CHRISTLICHE MEDITATION

VON TORSTEN SCHWANKE


In den Herzen vieler Christen

lebt die Sehnsucht nach Gebet.

Tief und wahrhaft möcht es werden,

doch die Zeit stellt Hindernisse.


Sucht der Geist auch fern im Osten

nach der Einkehr, nach der Stille,

zeiget dies den großen Durst nur

nach dem göttlichen Geheimnis.


Darum braucht es klaren Kompass,

Maßstab aus des Glaubens Licht,

dass der Pfad der heilgen Wahrheit

in der Kirche treu verbleibe.


An die Bischöfe ergeht nun

dieses Wort der Hirtensorge,

dass das ganze Volk des Herren

neu im Geiste beten lerne.


Wo der Geist der Fremde naht,

fragt manch Glaubender im Herzen:

Können östliche Methoden

unser eignes Beten mehren?


Mancher sucht Genesung dort

vor dem Lärm der lauten Welt,

wo die Technik Rast verwehrt,

sucht er Seelenruhe dort.


Doch nicht Heilung ist mein Thema,

sondern Wahrheit, Geist und Glaube.

Kann das Fremde uns bereichern,

was dem Erbe einst war fern?


Wer vergleicht, muss erst ermessen,

was des Christenbetens Wesen:

Seelenvolles Zwiesprach-Reden

zwischen Schöpfer und Geschöpf.


Nicht Versinken im Unendlichen,

nicht die Flucht ins leere Ich,

sondern Treffen zweier Freiheiten:

Gottes Gnade, Menschen Wille.


In der Taufe fest gegründet,

führt es aus dem Ich heraus,

hin zum Du des ewgen Vaters

in der Einen Heilgen Dreifalt.


Wie man betet, lehrt die Schrift:

Aus des Alten Bundes Tagen

klingen hoch die heilgen Psalmen,

Gottes Volk zum ewgen Lobpreis.


Israel gedenkt der Taten,

die der Herr im Heil gewirkt.

Er beschützt in Not und Krankheit,

König, Richter, voller Gnade.


Doch in Christus wird vollendet,

was verheißen war vorzeiten.

Mensch geworden ist das Wort,

offenbart des Vaters Tiefe.


Und der Geist, von ihm gesandt,

gründet tief in Gottes Herzen.

Er verkündet uns des Sohnes

unermesslich reichen Schatz.


So erkannten es die Boten,

Schreiber Evangeliums,

Paulus auch im Glanz von Licht:

Christus ist der Weisheit Fülle.


Offenbarung ruft zum Beten,

Gott spricht zu den Menschenfreunden,

zieht sie hin in seine Nähe,

schenkt den Geist, der Einsicht spendet.


Aus dem Worte sprießt das Beten,

im Gebete reift die Schrift:

Redest du, so hört der Schöpfer,

liest du, spricht sein Wort zu dir.


Wie der Sohn vom Vater kam

und im Geiste heimwärts strebt,

so vereint das „Vaterunser“

Gottes Heil mit unserm Pfad.


Keiner betet bloß für sich:

Selbst im Stillen, ganz allein,

schlägt dein Herz im großen Chor

aller Heilgen vor dem Thron.


Schon im Anfang schlichen Irrwege

in der Christen Beten ein:

Gnosis wähnt die Welt als Übel,

meint, die Gnade sei nur Ihres.


Doch die Väter lehrten wahrhaft:

Gut erschuf der Herr die Erde,

Gnade bleibt ein frei Geschenk,

Liebe zeigt die hehre Einsicht.


Auch des Messalianers Wahn,

der den Geist im Fühlen misst,

trügt den Sucher auf dem Pfade;

denn die Einigung geschieht


Oft im Stillen, im Geheimnis,

gar in Dürre und in Not,

wo die Seele treu verharrt

in des Herren Kreuz und Nacht.


Diese Abwege verführen

auch den Menschen unsrer Zeit:

Suchen raschen Trost im Geiste,

fliehen Christi Erdenweg.


Was bloß seelisch-menschlich wirkt,

halten sie für Gottes Fülle;

wähnen, ohne Werk und Glaube

schnell das Göttliche zu fassen.


Christen schauen Gott im Worte,

das im Fleische Mensch geworden;

Taten, Zeichen, irdisch-nah,

offenbaren seine Tiefe.


Doch die Irrlehre verwirft

alles Sinnliche und Nah-Sein,

sucht das namenlose Nichts,

flieht vor der Gestalt der Welt.


Mischen manche heutzutage

fremden Brauch mit Christi Pfad,

sinken sie in leeren Abgrund,

wo kein Wort noch Bild mehr trägt.


Wer der Dreifalt fromm gedenkt,

weicht vom Synkretismus ab:

Nicht im Nichts verliert der Geist sich,

sondern ruht in Gottes Liebe.


Christi Speise war der Wille

dessen, der ihn einst gesandt.

So im Tun wie in der Stille

blieb er fest mit ihm verwandt.


Tabor mag im Glanze strahlen,

drängt sein Weg zum Leiden hin.

Kontemplation gebiert Erbarmen,

Dienst am Nächsten gibt ihr Sinn.


Ewig bleibt der Mensch Geschöpf nur,

nie löst sich sein Ich in Gott;

doch erschaffen nach dem Bilde,

das der Sohn vollkommen bot.


Wie in Gott die Dreiheit wohnt

und die Dreiheit Einzahl liebt,

so bleibt auch des Menschen Wesen

stets getrennt von dem, der gibt.


Gott ist Liebe: Dieses Zeichen

eint das Trennende zugleich.

Nicht Versinken im Unendlichen,

sondern Kindschaft macht uns reich.


In dem Geiste rufen wir:

„Lieber Vater!“, neu geboren,

Kind im Sohne, hoch erhoben,

nie im Abgrund isoliert.


Was auf fremden Glaubenspfaden

wahr ist, ehrt die Kirche sehr.

Mancher Rat zur Seelenruhe

dient auch Christi heilger Lehre.


Wie die Wüstenväter wussten,

braucht der Sucher sanften Rat:

Einen Lehrer, der im Geiste

ihn geleitet auf dem Pfad.


Reinigung und helle Einsicht,

dann die Einheit voll von Licht —

solcher Weg der alten Meister

bricht der Christen Hoffnung nicht.


Doch wer Gott im Herzen sucht,

reinige der Seele Grund:

Nicht der Trieb an sich ist Übel,

egoistisch Tun macht wund.


Ganz Gelassenheit zu finden,

zwingt das Ich zur Absage hin;

stürbe nicht das eigne Wollen,

bliebe frei nicht Herz und Sinn.


Leere nicht die Welt der Dinge,

leere nur dein eignes Ich!

Kehre ein im tiefsten Innern,

doch bleib dort nicht, hebe dich!


Gott ist tiefer als mein Innerstes,

höher als mein höchster Sinn;

suche ihn in der Geschichte,

schau zu seinen Werken hin.


Keine Liebe wird vollkommen

ohne den gekreuzigten Sohn.

Wer ihn schaut im Glaubensglanze,

schaut des Vaters ewgen Thron.


Abstraktion zieht uns empor nicht,

sondern Christi Menschsein rein.

Er verleiht der Seele Süße,

führt sie in die Dreiheit ein.


Auf die Reinigung folgt Helle,

Salbung aus des Geistes Hand.

Schon die Taufe schenkt Erleuchtung,

knüpft der Seele Glaubensband.


Wahre Einsicht lässt nicht weichen,

was die Kirche lehrt, bekennt;

Schaut der Christ in Gottes Dreifalt,

was er tief im Herzen kennt.


Ruft der Herr zur stummen Mystik,

schenkt er Gnade ohne Maß.

Keine Technik zwingt den Himmel,

Knechtssinn flieht, wo Kindschaft saß.


Ganz Geschenk bleibt jedes Schauen,

unverdient aus Gottes Hand;

Einkehr braucht der Mensch im Stillen,

doch kein Werkzeug bricht die Wand.


Manchen Heilgen gab der Meister

Sondergnaden für den Pfad.

Andre nachzutun gelingt nicht,

jeder geht den eignen Pfad.


Gott beschenkt ein jedes Herz nur,

wie es seiner Seele taugt;

Persönlich bleibt des Beters Sehnsucht,

wo der Geist den Trost einsaugt.


Gaben aus des Geistes Quelle

wohnen jedem Christen bei;

Charismen hingegen dienen

aller Brüder Dienst und Treu.


Prüft die Geister mit Bedacht nur,

dass die Kirche wohl gedeiht;

Jedem Glied ward Dienst verliehen

für des Leibes Herrlichkeit.


Wie der Leib sich neigt im Beten,

formt er auch der Seele Sinn;

Weise Meister kannten lange

solch Gesetz und wiesen hin.


Ob beim Fasten, ob beim Knien,

Haltung dient dem heilgen Ziel:

Seele, Leib und Geist vereint sich

in des Gottesdienstes Spiel.


Rhythmus auch von Herz und Atem

kann dem Beten Helfer sein;

Wie beim heilgen Herrngebete

kehrt des Namens Süße ein.


Doch wer bloß am Zeichen haftet,

macht den Leib sich leicht zum Götz;

Sinnlich Wort und blinde Regung

sind nicht Gottes rein Gesetz.


Leibesruhe, süßes Lösen,

Wärme, Schein und heitre Rast

sind noch nicht des Geistes Tröstung,

lösen nicht der Sünden Last.


Wer das Seelische verwechselt

mit der Gnade hohem Licht,

fällt in Trägheit und Verwirrung,

wo kein wahrer Trost mehr spricht.


Dennoch mögen fremde Bräuche,

so sie klug gewandelt werden,

helfen, dass der Mensch im Trubel

stille stehe vor dem Herrn.


Wer im Herzen stets gewacht hat,

unterbricht sein Beten nicht,

wenn er dient den Brüdern treulich

und sein Werk dem Schöpfer weiht.


Jeder Beter mag ersinnen

seinen eignen Pfad im Licht,

doch sie alle münden schließlich

in das Eine Angesicht:


Christus ist der Weg zum Vater,

keine eigne Wollust leitet;

nur der Geist, von ihm gesendet,

ist es, der den Schritt bereitet.


Kommt die Zeit der dürren Wüste,

wo das Fühlen gänzlich schweigt,

ists die Prüfung treuer Liebe,

die sich ohne Trost verneigt.


Nicht die leere Macht der Sehnsucht,

nicht die eigene Lust am Schein:

Wer verharret in der Nacht noch,

sucht den Herren ganz allein.


Gottes Liebe bleibt Geschenk,

keine Technik zwingt sie je;

Blicke nur auf den Gekreuzigten

in des Erdenleidens Weh.


Macht er dich der Liebe teilhaft,

wächst die Demut tief und rein:

Augenblicklich wird die Seele

sich als Magd des Herren freun.