„Ich weiß nicht, wie mein Körper dort oben lebt,
denn die Seele ist hier, im untersten Preis.
In der Ptolomea ist das Gesetz, das bebt,
dass der Körper dort bleibt, doch die Seele fällt,
wenn der Verrat die Tat im Leben webt.
Der Körper wird dort von einem Dämon bestellt,
bis die Zeit abgelaufen ist, in der Welt,
und die Seele in den Abgrund hier schnellt.
Branca d’Oria ist auch hier, wie dir gefällt,
er hat schon lange Jahre hier gelegen.“
„Du lügst!“, rief ich, „Er ist noch auf dem Feld!“
„Er ist noch nicht hier, in diesem Segen,
denn Michel Zanche ist noch nicht im Schlund,
er wartet noch, in den irdischen Wegen!“
„Du bist ein Betrüger!“, sprach ich, „Im Grund,
ich nehme dir den Eis-Schleier nicht ab!“
Und er behielt sein Eis, in diesem Stund’.
Fluch über euch, Genueser, die ihr im Grab
keine Ehre habt, und die Welt seid los!
Warum schließt sich nicht das Tal vor euch ab?
Ich sah den Verräter, im ewigen Schoß,
der für seine Seele in der Hölle schon brennt,
und oben noch lebt, im Körper so groß!
GESANG XXXIV
„Vexilla regis prodeunt inferni“ –
Die Fahnen des Königs der Hölle ziehen voran,
drum schau nach vorn, ob du ihn sehen kann, in der Ferni.
Wie wenn ein schwerer Nebel durch das Tal zog, wann
die Nacht heraufzieht, oder wenn die Mühle sich dreht,
sah ich ein Gebäude, das im Dunkeln vor mir stand.
Ich drängte mich hinter meinen Meister, in der Stet’,
denn kein anderer Schutz war mir gegeben,
in der Kälte, wo der Wind die Sünder verweht.
Ich war nun dort – ich schreibe es mit Beben –
wo die Schatten ganz im Eis begraben sind,
wie Stroh im Glas, in dem das Licht muss leben.
Manche liegen, manche stehen im Wind,
der eine auf dem Kopf, der andere auf dem Fuß,
manche gekrümmt, wie ein Bogen, geschwind.
Als wir so weit gegangen waren, im Verdruss,
dass mein Meister es für gut hielt, mir zu zeigen
das Geschöpf, das einst die Schöne war, im Fluss,
er trat beiseite und ließ mich schweigen:
„Hier ist Dis!“, rief er, „Hier ist der Ort,
wo du musst alle Kraft der Seele neigen.“
Wie ich mich fühlte, gelähmt an jedem Wort,
o Leser, frage nicht, ich kann es nicht sagen,
denn Worte reichen nicht für diesen Hort.
Ich starb nicht, und blieb doch ohne Klagen,
ich war nicht lebendig, und nicht tot,
stell dir vor, was ich fühlte in den Tagen!
Der Kaiser des Reiches des Schmerzes, in der Not,
ragte mit der Brust aus dem Eis hervor,
ich bin den Riesen näher, im Gebot,
als die Riesen seinen Armen, in dem Tor.
Bedenke nun, wie groß das Ganze sein muss,
wenn er solche Glieder hat, im dunklen Chor!
Wenn er einst so schön war, wie sein heutiger Schluss,
und sich dennoch gegen seinen Schöpfer wandte,
so kommt alles Leid von ihm, in dem Guss.
Welch ein Gesicht ich sah, das mich verbrannte!
Er hatte drei Gesichter, an seinem Haupt:
Das eine vorn, das feuerrot sich nannte.
Die beiden andern waren damit erlaubt,
über der Mitte jeder Schulter, in der Reih’,
und alles war im Kamm vereint, wie geglaubt.
Das rechte war weiß-gelb, in der Zwei,
das linke war schwarz, wie die, die kommen
aus dem Land, wo der Nil fließt, in der Schrei.
Unter jedem Gesicht, im Zorn entnommen,
ragten zwei Flügel hervor, so groß und schwer,
wie sie einem Fledermaus-Flug sind entkommen.
Er schlug sie, und der Wind wehte her,
dreifach, und der Cocytus gefror im Schlund,
und das Eis wurde dicker, in dem Meer.
Mit sechs Augen weinte er, in seinem Grund,
und an drei Kinne lief das Blut und der Schlamm,
in einer Mischung, in der er den Schmerz erfand.
In jedem Maul zerkaut’ er, wie ein Stamm,
einen Sünder, in seinen Zähnen, zur Pein,
so dass er drei quälte, in seinem Gramm.
Dem vorderen war das Beißen, das im Sein,
nicht genug, denn manchmal blieb die Haut
am Rücken leer, in dem ewigen Schein.
„Jene Seele dort oben, die das meiste leidet“,
sprach mein Meister, „ist Judas Iskariot,
sein Kopf im Maul, die Beine draußen im Weidet.“
„Der andern beiden, die aus dem Schlund nun rot
hervorstehen: Der Brutus ist es, der sich wand,
er hängt vom schwarzen Maul, in der Not.
Der andere ist Cassius, der so stark im Band.“
Doch die Nacht kehrt zurück, es ist Zeit zu gehen,
wir haben alles gesehen, in diesem Land.
Ich klammerte mich an ihn, im festen Stehen,
als er den Riesen am Haar nun griff,
und wir begannen, den Körper zu durchwehen.
Er stieg hinab, bis zum Fell, im Schiff,
und wir schlüpften zwischen das Eis und die Brust,
er stieg auf den Rippen, in dem dunklen Riff.
Als wir dort waren, wo der Schenkel sich befasst,
an der Wende der Hüfte, in dem Lauf,
drehte mein Führer sich, unter der Last.
Er griff in die Haare, und stieg hinauf,
als ob wir in die Hölle zurückkehrten,
ich war verwirrt, in diesem wilden Hauf.
„Halt dich fest!“, sprach er, als er sich verkehrten
mit Atemnot, „Durch solche Stufen müssen wir,
denn die bösen Geister haben uns hier abgewehrt!“
Er brachte mich durch ein Felsloch, in der Gier,
und setzte mich an den Rand, zum Sitzen bereit,
dann kam er zu mir, in dem Schatten hier.
Ich hob den Kopf, in der neuen Zeit,
und dachte, Luzifer zu sehen, wie er stand,
doch sah ich seine Beine, in der Weit!
Ich war erstaunt, in dem dunklen Rand,
„Steh auf!“, sprach mein Meister, „Der Weg ist weit,
die Sonne ist schon hoch, in diesem Land!“
Es war kein Pfad, wie man ihn kennt im Kleid,
sondern ein Fels, in einer Schlucht, so klein,
mit wenig Licht, in der Dunkelheit.
„Bevor wir gehen“, sprach ich im Schein,
„erkläre mir den Irrtum, den ich sah,
wo ist das Eis? Und warum ist er klein?“
„Du glaubst, du bist auf der andern Seite, da
wo ich den Wurm packte, der die Welt durchbohrt“,
sprach er, „da warst du, als ich ging, und sah.
Als ich mich drehte, hast du den Ort
verlassen, wo wir die Mitte der Welt nun durchquerten.
Jetzt bist du unter der Hemisphäre, im Hort,
gegenüber der Welt, wo die Menschen verkehrten.
Du stehst auf einer kleinen Fläche, nun,
auf deren Seite die Großen aufstrebten.
Hier ist der Morgen, wenn dort die Menschen ruhn,
und er, der mit dem Haar uns trug im Lauf,
ist noch so, wie er war, in seinem Tun.
Hier fiel er vom Himmel, in seinem Hauf,
und das Land, das hier war, floh vor ihm,
und verbarg sich unter dem Meer, im Auf.
Hier ist ein Ort, der sich erstreckt im Trim,
weit weg von der Hölle, in der Tiefe hier,
wo man nicht durch Ohren hört, im Reim.“
Ein Bach floss dort, in der Ruhe Zier,
durch den er uns führte, zurück in die Welt,
wir gingen nicht aus, in dem dunklen Revier.
Wir stiegen auf, er zuerst, ich, der bestellt,
bis ich durch eine Öffnung sah, in der Ferne,
die schönen Dinge, die der Himmel erhellt.
Wir kamen heraus, und sahen wieder die Sterne.
FEGEFEUER
GESANG I
Zum besseren Lauf durchschifft das Schiff der Sinnen
nunmehr die Fluten, milder und gelinder,
und lässt das grause Meer weit hinter innen.
Ich singe von dem Ort, wo, wie ein Sünder
sich reinigt von des Fehlers tiefer Schuld,
der Geist sich würdigt – aufwärts, stets geschwinder.
Hier steige aus dem Schlaf der Toten, huldi*
o heilige Musen, da ich Euer bin,
und lehr’ mein Lied, das jetzt sich erst enthult.
Ein sanftes Blau, das sich in reinem Sinn
vom ersten Kreis des Himmels niedersenkt,
beglückte mich und zog den Blick hinin.
Der Planeten Lauf, der Venus süß gelenkt,
hatte den Osten hell geschmückt mit Licht,
als ich das Antlitz froh zum Süden lenkt.
Ich sah vier Sterne, die das Augenlicht
noch nie geschaut, seit jenen ersten vier,
die nun das Firmament vor uns bricht.
Der Himmel schien, als ob er schmückte hier
die Flammen, ach, wer weiß, ob sie wohl je
der Witwengrau entfliehen, gleich wie wir.
Als ich den Blick gewendet aus der Höh’,
wandt’ ich mich rechts, zum Pol, der tief dort lag,
und sah, dass meine Sterne nicht mehr, o weh!
Ich sah, wie er, der greise Mann, am Tag
allein dort stand, an Würde so belehnt,
dass keinem Sohn ein größrer Schmuck vermag.
Der Bart war weiß, von Haaren, die durchtränkt
mit Silber waren, gleich dem Haupte sein,
das sich in doppeltem Geflecht verschränkt.
Des Heiligen Lichts Strahlen drangen ein
in sein Gesicht, so hell, als ob der Sonne
die vier Gestirne ihre Kraft verleihn.
„Wer seid ihr, die ihr durch der Fluten Wonne
dem ewigen Kerker seid entronnen nun?
Wer hat geleitet euch aus tiefer Wonne?“
So sprach er, und sein Wort ließ uns nun ruhn,
er schüttelte das ehrwürdige Haar,
und ließ uns staunend bei der Arbeit tun.
Mein Führer beugte sich, und offenbar
ließ er den Kopf und auch die Kniee sinken,
mit Ehrfurcht, die den Blick dem Geiste dar.
Dann sprach er: „Ich bin nicht, um uns zu winken,
aus eigener Kraft, doch eine Frau vom Licht
ließ mich, damit wir Deine Gnade trinken.
Doch da Du willst, dass man das Herz aufbricht
und unser Schicksal hier erfahren will,
versage ich die Wahrheit Dir nun nicht.
Er hier hat nie den Tod geschmeckt im Still’,
doch durch den Irrtum war er fast verloren,
dass nur noch wenig Zeit ihm blieb, zum Grill.
Wie ich gesagt, hat man mich auserkoren,
ihm nun zu helfen, da kein andrer Weg,
als dieser, war für ihn wohl stets beschworen.
Ich hab’ gezeigt ihm all den bösen Steg,
nun zeig’ ich ihm die Geister, die sich reinigen,
im Berg, wo Gottes heiliger Segen reg.
Wie ich ihn führe, lass es sich vereinigen,
mit Deiner Wahl; er sucht die Freiheit nun,
die teuer ist, wie jene, die sich eignen.
Das weißt Du, denn für sie, um sie zu tun,
war der Tod in Utica nicht bitter schwer,
wo Du den Mantel ließest, nun zu ruhn.
Ewige Gesetze schaden nicht, denn sehr
ist sie nun frei, und Marcia bittet Dich,
dass Du sie hältst für Deine – doch nicht mehr.
Durch ihre Lieb’ erlaub’ uns väterlich,
dass wir durch Deine sieben Reiche gehn;
ich danke Dir, wenn Du nun weisest mich.“
„Marcia gefiel mir so, als wir noch sehn
im andern Licht“, sprach er, „dass jedes Wort,
das sie begehrte, durfte sie verstehn.
Doch nun, da sie am bösen, dunklen Ort,
darf sie nicht mehr durch jenes Recht bewegen,
das mir geboten ist an diesem Port.
Doch wenn ein Geist vom Himmel Dir entgegen
dich leitet, wie Du sagst, so brauchst Du nicht
mich zu beschwören, nur in Gottes Segen.
Geh hin, doch wisch’ den Schmutz von seinem Gesicht,
und wasch’ den Blick, der trüb’ ist von dem Qualm,
dass er vor Gott den Anblick nicht zerbricht.
Unten am Strand, am Rande, bei dem Halm,
da wächst ein Schilf, das zart und biegsam ist,
und dort erschallt des Meeres ferner Psalm.
Dort wasche ihn, wenn Du den Geist bemißt,
mit Tau, bis alle Schlacke ist verschwunden,
denn Stolz darf nicht, wo Gott die Seelen grüßt.“
Er schwand, und ich bin dann wohl aufgestanden,
und schwieg, und sah den Meister fest nun an,
und wir begannen, still mit festen Banden.
Wir gingen fort, den Weg, den man gewann,
wo schon die Sonne ihre Strahlen spie,
und wo der Tau den Morgen wohl vertan.
Wir kamen dort, wo kühle Lüfte, wie
ein Wind, den Widerstand der Flut noch rühren,
am Ufer, wo das Gras sich beugt zur Knie.
Da wusch er mein Gesicht, um mich zu führen,
mit jener Feuchte, die den Fleck entwich;
ich sah, wie meine Wangen sich nun zieren.
Dort wuchsen Schilfrohr, zart und löblich sich,
die er dann pflückte, dort am Uferrand,
und – o Wunder – es wuchs nach, wieder mich!
Haben diese Terzinen den Ton getroffen, den du dir für die Übersetzung vorgestellt hast, oder möchtest du, dass ich in weiteren Gesängen einen anderen Fokus (etwa stärkere Archaik oder modernere Wortwahl) setze?
GESANG II
Die Sonne war bereits an jenem Ort,
dessen Horizont den Mittagspunkt umschließt,
der Hierusalem hält in seinem Hort;
Und die Nacht, die ihr den Gegenlauf genießt,
stieg aus dem Ganges auf, mit Waage schwer,
die ihr aus ihren Händen oft entfließt,
Sodass die Wangen, weiß und rosig sehr,
der schönen Aurora, die bei mir nun stand,
im Alter wurden – grau und farb’ an mehr.
Wir waren noch am Ufer, an dem Rand,
wie Leute, die beim Gehen wohl noch sinnen,
den Weg noch suchen, der im Geist entbrannt.
Und siehe, wie beim nahen Tagbeginnen,
am Morgen, durch den Dunst auf roter Bahn,
der Mars in Feuerglut will stets entrinnen,
So sah ich – ach, möcht’ ich es neu erahn’ –
ein Licht über dem Meer so schnell sich regen,
dass kein Flug eines Vogels messen kann.
Ich wandte mich, den Blick kurz zu erlegen,
um meinen Führer neu dazu zu fragen,
da sah ich’s größer, heller uns entgegen.
Von beiden Seiten schien mir’s anzusagen,
ein Weiß, das schimmernd aus der Weite brach,
und drunter andre weiße Lichter ragen.
Noch wusste mein Gebieter nicht, was ach,
die weißen Dinge waren, bis die Schwingen
des Vogelschiffs sich zeigten, wie er sprach:
„O knie, o knie! Den Blick lass’ niederdringen!
Es ist ein Engel Gottes! Falte nun
die Hände, denn er wird uns Trost verbringen.
Sieh, wie er dient, nicht Werkzeug, nein, ein Thun,
kein Segel braucht er, keine Ruder mehr,
zwischen den fernsten Ufern will er ruhn.
Sieh, wie die Schwingen sich erheben schwer,
den Äther schlagend, der nicht altert nie,
wie Vögel, die ihr Gefieder heben sehr.“
Und wie er näher kam, das Schiff, o wie
es hellte sich, dass man nicht länger konnte
das Auge halten vor der Helligkeit, die
Göttlich entflammte; ich sah – o welch’ Wonne! –
den Steuermann, das Licht, den Engel rein,
als ob er säße auf dem Thron der Sonne.
An seinem Bug, da schienen – wie so klein –
mehr als hundert Seelen wohl zu singen:
„In exitu Israel“, beim Weine sein.
Das Lied erklang, und alles, was sie bringen,
ward nach dem Psalm, den man in Schriften las,
die alle Stimmen in den Einklang zwingen.
Er schlug das Kreuz, und alle, ohne Maß,
warfen sich nieder an den Strand, ganz schlicht,
wie er sie ließ, und dann – verblasst der Glanz –
Er ruderte zurück in helles Licht,
so schnell, wie er gekommen war mit ihnen,
allein, kein Gruß, kein Wort, das er noch spricht.
Die Schar, die dort geblieben war, sah minen,
als ob sie fremd im Lande wären hier,
und sahen sich um, wie Wanderer, die dienen.
Die Sonne, die mit ihren Pfeilen schier
den Steinbock aus der Mitte wollte jagen,
mit hellem Licht, strahlte auf uns nun schier.
Die Leute, die dort standen, ohne Klagen,
hoben den Blick zu uns und fragten leise:
„Wo führt der Weg hin, den wir hier ertragen?“
Mein Führer sprach: „Ihr meint, wir wüssten weise
den Weg zum Berg? Wir sind nur Gäste hier,
so fremd wie ihr, auf dieser harten Reise.
Wir kamen erst, noch kurz vor euch, nun schier
durch einen Weg, der mühsam war und schwer,
dass dieser Aufstieg uns als Spiel schien hier.“
Als sie mein Atmen sahen, nun so sehr,
dass ich noch lebe, da sie sahen wohl,
verwundert wurden sie und hielten mehr.
Einer trat vor, so voller Liebe, hohl
vor Sehnsucht, mich zu drücken, wie ich sah,
dass er mich wollte – fast ein schönes Wohl.
„Schatten“, rief ich, „doch Geist, den man mir nah
als Bildnis sandte, bleib bei mir, ich bitte!“
Er kannte mich, und ich ihn auch – es war,
Casella, der mich liebte in der Mitte
des Lebens, er, der singen konnte so,
dass er mir nahm die Sorgen, Schritt für Schritt.
„Wie damals, als ich in der Welt war froh,
lieb ich dich jetzt, wo ich befreit nun bin“,
sagte er, „doch warum zögerst du so,
Dass du nicht weiterschreitest? – Ich bin hin,
an diesem Ort, doch du, wie geht es dir?“
„Ich kehre zurück“, sprach ich, „mit meinem Sinn,
Doch du, Casella, bist du jetzt erst hier,
nach langer Zeit, die dir genommen war?“
„Kein Unrecht“, sprach er, „tat man mir nun schier,
Wenn er, der nimmt, wann er will, in Gefahr,
mich oft verweigerte, die Überfahrt,
denn sein Wille ist gerecht, das ist mir klar.
Seit drei Monaten nimmt er, in der Art,
jeden, der will, mit Frieden auf das Schiff;
so wandt’ ich mich zum Ufer, wo man harrt,
Beim Tiber, wo das Wasser, ohne Giff,
sich salzig mischt, und dort hat er mich dann
genommen, der er ist, am letzten Riff.“
Und ich: „Wenn kein Gesetz, das dich nun kann
von deinem Lied, das meine Seele stillt,
abhalten, wenn ich dir nun folgen kann,
Dann singe, bitte, dass mein Geist sich füllt,
mit etwas, das mir meinen Schmerz lindert,
und dass mein Herz die Ruhe nun enthüllt.“
Er begann so schön, dass noch, wenn es behindert
mich heute, die Erinnerung das Herz
mir rührt, und alles andere mindert.
Mein Führer und die Schar, mit süßem Schmerz,
waren so froh, wie wenn der Sinn allein
nur auf die Töne achtet, ohne Herz.
Wir lauschten still, dem göttlichen Verein,
da rief der Greis: „Was macht ihr, Geister träg’?
Was für ein Zögern hält euch nun hier ein?
Lauft auf den Berg, dass sich vom Schmutz, der weg
euch hält von Gott, die Haut nun lösen mag!“
Wie Tauben, die bei Futter, ohne Steg,
Zusammenkommen, fressend, ohne Schlag,
vergessend ihren Stolz, wenn sie nur speisen,
so flohen sie, und weg war jeder Tag.
Und wir, wir machten uns auf unsere Reisen.
GESANG III
Als sie in alle Winde nun zerstoben,
die Schar, die sich zum Berge wandte schier,
an jenen Ort, den Reue hat erhoben,
Drängt’ ich mich zu dem treuen Führer mir;
denn wie hätt’ ich den Weg wohl ohne ihn?
Wer hätt’ mich auf dem Berg geführt mit ihr?
Er schien von sich so tief bestürzt zu sein;
o edles Gewissen, das von reiner Art,
dass jeder kleiner Fehl schon brennt wie Pein!
Als seine Füße nun – die jede Fahrt,
die Eile, die den Anstand oft vergisst,
verließen, wie’s bei seinem Gehen ward –,
Da zog mein Geist, der erst wohl fest vergisst,
sich in sich selbst, und sah den Blick wohl an,
der nun die Sinne auf das Streben misst.
Die Sonne, die zu meinem Rücken rann,
zeigte vor mir den Schatten, der wohl brach,
denn nur in meinem Körper Licht zerann.
Ich wandt’ mich seitwärts, voller Furcht, ach, ach,
dass ich verlassen sei, da ich nur sah,
dass nur mein Schatten sich vor mir erbrach.
Mein Führer wandte sich, da er nun nah
bei mir wohl stand, und sprach: „Warum so bang?
Glaubst du, dass ich nicht bei dir bin, ganz nah?
Es ist Abend dort, wo mein Leib im Gang,
begraben liegt, in Neapel, fern von hier,
und Brundisium ihn einst von Brundisium empfang’.
Wenn also vor mir kein Schatten steht, schier,
so wundre dich nicht mehr als vor dem Licht,
das Strahl um Strahl durchdringt, wie durch ein Tier.
Der Körper, der dort liegt, den Schmerz nicht bricht,
der Kräfte, die in den Himmeln sind entbrannt,
denn Gott zeigt nicht, wie er die Gnade ficht.
Wer hofft, dass unser Geist mit dem Verstand,
der sich in eins, drei teilt, das Unendliche misst,
der ist wohl töricht, wie ein Kind am Strand.
Begnügt euch mit dem ‚Warum‘, das offen ist,
denn wenn ihr alles wissen wollt, ihr Menschen,
dann habt ihr nur das Leid, das euch umfließt.
Euch reicht, dass Gott die Ordnung will glänzen;
und hätte man die Welt gänzlich ergründet,
hätt’ nicht Maria für die Schuld die Grenzen.“
Ich schwieg, da er die Rede nun entzündet,
und ging zum Berg, die Köpfe tief gesenkt,
während mein Geist, der noch in Zweifeln gründet,
Sich auf die steilen Pfade nun gelenkt,
wo Fels auf Fels den Weg uns sehr erschwert,
und wir, die Kletterer, die Zeit verschenkt.
„O sag“, sprach ich, „wer uns den Pfad wohl nährt,
und sag, ob wir hier steigen, ohne Hast?“
Denn schwach war mein Schritt, der alles noch entbehrt.
Er blickte auf, die Last, die er umfasst,
und sprach: „Kein Schritt ist leicht an diesem Ort,
und doch, wer oben will, der hat die Rast.
So klein ist er, der Eingang, fern vom Port,
dass man ihn kaum mit andern Wegen kennt;
der Berg ist hier das Ziel, ein heiliges Wort.
Wie eine Mauer, die den Weg wohl trennt,
so steht er steil, und wir, wir müssen ziehn,
bis einer, der uns hilft, die Sorge brennt.“
Wir kamen an den Fuß, den wir nun fliehn,
an jenen Hang, der so steil ist und schwer,
dass Vögel kaum mit ihren Flügeln ziehn.
Wer stiege hier? Der Mensch, er bückt sich sehr,
der Schatten, der uns folgte, war hier klein,
ich wusste nicht, wie wir hinauf zum Heer.
Ich stand noch still, und sah in den Schein,
den Fels entlang, nach einer Stelle aus,
da sah ich Leute, die – wie Geister klein –
Sie schienen, wie sie zogen aus dem Haus,
sich langsam bewegend, kaum ein Schritt zu sehn,
sie kamen näher, wie ein ferner Strauß.
„O Meister“, sprach ich, „bleib, wir müssen gehn,
siehst du die da, die ihre Hände heben,
wenn du nicht kannst, so lass uns hier bestehn!“
„Ich werde sie“, sprach er, „zum Lichte heben,
sei nur geduldig, lass den Geist nicht fallen,
sie kommen, um uns ihre Kraft zu geben.“
Sie kamen wie ein Strom, mit sanftem Schallen,
und als sie uns erreichten, hielten sie,
als ob sie staunend auf dem Wege wallen.
„Ihr, die ihr lauft“, so riefen sie, „o wie
habt ihr es eilig! Sagt uns, wer ihr seid,
damit wir wissen, wohin ihr zieht, wie?“
Mein Führer sprach: „Wir gehen in der Zeit,
doch wer ihr seid, das müsst ihr uns nun sagen,
denn Zeit ist kostbar, in der Ewigkeit.“
Einer trat vor, mit sanften, schönen Klagen,
„Ich bin Manfred“, sprach er, mit bleichem Sinn,
„der Enkelin von Kaiserin, mit Wagen.
Wenn du mich siehst, so sag’ den Leuten hin,
die mich geliebt, von meinen Wunden zwei,
dass ich nun hier, in Gottes Gnaden, bin.
Die erste Wunde war der Stolz, wie frei,
doch dann, im Tode, hab’ ich Reue gezeigt,
und Gott hat mir vergeben, wie er sei.
Mein Geist war schwarz, doch Gottes Güte neigt,
sich zu den Armen, die zum Himmel schaun,
und Gottes Erbarmen, das sich uns nun zeigt.
Wären die Priester, die sich auf das Baun
der Macht verstehn, dem Wort gefolgt so rein,
hätten sie mich nicht fern von Gottes Raun.
Verflucht sei jeder, der im stolzen Schein,
mich aus der Erde riss, um mich zu schänden,
und mich begrub, dort, wo ich wollte sein.
Doch Gottes Fluch trifft nicht, in seinen Händen,
die Liebe, die sich wandelt, wenn sie will,
und Gott kann auch die Sünden dann beenden.
Ich starb im Kampf, doch er ist nun so still,
dass ich vergeb’, die mich im Zorn verdammt,
da Gott die Liebe, die uns retten will,
In ihre Hände gab, die nun entflammt,
mich in das Licht der Ewigkeit geführt,
woraus ein jeder, der zum Heil verdammt,
Zum Leben strebt, das nur die Liebe rührt.“