VON TORSTEN SCHWANKE
Ich will euch sagen, was das Fegefeuer sei,
doch anders, als die Lehrer es verkünden,
denn Wahrheit wohnt nicht stets im stolzen Schrei.
Die Seelen dort, in lichten Flammen münden,
erleiden Leid, das aus der Liebe glüht,
nicht Strafe nur für menschliche Sünden.
Ein kurzer Blick auf Gottes Licht erblüht,
wenn sie vor seinem Antlitz einmal stehen,
ein Vorgeschmack der Freude, die sie zieht.
Doch müssen sie noch durch das Feuer gehen,
das reinigt, was die Liebe hier versäumt,
bis sie im Himmel Gottes Antlitz sehen.
Dies Feuer ist nicht Hass, der Zorn aufbäumt,
es ist die Liebe selbst, die brennend wacht
und alles reinigt, was die Seele träumt.
Denn Gott, der alles schuf in seiner Macht,
will für die Seele nichts als Gutes geben,
und Liebe ist es, die sein Herz entfacht.
„Du sollst den Herrn mit deiner ganzen Leben-
skraft lieben und den Nächsten gleich wie dich“ –
so sprach das Wort, das Himmelspforten heben.
Die Liebe löscht die Schuld im innern Stich,
verzehrt die Fehler, macht das Herz erneut,
und wer bereut, dem öffnet Gott sich mildiglich.
Doch wo sie fehlte, bleibt die Seele scheu
und muss im Feuer erst das lernen wieder,
was sie versäumte einst in Erdentreu.
So steigt sie höher, Stufe über Stufe nieder
der alten Schuld, die sie zurückhält noch,
bis Liebe sie erhebt zu Himmelslieder.
Die größte Qual im Läuterungsbereich jedoch
ist nicht die Glut, die ihre Schatten bricht,
es ist die Sehnsucht nach dem göttlichen Joch.
Denn einmal sah sie Gottes ewges Licht,
und diese Spur bleibt brennend im Gedächtnis,
ein süßer Schmerz, der nie von ihr entwich.
Sie weiß nun klar ihr früheres Versäumnis,
erkennt, wie weit sie von der Liebe stand,
und diese Einsicht wird ihr Reinigungszeugnis.
Doch wenn Gebet von Erden sie umspannt,
wenn Liebende der Toten still gedenken,
wird stärker noch das Feuer in ihr entbrannt.
Es lässt sie schneller zu der Vollendung lenken,
wo Liebe ganz in Liebe sich verliert
und Himmelstore ihre Strahlen schenken.
Dann wird die Seele frei und heimgeführt
in jene Stadt, wo Licht und Frieden wohnen,
wo Gott sie ewig in sein Herz entführt.
Und die, die ihr Gebet nach oben thronen,
empfangen Dank aus jener lichten Sphäre –
denn Liebe kehrt zurück in tausend Kronen.
Vertrau mir, Maria, erhebe dein Gemüt,
ich komme still, um Freude dir zu bringen,
damit dein Herz in neuem Hoffen glüht.
Denn Seelen, die im Läuterfeuer ringen,
erleiden nicht den Schmerz aus blinder Macht,
nur Liebe ist’s, die ihre Qualen zwingen.
Bedenkt mein Wort, das euch zur Liebe bracht:
Mein ganzes Gesetz, in Rat und Pflicht gegeben,
ist auf die Liebe einzig hingedacht.
Zu Gott zuerst soll eure Seele streben,
zum Nächsten dann in brüderlicher Treu –
so wird das Herz im wahren Lichte leben.
Doch ach, wie oft erhebt der Mensch sich neu
und meint, er selbst sei Herr in seiner Welt,
vergisst den Ursprung seiner schwachen Streu.
Nur Staub ist er, vom Atem hingestellt,
ein Wesen, das vom Schöpfer Leben nahm,
dem Gott aus Gnade Geist und Kraft gesellt.
Drum sprecht es oft, im Abend wie im Gram,
am Morgen, wenn der erste Lichtstrahl glüht:
„Nicht ich bin Gott, nur einer trägt den Namen.“
Der Herr allein ist’s, dessen Liebe blüht,
der euch das Leben und die Hoffnung gab,
damit ihr einst im ewgen Leben glüht.
Doch wer sich selbst zum falschen König hab’,
wer eigne Throne stolz im Herzen baut,
verliert das Reich, das Gott verheißen gab.
Denn keiner dient zugleich der Liebe laut
und auch der Selbstsucht, die im Dunkel thront;
wer jener folgt, hat Gottes Licht beraubt.
Reißt nieder drum den Götzen, die ihr wohnt
im Herzen baut aus Stolz und eitler Macht,
die Seele sei dem wahren Gott gewohnt.
Errichtet ihm den Altar eurer Pracht
nicht aus dem Stein, den kalte Hände formen,
doch aus dem Herz, das Liebe in sich wacht.
Ein einziger Schlag, aus Liebe neu geboren,
steigt höher auf als tausend leere Bitten,
die kalt gesprochen in den Himmel fuhren.
Denn Liebe nur hat Gottes Herz bestritten
mit heiliger Gewalt der Zärtlichkeit,
die selbst die Schuld in ihrem Strom durchschnitten.
Barmherzigkeit ergießt sich weit und breit
auf jene, die in Liebe ihm vertrauen,
sie wäscht den Fleck der alten Dunkelheit.
Und rein bekleidet dürfen sie dann schauen
die Stadt aus Licht, wo Gottes Glanz erblüht,
den Himmel, den die Engel ewig bauen.
Doch sprecht den heil’gen Namen nicht in Wut,
nicht leicht im Zorn und nicht zum eitlen Schwur,
denn heilig ist, was aus dem Himmel ruht.
Nur Gott allein gebührt der Name pur,
in Glauben, Hoffnung, Liebe ausgesprochen,
und eure Seele findet darin Spur.
Wer so sein Werk mit diesem Siegel brochen,
der kann nicht handeln wider Gottes Licht,
denn Wahrheit hat sein Herz zuvor durchstochen.
Doch wer nur lügt und meinen Namen spricht,
der täuscht nicht mich, noch täuscht er lange Zeit –
sein Tun verrät das falsche Angesicht.
Darum haltet ein im Lauf der Eitelkeit,
die euch im Fleisch und Gold gefangen hält,
und denkt an Gott in stiller Ewigkeit.
Ein Tag von sieben sei ihm vorgestellt,
damit ihr ruht von eurer Mühen Last
und euer Geist sich seinem Licht gesellt.
Denn euer Vater weiß, wie schwach ihr fasst
die Kräfte dieser sterblichen Natur,
die ohne Rast bald ihren Halt verpasst.
Drum gab er euch das heilige Gesetz nur,
damit ihr ruht und neue Stärke findet,
im Blick auf ihn, die ewige Kreatur.
Doch Krankheit, Schmerz, die euch so oft verbindet,
entsprangen einst aus jenem ersten Fall,
der Adams Herz vom Schöpferbund entbindet.
So wächst aus Ungehorsams giftigem Schall
die Kette jener Leiden ohne Zahl,
die durch die Welt sich zieht wie dunkler Wall.
Doch Liebe bricht den Fluch und jedes Mal
führt sie die Seele durch das rein’ge Feuer
zum Licht, das überstrahlt das Erdenthal.
Es ist nicht klug, den Körper ohne Rast
zu treiben nur, um irdischen Gewinn zu mehren,
bis Kraft und Geist im müden Staube fasst.
Auch ist es Torheit, Maß und Sinn zu ehren
nur im Genuss, der ohne Grenze brennt
und Menschen tiefer als die Tiere zehren.
Denn wer sich blind der rohen Lust erkennt,
entwürdigt Leib und Seele gleichermaßen,
die Gott als Werk und Meisterstück benennt.
So wird im Sumpf der Leidenschaften rasen
der Mensch, der einst zu höherem bestimmt,
und lässt sein göttlich Erbe selbst verblassen.
Ihr habt den Instinkt verdreht, der euch einst stimmt
zu heiliger Ordnung, die das Leben trägt,
bis dunkle Gier nun eure Sinne nimmt.
Ihr entweiht den Leib, den Gott in euch geprägt,
und auch die Seele, sein erhabnes Bild,
wenn Lust die Quelle neuen Lebens schlägt.
Wie viele Seelen, die der Himmel will,
ruft euer Wunsch aus lichter Ewigkeit
und stößt sie dann zurück in dunklen Still.
Wie viele kommen schon in Leid und Streit
zur Welt, gebrochen von der Eltern Schuld,
gezeichnet von der frühen Bitterkeit.
Und mancher trägt so schwere Lebenshuld,
dass Hoffnung ihm im Herzen leise stirbt
und Schmerz ihn treibt zur letzten Ungeduld.
Doch glaubt ihr, dass nur er die Strafe wirbt?
Nein – schwerer noch wiegt eure eigne Tat,
die Leben gab und ihm den Sinn verdarb.
Denn Gott ist gerecht in Maß und Rat;
wo Schuld entsteht, dort wägt er auch genau
die Ursache, die sie geboren hat.
Drum haltet inne, denkt mit klarem Schau:
Der Tag der Ruhe, den der Herr euch gab,
ist Zeichen seiner Liebe mild und grau.
Der Schöpfer selbst hielt einst im Werke ab,
damit ihr lernt, im Rhythmus Zeit zu tragen,
nicht rastlos wie ein Sklave ohne Grab.
Am Tag der Ruhe sollt ihr euch befragen,
wie eure Seele vor dem Himmel steht
und ob ihr noch dem Licht zu folgen wagen.
Denn eine Seele, die von Gott vergeht,
verliert das Leben, das kein Tod zerstört,
wenn sie sich selbst von seinem Quell abdreht.
Darum sei dieser Tag dem Herrn gehört,
damit die Seele sich an Wahrheit nährt
und neues Leben aus dem Himmel hört.
Doch nach der Liebe, die dem Gott gebührt,
sollt ihr auch jene lieben, die euch gaben
das Leben, das euch durch die Welt geführt.
Die Eltern sind des Schöpfers irdisch Haben,
sie formen Fleisch und Blut zum neuen Sein,
zum künftigen Bewohner heilger Gaben.
O hohe Würde, Vater, Mutter sein!
Ein Dienst, der fast dem göttlichen gleicht,
ein neues Leben führt zum Licht hinein.
Denn wer ein Kind im Geiste recht erreicht
und es zum kleinen Abbild Christi führt,
hat eine Würde, die dem Himmel gleicht.
Drum liebt sie, wie es eure Pflicht gebührt,
nach Gott die höchste Liebe ihnen gebt,
weil ihre Hand euch in das Dasein führt.
Und ihr, die Eltern, denkt daran und lebt
so rein, dass eure Kinder in euch sehen
ein Licht, das ihnen Gottes Wege webt.
Denn Fleisch zu zeugen ist nicht schwer zu flehen;
auch Tiere bringen neues Leben hervor,
doch ihr sollt Seelen in den Himmel säen.
Darum bewahrt im jungen Herzen Tor
das Licht des Geistes, rein und ungetrübt,
damit es nicht versinkt im Schlamm davor.
Gebt euren Kindern Liebe, die nicht trügt:
nicht eitle Sorge um Gestalt und Schein,
doch Geist und Seele, die der Himmel fügt.
Das Leben der Eltern ist Opfer allein,
wie das der Lehrer und der Priester Pflicht,
die Hüter jener Seele sollen sein.
Sie formen Geist – ein Gut von höherem Gewicht
als alles Fleisch, das schnell im Staube ruht,
darum verlangt ihr Amt nach reinem Licht.
Doch wie kann führen, wer nicht selbst ist gut?
Wie kann ein Meister formen reinen Stein,
wenn seine Hand in dunkler Schwäche ruht?
Nur wer sich selbst nach Gottes Bild lässt sein,
durch Liebe, die den rohen Menschen schmilzt,
kann wahrer Lehrer fremder Seelen sein.
Die Liebe ist das Feuer, das euch stillt,
das Eisen reinigt und zur Form erhebt,
die Gott im ewigen Gedanken bildet.
So wird der Mensch, der sich der Liebe ergibt,
zum Bild des Höchsten, hell und klar erkannt,
und formt auch andere, wie Gott es liebt.
Denn oft wird an den Kindern offenbar
das geistige Werk der Eltern dieser Zeit –
ob ihre Hand im Guten treu und klar.
Manchmal wird zwar aus heiliger Elternkeit
ein Kind geboren, das vom Weg sich trennt,
doch selten bleibt der Ursprung ganz geweiht.
Denn leichter wird das Böse nachgebrannt,
als still das Gute in Geduld gelernt,
das leise in der reinen Seele stand.
Doch manchmal wird auch Licht aus Nacht entfernt:
ein heilges Kind aus dunkler Herkunft wächst,
weil einer treu zum Himmel sich bekehrt.
Mit Tränen, Gebet und Liebe unverletzt
formt dieser eine still das Herz des Sohns
und hebt ihn dorthin, wo der Himmel glänzt.
Doch hört, ihr Kinder: Was auch Eltern seien,
so richtet nicht – liebt nur und lernt vergeben,
und folgt in Demut ihren irdischen Reihen.
Nur wenn ihr Wort euch zwingt, dem Licht zu streben
entgegen meinem ewigen Gesetz,
dann dürft ihr still dem falschen Weg entschweben.
Gehorsam bringt euch reichen Gnadenersatz,
Vergebung heilt auch jener Eltern Schuld,
denn Gott belohnt geduldigen Herzenssatz.
Je mehr ihr liebt in kindlicher Geduld,
desto mehr wird im Himmel mild gewogen
der Eltern Fehl und ihrer Seelen Huld.
Denn Gott allein hält jedes Urteil oben,
er ist der Richter, heilig, rein und klar,
kein Mensch hat sich zum letzten Maß erhoben.
Zu töten heißt: die Liebe ward nicht wahr –
nicht Gott geliebt, nicht jene, die er schuf;
so wird das Herz zum dunklen Altar.
Denn Leben gab allein des Schöpfers Ruf,
und wer darüber eigenmächtig richtet,
vergisst den Ursprung jedes Lebensstuf.
Doch auch der Mensch hat Recht, das Böse richtet,
damit die Welt nicht in Gewalt zerbricht,
wenn Schuld die Ordnung ihres Friedens brichtet.
Doch wehe dem, der voller Zorn und Pflicht
sich selbst zum Richter über Brüder macht,
obwohl sein Blick durch Schmerz getrübt und dicht.
Denn Wut legt über Geist und Herz die Nacht,
ein Schleier, der die Wahrheit trüb verhüllt
und oft das Recht zur Ungerechtigkeit entfacht.
Drum bleibe heilig, wenn das Unrecht quillt,
erinnre dich an Gott im Schmerz der Stunden,
damit dein Urteil nicht vom Hass erfüllt.
Auch ihr, die Richter dieser Erdenrunden,
tragt schwere Last in eurer ernsten Hand;
drum prüft mit Geist, der Gottes Licht gefunden.
Erforscht das Leid im dunklen Tatenstand,
denn oft verbirgt sich hinter Schuld und Fall
ein tiefer Schmerz im menschlichen Gewand.
Fragt euch: Wär ich in gleichem Schicksalstall
der gleiche Mensch geblieben ohne Fehl?
Wer weiß, wie schwach das Herz im Leidesschall.
Und ihr, die Frauen einst betrogen schnell,
fragt euch, ob eure Schuld nicht tiefer liegt
als jene Tat, die sie in Nacht und Quell.
Denn manche Hand, die neues Leben wiegt,
verließ die Pflicht, als Lust ihr Werk vollbracht,
und ließ zurück, was nun im Elend liegt.
Doch selbst für jene, die in dunkler Nacht
vom Pfad der Ehre in den Staub gefallen,
hab ich der Liebe heilge Tür aufgemacht.
Denn auch die Frauen, die im Schlamm verhallen,
hob ich empor mit meinem reinen Blick
und ließ sie neu wie weiße Blumen wallen.
Ich gab statt Spott den Reichtum meiner Glück,
statt falscher Lust die Wahrheit meines Wortes
und rief die Seele aus der Nacht zurück.
So zieht man Menschen aus des Sumpfes Pfortes:
nicht durch den Stein, der tiefer sie versenkt,
doch durch die Hand des mitleidvollen Ortes.
Denn Liebe ist’s, die rettet und bedenkt,
sie hebt den Schwachen aus der tiefsten Not
und führt ihn heim, wohin der Himmel lenkt.
Auch Diebstahl ist ein Schlag gegen das Gebot
der Liebe, die den Bruder achten heißt;
wer nimmt, was fremd, der tötet still sein Brot.
Denn wer den Platz des Andern listig reißt,
beraubt nicht nur des Geldes flüchtig Gut,
er nimmt ihm Leben, das die Familie speist.
Noch schwerer trifft der falsche Eid in Wut,
wenn Worte, die zum Licht erhoben waren,
zum Schwert werden aus Lüge und aus Mut.
Denn Gott gab Sprache, um das Herz zu wahren,
doch wer sie nutzt zum Trug und falschem Schwur,
der lässt die Liebe selbst im Staub erfahren.
Und Neid – er ist der Nächstenliebe Flur
voll Dornen, die das Herz des Menschen ritzen,
weil er begehrt des Andern Glück und Spur.
Seid froh mit dem, was eure Hände besitzen,
denn oft verbirgt sich hinter fremdem Glanz
ein Leid, das Gott allein vermag zu schützen.
Wer aber begehrt des andern Liebeskranz,
die Frau des Bruders oder dessen Mann,
vermehrt die Schuld mit doppeltem Bösenkranz.
So seht ihr klar, wie jede Sünde dann
ein Mangel ist an Liebe, die ihr schuldet
dem Gott, der euch erschuf nach seinem Plan.
Und weil ihr sie auf Erden nicht geduldet
in voller Glut, die euer Herz entflammt,
wird sie im Fegefeuer euch nachgeschuldet.
Dort brennt die Sehnsucht, die euch einst verdammt
nicht hat zur Hölle, doch den Himmel sperrt,
weil eure Liebe hier zu schwach entflammt.
Was ihr versäumt, wird dort im Schmerz gelehrt:
die Liebe, die ihr Gott nicht wolltet geben,
wird nun in Flammen ewiglich begehrt.
So lernt die Seele endlich wahrhaft leben,
wenn sie im Feuer sehnsuchtsvoll erkennt:
Gott war das Ziel von allem menschlichen Streben.
Und jedes Mal, da ihr euch abgewandt,
wird dort in langer Liebe neu beweint,
bis Herz und Geist mit Gott vereint entbrannt.
Von Gott gewiss gemacht im ersten Schauen,
als einst sein Antlitz dir im Gericht erschien,
bleibt jene Spur im Herzen voller Grauen.
Denn kurz nur war das Licht, doch hell und kühn
brannte sein Bild in deinem Innern fort
und ließ dich seine Schönheit still erglühn.
So seufzt die Seele nun an jedem Ort
des Feuers nach dem, der ihr Leben war,
und weint um jene Schuld im Läuterort.
Sie weiß, dass ihre eigene Schuld es war,
die sie vom Glanz des Ewigen getrennt,
drum wird ihr Schmerz zugleich zur Bußenschar.
Und je mehr Liebe ihre Seele kennt,
desto mehr öffnet sie sich jener Glut,
die reinigt, weil sie göttlich in ihr brennt.
Wenn dann aus Erden, voller treuer Mut,
Gebete steigen für die Seelen dort,
so nährt ihr Duft die Flammen neuer Glut.
Wie Weihrauch fallen sie im Läuterort
in jenes Feuer heiliger Geduld
und stärken dort der Sehnsucht stillen Hort.
Dann wächst das Licht im Herzen ohne Schuld,
und klarer wird die Erinnerung an Gott,
die einst erschien im ersten Gnadenbild.
Wie auf der Erde, wo des Himmels Lot
durch Liebe dünner macht den dunklen Schleier,
so wächst im Reich der Reinigung das Brot.
Denn mit der Liebe wächst auch immer freier
die Schau des Antlitzes, das näher scheint,
ein Leuchten mitten im geheiligten Feuer.
Wie eine Sonne, die sich still vereint
mit jenen Strahlen, die sie selbst entzündet,
so wird das Feuer mild, das einst geweint.
Bis endlich sich die Seele ganz verbündet
mit jener Glut, die nicht mehr Qualen trägt,
weil Liebe nun in reinem Licht ergründet.
Von Flamme steigt sie auf, von Glanz bewegt,
von Licht zu Licht, von Glut zu höherem Sein,
bis sie im ewigen Licht ihr Ziel erregt.
Wie Funken, die im großen Feuer ein
sich ganz verlieren ohne Widerstand,
so geht die Seele in den Himmel ein.
Wie eine Lampe, die im Brand entbrannt
nicht mehr sich selbst, doch nur das Feuer kennt,
so wird sie Teil vom göttlichen Bestand.
O Freude über Freude, die da brennt,
wenn aus dem Reich der wartenden Geduld
die Seele nun zum Reich des Sieges rennt.
Dort wird ihr Wissen rein von jeder Schuld,
vollkommen wird die Liebe, klar und weit,
und alles Leid wird heilige Geduld.
Doch dieses Wissen bleibt der Ewigkeit
ein tiefes Geheimnis, das kein Wort erreicht,
das Gott nur offenbart nach seinem Geleit.
Doch glaube mir: Kein Leiden hier vergeicht,
wenn jener Lohn im Tod dir offen steht,
der alle Schmerzen tausendfach erweicht.
Und größer noch die Liebe jener geht,
die durch Gebet den Seelen dort beisteht,
damit ihr Herz sich rascher Gott zudreht.
O Seele, der solch Licht eröffnet steht,
geh weiter still auf deiner Pilgerbahn,
bis dein Aufstieg zum Himmel sich vollzieht.
Arbeite, liebe – für dich selbst fortan
und auch für jene, die du jenseits liebst,
bis ihr gemeinsam Gottes Licht empfahn.