VON TORSTEN SCHWANKE
„Ja, Bultmann ist ein komplexes Thema.
Er ist d i e Hassfigur der Evangelikalen und Bibelfundamentalisten.
Dabei war er kein liberaler Theologe, stand während der NS-Zeit treu auf der Seite der bekennenden Kirche.
Sein existenzphilosophischer Zugang hat viele Inhalte des NT für viele Menschen neu erschlossen.
Kritiker bemängeln, dass die historischen Aspekte dabei verdunsten.
Am meisten bemängeln das diejenigen, die die historischen Aspekte so formatieren, dass sie ihre Deutungsübergriffe legitimieren ... ts ... ts ... ts“
(Pastor Andreas)
ERSTES KAPITEL
Rudolf Bultmann (1884–1976) war einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er revolutionierte die Art und Weise, wie wir das Neue Testament lesen, indem er versuchte, die christliche Botschaft für den modernen, wissenschaftlich geprägten Menschen verständlich zu machen.
Hier ist ein Überblick über sein Leben und sein monumentales Werk:
Herkunft und Ausbildung
Rudolf Karl Bultmann wurde am 20. August 1884 in Wiefelstede (Großherzogtum Oldenburg) als Sohn eines lutherischen Pfarrers geboren. Sein akademischer Weg war geradlinig und exzellent:
Studium: Er studierte Theologie in Tübingen, Berlin und Marburg.
Akademische Einflüsse: Geprägt wurde er besonders durch die „Religionsgeschichtliche Schule“ und den Neukantianismus.
Professur: Nach Stationen in Breslau und Gießen kehrte er 1921 nach Marburg zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1951 blieb.
Das theologische Herzstück: Die Entmythologisierung
Bultmanns Name ist untrennbar mit dem Begriff der Entmythologisierung verbunden. Er vertrat die Ansicht, dass das Weltbild des Neuen Testaments „mythologisch“ sei (Himmel oben, Hölle unten, Geister, Wunder).
Das Problem: Für den modernen Menschen, der Elektrizität und moderne Medizin nutzt, ist dieses Weltbild nicht mehr glaubhaft.
Die Lösung: Man soll die Mythen nicht einfach streichen, sondern interpretieren.
Existentiale Interpretation: Inspiriert durch seinen Marburger Kollegen Martin Heidegger, wollte Bultmann den Kern der Botschaft (das Kerygma) freilegen. Es gehe nicht um objektive historische Fakten, sondern darum, wie die Botschaft den Menschen in seiner Existenz anspricht und zu einer Entscheidung ruft.
Der Historiker und Kritiker
Bultmann war ein Pionier der Formgeschichte. In seinem Werk Die Geschichte der synoptischen Tradition (1921) analysierte er das Evangelium als eine Sammlung kleinerer Einheiten, die erst durch die mündliche Überlieferung der frühen Kirche geformt wurden.
Er war radikal skeptisch, was die historische Rückfrage nach dem „echten“ Jesus anging. Für ihn war der glaubende Bezug auf den verkündigten Christus entscheidend, nicht der biographische Jesus von Nazareth.
Politisches Profil
Während der Zeit des Nationalsozialismus schloss sich Bultmann der Bekennenden Kirche an. Er war ein entschiedener Gegner der „Deutschen Christen“ und verteidigte die jüdischen Wurzeln des Christentums sowie die Freiheit der theologischen Lehre, auch wenn er nicht so aktiv im politischen Widerstand stand wie etwa Dietrich Bonhoeffer.
Vermächtnis und Wirkung
Bultmann löste nach dem Zweiten Weltkrieg eine hitzige Debatte aus, die als „Bultmann-Streit“ in die Kirchengeschichte einging. Konservative Theologen warfen ihm vor, den Kern des Glaubens zu zerstören, während liberale Denker ihn als Befreier feierten.
„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ – Rudolf Bultmann
Wichtige Werke (Auswahl)
Die Geschichte der synoptischen Tradition (1921)
Jesus (1926)
Neues Testament und Mythologie (1941)
Theologie des Neuen Testaments (1948–1953)
ZWEITES KAPITEL
Das Verhältnis zwischen Rudolf Bultmann und Karl Barth ist eines der spannendsten Kapitel der modernen Theologiegeschichte. Beide waren Giganten des 20. Jahrhunderts, begannen als Verbündete gegen die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts und endeten als freundschaftliche, aber unversöhnliche Kontrahenten.
Hier ist das Porträt von Karl Barth und seinem Verhältnis zu Bultmann:
Karl Barth (1886–1968): Der „Kirchenvater“ des 20. Jahrhunderts
Während Bultmann der radikale Kritiker war, war der Schweizer Barth der große Systematiker. Sein Ziel war es, die Theologie wieder ganz auf Gottes Wort zu gründen, statt auf menschliches Gefühl oder Vernunft.
Der Römerbrief (1919/1922): Mit seinem Kommentar zum Römerbrief schlug Barth wie eine „Bombe auf dem Spielplatz der Theologen“ ein. Er betonte den „unendlichen qualitativen Unterschied“ zwischen Gott und Mensch.
Dialektische Theologie: Gemeinsam mit Bultmann begründete er diese Richtung. Sie sagten: Gott ist der „Ganz Andere“, den wir nicht durch Kultur oder Geschichte finden, sondern der sich uns souverän offenbart.
Der Bruch: Das Problem mit dem Menschen
Obwohl sie beide die liberale Theologie ablehnten, entwickelten sie sich in entgegengesetzte Richtungen.
Barth warf Bultmann vor, die Theologie wieder zu einer „Anthropologie“ (Lehre vom Menschen) zu machen – genau das, was sie ursprünglich gemeinsam bekämpfen wollten. Er sah in Bultmanns Methode die Gefahr, dass der Mensch entscheidet, was an der Bibel wahr ist.
Politischer Widerstand
Karl Barth war politisch profilierter als Bultmann. Er war der Hauptverfasser der Barmer Theologischen Erklärung (1934), dem Gründungsdokument der Bekennenden Kirche gegen das NS-Regime.
Barth weigerte sich, den Eid auf Hitler ohne Vorbehalt zu leisten, verlor seine Professur in Bonn und musste 1935 zurück in die Schweiz (Basel).
Er kritisierte später auch Bultmanns politische Zurückhaltung, obwohl beide auf derselben Seite gegen die „Deutschen Christen“ standen.
Die „Kirchliche Dogmatik“
Barths Lebenswerk ist die Kirchliche Dogmatik (KD), ein monumentales Werk mit über 9.000 Seiten (unvollendet). Es ist einer der umfassendsten Versuche der Geschichte, die gesamte christliche Lehre allein von Jesus Christus her neu zu denken.
„Gott ist im Himmel und du auf Erden.“ – Dieses Zitat aus dem Prediger Salomo war Barths lebenslanges Motto gegen jede Vermenschlichung Gottes.
Warum sind sie heute noch wichtig?
Die Debatte zwischen Barth und Bultmann stellt die Grundfrage jeder Religion:
Muss sich die Botschaft dem modernen Denken anpassen, um verständlich zu bleiben? (Bultmann)
Oder muss sie gerade ihre „Fremdheit“ bewahren, um dem Menschen wirklich etwas Neues zu sagen? (Barth)
DRITTES KAPITEL
Martin Heidegger (1889–1976) ist einer der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Denken bildet die philosophische Brücke zwischen Rudolf Bultmann und Karl Barth – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise.
Hier ist das Porträt seines Denkens und sein Einfluss auf die Theologie:
Das Hauptwerk: „Sein und Zeit“ (1927)
Heidegger wollte die Frage nach dem Sinn von Sein neu stellen. Er analysierte das menschliche Dasein, um zu verstehen, was es bedeutet, „zu sein“.
Geworfenheit: Der Mensch findet sich in einer Welt vor, die er sich nicht ausgesucht hat.
Sorge: Das Grundmerkmal des Daseins ist, dass es dem Menschen um sein eigenes Sein geht.
Eigentlichkeit vs. Uneigentlichkeit: Die meisten Menschen leben „uneigentlich“, indem sie sich im „Man“ verlieren (man tut dies, man sagt jenes). „Eigentlich“ wird der Mensch erst, wenn er seine Endlichkeit und das Sein-zum-Tode akzeptiert.
Heidegger und Bultmann: Die Marburger Symbiose
In den 1920er Jahren waren Heidegger und Bultmann Kollegen in Marburg. Sie tauschten sich intensiv aus, was zu einer der fruchtbarsten Verbindungen von Philosophie und Theologie führte.
Das Werkzeug: Bultmann nutzte Heideggers Begriffe (Angst, Sorge, Entschlossenheit), um die existenzielle Bedeutung des Neuen Testaments zu beschreiben.
Die Übersetzung: Was die Bibel „Sünde“ nennt, übersetzte Bultmann mit Heidegger als „Verfallenheit an die Welt“ oder „Uneigentlichkeit“. „Glaube“ wurde zur „Eigentlichkeit“ – dem Mut, sich ganz auf Gott (das Unverfügbare) zu verlassen.
Heidegger und Barth: Eine tiefe Abneigung
Karl Barth stand Heidegger extrem skeptisch gegenüber.
Barths Kritik: Er sah in Heidegger den Versuch des Menschen, sich selbst durch Philosophie zu erklären, ohne Gott zu brauchen. Für Barth war Heideggers Philosophie eine Form von „Atheismus“, die den Menschen zum Maßstab aller Dinge macht.
Das „Analogia Entis“: Barth lehnte jede „Entsprechung“ zwischen menschlichem Sein und göttlichem Sein ab, während Heidegger genau dieses menschliche Sein analysierte.
Die Kontroverse: Nationalsozialismus
Heideggers Biografie ist durch sein Engagement für den Nationalsozialismus schwer belastet.
Rektorat 1933: Er trat der NSDAP bei und hielt als Rektor der Universität Freiburg Reden, die NS-Rhetorik mit seiner Philosophie verbanden.
Das Schweigen: Nach 1945 schwieg Heidegger weitgehend zu seiner Rolle und zum Holocaust, was bis heute zu heftigen Debatten über die Verknüpfung seines Denkens mit seiner Politik führt (siehe die „Schwarzen Hefte“).
Das spätere Denken („Die Kehre“)
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich Heideggers Stil. Er sprach weniger vom handelnden Subjekt und mehr vom „Lichtlicht des Seins“ und der Sprache als „Haus des Seins“. Er kritisierte die moderne Technik als eine Form der „Seinsvergessenheit“, in der alles nur noch als Material (Bestand) gesehen wird.
VIERTES KAPITEL
Das Thema Angst ist das Bindeglied, an dem sich die Wege von Heidegger, Bultmann und Barth kreuzen. Es ist nicht nur ein psychologisches Gefühl, sondern ein philosophischer und theologischer Grundbegriff.
Hier ist die Analyse, wie die drei Denker diesen Begriff unterschiedlich besetzten:
Martin Heidegger: Angst als Weckruf
Für Heidegger ist Angst (im Gegensatz zur Furcht vor etwas Bestimmtem) eine existenziale Grundbefindlichkeit.
Angst vs. Furcht: Furcht hat ein Objekt (Hunde, Prüfungen). Angst dagegen ist objektlos – man hat Angst vor dem „In-der-Welt-sein“ an sich.
Die Begegnung mit dem Nichts: In der Angst bricht die vertraute Welt zusammen. Alles wird bedeutungslos. Der Mensch erkennt: „Ich bin endlich, und ich werde sterben.“
Funktion: Die Angst reißt den Menschen aus dem bequemen Trott des Alltags („dem Man“). Sie zwingt ihn, sich seiner eigenen Freiheit und Sterblichkeit zu stellen (Eigentlichkeit).
Rudolf Bultmann: Angst als Zeichen der Gottferne
Bultmann übernimmt Heideggers Analyse fast eins zu eins, gibt ihr aber eine theologische Deutung:
Angst als Sünde: Der Mensch versucht, seine Angst zu bewältigen, indem er sich an greifbare Sicherheiten klammert (Geld, Erfolg, Moral). Das nennt Bultmann „Sünde“ oder „Fleisch“.
Die Illusion der Selbstsicherung: Die Angst zeigt uns, dass wir unser Leben nicht selbst in der Hand haben.
Die Lösung: Nur durch das Wort Gottes (das Kerygma) kann der Mensch die Angst überwinden. Er muss die falsche Sicherheit aufgeben und sich radikal dem unverfügbaren Gott anvertrauen. Glaube ist bei Bultmann „Entschlossenheit zur Freiheit von der Welt“.
Karl Barth: Die Überwindung der Angst durch den Sieg Christi
Barth hatte ein sehr kritisches Verhältnis zur „Angst-Philosophie“.
Gegen die Nabelschau: Barth warf Bultmann und Heidegger vor, sich zu sehr mit der menschlichen Befindlichkeit (der Angst) zu beschäftigen. Für ihn war das eine Form von religiösem Egoismus.
Objektive Angst: Barth leugnet die Angst nicht, aber er sieht sie als Folge der Trennung von Gott.
Der Trost: Die Antwort auf die Angst liegt für Barth nicht in der menschlichen „Entschlossenheit“, sondern allein in der Gnade Gottes. Da Jesus Christus die Angst der Welt am Kreuz getragen hat, hat die Angst für den Christen keine letzte Macht mehr.
FÜNFTES KAPITEL
Die Entmythologisierung ist das Herzstück von Rudolf Bultmanns Theologie. Es war sein Versuch, die christliche Botschaft (das Kerygma) aus einem antiken Weltbild zu „übersetzen“, das für den modernen Menschen nicht mehr glaubhaft ist.
Hier ist das Konzept einfach und präzise erklärt:
Das Problem: Das „Drei-Stockwerke-Weltbild“
Bultmann argumentierte, dass das Neue Testament in der Sprache seiner Zeit geschrieben wurde. Dieses Weltbild sah die Welt als ein Schauplatz übernatürlicher Mächte:
Oben: Der Himmel (Gott und Engel).
Mitte: Die Erde (Kampfplatz zwischen Gott und Satan).
Unten: Die Hölle (Dämonen und Verdammnis).
Bultmanns These: Ein moderner Mensch, der weiß, dass Krankheiten durch Bakterien und nicht durch Dämonen entstehen, kann dieses Weltbild nicht mehr teilen. Wenn die Kirche verlangt, dieses Weltbild als „wahr“ zu akzeptieren, wird der Glaube zu einem intellektuellen Opfer (Sacrificium intellectus), das niemandem zuzumuten ist.
Was Entmythologisierung NICHT ist
Ein häufiges Missverständnis ist, dass Bultmann die Bibel „säubern“ oder Wunder einfach streichen wollte (wie es die Liberale Theologie oft tat).
Es geht nicht um Eliminierung (Weglassen),
sondern um Interpretation (Auslegung).
Die Lösung: Existentiale Interpretation
Bultmann fragte: Was ist die eigentliche Absicht des Mythos?
Mythen wollen nicht wissenschaftlich erklären, wie die Welt beschaffen ist. Sie wollen ausdrücken, wie der Mensch sich selbst in der Welt versteht.
Beispiel „Himmelfahrt“: Es geht nicht darum, dass Jesus wie eine Rakete vertikal aufgestiegen ist. Der „Mythos“ will sagen: Jesus hat nun göttliche Autorität und ist für uns bleibend gegenwärtig.
Beispiel „Teufel/Dämonen“: Sie stehen für die Mächte, die den Menschen unfrei machen und ihn beherrschen (Sucht, Angst, Hass).
Das Ziel: Die Botschaft soll den Hörer in seiner Existenz treffen. Sie soll ihn vor die Entscheidung stellen: Willst du in der Angst und Selbsterhaltung leben oder im Vertrauen auf das Unverfügbare (Gott)?
Die Kritik (Barth vs. Bultmann)
Hier prallten die Giganten aufeinander:
Karl Barth kritisierte, dass Bultmann das Evangelium zu sehr an den Zeitgeist anpasse. Wenn man alles „übersetzt“, bleibe am Ende nur noch Philosophie (Heidegger) übrig, aber kein lebendiger Gott mehr, der von außen in die Welt eingreift.
Bultmann entgegnete, dass man die Menschen gar nicht erst erreicht, wenn man ihnen die antiken Mythen als Tatsachen verkauft.
Zusammenfassung in drei Punkten:
Mythos: Eine antike Form, um übermenschliche Wirklichkeit auszudrücken.
Entmythologisierung: Die Methode, den bleibenden Sinn dieser Erzählungen für das heutige Leben zu finden.
Kerygma: Der Kern der Botschaft, der den Menschen zur Umkehr und zum Glauben ruft.
SECHSTES KAPITEL
In der Welt von Rudolf Bultmann sind Wunder der „Prüfstein“ für seine gesamte Theologie. Hier prallen das moderne wissenschaftliche Denken und der antike biblische Glaube am härtesten aufeinander.
Bultmanns radikaler Ansatz lässt sich in vier Schritten zusammenfassen:
Die Ablehnung des „Mirakels“
Für Bultmann ist ein Wunder im Sinne eines Durchbrechens der Naturgesetze (ein „Mirakel“) für den modernen Menschen unvorstellbar.
Das wissenschaftliche Weltbild: Die Welt ist ein geschlossener Kausalzusammenhang (Ursache und Wirkung). Gott greift nicht wie ein „Zauberer“ von außen in die Biologie oder Physik ein.
Die Kritik: Wer behauptet, Jesus habe physisch auf dem Wasser gehen können oder Blinde durch bloßes Berühren geheilt, verwechselt laut Bultmann den Glauben mit Aberglauben. Er nennt das ein „Sacrificium intellectus“ (Opfer des Verstandes).
Wunder als „Zeichen“ (Existentiale Interpretation)
Bultmann streicht die Wundergeschichten jedoch nicht aus der Bibel. Er fragt stattdessen: Was will diese Geschichte dem Leser sagen?
Die Wunder sind für ihn keine historischen Protokolle, sondern Bekenntnisse:
Heilungsgeschichten: Sie drücken aus, dass der Mensch durch die Begegnung mit Christus aus seiner inneren Lähmung, Blindheit oder Gefangenschaft befreit wird.
Naturwunder (z.B. Stillung des Sturms): Sie sagen nicht aus, dass Jesus das Wetter kontrolliert, sondern dass der Gläubige auch in den Stürmen des Lebens (Angst, Not) bei Gott geborgen ist.
Das eigentliche Wunder ist für Bultmann nicht ein Ereignis in der Natur, sondern das Ereignis des Glaubens selbst.
Die radikale Position zur Auferstehung
Hier wird es besonders brisant. Bultmann löst die Auferstehung von der Vorstellung eines leeren Grabes oder eines wiederbelebten Leichnams:
Das Zitat: „Christus ist auferstanden im Kerygma (in der Predigt).“
Die Bedeutung: Es ist völlig egal, was mit dem Körper Jesu geschah. Das Wunder der Auferstehung geschieht jedes Mal dann, wenn ein Mensch die christliche Botschaft hört und sein Leben dadurch von Grund auf verändert wird.
Die Gegenposition: Karl Barth
Karl Barth war entsetzt über diese Sichtweise. Er hielt Bultmann entgegen:
Gottes Freiheit: Wenn Gott Gott ist, dann kann er auch die Naturgesetze beugen. Er ist nicht an die Physik gebunden.
Objektivität: Wenn Jesus nicht wirklich (leibhaftig) auferstanden ist, dann ist der Glaube laut Barth nur eine Einbildung oder eine psychologische Krücke.
SIEBENTES KAPITEL
Die Auferstehung ist der Punkt, an dem sich die Geister zwischen Rudolf Bultmann, Karl Barth und der traditionellen Theologie am radikalsten scheiden. Für Bultmann ist sie das Paradebeispiel dafür, wie ein „Mythos“ existenzial interpretiert werden muss.
Hier ist die Gegenüberstellung der Positionen:
Rudolf Bultmann: „Auferstanden in das Kerygma“
Bultmann bricht radikal mit der Vorstellung eines physischen Ereignisses. Für ihn ist die Rede vom leeren Grab oder einem wiederbelebten Leichnam ein mythologischer Ausdruck der frühen Gemeinde.
Das Ereignis: Die Auferstehung ist kein historisches Datum, das man mit einer Kamera hätte festhalten können. Sie ist ein Glaubensereignis.
Der berühmte Satz: „Jesus ist ins Kerygma (die Verkündigung) auferstanden.“ Das bedeutet: Jesus lebt weiter, indem seine Botschaft weitergesagt wird und Menschen zum Glauben ruft.
Existenziale Bedeutung: Auferstehung bedeutet für den Einzelnen, dass er hier und heute aus der „Todesverfallenheit“ (Angst, Sünde, Verzweiflung) zu einem neuen, freien Leben erwacht.
Karl Barth: Das objektive „Ja“ Gottes
Barth widersprach Bultmann hier massiv. Für ihn war die Auferstehung die Grenze der Geschichte, aber dennoch ein reales, objektives Ereignis.
Nicht nur im Kopf: Für Barth ist die Auferstehung nicht bloß eine Änderung im Bewusstsein der Jünger, sondern Gottes triumphales Handeln an Jesus.
Die Unverfügbarkeit: Wenn die Auferstehung nur „in der Predigt“ stattfindet, dann wird sie laut Barth zu einem menschlichen Produkt. Er betonte, dass Jesus wirklich dem Tod entrissen wurde – auch wenn das historisch-kritisch nicht „beweisbar“ ist.
Der Osterjubel: Für Barth ist die Auferstehung der objektive Grund zur Freude, der völlig unabhängig davon ist, ob ich ihn gerade „fühle“ oder existenzial verstehe.
Die historische Kritik und das „Leere Grab“
Bultmann war als Historiker überzeugt, dass wir über das Grab Jesu faktisch nichts wissen können. Er hielt die Berichte für spätere Legenden, die den Glauben veranschaulichen sollten.
Bultmanns Fokus: Das Dass der Verkündigung (Dass Gott in Jesus gehandelt hat).
Barths Fokus: Das Was des Geschehens (Was Gott tatsächlich getan hat).
Man könnte sagen: Für Bultmann ist die Auferstehung die Geburtsstunde des christlichen Glaubens in den Köpfen der Jünger. Für Barth ist sie der reale Grund, warum dieser Glaube überhaupt entstehen konnte.
ACHTES KAPITEL
Die Kritik von evangelikaler Seite an Rudolf Bultmann ist massiv und grundlegend. Für konservative, bibeltreue Christen (Evangelikale) rührte Bultmann an das Fundament des christlichen Glaubens.
Hier sind die Hauptpunkte der evangelikalen Kritik zusammengefasst:
Die Historizität der Tatsachen
Der größte Streitpunkt ist Bultmanns Umgang mit den historischen Fakten.
Kritik: Evangelikale betonen, dass der christliche Glaube auf echten historischen Ereignissen basiert. Wenn Jesus nicht physisch auferstanden ist und keine realen Wunder gewirkt hat, bricht das Fundament zusammen.
Argument: Man verweist oft auf den Apostel Paulus (1. Korinther 15,14): „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.“ Bultmanns „Auferstehung nur im Kerygma“ wird als reine Einbildung oder psychologischer Trick abgelehnt.
Die Autorität der Schrift
Für Evangelikale ist die Bibel das inspirierte Wort Gottes (Irrtumslosigkeit oder zumindest höchste Zuverlässigkeit).
Kritik: Bultmann stellt sich mit seiner „Entmythologisierung“ über den Text. Er entscheidet mit dem Maßstab moderner Wissenschaft, was im NT wahr ist und was nicht.
Vorwurf: Das ist „Bibelkritik“, die den Text zerstört, statt ihn zu hören. Gott wird durch den menschlichen Verstand begrenzt (Anthropozentrik).
Der „Gott der Lücken“ vs. der handelnde Gott
Bultmanns Weltbild lässt keinen Raum für ein direktes Eingreifen Gottes in die Natur (Kausalzusammenhang).
Kritik: Evangelikale lehnen dieses geschlossene Weltbild ab. Sie argumentieren, dass der Schöpfer der Naturgesetze auch über ihnen steht. Ein Gott, der keine Wunder tun kann, ist nicht der Gott der Bibel, sondern ein philosophisches Konstrukt.
Subjektivismus
Evangelikale werfen Bultmann vor, den Glauben zu einer rein innerlichen, subjektiven Erfahrung zu machen.
Kritik: Wenn Glaube nur ein „neues Selbstverständnis“ ist, dann wird die objektive Rettung durch Jesus Christus (Sühnopfer am Kreuz) entwertet.
Vorwurf: Bultmann mache aus dem Evangelium eine Form von Existenzphilosophie mit christlichen Vokabeln. Er „heideggerisiere“ das Christentum.
Bekannte Kritiker
Innerhalb des Spektrums gab es verschiedene Stimmen:
Helmut Thielicke: Er schätzte Bultmanns Fragen, kritisierte aber, dass am Ende der „reale Gott“ verloren gehe.
Gerhard Maier / Eta Linnemann: Besonders Linnemann (eine ehemalige Bultmann-Schülerin!) wandte sich radikal von ihm ab und bezeichnete seine Methode später als Weg in die Irre.
NEUNTES KAPITEL
Die Geschichte von Eta Linnemann (1926–2009) ist einer der dramatischsten Fälle in der Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie vollzog eine radikale Kehrtwende: von einer brillanten Meisterschülerin Rudolf Bultmanns hin zu seiner schärfsten Kritikerin.
Hier ist der Überblick über ihren außergewöhnlichen Weg:
Die Bultmann-Schülerin
Eta Linnemann war in den 1950er und 60er Jahren eine der begabtesten jungen Theologinnen Deutschlands.
Akademischer Aufstieg: Sie promovierte bei Bultmann und habilitierte sich bei Ernst Fuchs (einem weiteren führenden Vertreter der Existentialen Interpretation).
Fokus: Ihr Buch über die Gleichnisse Jesu wurde ein Standardwerk der historisch-kritischen Forschung. Sie wandte Bultmanns Methoden meisterhaft an und galt als Hoffnungsträgerin der liberalen Theologie.
Status: Sie war Professorin für Pädagogik und Religionssoziologie und fest in der akademischen Welt verankert.
Die „Bekehrung“ (1970er Jahre)
Mitte der 1970er Jahre erlebte Linnemann eine tiefe persönliche und geistliche Krise. Sie kam zu der Überzeugung, dass ihre wissenschaftliche Arbeit ihren Glauben nicht stützte, sondern zerstörte.
Das Erlebnis: Sie fand zu einem lebendigen, persönlichen Glauben an Jesus Christus (oft als „Wiedergeburt“ bezeichnet).
Die Konsequenz: In einem für die akademische Welt beispiellosen Schritt widerrief sie ihre bisherigen Publikationen. Sie forderte ihre Leser öffentlich auf, ihre früheren Bücher wegzuwerfen, da diese „Irrtum“ seien.
Ihre radikale Kritik an der historisch-kritischen Methode
Nach ihrer Umkehr wurde sie zur profiliertesten Gegnerin Bultmanns und der gesamten modernen Theologie. Ihre Kritikpunkte waren fundamental:
Theologie als „Ideologie“: Sie behauptete, die historisch-kritische Methode sei keine echte Wissenschaft, sondern ein geschlossenes System des Unglaubens, das Wunder und Gottes Handeln von vornherein ausschließe.
Zerstörung der Bibel: Linnemann warf der modernen Theologie vor, die Bibel zu „zerstückeln“. Durch die Suche nach Quellen und Redaktionen werde das Wort Gottes entmachtet.
Der Vorwurf der Verführung: Sie sah es als ihre Pflicht an, Studenten vor dem Studium der Theologie an staatlichen Universitäten zu warnen, da dies den Glauben korrumpiere.
Späteres Wirken
Linnemann verließ Deutschland und lehrte viele Jahre an Bibelschulen in Indonesien (Batu). In ihren späteren Werken wie Wissenschaft oder Meinung? (1986) und Bibelkritik auf dem Prüfstand versuchte sie, die historisch-kritische Methode wissenschaftlich zu widerlegen (z. B. die Zwei-Quellen-Theorie der Evangelien).
Bedeutung heute
Eta Linnemann bleibt eine Symbolfigur:
Für Evangelikale: Sie ist die Heldin, die das „System der Bibelkritik“ von innen durchschaut und verlassen hat.
Für die akademische Theologie: Sie gilt als Beispiel für eine „Abkehr von der Vernunft“ und den Rückzug in den Fundamentalismus.
Ihr Weg zeigt die tiefe Kluft, die bis heute zwischen der universitären Theologie und konservativen Freikirchen besteht.
ZEHNTES KAPITEL
In der katholischen Theologie wurde Rudolf Bultmann mit einer Mischung aus faszinierter Neugier und entschiedener Abgrenzung aufgenommen. Während die Amtskirche seine Methode zunächst ablehnte, gab es eine Gruppe katholischer Denker, die stark von der Existenzphilosophie geprägt waren und Bultmanns Fragen sehr ernst nahmen.
Sie versuchten, die „existentiale Interpretation“ katholisch zu wenden, ohne dabei die historische Realität der Sakramente und der Kirche preiszugeben.
Karl Rahner (1904–1984): Der „katholische Bultmann“?
Rahner ist der bedeutendste katholische Theologe, der (wie Bultmann) stark von Martin Heidegger beeinflusst war.
Gemeinsamkeit: Rahner entwickelte eine „transzendentale Anthropologie“. Er fragte: Wie muss der Mensch beschaffen sein, damit er Gottes Offenbarung überhaupt empfangen kann? Das erinnert stark an Bultmanns Suche nach dem Anknüpfungspunkt im Menschen.
Der Unterschied: Rahner lehnte die radikale Entmythologisierung ab. Für ihn ist Gott nicht nur im „Kerygma“ (der Predigt) gegenwärtig, sondern durch die Gnade in der gesamten Welt und besonders in den Sakramenten. Während Bultmann das „Wunder“ skeptisch sah, sah Rahner die ganze Welt als potenziellen Ort des Wunders (Gnadentheologie).
Romano Guardini (1885–1968): Existenz und Gestalt
Guardini, ein Religionsphilosoph, der die katholische Jugendbewegung prägte, setzte sich intensiv mit der menschlichen Existenz auseinander.
Kritik an Bultmann: In seinem Werk Der Herr betonte er, dass man Jesus nicht in einen „historischen Jesus“ und einen „mythologischen Christus“ zerlegen könne.
Der Ansatz: Für Guardini ist die christliche Existenz nicht nur eine Entscheidung im Augenblick (wie bei Bultmann), sondern eine Begegnung mit der konkreten Gestalt Jesu Christi. Er warf Bultmann vor, das Christentum zu sehr zu „vergeistigen“ und ihm das Fleischliche, das Sichtbare und das Historische zu nehmen.
Gabriel Marcel (1889–1973): Hoffnung statt Angst
Der französische katholische Existenzphilosoph Gabriel Marcel bietet eine interessante Alternative zum Heidegger-zentrierten Ansatz Bultmanns.
Problem vs. Geheimnis: Während Bultmann die Bibel als ein „Problem“ sah, das interpretatorisch gelöst werden muss (Entmythologisierung), verstand Marcel den Glauben als ein Geheimnis, in dem man lebt.
Sein vs. Haben: Bultmanns „neues Selbstverständnis“ war Marcel zu intellektuell. Er betonte die Dimensionen der Treue, der Hoffnung und der Liebe als Grundlagen der Existenz, die über eine rein punktuelle Entscheidung (Bultmanns Entschluss) hinausgehen.
Zentrale katholische Kritikpunkte
Die katholischen Existenzphilosophen und Theologen einte trotz aller Sympathie für Bultmanns Modernität eine dreifache Kritik:
Verlust der Geschichte: Katholiken betonten, dass das Heil an reale historische Ereignisse (Inkarnation, leeres Grab) gebunden ist, nicht nur an die subjektive Wirkung der Predigt.
Verlust der Gemeinschaft (Kirche): Bultmanns Fokus lag extrem auf dem Individuum und seiner Entscheidung. Die katholische Sicht betont die Existenz des Menschen in der Kirche und im Sakrament.
Die „Analogia Entis“: Während Bultmann (wie der frühe Barth) eine Kluft zwischen Gott und Welt sah, halten katholische Denker daran fest, dass die Schöpfung noch immer Zeichen Gottes enthält, die nicht „entmythologisiert“ werden müssen.
ELFTES KAPITEL
Karl Rahner (1904–1984) gilt als der bedeutendste katholische Theologe des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist der Versuch, die katholische Dogmatik aus der erstarrten „Neuscholastik“ zu lösen und sie mit der modernen Philosophie – insbesondere der Existenzphilosophie seines Lehrers Martin Heidegger – zu versöhnen.
Man nennt seinen Ansatz die Transzendentale Anthropologie. Hier sind die Eckpunkte seines Denkens:
Der Mensch als „Hörer des Wortes“
Bultmann fragte, wie man die Bibel interpretieren muss, damit der Mensch sie versteht. Rahner geht einen Schritt weiter zurück und fragt: Wie muss der Mensch gebaut sein, damit er Gott überhaupt hören kann?
Vorgriff auf das Sein: Rahner stellt fest, dass der Mensch ein fragendes Wesen ist. In jeder endlichen Frage schwingt immer eine Ahnung vom Unendlichen mit.
Transzendentale Erfahrung: Gott ist für Rahner nicht ein fernes Objekt im Weltraum, sondern der „Horizonte“, auf den hin der Mensch immer schon unterwegs ist. Der Mensch ist von Natur aus auf das Geheimnis Gottes hin geöffnet.
Der „Anonyme Christ“
Dies ist Rahners berühmteste und zugleich umstrittenste Theorie. Sie war seine Antwort auf die Frage, was mit Menschen passiert, die niemals vom Evangelium gehört haben oder es nicht annehmen können.
Die These: Da Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, wirkt seine Gnade in jedem Menschen – auch außerhalb der sichtbaren Kirche.
Die Konsequenz: Ein Mensch, der seinem Gewissen folgt und sich für das Gute und die Liebe entscheidet, sagt faktisch „Ja“ zu Gott, auch wenn er ihn nicht beim Namen nennt. Er ist ein „anonymer Christ“.
Vergleich zu Bultmann: Während Bultmann die radikale Entscheidung für das Kerygma (die Predigt) fordert, sieht Rahner die Gnade als eine universale Wirklichkeit, die schon immer im Menschen wirkt.
Die „Wende zum Subjekt“
Wie Bultmann vollzieht Rahner die Wende zum denkenden und fühlenden Subjekt. Theologie ist für ihn immer auch Anthropologie (Lehre vom Menschen).
Gott als Geheimnis: Rahner betont, dass Gott das „heilige Geheimnis“ bleibt. Je mehr wir über Gott wissen, desto mehr erkennen wir, dass wir ihn nicht begreifen können.
Gnadenhaftes Sein: Für Rahner ist die Gnade kein „Ding“, das Gott uns schickt, sondern eine Veränderung unseres Seins. Gott teilt sich dem Menschen selbst mit.
Bedeutung für das Zweite Vatikanische Konzil
Rahner war einer der einflussreichsten Berater beim II. Vatikanum (1962–1965). Viele seiner Ideen flossen in die Konzilstexte ein, besonders:
Die Öffnung der Kirche zur modernen Welt.
Die Wertschätzung anderer Religionen.
Das Verständnis der Kirche als „Volk Gottes“.
„Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ – Karl Rahner
Rahner wollte damit sagen, dass der Glaube in einer säkularen Welt nicht mehr durch Tradition allein hält, sondern nur durch eine persönliche, existenzielle Erfahrung Gottes.
ZWÖLFTES KAPITEL
Die Reaktion der katholischen Bischöfe auf Rudolf Bultmann war – besonders in den 1940er und 1950er Jahren – von scharfer Ablehnung und großer Sorge geprägt. Während katholische Intellektuelle wie Karl Rahner versuchten, Bultmanns Fragen philosophisch zu integrieren, sah das kirchliche Lehramt in der Entmythologisierung einen Frontalangriff auf die Substanz des christlichen Glaubens.
Hier sind die zentralen Kritikpunkte der katholischen Hierarchie:
Der Vorwurf des „Subjektivismus“
Die Bischöfe sahen in Bultmanns Ansatz die Gefahr, dass der Glaube zu einer rein privaten, innerlichen Gefühlsentscheidung wird.
Kritik: Wenn die Auferstehung nur „in der Predigt“ stattfindet, dann hängt die Wahrheit des Glaubens vom Empfinden des Hörers ab.
Katholische Gegenposition: Das Heil ist eine objektive Tatsache, die außerhalb des Menschen geschieht (z. B. am Kreuz und im leeren Grab), unabhängig davon, ob der Mensch sie versteht oder akzeptiert.
Die Unverzichtbarkeit der Historizität
Für die katholische Kirche ist die Geschichte der „Ort der Offenbarung“. Die Bischöfe betonten, dass das Christentum keine bloße Philosophie ist, sondern auf dem Handeln Gottes in der Zeit basiert.
Kritik: Bultmanns Skepsis gegenüber dem „historischen Jesus“ wurde als Zerstörung der biblischen Grundlagen gewertet.
Dogmatischer Kern: Ohne die reale, physische Auferstehung und die Jungfrauengeburt verliere das Dogma seine Verankerung in der Realität. Man warf Bultmann vor, das Evangelium in eine bloße „Existenzphilosophie“ zu verwandeln.
Das kirchliche Lehramt vs. die individuelle Auslegung
Ein Hauptkonfliktpunkt war die Autorität.
Kritik: Bultmanns Methode gibt dem einzelnen Exegeten (Bibelwissenschaftler) die Macht, zu entscheiden, was „Mythos“ und was „Wahrheit“ ist.
Katholische Sicht: Die Auslegung der Schrift steht allein dem Lehramt der Kirche zu. Die Bischöfe sahen in der Entmythologisierung eine Fortsetzung des protestantischen Prinzips „Sola Scriptura“ ins Extreme, bei dem am Ende jeder sein eigener Papst ist.
Die Verurteilung durch den Vatikan
Die Kritik gipfelte in offiziellen Dokumenten. Unter Papst Pius XII. wurde die Richtung, die Bultmann einschlug, indirekt verurteilt:
Enzyklika Humani Generis (1950): Dieses Dokument richtete sich gegen die „Nouvelle Théologie“ und den Existentialismus. Es warnte davor, die unveränderlichen Dogmen der Kirche durch moderne philosophische Begriffe (wie die von Heidegger) zu ersetzen.
Das Dekret des Heiligen Offiziums (1961): Kurz vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil warnte der Vatikan explizit vor der historisch-kritischen Methode, wenn sie dazu benutzt wird, die historische Wahrheit der Evangelien zu leugnen.
Spätere Entspannung (Vatikanum II)
Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) änderte sich der Ton. In der Konstitution Dei Verbum erkannte die Kirche an:
Dass die Evangelisten ihre Berichte theologisch geformt haben (Anerkennung der Formgeschichte).
Dass man den historischen Kontext und die literarischen Gattungen berücksichtigen muss.
Dennoch blieb die Grenze klar: Die katholischen Bischöfe hielten (und halten) an der geschichtlichen Realität der Heilstaten fest. Entmythologisierung ja, aber nur als Auslegungshilfe, nicht als Leugnung der Fakten.
DREIZEHNTES KAPITEL
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) war der Versuch der katholischen Kirche, auf die Herausforderungen der Moderne – und damit auch indirekt auf Provokationen wie die von Bultmann – zu antworten, ohne den Kern des Dogmas aufzugeben.
Man nannte dies Aggiornamento (Heutigmachung). In Bezug auf die Bibelauslegung und die historische Wahrheit (die Kernpunkte des Bultmann-Streits) leistete das Konzil mit dem Dokument Dei Verbum (Das Wort Gottes) Maßgebliches:
Anerkennung der historisch-kritischen Methode
Das Konzil machte einen großen Schritt auf die Wissenschaft zu. Es hielt fest, dass man die Bibel nicht einfach „buchstäblich“ lesen darf wie einen modernen Zeitungsbericht.
Literarische Gattungen: Die Bischöfe erkannten an, dass man unterscheiden muss, ob ein Text ein Gebet, eine prophetische Rede oder ein historischer Bericht ist.
Die Rolle der Redaktion: Es wurde offiziell zugegeben, dass die Evangelisten das Material über Jesus ausgewählt, synthetisiert und auf die Situation ihrer Gemeinden hin angepasst haben.
Der „Sieg“ über den reinen Fundamentalismus
Das Konzil lehnte einen engen Fundamentalismus ab. Man gestand ein, dass die biblischen Autoren „echte Verfasser“ mit eigenem Horizont waren und keine bloßen „Schreibrohre“ Gottes.
Damit kam man Bultmann ein Stück entgegen: Die menschliche, geschichtliche Seite der Bibel wurde voll ernst genommen.
Die „rote Linie“: Historizität der Evangelien
Trotz aller Offenheit zog das Konzil eine klare Grenze zur radikalen Entmythologisierung Bultmanns. In Dei Verbum (Artikel 19) heißt es unmissverständlich:
„Die heilige Mutter Kirche hat unerschütterlich daran festgehalten und hält daran fest, dass die vier genannten Evangelien [...] die historische Echtheit besitzen; sie berichten zuverlässig das, was Jesus, der Sohn Gottes, [...] zu deren ewigem Heil wirklich getan und gelehrt hat.“
Für die Bischöfe war klar: Wenn man die historischen Taten (Wunder, Auferstehung) nur noch als Symbole sieht, verliert das Christentum seinen Boden.
Die „Drei Stufen“ der Evangelienentstehung
Um den Konflikt zu lösen, entwickelte das Konzil (basierend auf Vorarbeiten der Päpstlichen Bibelkommission) ein Modell, das heute Standard ist:
Jesus selbst: Was er tat und sagte.
Die Apostel: Wie sie das Erlebte nach Ostern verkündeten (mündliche Tradition).
Die Evangelisten: Wie sie diese Verkündigung schriftlich fixierten.
Das Konzil sagte: Ja, die Texte sind „verkündigtes Wort“ (wie Bultmann sagt), aber sie basieren auf „echter Geschichte“ (gegen Bultmann).
Die Folgen: Eine neue Generation von Theologen
Durch das Konzil wurde es katholischen Theologen möglich, modernste Methoden anzuwenden, ohne als Häretiker zu gelten. Denker wie Joseph Ratzinger (später Papst Benedikt XVI.) prägten diese Zeit:
Ratzinger nutzte die historische Kritik, um den Sinn der Texte tiefer zu verstehen, wandte sich aber in seinem Spätwerk (Jesus von Nazareth) scharf gegen eine „Entmythologisierung“, die Jesus nur noch als einen moralischen Lehrer oder eine existenzielle Chiffre übrig lässt.
Das Konzil hat Bultmann also methodisch recht gegeben (wir brauchen die Kritik), aber inhaltlich widersprochen (die Fakten sind real).
VIERZEHNTES KAPITEL
Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) war zeitlebens ein scharfsinniger Beobachter und Kritiker von Rudolf Bultmann. Er erkannte dessen intellektuelle Brillanz an, sah in der Entmythologisierung aber eine tödliche Gefahr für das Christentum.
Für Ratzinger war die Trennung zwischen dem „historischen Jesus“ (der Mensch von Nazareth) und dem „kerygmatischen Christus“ (der verkündigte Gottessohn) ein fataler Fehler.
Hier ist seine Position im Detail:
Die Kritik am „Abgrund“ zwischen Geschichte und Glaube
Bultmann behauptete, für den Glauben sei es fast egal, wer der historische Jesus war – entscheidend sei nur das Dass seiner Existenz und die Botschaft der Jünger.
Ratzingers Einwand: Wenn Jesus nicht wirklich das getan und gesagt hat, was die Evangelien berichten, dann ist der Glaube auf Sand gebaut. Er nannte dies eine „Flucht aus der Geschichte“.
Das Argument: Wenn der Glaube nur noch eine subjektive Existenzänderung ist (Bultmann), dann wird er zur Ideologie oder Psychologie. Für Ratzinger muss Gott in der Materie und in der Zeit gehandelt haben.
Die „historisch-kritische Methode“: Werkzeug, nicht Herr
Ratzinger war kein Fundamentalist; er nutzte die historisch-kritische Methode selbst. Aber er kritisierte ihre philosophischen Vorannahmen:
Kritik an der Exegese: Er warf Bultmann vor, dass seine Methode bereits im Voraus festlegt, dass es keine Wunder und keine Auferstehung geben darf (weil das moderne Weltbild es verbietet).
Die Forderung: Eine echte Wissenschaft muss offen für die Möglichkeit sein, dass Gott in der Geschichte handelt. Die Methode darf nicht zum Diktat über den Text werden.
Das Hauptwerk: „Jesus von Nazareth“
In seinem dreibändigen Werk Jesus von Nazareth (geschrieben als Papst) zog Ratzinger die Summe seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit der historisch-kritischen Forschung:
Die Einheit von Jesus und Christus: Er wollte zeigen, dass der Jesus der Evangelien viel logischer und historisch glaubwürdiger ist als die „rekonstruierten“ Jesus-Figuren der modernen Forscher.
Kritik am „Skeptizismus“: Ratzinger argumentierte, dass die Jünger keine Mythen erfunden haben, sondern von der Realität der Gestalt Jesu überwältigt wurden. Die „Göttlichkeit“ Jesu ist für ihn kein späterer Mythos, sondern der Ursprung des Ganzen.
Vernunft und Glaube
Für Ratzinger war Bultmanns Ansatz paradox: Bultmann wollte den Glauben vor der modernen Vernunft retten, indem er ihn ganz ins „Innere“ verlegte.
Ratzingers Position: Er wollte Vernunft und Glaube versöhnen. Eine Vernunft, die Gott ausschließt, ist für ihn verkürzt. Ein Glaube, der die Geschichte opfert, ist für ihn leer.
Das Zitat: „Ein Glaube, der nichts mehr mit der Geschichte zu tun hat, [...] ist nicht mehr der Glaube an die Fleischwerdung Gottes.“
Fazit
Man kann sagen: Während Bultmann versuchte, das Christentum für den modernen Menschen plausibel zu machen (indem er die Anstößigkeit des Übernatürlichen entfernte), versuchte Ratzinger, den modernen Menschen wieder für die Größe des Übernatürlichen zu öffnen.
FÜNFZEHNTES KAPITEL
Für Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) war die Auferstehung kein bloßes Symbol oder ein Ereignis im Bewusstsein der Jünger (wie für Bultmann), sondern ein reales, geschichtliches Geschehnis, das die Grenzen der bisherigen Naturgeschichte sprengt.
In seinem Werk Jesus von Nazareth (Band II) setzt er sich intensiv mit der modernen Kritik auseinander und entwickelt eine eigene „Theologie der Auferstehung“:
Die Kritik an Bultmann: „Keine Einbildung“
Ratzinger widerspricht Bultmanns berühmtem Satz, Jesus sei „ins Kerygma auferstanden“, vehement.
Das Argument: Wenn die Auferstehung nur bedeutet, dass die Sache Jesu weitergeht, dann ist Jesus tot geblieben. Ein toter Jesus kann aber laut Ratzinger kein Heil bringen.
Die Erfahrung der Jünger: Die Jünger waren nach dem Karfreitag völlig am Ende. Eine bloße Idee oder die Erinnerung an Jesu Lehren hätte nicht ausgereicht, um sie in todesmutige Missionare zu verwandeln. Es muss etwas „von außen“ an sie herangetreten sein, das ihre Skepsis überwunden hat.
Die Auferstehung als „Evolutionssprung“
Ratzinger nutzt ein faszinierendes Bild, um die Auferstehung modern zu erklären, ohne sie zu entmythologisieren:
Ein neuer Seinszustand: Die Auferstehung ist keine Wiederbelebung einer Leiche (wie bei Lazarus), der danach wieder sterben muss.
Ontologische Wende: Er beschreibt sie als einen „Evolutionssprung“ in eine völlig neue Dimension des Seins. Jesus ist nicht „zurück“ ins alte Leben gekommen, sondern „hinaus“ in ein Leben, das nicht mehr dem Gesetz von Tod und Zerfall unterliegt.
Materie und Geist: Ratzinger betont, dass auch der Leib einbezogen ist. Gott hat die Materie nicht aufgegeben, sondern sie in Christus verwandelt.
Das leere Grab und die Erscheinungen
Während Bultmann das leere Grab als Legende abtat, sah Ratzinger darin ein notwendiges (wenn auch allein nicht ausreichendes) Zeichen.
Das leere Grab: Es ist für ihn der Hinweis darauf, dass die Verwesung besiegt wurde. Wäre der Leichnam in Jerusalem geblieben, hätte die Verkündigung der Auferstehung dort keine drei Tage überlebt.
Die Zeugen: Ratzinger legt großen Wert auf die Berichte der Augenzeugen. Er analysiert die Paulus-Texte (1. Korinther 15) als historische Protokolle einer realen Begegnung mit dem Auferstandenen.
Die Bedeutung für den Menschen
Für Ratzinger ist die Auferstehung der Beweis dafür, dass die Liebe stärker ist als der Tod.
Bultmann: Fokus auf das neue Selbstverständnis des Menschen (ich lebe jetzt angstfreier).
Ratzinger: Fokus auf die reale Hoffnung (ich werde wirklich auferstehen, weil Christus den Weg gebahnt hat).
„Die Auferstehung Christi ist [...] der Ausbruch aus der Gefangenschaft zum Tode überhaupt. Sie ist der 'Evolutionssprung' schlechthin.“ – Joseph Ratzinger
Ratzinger versuchte also, das Übernatürliche nicht wegzuinterpretieren, sondern es als eine höhere Form von „Vernunft“ und „Wirklichkeit“ darzustellen, die über unser bisheriges biologisches Wissen hinausgeht.