CHRISTLICHER HUMOR

VON TORSTEN SCHWANKE


FÜR DEN LACHEN-LIEBENDEN MALEK



ERSTER TEIL: JESUS


I


Der christliche Humor besitzt eine ganz eigene, tiefgründige Art von Leichtigkeit, die sich besonders in den Erzählungen der Bibel offenbart. Ein wunderbares Beispiel dafür findet sich im Buch Genesis mit der Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Menschheit, angetrieben von grenzenlosem Ehrgeiz und dem Wunsch nach absoluter Größe, macht sich daran, einen Turm zu errichten, dessen Spitze bis in den Himmel reichen soll. Es ist ein monumentales Projekt, getragen von menschlicher Hybris und dem trügerischen Glauben, man könne sich aus eigener Kraft göttliche Dimensionen erschließen.


Der Erzählung gelingt es jedoch, dieser menschlichen Selbstüberhebung mit einer feinen, fast schon humorvollen göttlichen Ironie zu begegnen. Aus der Perspektive Gottes ist das vermeintlich gigantische Bauwerk nämlich so winzig und unbedeutend, dass der Schöpfer erst einmal „herabsteigen“ muss, um das Werk überhaupt in Augenschein zu nehmen. Diese Szene entlarvt den Größenwahn der Menschen auf eine entwaffnende Weise. An Zorn oder schwere Verurteilung ist hier zunächst gar nicht zu denken; stattdessen offenbart sich ein fast väterliches Schmunzeln über die emsigen Anstrengungen der Sterblichen, die sich so schrecklich wichtig nehmen. Der biblische Humor bewahrt den Menschen vor der Verzweiflung an der eigenen Unzulänglichkeit, indem er ihm einen liebevollen Spiegel vorhält und zeigt, wie nah das Scheitern menschlicher Allmachtsfantasien an der reinen Komik liegt.



II


Im Zentrum des christlichen Verständnisses von Humor steht auch die souveräne Entlarvung irdischer Macht, wie sie besonders eindrücklich im zweiten Psalm zum Ausdruck kommt. Wenn dort beschrieben wird, dass der im Himmel thronende Gott über den Hochmut der Herrscher lacht und ihrer spottet, offenbart sich eine radikale Perspektivenverschiebung. Die Mächtigen dieser Welt, die Kriege anzetteln, Bündnisse schmieden und ihre eigenen Reiche für unsterblich halten, inszenieren sich selbst mit absoluter Ernsthaftigkeit. Aus der Sicht des göttlichen Horizonts wirken all diese großspurigen Machtansprüche und Drohgebärden jedoch wie das unbedeutende Treiben kleiner Kinder im Sandkasten. Gottes Lachen ist dabei kein boshaftes Ausachen, sondern ein Ausdruck absoluter Souveränität und heiterer Gelassenheit. Es zeigt, dass kein irdischer Tyrann und kein vermeintlich unaufhaltsames System letztlich Bestand hat oder Gott wirklich gefährden könnte. Dieser göttliche Spott befreit die Menschen von der Angst vor irdischen Machthabern, indem er deren scheinbare Omnipotenz als das entlarvt, was sie ist: eine verblendete Illusion, über die man am Ende nur schmunzeln kann.



III


Wenn das Leiden und die scheinbare Ungerechtigkeit der Welt den Menschen an die Grenzen seiner Existenz treiben, bricht im Buch Hiob kein trostloser Lärm hervor, sondern eine überraschende Begegnung aus dem Wettersturm. Anstatt Hiob mit strengen Dogmen zu erschlagen oder seine tiefen Klagen in Grund und Boden zu verurteilen, begegnet Gott ihm mit einer meisterhaften, geradezu liebenden Ironie. Mit einer unendlichen Kette rhetorischer Fragen, die Hiobs Verstand weit übersteigen, konfrontiert der Schöpfer den leidenden und klagenden Menschen. Wenn Gott fragt, wo Hiob denn gewesen sei, als die Fundamente der Erde gelegt wurden, oder ob er etwa deshalb so viel wisse, weil er damals schon geboren war, schwingt darin eine entwaffnende Komik mit. Es ist eine humorvolle Entthronung des menschlichen Besserwissertums, die Hiob jedoch keineswegs kleinmacht oder verhöhnt. Vielmehr zieht Gott ihn durch diese heitere Erhabenheit in einen kosmischen Weitblick hinein. Hiob wird aus der engen, dunklen Zelle seiner eigenen Schmerzen herausgeholt und in das staunende Betrachterfeld einer unbegreiflichen Schöpfung gestellt. Dieser göttliche Humor aus dem Sturm ist zutiefst befreiend, weil er dem Menschen erlaubt, aufzuhören, die Welt und sich selbst perfekt erklären zu müssen, und stattdessen über das eigene Staunen zu lächeln.



IV


Eine wunderbare Humoreske mitten im biblischen Gesetzestext bietet die Episode um den Propheten Bileam und seine eigensinnige Eselin. Bileam reitet auf dem Tier, um im Auftrag eines fremden Königs das Volk Israel zu verfluchen, doch er ist völlig blind für die geistliche Realität um ihn herum. Während der berühmte Seher, der vorgibt, die Zukunft und den Willen Gottes zu schauen, völlig im Dunkeln tappt, sieht sein eigenes Reittier weit mehr als er selbst. Immer wieder scheut die Eselin vor dem Engel des Herrn zurück, der mit gezücktem Schwert den Weg versperrt, und zieht sich dabei den Zorn und die Schläge ihres unwissenden Herrn zu. Die Szene gipfelt in einer herrlich absurden und zugleich tiefgründigen Wende: Gott öffnet dem Tier den Mund, und es entspinnt sich ein waschechter Dialog zwischen dem hochmütigen Propheten und seinem Lasttier. Die Eselin stellt Bileam in aller Sachlichkeit zur Rede und hält ihm sein törichtes Verhalten vor, bis dem Seher schließlich selbst die Augen aufgehen. Diese erzählerische Perle bricht mit jedem pathetischen Prophetenklischee und nutzt feinen Humor, um menschliche Anmaßung und spirituelle Blindheit gründlich zu entlarven. Es zeigt sich, dass Gott seine Botschaften manchmal auf den unerwartetsten und komischsten Wegen überbringt, um den Menschen von seinem hohen Ross zu holen – oder eben von seinem Esel.



V


Wenn die Verheißung des Lebens an die harten Grenzen der menschlichen Vernunft stößt, antwortet Gott darauf mit einer ganz eigenen, humorvollen Note, die sich im Lachen der Sara widerspiegelt. Als die betagte Sara im Zelt die unglaubliche Botschaft vernimmt, dass sie trotz ihres hohen Alters noch Mutter werden soll, entfährt ihr ein ungläubiges, leises Lachen im Verborgenen. Es ist kein Lachen der puren Freude, sondern der menschlichen Skepsis und des schmunzelnden Zweifels angesichts einer schier absurden Realität. Doch anstatt diesen heimlichen Zweifel zu rügen oder die alte Frau abzukraften, greift Gott dieses Lachen auf und schreibt es auf wundersame Weise in die Heilsgeschichte ein. Als der verheißene Sohn schließlich geboren wird, erhält er den Namen Isaak, was übersetzt so viel wie „Er lacht“ oder „Gott hat Lachen geschenkt“ bedeutet. Damit wird das menschliche Schmunzeln über die scheinbare Unmöglichkeit des göttlichen Handelns in ein bleibendes Zeichen der Freude verwandelt. Der biblische Humor schlägt hier eine Brücke zwischen menschlichem Zweifel und göttlicher Verheißung, indem er zeigt, dass Gott sich von unseren Zweifeln nicht abschrecken lässt, sondern sie in ein befreiendes Lachen über die Überraschungen des Lebens verwandelt.



VI


Dass Jesus seine tiefsten spirituellen Wahrheiten oft in humorvolle, ja fast burleske Geschichten verpackte, zeigt sich in vollendeter Form in seinen Gleichnissen. Ein Paradebeispiel für diese komödiantischen Züge ist das Gleichnis vom ungerechten Richter und der hartnäckigen Witwe. Im Zentrum steht ein Mann, der weder Furcht vor Gott kennt noch Respekt vor Menschen hat – ein durch und durch zynischer, gleichgültiger Jurist, der seine Macht ausnutzt, um seine Ruhe zu haben. Ihm gegenüber steht eine unbändige Witwe, die in der antiken Gesellschaft als Inbegriff der Wehrlosigkeit galt. Doch anstatt sich in ihr Schicksal zu ergeben, entwickelt sie eine schier unglaubliche Ausdauer und bombardiert den Richter mit einer solchen Penetranz, dass sie ihm schlichtweg auf die Nerven geht.


Die Pointe des Gleichnisses ist von einer wunderbaren, fast slapstickhaften Skurrilität: Der Richter knickt am Ende nicht aus edlen Motiven, Gerechtigkeitssinn oder Gottesfurcht ein, sondern rein aus Egoismus, weil er die ständige Quälerei nicht mehr erträgt und fürchtet, die Frau könnte ihn am Ende noch buchstäblich verprügeln oder zermürben. Jesus bedient sich hier bewusst einer humoristischen Überzeichnung, um eine fundamentale theologische Wahrheit zu vermitteln: Wenn schon ein egoistischer, genervter Paragraphenreiter einer beharrlichen Bittstellerin nachgibt, wie viel mehr wird dann erst ein liebender Gott auf das inständige Flehen seiner Menschen hören. Der Humor bricht hier mit jeder frommen Schwere und zeigt, dass das Gebet kein steifer, heiliger Akt sein muss, sondern ein fast schon freches, unerschrockenes Dranbleiben an einem Gott, der das menschliche Leben mit einem schmunzelnden Herzen begleitet.



VII


Dass der christliche Humor und Sinn für das Skurrile auch vor den drängendsten Fragen des menschlichen Zusammenlebens nicht haltmachen, beweist Jesus mit einem weiteren meisterhaften Gleichnis: dem nächtlichen Mitternachtsbesuch. Ein Mann wird aus dem tiefsten Schlaf gerissen, weil ein Reisender unerwartet vor seiner Tür steht und er ihm absolut nichts zu essen anbieten kann. Völlig entblößt von jeder Gastfreundschaft, bleibt ihm nur ein Ausweg: Er muss mitten in der Nacht den Nachbarn belästigen, um drei Brote zu leihen.


Doch die Reaktion des Nachbarn ist an Unwillen kaum zu übertreffen. Das Haus schläft, die Kinder liegen mit im Bett, und die Tür ist längst verriegelt – eine nächtliche Störung kommt für ihn absolut nicht infrage. Anstatt nun auf die übliche menschliche Hilfsbereitschaft oder moralische Appelle zu setzen, greift der Bittsteller zu einer Methode, die jenseits aller Höflichkeit liegt: Er hämmert weiter, lässt nicht locker und treibt den Nachbarn mit einer fast schon unverschämten Dreistigkeit zur Weißglut. Im griechischen Urtext wird diese Haltung treffend als Anaideia bezeichnet, was so viel wie eine schamlose Frechheit oder unerschütterliche Unverfrorenheit bedeutet.


Die Pointe dieses nächtlichen Schauspiels trieft nur so vor feinem, lebensnahem Humor: Der Nachbar steht schließlich nicht etwa aus reiner Nächstenliebe oder edler Freundschaft auf und holt das Brot, sondern einzig und allein deshalb, um seine Ruhe zu haben und vor dieser unverschämten Nervensäge gerettet zu werden. Jesus entwirft hier ein herrlich menschliches und zugleich humorvolles Szenario, um den Zuhörern die Scheu vor dem Bitten zu nehmen. Wenn schon die schamlose Frechheit eines Nachbarn zum Erfolg führt, wie viel offener wird dann erst das Ohr eines Gottes sein, der die Menschen liebt? Der Humor löst die Verkrampfung frommer Perfektion und lädt dazu ein, im Gebet ganz unverstellt, ehrlich und durchaus auch mal ein bisschen hartnäckig vor Gott zu treten.



VIII


Wenn Jesus von Geschäftsgebaren und menschlicher Gerissenheit erzählt, treibt er es auf die Spitze und präsentiert mit dem Gleichnis vom ungerechten Verwalter eine echte kleine Gaunerkomödie. Ein Verwalter steht kurz vor seiner Entlassung, weil er sich der Untreue und Verschwendung schuldig gemacht hat. Nun droht ihm der soziale Absturz: Zu körperlicher Arbeit ist er sich zu schade, zum Betteln schämt er sich. Also beschließt er, einen genialen und absolut unfairen Plan auszuarbeiten, um nach dem Rauswurf weich zu fallen. Er lässt die Schuldner seines Herrn nacheinander antreten und frisiert die Rechnungen eigenmächtig nach unten, indem er die Schuldscheine massiv reduziert. Damit erkauft er sich auf Kosten seines Chefs die Dankbarkeit und Loyalität der Schuldner, damit diese ihn später bei sich aufnehmen.


Das Unerhörte und Humorvolle an der Geschichte folgt auf dem Fuß: Anstatt den Schwindler nun endgültig vor Gericht zu zerren und zu verfluchen, bricht der Herr in ein verschmitztes, anerkennendes Lob aus. Er zollt diesem Betrüger Respekt für seine kriminelle Energie und kaltschnäuzige Schlauheit, mit der er seine Zukunft gesichert hat. Jesus stellt hier keinen Saubermann als Vorbild hin, sondern feiert die subversive, humorvolle Cleverness, mit der sich ein Mensch in einer ausweglosen Krise zu helfen weiß. Der christliche Humor zeigt sich hier von seiner frechsten Seite: Er entlarvt den frommen Ernst der reinen Moral und erinnert daran, dass das Leben im Reich Gottes manchmal mehr mit hellwacher, kreativer Findigkeit zu tun hat als mit bürokratischer Korrektheit.



IX


Jesus erweist sich in seinen Lehrreden nicht nur als spiritueller Meister, sondern auch als brillanter Kabarettist, der mit gezielter Übertreibung arbeitet. Ein unübertreffliches Beispiel dafür ist das Bild vom Splitter und dem Balken. Wenn er die Frage stellt, warum man den winzigen Splitter im Auge des Bruders bemerkt, aber den riesigen Holzbalgen im eigenen Auge nicht spürt, bedient er sich einer visuellen Farce, die jeden Zuhörer sofort zum Schmunzeln bringt.


Man stelle sich diese Szene als Slapstick-Einlage vor: Da steht jemand mit einem tonnenschweren Dachbalken vor dem Kopf, stolpert über jedes Möbelstück und rennt gegen jede Wand, während er mit ernster Miene und der Pinzette in der Hand auf seinen Nächsten zutappt, um ihm penibel ein winziges Sägemehlkorn aus dem Auge zu fischen. Es ist eine urkomische Entlarvung der menschlichen Heuchelei und Selbstgerechtigkeit. Jesus hält der menschlichen Neigung, stets die Fehler der anderen zu sezieren und dabei die eigene, gigantische Blindheit zu ignorieren, den Spiegel vor. Anstatt die Zuhörer mit moralinsaurem Ernst zu erschlagen, bringt er sie durch diese drastische Comedy zum Lachen – und genau in diesem befreienden Lachen fällt die Maske der Selbstgerechtigkeit ab.



X


Mit einer weiteren meisterhaften und fast schon absurden Übertreibung entlarvt Jesus die verkehrte Prioritätensetzung der Pharisäer, wenn er ihnen vorwirft, Mücken zu seihen, aber Kamele zu verschlucken. Die Szene zeichnet das Bild eines hochreligiösen Menschen, der mit äußerster, penibler Vorsicht seinen Becher Wein oder Wasser durchsiebt, um ja kein winziges, rituell unreines Insekt mitzuhinken – schließlich könnte man sich vor Gott verfehlen. Doch während dieser pedantischen Detailverliebtheit bei winzigen Belanglosigkeiten passiert im nächsten Moment das Unfassbare: Derselbe Mensch schluckt im ganzen Stück ein tonnenschweres Kamel hinunter, das größte und unreinste Lasttier des Orients, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.


Diese sprachliche Farce strotzt nur so vor bissiger Ironie und karikiert die menschliche Neigung, sich an winzigen, formalen Vorschriften festzubeißen, während die großen, elementaren Gebote der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe völlig übergangen werden. Jesus nutzt diesen genialen Humor, um den Blick von lähmender Kleinkariertheit auf das Wesentliche zu lenken. Das schmunzelnde Entsetzen über diese groteske Übertreibung befreit die Zuhörer von einem starren, gesetzlichen Perfektionismus und öffnet den Raum für einen weiten, barmherzigen und echten Glauben.



XI


Wenn es darum geht, die radikalen Anforderungen des Reiches Gottes mit einer unvergesslichen bildlichen Wucht zu versehen, greift Jesus zu einer humorvollen Übertreibung, die ihresgleichen sucht: das Kamel, das durch ein Nadelöhr gehen soll. Es ist ein bewusst absurdes und groteskes Bild, das jede menschliche Vorstellungskraft sprengt. Man stelle sich das lebhaft vor: auf der einen Seite ein riesiges, schwerbepacktes Wüstenschiff, ein stolzes Kamel mit all seinem Gewicht, und auf der anderen Seite das winzige, hauchdünne Öhr einer Nähnadel.


Jesus bedient sich hier einer gezielten, fast schon humorvollen Hyperbel, um zu verdeutlichen, wie schwer es für einen reichen Menschen ist, sich von seiner irdischen Fixierung und seinem materiellen Besitz zu lösen, um in die göttliche Wirklichkeit einzutreten. Anstelle einer trockenen moralischen Belehrung malt er dieses fast comichafte Szenario an die Wand, das bei seinen Zuhörern damals wie heute ein unweigerliches Schmunzeln und Kopfschütteln auslöst. Die unüberbrückbare Komik dieser Unmöglichkeit bricht den trügerischen Ernst des menschlichen Besitzstrebens auf und macht auf entwaffnende Weise klar, dass es im Leben Dimensionen gibt, die sich weder kaufen noch mit reiner menschlicher Kraft erzwingen lassen. Der Humor öffnet hier den Blick für das Wunder, dass das, was vor Menschen unmöglich erscheint, bei Gott ganz neue Wege findet.



XII


In einer tiefgründigen und zugleich erstaunlich humorvollen Begegnung zwischen Jesus und einer syrophönizischen Frau zeigt sich, dass im christlichen Glauben auch ein schlagfertiger Schlagabtausch und feiner Witz ihren festen Platz haben. Die Frau bittet Jesus darum, ihre kranke Tochter zu heilen, doch Jesus antwortet ihr zunächst mit einer harten, fast abweisenden Metapher, die damals gängige Vorurteile widerspiegelt: Er sagt, es sei nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden – also den Nichtjuden – hinzuwerfen.


Anstatt nun einzuknicken, in Tränen auszubrechen oder sich gekränkt abzuwenden, kontert die Frau mit einem genialen, entwaffnenden Wortspiel. Sie nimmt die Metapher auf und wendet sie mit scharfem Verstand und humorvoller Eleganz gegen Jesus selbst: „Ja, Herr; aber auch die Hunde unter dem Tisch essen von den Brosamen der Kinder.“ Sie akzeptiert das Bild, dreht es aber mit einer bestechenden Logik so um, dass selbst im Haus der Kinder immer noch genug für alle abfällt.


Jesus ist von dieser schlagfertigen und humorvollen Antwort völlig baff und begeistert zugleich. Anstatt beleidigt zu reagieren, bewundert er ihre Geistesgegenwart, bricht in seinem harten Urteil ein und gewährt ihr augenblicklich die erbetene Hilfe. Diese Szene zeigt auf wunderbare Weise, dass der Glaube keine bierernste Angelegenheit sein muss, in der man stumm erduldet, sondern dass ein kluges Wort, ein spitzfindiges Argument und ein schlagfertiger Witz auf Augenhöhe sogar Gott selbst zum Umdenken und Lächeln bringen können.



XIII


Dass im Neuen Testament auch der feinsinnige Humor der sprachlichen Pointe seinen Platz hat, zeigt sich eindrücklich am berühmten Wortspiel rund um den Apostel Petrus. Als Jesus zu seinem engsten Jünger Simon sagt, er sei Petrus – was im Griechischen den Fels bedeutet – und auf diesen Fels werde er seine Gemeinde bauen, entfaltet sich ein charmantes Sprachspiel, das sowohl im Aramäischen als auch im Griechischen seine volle Wirkung entfaltet. Jesus greift den Namen des impulsiven Jüngers auf und verknüpft ihn direkt mit der festen, unerschütterlichen Grundlage, auf der die künftige Gemeinschaft ruhen soll.


Darin schwingt ein feiner, humorvoller Hintersinn mit, wenn man bedenkt, wie oft Petrus im Laufe der Evangelien eben gerade nicht wie ein unbeweglicher Fels dasteht, sondern wie ein wankelmütiger, stürmischer Mensch, der stolpert, zweifelt und manchmal allzu schnell den Mund aufreißt. Jesus tauft ihn schmunzelnd in diese große Rolle hinein und traut ihm diesen festen Stand zu, obwohl der reale Petrus noch ein ganz schön ungeschliffener Brocken ist. Dieses Wortspiel verbindet theologische Tiefe mit einer menschlichen Leichtigkeit, die zeigt, dass Gott mit ganz unfertigen, fehlbaren Menschen seine großen Pläne baut und sie dabei mit einem liebevollen Augenzwinkern beim Namen nennt.



XIV


Wenn Jesus seinen Jüngern liebevolle Spitznamen verleiht, zeigt sich darin ein ganz wunderbarer, humorvoller Blick auf die menschlichen Eigenheiten seines Teams. Ein besonders charmantes Beispiel dafür ist die Namensgebung für die Brüder Jakobus und Johannes, die von Jesus den klangvollen Titel Boanerges erhalten, was übersetzt so viel wie „Donnersöhne“ bedeutet.


Hinter diesem martialisch klingenden Namen verbirgt sich jedoch kein heroisches Lob, sondern eine gehörige Portion liebevoll-ironischer Humor. Die beiden Brüder waren nämlich für ihr ungestümes, feuriges und manchmal schlichtweg übertriebenes Temperament bekannt. Wenn ihnen etwas nicht passte, forderten sie nicht selten sofort göttliches Blitzlicht und Donner an, um widerspenstige Dörfer kurzerhand vom Erdboden zu vertilgen. Jesus durchschaut diese explosive, hitzköpfige Art seiner Jünger mit einem sanften Lächeln. Anstatt sie für ihre cholerischen Anwandlungen zu schelten, tauft er sie schmunzelnd in die „Donnersöhne“ um – ein humorvoller Kosename, der ihre lautstarke und ungestüme Art auf die Schippe nimmt und ihnen gleichzeitig zeigt, dass er sie genau mit all ihren Ecken, Kanten und Temperamentsausbrüchen liebt.



ZWEITER TEIL: LUTHER


I


Martin Luther war bekannt für seinen oft derben, treffsicheren und befreiende Humor, den er als theologische Waffe gegen Melancholie, Anfechtung und die Angriffe des Teufels einsetzte.


Für den Reformator war Heiterkeit kein bloßer Zeitvertreib oder oberflächlicher Klamauk, sondern ein elementarer Bestandteil seines christlichen Glaubens und seiner Seelsorge. Nach seiner Überzeugung erträgt der Teufel, den er als stolzen und eitlen Geist ansah, Spott und Verachtung am allerwenigsten. Während ein trauriges, verzweifeltes Gemüt dem Teufel Raum gibt und ihn mächtig erscheinen lässt, treibt der helle, befreiende Spott ihn in die Flucht. Luthers Devise lautete daher oft, den Teufel mit den Waffen der Freude und des göttlichen Trostes auszulachen.


Dieser seelsorgliche Humor half Luther selbst in schwersten Krisen und körperlichen Leiden, die Last der Welt und die Schrecken des Gewissens zu relativieren. Er verstand es, die biblische Botschaft von der Gnade Gottes mit einer tiefen, lebensbejahenden Fröhlichkeit zu verbinden, die das Leben unter dem Kreuz erträglich und hell machte.



II


„Wenn dich der Teufel mit deinen Sünden anficht, so sprich zu ihm: Lieber Teufel, ich weiß wohl, dass ich gesündigt habe, aber Christus hat für mich bezahlt. Fahr in meinen Hintern!“


Das berühmte Zitat, in dem Luther den Teufel auffordert, in seinen Hintern zu fahren, bringt seine einzigartige Art auf den Punkt, theologische Tiefe mit drastischem, volksnahem Humor zu verbinden. Es zeigt, wie er mit seinen eigenen Worten den Teufel entwaffnete, indem er zunächst ganz realistisch und ohne Verdrängung zugab, dass er gesündigt hatte. Die rettende Wende lag für ihn jedoch nicht in der eigenen Leistung, sondern im vollbrachten Werk Christi, womit er dem Ankläger sofort die rechtliche Grundlage entzog. Mit dem radikalen Spott am Ende nahm Luther den Teufel absolut nicht mehr ernst, entthronte ihn von seinem furchteinflößenden Podest und schickte ihn dorthin, wo er hingehörte. Für Luther war dieses laute Auslachen das wirksamste Mittel gegen Angst und Verzweiflung im Alltag.



III


Luther sah in der Fröhlichkeit und Geselligkeit ein direktes göttliches Mittel gegen die Schwermut. Wenn Menschen von tiefem Kummer oder melancholischen Gedanken geplagt wurden, riet er in seinen Seelsorgebriefen ausdrücklich dazu, nicht allein zu bleiben, sondern zu trinken, zu scherzen, gemeinsam Musik zu machen und mit Freunden fröhlich zu sein. Für ihn waren solche lebensbejahenden Tätigkeiten keineswegs sündhaft oder unangebracht, sondern ganz praktische Waffen, um den trüben Geist zu vertreiben und der erdrückenden Anfechtung etwas entgegenzusetzen.



IV


Luther hatte keine Scheu vor derbster Fäkal- und Körpersprache und betrachtete die Verdauung sowie sämtliche natürlichen Körperfunktionen mit einer humorvollen Gelassenheit als unverkennbare Zeichen unserer menschlichen Kreatürlichkeit. In seinen berüchtigten Tischreden, in denen in geselliger Runde ganz frei und ohne gestrenges Hofzeremoniell gesprochen wurde, nahm er die Gebrechen, Schwächen und biologischen Notwendigkeiten des Fleisches niemals tragisch. Stattdessen nutzte er den unverblümten, volksnahen Spott, um jegliche menschliche Eitelkeit und Scheinheiligkeit direkt im Keim zu ersticken. Wer sich selbst und seinen eigenen Leib mit all seinen unappetitlichen Begleiterscheinungen nicht allzu ernst nimmt und darüber lachen kann, nimmt nach seiner Auffassung dem Teufel, der sich so gerne aufplustert, jegliche Angriffsfläche und beweist damit eine heilsame, bodenständige Demut.



V


In seinen späten Jahren kommentierte Luther sein Nachlassen und seine körperlichen Gebrechen wie Gehirnerschütterungen, das schmerzhafte Blasenleiden und die Gicht oft mit einem sehr trockenen, galgenhumorvollen Witz. Wenn er über sich selbst sagte, er sei ein alter und verbrauchter Sack, dann spiegelte sich darin jene unerschütterliche Selbstironie, die seine gesamte Theologie durchdrang. Er war sich seiner sterblichen Hülle und ihres Verfalls vollkommen bewusst, weigerte sich jedoch standhaft, in Selbstmitleid zu versinken. Stattdessen nahm er die eigenen Schmerzen mit einem fast schon stoischen Humor aufs Korn, um dem Alter und den Krankheiten ihren Schrecken zu nehmen und sie mit einem letzten Lachen zu begleiten.



VI


Gegenüber seiner Ehefrau Katharina von Bora pflegte Luther einen ebenso liebevollen wie selbstironischen Humor, der weit entfernt von den strengen patriarchalen Konventionen seiner Epoche war. In seinen Briefen titulierte er sie gerne mit humorvollen Ehrentiteln wie „Herr Käthe“, „Meine Gebieterin“, „Die Doktorin“ oder „Die Domina zu Wittenberg“. Damit nahm er nicht nur ihre tatkräftige und durchsetzungsstarke Art im Haushalt und bei der Bewirtschaftung des ehemaligen Klosters aufs Korn, sondern bewies auch eine charmante Selbstironie. Er drehte die traditionellen Rollenbilder spielerisch um und zeigte damit, dass er seine Frau nicht nur tief respektierte, sondern sich in dieser augenzwinkernden Unterordnung auch bestens zu amüsieren wusste.



VII


Als Katharina sich einmal mehr große Sorgen um seine Gesundheit machte und ihn aus der Ferne behütete, reagierte Luther darauf mit einer Mischung aus sanftem Trost und schlagfertigem Ehe-Humor. Er schrieb ihr von unterwegs, sie solle sich nicht so viele Sorgen machen, denn er habe schließlich einen weitaus besseren Beschützer als sie selbst und alle Engel zusammen. Dieser Beschützer, so fügte er in seiner typischen theologisch-bildhaften Sprache hinzu, liege in der Krippe und hänge an der Brust der Jungfrau, sitze aber zugleich zur Rechten Gottes. Mit dieser humorvollen Zurechtweisung nahm er ihre mütterliche Eifersucht und Fürsorge auf die Schippe, beruhigte sie auf seine ganz eigene Art und lenkte ihren Blick charmant vom irdischen Bangen auf das göttliche Vertrauen.



VIII


Dem Papsttum und den katholischen Bischöfen begegnete Martin Luther nicht nur mit dogmatischer Härte, sondern oft auch mit dem beißenden Witz eines spritzigen Satirikers. Mit scharfer Zunge und sprachlicher Kreativität entlarvte er die Machtansprüche der römischen Kurie, indem er den Papst in seinen Schriften gerne als den „Eselspapst“ titulierte oder ihn mit ironischen Höflichkeitsformeln wie „Ihre Allerheiligkeit zu Rom“ versah. Durch diese polemische Komik nahm er den geistlichen Machthabern die auratische Unantastbarkeit, entlarvte ihre weltliche Prunksucht als lächerlich und machte sie in den Augen des einfachen Volkes angreifbar.



IX


In seinen Tischreden amüsierte sich Luther köstlich über die unglaubliche Flut an gefälschten Reliquien, die damals im Umlauf waren, und entlarvte diesen Ablass- und Reliquienkult mit scharfem Spott. Er merkte süffisant an, dass man aus all den angeblichen Holzteilen des wahren Kreuzes Christi, die in ganz Europa verehrt wurden, ohne Weiteres ein ganzes Haus hätte bauen können. Ebenso trieb er spöttisch Schindluder mit der Tatsache, dass gleich mehrere geistliche Stifte stolz darauf pochten, jeweils drei oder vier Schädel des heiligen Petrus zu besitzen. Mit diesem beißenden Humor nahm er den abergläubischen Handel mit den Überresten der Heiligen die Ernsthaftigkeit und stellte die Habgier und Leichtgläubigkeit der kirchlichen Institutionen auf eine herrlich bissige Weise bloß.



X


Luther betonte oft mit Nachdruck, dass das Evangelium von Jesus Christus im Kern eine frohe Botschaft und keineswegs ein drückendes Trauerspiel sei. Diese tiefe theologische Gelassenheit brachte er in einem seiner bekanntesten, ihm zugeschriebenen Gedanken auf den Punkt: Während er ganz gemütlich sein Wittenberger Bier trinke, laufe das Evangelium im Grunde von ganz allein durch die Welt. Mit dieser unbeschwerten Haltung nahm er den oft so verbissenen Eifer seiner Zeitgenossen und auch seine eigene Last als Reformator auf die Schippe. Für ihn hing der Fortbestand der Reformation nicht an verkrampftem menschlichen Aktionismus, sondern am gnädigen Wirken Gottes, dem man getrost mit einem Glas guten Bieres und einem zuversichtlichen Lächeln entgegensehen konnte.



XI


Wenn im Wittenberger Alltag einmal etwas schiefging oder sich seine Haustiere – wie sein treuer Hund Tölpel – auf ganz eigene, unberechenbare Weise benahmen, wusste Luther dieses unmittelbare Geschehen sofort für schmunzelnde, kleine Alltagsparabeln über den Glauben zu nutzen. Anstatt sich über kleine Pannen oder die unvernünftige Natur von Tieren zu ärgern, deutete er die Situation mit einem Augenzwinkern ins Geistliche um. Für ihn steckten in den scheinbar banalen Widrigkeiten und der schlichten Kreatürlichkeit des täglichen Lebens oft tiefere, tröstliche Einsichten. Er verstand es auf diese Weise meisterhaft, den Glauben aus den staubigen Hörsälen und verbitterten Streitereien herauszuholen und ihn mitten in das lebendige, manchmal chaotische Menschsein zu stellen, wo ein heiteres Schmunzeln mehr bewirken konnte als jede dogmatische Standpauke.