DANTE GÖTTLICHE KOMÖDIE (TEIL 2)

DEUTSCH VON TORSTEN SCHWANKE

Diese Nachdichtung widme ich meiner toten Geliebten Karine



GESANG IV


Wenn durch Genuss der Sinne oder Schmerz,

der auf ein einzelnes Vermögen zielt,

die Seele ganz sich schenkt mit ganzem Herz,


Dann scheint es, dass sie nichts mehr sonst erfühlt;

und dies widerspricht dem Irrtum, der da lehrt,

dass eine Seele sich im Leibe kühlt.


Es ist, als ob ein Geist sich erst verzehrt

in dem, was er als Wahrheit nun erblickt,

dass Zeit verrinnt, und er nicht aufbegehrt.


Denn eine Kraft ist es, die uns erquickt,

und eine andere, die im Leibe wacht,

die in den Schranken des Verstandes nickt.


Ich hörte dies, und staunte ob der Macht,

da jene Seelen nun zur Mittagszeit

schon weiter waren, als ich wohl gedacht.


„Warum“, sprach ich, „seid ihr zu dieser Weit

so schnell gekommen, ohne Rast noch Ruh?“

Er sprach: „Du siehst, wie Zeit verfliegt im Kleid.


Ich schritt so schnell, denn Gott gab mir dazu

die Kraft, die aufwärts zieht, in hehrer Bahn,

und meine Schritte kamen deinem zu.


Wir sind bei fünfzig Graden angeahn,

seitdem die Sonne ihren Lauf vollbracht,

und doch, wir kamen hier an, ohne Plan.“


Ich sah sie sitzen, nun bei einer Macht,

im Schatten eines Felsens, müde schier,

wie einer, der im Leben viel vollbracht.


„O guter Geist“, sprach ich, „sag’ mir nun hier,

steigt dieser Berg noch weiter in die Höh’?

Kann ich den Weg noch finden, ich und ihr?“


Und er: „Wer ohne Hilfe geht, o weh,

der bleibt hier sitzen, in der Mittagsruh,

und wartet, bis der Schatten geht im Schnee.


Doch wenn ich steige, dann schließt du dich zu?

Komm, lass uns gehen, bis der Tag noch bricht,

und wir den Gipfel sehen, mit dem Schu.“


„O süßer Vater“, sprach ich, „hier ist Licht,

lass uns nicht zögern, lass uns weiter gehn,

denn diese Kraft verlässt mich sicher nicht.“


Wir stiegen auf, die Felsen, die man sehn

musste, um weiter zu den Höhen dort,

wo uns die Füße kaum noch konnten stehn.


„O Gottes Gnade“, sprach ich, „dieser Ort

ist mühsam, steil, ein schmaler Pfad nur hin,

das ist des Leidens und des Aufstiegs Hort.“


Ich keuchte schwer, und in dem tiefen Sinn,

da war es Belacqua, der dort saß,

der mich nun rief, als ich erst kaum darin.


Er saß dort, um die Mühe zu vergessen, das

Maß der Trägheit, die ihn einst umgab,

als er im Leben war, in jedem Gras.


„Du, der du hier aufsteigst, schau nicht ab“,

rief er mir zu, „bewahr dir deine Kraft,

denn Trägheit führt dich nur in das Grab.“


Ich sah ihn an, und in der Leidenschaft,

erzählt’ ich ihm, wie sehr ich mich wohl quälte,

doch er blieb sitzen, in der Unbedarft.


„Geh nur“, sprach er, „denn ich, der hier erwählte,

die Ruhe nun, ich warte hier, bis Gott

mir gnädig ist, wie er es schon erzählte.“


Wir gingen weiter, durch den Fels und Spott,

der Berg war hoch, die Sonne stand nun tief,

die Schatten fielen, wie ein dunkler Gott.


Mein Führer sprach: „Siehst du, wie nun der Brief

des Himmels sich zur Erde neigt und beugt,

dass Zions Sonne nun im Westen rief?“


Ich schaute auf, und sah, wie sich bezeugt,

die Sonne, die die Welt in Schatten hüllt,

und wie die Kühle nun die Luft verneigt.


„Was ist das für ein Lauf, der sich enthüllt?“

fragte ich ihn, „die Sonne, die dort steht,

und deren Licht den ganzen Himmel füllt?“


Er sprach: „Wenn du die Sonne, die nun geht,

betrachtest, wirst du sehen, wie der Lauf

des Himmels sich um sich nun selber dreht.


Wir sind auf Erden, in der Reise Kauf,

und müssen nun den Berg der Reinigung,

besteigen, ohne Zögern, ohne Lauf.“


Ich sah, dass Gott die Ordnung, die im Ring,

des Firmaments sich zeigt, auch hier bewahrt,

und uns den Weg, zum Lichte, selber bringt.


„O Meister“, sprach ich, „diese Müh’ der Fahrt,

ist sie nun ewig, oder gibt es Ruh,

bevor die Seele Gott in rechter Art?“


Er sprach: „Der Berg ist hoch, das weißt du nu,

doch wenn die Seele einmal oben steht,

dann findet sie die Ruhe, die dazu.


Bis dort, der Weg, der steil zum Himmel geht,

denn je man steigt, desto die Last wird leicht,

bis dass die Seele in dem Lichte steht.“


Wir stiegen weiter, und die Zeit, die schleicht,

nun langsam fort, zum Abend, in der Stille,

bis dass das Licht der Sterne sich erreicht.


Wir folgten nur dem unerbitt’gen Wille,

der uns zum Gipfel führen wollte nun,

und jeder Schritt war schwer, auf dem Gefilde.



GESANG V


Ich war bereits von jenen Geistern fort,

die mich mit Staunen über meinen Leib

bedrängt, an jenem steilen, rauen Ort.


„Was schert dich“, sagte einer, „dieser Zeitvertreib?

Sieh doch, wie dort die Wolke Schatten wirft,

und wie die Sonne sich verfängt im Leib.“


„Warum noch zögerst du, das Ohr zu schärfen?“

Mein Meister sprach’s, und wir, wir gingen weiter,

ohne die Furcht, die uns zum Stehen wirft.


Da kam von vorn, auf dem nun schmalen Leiter,

ein Chor von Seelen, der sich singend wandte:

„Miserere“, im Ton, so tief und heiter.


Als sie nun sahen, dass ich – wie ich kannte –

den Strahl des Lichts durch meinen Körper brach,

verstummte ihr Gesang, den ich benannte.


„Warum“, so fragten sie, „hast du den Ach

des Lichtes noch, als ob du Sterblicher,

der nicht den Tod erfuhr, den Weg nun brach?“


„Geht weiter, Geister“, rief mein Lehrer her,

„und sagt zu euren Freunden, dass der Leib,

der hier noch wandelt, lebend ist und schwer.“


Sie kehrten um, im schnellen Zeitvertreib,

und eine Schar, wie sie bei Abend kommt,

kam auf uns zu, mit stillem, treuem Weib.


„Sie kommen noch, die uns nun hier belohnt“,

sprach mein Begleiter, „geh nur langsam zu,

und hör, was jeder von der Reise thront.“


„O Seele“, riefen sie, „o komm zur Ruh,

die du im Fleische gehst zur Seligkeit,

schau auf und sag, ob einer hier im Schu


Von uns dich kennt, in deiner Erdenzeit?

Ach, warum gehst du nicht, warum so still?

Wir sind gewaltsam aus dem Leben befreit.“


Ich sagte: „Ich erkenn’ euch nicht im Quill

der Geister, die ich hier im Gehen treffe;

doch was ihr wollt, das tue ich, ich will


Euch helfen, durch den Wunsch, den ich betreffe,

der mich von Welt zu Welt nun führt und leitet,

und in die Himmelsfreud’ ich mich verhefte.“


Der Erste sprach: „Der Frieden, der sich breitet,

beim Gott, der uns den Trost nun endlich gibt,

sei dein, durch Gnade, die sich uns bereitet.


Doch sag, wer uns in jener Welt geliebt,

und wer von Fano dich nun grüßen lässt,

damit ich dort, wo meine Schuld nun siebt,


Ein Gebet tu, beim Herrn, der uns nun fest

im Lichte hält, und gnädig uns bewahrt,

vor jenem Stolz, der uns die Seele presst.“


„Ich kenne“, sprach ich, „deine Leidensart

nicht genau, doch deine Worte klingen

wie jene, die von Fano, hart und zart.“


Und er: „Ich bin Jacopo, zum Springen

bereit, aus der Romagna, dort am Fluss,

wo meine Feinde mich zum Tode bringen.“


Ein Andrer sprach: „Ich bin von, durch den Kuss

des Leids, Buonconte, ich, der hier nun ruht,

allein, in Sünden, in dem letzten Guss.“


„Ach“, sprach ich, „welche Macht in deiner Wut,

hat dich so fern von Campaldino geführt,

dass man dein Grab nicht fand, in seiner Glut?“


„Oh“, sprach er, „unter dem Casentino rührt

der Archiano sich, in seinem Lauf,

der dort zur Mündung, in den Arno führt.


Dort kam ich an, mit Wunden, voller Kauf,

und floh zu Fuß, das Blut, es rann vom Hals,

ich betete zu Gott, im letzten Lauf.


Der Teufel kam, und nahm mich – ohne Bals –

‚Warum raubst du mir ihn?‘, rief der Himmelsbote,

‚Du nimmst den Leib, doch für den Geist, des Mahls,


Ist er für mich!‘, und ich, ich floh zum Tode,

und Gottes Liebe, die im Kleinen lebt,

erhörte mich, in meiner letzten Note.“


Dann sprach die Dritte, die sich leise hebt:

„O wenn dein Wunsch erfüllt wird, in der Welt,

und wenn du dort, wo du nun wieder strebst,


Hilf mir, Pia, die mir das Leben hält,

Siena schuf mich, und Maremma nahm

das Leben mir, in einer Zeit, die fällt.“


So sprach die Seele, in dem Geist, der kam.



GESANG VI


Wenn bei dem Würfelspiel das Spiel sich trennt,

der Verlierer bleibt zurück, voll Gram und Pein,

und wiederholt den Wurf, den er erkennt,


Da drängt sich alles Volk mit ihm hinein;

der eine geht voran, der andre greift

von hinten ihn, der dritte seitwärts klein.


Er hält nicht an, doch blickt, wo er gestreift,

gibt jedem seine Hand, und sie verstummen,

wenn er die Last der Hoffnung in sich reift.


So ging ich durch die Schar, mit leisem Brummen,

wandt’ mich zu ihnen, und mit manchem Wort

konnte ich die Furcht, die mich ließ stumm, verstummen.


Da sah ich Aretin, der an dem Ort

durch wilden Tod sein Ende hat gefunden,

und andre, die im Beten sind an Bord.


Da bat ich um das Heil für ihre Wunden;

„O Licht“, sprach ich, „du sagst in deinen Schriften,

dass kein Gebet die Ewigkeit gefunden,


Dass Gottes Wille, der die Welt in Klüften,

nicht durch das Bitten sich von seiner Bahn,

von seiner festen Ordnung lässt entgiften?


Warum hofft dieses Volk, in ihrem Wahn,

dass durch ein Gebet, das hier auf Erden,

die Sehnsucht sich erfüllt, im Himmelsplan?“


Er sprach: „Die Schriften sind, in allen Pferden,

nicht blind, und diese Hoffnung ist kein Trug,

wenn man die Logik sieht, in ihrem Werden.


Denn der Gerechtigkeit, die jeden Zug

mit Liebe wiegt, verliert nicht an der Schwere,

wenn ein Gebet den Sündern hilft im Flug.


Denn hier ist das Gebet, das aus der Leere

zu Gott sich wendet, voller Reue Schmerz,

das aus der Sünde führt, in Gottes Ehre.


Doch frag nicht weiter hier, in deinem Herz,

warte auf sie, die als mein Licht erstrahlt,

und dir die Wahrheit zeigt, mit ihrem Schmerz.“


Ich sagte: „Meister, schon wird mir bezahlt,

mit jener Dame, von der ich gesprochen,

doch sag mir, wer dort drüben sich entmalt?“


Er blickte nicht, doch sah die Seele pochen,

allein und stolz, mit Blicken fest und schwer,

als ob sie den Frieden hier noch nicht gebrochen.


Wir traten näher, und mit großer Ehr’

fragte mein Führer: „Geist aus Mantua,

sag, wo bist du zu Haus, in diesem Meer?“


Kein Wort entwich ihm, als er uns nun sah,

„Sag mir“, sprach er, „wer bist du, woher kommst du?“

Mein Meister sprach: „Ich bin von Mantua!“


Da sprang der Schatten auf, mit einem Nu,

„O Mantuaner, ich bin Sordello, dein

Landsmann!“, und sie fielen sich bald zu.


O Italien, Sklavin, Land der Qual und Pein,

du Schiff bei Sturm, das keinen Lenker hat,

du Hure nicht, doch voller Stolz und Schein!


Dieser Geist, so edel, mit dem ersten Rat,

umarmte seinen Freund, bei bloßem Namen,

doch in den Städten wächst nur Zwietracht, glatt.


Die Lebenden, sie beißen sich, in Ramen

der Mauern, die sie schützen vor der Not,

und alle, die im Arno baden, kamen.


Such an den Küsten, wo das Schicksal droht,

such auf den Inseln, wo das Unrecht wacht,

und heile dein Herz, das in der Trennung loht.


Was hilft es, dass die Ordnung, in der Nacht,

Justinian die Zügel gab, mit Recht,

wenn niemand auf dem Sattel sitzt, mit Macht?


Die Kirche, die den Zügel hält so schlecht,

vergiss die Zügel nicht, bei Gottes Wort,

denn Stolz führt nur zum Untergang, ins Recht.


O deutscher Albert, der den Thron so fort

verlässt, und lässt das wilde Tier gedeihen,

lass Gottes Zorn nun kommen, an den Ort!


Sieh, wie Italien, in den dunklen Reihen,

Dich ruft, und klagt, weil sie so einsam ist,

und lass ihr Licht, in deiner Gunst, gedeihen.


Komm, sieh, wie Rom, die um dich bangend misst,

dich ruft: „Mein Caesar, warum lässt du mich?“,

und sieh, wie sie, im Untergang, vergisst.


Komm, sieh dein Volk, das Gott nun liebt, für dich,

und wenn dich kein Mitleid, im Herzen rührt,

dann fürchte dich, vor Gottes Urteil, mich!


O Sonne, die für mich die Reise führt,

sag, ist es recht, dass du dich abgewandt?

Ist Gott, der für uns starb, durch uns berührt?


O Gott, die Welt, sie ist ein leerer Strand,

und in der Stille, die hier herrscht, allein,

erwarte ich das Licht, in deinem Land.



GESANG VII


Nachdem die Grußesworte, schön und rein,

drei-, viermal wiederholt, zu Ende gingen,

trat Sordello zurück, als wollt’ er sein


Bescheidenheit nun zeigen in den Dingen:

„Wer seid ihr?“, fragte er mit ernstem Sinn,

während wir noch an seinen Worten hingen.


„Bevor die Seelen, die zum Berg noch hin

erlöst sein sollten, dort den Schöpfer sahn,

war meine Asche schon dem Grab entliehen.


Ich bin Vergil; um Himmels willen, kann

ich nicht das Licht des höchsten Herrn erlangen,

weil ich den Glauben nicht besaß als Mann.“


So sprach mein Führer, Sordello, in Bangen

der Ehrfurcht, starrte ihn nur staunend an,

bis seine Lippen ihn zum Wort gezwungen:


„O du, durch den die Sprache erst begann

zu glänzen, Stolz der Mantuaner Welt,

welch Glück hat uns dich hierher wohl gebannt?


Sag mir, wenn ich es wert bin, ob dir fehlt

die Schau des Lichts – und aus welchem Ort

kommst du, der du den Himmel schon erwählt?“


„Kein Ort ist mir verwehrt, kein festes Wort

beschränkt mich hier, nur dass ich ohne Licht

den Abgrund wähle, als mein ewig’ Hort.


Ich bin Vergil, der einst, nach Gottes Pflicht,

verlor das Paradies durch Glaubensmangel,

das ist der Grund, warum mir Licht gebricht.“


Sordello, der des Staunens in dem Winkel

der Seele noch verharrte, sprach nun leise:

„Du bist der Geist, der aus dem hellen Klinker


Der alten Kunst uns lehrt die rechte Reise?“

Er beugte sich, als wollt’ er Kniee beugen,

in seiner Ehrerbietung, auf die Weise.


„Doch sag“, so sprach er, „darf ich Zeugen

der Gegend sein, wo Gottes Gnade walte?

Darf ich dein Auge auf die Seelen zeugen?“


Er führte uns in ein Tal, das sich entfaltete

mit grünem Gras, das wie ein Smaragd erstrahlte,

wo sich die Blumen in den Farben schaltete.


Kein Maler, der den Pinsel fein bemalte,

könnte die Düfte, die dort in der Luft

sich mischten, wie der Frühling, der entfaltete.


Dort sangen sie, in einer sanften Gruft:

„Salve Regina“, in dem Abendlicht,

das uns den Frieden in die Seele ruft.


„Hier ist es dunkel, und das Angesicht“,

sprach Sordello, „darf man nicht mehr weitergehn,

wenn die Sonne sinkt, wie das Gesetz verspricht.


Man kann nicht aufwärts steigen, nicht bestehn,

wenn es schon Nacht ist, denn der eigne Wille

kann nur am Tage auf den Gipfel gehn.


Daher, wenn wir hier warten in der Stille,

können wir Orte finden, wo das Licht

noch sanft uns leuchtet, ganz nach Gottes Wille.“


Er nahm uns mit, an einen Hang, der schlicht

das Tal überblickte, und ich sah

die Seelen, die ihr Schicksal hier erst bricht.


„Siehst du den dort?“, er sprach, „er kam nicht nah

an Gott, er war der Kaiser, der nun liegt,

mit leerem Blick, der Sorgen noch in nah.


Der dort, in seiner Sorge, der sich wiegt,

war Rodolf, der das Glück von Deutschland ließ,

der nun die Wunden seiner Söhne kriegt.


Der andere, der dort schaut, in dem Gefließ,

ist Ottokar, sein Sohn, der in der Jugend

die Welt regierte, bis er sie verließ.


Und dort, der kleine Mann, der aus der Tugend

des Alters zehrt, war Philipp, der nun ruht,

und Ludwig, der durch Stolz verlor die Jugend.


Siehst du den König, der in alter Glut,

Peter von Aragon, der dort nun singt,

in Eintracht, mit dem Schwiegersohn, in Mut?


Wie jeder Geist, der nun zusammenbringt

die Herzen, dort im Tal, im Abendrot,

wo Gottes Gnade uns zur Ruhe bringt.“


Ich sah das Tal, das in dem Abendnot

der Hoffnung leuchtete, ein Bild von Pracht,

das uns den Weg, zum ewigen Leben, bot.



GESANG VIII


Die Stunde war, die Sehnsucht neu entfacht,

bei jenen, die zur See ihr Herz nun wenden,

wenn Abschied genommen wird, am Tag, der wacht,


Und wenn das neue Wort, in allen Enden,

das Herz des Pilgers rührt, der in der Ferne

ein Läuten hört, das Tag und Nacht will blenden:


Da fing ich an, nicht mehr in das, was gerne

mein Ohr vernahm, zu hören, doch ich sah

einen Geist, der aufstand, unter allen Sterne.


Er hob die Hand, und rief, als ob er nah

dem Himmel wäre: „Te lucis ante“, sang

er so andächtig, dass mein Geist erlag.


Die andern Seelen, in dem vollen Gang,

folgten ihm nach, mit Augen, die zum Licht,

das oben leuchtet, in dem süßen Klang.


Hier, Leser, schärf den Blick, der alles bricht,

die Lehre ist verborgen, unter Schleiern,

die feiner sind, als jedes Menschensicht.


Ich sah das Heer der Seelen, bei den Feiern,

die schweigend aufwärts blickten, bleich und rein,

als ob sie auf das göttliche Licht erst eiern.


Da sah ich zwei der Engel, die nun sein,

mit flammenden Schwertern, die sie niederbrachten,

doch ohne Spitzen, in dem hellen Schein.


Grün, wie das Blatt, das aus dem Keim erwachten,

war ihr Gewand, das hinter ihnen wehte,

während sie in der Luft die Stille brachten.


„Sie kommen“, sprach Vergil, der nun erflehte,

dass ich sie grüße, „aus dem Schoß der Maria,

um uns zu schützen, wie der Himmel wähle.“


Ich sah sie beide, in dem Glanz der Söhne,

doch einen sah ich nicht, er war verschwunden,

in dem, was ich nun sah, an Gottes Schöne.


Sordello sprach: „Nun sind wir wohl verbunden,

wir steigen nieder, in das Tal, zum Grund,

und schauen uns die Geister an, in Stunden.“


Ich stieg drei Schritte, in dem grünen Rund,

und sah einen Geist, der mich nur ansah,

als ob er mich erkannte, in dem Bund.


Es war Nino, der Richter, der mir nah

als Freund wohl war, o wie ich mich nun freute,

dass er nicht bei den Verdammten nun geschah!


„Wie kommst du hierher?“, fragte er, „in Breite

des Ozeans, zu diesem Berg, der weit

uns von der Welt der Lebenden nun leite?“


„Ach“, sprach ich, „durch den Nebel der Zeit,

bin ich hierher, zum heiligen Berg, gekommen,

um die Erlösung zu suchen, in Ewigkeit.“


Er lächelte, und sprach, mit Stimmen, benommen:

„Ich bitte dich, durch die Liebe, die du kennst,

wenn du bist wieder dort, wo wir entnommen,


Sag meiner Tochter, dass sie sich verbrennt

in Gott, und nicht die Welt mehr liebt allein,

wie sie es tut, wenn sie die Welt nun trennt.“


Ich sah dort einen Geist, im Mondenschein,

der aufwärts blickte, wie ein Geist im Flug,

ich fragte, wer er sei, in diesem Sein.


„Es ist Conrad“, sprach Sordello, im Zug,

„der sein Geschlecht durch seine Tat begründete,

und die Tugend, die er uns nun trug.“


„O Seele“, rief ich, „durch das, was dich gründete,

bei deinem Adel, der in deiner Welt

sich durch die Ehre, die dich nun verbündete,


Sag mir, ist in der Romagna, die nun hält,

der Friede fest, oder ist er verloren,

weil Gott in deinem Lande nun umstellt?“


Conrad sprach: „Dein Stolz ist dort geboren,

doch die Gier, die in den Herzen wächst,

hat jeden Frieden aus dem Lande geschoren.“


Da kam ein Licht, wie ein Schimmer, der verhext,

vom Himmel her, und schlug die Schlangen nieder,

die dort im Grase, bei den Blumen, text.


Ich sah sie fliehen, in den schnellen Gliedern,

und die Engel stiegen auf, zum Himmelszelt,

und kehrten wieder, in den hohen Gefilden.


Die Schlange, die mit Gift das Gras entstellt,

floh, und die Seelen, die vor ihr wohl bangten,

sahen den Schutz, der Gottes Macht nun hält.



GESANG IX


Die Buhle des alten Tithonus, bleich und kalt,

kam nun vom Ufer ihres Liebsten her,

als sie den Morgenschleier hob im Wald.


Ihr Antlitz leuchtete mit Sternen sehr,

und jener Skorpion, den sie im Sinn

am Schwanz trägt, stach nun tief im Dunkel mehr.


Wir, die wir fünf, dort wo wir ruhten hin,

die Nacht war’s, die den Schlaf uns brachte schwer,

und ich, der ich im Schlummer lag darin,


Träumte, als an der Morgenröte Meer

ein goldner Adler mit den Schwingen stieg,

bereit zum Aufstieg, in den Wolken quer.


Mir schien, als ob er dort, wo Ganymed wohl kriegt

den Sitz der Götter, kurz verweilte wohl,

und dann, in Flammen, uns zum Feuer wiegt.


Ich fürchtete, er brenne mir den Pol

des Geistes weg, und dann – so dacht’ ich schier –

entzündete er mich, ganz wundervoll!


Das Feuer war so groß, in meiner Gier,

dass ich erwachte, und mein Herz erschrak,

wie Achill, als er wachte, fern von hier.


Ich wusste nicht, wo ich wohl lag, im Tag,

doch als ich neben mir den Meister sah,

da fühlte ich den Trost, der mich dann trug.


„Hab keine Furcht“, sprach er, „wir sind ja nah

am Ziel, doch sei nun stark, bei diesem Pfad,

denn wir sind schon am Eingang, Gott ist da.“


„Du bist nun hier, am Tor, das keine Saat

der Sünde kennt; Lucia kam, im Licht,

und hob dich auf, bei deiner nächt’gen Tat.“


Wie einer, der verwirrt ist, der nicht spricht,

und doch Vertrauen fasst, wenn er nun weiß,

dass ihn die Rettung aus der Sorge bricht,


So tat ich, und wir gingen, ohne Fleiß,

zum Felsen hin, der uns den Weg versperrt,

ein Spalt, der schien wie eine Wunde, heiß.


Das Tor war da, mit Stufen, die den Wert

des Aufstiegs zeigten; die erste war so weiß,

dass ich mein Spiegelbild in ihr verehrt.


Die zweite, schwarz, aus Stein, der wie ein Kreis

von Rissen durchzogen, spröde und hart,

erzählt von Schmerz und Reue, auf die Weis’.


Die dritte, purpurn, wie das Blut, das zart

aus einer Ader quillt, ein Zeichen schwer,

für jene, die ihr Herz bewahrt auf Art.


Der Engel Gottes saß auf dieser Ehr’,

die oberste der Stufen, hell und rein,

ein Schwert in Händen, das er hielt so sehr,


Dass meine Augen kaum im hellen Schein

des Schwertes halten konnten – hell wie Blitz,

das aus dem Stein des Paradieses sein.


„Was wollt ihr hier?“, sprach er mit ernstem Witz,

„Sagt, wer ist euer Führer, seid ihr bereit?

Hütet euch, dass nicht der Zorn euch schlägt mit Schitz.“


Mein Lehrer sprach: „Eine Frau, der Ewigkeit

Kundige, sagte uns: ‚Geht dort hinein,

das Tor ist offen, in der Gotteszeit.‘“


„So grüße sie, und lass uns Gutes sein“,

sprach der Wächter nun und öffnete das Tor,

„Kommt rein, doch kehrt nicht um, in euren Schein!“


Sieben P an meine Stirn, mit dem Schwert hervor,

zeichnete er nun ein, ein Mahl der Pein,

„Wasch diese ab, wenn du das Reich betratst vor!“


Die Asche oder Erde, wie der Stein,

in einer Farbe, die das Gewand uns gab,

kam aus dem Schlüsselloch, in den Schein.


Er nahm die Schlüssel, zwei, und stieg hinab,

den einen golden, den andern silberhell,

und drehte sie, als ob er Sorgen ab


Von mir nun nähme; „Der Schlüssel ist so schnell,

wenn einer nicht den Weg zum Gehen fand“,

sprach er zu uns, „das Tor ist nun mein Quell.


Der eine ist schwerer, wenn man nicht den Rand

der Reue kennt, die Liebe ist das Licht,

das ihn aufschließt, im ganzen Gottesland.“


Er stieß das Tor auf, das nicht mehr zerbricht,

und wir hörten ein Geräusch, ein Tönen laut,

wie eine Orgel, die den Himmel bricht.


Da stand ich, der ich auf die Töne baut,

und sah, wie sich das Tor zum Pfade wand,

und wie mein Herz nun Gott, in Liebe, traut.



GESANG X


Als wir das Tor durchschritten hatten, das

der Wille der Begierde uns versperrt,

da war es Gott, der uns den Weg nun maß.


Das Tor, das sich in seinem Gange ehrt,

schloss sich – ein Zeichen, dass die Zeit der Gnade

uns nun den Aufstieg, den ersehnte, nährt.


Wir stiegen einen Pfad, in freiem Pfade,

durch Felsen, die sich wanden, hin und her,

wie Wellen, die den Sturm auf hoher Wade.


„Hier muss man langsam geh’n“, sprach er so sehr,

„und Füße setzen, sanft, im rechten Takt,

dass wir nicht straucheln, in dem Weg so schwer.“


Der Fels, der uns umgab, war wie ein Pakt

aus weißem Marmor, glatt und ohne Zier,

als ob die Kunst schon in dem Stein erwacht.


Nicht nur Polyklet, nein, die Natur, sie schier,

hätte hier ihre Meister wohl gefunden,

in dem, was Gott uns hier gezeigt an Zier.


Ein Engel, der vor uns die Welt verbunden,

mit seiner Botschaft, die das Leid beendete,

stand dort, so lebendig, in den Sekunden.


Man sah nicht, dass er schwieg, man hätte wendete

sein Ohr dem Wort: „Ave“, das er wohl sprach,

als Maria sich dem Heiland hin wendete.


Das Bild war so, dass man in seinem Fach

Maria sah, die sich zum Herrn nun neigte,

und alles Leid der Welt, in ihr, zerbrach.


Ein andres Bild im Marmor nun sich zeigte,

David, der die Lade auf dem Rücken trug,

und durch den Tanz die Demut uns nun zeigte.


Er war nicht König, wie man ihn wohl schlug,

er war nur einer, der vor Gott nun stand,

in seiner Freude, die den Stolz wohl trug.


Michal, die aus dem Fenster blickte, Hand

an Hand, mit Stolz und Hochmut in dem Blick,

sah auf ihn herab, in ihrem Stand.


Ich wandte mich, um zu erkennen, Stück

für Stück, ein neues Werk, das vor mir lag,

eine Geschichte, die den Stolz, im Glück,


Uns lehrte, in dem Licht des neuen Tag.

Da war Trajan, der Kaiser, der nun stand,

vor einer Witwe, in dem herben Schlag.


Sie weinte um den Sohn, in ihrem Land,

die Wunden offen, in dem Schmerz so tief,

und griff den Kaiser, fest, mit ihrer Hand.


„Rache, mein Herr!“, sie in der Menge rief,

„Mein Sohn ist tot, und Rache will ich nun!“

Und er: „Warte, bis ich wiederkehre, schief


Die Arbeit, die ich habe, wohl zu tun.“

Sie sprach: „Und wenn du nicht mehr kehrst, mein Herr?“

„Dann wird mein Nachfolger, in seinen Ruhn,


Dir helfen, bei der Rache, wohl so sehr.“

Sie sprach: „Was hilft dir andrer Wohltat Schein,

wenn du vergisst, die Pflicht, die drückt dich schwer?“


Er hielt inne, und sah, im Sonnenschein,

dass sie nicht gehen wollte, ohne Recht,

und gab ihr Trost, in ihrem harten Sein.


Das alles war im Marmor, hell und echt,

und ich, der ich das Staunen nicht verlor,

sah Geister kommen, auf dem Wege, recht.


„Sie kommen langsam“, sprach der Geist, hervor

aus seinem Schweigen, „um die Reinigung

zu finden, durch den Demut, vor dem Tor.“


„O Menschen, voller Stolz, in eurer Schwung“,

rief ich, „erkennt ihr nicht die Leere, schier,

dass ihr nur seid ein Wurm, in eurem Sprung?“


Die Geister kamen, beugend sich nun hier,

unter der Last, die sie nun tragen mussten,

ein jeder stöhnend, in dem Schmerz, dem Gier.


Sie waren nicht mehr hoch, in ihren Lüsten,

sie krochen wie Skulpturen, schwer und matt,

und suchten Gottes Gnade, in den Küsten.


„O ihr, die ihr nun beugt euch, in dem Blatt

des Schicksals, seid nicht stolz, seid demütig,

denn Gott allein hat das, was Leben hat.“


So stiegen wir, auf den Fels, so stetig,

und ich, der ich den Stolz in mir nun fühlte,

wurde, durch ihren Anblick, nun stetig.



GESANG XI


„O unser Vater, der im Himmel wohnt,

doch nicht umgrenzt, da du, in deiner Liebe,

den ersten Werken dort im Licht nun thronst:


Geheiligt sei dein Name, und die Triebe

deines Geistes mögen uns stets leiten,

da wir dein Reich ersehnen, ohne Diebe.


Wie wir auf Erden, in den ird’schen Zeiten,

dir das Gebet, das Opfer bringen dar,

lass uns in deinem Willen nun begleiten.


Das tägliche Manna, das so wunderbar,

gib uns heut’ auch, damit wir nicht ermüden,

auf diesem Pfad, der steil und schwierig war.


Und wie wir unsern Feinden, bei den Brüdern,

verzeihen, so verzeih uns, in der Güte,

und lass den Blick der Rache von uns schwinden.


O Herr, wir bitten, dass das reine Blühte

der Seele nicht versucht wird, in dem Streit,

befrei uns von des Bösen dunkler Blüte.“


So beteten sie, in der Demut Kleid,

und gingen unter ihrer schweren Last,

im Tal der Reue, in der Einsamkeit.


Sie trugen mehr, als man an Stärke fasst,

im Kreis der Stolzen, die sich nun beugen,

in ihrem Bußgang, ohne rechte Rast.


„Wenn sie für uns das gute Wort bezeugen“,

sprach einer, „können wir den Aufstieg wagen,

wenn wir ihr Leid durch unser Beten beugen?“


„Ich bin Omberto“, sprach er, ohne Klagen,

„mein Hochmut hat mich einst zu Fall gebracht,

und meine Sippe trug an meinen Tagen.


Der Stolz, der in den Ahnen stets erwacht,

hat uns den Untergang, die Schmach gebracht,

jetzt büß’ ich hier, in dieser dunklen Nacht.“


Ich beugte mich, im Licht, das leise lacht,

und einer, der sich unter Steinen wand,

erblickte mich, die Last, die ihn nun facht.


„Bist du nicht Oderisi?“, war mein Stand,

„der Ruhm von Gubbio, die Kunst des Schreibens,

die dir den Glanz in Italien erst erfand?“


„Bruder“, sprach er, „die Blätter des Treibens,

sind nicht mehr hell, durch Francos Hand,

der in dem Malen, nun des Ruhms des Bleibens,


Uns zeigt, dass Stolz nur Sand im Wind, der Wand,

verblasst, wenn man nicht sieht den Zeitgeist,

der uns den Ruhm entzieht, aus jedem Land.


Cimabue glaubte, dass er uns erweist

die Kunst, doch Giotto hat den Ruhm erbeutet,

dass jener Schatten nun nur wenig weißt.


So hat ein Guido, den andern erbeutet,

und vielleicht ist schon einer, der den Stolz,

dem Dante, der die Sprache uns erbeutet.


Der ird’sche Ruhm ist nur ein Wind, der Holz

vom Baume bricht, die Farbe, die verblasst,

wenn nicht die Zeit den Glanz uns wieder stolz.“


Ich sah ihn an, und in der Demut Last,

dachte ich an Provenzan, der nun auch

hier büßte, in der Qual, die ihn umfasst.


„Er war in Siena, doch im Lebenshauch

tat er, was man nicht glaubt, für seinen Freund,

er löste ihn, aus der Gefangenschaft, im Bauch


Der Qualen, als er, auf dem Markt, nun weint,

und bettelte für ihn, sein ganzer Stolz

war nun gebrochen, wie das Schicksal scheint.“


So sprach er, und ich sah, im feuchten Holz,

die Seelen, die den Weg des Demuts gehn,

und wusste nun, wie kurz der Ruhm, wie Stolz.



GESANG XII


Wie Ochsen, die den Pflug gemeinsam ziehen,

so ging ich, Seite an Seite, mit dem Geiste,

der mich nun lehrte, vor dem Stolz zu fliehen.


Ich trug das Haupt gesenkt, auf dieser Reise,

während er sprach: „Schau nieder, sieh das Bild,

das in den Stein gehauen, auf die Weise


Des Bodens, die Geschichte zeigt, ganz mild.“

So wie man Gräber, vor dem Altar der Toten,

im Boden sieht, im Marmor, hell und wild,


So sah ich dort, von Sünden, die verboten,

ein Relief, das Luzifer wohl schlug,

der aus dem Himmel fiel, von Gott verboten.


Dann sah ich Briareus, im Lebenszug,

vom Blitz getroffen, der ihn niederstreckte,

und im Gefallenen den Hochmut trug.


Ich sah Thymbraeus, Mars und Pallas, der weckte

die Geister gegen die Riesen, im Gefecht,

als sie die Ordnung des Himmels kurz bedeckte.


Ich sah den Nimrod, unter seinem Recht,

am Fuße des Turms, der in den Himmel ragte,

nun unterworfen, klein und fast noch schlecht.


O Niobe, mit Tränen, die man fragte,

in deinem Stolz, umringt von deinen Söhnen,

die nun als Leichen in der Asche tagte!


O Saul, der du im eigenen Schwert zu Tönen

des Stolzes fielst, in Gilboa, so schwer,

dass keine Wolke dich mehr konnte krönen.


O Arachne, wie du webst, in deinem Heer

von Stolz, nun halb zur Spinne schon geworden,

das Netz, das du nun webst, ist nun nicht mehr.


O Rehabeam, wie du in den Orden

des Zorns dich stürzt, und nun die Flucht ergreifst,

bevor die Schmach dich trifft, in deinen Borden.


O wie die Kunst, so treu, im Stein begreifst,

das Bild des Hochmuts, wie es sich entfaltet,

wenn man die Lehre aus der Tiefe reifst.


„Nun geh!“, sprach er, „denn schon die Sonne schaltet

im Mittagspunkt, und wir müssen weiter gehn,

bevor der Geist des Tages uns nun spaltet.“


Ich ging, das Herz war leicht, in dem Bestehn,

den Kopf erhoben, auf den Weg, der führte

zum nächsten Kreis, wo wir die Gnade sehn.


Da sah ich einen Glanz, der mich nun rührte,

ein Engel kam, mit Flügeln, die so hell

als wie ein Blitz, der uns das Licht entführte.


„Gesegnet die Armen“, klang es, wie ein Quell,

„im Geiste, denn ihr ist das Himmelreich!“,

und sanfter wehte nun der Wind, so schnell.


Ich spürte eine Last, die nun entweich’

von meiner Stirn, ein P, das war verschwunden,

und meine Schritte wurden leicht und bleich.


„Wieviel P’s“, sprach er, „hast du noch gefunden,

auf deiner Stirn?“, und ich betastete mein Haupt,

nur noch ein P war da, in meinen Stunden.


Der Engel, der im Licht, das alles glaubt,

mich ansah, lächelte, und winkte mir,

als ob er mir den Aufstieg nun erlaubt.


Wir stiegen auf, die Treppe, dort, bei dir,

der Engel sang, mit einer Stimme, rein:

„Beati pauperes spiritu!“, hier,


Und wir betraten nun den Kreis, im Schein,

wo keine Last den Rücken mehr bedrückt,

und wo die Liebe uns den Weg will sein.



GESANG XIII


Wir standen auf der ersten Stufe nun,

auf jener Ebene, wo, wie wir vernahmen,

die zweite Wunde heilt, bei Gottes Tun.


Hier ist kein Marmor, der den Stolz noch namen,

der Boden selbst ist grau, der Fels ist hart,

als ob die Farbe aus der Welt entkamen.


„Wenn hier kein Bild uns lehrt, in Gottes Art,

wie soll ich dann den Weg der Reue finden?“,

sprach ich, während mein Blick das Tal bewahrt.


„Die Liebe“, sprach der Meister, „mag entzünden

das Auge hier, durch einen Geist der Güte,

der uns den Weg der Heilung will verkünden.“


Er blickte auf, wo eine Schar nun blühte,

mit Kleidern, die so grau wie Stein wohl waren,

und eine Wand, die ihre Sicht behüte.


Sie stützten sich, mit Rücken, die offenbaren,

wie schwer das Leid, wie sie sich gegenseitig

anlehnten, in den langen, bangen Jahren.


Wie Bettler, die, beim Fest, nun gegenseitig

die Hände halten, um ein Almosen zu bitten,

so saßen sie, in Demut, sehr bereite.


Die Augen, die in diesem Kreis gelitten,

waren mit Draht vernäht, der sie verschloss,

als ob der Neid, der sie im Leben bitten


Ließ, nun hier büßt, in diesem dunklen Schloss.

Ich schaute sie an, und mein Herz erzitterte,

als ich das Leid, in ihrem Schoß, genoss.


„O ihr“, sprach ich, „die ihr zum Licht nun bitterte,

ich hoffe, dass die Gnade eure Augen

erlöst von dem, was eure Seele filterte.“


Eine Stimme sprach: „Kein Auge kann hier taugen,

wir sind hier blind, doch ist die Liebe weit,

wir hören nur, wenn wir uns Gott beugen.“


„Bist du aus Italien?“, fragte ich mit Leid,

„Bist du eine, die wir auf Erden kannten?“,

„O Bruder“, sprach sie, „wir sind der Ewigkeit.“


„Ich bin Sapia“, rief sie, die wir nannten,

in Siena wohl, ein Geist, der im Neide

sich freute, als die Feinde mich verbannten.


Ich hatte keine Liebe, in dem Kleide,

der Erde, doch nun hier, in Gottes Licht,

bereue ich das Leid, auf jede Weide.


Mein Stolz war Neid, der alles in sich bricht,

ich wünschte anderen das Schlimmste nur,

doch Gottes Güte, die den Neid nun ficht,


Hat mich gerettet, in der letzten Spur.

Bist du ein Lebender, der hier nun geht?“,

„Ja“, sprach ich, „doch der Weg ist mir so pur.“


„So bitte für mich, wenn der Wind sich dreht“,

sprach sie, „und wenn du dort auf Erden bist,

sag meine Freunde, wie es um mich steht.“


Ich staunte, wie die Liebe, die man misst

an Gottes Maß, die Seelen hier verwandelt,

und wie der Neid, der auf Erden alles frisst,


Hier nur noch Reue ist, die alles handelt.

Wir gingen weiter, und der Meister schritt,

während der Neid, in Gottes Gnade, wandelt.


Ich spürte, dass der Weg, den wir nun mit

den Seelen gingen, uns zum Lichte führt,

und dass die Liebe jeden Schmerz nun bitt.



GESANG XIV


„Wer ist der da, der, ohne Tod zu schauen,

durch unsern Kreis nun schreitet, in der Welt,

und Fragen stellt, bei allem, was wir bauen?“


So sprach ein Geist, in dem sich Neid gesellt,

zum andern, unter grauen Stoffen schwer,

die ihre Augenlider dicht umstellt.


„Ich weiß nicht, wer er ist, doch ist er mehr

als einer, der nur lebt“, gab man zur Antwort,

„Frag du ihn doch, du stehst dem Geiste näher.“


So wandten sie sich – zwei, die nun beid’ dort

an meine Seite rückten, leise sprechend,

wie Geister, die aus Sünden finden Hort.


„O Seele, die du, Körper noch nicht brechend,

zu uns herabstiegst, tröste uns nun doch

und sag, wer du bist, von wo du sprichst, stets sprechend?“


„Durch jenen Strom, der in den Tälern noch

in Falterona seinen Anfang nimmt“,

sprach ich, „bin ich, der meine Schuld nun wusch, im Joch.


Ich weiß nicht, wer ihr seid, doch wer bestimmt

euch, dass ihr den Namen nennt, der aus dem Lande

von Arnos Lauf, die Schande nun verglimmt?“


Da sprach der eine: „Du willst, dass im Bande

der Namen ich mein Haus enthülle, sag?

Es ist der Arno, der im feuchten Rande


Der Apenninen, bei dem Falterona-Tag,

entspringt, und nur in wenigen Meilen schon

den Namen, den er trägt, im Grunde schlug, im Schlag.


Ich bin Guido del Duca, und mein Lohn

ist Neid; so sehr, dass ich, wenn ich nun sah

einen Menschen froh, mein Herz verlor den Ton.


Sieh, was mein Neid mir tat, es war ein Nah-

beisein bei der Freude, die nur weh mir tat;

o Menschen, warum sucht ihr, was euch nah


Zerstört, anstatt im Herzen Gottes Rat?

Dies ist Rinier da Calboli, das Licht

der Ehre, doch sein Haus hat keine Saat


Mehr von der Tugend, die einst war Pflicht.

Von Po zum Berge, und zum Meer hinab,

ist Tugend nur ein Wort, das nun zerbricht.


Wo sind die edlen Herren, die beim Grab

der alten Zeit noch glänzten? Alles rein

verschwunden, wie ein Nebel, den man ab-


Gewöhnt im Sonnenlicht, im Morgenschein!

Wer sucht noch Ehrlichkeit in der Romagna?

Die Häuser sind verfallen, im Gebein.“


Er schwieg, und wir entgingen jener Magna

von Stimmen, die uns riefen, in der Qual:

„Wer mich wohl findet, schlägt mich“, aus der Stagna


Von Cain, dem ersten Neider im Tal,

und eine andre Stimme rief im Wind:

„Ich bin Aglauros!“, in dem Sündenwahl.


Ich rückte nah an meinen Führer, blind

vor Furcht vor diesen Geistern, die nun riefen,

und sah, dass wir beim Engel angekommen sind.


Er leuchtete, in Zügen, die nun tiefen

des Himmels Licht mir zeigten, und er sprach:

„Hier geht ihr auf!“, als wir in Träumen liefen.


Die Stimme, die uns führte, in dem Fach

des Engels, sang: „Selig die Barmherzigen!“,

und wir entkamen nun der Sünden Dach.


Wir stiegen auf, die Treppe, in den Herzigen,

und ich, der ich das P auf meiner Stirn

noch spürte, fühlte, wie die Last der Herzigen,


Verschwand, in Gottes Licht, aus meinem Hirn.



GESANG XV


Wie hell der Strahl, der aus der sechsten Stunde

zum Ende sich zum Abend hinneigt, schien,

so wie ein Kind, das aufwacht aus der Runde,


Der Träume, und nun blickt in das Gescheh’n,

so schien der Engel uns den Weg zu weisen,

als wir nun aufwärts, in dem Lichte, gehn.


Die Sonne, die im Westen ließ ihr Reisen,

war schon weit fort, und wir, wir schritten still,

begleitet von der Engel, auf den Weisen.


Da fragte ich: „Was meint der Geist mit ‚Will‘

und ‚Teilen‘, in dem Neid, den er uns nannte?“,

und mein Gebieter sprach, mit Gottes Wille:


„Du denkst an Neid, der alles sich verbannte,

und deshalb ist das Teilen dir ein Schmerz,

doch hättest du das Licht, das Gott dir nannte,


Dann wüsstest du, dass Gottes liebend’ Herz

sich mehrt, je mehr man teilt, mit allen Brüdern,

denn Liebe ist kein Gut, das raubt den Scherz.


Je mehr dort oben sagen ‚Unser‘, in den Büdern,

desto mehr Licht besitzt ein jeder dort,

und Liebe wächst, in allen Himmelsgliedern.“


„Ich bin nun voller Zweifel, an dem Wort“,

sagte ich, „denn mein Verstand ist zu begrenzt,

um zu begreifen diesen heil’gen Hort.“


Er lächelte und sprach: „Wenn du erkennst,

dass Liebe nur das Spiegelbild ist Gottes,

dann wird der Zweifel, den du in dir nennst,


Verschwinden, wie der Nebel vor dem Schwottes.

Wenn eine Seele dort, auf höherem Pfad,

die Liebe sucht, dann teilt sie – wie ein Flottes –


Den Glanz, und ihre Kraft wird zur Saat

für alle andern, in der Herrlichkeit,

die niemals endet, in dem Himmelsrat.“


Ich wollte fragen, doch in dieser Zeit

erschien ein Bild in meinem Geist, ganz klar,

als ob ich in einer Vision – von Ewigkeit


Entrückt – nun sah, was wunderbar wohl war:

Maria, die im Tempel, sanft und mild,

den Sohn nun suchte, in der Pilgerschar.


Sie sprach: „Mein Sohn, warum so fremd und wild

hast du uns dies getan?“, und ihre Stimme

war voller Liebe, wie ein sanftes Bild.


Dann sah ich einen Zorn, der in der Grimme,

der Mutter von Pisistratus, die Rache

verlangte für den Sohn, in ihrem Schlimme.


Sie sprach zum Gatten, mit der bösen Sache:

„Lass uns die Rache üben, auf den Mann,

der uns’re Tochter küsste, in der Wache!“


Doch er, mit Sanftmut, die man nicht kann

vergleichen mit der Rache, sprach: „Was soll

ich denen tun, die uns die Liebe kann?“


Dann sah ich Stephen, der in voller Woll’

der Liebe starb, und betete für die,

die ihn steinigen – ein Geist, so gnaden-voll.


Ich wachte auf, und sah, wie ich, so wie

ein Geist, der neu belebt ist, nun bestritt,

den Weg zum nächsten Kreis, im Gehen, nie


War ich so leicht, und jeder meiner Schritt

wurde vom Engel, der uns nun erschien,

mit einem Licht, das meine Sünden bitt’,


Erlöst – und wir, wir durften weiterziehn.

Er rief: „Beati pacifici!“, in der Nacht,

und wir ließen den Zorn hinter uns fliehn.


Wir stiegen auf, die Treppe, in der Pracht,

und ich, nun frei von jedem Zorn und Leid,

sah, wie der Himmel uns den Weg nun macht.



GESANG XVI


Dunkelheit herrschte, wie in jener Nacht,

die aller Sterne bar im finstren Raum,

nur von der Wolke, die das Licht bewacht.


Nichts war zu sehen, nur der dunkle Traum,

des Gehens in dem Nebel, der uns drückte,

als wär’ die Welt für uns nur leerer Raum.


Mein Führer, der den Weg zu mir nun rückte,

bot mir die Schulter, als ein treuer Stab,

und führte mich, wie Gott es uns beglückte.


Wir schritten vorwärts, während das Grab

der Nacht uns einhüllte, da hörte ich

eine Stimme, die aus dem Nebel, auf den Trab,


Sang: „Agnus Dei“, sanft und fürchterlich,

als ob das Lamm die Sünden auf sich nahm,

und Frieden bot, für jeden, der für sich


Das Gebet sprach, in diesem dunklen Scham.

„Sind das Geister, die ich hier vernehme?“,

fragte ich, während die Luft das Echo nahm.


„Sie büßen Zorn, in dem, was ich entnehme,

die Sanftmut ist die Medizin hierfür,

die uns den Groll aus unserer Seele nehme.“


„Wer bist du, Geist, der aus dem dunklen Tür

des Nebels spricht und uns von uns erzählt?“,

fragte ich jenen, der nun stand bei mir.


Er sprach: „Ich war einst Marco, der erwählt,

die Welt zu kennen, und das wahre Gut,

nach dem man heute, in der Gier, verhehlt.“


„Du sagst wohl recht“, sprach ich, „doch in der Glut

der Welt, da ist der freie Wille blind,

ist es der Himmel, der uns lenkt zur Flut,


Oder ist’s Zufall, der uns lenkt, als Kind?“

Er seufzte tief, wie einer, der nun weiß,

dass wir die Wahrheit in dem Dunkel sind.


„Die Welt ist blind, mein Sohn, in ihrem Kreis,

sie sucht nur Gold und Macht, in ihrem Lauf,

und vergisst den Geist, in dem sie ihren Preis


Bezahlt, mit Leid, das sie nun nimmt in Kauf.

Gott gab euch Willen, frei und unverzagt,

doch die Sterne lenken nicht den Geist hinauf.


Wenn ihr nur blind seid, wie die Welt euch klagt,

dann liegt es an euch, die ihr das Licht verlor,

und an der Herrschaft, die den Stolz gewagt.


Die Kirche, die die Macht verlor im Tor,

vermischt den Zügel mit dem Schwert der Welt,

und führt die Menschen, in den Abgrund vor.


Sieh, wie das Recht, das in dem Geist sich hält,

verschwunden ist, weil niemand mehr den Pfad

der Tugend kennt, in dem, was Gott uns stellt.


Die Welt ist ohne Führer, in dem Rat,

denn die, die lenken sollten, haben Gier,

und führen euch, in den verbot’nen Saat.


Glaub nicht, dass Gott die Ordnung will zur Zier,

der freie Wille ist das Licht, das brennt,

und führt euch heim, zu Ihm, an seine Tür.


Vergiss das Leid, das in der Welt nun rennt,

und suche Gott, der dir den Geist verleiht,

der in der Freiheit, die dein Herz erkennt,


Dich führt zum Glück, in der Unendlichkeit.“

So sprach er, und verschwand im Nebel wieder,

in einer Stille, die die Welt befreit.


Wir stiegen weiter, in den dunklen Gliedern,

und ich, der nun den freien Willen sah,

spürte das Licht, das sanft fiel auf uns nieder.



GESANG XVII


Erinnre dich, wenn Nebel dicht und schwer

dich einhüllt, wie das Licht im Innern bricht,

gleich einer Lampe in dem dunklen Meer,


So war mein Geist, als nun das schwache Licht

des Engels uns aus jenem Dunst befreite,

und uns den Pfad zum nächsten Kreis verspricht.


Ich ging dahin, an meines Lehrers Seite,

den Blick gesenkt, als ich ein Bildnis sah,

das sich in mir, in einer Vision, verbreitete.


Es war die Qual, die aus dem Hochmut nah

am Tode stand; die Frau, die sich erhängte,

Amata, die ihr Ende dort geschah.


Dann sah ich Lavinia, die so sehr sich drängte,

zu weinen um die Mutter, doch den Schmerz

sah ich in jener, die sich selbst verhängte.


Dann sah ich jemanden, dem das schwarze Herz

den Zorn verlieh, in einer wilden Tat,

die Liebe, die sich wandelt in den Schmerz.


Ich sah Procne, die zur Nachtigall nun trat,

in ihrer Wandlung, und der Geist, der schweigt,

weil er den Zorn verlor in Gottes Saat.


Dann Haman, der am Kreuze sich nun zeigt,

weil er den Stolz, im Zorn, zur Tat erhob,

und in dem Tode vor dem König neigt.


Dies alles schwand, als wie ein Bild, das grob

im Geiste löscht, wenn helles Licht erscheint,

und man das Staunen in dem Herzen hob.


Ein Engel stand dort, der uns nun vereint,

und rief: „Beati pacifici!“, so rein,

dass mein Gesicht, im Licht, von Freude scheint.


„Ihr seid nun frei“, sprach er, „im neuen Schein,

der Zorn ist fort, die Liebe wird das Licht,

das euch nun führt, in diesem Kreis zu sein.“


Ich fragte nun: „Was ist der Liebe Pflicht,

mein Lehrer, sag, ist sie die Wurzel nur,

von allem Guten, das das Böse bricht?“


Er sprach: „Hör zu, ich zeig’ dir die Natur,

der Liebe, die in jedem Herzen wohnt,

und uns bestimmt, in der geschaff’nen Spur.


Kein Wesen, das den Geist in sich nun thronst,

ist ohne Liebe, sei es geistig, rein,

oder in der Tat, wo sich der Geist belohnt.


Doch irrt die Liebe oft im falschen Schein,

entweder, wenn sie Böses wählt mit Lust,

oder wenn sie das Gute nicht lässt sein.


Wenn sie sich liebt, in ihrer eignen Brust,

dann ist sie böse, denn sie sucht sich selbst,

und raubt dem Nächsten, was er braucht, den Trost.


Doch wenn sie liebt, in Gottes Weltgewölb’,

dann ist sie gut, und führt uns zum Altar,

wo jeder Geist sein Heil im Lichte wälbt.


Nun sag mir, wie der Liebe Grund, das klar’

Erkennen ist, das uns zum Guten lenkt,

und warum jeder Geist, in der Gefahr,


Sich Gott, dem Schöpfer, in der Liebe schenkt?“

Wir stiegen auf, die Treppe, in dem Lauf,

während er mir die Lehre nun beschränkt,


Auf das, was Gott uns legte als den Kauf:

„Die Liebe ist der Trieb, der alles lenkt,

und führt uns, in der Reinigung, hinauf.“


Wir waren dort, wo die Trägheit nun kränkt

die Seelen, die den Aufstieg nicht vollbracht,

und die der Geist, im Schweigen, nun beschränkt.



GESANG XVIII


Der Lehrer schloss die Rede, die das Licht

der Liebe mir erklärte, tief und klar,

und sah mich an, ob mein Verstand zerbricht.


Ich, der ich innerlich noch durstig war,

schwieg still, doch dachte ich: „Vielleicht zu viel

frag’ ich, und wirke für ihn wunderbar.“


Doch er, der ganz mein Denken, ohne Spiel,

durchschaute, sprach: „Lass deinen Geist hervortreten,

und sag, was dich bewegt, bei diesem Ziel.“


„Mein Herr“, sprach ich, „Du lehrst, dass wir stets beten

zur Liebe, doch wenn sie von außen kommt,

und wir nur ihr, in unsern Schritten treten,


Ist sie nicht frei?“, mein Geist, der da benommen

im Zweifel lag, erhoffte nun das Wort,

das mir den Weg zum Frieden hat entnommen.


„Was die Vernunft nicht findet, an dem Ort“,

sprach er, „das kannst du Beatrice fragen,

sie wird die Antwort finden, ohne Hort.“


„Doch hör“, fuhr er fort, „die Liebe, ohne Klagen,

ist angeboren, in dem Geist, der lebt,

und treibt uns an, in unsern ird’schen Tagen.


Das erste Gut, das uns zum Handeln hebt,

ist unbewusst, doch was das Ziel bestimmt,

das ist die Wahl, die uns die Freiheit gibt.


Und diese Freiheit, die den Geist entflimmt,

ist die Moral, die unser Streben misst,

und die den Wert von unserm Handeln nimmt.


Was in der Natur, als Trieb, uns ist,

das ist wie Feuer, das nach oben strebt,

und das in seiner Form, das Sein vergisst.


Doch der Verstand ist es, der uns erhebt,

die Freiheit wählt, was gut ist oder schlecht,

und was in uns, als Wille, dann belebt.


Das ist das Wesen, das das Urteilsrecht

euch gibt, und das die Liebe erst beweist,

dass ihr seid frei, in eurem Geistergelecht.“


Der Mond, der nun als Stern am Himmel kreist,

schien leise, während die Nacht sich tiefer neigt,

und wir den Weg, zum nächsten Ziel, verheißt.


Da kam von hinten, was uns bald erzeigt,

ein Strom von Seelen, die in Eile liefen,

und durch den Kreis der Trägheit nun sich neigt.


„O Maria“, riefen sie, „in Sorgen tiefen,

lief eilig zu den Bergen!“, und der Zorn

des Achilles, der in Trägheit dann blieb liegen,


Wurde in ihnen wach, in diesem Born.

„Lauft, lauft!“, riefen sie, „dass nicht die Zeit

der Liebe uns entgeht, im Dorn der Dorn!“


Ich staunte, wie sie in der Ewigkeit

sich reinigen, von jener Trägheit schwer,

die sie vergaß, in ihrer ird’schen Zeit.


Da kam ein Geist, der rief: „O Seelen, wer

die Zeit verlor, dem fehlt der Schwung der Gnade,

lauft auf den Pfad, zum Gipfel, hin zum Heer!“


So zogen sie vorbei, auf schmalem Pfade,

und ich, der ich das Staunen nun erlitt,

versank in Träume, in der Abendfade.


Die Trägheit schwand, in jedem schnellen Schritt,

und ich erwachte, als die Geister schieden,

und nahm die Lehre der Freiheit mit.



GESANG XIX


Um jene Stunde, da die Erd’ erwärmt

von Saturns Kraft die Hitze nicht mehr spürt,

wenn Mondesglanz im Geist schon leise lärmt,


Da, wenn das Feld dem Frost sein Ende führt,

und der Geomant sein Bild am Morgen zeichnet,

mit Punkten, die die Sonne leise rührt,


Da sah ich im Traum, wie Gott den Weg nun zeichnet,

ein Weib, die stammelte, mit schiefem Blick,

das Auge trüb, das sich der Welt noch zueignet.


Sie schien zu singen, in dem Augenblick:

„Ich bin die Sirene, die den Seemann täuscht,

und ihn verführt, in ihrem falschen Glück!“


Doch siehe, eine Frau, die sich nun bäumt,

kam näher, um die Lügnerin zu schinden,

und ich, der ich das Weib im Geiste räumt.


„O Virgil“, rief ich, „lass uns sie nun finden!“

Da fasste er sie, riss ihr Kleid entzwei,

und zeigte mir, was sich in ihr will winden.


Ein Gestank, der aus dem Leibe kam, war frei,

ich wachte auf, und rieb mir dann die Augen,

mein Lehrer sprach: „Ich rief dich, ohne Scheu!“


„Wir sind am Pfad, lass deine Sinne taugen,

der Engel wartet, um den Weg zu weisen,

und wir müssen uns nun für den Aufstieg saugen.“


Ich stand auf, und sah in den weiten Kreisen,

wie der Engel uns zum nächsten Reiche führt,

mit Schwingen, die wie Feuer uns verheißen.


Er sang: „Beati qui lugent!“, und nun rührt

sich mein Geist, denn Tränen sind das Licht,

das uns den Trost, der in der Seele spürt,


Im Purgatorium, als Gnade bricht.

„Was ist das Bild?“, fragte ich den Meister,

„Was hat das Weib, das ich sah, für ein Gewicht?“


Er sprach: „Die alte Hexe ist der Geister,

die wir hier reinigen, die Gier nach Gold,

die Gier nach Macht, die uns zum Unglück meistert.


Das Bild ist weg, lass dich nun nicht, mit Hold,

von ihr verführen, schau zum Himmel auf,

dort wo das Glück sich dir als Gnade zollt.“


Wir stiegen auf, in dem beschwingten Lauf,

und kamen an den Kreis, wo Geister lagen,

mit dem Gesicht zum Boden, im Verkauf


Der Weltlichkeit, die sie in ihren Tagen

so sehr geliebt, und nun, im Staube liegend,

hörte ich sie, in einem steten Klagen:


„Adhaesit pavimento anima!“, wiegend

im Schmerz, der sie nun an die Erde bindet,

die sie im Leben hatten, immer siegend.


„O Diener Gottes“, sprach ich, der sich windet,

„wer seid ihr hier, im Staub der Reue nun?“,

und eine Stimme, die man kaum erfindet,


Sprach: „Wenn du willst wissen, was wir tun,

dann wisse, wir sind Nachfolger Petri,

und büßen hier, bevor wir jemals ruhn.


Ich war Hadrian, der nun hier verriet

die Gier, doch Gott hat mir die Wahrheit gezeigt,

als ich hier unten, in der Reue glied!“


Ich kniete nieder, doch er sprach: „Nicht geneigt!

Steh auf, wir sind nur Mitdiener des Herrn!“

Und ich, der ich mein Herz demütig zeigt,


Ging weiter, unter Gottes hellem Stern,

und ließ die Geister, in dem Staub des Leids,

die Gott nun reinigt, von der Welt so fern.



GESANG XX


Gegen den Willen, der noch besser wollte,

strebte mein Geist, und ich, noch unzufrieden,

trug meine Last, wie man sie büßen sollte.


Wir schritten fort, doch blieb mein Herz hienieden,

gefangen in dem Denken an die Klage,

die ich der Seelen im Staub vernahm hienieden.


„O wär’ ich doch“, so dacht’ ich, „an dem Tage,

wo ich mein Heil in Gottes Händen finde,

statt hier zu wandeln, ohne rechte Sage!“


Doch plötzlich bebte der Berg, wie im Winde,

und alle Seelen riefen, in der Stille:

„Gloria in excelsis!“, als ob das gelinde


Geschenk des Himmels ihre Not enthülle.

Ich stand so starr, wie ein versteinert Bild,

bis dass die Stille, nach dem Gotteswille,


Den Chor beendete, so sanft und mild.

Ich wusste nicht, was dieses Beben war,

mein Herz war bang, im Geiste noch so wild.


Dann sah ich – o, wie wunderbar, wie klar –

ein Zittern, das die Erde in sich hielt,

wie wenn Delos sich im Meer zeigt, offenbar.


Da stieg ein Jubel auf, der alles spielt,

und tausend Stimmen sangen, voller Macht,

dass sich das Herz nun mit dem Lichte kühlt.


„Gott sei gepriesen!“, riefen sie bei Nacht,

und ich, der ich das Staunen nicht mehr hielt,

wurde von neuem Glauben angefacht.


Mein Führer sah, wie sich mein Geist nun spielt,

im Staunen, und er sprach: „Hab keine Angst!

Der Berg ist heilig, wenn das Zittern zielt.“


„Was ist das?“, fragte ich, „was du verlangst?“

„Der Berg bebt, wenn ein Geist sich reinigt nun,

und aufsteigt in das Licht, das du erlangst.“


So sprach er, und wir ließen sie nun tun,

ihr Lied, das in den Felsen widerhallte,

während wir weitergingen, ohne Ruhn.


Ich sah einen Geist, der in dem Lichte wallte,

es war Hugo Capet, der stolz berichtete:

„Ich war die Wurzel, die in Frankreich spaltete,


Die Krone, die das Schicksal uns errichtete.

Ich sah die Gier, die unser Haus zerfraß,

die Sünden, die mein Volk im Leid verpflichtete.“


Er sprach von Philipp, und dem schlimmen Maß,

von Bonifaz, der in Alagna litt,

als man ihn quälte, voller Zorn und Hass.


„O Gier!“, rief er, „die alles in sich bitt’,

die Völker schlägt, und Kirchen schändet schwer,

ich sehe Frankreich, das im falschen Schritt


Sich in den Abgrund stürzt, im wilden Heer!“

Ich hörte ihn, doch unser Gang war Eile,

wir stiegen weiter, in dem Lichte sehr.


Der Berg, er bebte wieder, in der Zeile,

und meine Seele wollte wissen, wie

man aufsteigt aus der Schuld, zum letzten Teile.


Doch wir erreichten schon die nächste Knie,

des Berges, wo der Engel uns empfing,

und strahlte in der hellen Harmonie.


Wir ließen Gier und Stolz in dem Gering,

und stiegen auf, zum Pfade, der uns führt,

dahin, wo Gottes Gnade uns verschlingt.



GESANG XXI


Der natürliche Durst, der niemals rastet,

außer er wird mit jenem Wasser stillt,

das die Samariterin einst wohl erfasste,


Verzehrte mich, und mich zur Eile schillt,

auf dem Gebirgspfad, unter der Beschwerde,

die Liebe, die mein Herz so schmerzlich füllt.


Und siehe, da, wie uns bei der Gefährde

ein Dritter folgt, kam hinter uns ein Geist,

der aus dem Schatten trat, auf diese Erde.


Er grüßte uns, als er uns nun verheißt:

„Gott schenk euch Frieden, Brüder, in der Reise!“,

und wir wandten uns, wie man den Geist beweist.


Mein Lehrer gab den Gruß, auf seine Weise,

und lud ihn ein, doch sprach er: „Sag uns an,

warum du bebtest, auf die heil’ge Weise?“


„Der Berg erzittert“, sprach der Geist, „im Bann,

wenn eine Seele rein ist, aufzusteigen,

und Freudenschreie aus dem Chor dann kann.


Kein Regen, Schnee, kein Frost, die hier nun zeigen

die Macht der Elemente, können stören,

den Frieden, den die Seelen nun erzeigen.


Hier bebt der Berg, wenn Seelen sich bekehren,

und aufwärts ziehen, um das Licht zu sehn,

das sie im Himmel, bei den Engeln, hören.


Ich lag fünfhundert Jahre, in dem Weh’n

der Strafe, nun fühlte ich die Freiheit pur,

und wollte mich zum Aufstieg nun ergehn.


Darum das Beben, das auf Gottes Spur

die Geister jubeln lässt, im ganzen Rund,

und mich nun führt, zur himmlischen Natur.“


„Ich bin Statius“, sprach er aus dem Grund,

„der Dichter, den die Welt so sehr geliebt,

und den Vergil besang, in seinem Bund.“


Vergil sah mich, als ob er mich nun trübt,

in seinem Staunen, doch Statius erkannte

den Meister, der ihn einst im Geist geübt.


„Du bist Vergil?“, rief er, „die Sonne, brannte

in deinem Werk, die mir die Sprache gab,

die mir das Licht der Musen dann nannte!“


Er beugte sich, um zu küssen, auf dem Grab

der Zeit, die Füße seines Lehrers nun,

doch jener hielt ihn, mit dem Blick so ab:


„Nicht doch, mein Bruder, wir sind hier am Tun,

des Geistes, steh auf, wir sind Schatten beide,

wir haben hier nicht Zeit, um auszuruhn.“


Statius lächelte, in seiner Freude:

„Nun spür’ ich wohl, wie groß die Liebe ist,

die uns verbindet, durch die Erdenweide!


Wenn ich nicht mehr an deinem Ruhm vergisst,

der meine Zeilen lehrte, wie man schreibt,

dann ist das Glück, das man in Gott ermisst.“


Wir stiegen weiter, in der Eintracht Kleibt,

und Statius erzählte von der Zeit,

die ihm im Purgatorium verbleibt.



GESANG XXII


Der Engel, der uns wies den Pfad der Reinen,

blieb hinter uns, nachdem er uns gelöscht

das P der Stirn, um uns nun hell erscheinen.


„Beati sitientes“, so hat er gedrescht

die Stimme, die nun sanft den Weg uns lehrte,

als wir den Kreis des Geizes nun durchlöscht.


Ich ging so leicht, als ob kein Gewicht mehr nährte

meinen Schritt, und Statius sprach voll Glück:

„Die Liebe, die das Gute stets begehrte,


Weckt neue Liebe, in dem schnellen Stück,

so wie Vergil, der einst, im Limbus fern,

mir deine Größe zeigte, Stück für Stück.“


Da wandte sich der Meister, wie ein Stern,

zu Statius und sprach: „Du hast gelitten

an deinem Geiz, doch hast du uns, den Herrn,


Verraten durch den Hochmut, den wir schritten?“

Statius lachte: „Nein, es war der Überfluss,

der mich verführte, in den falschen Sitten!


Ich war verschwenderisch, in jedem Schluss,

doch Gott, der alles sieht, hat mich bekehrt,

und mir den Geiz, als Buße, nun zum Muss.“


Vergil fragte: „Hast du, wie es gehört,

die Tugend auch in deiner Dichtung preisen,

und wie hast du dich, in der Zeit, ernährt?“


Statius sprach: „Du hast mich stets auf Gleisen

der Musen geführt, bei ‚Aeneis‘, dem Licht,

das mir den Weg der Verse wollte weisen.


Ich wäre gern, mit dir im Angesicht,

ein Jahr im Feuer, um dich zu begrüßen,

hätte ich gelebt, als du das Wort uns spricht.“


Da blickten sie sich an, die Seelen, büßen

nun gemeinsam, in dem leichten Gehn,

und Statius sprach: „Wir werden uns bald grüßen,


Im Paradies, wenn wir das Licht dort sehn!“

Wir kamen an einen Baum, mit Früchten reich,

die dufteten, um uns den Geist zu drehn.


„Das Wasser“, sprach ein Geist, „fällt aus dem Teich,

der oben fließt, und benetzt die Blätter grün,

wir dürfen nicht essen, in dem stolzen Reich.“


Wir sahen Geister, die vor Hunger glühn,

und ihre Hände streckten nach der Speise,

doch konnten sie nicht an dem Baum sich kühn.


Sie weinten laut, auf eine bittere Weise,

und riefen Namen, die uns wohlbekannt,

die in der Bibel starben, auf die Reise.


„Maria rief bei der Hochzeit!“, in dem Rand

der Sorge um den Wein, „und Daniel aß

nur Hülsen, in dem fernen Wüstenland.“


Die Älteren, die in ihrer Zeit das Maß

der Mäßigung, in ihrem Leben, hielten,

und zeigten uns, wie man den Hunger vergaß.


Ich staunte, wie sie in den Qualen schwelgten,

und doch geduldig, in dem Hunger, waren,

während wir weiter, in dem Lichte, melkten


Die Zeit, die uns zum Aufstieg nun erfahren.

„Geht weiter“, sprach Vergil, „die Zeit ist kurz,

wir müssen hoch, bevor die Schatten gahren.“


So stiegen wir, im göttlichen Umsturz,

und ließen den Baum zurück, mit seinem Leid,

hinauf zum Gipfel, in dem Himmelssturz.



GESANG XXIII


Während ich Augen im Geäst nun suchte,

wo Früchte hingen, wie der Vögel Schar,

die hungrig nach der Nahrung, die da fluchte,


Erhob sich eine Stimme: „Was ist wahr?

Willst du den Hunger, der den Mund uns quält,

mit deinem Blick noch steigern, wunderbar?“


Ich sah sie an, die nun den Blick erwählt,

in ihren Höhlen, die so tief und hohl,

dass nur das Knochengerüst die Form uns zählt.


„Wer seid ihr?“, fragte ich, „und wer ist wohl

der Geist, der mich anspricht, in dieser Not,

und bittet mich, zu lassen das Gesoll?“


„Ich bin Forese“, sprach sie, „in dem Lot

der Buße hier, ich war dein Freund auf Erden,

und büße nun für meines Lebens Brot.“


„O Forese!“, rief ich, „lass uns werden

wieder eins! Sag mir, was dich hierher bringt,

und warum ihr so bleich seid, in den Beschwerden?“


Sie sprach: „Die Kraft, die uns nun hier bezwingt,

ist das Verlangen, das nach Trinken dürstet,

und jeden Geist in diese Qual nun schwingt.


Nicht nur der Baum, die Quelle, die hier fürstet,

mit ihrem Duft, macht uns den Hunger groß,

das Leid, das uns den Leib so sehr verstürstet.


Wir lernen hier, den Hunger, in dem Schoß,

der Gottes Gnade, die wir einst verschmäht,

als wir im Überfluss noch ließen los.“


Ich staunte, wie die Seele hier vergeht,

im Läuterfeuer, um sich zu befreien,

von jener Gier, die um den Körper fleht.


„Sag mir“, sprach ich, „wie geht es den zwei, den dreien,

aus deinem Haus? Gibt es noch Tugend dort?

Oder ist alles Stolz, in diesen Reihen?“


„Die Stadt ist voll von Stolz, an jedem Ort“,

sprach sie, „und meine Frau, die Nel, die betet,

dass ich nun finde meinen wahren Hort.


Sie ist die Einzige, die noch verkettet

den Glauben an das Leben, das dort droht,

und die den Geist der Sippe noch errettet.


In Florenz herrscht nur noch die Scham, die Not,

die Weiber gehen nackt und schamlos um,

als ob die Sitte für sie schon ist tot.


O Dante, die Zeit kommt, in dem Heiligtum,

dass die Gerechtigkeit, vom Himmel her,

die Stadt bestraft, im großen Gottesstumm.“


Wir gingen weiter, an dem Baum, dem schweren,

der hungrige Seelen in dem Leid bewacht,

und ich, der ich das Schicksal musste hören,


Dachte an Florenz, in der dunklen Nacht.



GESANG XXIV


Das Reden hemmte nicht den Schritt, wir gingen,

wie Schiffe, die den Wind in Segeln spüren,

während Statius sprach, um uns zu bringen


An das Geheimnis, das wir nun berühren.

„Die Seele“, sprach Forese, „die dort klagt,

ist Bonagiunta, der wird nun führen


Uns zu dem Wissen, das der Dichter wagt.“

Er nannte Namen, aus der alten Zeit,

die Schönheit, die im Vers erst recht vertagt.


„Sag“, fragte ich, „warum hat er bereit

den Blick auf mich, als wollt’ er mich erkennen,

und hört ich ihn murmeln von Lucca, mit Leid?“


„‚Gentucca‘“, murmelte der Geist, der im Brennen

der Buße stand, „wird dich in Lucca grüßen,

sie wird dein Herz, in ihrer Stadt, benennen.“


„O süßer Stil!“, rief er, „die Glied’ um Glied’

die Musen weben, wenn der Geist uns treibt,

das ist, was ich in deinem Werk nun sieht!“


„Ich bin derjenige, der das ‚Liebe‘ schreibt,

wenn Gott mich anhaucht, und die Feder führt,

und nur das Wesen der Vernunft verbleibt.“


Sie ließen ab, und wie die Schar nun rührt

die Füße, weiter in dem Hunger, schwiegen

die Geister, da der Geist uns nun berührt.


Doch weiter, wo die Früchte in dem Wiegen

des Baumes hingen, rief uns eine Stimme:

„Hier ist der Baum, der Sünde, in dem Siegen!“


Wir hörten von dem Zorn und dem Grimme,

der Eva traf, im Garten, wo sie aß,

und wir schritten weiter, im Geiste der Strimme.


Wir hörten, wie der Engel, ohn’ Unterlass,

uns warnte vor dem falschen Hunger, dort,

wo die Gier die Seele frisst, in dem Hass.


„Wer nur das Wort sucht, ohne Gottes Hort,

ist wie der Rabe, der den Glanz verliert,

und stürzt in den Abgrund, an dem Ort.“


Wir stiegen auf, die Treppe, die uns ziert,

und fühlten, wie das Licht uns sanft umfing,

da ein neuer Engel uns zum Aufstieg führt.


Er rief: „Beati, die den Hunger ging’

nach der Gerechtigkeit!“, und meine Last

fiel ab, als ob ein Vogel nun durchschwing’.


Wir stiegen auf, mit einer neuen Rast,

und ich, der ich das P auf Stirn noch trug,

sah, wie die Gnade uns den Aufstieg fasst.


Der Weg war steil, doch in dem Geisterzug,

wusste ich, dass das Licht, das mich nun brennt,

mich führt zum Ziel, in dem der Liebe Flug.



GESANG XXV


Die Zeit verbot uns, länger zu verweilen,

denn schon stand hoch die Sonne, Mittag nah,

und wir mussten in dem Aufstieg uns beeilen.


Wie einer, der nicht hält, wenn er schon sah

das Ziel vor Augen, so drängte ich Vergil,

doch Statius sprach, als er die Frage sah,


Die in mir brannte, ganz ohne ein Spiel:

„Wie kann ein Geist, der keinen Körper mehr

besitzt, so hungern, trotz dem vollen Ziel?“


„Erinn’re dich“, sprach er, „wie Meleager

verging, als Holz im Feuer schwand dahin;

wie jeder Spiegel zeigt, im Licht, ein Lager


Von Abbildern, die fließen in den Sinn.

So ist auch die Seele, die im Licht sich formt,

ein Ebenbild, das trägt des Leibes Sinn.


Doch fragst du, wie der Mensch sich dann entformt,

und wie aus Samen, im Gebärmutter-Schacht,

das Blut sich wandelt, das den Leib normt?


Das Blut, das erst das Herz in sich bewacht,

wird zur Materie, die die Seele formt,

und Gott haucht ein den Geist, in seiner Macht.


Der Geist ist es, der aus dem Chaos normt,

und alle Kräfte in ein Eins vereint,

bis dass der Leib, im Tode, sich entformt.


Dann wird die Seele, die in sich nun scheint,

zu ihrem Schatten, der sich hier im Kreis,

als Abbild der vergangenen Qualen, weint.


So hungerst du, als Geist, im falschen Preis,

der Erinnerung an den Leib, den du einst trugst,

und den du büßest, in dem harten Eis.“


Wir stiegen weiter, und als wir nun frugst,

nach dem, was Statius sagte, sahen wir

den Kreis der Wollust, den du wohl errungst.


Dort brannten Flammen, an der Wand der Tür,

ein heißer Wind, der sie zurücke stieß,

und sie durchs Feuer gingen, an der Kür.


„Summae Deus clementiae“, sie hieß,

die Hymne, die sie sangen, in der Qual,

während sie sacht, in dem Gesang, verließ.


„Virum non cognosco!“, riefen sie im Tal,

als Beispiel der Keuschheit, die sie nun erstrebt,

und ich, der ich das Staunen im Regal


Des Geistes hielt, sah, wie ihr Geist nun bebt.

Sie liefen hin und her, in kleiner Schar,

und zeigten, wie die Reinheit in uns lebt.


„Dianam magis“, riefen sie, so klar,

und zeigten den Sieg, über die Gier des Fleisches,

das ihnen einst, in ihrer Zeit, war rar.


Wir gingen weiter, in des Geistes Reiches,

und ich, im Feuer, fühlte, wie mein Stolz

verging, im Licht, des göttlichen Vergleiches.



GESANG XXVI


So gingen wir, entlang der Felsenwand,

während der Engel, der uns aus dem Feuer wies,

mit leiser Stimme sang, die uns verband.


Wir achteten darauf, wie man genießen ließ

die Hitze, die uns umgab, auf jedem Schritt,

während der Wind die Flammen niederließ.


„Warum“, so fragte ich, „gehst du nun mit

einem Körper, der den Schatten noch verdeckt,

als ob die Sonne dich im Lichte bitt?“


Da gab Vergil, der mein Staunen noch erweckt,

dem Geist Bescheid, der mich mit Blick behielt,

und den mein Erscheinen so stark erschreckt.


„Kein Schatten, der sich hier im Lichte spielt,

ist der Grund, denn mein Begleiter hier ist Fleisch,

das Gottes Gnade in sich selbst erfüllt.“


Da staunten sie, die Geister, in dem Bereich,

und teilten sich in zwei, wie Wanderer, die sich

begegnen auf dem Pfad, im Wald, so bleich.


„O ihr“, rief einer, „die ihr, sicher, sicherlich,

noch wandelt, sagt uns, seid ihr wohl beglückte,

dass ihr noch lebt, und sprecht nun, wahrlich, mich?“


„Die Zeit“, so sprach ich, „die uns hier beglückte,

ist Gnade, doch ich brauche eure Namen,

bevor der Tod auch euch die Zeit verrückte.“


„Ich bin Guido Guinizelli“, die Flammen kamen

zu mir, „und ich bereue nun den Zorn,

die Liebe, die ich sang, in meinen Ramen.“


Wie einst bei Lykurg, die sich im Zorn verlor’n,

die Söhne, die die Mutter wiederfanden,

so fühlte ich den Schmerz, der neu gebor’n.


„Warum dein Weinen?“, fragte er, „die Banden

der Liebe sind es, die uns hier vereinen,

und die uns nun, in Gottes Licht, erstanden.“


„Dein Wirken, das den Geist ließ helle scheinen,

die Verse, die die Liebe uns gelehrt,

die werden ewig, in dem Lichte, weinen.“


„Dort“, sprach er, „ist einer, der noch mehr begehrt,

als ich es tat, er ist der Meister nun,

der in der Volkssprache die Welt verehrt.“


Er wies auf Arnaut, der in dem Glimmen ruhn

wollte, doch sang er, in der Sprache, rein,

die mich bewegte, in dem eignen Tun.


„Vois chantar“, sang er, und sein heller Schein

leuchtete in dem Feuer, als er verschwand,

wo keine Last mehr drückt, im Sonnenschein.


„Ich bin der, der den Schmerz nun überwand,

und bitte dich, gedenk mein, in der Zeit,

wenn du das Ziel erreichst, im heil’gen Land.“


So wandte er sich, in die Ewigkeit,

und ließ mich mit Vergil, im stillen Gehn,

bereit für den Aufstieg, in der Herrlichkeit.



GESANG XXVII


Wie dort, wo erst sein Schöpfer Blut vergoss,

die Sonne steht im Wendepunkt, in Flammen,

die Iberien strahlen, in den Ganges-Tross,


So stand die Sonne nun; wir sah’n beisammen

den Engel Gottes, der am Ufer stand,

und sang, die Liebe, in der Tugend Rahmen:


„Beati mundo corde!“, in dem Land,

die Stimme war weit heller als die unsere,

er sprach: „Nicht weiter, durch die Feuerwand,


O heil’ge Seelen, wenn ihr nicht die kühre

Flamme durchschreitet! Hört den Ruf, tretet ein,

und seid nicht taub, wenn die Erlösung führe!“


Wir standen davor, wie in peinlichem Schein,

ich faltete die Hände, vor der Glut,

und dachte an die Leiber, die in Stein


Verbrannt. „Hier ist der Weg, für deinen Mut“,

sprach mein Vergil, „für Beatrice, lass es sein,

das Purgatorium hat nur diese Wut.“


„Gedenke, Sohn, wenn ich in ihren Schein

dich führte, hielt ich dich in meinem Schoß,

jetzt bist du frei, tritt in das Feuer ein!“


Ich aber stand, wie einer, der sich los

vom Leben reißt, und zögerte im Schritt,

bis er mir sprach: „Das Feuer ist nicht groß!“


Da trat ich ein, und meine Qualen mit,

ich fühlte Hitze, wie geschmolz’nes Glas,

und Statius folgte uns in diesem Schritt.


„Beatrice“, rief ich, als das Ende naß

von Tränen mir die Augen machte, „sie

erwartet dich!“, und meine Angst vergaß


Ich, in dem Feuer, das die Melodie

des Engels sang: „Venite, benedicti!“,

ein Lied, das mich erlöste, wie noch nie.


Wir stiegen aus, und auf dem Fels, dem lichten,

erschien der Engel, der den Pfad uns wies,

als wir nun unsere Schritte neu erricht’ten.


Die Sonne sank, und als sie sich verließ,

da legten wir uns nieder, auf den Stein,

der uns den Schlaf, in dieser Nacht, verhieß.


Ich sah die Sterne, in dem hellen Schein,

und träumte von der schönen Leah, die

im Garten pflückte Blumen, ganz allein.


„Willst du wissen“, sang sie, „warum ich nie

vom Kranze lasse, den ich mir gewunden?

Ich suche Schönheit, in der Harmonie.“


Dann sah ich Rachel, wie sie nun gefunden

ihr Bild im Spiegel, und wie ihre Hand

sich schmückte, mit den Blumen der Sekunden.


Ich wachte auf, als schon das Licht des Land

die Sterne löschte, und Vergil nun rief:

„Das neue Licht, das uns nun bald verstand!“


Wir stiegen auf, die letzte Stufe, tief

im Herzen wusste ich, das Ziel ist nah,

und meine Seele, die nun endlich schlief,


Erwachte nun, als ich den Garten sah.



GESANG XXVIII


Begierig nun, den Wald zu durchforschen,

der dicht und grün den frischen Tag mir barg,

der süßen Hauch mir gab, in ihren Forschen,


Verließ ich leise, ohne langen Arg,

den Rand der Stufe, auf das eb’ne Feld,

wo jeder Schritt mir duftete, so stark.


Ein sanfter Wind, der sich im Blattwerk hält,

bewegte alles, doch kein stärkerer Stoß,

als was das Zittern nur der Wipfel wählt.


Die Äste neigten sich, im Windesstoß,

doch nie so sehr, dass sie die Vögel störten,

die singend in der Krone, in dem Groß,


Die ersten Stunden, die wir nun verhörten,

begrüßten voll Entzücken, in dem Lauf,

während die Blätter in den Rhythmus hörten.


So wie der Pinienwald, im Reigen auf,

in Chiassis Strand, wenn Eolus befreit

den Wind, nimmt seine Weise ihren Lauf,


So füllte sich die Luft, zur gleichen Zeit,

mit jenem Singen, das ich leise hörte,

und meine Seele fand die Heiterkeit.


Dann plötzlich sah ich – und das Licht betörte –

ein Weib, die ganz allein, in Sang und Spiel,

die Blumen pflückte, die das Feld ihr störte.


„O schöne Dame, die in diesem Ziel

der Liebe badet“, sprach ich, näher gehend,

„du scheinst, in deinem Licht, so voller Stil!“


Sie wandte sich, wie jene, die nun stehend

die Füße senkt, und mir den Blick nun schenkt,

im sanften Lächeln, auf den Pfad ausgehend.


„Du bist wohl neu hier“, sprach sie, und man denkt,

dass ihr Verstand in Gottes Freude ruht,

„doch weißt du, dass die Tugend uns hier lenkt.“


„Der Ort ist rein“, fuhr sie fort, „mit heilem Mut,

hier ist das Paradies, das man ersehnte,

für die Menschheit, in ihrer alten Glut.“


Ich blickte staunend, was ich nicht verleugnete,

auf den Strom, der zwischen uns nun floss,

und ihre Worte, die das Herz mir segnete.


„Der Strom“, so sprach sie, „der sich hier ergoss,

ist Lethe dort, und Eunoe hier auf Erden,

der Trinken gibt, wenn man die Schuld vergaß,


Und Tugend wirkt, in jedem, der darf werden

ein Kind des Lichts, wenn er die Schuld verlor,

um wieder eins, mit Gottes Welt, zu werden.“


Ich fragte weiter, was sie mir zuvor

schon angedeutet: „Ist dies nicht der Ort,

von dem die Dichter sangen, im Chor?“


Sie lachte leise, ein bezaubernd Wort:

„Hier war die Unschuld, in dem ersten Licht,

hier blüht die Welt, ein ewiger Hort,


Und was die Menschen dachten, im Gedicht,

von Gold’nem Zeitalter, war dieser Schein,

denn hier stirbt niemals das, was Gott verspricht!“



GESANG XXIX


Ihr Gesang verstummte, wie ein Liebeslied,

und „Beati quorum tecta sunt peccata“,

sang sie, als sie an dem Ufer schied.


Wie Nymphen wandern, durch die grüne Prata,

die eine nach der Sonne, die den Tag

uns schenkt, die andre, die im Schatten lata,


So ging sie, und ich folgte, Schlag auf Schlag,

mit kleinen Schritten, an dem Ufer Rand,

bis dass der Strom die Richtung plötzlich brach.


Ein Licht durchflutete das ganze Land,

als ob ein Feuer brenne, ohne Glut,

und ich, der ich das Staunen kaum erfand,


Fragte: „Was ist dies helle, reine Gut?“,

als plötzlich eine Melodie erklang,

die wie ein Siegesruf durchs Walde tut.


O heilige Musen, wenn mein Geist nun bang,

so helft mir, zu beschreiben, was ich sah,

in jenem Lichte, das den Himmel schwang!


Sieben gold’ne Bäume – nein, es war ja

der Glanz der Kandelaber, in dem Zug,

die wie die Sterne, in der Ferne nah,


Den Weg beleuchteten, in ihrem Flug.

Der Glanz war wunderbar, in seiner Pracht,

und ich, der ich nun wusste, im Betrug


Der Sinne nicht, sah, wie die helle Macht

der Lichter hinterher, wie Fahnen wehten,

in Farben, die den Regenbogen sacht


Nachahmten, in den Bändern, die da flehten,

und unter ihnen, wie ein weißer Schein,

die Tugend, in den sieben Gaben, beten.


Vierundzwanzig Älteste, in reinem Rein,

mit Lilien bekränzt, schritten einher,

und sangen Lob dem, der muss ewig sein.


„Benedicta tu!“, riefen sie nun sehr,

„in allen Weibern, die der Herr erschuf!“,

und Blumen fielen nieder, wie das Meer.


Dann sah ich vier Tiere, in dem Ruf,

mit grünen Blättern, und mit Augen voll,

als ob der Geist sie für den Sieg erschuf.


Zwischen den Vieren, in dem Lichte, soll

ein Wagen kommen, auf zwei Rädern frei,

gezogen von dem Greif, in seinem Woll’.


Die Flügel streckten sich, in die Zwei-ei,

bis in den Himmel, hoch und strahlend weit,

und trennten links und rechts den Pfad, entzwei.


Drei Frauen kamen, in der Herrlichkeit,

auf der rechten Seite, in den Farben rot,

gelb, weiß – die Liebe, Glaube, Ewigkeit.


Auf der linken Seite, in der Not

der Tränen, vier, in Purpur, wie das Blut,

die Weisheit, die uns aus dem Geiste droht.


Zwei alte Männer, in dem festen Mut,

gefolgt von vieren, in dem schlichten Kleid,

und einer, der wie im Traume nun ruht,


Ein Greis, der schreibend ging, in Einsamkeit,

als ob er Visionen sähe, im Gesicht,

und das Geheimnis hielt für alle Zeit.


Was ich sah, war das göttliche Gericht,

der Triumph der Kirche, in der Vision,

und ich, im Staunen, sah das wahre Licht.



GESANG XXX


Als jene sieben Sterne, hoch im Lauf,

die weder Untergang noch Aufgang kannten,

die alles Wissen zeigten, hell und auf,


Zum Stehen kamen, in den Flammen brannten,

die Ältesten, die dort den Wagen führten,

und die wie Boten, in der Liebe, nannten,


Sich wandten, wie der Friede, der uns rührten,

zu dem Gefährt, das nun als Sternenlicht

den Frieden in den Garten uns entführten.


„Veni, sponsa de Libano!“, das Gedicht

erscholl von allen, hundert Stimmen rein,

die Engel stiegen nieder, aus der Sicht


Des Himmels, und sie streuten Blumen ein,

auf den Wagen, in einer Wolke weiß,

die wie ein Schleier schien, im Sonnenschein.


Dann sah ich eine Frau, mit hellem Kreis,

in weißem Schleier, unter grüner Pracht,

und rotem Kleid, das wie das Feuer wies.


Mein Geist, der lange, in der dunklen Nacht,

sie nicht gesehen hatte, bebte sehr,

von jener Macht, die mich einst hat bewacht.


Ich spürte, durch die Kraft, die nun so schwer

auf mich sich legte, wie in alter Zeit,

dass jene Liebe mich erfüllte, mehr


Als je zuvor, in dieser Ewigkeit.

Ich wandte mich zu meinem Lehrer nun,

als Kind, das bei der Mutter, in dem Leid,


Sich birgt, um bei ihr Schutz nun auszuruhn.

„O, jedes Wort“, rief ich, „ist nun entflohn!

Vergil ist fort! Was soll ich weiter tun?“


Doch ach, Vergil, der mein Gesang und Lohn,

verließ mich nun, mein Vater und mein Licht,

ich blieb allein, in dieser neuen Fron.


„Dante, weine nicht!“, sprach sie im Licht,

„Weine noch nicht, denn ein weit schwer’res Schwert

wird dich bald treffen, in dem Weltgericht!“


Sie stand auf dem Gefährt, wie einer, der wert

ist, zu richten, und sah auf mich herab,

mit Augen, die den Stolz in mir verzehrt.


„Schau mich an, ich bin es!“, sprach sie knapp,

„Ich bin Beatrice, hast du mich erkannt?

Wie konntest du, auf diesem steilen Pfad,


Verraten, was das Herz dir einst benannt?“

Ich senkte den Blick, auf den klaren Strom,

und sah mein Ebenbild, in Scham gebrannt.


Wie Schnee, der auf den Gipfeln, in dem Dom,

des Appennins, vom Wind geschmolzen wird,

so schmolz mein Herz, wie unter einem Strom.


Die Engel aber sangen: „In Te, Domine,

speravi!“, doch bei dem Wort „pedes meos“,

da endete der Sang, in tiefer Mine.


Wie Eis, das in dem Frost sich löst, so groß

war meine Reue, als die kalte Brust

sich wandelte, in Tränen, in dem Schoß.


Sie sprach zu ihnen, in ihrer Bewusst:

„Ihr wacht in Ewigkeit, doch dieser hier,

verlor den Weg, in seiner ird’schen Lust.“


Ich stand allein, in dem Gebet, an ihr.



GESANG XXXI


„O du, der du diesseits des Stromes bist“,

begann sie nun, das Schwert in ihrem Blick,

der schärfer als ihr Wort mich endlich trifft,


„Sag mir, ist diese Wahrheit dein Geschick?

Denn deine Schuld, die du nun hier bekennst,

muss mit der Reue sich entfliehen, Stück für Stück!“


Mein Geist, vor Scham, der nicht mehr, wie du rennst,

versank in sich, und meine Stimme brach,

kaum dass ich sie, vor Angst, noch nennen kannst.


„Was hast du auf dem Weg, im harten Fach,

gesucht, dass du die Liebe hast verlernt?“,

sprach sie, und ich, in Tränen, sah ihr nach.


„Das Bild, das sich in and’re Dinge entfernt,

hat meinen Geist vom Pfade abgebracht,

als deine Schönheit mir den Blick entkernt.“


„Hättest du geschwiegen“, sprach sie voller Macht,

„wäre dein Fehler kleiner noch gewesen,

doch nun bekenne, was dein Stolz vollbracht!“


Ich bebte, wie ein Kind, in schweren Wesen,

die Zunge blieb mir trocken, im Gebet,

bis ich das Wort der Reue konnt’ erlesen.


„Der falsche Schein“, sprach ich, „der mich versteht,

hat mich verführt, sobald dein Angesicht

verstarb, und ich in and’re Bahnen geht.“


Sie sah mich an, als ob das Tageslicht

die Wahrheit in mein Herz hinein nun bohrt,

„Du hast die Treue, in der Zeit, zerbricht!“


Dann sprach sie zu den Engeln, ohne Hort,

„Warum habt ihr ihn nicht gewarnt, im Traum?“,

und sie, sie sangen, in dem heil’gen Ort.


Dann hielt sie inne, in dem Himmelsraum,

„Komm näher, Dante, beiß hinein in Schmerz,

der Blick ist schon genug, wie im Albtraum!“


Ich trat heran, mit schwerem, müdem Herz,

sie wies mir Lethe, den vergess’nen Fluss,

Statius zog mich mit, in jedem Scherz.


Ich tauchte ein, und spürte, wie der Guss

der Welle mich von meiner Schuld befreite,

ich trank das Wasser, für den neuen Kuss.


„Taucht ihn nun unter!“, sprach sie, im Geleite

der Nymphen, die mich in die Fluten führten,

und ich, der ich nun rein, in der Weite,


Die neue Kraft, im Geiste, nun verspürten.

Sie zogen mich zum Wagen, vor den Thron,

wo Beatrice stand, die meine Sinne rührten.


„Schau mich nun an, im Glanz der Sonnen-Fron!“,

sprach sie, und ihre Augen, ohne Schein,

enthüllten das Geheimnis, in dem Lohn.


Ich sah den Greif, wie er im Glanz, allein,

sich spiegelte, in ihren Augen tief,

und Christus schien, in ihr, wie Sonnenschein.


Doch ach, das Wunder, das mein Herz berief,

war unbeschreiblich, in der Herrlichkeit,

während der Engel Chor in Liebe lief.


Ich sank vor ihr, in der Unendlichkeit,

im Wissen, dass die Reue nun vollbracht,

und meine Seele frei ist, von dem Leid.



GESANG XXXII


So tief war meine Seele in das Schauen

der Beatrice eingetaucht, gebannt,

dass alle Sinne, fern dem Erdenbauen,


Erloschen waren, an dem hellen Strand.

Die heil’gen Nymphen riefen: „Halt, o halt!“,

als ob die Zeit an ihre Grenzen fand.


Ich sah, wie in dem Licht, das die Gestalt

der Dinge wandelte, die Schar nun stand,

die mit dem Greif zog, durch den Himmelswald.


Sie wandten sich, zur Sonne hin gewandt,

und auf dem Wagen, der nun still geblieben,

sah ich, wie Beatrice, Hand in Hand,


Den Blick nach vorn, durchs Licht der Liebe trieben.

Wir folgten ihr, den Greif im festen Schritt,

und Statius, der sich in der Treue üben


Wollte, ging neben uns, als Geist, mit.

Wir stiegen auf, durch Gottes Gartenpfade,

und jeder Baum, der uns zur Seite glitt,


Trug Blätter, hell von himmlischer Gnade.

Der Greif, er hielt den Kurs, im steten Lauf,

und wir, wir folgten, ohne Zornes-Schade.


„Halt inne!“, riefen sie, als ob der Auf-

bruch nun geendet, an dem kahlen Baum,

wo keine Blätter mehr in ihrem Lauf,


Den Glanz der Krone zeigten, wie im Traum.

„Adam!“, riefen sie, mit Schmerz im Ton,

und um den Stamm, in jenem Himmelsraum,


Da hingen alle Blüten, wie in Fron,

verloren an der Sünd’, die einst geschah.

Der Greif, er band den Wagen, wie zum Lohn,


An jenen Baum, der dort so einsam sah,

und plötzlich, als der Wagen dort nun ruhte,

da grünten Blätter, fern und plötzlich nah,


Als ob die Frühlingssonne, in der Flute

des Lebens, die Natur nun neu belebt.

Die Seelen sangen, voller Lieb’ und Gute,


Ein Lied, das meine Sinne sanft erbebt,

dass ich in Schlaf verfiel, in tiefer Ruh’,

bis dass ein Blitz, der mich vom Boden hebt,


Mich weckte, in dem hellen Himmels-Nu.

„Steh auf!“, sprach sie, die Beatrice, mild,

und ich, ich öffnete die Augen zu.


Ich sah den Wagen, wie ein Geist, ein Bild,

von einem Adler, der ihn jäh zerbrach,

und die Zerstörung, die den Geist erfüllt.


Ein Fuchs, der aus dem Wald, in seinem Dach,

den Wagen raubte, doch die Beatrice wies

mich auf den Stolz, der in der Gier erwach’.


Ein Drache kam, der ihn in Stücke ließ,

und Federn streute, wie die Gier der Welt,

die alles Schöne in der Finsternis verließ.


Der Wagen aber, wie er sich aufstellt,

bekam nun Köpfe, sieben, in der Form,

und eine Hure, die das Schicksal hält,


Saß drauf, und lachte, in dem wilden Sturm.

Ein Riese an der Seite, ihr zur Schau,

als ob die Sünd’ nun werde zur Reform.


Doch Beatrice, in dem hellen Blau,

der Wahrheit, blickte auf die Schmach der Zeit,

und ich, ich sah die Welt, als falsche Frau.



GESANG XXXIII


„Deus, venerunt gentes!“, sangen sie,

die sieben Frauen, in dem Trauerschlag,

die Tränen flossen, wie die Melodie,


Die Beatrice mit leisem Seufzer lag

und zuhörte, wie in dem fernen Meer,

das Schicksal leidet, bis zum Jüngsten Tag.


„Modicum, et non videbitis me“,

sprach sie zu uns, „und wieder wird die Zeit,

dass ihr mich seht, in hellem Himmels-Weh!“


Sie schritt voran, und wir im Geleit,

Statius und ich, und jene, die uns führt,

durch den verklärten Wald, zur Ewigkeit.


Der Pfad war kurz, und als mein Herz berührt

vom Licht der Wahrheit, das uns Beatrice gab,

da sah ich, wie der Fluss, der alles rührt,


Die Quelle Eunoe, im Sonnenstab,

die Wasser bot, die alles Leid vergaßen,

und mir die Kraft, für den Aufstieg, nun ergab.


Wie eine Frau, die in den schönen Maßen,

des Himmels rein wird, von der letzten Schuld,

so stieg ich auf, in dem die Tugenden saßen.


Ich trank, und fühlte eine neue Huld,

die wie ein Kranz von Sternen mich umgab,

mit heiliger Reinheit, in der Gottes-Schuld.


Ich war bereit, nun stieg ich aus dem Grab

der alten Welt, in das ich einst verfiel,

und trug die Last des Lebens von mir ab.


Ich war bereit für den Aufstieg, im Ziel,

so rein, dass ich der Sonne standgehalten,

und jeder Stern, im Himmels-Himmels-Spiel,


Begann, in meinem Innern sich zu entfalten.

Ich sah das Licht, das keine Grenze kennt,

und Beatrice, die in den alten Falten


Der Liebe, nun in Gottes Glanz verbrennt.

O heiliger Pfad, der mich zum Lichte führte,

da, wo der Geist, in Liebe, Gott erkennt!


Die Welt, die Dante einst mit Schmerz berührte,

war nun vergessen, in dem hellen Schein,

der in der Seele, ewig nun, sich spürte.


Ich schaute auf, zum Himmel, klar und rein,

und jeder Stern, in Gottes Himmels-Zelt,

hieß mich im Paradiese endlich ein.


Rein und bereit, zu steigen auf das Feld,

der Sterne, die das Universum lenken,

so endete das Purgatorium, die Welt,


Des Leidens, um das Herz mir zu beschenken.

Ich war bereit für Paradieses Lauf

und ließ das Staunen in dem Geiste senken.


Ich schaute hoch, in dem des Glückes Kauf,

und stieg, mit Beatrice, nun weiter auf.






DAS PARADIES



GESANG I


Des Allbewegers Herrlichkeit durchdringt

Das Weltall, leuchtend in verschied’nem Grade;

Hier mehr, dort weniger, wie es gelingt.


Ich war im Himmel, der des Lichts Pfade

Am meisten fasst; und sah, was wiederzugeben

Kein Mensch vermag, der dort im hellen Gnade


Hinabsteigt; denn wenn wir uns dort erheben

Zum Sehnsuchtsziel, geht unser Geist so tief,

Dass ihm das Wissen folgt mit neuem Leben.


Doch was mein Geist aus jenem Reich, das rief,

Als Schatz im Gedächtnis festzuhalten weiß,

Wird jetzt zum Stoff, der meine Worte rief.


O guter Apollo, für den letzten Preis,

Mach mich zu einem Gefäß für deine Kunst,

Wie du es forderst für des Lorbeers Reis.


Bis jetzt genügt’ ein Gipfel für die Gunst

Des Parnass, doch nun muss ich beide wagen,

Im Kampf um diese letzte Gottesbrunst.


Tritt in mein Herz, lass deine Töne klagen,

Wie du es tatest bei des Marsyas Pein,

Als du ihn aus der Glieder Hülle schlagen.


O göttliche Kraft, willst du mein Helfer sein,

Dass ich das Bild des Reiches, das mir blieb,

In meinem Geist kann zeigen, hell und rein,


Dann siehst du mich am Lorbeer, der mich trieb,

Gekrönt mit dem Laub, das du mir würdigst dann,

Weil mein Gesang dich, Gott, in Freude schrieb.


Wenig geschieht es, Vater, dass man sann,

Dass einer einen Zweig vom Lorbeer bricht,

Für eines Dichters Stolz oder für den Mann,


Weshalb des Delphischen Gottes Freude bricht

Aus der Freude, die Pierus’ Töchter kennen,

Wenn jemals einer nach dem Lorbeer spricht.


Aus kleiner Flamme lässt sich Großes brennen;

Vielleicht wird man nach mir mit besserem Wort

Die Antwort bei Cyrrha besser nennen.


Des Lichtes Welt geht an so manchem Ort

Auf für die Menschen, durch die Sonne rein,

Die vier Kreise kreuzt an des Frühlings Pfort.


Mit drei Kreuzen läuft sie, in den Glanz hinein,

Vereint mit den Sternen, die sie besser führt,

Und prägt die Welt mit ihrem eig’nen Schein.


Dort war es fast schon, als die Zeit uns rührt,

Dass ich Beata sah, sie wandte sich

Nach links, zum Himmel, der die Sonne führt.


Ihr Auge sah so fest, dass ich, für mich,

Nicht mehr an mich, in ihr verweilen konnte,

Und in ihr Auge schauend, änderte ich mich.


Wie Glaucus wandelte, als er sich sonnte

Im Kraut, das ihn zum Gott im Meere macht,

So stieg ich auf, wo alles Leben wohnte.


Was in mir menschlich war, entwich bei Nacht,

Und ich begann, wie nur ein Gott wohl kann,

Von dem, was in mir durch den Himmel wacht.


Ob ich nur Seele war, die du, Gott, sann,

Weißt du allein, der du mich hobst mit Licht;

Du weißt, was dein war, das ich endlich spann.


Als nun der Himmel, der das Sehnen bricht,

Durch ewige Kreise, die ich wohl vernahm,

Mit Harmonie mich füllte, hell und schlicht,


Da sah ich, wie die Sonn’ am Himmelsdamm

Das Firmament entflammte, weit und breit,

So dass kein See aus Regen jemals kam.


Das Neue, das ich sah, die Herrlichkeit,

Und Licht, in dem ich stand, entflammte mich

Mit einem Wunsch, den ich bisher nicht gekannt zu Zeit.


Und sie, die sah, was in mir regte sich,

Wie sie mich sah, so still und voller Fragen,

Dass sie den Mund noch vor mir öffnete, wie mich.


„Du machst dich selbst ganz dumm“, begann sie, „mit Klagen,

Durch falsche Meinung, dass du nicht verstehst,

Was du wohl sähest, könntest du es tragen.


Du meinst, du seist auf Erden, wo du gehst;

Doch Blitze, die von ihrem Ort entfliehen,

Eilen nicht so, wie du, wenn du dort stehst.“


Ich, der befreit von diesem ersten Glühen,

Durch ihre Worte, fragte nun nach Sinn,

Um meine Zweifel aus dem Geist zu ziehen.


Ich sagte: „Schon vorhin war ich darin,

Beruhigt von dem Wunder, das mich band,

Doch nun steht wieder eine Frage in mir drin:


Wie kann ich, leichter als der Körper, durch dies Land?“

Da seufzte sie mit Mitleid auf mich nieder,

Und sah mich an, wie eine Mutter, die erkannt,


Ihr Kind, das krank ist, und sie sprach dann wieder:



GESANG II


O ihr, die ihr in kleinen Booten fahrt,

Begierig, meinen Spuren nachzuspüren,

Die singend ziehn, auf dieser Wogen Art:


Kehrt heim zu eurem Strand, lasst das Berühren

Der tiefen Fluten, wagt euch nicht hinaus,

Sonst könntet ihr, mich aus den Augen verlier’n,


Verirrt im Weiten. – Das Meer, das ich Graus

Durchfahre, fuhr noch nie ein Mensch zuvor.

Minerva weht mein Segel, Apoll zum Haus


Der Musen führt, den Bären als mein Tor,

Der mir die Richtung weist. – Ihr andern, die

Ihr früh den Hals noch neigt, in eurem Chor,


Nach Engelsbrot, das hier dem Leben nie

Den Sätt’gungswert verspricht, den ihr begehrt:

Ihr könnt wohl fahren, auf der Salzflut, wie


Mein Kielwasser nun schon die Spur euch lehrt.

Die Argonauten, staunend, ohne Maßen,

Als sie den Iason pflügen sahen, wehrt’


Sich kaum ihr Geist – doch ihr, die ihr verlassen

Wollt nun die Küste, seht, was man kaum kennt:

Das Reich, das wir nun mit dem Geiste fassen.


Der angeborenen, ew’gen Sehnsucht Brennt

Gleich kam sie uns, Gott gleich, und stieg empor,

So schnell, wie sich der Himmel wohl errennt.


Beatrice sah empor, ich zu ihr vor,

Und in der Zeit, da Pfeile treffen Ziel,

Sah ich mich dort, wo Wunder schwingen vor.


Die Herrin, die mein Tun sah, ohne Spiel,

Sprach lächelnd hell: „Den Geist auf Gott nun lenke,

Der uns führt, auf dieses erste Sternengefühl.“


Es schien, als ob ein Glanz, so hell und senke

Sich über uns, wie eine Wolke licht,

Die hell wie Diamant, den Gott uns schenke,


Uns umschloss. – Im ew’gen Licht, das bricht,

Die Perle, die den Mond uns nennt die Welt,

Sie nahm uns auf, wie Wasser Licht zerbricht.


Wenn ich dort war – und wie sich das erhellt,

Dass Körper dort sich Körpern nicht entgegen,

Was man doch braucht, wenn Licht das Sein erhellt –


Das weckt das Sehnen in uns, uns zu regen,

Zu wissen, wie die Form das Sein durchdringt,

Dass eine Macht uns führt auf diesen Wegen.


Dort ist der Geist, der mit dem Glauben ringt,

Nicht durch Beweis, doch aus sich selbst, wie wahr

Die ersten Grundsätze uns in das Sein vollbringt.


Ich sprach: „O Herrin, mein Glaube ist so klar,

Dass ich das Höchste sehe, wie ich muss,

Doch was sind jene Flecken, wunderbar,


Die dort im Mond, als Körper ohne Schluss,

Uns zeigen Cain, den Mann mit Holz auf Rücken?“

Sie lächelte, mit zartem, sanftem Fluss:


„Wenn sich die Sinne irren beim Entzücken,

Und nicht zum Grunde dringen, wie der Sinn

Der Schale mag die Mängel noch bedrücken,


Dann wund’re dich nicht, dass du nicht drin,

Den Schlüssel findest. – Sag mir, was du glaubst,

Denn du bist ja dem wahren Kern so hin.“


Ich sprach: „Was uns verschied’ne Lichter raubst,

Das kommt wohl, glaub’ ich, von der Dichte hier,

Die dort im Mond, als dunkle Flecken glaubst.“


Sie sprach: „Du siehst, wie Irrtum in dir,

Wenn man mit Logik misst, die nicht besteht;

Doch sag, was hältst du von dem Lichtpapier,


Das durch den Körper nun das Dunkle weht?“

„Verschied’ne Güte“, sprach ich, „muss nun wirken,

Die Dichte, die im Körper sich versteht.“


Sie sprach: „Dann wirst du sehen, wie im Wirken,

Wenn du nur prüfst, die Enttäuschung weicht.

Die Sphäre des achten Himmels, in den Birken


Der Sterne, zeigt, wie Licht und Kraft uns reicht,

Verschieden stark. – Wenn Dichte alles wäre,

Dann wär’ die Kraft, die alles ausgleicht,


Verteilt, nicht wie du sagst, in der Sphäre.

Doch weiter: Wenn du hättest eine Quelle,

Die durch die Kraft, die sie uns hier beschere,


Verschieden wirkt – dann gäb’ es keine Stelle,

Wo Form nicht wäre. – Doch nimm nun an,

Dass hinter diesen Himmeln, in der Helle,


Ein Geist ist, der die Form im Sein entfann,

Und durch die Engel, die ihn ewig drehen,

Die Kraft verteilt, wie er es eben kann.


Das Licht, das nun durch alles muss erstehen,

Wird durch den Himmel, wie die Seele auch,

In verschiedenen Kräften uns versehen.


Die Güte, die der Engel uns im Hauch

Verteilt, wird eins, doch durch den Stern gebrochen,

Wie Leben, das im Leib entfacht den Brauch.


Aus diesem Licht, das nun in uns gesprochen,

Kommt das, was du als 'dunkel' nun benennst,

Nicht Dichte, nein, ein Schein, der durchgebrochen.


Dies ist die Form, die du als 'dunkel' kennst,

Durch Ungleichheit des Lichts, das dort verteilt,

Der erste Grund, den du nun wohl erkennst.“



GESANG III


Das Sonnenlicht, das mir die Brust geschwellt

Mit Wahrheit durch Beweis und Widerlegung,

Hat nun mein Herz in stiller Ruh’ erhellt.


Ich wollte nun, mit stolzer Überlegung,

Mein Wort bekennen, das die Schuld wohl tilgt,

Doch fand ich mich in and’rer Überregung.


Wie bei dem Glas, das glatt und rein sich zeigt,

Oder in Wassern, klar und tief und still,

Bevor das Licht die Schatten wieder beugt,


Sich unser Antlitz so schwach zeigen will,

Dass man die Perle auf der Stirn kaum sieht,

Wie eines Auges Blick, der schwankt im Still:


So sah ich Lichter, die der Glanz durchzieht,

Die auf ein Spiel der Antwort nun gewartet,

Weshalb ich, was die Täuschung mir verlieh,


Zu jenen wandte, die das Ziel gestartet.

Und sah – o Lieb’ – in ihrem hellen Schein,

Als ob im Spiegelbild mein Geist erstarrte.


Ich dachte, Schattenbilder nur zu sein,

Wie durch ein Glas, das von der and’ren Seite

Uns spiegelt, um das Auge zu befrein.


Ich wandte mich, um zu sehen in die Weite,

Was das wohl sei, sah nichts – und wandte mich

Zu ihr, die lächelnd in der Liebesbeite


Mit Feueraugen sprach: „Wund’re dich,

Dass ich nun lächle bei der kind’schen Schau,

Die nicht auf Wahrheit baut, sondern auf dich?


Sie stehen hier, so wahr in hellem Bau,

Weil sie Gelübde hielten, nicht vollendet,

Durch Mangel an der Kraft, in ihrem Tau.


Sprich mit ihr, höre, was ihr Geist uns sendet,

Denn in dem Licht, das Frieden ihnen gibt,

Ist Wahrheit, die den Hunger uns vollendet.“


Ich wandte mich zu der, die leuchtend liebt,

Und fragte sie, wer sie wohl möge sein,

Was ihr im Himmel nun das Glück verschiebt.


Sie sprach mit Lächeln, hell und sonnig rein:

„Die Liebe, die uns in dem Willen eint,

Will, dass wir glücklich sind im kleinen Schein.


Du fragst, ob wir, die hier im Glanze scheint,

Nicht höher wollten, um mehr Licht zu schauen?

Das würde, glaube mir, das Sein verneinen.


Denn hier ist Liebe, die uns lässt vertrauen,

Dass wir nur das begehren, was wir haben,

Und keine and’ren Gipfel uns bebauen.


Denn wollten wir, als wir das Licht noch laben,

Höher zu stehen, als der Ort uns lehrt,

Wär’ unser Wille fern von seinen Gaben.


Das findest du hier nicht, wo Liebe wehrt,

Wenn wir im Willen sind, der Gott vereint,

Und unser Sein dem einen Plan beschert.


Es ist das Wesen dieser Seligkeit,

Dass wir im Willen Gottes sind geborgen,

Und unsere Wünsche werden gleich der Zeit.


So ist es uns, von heute bis zu morgen,

Vom ersten Kreis bis hier in dieses Licht,

Wo keiner ist, der nicht hat keine Sorgen.“


Dann sah ich klar, dass jeder Ort entspricht

Dem Himmel, auch wenn’s nicht der höchste wäre,

Wo Gott die Gnade durch die Liebe bricht.


Doch wie an Speisen, die man nährt im Heere,

Sättigt der erste Gang, doch Hunger bleibt,

So sprach ich, um zu lernen aus der Lehre:


„Welche Tugend ist’s, die euch nun treibt,

Dass ihr nicht hochfliegt, um die Last zu lösen,

Und dort, wo Glanz sich mit der Wahrheit schreibt?“


Sie lachte leise, ohne zu verblößen:

„Die Liebe löscht den Hunger, wie das Brot,

Und macht uns eins mit dem, was wir erlesen.


Wäre ich höher, hätt’ ich keine Not,

Doch mein Verlangen wäre nicht in Ruhe,

Wenn Gott uns trennt von seinem Liebesgebot.


Da siehst du, wie die Ordnung, die ich tue,

In einer Liebe ruht, die alles misst,

Weil ich nur das will, was ich hier besuche.“


Dann sprach sie weiter: „Piccarda, die ihr wisst,

Ich war im Kloster, dort, wo Schleier fallen,

Die Gottes Liebe in das Herz uns frisst.“



GESANG IV


Zwischen zwei Speisen, fern und gleich an Kraft,

Verhungerte ein Mensch, in festem Stande,

Ehe er den Biss zum einen Mund geschafft.


So stünde auch ein Hund, im freien Lande,

Gezwungen zwischen zwei Gefahren wild,

Und wählte nicht, gefangen im Gewande.


So schwieg ich, zwischen Zweifeln, blind und mild,

Aus Not, die mich zum Schweigen zwang in Reimen,

Doch sprach ich nicht, obschon mein Herz dies will.


Ich schwieg – doch meine Bitte, in dem Keimen,

Stand mir im Antlitz, klarer als die Wort’,

Und sprach, was ich versuchte zu verleimen.


Beatrice tat, wie Daniel, als am Ort

Nabuchodonosor den Zorn besänftigt,

Und rettete den König durch ihr Wort.


Sie sprach: „Ich sehe, wie dich Zweifel kräftigt,

Dass du in dir verhungerst, voll von Sinn,

Und dir die Wahrheit selbst erst unvernünftigt.


Du fragst dich wohl: Wenn guter Wille hin

Zu Gott uns zieht, wie kann dann fremde Macht

Den Lohn des Menschen mindern im Gewinn?


Und ferner: Wandert jede Seel’ zur Nacht,

Zurück zu ihrem Stern, nach Platos Lehre,

Die uns das Sein in Himmelskreisen wacht?


Dies sind die Fragen, die, wie ein Meere,

Dich schütteln, doch ich werde sie nun lösen,

Dass deine Einsicht sich von Zweifeln leere.


Das ist der Höchste, der den Geist erlesen,

Doch ist kein Segen dort, wo Licht nicht ist,

Und Wahrheit dort nicht glänzt, im wahren Wesen.


Sie kommen hierher, wie ein guter List,

Und doch, so sagt man, fehlt die Kraft zum Handeln,

Weil sie die Tugend, die man liebt, vergisst.


Man kann die Tat wohl durch Gewalt verwandeln,

Doch ist der Wille frei, und er kann nie

Sich gegen sich im eignen Geist entwandeln.


Denn wenn er beugt, dann beugt er sich wie sie,

Die unter Druck, wie Flammen, sich verneigen,

Obwohl sie aufwärts wollen, frei von Müh’.


Hätten sie festen Willen, ohne Reigen,

So wären sie, als sie die Fesseln lösten,

Gleich wieder auf dem Pfad, den sie wohl eigen.


Dies ist der Grund, warum sie hier, die größten,

Nicht ganz so hell sind, wie die andern dort,

Weil sie dem Schwur nicht treu, von ihren Kösten.


Die zweite Frage – nach dem Himmelsort –

Ist schwieriger, doch ich will sie nun deuten,

Dass keine Falschheit lebt an diesem Wort.


Denn dass man sagt, die Seelen, wie die Leuten,

Zu ihren Sternen wandern, ist ein Bild,

Das man muss tiefer, in der Wahrheit, deuten.


Der Seraph, der in Gottes Licht sich stillt,

Und Moses, Samuel und Johannes, der

Den göttlichen Plan uns in dem Worte füllt,


Sie sitzen nicht in and’rem Sternenheer,

Als jene, die ihr Herz hier nun gefunden,

Doch teilen sie die Güte, hin und her.


Sie alle zeigen uns der Ew’gen Stunden,

Verschieden stark, je nach der Gnade Schein,

Die in den Geistern ist schon fest gebunden.


Sie zeigten sich, um dir den Weg zu leihn,

Dass du das Sinnliche als Geist begreifst,

Da unser Sinn nur durch das Bild kann sein.


Deswegen spricht die Schrift, dass Gott sich reift

Mit Händen, Füßen, und die Heil’gen auch,

Dass du das Unsichtbare nun begreifst.


Die Kirche gibt uns dieses Bild als Brauch,

Damit der Geist, der noch im Leibe weilt,

Den Sinn versteht, der in die Seele tauch.“



GESANG V


„Wenn ich dich liebe in dem Licht, das brennt,

Das heller scheint als alles, was du kennst,

Sodass mein Blick die Sinne überrennt,


Dann wund’re dich nicht, dass du so erkennst

Die höchste Kraft, die in das Auge dringt,

Denn was man dort im Geist als Wahrheit nennst,


Ist das, was dir die Klarheit nun erzwingt.

Du siehst, wie in den Geistern meiner Art

Das Bild des Göttlichen so ewig schwingt.


Du fragst, ob man das Gelübde, wenn es hart,

Durch and’re gute Taten kann ersetzen,

Dass man die Seele von dem Zweifel spart.“


So sprach Beatrice, wie sie pflegte, schätzen

Mein Sinnen ein, und fuhr mit hellem Blick

Auf ihrem Pfad fort, um den Geist zu netzen:


„Das größte Gut, das Gott aus dem Geschick

Der Schöpfung gab, als er uns Freiheit ließ,

Und das dem Willen gab das schönste Stück,


Ist das Geschenk, das uns die Gnade wies.

Wenn du dem Gott ein Gelübde nun versprichst,

So gibst du dieses Gut, wie er’s verhieß.


Was kannst du bieten, das du nun verrichtst?

Wenn du das Opfer darbringst, ist das Gut

Verbraucht – du tust, was du aus Geiz verhichtst.


Ist das Gelübde, das in deiner Glut

Entstand, für Gott das wertvollste, so weiß:

Du darfst nicht ändern, was dir heilig tut.


Nicht ohne Grund ist dieses heil’ge Reis,

Denn was versprochen ist, muss man erfüllen,

Sonst wird der Tausch zum Spiel, das nichts als Eis.


Sei fest im Glauben, lass dich nicht umhüllen

Von Zweifeln, die dich leise täuschen nur;

Geh geradeaus, in deiner Seele Stillen.


Nicht wie ein Lamm, das aus der Herde Flur

Entspringt, und blind vor Torheit seine Kraft

Verliert, und geht auf falscher Wege Spur.


Nicht alles Gelübde, das man nun erschafft,

Ist leicht zu lösen, doch behalte dies:

Es sei denn, dass die Tat, die man nun rafft,


Viel schwerer wiegt, als was man zuvor wies.

Doch weiche nicht von dem, was du geschworen,

Aus eigenem Willen, den der Teufel stieß.


Sei nicht wie Jephtha, der das Wort verloren,

Und lieber erst mal prüft, bevor er schwört,

Denn viele sind in ihrem Trotz erfroren.


Sei klug, du Christ, und lass dich nicht betört

Von jedem Wind, der dir die Seele beugt,

Und glaube nicht, dass jede Flut dir gehört.


Du hast das Alte und das Neue, das bezeugt,

Das Wort des Hirten, das dich leiten soll,

Damit die Reue dich vor Sünden beugt.


Genug – die Welt ist voll, und sündenvoll,

Doch nimm das Kreuz, das dir den Weg bereitet,

Damit dein Geist im Lichte bleiben soll.“


Sie sprach, und wir, von Sehnsucht nun geleitet,

Eilten empor, so schnell wie Pfeile fliegen,

Dort, wo der Himmel seine Pracht ausbreitet.


Ich sah sie freudig, in den Himmelswiegen,

Dass der Planet den Glanz in sich empfing,

Und wollte nun mein Herz in Liebe biegen.


Wie in dem Stein, der in dem Lichte ging,

Ein neues Funkeln in die Tiefe dringt,

So freute sich, als sie mich sah, das Ding.


Und jene Seele, die nun näher bringt

Sich mir, um zu sprechen, hell und klar,

Die sich in ihrer Freude nun verschlingt:


„Erfreue dich an dem, was ich nun war,

Und bin, im Licht, das Gott uns schenkt so rein;

Willst du etwas, so frag, es ist fürwahr!“



GESANG VI


„Als ich Constantin vom Westen abgekehrt

Den Adler zog, dem Lauf des Himmels nach,

Dem jener folgte, der Lavinia erst vermehrt,


Hundert und mehr Jahre lang das Reich geschah,

An des Gebirges Rand, wo es begann,

Bis ich die Macht des Himmels endlich sah.


Die heilige Schwinge regiert’ ich dann,

Und durch der Gnade Kraft, die Gott mir gab,

Verschloss ich Krieg, und Frieden fing nun an.


Ich war ein Caesar, Justinian, herab

Vom Himmel sandte Gott, der mich nun führt,

Dass ich das Werk der Liebe mit dir schreib, hinab.


Doch erst, wenn du die Geschichte hast gespürt:

Sieh, wie der Adler, das Zeichen der Macht,

Den Lauf der Welt durch alle Zeiten führt.


Er sah, wie Pallas für sein Grab gewacht,

Wie er für ihn starb, und wie der Ruhm

Des römischen Adlers durch die Welt entfacht.


Du weißt, wie er in Alba – heil’ges Heiligtum –

Drei Jahrhunderte verweilte, bis er stieg,

Und kämpfte für der Freiheit echtes Ruhm.


Du weißt, was er bei den Sabinern sieg’,

Und wie er gegen Brennus, Pyrrhus schritt,

Und mancher Fürst erlitt den harten Krieg.


Mit Torquatus, Quintius, den man nicht mit

Dem Namen kennt, und Decii und Fabii,

Bracht’ er den Ruhm, den man nun sicher litt.


Er warf der Araber Stolz, die auf der Nie

Des Hannibals den Alpenpfad durchbrachen,

Und Caesar war’s, der ihn führte in die Nie.


Was er bei Isara und bei Varos sprach,

In Ravenna wurde er zum Herrn der Macht,

Und alles, was er tat, war Gottes Wach.


Dann zog er gegen Spanien, voller Pracht,

Dann nach Dyrrachium, dann Pharsalus,

Und machte den Nil, der weinte, in der Nacht.


Er traf Antandros, Simois, in vollem Fluss,

Wo Hector liegt, dann drückte er das Bein

Auf Ptolemäus, in des Schicksals Muss.


Er kam wie ein Blitz, in Juba, ganz allein,

Und dann nach Westland, wo das Horn sich dreht,

Und Pompeius sah den Glanz in seinem Schein.


Was unter Tiberius nun geschieht, der geht

Mit ihm, wenn der Adler für die Rache stritt,

Und Gottes Werk in Christi Name weht.


Denn er vollzog die Rache, Schritt für Schritt,

An dem, was an der Sünde Schuld nun trug,

Und nahm den alten Adam endlich mit.


Dann unter Titus, dessen Zorn nun schlug

Das Volk, das Christus kreuzigte, so schwer,

Und er den Frieden endlich mit sich trug.


Doch als die Langobarden, aus dem Meer,

Die Kirche angriffen, da kam Carl der Große,

Und rettete den Stuhl, das röm’sche Heer.


Nun siehst du, wie die Schuld, der kleine Sprosse,

Durch die Ghibellinen und die Guelfen brach,

Die nur in ihrem Stolze sind so große.


Sie kämpfen gegen das Zeichen, das so wach,

Und wer sich gegen dieses Banner stellt,

Der zahlt den Preis, der in der Hölle nach.


In diesem Reich, das Gott uns hat erhellt,

Gibt es die Seelen, die in Liebe glühen,

Weil sie auf Erden taten, was die Welt


Zu Ruhm und Tugend brachte, im Bemühen.

Doch Romeo, der arm und fremd nun kam,

Musste sich vor dem Grafen ständig mühen.


Sein Herr, der ihn belohnt, war voller Scham,

Denn er war treu, und doch verbannt zum Schluss,

Und das war das, was ihm die Freude nahm.


Wenn man wüsste, was er litt im Genuss,

Des Brotes, das er betteln musste dort,

Dann wär’ sein Lob noch größer, ohne Kuss.“



GESANG VII


„Hosanna, Sanctus Deus Sabaoth,

Superillustrans claritate tua

Felices ignes horum malacoth!“ –


So sang die Seele, die in hellem Glanz,

Wie sie es pflegt, im Doppel-Licht erscholl,

Und deutete den Rhythmus in den Tanz.


Sie und die andern, voller Gnade voll,

Begannen ihren Reigen, wie die Funken,

Die plötzlich schwanden, weil es Gott so soll.


Ich stand da, wie in Zweifel ganz versunken,

Und dachte: „Warum wohl das Opfer sein,

Dass Gott aus Mensch und Fleisch ist nun entrunken?“


Sie sah den Zweifel, wie in einem Schrein,

Und sprach, den Irrtum lösend mit dem Blick,

Der heller leuchtet als des Sonnen Schein:


„Die Strafe, die am Menschen, im Geschick,

Den ganzen Menschen traf, weil er nicht büßte,

War an der Wurzel, dort im ersten Glück.


Denn als die Menschheit, die sich hier wohl rüßte,

In ihren Ahnen lag, lag sie dort krank,

Und war gefangen, was die Freiheit küsste.


Sie konnte nicht entkommen, ohne Dank,

Weder durch Gnade, noch durch eigne Kraft,

Denn Gottes Maß war für das Glück zu eng.


So stieg Gott herab, mit seiner Meisterschaft,

In eines seiner Wesen, um zu heilen,

Was durch die Sünde war in Haft gerafft.


Er verband sich mit uns, durch seine Seilen,

Im reinen Schoß der Jungfrau, voller Pracht,

Und brachte uns das Leben, in den Zeilen.


Doch nun, da du die Frage hast entfacht:

Warum war dieses Mittel, dieses Licht,

Das Einzige, das Gott zu uns gebracht?


Die göttliche Güte, die den Geist verspricht,

Entzündet sich von selbst, und lässt in Ruh’

Die Gnade strömen, wie das Licht, das bricht.


Was sie direkt erschafft, ohne das Nu,

Bleibt ohne Ende, denn ihr Siegel bleibt,

Wo Gott sein Ebenbild uns zeigt dazu.


Was sie aus Nichts erschafft, das alles schreibt

Sich ein in Zeit, und ist dem Wandel gleich,

Wenn es die Liebe nicht durchdringt, vertreibt.


Doch sage: Wenn der Mensch, im Himmelsreich,

Von Gott erschaffen, und in Geist gegeben,

Sich selbst erhob, aus seinem armen Teich,


Dann musste Gott, durch seinen Tod, das Leben

Wieder erlangen, für den Menschengeist,

Dass er das Maß der Sünden konnte kleben.


Doch alles andere, was auf Erden reist,

Ist durch den Tod gezeichnet, denn der Stoff,

Der uns das Dasein gibt, ist nur, was speist.


Die Engel, und der Himmel, der den Stoff

In seinen Formen hält, sind rein und groß,

Erschaffen durch den Gott, in seinem Hoff.


Doch die Elemente, die im weiten Schoß

Der Erde leben, und was aus ihnen stammt,

Ist durch den Wandel, den die Zeit erlos’.


Gott schuf die Form der Dinge, die man flammt,

In Geist und Materie, ganz vereint,

Damit sie ewig leuchten, unverdammt.


Der Mensch jedoch hat sich, durch Zorn, verfeindet,

Und wurde aus dem Paradies verbannt,

Weil er den Baum des Lebens nun entwindet.


So hat der Tod an alles Hand gespannt,

Was Fleisch ist – doch das Kind, das Gott gebar,

Das in der Jungfrau Leib uns Fleisch erfand,


Das war die Tat, die alles offenbar

Wieder vereinte, Gott und Mensch vereint,

Nachdem die Sünd’ das Ende uns gebar.


Dies war die größte Tat, die uns erscheint,

Denn Gott gab sich, damit der Mensch sich hebt,

Was ohne seinen Tod nur elend scheint.


Alles, was aus der Güte nun erstrebt,

Ist vollkommen, doch die Gerechtigkeit

Gilt nur, weil Gott uns nun das Leben gibt.


Du sagst wohl, dass du siehst, wie sich die Zeit

In den Elementen wandelt, und das Feuer

Sich regt, mit Wind und Wasser, in der Weit’.


Doch auch das Wunderbare, das ungeheuer

Erscheint, ist nur ein Schöpfungsakt der Macht,

Die uns das Leben gibt, zu einem Steuer.


Und so die Auferstehung, in der Nacht,

Wird dann geschehen, wenn Gott, in seinem Wort,

Die Form des Fleisches wieder hell uns wacht.“



GESANG VIII


Die Welt glaubte einst, in ihrem irren Wahn,

Dass aus dem dritten Kreis, aus Venus’ Licht,

Die blinde Liebe strahlte, wie ein Plan.


Sie opferte ihr, pries sie mit Gedicht,

Sie, die den Minnekult in sich entfacht,

Wie sie am Morgen oder Abend bricht.


Aus ihr kam auch der Name, der bewacht

Die Mutter des Cupido, und sie gaben

Dem Stern den Namen, der die Welt bewacht.


Ich wusste nicht, dass wir aufgestiegen haben,

Doch Beatrice’ Schönheit war der Grund,

Dass ich die Änderung im Sternenklar fand, laben.


Wie man die Glut sieht, wie sie bricht im Rund,

Und wie ein Funke in der Flamme schwebt,

So sah ich Lichter, die im schnellen Bund


Sich drehten, in verschied’nem Maß belebt;

Wie unterschiedlich schnell, das weiß nur Gott,

Der sie durch seine Liebe dort erhebt.


Sie kamen abwärts, aus dem hellen Schott,

Ganz schnell, und sangen „Hosanna“ rein,

Dass ich den Wunsch verspürte, wie den Gott


Mit ihnen zu vereinen, in dem Schein.

Eine der Seelen näherte sich mir

Und sprach, um ihren Willen zu befrein:


„Wir alle sind bereit, zur Freude dir,

Damit du unser Glück kannst wohl verstehen,

Die wir uns drehn, im Kreis, hier mit Pläsier.


Wir sind, wie du mit weltlich’ Worten gehen

Hörtest, mit den Fürsten, die den Kreis

Der Welt regieren, in des Himmels Höhen.


Wir sind das Heer, das Liebe, Licht und Preis

Dem Himmel gibt, und nicht mehr wandern will,

Wie jene, die ihr Herz im tiefen Eis.“


Ich schaute auf zu ihr, ganz sanft und still,

Und fragte, wer sie sei, mit Ehrfurcht groß,

Und sie, sie strahlte, wie man strahlen will.


„Wir waren kurz auf Erden“, sprach sie bloß,

„Doch nicht genug, um Frucht zu bringen reich,

Die Gott uns gab, in seinem Gnaden-Schoß.


Ich war Karl Martell, die Welt blieb bleich,

Wenn sie mich sah, doch hätte ich mehr Zeit,

Wär’ meine Tugend größer für das Reich.


Die Liebe, die mich trug, die war bereit,

Dich zu belehren, denn ich liebte dich,

Wie ich noch heute lieb’, in Ewigkeit.


Ich sah dein Auge, das mir zeigt, dass ich

Geliebt bin, dort, wo ich den Frieden fand,

Und wo die Liebe, die mich hält, bin ich.“


Ich sprach: „Du hast mir Wahrheit wohl benannt,

Und weil ich sehe, wie du in dem Licht

Das Glück empfängst, das mir ist unbekannt,


So sag mir: Wie kann aus dem, der bricht,

Das Bittere entstehen, das die Welt

Mit Sorgen füllt, und das ihr Glück zerbricht?“


Sie sprach: „Wenn Wahrheit dort im Himmel zelt’,

Dann siehst du, wie das Übel aus dem Stamm

Der Menschen kommt, die sich der Welt entstellt.


Denn Gott, der alles regelt, in dem Lamm,

Sorgt dafür, dass die Natur die Kraft uns gibt,

Die wir empfangen, wie sein Liebes-Damm.


Nicht nur die Formen, die der Geist umgibt,

Sind seine Arbeit, nein, die Natur,

Die uns im Himmel das Schicksal schreibt und liebt.


Wäre die Ordnung gut, die in der Flur

Der Menschen herrscht, dann wär’ der Mensch ein Licht,

Doch er verdreht des Schöpfers wahre Spur.


Er nimmt, der für das Schwert geboren ist, zum Gedicht,

Und macht zum Priester, der das Volk nur lehrt,

Und wandelt so des Lebens wahre Sicht.


Die Welt läuft schief, das ist, was sie beschwert.“



GESANG IX


Nachdem dein Karl, o schöner Glanz, mir klar

Das Schicksal deines Hauses hat verkündet,

Schwieg er, das Ende, das ich wohl gewahr.


Doch eine andre Seele, die entzündet

Von Licht war, trat nun näher, voller Drang,

Dass sie ihr Licht, wie eine Sonne, gründet.


Sie sprach, mit Freude, die ihr Lied empfang:

„In diesem Licht, das mich nun hier umgibt,

Ist Friede, der durch meinen Geist nun klang.


Du siehst, wie mich der Glanz des Mondes liebt,

Ich war Kunizza, die auf Erden glühte,

Bevor der Tod mir diese Ruh’ hier gibt.


Doch freue ich mich, dass ich die sanfte Güte

Des Himmels fand, und trage keinen Schmerz,

Wenn auch das Urteil mich nun hier behüte.


Doch dieses Juwel, das in meinem Herz

Das hellste Licht ist in dem ganzen Kreis,

Wird ewig bleiben, wie ein Himmels-Erz.


Das ist Folquet, der nun, mit vollem Preis,

Besungen wird vom Himmel und von mir,

Weil er die Liebe, die uns eint, so weiß.“


Wie er so sprach, sah ich das Feuer hier

Noch heller brennen, wie ein Stern im Nacht,

Der voller Liebe strahlt, mit Lust und Gier.


„O du, die du das Licht in mir entfacht“,

Sprach er zu mir, „ich bin der, der im Licht

Des Himmels seine Liebe hat bewacht.


Hier ist die Stadt, wo die Dido nun bricht

Das Herz des Sichäus, doch die Liebe hier

Vergeht nicht mehr, auch wenn sie nun nicht spricht.


Ich bin der, der die Liebe gab zur Zier,

Bevor ich mich dem Göttlichen verschrieb,

Und fand den Frieden, der nun bleibt bei mir.


Du fragst dich wohl, warum ich hier geblieb’?

Weil hier die Liebe, die uns ewig beugt,

Uns das Verlangen gibt, das uns vertrieb.


Doch wisse, dass hier keine Reue zeugt

Vom alten Leid, nur Freude, die uns eint,

Weil Gott die Seele, die uns hier bezeugt,


In seinem Licht, das ewig hell uns scheint,

Uns zeigt, wie das, was wir auf Erden taten,

Durch seine Gnade in der Liebe weint.“


Dann sah ich, wie er schwieg, in dem Beraten,

Wie er die Stadt, die an der Küste liegt,

Von der er sprach, in seinen Worten Taten.


Er sprach vom Unglück, das die Welt besiegt,

Von dem, was aus dem Etsch-Tal nun entstand,

Wo Hass und Zwietracht in der Seele wiegt.


„Man sieht, wie dort, im schönen, weiten Land,

Die Gier regiert, das Schwert, das Blut nun gießt,

Und Gott nicht mehr die Liebe kennt am Rand.


Die Kirche, die das Licht in uns vergießt,

Hat ihre Gier nach Gold und Macht erhoben,

Und lässt das Volk, das auf der Erde büßt,


In ihrem Stolz, in ihrem eitlen Loben,

Allein, und Christus, der am Kreuz uns starb,

Wird in der Gier der Welt nun fast verschoben.


Doch bald schon wird die Rache, die nun warb,

Das Papsttum reinigen von aller Schuld,

Bevor das Licht, das uns das Sein erwarb,


Verschwindet, in der göttlichen Geduld.“



GESANG X


Der Schöpfer blickt auf seinen Sohn mit Liebe,

Die unaussprechlich ist, in sich vereint,

Dass alles, was im Sein als Geist entbliebe,


Sich ordnet, wie die Welt im Licht erscheint.

Betrachte, Leser, wie im Himmelsbogen

Sich alles, was die Weisheit uns entgeint,


Zu Gott hinauf, in ew’gen Bahnen wogen.

Denn schau, wie dort, wo sich der Äquator dreht,

Und wo die Tierkreiszeichen uns entzogen,


Die Sonne ihren Lauf nun glänzend geht.

Wäre die Neigung anders, wär’ das Leben

Auf Erden nicht, das dort im Glanze steht.


So war es dort, wo ich mich durfte heben,

Im Sonnensphären-Glanz, den Gott mir bot,

Um in der Weisheit Licht mein Herz zu geben.


Kein Sinn erfasst, kein Auge sah die Not,

Wie sie sich ordneten, in hellem Schein,

Die Geister, die wir kennen als Gebot.


Dort sah ich Lichter, die in hellem Sein

Sich uns vereinten, wie ein Kranz von Sternen,

Und deren Glanz uns leuchtet, ganz allein.


Wie sich die Krone bildet in den Fernen,

So sah ich zwölf, die uns mit Licht umgaben,

Um uns die Wahrheit, die wir suchen, lernen.


Sie sprachen nicht, doch in der Liebe Gaben

Begann ihr Reigen, in der Mitte stehend,

Wie Frauen, die im Tanz sich Glück erhaben.


Dann hörte ich, wie einer, leise gehend,

Begann: „Da uns die Gnade Licht verleiht,

Dass unsere Liebe, aus dem Geiste sehend,


In Gottes Licht sich mehrt in Ewigkeit,

So nenne mir, was du begehrst zu wissen,

Denn wir sind hier, in dieser Seligkeit.“


Ich wusste nicht, wer diese, die gerissen

Den Schleier weg, und strahlten, wie das Licht,

Das uns das Dunkel der Unwissenheit ließe wissen.


„O Heil’ge, die ihr lehrt in Gottes Sicht,

Ihr seht, dass mein Verlangen, das mich brennt,

Die Wahrheit sucht, die aus der Tiefe bricht.“


Da sprach der eine, der das Wort erkennt,

Der mit der Weisheit, die uns Gott gegeben,

Das Licht der Welt in seinem Geist benennt:


„Ich bin der, der im Thomas wohl gelebt,

Der Dominikaner, der das Wort verfasst,

Das uns die Wege in die Wahrheit hebt.


Albertus Magnus ist dort, ohne Last,

An meiner Seite, Lehrer und Gefährte,

Der uns das Licht des Wissens hat erfasst.


Gratian, der das Recht im Buch erklärte,

Und Petrus Lombardus, der das Wort ergründ’t,

Das uns die Kirche in der Lehre lehrte.


Und der, der Salomon die Weisheit kündt,

Dionysius, der Areopagit,

Der uns die Engel in den Himmel bündt.


Orosius, der die Geschichte sieht,

Boethius, der in der Folter Qual

Das Licht der Wahrheit in das Buch uns zieht.


Isidor, der uns lehrte, in der Zahl,

Und Beda, der die Zeit uns hat gemessen,

Richard, der uns führt zum letzten Strahl.


Siger, der in der Rue du Fou versessen,

Die Wahrheit suchte, mit der Logik Kraft,

Und vieles, was die Welt hat wohl vergessen.“


So drehten sie sich, wie ein Rad, das schafft,

Und sangen Lob, in einer Harmonie,

Die uns das Leben gibt, in voller Haft.



GESANG XI


O närrisch Wissen, das auf Erden bebt,

Wie sind die Schlüsse, die dich niederdrücken,

Wenn man nach Dingen in der Ferne strebt!


Der eine sucht im Recht sein kurzes Glück,

Der andre in der Theologie das Licht,

Der dritte in der Politik den Blick,


Der vierte plündert, und der fünfte bricht

Das Eigne ab, der sechste in dem Triebe,

Der siebte in der Faulheit, die sich flicht.


Doch ich, von all dem frei, in Gottes Liebe,

War hier im Kreis, wo Licht uns Antwort gibt,

Und sprach, was mir in meiner Seele bliebe.


Als jene, die mir nah, wie man sie liebt,

Das Schweigen brachen, sprach der eine Geist,

Der uns in seiner Weisheit Tugend gibt:


„Du fragst, wie ich das Wort, das mich verweist,

In meinem Geist aufnehme? Nun, ich sage,

Was uns die Wahrheit in der Liebe speist.


Zwei Fürsten gab es, die an Gottes Tage

Das Volk der Christen leiteten, den Pfad

Zu weisen, fern von aller Sünd’ und Plage.


Der eine war in seinem Wirken rad’,

Ein Seraph an des Geistes höchster Glut,

Der andre, wie ein Cherub, voller Rat.


Vom einen will ich sprechen, der uns tut

Erzählen, wie der and’re einst gelebt,

Denn wenn man einen folgt, ist’s alles gut.


Dort, wo der Fluss den Wohlstand sanft erhebt,

Von jenem Berg, den Ubald uns besang,

Hat Franziskus das Licht ins Herz verlebt.


In seiner Jugend, in dem frühen Drang,

Wählte er Armut, wie die Braut, die treu

Ihm blieb, und sang den himmlischen Gesang.


Er war so arm, dass er, ganz ohne Scheu,

Von Gott die Wunden empfing, das Siegel schwer,

Das er zwei Jahre trug, als Gottes Leu.


Als er nun ging, auf dieser weiten Meer,

Und seine Brüder rief, die Liebe rein,

Folgten sie ihm, im Demutsweisen Heer.


Er war kein König, nein, er wollte sein

Ein Diener Gottes, in der Einfachheit,

Die uns das Reich des Himmels lässt gedeihn.


Er baute nicht auf Gold, auf Eitelkeit,

Er suchte nicht den Ruhm, er wollte nur

Die Liebe Christi, in der Ewigkeit.


So lebte er, auf dieser Erdenflur,

Ein Beispiel für die Welt, das wir nun loben,

Ein Licht, das uns zeigt, Gottes wahre Spur.


Doch seine Söhne, die nun oben,

Haben sich abgewandt von seinem Geist,

Und suchen in der Welt, sich zu erheben.


Das ist der Grund, warum der Pfad, der speist,

Die Seele mit der Wahrheit, nun verblasst,

Und keiner mehr auf seine Lehre reist.


Ich bin der Thomas, der in dieser Last

Von Dominikus sprach, der uns das Licht

Der Logik gab, und uns den Glauben fasst.“



GESANG XII


Kaum hatte jener Mund das Wort beendet,

Da begann der Kranz der Lichter sich zu drehn,

Und die Harmonie, die sich zur Mitte wendet,


War nicht mehr still; wie Echos, die wir sehn,

Im Spiegelbild der Muse, so erklang

Ein Chor, der lieblich in den Sphären schien.


Nicht wie ein Donner, der zum Sturm uns zwang,

Doch wie der Tanz der Lichter in der Nacht,

Der uns mit Sanftheit in den Himmel sang.


Da sprach ein Geist, durch Liebe mitgebracht,

Dass er, der Bonaventura, nun begann,

Des Dominikus’ Wirken, das er wohl bewacht:


„Da nun die Liebe, die uns hier entbrann,

Den and’ren pries, so soll ich nun wohl künden,

Den wahren Diener, der den Glauben spann.


Wo zwei so große Lichter sich verbünden,

Da soll das Handeln, das sie beide eint,

Auch in der Lehre ihre Einheit finden.


Im Westen liegt ein Ort, der hell uns scheint,

Dort, wo der Zephyr blüht und Früchte trägt,

Und wo die Sonne oft die Welt bescheint.


Dort ist Callaroga, wo sich Gott bewegt,

Mit seinem Diener, der den Glauben schützt,

Und der den Feinden Gottes hat entgegengesetzt.


Er war ein Liebender, der nicht benützt,

Das Irdische, doch nur das Heil der Seele,

Und sein Wort war es, das den Glauben stützt.


Bevor er kam, in dieser Menschen-Kehle,

Taufte die Mutter ihn, mit Traum und Schein,

Dass er die Welt, wie eine heil’ge Quelle,


Mit Wahrheit tränkt, und Gottes Licht hinein.

Sie sah, wie aus ihr ein Stern wohl brach,

Der strahlte wie ein Licht, so rein und fein.


Er war der Diener, der für Christus sprach,

Der erste Lehrer, der die Lehre lehrte,

Und der das Dunkel der Unwissenheit brach.


Er war nicht eitel, er war, was er begehrte,

Ein Armer, der nur nach der Wahrheit sucht,

Und der die Kirche vor der Ketzerei verwehrte.


Wie jener Strom, der durch das Land nun bucht,

So war sein Geist, der durch die Welt nun floss,

Und brachte den Menschen die geist’ge Frucht.


Sein Orden war, was er für Gott verschloss,

Um die verirrten Seelen heimzuführen,

Und aus der Sünde, die der Teufel goss,


Sie zu befreien, und im Licht zu spüren.

Doch sieh, wie heute, in der Gier der Zeit,

Die Söhne seinen Pfad nun nicht mehr führen.


Das Weizenkorn, das er mit Sorgfalt weit

Gestreuet hat, ist nun zu Unkraut worden,

Und Keiner sucht die wahre Heiligkeit.


Das ist der Grund, warum wir in den Orden,

Die einst so hell und treu die Wahrheit sangen,

Nun finden, was den Geistern ist verdorben.


Ich war ein Geist, den viele wohl empfangen,

Bonaventura, der die Wissenschaft

Dem Dienst der Liebe hat vorangegangen.


Hier ist Augustinus, hier die goldne Kraft

Des Hugo, und der Nathan, voller Licht,

Der uns das Wort des Königs wohl erschafft.


Johannes Chrysostomus, der unsichtbar nicht,

Anselmus, und Donatus, der die Kunst

Der Grammatik uns in hellen Worten bricht.


Rhabanus ist dort, und am Ende die Gunst,

Von Joachim, der mit dem Geist der Prophetie,

Uns lehrte Gottes letzte Himmelsbrunst.“



GESANG XIII


Stell dir vor, du sähest, in des Himmels Pracht,

Fünfzehn der hellsten Sterne, die in Licht

Die Finsternis der Nacht zum Glänzen bracht’.


Stell dir den Wagen vor, der dort im Schicht

Des Himmels dreht, und nie die Form verliert,

Ob Tag noch Nacht die Welt mit Dunkel bricht.


Stell dir den Hornanfang, der uns führt

Zum Polarstern, in dem die Achse ruht,

Wo Gott die Welt in ew’ger Kraft berührt:


So bildeten sie sich, in hellem Mut,

Die zwölf und zwölf, und sangen Gottes Lied,

Gleich einem Echo, das die Seele tut.


Sie drehten sich in Kreisen, wie sie geschieht,

Wenn sich die Lichter in der Sphäre finden,

Und Keiner, der in diesem Tanz entflieht.


Sie sangen nicht von Bacchus, auch nicht binden

Sie sich an Musen, nein, die Wahrheit war

Ihr Lied, das wir in Gott als Quelle finden.


Als nun der Tanz verstummte, ganz und gar,

Da sprach der Geist, der von der Sonne kam,

Und lehrte uns, was uns zuvor unklar:


„Seitdem der erste Mensch, das Gottes-Lamm,

Erschaffen ward, und seit die Jungfrau trug,

Was Gott in sich, in reinem, heiligem Stamm:


Seitdem war keine Weisheit, in dem Zug

Der Menschen, wie die, die Salomon erbat,

Damit er regiere, mit des Geistes Flug.


Denn alle Weisheit, die in Gott geschah,

Als er die Schöpfung in dem Lichte schuf,

Ist in dem Geiste, der den Plan hier sah.


Du wirst wohl denken, dass mein Geist, in Ruf,

Der Weisheit, die in Salomon nun war,

Nicht das Niveau von jenem Geist erschuf.


Doch sieh den Fehler, der dir wurde wahr:

Gott schuf den Menschen direkt, ohne Zahl,

Und Gott schuf Christi, in der Weise dar.


So ist der Mensch, der in dem Erdenthal

Erschaffen ward, der Höchste aller Art,

Weil er direkt aus Gottes Hand geschah, zumal.


Doch wenn du fragst: Wer ist der, der bewahrt

Die höchste Weisheit, die man jemals fand,

Dann ist es er, der diese Gnade part.


Nicht jene Weisheit, die im Menschenstand

Erschaffen wird, durch Logik und durch Wort,

Sondern die Schau, die Gott uns an die Wand


Des ew’gen Lichts schreibt, an dem höchsten Ort.

Die and’ren, die ich nannte, sind begrenzt,

Denn ihre Weisheit führt nur an den Port,


Nicht an die Quelle, die du in mir erkennst.

Sei also klug, und glaube nicht zu schnell,

Dass das, was du nun in der Lehre brennst,


Die ganze Wahrheit ist, so hell und grell.

Man kann sich irren, wenn man ohne Sinn

Die Lehre prüft, an jeder neuen Quell’.


Wie ein Gärtner, der in seinem Sinn

Nur auf die Blüte schaut, nicht auf die Wurzel,

Der findet nicht die Frucht, die er als Gewinn


Sich wünscht – denn Glaube ist die Kugel,

Die uns zum Licht führt, durch die dunkle Nacht,

Nicht durch das Wissen, durch die bloße Mogel.


So nimm mein Wort, als Lehre, mit Bedacht:

Nicht alles, was man hört, ist reine Wahrheit,

Denn Wahrheit ist, was Gott uns hat bewacht.“



GESANG XIV


Vom Zentrum zum Rande, vom Rande zum Zentrum,

So schwingt das Wasser in der Schale rund,

Wenn man sie schlägt, im vollen, tiefen Schlendertum.


Das kam in meinen Geist, im selben Stund’,

Als Beatrice schwieg, und Thomas sprach,

Die Antwort, die aus Gottes Licht gesund.


Die Wahrheit, die in beiden nun erwach’,

Gab mir die Antwort, die ich wohl begehrt,

Und Beatrice’ Lächeln mich anlachte, wach.


Wie ein Funke, der zur Flamme sich bekehrt,

So sah ich, wie die Schar der Lichter dort,

Sich in der Mitte, wo die Liebe wehrt,


Zu einem neuen Kranz, an hellem Ort,

Vereinte, und der Gesang der Seligen,

Erfüllte mich mit Frieden, Wort für Wort.


„O ew’ges Licht, das uns lässt überliegen,

In dem die drei Personen eins nun sind,

Und die in Liebe ewig sich genügen!“


So sang der Chor, wie wir es hier nicht find’,

Und plötzlich sah ich, in dem Kreis der Pracht,

Ein Licht, das strahlte, wie ein Kind, das blind


Vom Glanz der Liebe, in der Nacht erwacht.

Und wie ein Strahl, der durch das Fenster bricht,

So stiegen wir, durch Gottes neue Macht,


Hinauf zum Mars, in dem das rote Licht

Der Märtyrer uns grüßt, mit seinem Schein,

Das mir das Herz in seiner Größe bricht.


O heil’ger Geist, wie bist du doch so fein,

Dass du das Licht der Welt in uns vermehrt,

Und uns lässt schauen, was dein Eigen sein!


Dort sah ich Kreuze, die der Himmel ehrt,

Gezogen aus den Sternen, rot und hell,

Dort, wo das Licht der Tugend uns beschert.


Wie sich das Sternbild, in dem hellen Quell,

Von Stern zu Stern, im Kreuz sich wohl ergibt,

So sah ich Christus, in der Form so grell.


Keine Sprache, die das Wort der Wahrheit liebt,

Kann dieses Wunder, das ich dort geschaut,

Beschreiben, wie es in der Liebe vibt.


Doch wer das Kreuz, das in der Sonne baut,

Sich vorstellt, wie es in der Glut nun glüht,

Der weiß, wie sehr mein Geist auf Gott vertraut.


Dort glühte das Licht, das die Seelen müht,

Wie Funken, die im Eisen sich verteilen,

Wenn der Schmied das Feuer in der Esse blüht.


Wie sich die Sterne in dem Himmel geilen,

So zogen sie auf diesem Kreuz umher,

In ihren Lichtern, um ihr Heil zu teilen.


O wie sie strahlten, in dem Lichte, sehr!

Und wie sie sangen, in der Harmonie,

Dass ich vergaß die Sorgen, weit und schwer.


Ich hörte: „Steh auf!“, wie die Lieb’ die Nie

Der Seelen öffnet, und ich sah das Meer

Von Gnade, das uns führt in die Geni’.


War ich schon glücklich, als ich kam hierher,

So war ich nun noch glücklicher im Licht,

Das Beatrice strahlte, wie ein Sternenheer.


Ihr Auge war, in seiner wahren Sicht,

Noch schöner als zuvor, im Glanz der Welt,

Und zeigte mir, was Gott uns nun verspricht.


Denn als ich sah, wie sich das Licht erhellt,

Da wusste ich, dass ich das Ziel nun fand,

Das Gott uns in der Ewigkeit bestellt.



GESANG XV


Die gütige Güte, die den Willen leitet,

Der ewig nur das Rechte will und kürt,

Wie Unrecht in den Geist sich sonst ausbreitet,


Zum Schweigen zwang die Leier, die man führt,

Die Saiten der Sphären, die der Finger Gottes

In seiner Hand hält und mit Gnade rührt.


Wie sollen sie, die Geister, die des Schlottes

Der Hölle ledig, auf des Himmels Ruf

Einst schwiegen, um des Vaters Wort zu, des Schottes?


O du, die du aus deinem hohen Ruf

Den Geist zum Schweigen brachtest, um zu hören,

Dass ich dem Schöpfer meine Seele schuf:


In jenem Lichte, das uns lässt betören,

Sah ich ein Glanz, der wie ein Stern zur Ruh

Kam, um mich in der Freude zu belehren.


Wie ein Feuer, das im Dunkeln, wo der Nu

Des Nachtlichts leuchtet, durch die Stille streicht,

Und wandelt sich, wie ein Blitz, im Nu;


So schoss das Licht, das mir entgegenweicht,

Vom Kreuz herunter, auf dem Arm entlang,

Dass es den Glanz des Steins uns wohl erreicht.


Es war, wie ein Edelstein, der ohne Klang,

In Gold sich spiegelt, in der Tiefe rein,

So glühte es, in seinem Lobgesang.


O Cacciaguida, du, den Gott in sein

Verzeichnis nahm, und der du sprachst zu mir:

„O mein Geblüt, o Gnade, die in sein


Gefäß sich ergoss, wie Gott es will und kür!“

So sprach das Licht, und ich, im Staunen groß,

Sah ihn, den Ahnen, in der Himmelszier.


„O Sanguis meus“, sprach er, „in dem Schoß

Der Gnade ruhend, wie kein andrer Mensch,

Du hast das Glück, das Gott dir lässt so los!“


Ich sah ihn an, wie er im Glanze schwensch,

Und hörte seine Worte, die so klar,

Wie aus dem Geist, den ich nun nicht mehr wensch.


Er sprach von alten Zeiten, wunderbar,

Von Florenz, das in der Stille wohl gedieh,

Bevor das Gold den Stolz in sich gebar.


„Ich war“, sprach er, „in jener Zeit, wo sie

Noch maßvoll waren, ohne Prunk und Gier,

Und Frieden war ihr Haus, in der Harmonie.


Kein Vater sorgte sich, wie man nun schier

Die Tochter in die Welt wohl schicken soll,

Bevor die Jahre reif sind, für die Zier.


Es gab kein Haus, das leer stand, in dem Zoll

Des Überflusses, keine Burg, die sich

In fremdem Stolz ergötzte, prachtvoll toll.


Ich sah Bellincion Berti, den für dich

Man kennt, der ohne Gold den Gürtel trug,

Und dessen Gattin schminkte sich nicht, ich


Sah ihn, in seiner Art, mit vollem Flug,

Des schlichten Lebens, das uns Gott bescherte,

Und das in seiner Art das Glück uns schlug.


So waren sie, die Ahnen, die das werte

Leben noch führten, in der Treue fest,

Und deren Geist uns heute noch belehrte.


O Florenz, du, die du das Glück verlässt,

Weil du den Weg der Sünde nun gewählt,

Und dich in fremdem Stolz nun unterlässt!


Das war mein Leben, das mir wohl erwählt,

In dem, was ich nun bin, und was ich war,

Bevor der Tod mir diese Welt entsehlt.“



GESANG XVI


O kleiner Adel unseres Blutes, wie

Du machst, dass man auf Erden sich erhöht,

Dass man sich rühmt, wo Stolz gedeiht, o nie!


Dass ich dich liebte, war kein Wunder, stet’,

Denn dort, wo Liebe sich nicht falsch entfaltet,

In Gott, wo Liebe uns das Herz versteht.


Doch nun, da ich im Himmel, der gestaltet

Die Ewigkeit, die meine Worte lenkt,

Ist Stolz nur eitel, wenn er uns veraltet.


Du bist ein Mantel, der die Zeit uns schenkt,

Und wenn man ihn nicht täglich weiter pflegt,

Wird die Zeit ihn, mit Scheren, die sie lenkt.


Mit jenem „Du“, das Rom zuerst bewegt,

Das sie vergaßen, fing ich an zu sprechen,

Und Cacciaguida, der die Antwort hegt,


Ließ seinen Geist in meinem Glanze brechen.

„Du bist mein Zweig“, so fing er an zu sagen,

„Ich wartete, um dich nun zu bestechen,


Mit Wahrheit, die den Stolz in dir wird schlagen.“

Ich fragte ihn nach seinem Namen, Ort,

Und nach den Jahren, die sein Leben tragen.


„Vom Tag, da man 'Ave' sprach, am Hort,

Bis zu dem Tag, da Maria mich gebar,

Ist Mars fünfhundertundachtzigmal am Bord,


Durch seine Bahn gegangen, wohl fürwahr.

An jenem Orte, wo das letzte Viertel

Der Stadt den Läufer sieht, im alten Jahr,


War mein Geschlecht, mit seinem stolzen Gürtel.

Doch lass uns schweigen, wer sie waren, wo,

Denn Kürze ist die Kunst, im Lebensviertel.


Wer damals lebte, war, in jenem Wo,

Ein Fünftel dessen, was man heute zählt,

Und doch war man in Einigkeit noch froh.


Die Nachbarn kamen, wie das Glück es wählt,

Von Campi, Certaldo, Castelfranco her,

Die nun die Stadt, mit Gier, als Feind erwählt.


Hätte man diese Fremden, wie das Heer

Der Heuschrecken, nicht in den Mauern bloß,

Wäre Florenz noch rein, wie früher sehr.


Doch wie der Körper, der durch Übermaß

An Speisen leidet, wird das Volk nun krank,

Und sucht den Tod, in seinem eignen Fraß.


Sieh, wie Luni und Urbisaglia sank,

Wie Chiusi und Sinigaglia heute liegt,

So wird das Schicksal uns mit seinem Dank.


Wie Städte sterben, so wird auch der Krieg,

Die Ahnen auslöschen, wie das Blatt im Wind,

Und alles, was man rühmt, in seinem Sieg.


Dein Florenz, das in seinem Stolze blind,

Hat sich zerstört, durch Unzucht und durch Gier,

Und alle, die die alten Zeichen sind,


Verbleichen nun, wie Nebel im Revier.

Die Buondelmonti, die den Frieden brachen,

Und alle, die sich neigten, für das Tier.


O wieviel Gutes, das man konnt’ entfachen,

Ist nun zerstört, durch jene, die sich brüsten,

Und die in ihrem Stolz das Unheil fachen!


Ich sah die Uberti, die uns laben,

Und die Lamberti, die den Ruhm noch kannten,

Bevor sie ihre Ehre sich begraben.


So sah ich Florenz, als es noch erkannten

Das wahre Maß, in jedem Schritt und Blick,

Bevor die Fremden uns das Glück verbannten.“



GESANG XVII


Wie jener kam, der wissen wollt’ von Clymene,

Ob er des Vaters Kind sei, zur Gewissheit,

Was bei den Müttern oft erzeugt die Szene:


So war ich auch, und Beatrice, die Heit,

Die meine Glut sah, sprach: „Erfülle nun

Den Wunsch, den dein Geist trägt, in Ewigkeit.“


„Mein Geist“, so sprach ich, „darf in Ruhe tun

Sein Werk, und bittet um das Licht der Wahrheit,

Warum die Sterne mir nun Zeichen nun.“


So sprach der Geist, der in dem Glanze Wahrheit

Mir gab, als er den Schleier sanft erhob,

Und sprach mit Liebe, in der hellen Klarheit:


„Die Zukunft, die du suchst, ihr fernes Lob,

Ist wie der Pfeil, der in der Luft entfliegt,

Bevor der Bogen ihn vom Strang dann hob.


Wie der Schall, der durch die Täler wiegt,

So kommt das Schicksal, das dich bald wird treffen,

Und das in deinem Geist nun schwerlich wiegt.


Du wirst verlassen müssen, was du treffen

Am liebsten willst; dies ist der erste Pfeil,

Den dir das Exil wird in das Leben heften.


Du wirst erfahren, wie mit fremdem Teil

Das Brot schmeckt, das man fremden Tischen dankt,

Und wie der Pfad so schwer ist, ohne Heil.


Doch schwerer noch, wenn du, im Geist getränkt,

Die Gesellschaft der Sünd’r wirst müssen teilen,

Die alles, was dir heilig ist, verschenkt.


Sie werden gegen dich, im Zorn, verweilen,

Doch kurz wird ihre Herrlichkeit nur sein,

Und ihre Schande wird die Zeit enteilen.


Du wirst an deinem Schmerz dich laben fein,

Dass du für dich allein ein Herz erschufst,

Und nicht mit ihnen willst im Schlamme sein.


Dein erster Zufluchtsort, in deinem Ruf,

Wird bei dem großen Lombarden, der als Zeichen

Den Adler trägt, auf dem du dich dann ruf.


Er wird dich ehren, und in deinem Bleichen

Des Schmerzes wird er Gutes dir gewähren,

Dass du nicht mehr musst in der Fremde weichen.


Und du wirst sehen, was er hat zu lehren,

Und was er tut, doch sag es niemandem,

Was dich im Leben noch wird schwer beschweren.“


Dann sprach er weiter, in dem hellen Stum,

„Dies ist die Zukunft, die dir Gott bereitet,

Die dich wird führen in das neue Ewig-Rum.


Doch habe keine Furcht, wenn dich begleitet

Dein Wort, denn Wahrheit ist ein scharfes Schwert,

Das dort am meisten sticht, wo man sie meidet.


Denn wenn dein Geist die Wahrheit nicht bekehrt,

Dann wirst du schweigen, und das Licht wird sterben,

Das dir die Feder in das Herz beschert.


Habe den Mut, die Welt nicht zu verderben,

Und lass die Wahrheit laut in deinem Lied,

Damit die Menschen aus der Lüge erben.


Denn wenn der Wind die höchsten Gipfel mied,

Dann kränkt es mehr, als wenn er unten weht,

Und so ist auch dein Wort, das nun geschieht.


Sag alles, was du sahst, in deiner Weht,

Und lass den, der den Juckreiz hat, sich kratzen,

Denn Wahrheit ist das Licht, das ewig steht.“



GESANG XVIII


Der selige Spiegel nun, in sich befriedigt,

Durch seine Worte, die er mir gegeben,

War nun in sich, mit Wahrheit reich gewürdigt.


Und ich, der ich das Bittere im Leben

Mit Süße mischte, schaute auf die Frau,

Die mir den Weg zum Himmel half erheben.


Sie sprach: „Vergiss nicht, wo ich nun die Schau

Des Lichts dir lenke; blick empor, denn hier

Ist Freude, die sich spiegelt, hell und lau.“


Wie man in Augen, die des Glücks Zier

Vollendet sind, das Herz des Liebenden

Erhoben sieht, so sah ich nun an ihr,


Dass sie den Glanz, den sie im Geiste brennend

Mir zeigte, nun im Sterne der Gerechtigkeit

Mir offenbarte, ihre Hände nennend.


Ich sah dort Lichter, die in Ewigkeit

Sich regten, wie die Vögel, wenn sie fliegen,

Und formten Buchstaben, in Herrlichkeit.


Sie sangen Lieder, wie in ihren Siegen,

Und bildeten ein D, ein I, ein L,

Bevor sie still in ihrer Form sich wiegen.


Dann flogen sie, mit ihrem hellen Quell,

Zum Schluss des Musters, das sie gerade bauten,

Und bildeten ein „Dilige Iustitiam“, hell.


Das „I“ blieb stehn, ein Punkt, den wir erschauten,

Wie Sterne, die im dunklen Himmel prangen,

Und auf die Wahrheit, die sie hier erbauten.


Dann kamen and’re Lichter, ohne Bangen,

Und bildeten das M, am Ende schon,

Das wie ein Siegel in der Luft begangen.


Dann hoben sie sich, in der Himmels-Thron,

Und bildeten des Adlers Kopf und Hals,

Ein Zeichen für das Recht, den heil’gen Lohn.


O göttliche Kunst, die uns das Bild des Falls

Vom Adler zeigt, der in dem Lichte glüht,

Und der die Ordnung hält, im ganzen Alls!


Das Tier, das nun vor meinen Augen blüht,

Begann zu sprechen, mit der Stimme vieler,

Die in der Einheit Gottes nun erglüht.


„Ich bin gerecht“, so sprach es, „der Erzieler

Des Friedens, der auf Erden uns verheißen,

Und der des Rechts ist der gewalt’ge Spieler.“


Ich fragte dann, in meinem Geist, mit Reisen

Der Fragen, die in mir die Seele quoll:

„Warum lässt Gott uns hier die Liebe speisen,


In diesem Zeichen, das uns zeigt so voll,

Das Recht, das auf der Welt so oft verloren,

Und das uns zeigt, was Gott uns wissen soll?“


Da sah ich, wie das Licht, aus neuem Tor’n,

Sich sammelte, wie tausend Sonnen hell,

Die in dem Adler nun sind neu geboren.


„Wir alle, die wir hier, in diesem Quell,

Gerechtigkeit geübt, sind hier vereint,

Damit die Welt uns schaut, so rein und grell.


Doch wenn du fragst, warum die Sonne scheint,

Und warum manche Seelen, die hier weilen,

Nicht in dem Lichte Gottes sind verneint,


So wisse: Gott ist’s, der die Schicksalsseilen

In seiner Hand hält, und der uns bestimmt,

Was wir an Gnade in den Himmel teilen.


Das Schicksal ist, wie ein Ozean, das nimmt,

Was Gott uns schenkt, doch keiner kann es messen,

Wie er die Liebe in dem Geiste stimmt.


Wir sind hier oben, in dem Licht vermessen,

Weil wir Gerechte waren, doch das Licht,

Das Gott uns gibt, ist uns nicht zu vergessen.“



GESANG XIX


Vor mir erschien das Zeichen, schön und stolz,

Der Adler, der die Flügel ausgebreitet,

Geformt aus Lichtern, wie aus heil’gem Holz.


Er sprach, und seine Stimme, die sich weitet,

War wie ein Fluss, der durch die Seele dringt,

Wenn er das Wort der Wahrheit uns bereitet.


„Durch meine Tugend“, sprach er, „die uns bringt

Das Lob der Welt, bin ich hier nun erhoben,

Wo das, was man begehrt, im Geiste schwingt.


Doch schau, wie viele, die Gott nicht geloben,

Den Namen Christi auf den Lippen führen,

Doch bei Gericht weit hinter uns wohl toben.


Wie wird der Äthiopier wohl nun spüren,

Dass er verdammt ist, wenn die Scharen hier

Sich in der Gnade Gottes nun verführen?


Was sagen sie, wenn das Buch kommt zur Zier,

In dem die Taten stehen, klar geschrieben,

Und jedes Werk sich zeigt im Abend-Revier?


Ich sah Albrecht, der mit den Kräften trieben,

Die Grenzen, die man einst in Prag wohl setzte,

Und der in Gier die Lande hat verschrieben.


Ich sah das Übel, das den Stolz verletzte,

Von jenem, der die Münze hat gefälscht,

Und der das Volk in Armut nun versetzte.


Die Sünden der Fürsten, die das Land wohl wälzt,

Sie werden sichtbar sein, in ihrem Glanz,

Den jeder von den Völkern nun verfälscht.


O stolze Welt, du in dem irren Tanz,

Die du glaubst, Recht zu finden in der Macht,

Du hast vergessen Gottes heil’gen Kranz!


Gerechtigkeit ist das, was uns bewacht,

Und Gottes Wille ist das Maß der Dinge,

Die er in seiner Weisheit hat erdacht.


Kein Geist, der nicht in seinen weiten Schwinge,

Sich unterwirft, kann jemals in das Licht,

Das uns das Heil in Ewigkeit vollbringe.


Du fragst, warum das Urteil uns nicht bricht,

Und warum manche Seelen, ohne Taufe,

Im Dunkeln sind, und sehen Gottes nicht?


O du, der du den Verstand im Laufe

Der Zeit versuchst, zu messen Gottes Plan,

Der du vergisst, dass wir in seinem Haufe


Nur Kinder sind, die noch nicht fassen kann,

Wie er die Welt erschuf, aus seinem Geist,

Und warum er das Schicksal so uns spann.


Gott ist das Licht, das alles, was er speist,

In sich begreift, und jede Tat des Geistes,

Ist das, was er in seiner Liebe weißt.


Kein Maß der Welt erreicht das Maß des Geistes,

Denn er ist Schöpfer, und wir sind die Schöpfung,

Und in dem Maße liegt das Maß des Geistes.


Was er gewollt, ist ewig, in der Schöpfung,

Und seine Liebe ist das Licht der Welt,

In der wir finden unsere eigene Lösung.


Der Schöpfer ist es, der das Sein bestellt,

Und wer da fragt: 'Warum?', der sucht das Licht,

Das ewig nur in seinem Glanze zelt’.


Das ist die Wahrheit, die das Herz uns bricht,

Dass Gott, der alles weiß, in seiner Güte,

Das Urteil spricht, das niemals Unrecht spricht.“



GESANG XX


Wenn nun die Sonne, die die Welt bescheint,

Vom Himmel sinkt, und überall das Licht

Sich in den Sternen wieder hell vereint:


Dann sieht man, wie die Pracht, die uns zerbricht

Das Auge durch das Leuchten, nun verblasst,

Und Gottes Werk uns aus der Ferne spricht.


So schwieg das heil’ge Zeichen, das die Last

Der Welt trug, mit der Stimme der Gerechten,

Die nun im Glanze Gottes ihre Rast.


O Lieder, die ihr aus dem Geist des Echten,

Wie Funken sprühen, aus der Glut der Liebe,

Dass ihr das Wissen uns in Worten flichten!


Wie aus der Harfe, wenn die Hand sie triebe,

Der Klang der Saiten in das Herz uns dringt,

So schwang des Adlers Wort, das ewig bliebe.


Und in dem Auge, das den Glanz erzwingt,

Sah ich sechs Lichter, die sich nun vereinten,

Und deren Glanz die Ordnung uns besingt.


Das erste, das die Mitte uns entbrennenden

Beschrieb, war David, der die Harfe schlug,

Und der in Reue seine Seele kennenden.


Das zweite, das die Wange uns wohl trug,

War Trajan, der die Witwe hat getröstet,

Und der den Frieden uns in Liebe schlug.


Das dritte, das nun höher uns erlöstet,

War Ezechias, der das Leben wollte,

Und der sein Gebet bei Gott für uns wohl röstet.


Das vierte, das nun in dem Glanze rollte,

Konstantin, der mit dem Adler zog,

Und der die Kirche in das Reich uns holte.


Das fünfte, das nun in der Höhe flog,

War Wilhelm, der den guten Hirten liebte,

Und der die Macht im Geiste dann betrog.


Das sechste, das nun in dem Lichte siebte,

War Ripheus, der Gerechtigkeit wohl fand,

Und der sich ewig in die Liebe liebte.


O Vorsehung, du, die den Verstand,

Der außerhalb der Welt ist, ewig schließest,

Und die den Geist in jedes fernste Land!


Du bist es, die den Glauben uns vergießest,

Auch dort, wo man die Taufe nicht gekannt,

Und die den Geist des Guten uns erschließest.


Denn Ripheus, der im Heiden-Land verbannt,

Doch in der Sehnsucht nach dem wahren Licht,

Ward durch die Gnade, die das Herz verbannt,


Vom Heidentum geheilt, in seiner Sicht,

Und glaubte an den Tod, der kommen sollte,

Und ward getauft, in dem der Schmerz zerbricht.


O heil’ger Geist, der alles, was er wollte,

In seiner Liebe ewig hat bereitet,

Und der das Schicksal in die Bahnen rollte!


Wir sind wie Menschen, die im Dunkeln weitet

Den Blick, und doch nicht sehen, was die Nacht

An Wundern in der Stille uns bereitet.


Doch hier ist Freude, die uns glücklich macht,

Denn wir, die wir die Vorsehung nun sehen,

Sind in dem Lichte Gottes aufgewacht.


Wir wissen nun, warum die Wege gehen,

Wie Gott sie führt, und sind in seinem Frieden,

Dass wir im Glanze seiner Liebe stehen.“



GESANG XXI


Mein Auge war nun ganz in Beatrice’ Pracht

Versenkt, und mein Verstand vergaß die Welt,

Denn nur ihr Lächeln hatte mich erwacht.


Sie sprach: „Wenn ich die Glut, die mich erhellt,

Verstärkte, dann würd’ dein Gesicht wohl brennen,

Wie Semele, wenn sie das Licht bestellt.


Denn hier, im siebten Stern, der nun in Rennen

Des Feuers strahlt, das sich im Glanz entfaltet,

Wirst du die Wahrheit in der Tiefe kennen.“


Ich schaute auf, und sah, wie Gott gestalt’t

Die Welt im Saturn, der im Zeichen steht,

Das uns die Hoffnung in der Not verwaltet.


Dort sah ich eine Leiter, die sich dreht

Zum Himmel hin, aus Gold, das hell erglüht,

Und die sich weit in die Unendlichkeit bläht.


Auf ihr sah ich die Seelen, die mit Mut

Sich auf und ab bewegen, in dem Licht,

Das ihnen Gott in seiner Liebe tut.


Wie Krähen, die im frühen Morgenlicht

Sich rühren, um die Kälte zu vertreiben,

Und dann in alle Richtungen das Schicht


Des Himmels suchen, um im Flug zu bleiben,

So sah ich sie, die Lichter, die sich trafen,

Um in der Stille ihre Spur zu schreiben.


Eines der Lichter kam zu mir, in Hafen

Der Ruhe, und ich wartete mit Beben,

Um zu verstehen, was die Seelen schlafen.


„Du fragst wohl“, sprach das Licht, „nach meinem Leben,

Doch sag mir: Warum ist die Stille hier?

Warum hat Gott den Frieden mir gegeben?“


Ich fragte nicht, wer er sei, mit Gier,

Denn Beatrice stand an meiner Seite,

Und ihre Augen waren Trost für mir.


„Ich bin ein Geist“, so sprach das Licht, so breite,

„Der in der Einsamkeit des Geistes fand,

Was Gott uns schenkt, in seiner Himmelsweite.


Ich war der Petrus, der im heil’gen Land

Das Wort der Wahrheit lehrte, voller Treue,

Und der in Gott die Liebe wohl erfand.“


Ich fragte ihn: „Warum bist du, in Scheue,

Das einzige Licht, das sich zu mir gesellt?

Warum ist hier die Stille, voller Reue?“


Er antwortete: „Gottes Wille, hellt

Die Welt auf, doch wir sind hier in der Ruh’,

Damit der Geist in seiner Tiefe schwillt.


Wir schauen in das Licht, das uns dazu

Bewegt, den Schöpfer in der Welt zu preisen,

Und wir sind eins mit ihm, in jedem Nu.“


Ich hörte ihn, und wie er sprach, mit Reisen

Der Worte, die aus seinem Lichte kamen,

Spürte ich, wie Gott uns lässt beweisen,


Dass alles, was wir sind, in seinen Namen,

Nur durch die Liebe ist, die uns entfacht,

Und die wir hier im Paradies beisammen.


O göttliche Kraft, die aus der Nacht erwacht,

Und uns das Licht der Kontemplation gibt,

Damit die Seele in dem Glanze lacht!


Ich fragte weiter, was die Welt betrübt,

Und warum manche Seelen, in der Ferne,

Vergessen, was Gott uns in Liebe übt.


Er sprach: „Das ist ein Rätsel, in den Sterne,

Dass selbst die Engel nicht ergründen können,

Denn Gott allein hat hier das Recht, die Kerne


Der Wahrheit in den Geist uns zu benennen.“



GESANG XXII


Bestürzt und stumm, wie ein Kind, das sich entfaltet

Am Busen der Mutter, wandte ich mich um

Zu Beatrice, die den Weg gestaltet.


Sie lächelte, wie Gott, der im Stum-

men der Ewigkeit die Wahrheit uns bewahrt,

Und sprach zu mir, in ihrem heil’gen Rum:


„Weißt du nicht, dass du dort, wo man erfahrt

Die Seligkeit, in Gottes Nähe stehst?

Dass alles hier aus Liebe ist gepaart?


Wie dir mein Lächeln, das du nun verstehst,

Das Herz erfüllt, so wäre erst das Singen

Der Seelen hier, wenn du dich weiter drehst!


Warum ich schwieg, um dich zum Licht zu bringen,

Das ist, weil hier die Stille uns lehrt,

Wie Gott die Welt in seinen Bahnen schwingen.“


Dann zeigte sie mir, wie sich nun vermehrt

Die Schar der Geister, die in goldenem Licht

Die Leiter auf- und abwärts hat verzehrt.


Ein Geist trat vor, in seinem Angesicht

War Liebe, die mich tiefer schauen ließ,

Er sprach zu mir: „Ich bin’s, der hier nun spricht.“


„Ich bin Benedikt“, sprach er, „der den Riss

Der Welt verließ, um in der Einsamkeit

Das Wort Gottes zu suchen, im Gewiss.“


„O Vater“, sprach ich, „in der Ewigkeit,

Darf ich dein wahres Antlitz ohne Schein

Hier sehen, in der himmlischen Klarheit?“


Er sprach: „Das wirst du, im letzten Sein,

Wenn sich die Schau der Seele wird vollenden,

Wo alle Wünsche eins in Gott wohl sein.


Dort ist die Schau, die niemals wird enden,

Dort ist das Licht, das ewig in uns brennt,

Und das wir uns in Liebe hier entsenden.


Doch sieh, mein Orden, der die Welt erkennt,

Ist nun verfallen, und das Pergament,

Das meine Regel trug, das Gott uns nennt,


Ist nun zur Höhle der Räuber geworden, verrennt.

Doch Gott wird bald die Welt wohl reinigen,

Und aus der Gier befreien, aus den Orden.“


Dann sah ich, wie die Lichter sich bewegen,

Und wie ein Wirbelwind, in heller Pracht,

Sich hinauf zum Himmel, in Gottes Segen.


Beatrice führte mich, in dieser Nacht,

Durch den Fixsternhimmel, wo die Sterne glühen,

In den Sternbildern, die Gott hat gemacht.


„Schau nun“, sprach sie, „wie wir die Welt umlühen,

Du bist im Zeichen der Zwillinge nun,

Wo alle Sterne in der Liebe blühen.“


Ich blickte nieder, um das Werk zu tun,

Das Menschenleben zu sehen, in seiner Not,

Und fand es klein, in seinem eitlen Ruhn.


Ich sah die Erde, das kleine, schwache Brot,

Das uns so sehr mit Leid und Sorge plagt,

Und sah, wie alles in der Liebe droht.


„O kleiner Kreis“, sprach ich, „der uns verjagt,

Wie bist du winzig, wenn ich hier nun stehe,

Wo Gott uns in den Sternen Antwort sagt!“



GESANG XXIII


Wie ein Vogel, der in der Nacht der Zweige,

Die geliebten Jungen in dem Nest behütet,

Und wartet, bis der Morgen uns das Schweigen


Der Welt beendet, und mit Liebe blühet,

Um Nahrung zu suchen, für die kleinen Scharen,

Und jeden Schmerz der Welt in sich bemühet:


So stand sie, Beatrice, in den wahren

Stunden des Himmels, und ihr Blick war starr

Gerichtet, auf der Sonne, die in Klaren


Lichtern uns zeigt, was Gott uns offenbar.

Ich sah, wie sie, in ihrer Erwartung, schwieg,

Und mein Verlangen, das in mir war,


Sich in dem Schauen, das die Seele wiegt,

Erfüllte, denn sie sprach: „Sieh nun die Scharen

Des Triumphes Christi, der die Welt besiegt!“


Ihr ganzes Antlitz brannte, in den wahren

Farben des Himmels, und ihr Auge strahlte

So hell, dass ich nicht mehr konnt’ offenbaren,


Was ich dort sah, als sie das Bild uns malte.

Wie im Vollmond, der in der Stille schwebt,

Und unter den ewigen Sternen sich entfaltete,


So sah ich, wie die Sonne, die uns lebt,

Über den andren Lichtern, sich erhob,

Und wie sie alles in der Liebe webt.


O Christus, der du unser Herz in Lob

Erfüllst, und der du uns das Licht gezeigt,

Du bist die Kraft, die uns den Himmel hob!


Ich konnte nicht, in meinem Geist geneigt,

Den Glanz ertragen, den die Schau mir bot,

Denn alles, was in meiner Seele schweigt,


Verschlang der Glanz, der uns die Gnade droht.

„Warum“, sprach sie, „bist du so voller Staunen,

Und siehst nicht die Rose, die im Gebot


Der Liebe blüht, mit ihren tausend Raunen?

Hier ist die Jungfrau, die den Sohn empfing,

Und hier sind die Heiligen, in ihren Launen.“


Ich schaute auf, und sah das Licht, das ging

Wie ein Blitz, durch das ganze Firmament,

Und sah die Rose, die uns Gott durchdrang.


O Maria, du, die uns das Licht benennt,

Die du der Himmel hellste Blume bist,

Und die den Geist in ihrer Lieb’ verkennt!


Ich sah, wie sie, in einer Schar, sich misst

An den Engeln, die um sie sich drehen,

Und die in ihrer Demut uns vergisst.


Die Schönheit, die ich dort habe gesehen,

Kann keine Zunge, kein Verstand beschreiben,

Denn sie ist ewig, in dem hellen Wehen.


Ich sah das Kind, das uns die Liebe schreiben

Lehrte, in der Krippe und am Kreuz,

Und sah, wie alle Heiligen, im Bleiben,


Sich neigten, in dem Glanz des ew’gen Zeugs.

O Freude, die uns hier den Geist erhellt,

Und die uns führt in den himmlischen Reiz!


Die Schar der Lichter, die in ihrem Zelt

Uns zeigte, was die Welt uns nie gebracht,

War wie ein Meer, das ewig in uns schwillt.


„Hier ist der Triumph“, sprach sie, „der nun erwacht,

Und hier ist die Ernte, die in Gott gereift,

In der wir ewig sind, in seiner Macht.“


Ich sah das Licht, das alle Seelen streift,

Und sah den Sieg, der uns die Wahrheit gab,

Bevor die Zeit uns wieder in sich greift.



GESANG XXIV


„O Schar, die ihr zum Fest des Lammes seid,

Das euch so lehrt, dass euer Wunsch nach Licht

Stets satt wird, durch des Höchsten Seligkeit:


Da Gott euch schon vorab das Brot hier bricht,

Vom Tisch, der ewig reichlich uns beschert,

Bevor der Tod euch nimmt die ird’sche Sicht,


So gebt von eurem Überfluss, unbeschwert,

Ein wenig für den Geist, der hier noch dürstet,

Und lasst mich kosten, was ihr dort verzehrt.“


So sprach ich, und die Kreise, die nun würstet

Des göttlichen Feuers, tanzten in der Höh’,

Wie Sterne, die den Himmel uns entwirrtest.


Dann hielten sie an, und einer, der in der Näh’

Des Zentrums war – es war der, den der Herr

Die Schlüssel gab, die ich nun vor mir seh’ –,


Kam auf mich zu, in seinem Glanz so schwer.

Beatrice sprach: „O heil’ger Petrus, du,

Prüf ihn im Glauben, der uns führt einher.“


Wie ein Student, der wartet in der Ruh’,

Bis er sein Wissen zeigen kann im Wort,

So rüstete ich mich, im Nu, dazu,


Und sagte: „O Apostel, sag mir fort,

Was ist der Glaube, der dich hat geführt,

An den den Apostel-Stuhl, an jenen Ort?“


Ich neigte mich, und Petrus, der mich rührt’,

Sprühte ein Licht, das so voll Gnade war,

Dass meine Seele sich in ihm verliert.


Er sprach: „Du willst den Grund, der offenbar

Den Glauben macht, auf den du baust dein Heil,

Und den du zeigst, als wäre er dir wahr.“


Ich antwortete: „Glaube ist das Teil,

Der Substanz der Dinge, die man hofft,

Und der Beweis, der uns wird sichersteil,


Für das, was man nicht sieht, doch das uns oft

Die Wahrheit offenbart, in Gottes Licht,

An das ich glaube, in dem Geist, der hofft.“


Da sprach der Geist: „Das ist wohl, wie man spricht,

Doch sag mir: Hast du ihn in dir, den Kern?

Und woher hast du ihn, das wahre Licht?“


„Vom Geist des Herrn“, sprach ich, „den ich so gern

In den Schriften der Propheten habe gefunden,

Die mir den Glauben zeigten, nah und fern.“


„Und woran weißt du“, sprach er, „in den Stunden,

Dass diese Schriften wahr sind, und nicht Trug,

Der durch der Menschen Geist ist wohl erfunden?“


„Dass aus dem Nichts die Welt sich nun wohl schlug,

Durch Wunder, die das Wort der Wahrheit stützen,

Und die den Geist in die Erkenntnis trug.“


„Und sag mir“, sprach er weiter, „dass wir nützen,

Woher weißt du, dass diese Zeichen echt?

Denn ohne sie bliebe die Welt im Pfützen.“


„Dass die Welt sich zum Glauben hat erweckt,

Ohne Wunder, wäre das größte Wunder wohl,

Das uns die Kraft der Liebe hat gesteckt.“


So endete ich, und durch das leere Wohl

Der Stille rief ein Klang: „Ich glaube, du!“,

Der in die Sphären stieg, in ihrem Stol.


Petrus, der mich prüfte, mit dem Nu

Des Lichtes, das ihn umgab wie ein Gewand,

Sprach: „Die Prüfung ist bestanden, in der Ruh’.“


Er umkreiste mich, und seine Hand

Segnete mich, in dem Glanz, den er verströmte,

Da er die Prüfung, die ich wohl bestand,


In dem Lichte Gottes, das mein Herz erwärmte.



GESANG XXV


Wenn es je geschieht, dass das geheiligte Gedicht,

An dem der Himmel und die Erde mitgewirkt,

So dass es mich seit Jahren mager macht im Licht,


Die Grausamkeit besiegt, die mich verbirgt

Vor jenem Schafstall, wo ich lag als Lamm,

Das den Wölfen, die ihn jagen, wohl erwirkt,


Dann kehre ich zurück, mit anderem Stamm,

Mit anderem Haar, und nehme den Kranz entgegen,

Beim Taufstein dort, wo ich im Glauben kam.


Denn dort kam ich in den wahren Segen,

Der den Seelen Namen gibt, und nun kam mir

Jakobus, der uns führt auf heil’gen Wegen,


Der Geist, der in den Kämpfen, mit der Zier

Der Liebe, die ihn auszeichnet, nun schritt,

Und Beatrice blickte auf zu ihm mit Gier.


„Sieh“, sprach sie, „der Barone, der einst litt,

In Galicien, und der die Pilger leitet!“

Und mein Herz brannte, in dem süßen Schritt.


Der Apostel, der uns Hoffnung nun bereitet,

Fragte mich: „Sag, was ist Hoffnung? Wie blüht

Sie in dir auf, in dem Geist, der sich weitet?“


Und Beatrice, die mir den Geist behütet,

Antwortete für mich: „Die Kirche weiß

Viel Hoffnung, die in ihm nun sanft erglüht,


Denn keiner ist in ihr, der solch einen Beweis

Der Gnade hat, wie dieser, der nun hier

Vom Ägypten in das Jenseits zog, zum Preis.“


„Hebe dein Haupt“, sprach er, „und zeig’ das Tier,

Das in dir wohnt, und sag, was du erwartest,

Und woher sie kommt, die Hoffnung hier.“


Ich sprach: „Die Hoffnung ist die sicherste Zartes,

Erwartung der zukünftigen Glorie,

Die aus Gottes Gnade und Verdienst sich startes.


Von vielen Sternen kam sie mir zur Theorie,

Doch der Erste, der uns lehrte, was sie ist,

War der Sänger, der die göttliche Melodie


In seinem Psalm uns gibt, und der uns misst

An Gottes Verheißung, in seinem Wort,

Das jedem, der ihm glaubt, die Hoffnung frisst.“


Und als ich sprach, sah ich an jenem Ort

Ein Licht, das wie ein Blitz in Flammen stand,

Und das nun zu uns kam, in einem Fort.


„Wer ist dieser, der uns nun wohl erkannt?“,

Fragte ich, als ein drittes Licht erschien,

„Der in der Nähe von Petrus nun wohl fand?“


Und Beatrice sprach: „Das ist das Licht, das blieb

An der Brust Christi, der geliebte Sohn,

Der aus dem Kreuz die Liebe zu uns trieb.“


Ich starrte auf ihn, mit dem heil’gen Lohn,

Doch er blendete mich mit seinem Glanz,

Wie die Sonne, die uns schenkt den hellen Thron.


„Warum willst du sehen“, sprach er, „den Tanz

Des Lichts, das hier in Ewigkeit verweilt?

Mein Körper ist in der Erde, in dem Kranz


Der Heiligen, bis Gott uns wieder teilt.

Nur zwei sind in dem Himmel, mit dem Fleisch,

Das sie in Christus haben nun geeilt.“


Ich stand verwirrt, in meinem Geiste weich,

Und suchte die Jungfrau Maria, den Blick,

Doch sah ich nichts – der Glanz war allzu reich.



GESANG XXVI


Während ich noch blind vom hellen Schein

Des Apostels war, erklang ein Wort, das mich

Aus meiner Angst befreite, ganz und rein:


„Bis dass die Sehkraft, die du an mir, ich

Verlor, geheilt ist, lass sie durch das Wort

Dich leiten, das du hörtest, wohl für dich.


Beginne nun: Worauf zielt, an dem Ort,

Dein Geist hinan? Und sag, wodurch er wird

Zur Liebe hingezogen, in einem Fort?“


Ich sprach: „Die Philosophie, die uns führt

Zu Gott, durch das, was ich in mir verspüre,

Und was durch die Natur den Geist mir rührt.


Das Gute, das Gott ist, ist die Schnüre,

Die mich entflammt; denn alles, was da liebt,

Liebt nur, weil er die Güte uns gebühre.


Die Schöpfung, die sich in ihm ewig übt,

Zeigt mir das Licht, das in der Wahrheit brennt,

Und das uns Liebe in die Seele gibt.


Ich sah das Wort, das uns die Liebe nennt,

Des Schöpfers Liebe, die die Welt erschuf,

Und die den Geist in jedem Herzen kennt.


Das ist der Pfad, der meinen Geist, im Ruf

Der Liebe, zu dem Allerhöchsten zieht,

Und der mir zeigt, warum ich ihn wohl traf.“


Wie ein Lehrer, der das Wissen mied,

Doch nun das Kind lobt, das die Antwort fand,

So sang das Licht, das nun im Glanze glüht:


„Durch das, was du nun hast, in deiner Hand,

Erklärt, musst du nun sagen, ob du noch

Andere Bande hast, die dich mit Gott verband.“


Ich wusste wohl, wohin sein Fragen doch

Nun zielte, und ich sprach: „Mit jeder Kraft,

Die mein Herz hat, lieb’ ich ihn, mehr noch!


Denn das, was für das Leben uns verschafft

Das Gute, das in Christus uns gegeben,

Hat mich zur Liebe, die das Herz uns rafft,


Geführt, damit ich ewig will anstreben,

Das höchste Gut, das alle Güte ist,

Und in dem alle Liebe mag erbeben.“


Als ich das sprach, erscholl ein Lob, das misst

Den ganzen Himmel: „Heilig, heilig, heilig!“,

Das in dem Chor der Seligen sich misst.


Da sah ich, in dem Lichte, ganz verweilig,

Einen Geist, der Adam mir erschien,

Der in der Nähe Gottes war, so heilig.


Ich fragte ihn: „Wie alt ist dein Verzieh’n?

Wie lange ist es her, dass du den Ort

Verließest, wo Gott dich in das Licht ließ zieh’n?“


Er sprach: „Das Wissen, das du suchst, mein Wort,

Ist in dem Buche, das die Ewigkeit

Uns lehrt, und das nicht kennt den Zeit-Rekord.


Viertausenddreihundert Jahre, in der Zeit,

War ich im Limbus, bevor ich kam hierher,

Und wieder sah ich Gott, in Herrlichkeit.


Die Sprache, die ich sprach, war tot schon sehr,

Bevor das Volk, das ewig baut an Türmen,

Versuchte, in den Himmel, in dem Heer


Der Sprachen, das zu bauen, in dem Stürmen.

Kein Wort, das Menschen sprechen, bleibt für ewig,

Denn die Natur lässt uns im Wandel türmen.


Die erste Sprache, die Gott uns ganz bewegig

Gegeben hat, war nicht mehr, als ich fiel,

Und alles, was wir sprechen, ist nur kurzlebig.


So ist der Mensch, der in dem Weltenziel,

Sich wandelnd sucht, doch Gott bleibt immer gleich,

Und seine Liebe ist das einzige Spiel.“



GESANG XXVII


„Dem Vater, dem Sohn, dem Heiligen Geiste“, sang

Der ganze Chor, so dass ich ganz berauscht

Vom süßen Klang des Himmels, in mir klang.


Was ich nun sah, war wie ein Lächeln, das lauscht

Der Welt, und alles, was ich dort geschaut,

Hat meine Seele ganz und gar getauscht.


O Freude, die in Gottes Licht erbaut!

O Leben, das in Liebe sich vollendet!

O Ruhe, die dem Geist den Frieden traut!


Doch plötzlich sah ich, wie die Lichter endend

An ihrem Glanz, sich in die Farbe wandten,

Die wie die Morgenröte uns entsendend.


Und einer, der der Erste war, in Banden

Des heil’gen Petrus, fing zu zittern an,

Und seine Farbe, die wir dort erkannten,


War wie der Sonnenuntergang, der dann

Das Himmelszelt mit purpurnem Schein erhellt,

Und er begann zu sprechen, in dem Bann:


„Dass ich nun brenne, sei nicht aufgestellt

Als Wunder, denn du siehst, wie meine Schar

Die Welt regiert, die in die Sünde fällt!


Der, der auf Erden sitzt – der war für wahr

Mein Nachfolger, er, der nun leer macht

Das Grab, das mein ist, in der Offenbarung klar!


Er hat das Blut, das Christus hat gebracht,

Zur Geldquelle gemacht, und meine Stätte

Zum Schauplatz für die Gier, die uns bewacht!


Die Wölfe, die in Hirtenkleidern, wette

Auf Beute aus, und das Volk, das treu

Nach Nahrung sucht, bekommt nur hohle Kette!


O Vorsehung, warum bleibst du so neu

In deinem Schweigen, während Blut vergossen

Wird für das Gold, das uns nur bringt das Reu’?


Doch bald schon wird der Himmel, in den Sprossen

Der Zeit, das Unrecht tilgen, und der Plan,

Der nun so fern scheint, wird uns unverdrossen


Das Licht der Reinigung bringen, in dem Wahn

Der Welt, die sich von Gott so weit entfernt,

Und die den Weg zum Heil hat nun vertan.“


So sprach er, und die Geister, die man lernt

Im Himmel kennen, stiegen wie ein Regen

Von Funken, die in ihrem Glanze hernt.


Beatrice führte mich mit ihrem Segen

Hinauf zum neunten Himmel, in das Licht,

Das keine Zeit kennt, keine Raum-Wegen.


Dort sah ich, wie das Primum Mobile bricht

Den Raum, und in der Ewigkeit sich dreht,

Und wie es alles, was existiert, nun schlicht


In Ordnung hält, wie es im Geiste steht.

O weh der Sterblichen, die in der Zeit

Gefangen sind, wo nur die Sünde weht!


Die Gier verdirbt das Glück, das uns bereitet

War in der Kindheit, doch nun, da die Jahre

Vergangen sind, ist nur die Not verbreitet.


Kein Mensch ist ehrlich, trotz der klaren Ware,

Die uns die Wahrheit bietet, denn der Stolz

Verblendet alle, in der dunklen Bahre.


Doch bald wird die Astronomie, im Stolz

Des Geistes, uns das Licht wieder geben,

Und aus dem Dunkel retten, wie ein Bolz!



GESANG XXVIII


Als sie, die mir die Wahrheit offenbarte

Vom Wesen der Liebe, die im Himmel glüht,

Und mein Verlangen in dem Glanze wahrte,


Sah ich, wie sich das Licht, das Gott bemüht,

Im Primum Mobile, als Punkt mir zeigte,

So klein und hell, dass alles vor ihm flieht.


Wie ein Stern, der am Firmament nun neigte,

So leuchtete der Punkt, so grell und rein,

Dass jedes Auge vor dem Glanz dann schweigte.


Um diesen Punkt, in einem schnellen Sein,

Sah ich neun Kreise, die wie Feuer brannten,

Die in der Schnelle sich im Licht befrein.


„Dort“, sprach Beatrice, die mein Schauen kannten,

„Ist die Ordnung des Himmels, der die Welt

In seinen Bahnen hält, von den Verkannten.“


„Der Kreis, der am schnellsten sich hier stellt,

Ist der, der der Liebe am nächsten weilt,

Weil er die Wahrheit in der Ordnung hält.“


Ich sah die Seraphim, die sich in Eilt

Um diesen Punkt, in ihrer Lieb’ entzündet,

Wo sich die Liebe mit dem Lichte teilt.


Dann die Cherubim, die das Wissen gründet,

Und alle anderen, die im Chor erscheinen,

Und die der Wille Gottes uns verkündet.


„Die ersten Kreise sind, in ihrem Scheinen,

Die, die am meisten lieben, und am meisten wissen,

Und die sich in dem Glanze mit dem Einen


Vereinen, wie in ihrer eignen Küssen.

Dort, wo sie langsamer sich nun bewegen,

Sind die, die in der Ferne uns vermissen.“


Ich staunte über dieses heil’ge Segen,

Dass jeder Kreis, in seinem Maß der Macht,

Die Liebe Gottes spiegelt, auf den Wegen.


„Dies ist der Ort, wo die Natur bewacht

Die Ordnung, die der Schöpfer uns gegeben,

Damit die Welt in seiner Liebe lacht.“


Wie aus der Wolke, die im Windesweben,

Ein Bogen sich entfaltet, bunt und hell,

So sah ich, wie die Engel uns erheben.


„Siehst du den Punkt, der wie ein Quell,

Aus dem die Zeit und das Sein entspringt,

Der ewig leuchtet, in dem Glanz so grell?“


O göttliches Wunder, das die Seele bringt

In Staunen, über das, was ich geschaut,

Wo jedes Wort in meiner Sprache klingt!


Die Engelchöre, die mit ihrem Laut

Die Ehre Gottes in dem Himmel preisen,

Und auf die Wahrheit, die er uns vertraut.


„Dies ist der Kern, in dem die Kreise reisen,

Dies ist der Ursprung, der uns Liebe lehrt,

Und der uns führt auf den himmlischen Reisen.“


So sprach sie, und der Glanz hat mich bekehrt,

Dass ich verstand, wie Gott in seiner Mitte,

Den ganzen Himmel in der Liebe ehrt.



GESANG XXIX


Wenn beide Kinder Leda’s, in dem Spiel

Der Sonne und des Mondes, in der Mitte

Der Balance, die sich dreht auf ihr Ziel,


So wie der eine Augenblick, im Ritte

Der Zeit, sie beide teilt, so sah ich nun,

Wie Beatrice schwieg, mit ihrem Tritte.


Ihr Blick, der in das Licht der Engel nun

Sich richtete, war voll von Weisheit, klar,

Und sprach zu mir, in ihrem heil’gen Tun:


„Du suchst zu wissen, was nicht ist wohl wahr,

Und was der Geist, der in der Stille weilt,

Schon wusste, bevor die Zeit den Raum gebar.


Gott wollte seine Herrlichkeit, in Eilt,

Ergießen, damit sein Ebenbild erscheine,

Und hat die Schöpfung in das Licht geteilt.


Nicht durch das Wachstum, als ob er das Kleine

Erst groß gemacht, denn ohne Zeit war Gott,

Der in seiner Vollkommenheit das Reine


Erschuf, in einem Blitz, ohne das Schlot

Der Formlosigkeit, die er schon kannte,

Bevor das Wort in der Erschaffung schott.


Form und Materie, die er in sich nannte,

Waren in Einheit, in der Kraft der Macht,

Und das, was er in seiner Liebe brannte.


Die Engel, die in ihrer vollen Pracht,

An der Schwelle der Zeit, nun wurden wach,

Und haben Gott in seiner Größe dacht.


Doch bald schon fiel der eine, aus dem Dach

Der Stolz-Besessenen, und die andren blieben,

Und lobten Gott, in ihrem heil’gen Fach.


Das ist die Ursache, warum die Triebe

Der Liebe hier, in den neun Kreisen wohnen,

Weil sie die Wahrheit, die sie in sich üben,


In Gott gefunden haben, in den Zonen

Des Lichts, das sie im Schauen erst erfüllt,

Und das sie belohnt in ihren Kronen.


Doch ach, auf Erden wird das Wissen wild,

Indem man streitet über Dinge, leer,

Und die Vernunft in Eitelkeit verhüllt.


Der eine lehrt, was niemals ist wohl sehr,

Ein andrer schwätzt von Dingen, die nicht sind,

Und macht den Weg zur Wahrheit nur noch schwer.


Sie suchen Ruhm, und wie das Wetter lind,

Verwehen ihre Worte, ohne Grund,

Und lassen die Vernunft, wie Spreu im Wind.


Das Evangelium ist nicht in ihrem Mund,

Sondern sie jagen Mythen, die den Geist

Verblenden, und verwunden, wie der Hund.


Man predigt heute, was der Welt gefällt,

Und lacht über die Wahrheit, die uns führt,

Dass Gott uns in der Liebe hat bestellt.


Genug der Rede, die uns hier entführt,

Vom Wesen Gottes, das in seiner Kraft,

Die ganze Schöpfung, die den Himmel rührt.“



GESANG XXX


Vielleicht zehntausend Meilen ist es fern,

Wenn sich die Mittagssonne zu uns neigt,

Und die Welt sich färbt, wie ein verglühter Stern,


Und hier, in dieser Höhe, die uns zeigt,

Dass der Schatten der Nacht nun immer schwindet,

Und der Himmel, der das Licht in sich verschweigt,


Nun in der Klarheit, die das Herz entzündet,

Sich verwandelt, so dass der letzte Stern

Sich in der Herrlichkeit der Gott-Kraft findet.


Beatrice, die nun strahlte, wie der Kern

Der Sonne, ließ mich aus dem Himmel schauen,

Und ich verließ den Ort, den ich so gern


Nun ließ zurück, um auf die Welt zu bauen,

Die hinter mir lag, klein und voller Leid.

„Wir sind nun im Empyreum“, mit Vertrauen


Sprach sie zu mir, „wo sich das Licht befreit,

Und wo die Liebe, die das All umfasst,

In ihrer ewigen, heiligen Herrlichkeit.


Hier wirst du sehen, dass die Engel last’

Nicht mehr auf dem, was Zeit und Raum bestimmt,

Denn alles hier ist Gott, in einer Rast.“


Ein Lichtstrahl traf mein Auge, der mir nimmt

Die Sehkraft fast, so hell war seine Pracht,

Und alles, was ich sah, in Gott bestimmt.


Ich sah einen Fluss, der in der Stille wacht,

Voller Licht, das zwischen Ufern glüht,

Die mit den Blumen der Ewigkeit sind gemacht.


Vom Strom stiegen Funken, die wie Licht sprüht,

In die Blumen, die wie Rubine strahlen,

Und die in Gottes Garten ewig blüht.


Die Funken, die wie Perlen, die wir malen,

Sich in den Blumen senkten, in der Ruh’,

Glichen den Seelen, in ihren leuchtenden Schalen.


„Trink nun das Licht“, sprach sie, „und schau dazu,

Wie die Ordnung des Himmels, in der Pracht,

Sich öffnet, wie die Rose, im Nu.“


Ich beugte mich, und sah die ganze Nacht

Der Welt, in ein Licht, das alles überstrahlt,

Wo die Rose, die in Gottes Liebe lacht,


Sich entfaltet, wie ein Bild, das er bemalt.

O Licht, das uns das Sein in Wahrheit schenkt,

Das die Seele, die sich in dir entfaltet,


In deiner Liebe, wie in einem Meer, versenkt!

Hier sind die Heiligen, in tausend Reihen,

Die in der Rose, die den Duft uns lenkt,


In ihrem Glanze, uns die Freude weihen.

Kein Blick ist hier, der nicht in Gott nun schaut,

Und der nicht in dem Lichte kann gedeihen.


O Rose, die sich in dem Himmel baut,

Dass jede Seele ihren Platz nun findet,

Und Gott ihr seine Liebe wohl vertraut!


Ich sah, wie sie, die alles in sich bindet,

In ihrem Glanz, die Ewigkeit besingt,

Und wie der Geist, der in der Rose windet,


Den Frieden, der uns aus der Liebe bringt,

In seiner vollen Wahrheit nun erfährt,

Und sich in Gottes Licht ganz neu umschwingt.



GESANG XXXI


In Form einer weißen Rose, strahlend rein,

Erschien mir die siegreiche Schar der Seelen,

Die Christus in seinem Blut sich machte eigen.


Doch andere, wie die Bienen, die sich quälen,

Zwischen den Blumen, fliegend, hin und her,

Sich in den Kelchen der Liebe, in den Quellen,


Sich niederließen, in dem Lichter-Meer.

Es waren Engel, die mit ihren Schwingen,

Aus Gold das Kleid, das Gesicht wie Flammen sehr,


Frieden und Liebe in die Rose bringen.

Und als sie zwischen Gott und Rose schweben,

Verlor man nicht den Glanz, noch das Klingen.


Dieses Volk, das aus dem Himmel kam, im Beben,

Beschützte den Frieden, den sie trugen,

Und ihre Liebe in der Rose Leben.


Kein Flug verhinderte, dass sie dort schlugen,

Die Flügel, und ihr Licht die Welt durchdrang,

Wenn sie sich vor dem Schöpfer niederbogen.


O heilige Schar, die in dem süßen Klang,

In die Rose stiegen, um ihr Licht zu geben,

Und die den Frieden in der Liebe rang!


Ich stand dort, stumm, in meinem Geiste eben,

Und sah, wie sie sich in die Blumen senkten,

In ihrer Sehnsucht nach dem ew’gen Leben.


Doch meine Augen, die sich dort beschenkten,

Waren wie die der Kinder, die im Spiel

Sich in der Welt des Vaters wohl verrenkten.


Ich wandte mich zu Beatrice, zum Ziel,

Um sie zu fragen, was mein Geist nicht wusste,

Und um zu schauen, was mein Herz so viel


Ersehnte, doch dort, wo sie sein musste,

Sah ich einen Greis, in Herrlichkeit gekleidet,

Der wie die Heiligen in seinem Glanze küsste.


In seinem Blick war Freude, die uns leidet

Das Herz in Liebe, und er sprach zu mir:

„Wo ist sie, die dir den Weg zum Lichte leidet?“


„Sie hat mich verlassen“, sprach ich, „hier,

Damit mein Wunsch sich in dem Schauen endet,

Und Beatrice ist zurück in ihrem Revier.“


Er zeigte mir, wo sie, die sich entsendet,

In ihrem Platz, der in der dritten Reihe

Der Rose ist, und der ihr Licht vollendet.


Ich schaute auf, und sah sie, in der Weihe,

Wie sie das Haupt krönte, mit dem Licht,

Das ihr Gott gab, in seiner Liebe Treue.


„O meine Herrin“, sprach ich, „die mich bricht

Von meinem Weg, und die mir Hoffnung gab,

Und die mir zeigte, was das Auge spricht!


Du hast mich aus der Knechtschaft, in dem Grab

Der Welt, gerettet, und mir die Freiheit schenkt,

Dass ich in Gott nun meine Seele hab.


Ich danke dir, für alles, was du lenkt,

Und bitte dich, bewahre mir den Glanz,

Wenn sich mein Geist in deine Nähe senkt.“


Sie lächelte, und blickte in den Kranz

Der Ewigkeit, und wandte sich dem Lichte,

Das in der Rose leuchtet, in dem Tanz.


Und der Greis sprach: „Damit die Reise, schlichte,

Ihr Ende finde, schau nun auf das Licht,

Das uns die Gottesmutter nun berichte!“


Ich sah sie, Maria, deren Angesicht

Wie Sterne strahlte, in der Liebe Mitte,

Wo Gott uns in dem Glanze Wahrheit spricht.



GESANG XXXII


In tiefer Schau, mit freiem Geist erhoben,

Sah Bernhard nun die Rose, die sich weit

In ihrer Pracht dem Schöpfer darbot, oben.


Er sprach zu mir: „Die Wunde, die in Leid

Durch Eva sich der Menschheit zugefügt,

Wird hier durch sie geheilt, in Ewigkeit.


Die Dame, die dort unten, treu vergnügt,

An ihrer Stelle sitzt, ist jene Frau,

Die unter ihr das Paradies uns pflügt.


Schau nun die Sitze, in dem Himmelsbau,

Der Rose Reihen, die sich teilt in zwei:

Die eine Hälfte, in der Gnaden-Schau,


Ist die, die glaubte, dass in der Partei

Des Christus, der da kommen wird, das Heil

Liegt, in der Hoffnung, die uns macht so frei.


Die andre Hälfte, die in ihrem Teil,

Den Glauben hat an Christus, der schon kam,

Und die im Opfer fand das wahre Seil.


Schau nun Maria, die den heil’gen Stamm

Der Menschheit krönt, und unter ihr die Scharen,

Die in der Anbetung sind, im Lob-Programm.


Und auf der anderen Seite, in den klaren

Reihen, siehst du den Täufer, der im Licht

Der Wüste uns die Wahrheit ließ offenbaren.


Schau Abraham, und alle, die im Schicht

Des Glaubens waren, vor der Taufe Lauf,

Und wie sich hier das Wort der Gnade bricht.


Doch staune nicht: Die Kinder, die zuhauf

Du siehst, sind jene, die durch fremden Geist,

Nicht durch ihr eigenes Werk, stiegen hinauf.


Sie sind hier, weil der Glaube, der uns speist,

Durch ihre Eltern, oder durch den Dienst

Der Kirche, die uns den Weg zu Gott verheißt,


Sie rein gewaschen hat, im heil’gen Dienst.

Doch schau nun in das Gesicht, das Christus gleicht,

Denn nur der Glanz, der dir das Schauen dienst,


Kann dir gewähren, dass dein Blick erreicht

Das Licht, das in der Rose, in dem Kern,

Uns in der Ewigkeit die Wahrheit reicht.“


Ich blickte auf, und sah nun, in der Fern’,

Wie Gabriel mit seinen Flügeln sang,

Und wie er Maria grüßte, wie ein Stern.


„Ave Maria“, schallte der Gesang,

Und jede Seele in der Rose Chor,

Gab Antwort, in dem jubelnden Klang.


„O heil’ger Vater“, sprach ich, „der mit Tor

Der Liebe mir die Wahrheit hier gezeigt,

Wer ist der Geist, der dort nun kommt hervor?“


Er zeigte mir den Seher, der geschweigt

In seiner Liebe, und der in dem Licht,

Sich nun vor Gott, mit tiefer Demut neigt.


Es war Adam, der in dem Angesicht

Des Schöpfers stand, und dessen Reue groß,

Hier nun sein Heil in Gottes Liebe bricht.


„So wie er fiel, so wird er nun hier los

Von seiner Last, und in der Gnade Pracht,

Erhält er hier das ew’ge Lebenslos.“


Und so verharrte ich, in dieser Nacht,

Die keine ist, denn alles ist in Licht,

Und Gott hat hier die Rose uns bewacht.



GESANG XXXIII


„Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohnes,

Demütig und erhaben über jede Kreatur,

Das feste Ziel, das Gott uns gab des Lohnes!


Du bist es, die der Menschheit die Natur

So sehr erhöht hat, dass ihr Schöpfer nicht

Verschmähte, selbst zu werden deine Spur.


In deinem Schoß entbrannte jenes Licht,

Durch dessen Wärme in dem ew’gen Frieden

Die Blume der Erlösung uns verspricht.


Du bist uns hier als Mittagssonne beschieden,

Die Liebe glüht, und unter den Sterblichen

Ist Hoffnung als ein Quell uns hier entschieden.


O Herrin, du bist so groß, so wunderlich,

Dass, wer nach Gnade dürstet und nicht fliegt

Zu dir, sein Sehnen stirbt, so glaub’ ich.


Deine Güte nicht nur den, der bittet, wiegt,

Sondern sie kommt oft dem Verlangen vor,

Bevor die Bitte aus dem Herzen wiegt.


In dir ist Mitleid, in dir ist das Tor

Des Erbarmens, alles, was an Güte ist

In der Natur, vereint sich in dem Chor.


Dieser nun, der aus der tiefsten Frist

Des Weltalls bis hierher den Blick erhob,

Und jede Stufe der Geister nun vermisst,


Fleht dich um Gnade an, um sein Gelob

Zu stärken, dass er mit den Augen kann

Zum höchsten Heil, zum letzten Glanze, grob.


Und ich, der ich das Schauen niemals spann,

Für mich selbst mehr als für ihn, ich bitte dich:

Löse alle Wolken, die sein Blick noch wann,


Durch dein Gebet, dass ihm der Schöpfer sich

Offenbare, in der höchsten Herrlichkeit!“

So sprach der Heilige, und sie blickte mich


An, in der Liebe, in der Ewigkeit,

Und richtete dann ihren Blick zum Licht,

Das ewig leuchtet, fern von jeder Zeit.


Ich selbst, der ich den Abgrund des Gericht’

Nun erreichte, spürte, wie das Sehnen still

In mir zur Vollendung nun anhebt das Licht.


Bernhard winkte mir, dass ich nun will

Den Blick erheben, doch ich sah es schon,

Bevor er sprach, in Gottes eigenem Stil.


Mein Schauen wurde klar, und in dem Thron

Des höchsten Lichtes sah ich, was ich kaum

Beschreiben kann, als eines, in dem Lohn.


In der Tiefe des Lichts, in jenem Raum,

Sah ich drei Kreise, von drei Farben zart,

Und doch von einem Maß, wie in dem Traum.


Der eine spiegelt den andren, eine Art,

Als Regenbogen, der den anderen gebiert,

Der dritte war wie Feuer, in der Fahrt.


O wie mein Wort nun kurz ist, wie es friert

An meiner Zunge, gegenüber dem,

Was ich dort sah, das mich in Gott geführt!


O ewiges Licht, das nur in sich das Hemd

Des Seins erkennt, sich selbst versteht und liebt,

Und das in sich, in seinem Glanze, bekennt!


Die Drehung, die sich in dem Kreise übt,

Wie ein Rad, das gleichmäßig sich bewegt,

Wurde durch die Liebe, die uns Gott gibt.


Hier fehlte Kraft für das, was sich nun regt,

Mein Wunsch und Wille drehten sich mit ihm,

Wie ein Rad, das die Liebe, die uns prägt,


Im Einklang mit der Sonne, die im Schim-

mer strahlt, das alles in dem All bewegt –

Die Liebe, die bewegt das Firmament.