DIE LEGENDE VON SIEGFRIED UND GUDRUN

POEM VON TORSTEN SCHWANKE


DEM GEDÄCHTNIS VON JRR TOLKIEN GEWIDMET



1


Saga beginnt,

Sigi sie kündet,

von Odin entsprossen,

so sagten die Menschen.

Skadi war mächtig,

an Händen ein Held,

doch Sigi war stolzer,

stammte von Höheren.

Skadis Knecht Bredi,

behende bei Werken,

an Kräften dem Freien

oft ebenbürtig.


Sigi auf Pirsch,

der Knecht ging mit.

Den Tag durch die Wälder,

das Wild wurde Strecke.

Abends am Lager,

Bredis Beute war größer,

das kränkte den Stolzen,

der Knecht schlug ihn nieder.

Sigi im Schnee

den Erschlagenen barg.


Heimwärts er eilte,

von Bredi geschwätzt:

„Im Wald ist er fort,

kein Wort mehr von ihm.“

Skadi misstraute,

den Betrug er durchschaute,

suchte und fand

den Gefallenen im Schnee.

„Bredis Drift“ nannte er

das Grab für den Knecht;

noch heute so nennt man

den hohen, kalten Haufen.


Sigi, der Mörder,

zum Wolf nun verdammt,

von Odin verstoßen,

ins Weite verbannt.

Auf Schiffen er suchte

den Streit und das Glück,

bis Land er gewann

und als König regierte.

Sohn Refir wuchs auf,

ein schöner Spross.



2


Sigi ward alt,

von Neid nun umstellt,

die Sippe der Gattin

im Schlafe ihn schlug.

Rerir, der Sohn,

rächte den Vater,

erschlug alle Feinde

mit eisernem Willen.

Reich ward der König,

an Reichtum ein Riese,

doch fehlte das Kind,

das den Thron würde erben.


Odin und Freyja

das Flehen erhört:

Die Botin, ein Rabe,

einen Apfel ihr brachte.

Rerir aß davon,

die Königin bald

ein Kind unter Herzen,

doch schwer war das Werden.

Rerir im Krieg,

zum Tode erkrankt,

die Gattin blieb einsam,

ein Winter nach dem andern.


Nach Jahren der Not

ward der Bauch aufgeschnitten;

lebend das Kind,

küsste die Mutter,

dann starb sie dahin.

Volsung war’s,

dem der Thron nun gebührte.

Groß und gewaltig,

ein Krieger von Rang.

Ljod, des Riesen Tochter,

wurde sein Weib.

Zehn Söhne, eine Tochter,

Sigmund und Signy,

als Zwillinge stammten

vom stärksten Geschlecht.

Eine Halle ließ Volsung

aus Holz nun erbauen,

um den Baum, den Branstock,

der das Dach stolz überragte.



3


Siggeir, der Gote,

um Signy nun warb.

Volsung willigte ein,

die Tochter schwieg still.

Das Hochzeitsfest kam,

die Halle war voll,

große Feuer brannten,

der Branstock stand mittig.

Da trat ein Fremder,

der Einäugige ein,

in fleckigem Mantel,

mit bloßen Füßen.


Ein Schwert in der Hand,

er stieß es tief in den Stamm,

bis das Heft nur noch ragte.

„Wer dies Eisen herauszieht,

dem soll es als Gabe gehören,

kein besseres Blatt

wird er jemals führen.“

Er schritt aus der Halle,

kein Mensch kannte ihn.


Die Edlen versuchten’s,

doch keiner war stark genug.

Sigmund, der Sohn,

legte Hand an das Stahl,

es löste sich leicht,

als läge es lose.

Siggeir, der König,

bot Gold für das Schwert,

doch Sigmund verweigerte

das stolze Geschenk.

Siggeir grollte,

ein doppeltes Spiel

im Herzen er hegten.



4


Am Morgen darauf

wollte Siggeir heim.

Signy, die Braut,

vor Schaudern erbebte:

„Ich mag nicht mitziehen,

mein Herz ist voll Furcht,

ein Unheil zieht auf,

wenn das Band nicht zerbricht.“

Doch Volsung entgegnete:

„Treue ist Pflicht,

ein gebrochenes Wort

bringt uns nur Schande.“


Siggeir lud ein

den Vater zum Gastmahl,

in drei Monaten sollten

die Völsunge kommen.

Der Gote zog fort

mit der Braut in sein Land.



5


Volsung, der Fürst,

zum Gote nun fuhr,

mit Schiffen, drei stolzen,

zu Siggeirs Strand.

Signy, die Schwester,

warnte die Sippe:

„Verrat plant der Gatte,

kehrt um, seid klug!“

Doch Volsung, der Kämpfer,

verweigerte Flucht:

„Kein Feigling, kein Fremder

soll Völsung jemals nennen!

Nicht weiche ich weichen

dem Feuer, noch Stahl.“


Der Kampf ward entbrannt,

die Völsunge stürmten,

achtmal die Reihen

des Siggeir durchbrochen.

Doch Übermacht siegte,

der König erlag,

die Söhne in Bande,

zum Tode bestimmt.

Zehn Brüder im Block,

vom Walde umstellt,

bei Nacht eine Wölfin,

fraß einen jeden,

bis Sigmund allein

im Sterben noch stand.


Signy, die Kluge,

sandte den Boten,

mit Honig und List,

den Bruder zu retten.

Die Zunge der Wölfin

im Zahngebiß hielt er,

der Block barst entzwei,

der Tod war gebannt.



6


Sigmund im Walde,

im Erdhaus verborgen,

Signy nun sandte

die Söhne zu ihm.

„Prüfe die Kraft,

ob sie rächen den Vater!“

Doch weich war das Wesen,

die Herzen zu klein,

Sigmund sie tötete,

auf Geheiß seiner Schwester.

Kein Kind von Siggeir

den Zorn konnte tragen.



7


Eine Zauberin, listig,

tauschte die Gestalt,

ging zu dem Bruder

als Signy verkleidet.

Drei Nächte der Liebe,

im Walde vereint,

von Völsung und Völsung

wuchs Sinfjötli heran.

Stark war der Spross,

von stählernem Geist,

als Kind schon erlitt er

des Schmerzes Pein,

ohne ein Wort

von Klage zu hauchen.


Er backte das Brot,

das Sigmund ihm gab,

doch Schlangen, giftig,

im Mehl sie nun fanden.

Sigmund verschlang es,

dem Körper zum Schutz,

doch Sinfjötli nur außen

das Gift er ertrug.



8


Als Wölfe nun lebten,

die Beiden im Wald,

fremde Häute als Hülle,

mit flammendem Zorn.

Sie lernten zu heulen,

zu jagen die Feinde,

bis Sigmund den Bruder

im Wahnsinn fast biss.

Doch Kräuter, vom Raben

zum Heile gebracht,

heilten die Wunde,

der Zorn war besiegt.


Sie kehrten zurück,

in die Halle des Königs,

versteckt in der Vorhalle,

auf Rache nun sinnend.

Zwei Söhne des Siggeir,

sie fanden das Lager,

da tötete Sinfjötli,

die Söhne des Feindes.

In Stein und in Erde,

zum Sterben verbannt,

durchtrennten sie listig

das steinerne Grab.


Die Halle sie brannten,

das Feuer lodert hoch,

Siggeir der Feigling,

im Flammenmeer starb.

Signy, die Kämpferin,

das Werk nun vollbracht,

sie küsste die Ihren,

ging mutig zum Tod.

„Nicht froh war die Ehe,

doch frei ist die Rache!“

Sie schritt in die Glut,

ihr Schicksal erfüllt.


Sigmund, der König,

nun herrscht er als Herr.

Helgi, der Sohn,

von Nornen gesegnet,

zum größten der Könige

wuchs er heran.

Mit Sinfjötli, dem Gefährten,

die Welt er bezwang.



9


Hunding, der Mächtige,

traf auf den Helden,

Helgi im Kampf

den König erschlug.

Die Söhne des Hundings

auf Rache nun sannen,

doch Helgi, der Völsunge,

siegte im Sturm.


Auf seinem Ritt

er Sigrun traf,

die Tochter Högnis,

an Schönheit ein Schein.

Sie floh vor der Wahl,

Hodbrod der Freier,

ein Rabenvater für sie,

Helgi ihr Heil.

Zwölftausend Krieger

folgten dem Ruf,

durch tosendes Meer,

vor dem Sturm nicht bang.


Am Strand dann Sinfjötli,

mit Helm wie ein Glanz,

verspottete Granmar,

mit giftigen Worten:

„Hüter von Hunden,

im Herdfeuer weich,

die Völsunge kommen,

der Krieg ist nun da!“

Das Schlachtfeld bei Wolfstein,

die Entscheidung nun fiel,

Helgi im Kampf

Hodbrod bezwang.

Er nahm sich die Braut,

zu hohem Ruhm.



10


Sinfjötli, der Starke,

im Streit nun gereift,

tötete den Bruder

der Königin Gemahl.

Borghild im Grolle,

des Racheplans voll,

den Totenschmaus feierte

mit tödlichem Trank.


Dreimal das Horn,

das Borghild ihm bot,

mit Gift war es gefüllt,

zum Verderben bestimmt.

Sigmund, der Trunkene,

das Gift selbst verschlang,

doch Sinfjötli, der Sohn,

am Munde es spürte.

Sigmund hieß trinken,

der Sohn gehorchte,

er fiel auf das Lager,

der Geist nun entwich.

Ein Einziger, Odins Bote,

nahm den Leichnam mit sich,

im Kahn auf dem Fjord,

ins Nichts er verschwand.



11


König Sigmund, der Weise,

Hjordis nun freite,

die Tochter Eylimis,

an Klugheit so reich.

Doch Lyngi, der Feind,

von Neid nun entbrannt,

mit Rache im Herzen

den Frieden zerbrach.


Die Schlacht in der Heimat,

die Hörner sie riefen,

Sigmund, der Greis,

im Getümmel vorn.

Sein Schwert in der Hand,

kein Schild hielt ihm stand,

wie ein roter Fluss

floss das Blut auf das Feld.


Doch Odin, der Eine,

mit blauem Gewand,

den Speer in der Hand,

auf das Schwert nun stieß.

Der Stahl zersprang,

das Glück war nun fort,

Sigmund der König,

im Staube nun ruhte.

Mit Eylimi, dem Vater,

er das Ende dort fand,

die Herrschaft der Völsunge,

ein Schmerz für das Land.



12


Lyngi stürmte die Hallen,

suchte die Beute,

doch fand nur die Stille,

kein Weib und kein Gold.

Hjordis am Schlachtfeld,

bei Sigmund sie weilte,

nach Heilung sie fragte,

doch Odin hat abgewandt

das Glück von dem Helden,

das Schwert ist zersprungen.


„Bewahr mir die Scherben“,

sprach Sigmund der Sterbende,

„ein Sohn wird sie schmieden,

Gram soll er heißen,

Gram wird er führen,

den Drachen er fällen.

Sein Name wird leuchten,

so lang die Welt steht.“

Er starb mit der Sonne,

die Schiffe erschienen.


Hjordis tauschte die Kleider,

als Magd nun sie ging,

Alf fand die Frauen

im Feld voller Leichen.

Sie brachten den Schatz

zum König nach Dänemark,

wo Alf sie bewahrte,

doch Hjordis den Glanz

im Herzen stets trug.

Durch List und durch Wahrheit

ward sie zur Gattin,

die Königin würdig,

des Völsungen-Sprosses.



13


Hjordis gebar Siegfried,

den strahlenden Sohn,

Hjalprek, der König,

erfreute sich sehr.

In Liebe und Ehre

wuchs er heran,

in Stärke und Mut

kein Andrer ihm gleich.

Regin, der Schmied,

lehrte ihn alles,

Runen und Reden,

die Kunst der Könige.


„Willst du wohl Knecht sein?“,

fragte Regin spöttisch,

„Such dir ein Pferd

und dann das Gold!“

Siegfried am Fluss

das Graue sich wählte,

von Sleipnirs Sippe,

Grani das Ross.

Odin, der Greise,

half bei der Wahl,

dann schwand er im Nebel,

im Schatten der Zeit.


Regin begann nun

vom Hort zu erzählen,

vom Drachen Fafnir,

auf Gnita-Heide,

ein Berg voll von Gold,

für jeden zu greifen,

wenn nur das Herz

den Mut dazu fände.



14


Regin begann: „Hreidmar, mein Vater,

hatte drei Söhne,

Fafnir, den Grimmigsten,

Otter, den Fischer,

und mich, den Schmied.

Otter, im Wasser,

als Tier er nun jagte,

bis Loki den Stein

nach dem Bruder geworfen.

Die Asen, sie mordeten,

hauten das Fell,

Hreidmar verlangte

als Buße das Gold.


Loki fing Andvari,

im Strom als ein Fisch,

der Zwerg gab das Gold,

doch den Ring er behielt.

Loki raubte den letzten,

den Ring der Verdammnis,

der Fluch auf dem Schatz

soll den Käufer nun treffen.

Fafnir erschlug dann

den Vater im Zorn,

ward zum Wurm auf dem Gold,

das wir niemals mehr sahen.“


Siegfried antwortete:

„Schmiede mir ein Schwert,

wie keines je war,

dann fäll ich den Wurm,

dann brech ich den Fluch!“



15


Regin schmiedete das Schwert,

Siegfried nahm den Stahl,

doch beim Schlag auf den Amboss

barst die Klinge entzwei.

Ein zweites Mal versuchte er’s,

das Schwert zerbrach erneut.

„Ein Lügner bist du, Regin!“,

rief der Völsunge erzürnt.


Zur Mutter ging er heim,

nach den Scherben er nun frug.

Sie gab ihm das Erbe,

die Splitter von Gram.

Regin, fluchend und grimmig,

in der Esse es neu wob,

bis das Feuer der Klinge

wie Flammen nun leuchtete.

Siegfried schlug auf den Amboss,

tief drang die Schärfe ein,

der Stahl blieb heil und fest,

ein Wunder für den Schmied.

Im Fluss, den Strom hinauf,

die Wolle er nun warf,

wie von Geisterhand geteilt

fiel das Vlies vom kalten Stahl.



16


Zu Grifir, dem Weisen,

zog Siegfried nun hin,

der um Schicksal und Zukunft

die Wahrheit wohl wusste.

Lang schwieg der Seher,

doch Siegfried drängte hart,

bis der Pfad seines Lebens

in Worten sich enthüllte.

Was kommen sollte, er hörte,

das Leid und den Ruhm,

dann kehrte er heimwärts,

den Rachezug im Sinn.



17


Zum König der Dänen

sprach Siegfried den Wunsch:

„Die Söhne des Hunding,

sie büßen für den Vater!

Helft mir im Streite,

die Rache zu vollenden!“

Ein Heer ward gerüstet,

mit Drachenbooten stolz,

die Segel, bunt gefärbt,

im Sturmwind nun blähten.


Auf den Klippen ein Greis,

Hnikar der Name,

er stieg an das Bord,

die Zeichen zu deuten:

„Der Rabe am Himmel,

der Wolf in dem Wald,

das Glück ist beim Kämpfer,

der mutig nun voranschreitet!“


Die Schlacht an der Küste,

ein Sturm aus Eisen und Blut,

Siegfried mit Gram,

durch die Reihen er brach.

Kein Helm hielt dem Hiebe,

kein Panzer dem Stahl,

Lyngi fiel sterbend,

die Brüder dazu.

Der Rache Tribut,

er war nun beglichen,

Siegfried kehrte heim

als Bezwinger der Welt.


Regin nun mahnte:

„Das Versprechen nun halte,

den Drachen Fafnir,

du sollst ihn nun fällen!“

Siegfried erwiderte:

„Ich vergaß es nicht,

das Schicksal greift zu,

der Wurm ist bereit.“



18


Auf rauher Heide, wo Fafnir kroch,

Regin den Weg nun wies.

„Ein Wurm wie and’re?“, frug Siegfried spöttisch,

„Die Spur ist wie eines Riesen Pfad!“

„Grab dir eine Grube“, sprach Regin bebend,

„Stoß in das Herz, gewinn dir den Ruhm!“

Doch Regin, der Feige, floh aus der Furcht,

als der Boden zu beben begann.


Ein Greis mit Bart, ein Bote der Götter,

riet: „Grab viele Gruben, lass Blut darin rinnen!“

Siegfried gehorchte, der Boden erdröhnte,

als Fafnir heran nun nahte.

Gift speiender Schlund, ein Ungeheuer,

doch Siegfried, der Völsunge, wich nicht zurück.

Unter der Schulter das Schwert tief drang,

Gram bohrte sich ein bis zum Hefte.


Im Todeskampf peitschte der Drache den Grund,

„Wer bist du, Fremder?“, gurgelte der Wurm.

„Siegfried mein Name, Sigmund mein Vater,

ein freier Held, kein Sklave der Furcht.“

„Das Gold wird dein Fluch“, zischte der Drache,

„Das Gold wird der Untergang aller Besitzer!“

Doch Siegfried verlachte das dunkle Verderben,

bis das Licht in den Augen des Ungeheuers erlosch.



19


Regin trat vor, im Geheuchel der Freude,

„Den Bruder erschlugst du, den Hort du nun hast.“

Siegfried, den Stahl an der Erde gereinigt,

sah durch die Lüge des Schlangen-Schmieds.

Regin nun flehte: „Brat mir das Herz,

vom Fleisch des Wurmes will ich nun kosten.“


Siegfried am Feuer das Herz nun briet,

ein Tropfen des Blutes am Finger erbrannte.

Den Finger im Munde, das Wunder geschah:

Der Vögel Gesang er plötzlich verstand.

Im Dickicht der Vögel geschwätziges Wispern:

„Regin betrügt dich, den Tod er dir plant,

schlage den Kopf ihm ab, werd Herr der Schätze!

Auf Hindfell die Maid, Brynhild, dort schläft,

umgeben von Flammen, die Weisheit sie birgt.“


Siegfried, des Verrats nun sicher im Geiste,

zog Gram, das Schwert, und trennte den Kopf.

Der Schmied fiel stumm, die Rache war voll,

der Pfad war frei zum glänzenden Gold.

Die Ringe er band, auf Grani geladen,

der Stolz des Völsungen, fest an dem Zügel.

Richtung Hindfell er ritt, wo das Feuer sich wand,

dem Schicksal entgegen, dem strahlenden Pfad.



20


Siegfried ritt südwärts, durch sonnige Lande,

bis auf den Gipfel, den Hindfell er kam.

Ein Leuchten am Himmel, ein lodernd’ Geflacker,

als brenne das Feuer bis hoch an den Thron.

Ein Schildwall aus Stahl, eine Flagge im Winde,

Siegfried schritt ein, in die schlafende Stille.

Ein Krieger dort ruhte, in Rüstung gehüllt,

doch beim Lösen des Helms ward das Wunder offenbar:

Kein Held lag dort bloß, eine Maid war zu schauen,

die Brünne verwachsen mit weißer Haut.


Mit Gram, dem Schwert, er die Brünne nun aufschnitt,

wie Stoff unter Stahl gab der Panzer nun nach.

„Wer brach meinen Schlaf?“, so sang die Erwachte,

„Wer löste die Fesseln, den Schlummer der Nacht?“

„Bist du Siegfried der Völsunge?“, fragte die Maid,

„Mit Fafnirs Helm und dem Schwert in der Hand?“

„Des Sigmund Sohn“, sprach der strahlende Held,

„mit Gram, dem scharfen, vom Tod dich erweckt.“


„Odin schlug mich“, sprach Brynhild die Kluge,

„mit dem Schlaf-Dorn gestraft für den Sieg, der ihm missfiel.

Ich schwor einen Eid: Nur den Mann will ich wählen,

der niemals im Leben den Namen der Furcht kennt.“

Siegfried bat um Kunde, um Weisheit und Runen,

und Brynhild, die Walküre, reichte den Becher:

„Trink, Held der Völsunge, von machtvollem Trank,

voll Ruhm und voll Liedern, voll heilender Worte.“


Sie lehrte ihn Runen: die Runen des Sieges,

auf Schwerter geritzt für den glänzenden Kampf.

Sie lehrte ihn Runen, die Schiffe zu schützen,

die Wogen zu zähmen, die stürmische See.

Sie lehrte ihn Runen der Heilung und Liebe,

zu knüpfen das Band, das das Herz wohl bewahrt.

Vom Gold und vom Silber, vom Hufschlag des Pferdes,

vom Zahn der Wölfe und Adlers Schnabel.


„All diese Zeichen“, so sang die Walküre,

„sie segnen den Helden, solang er noch lebt.

Wähle nun, Siegfried, mit wohlweisem Herzen,

den Segen des Wissens, das Schicksal der Welt.“

Und Siegfried erwiderte: „Niemals will ich fliehen,

auch wenn mein Schicksal das Sterben mir weissagt.

Dein Rat, o Brynhild, in der Brust will ich bergen,

solang mein Atem den Leib noch durchzieht.“



21


„Kein klügeres Weib“, so sprach Siegfried voll Staunen,

„gibt es auf Erden, als dich, o du Weise!“

Brynhild erwiderte: „Höre mein Wort nun,

damit dein Pfad nicht im Dunkeln vergeht:

Sei gütig den Freunden, vergib ihre Fehler,

Geduld bringt dir Ehre, die ewiglich hält.

Hüte dich wohl vor der Frauen Verlockung,

vor der Ehefrau eines andern, mein Held!


Hüte die Zunge bei Zank auf dem Dinge,

mit Toren zu streiten, das bringt nur den Tod.

Schlage den Feind auf dem offenen Felde,

doch meide das Haus, wenn die Flammen sich bäumen.

Schwöre nicht falsch, denn der Eid ist ein Anker,

wer ihn zerbricht, den ereilt das Verderben.

Traue nicht dem, dem du Sippe erschlagen,

denn im jungen Knaben wächst oft schon der Wolf.“


Siegfried gelobte, dies alles zu wahren,

„Dich will ich wählen, mein Herz ist nun dein.“

Brynhild besiegelte, fest ihre Treue,

vor Göttern und Menschen, ein Bündnis für stets.



22


Siegfried, der Drachentöter, er ritt nun von dannen,

sein Schild, von Gold und vom Drachen gezeichnet.

Stolz war sein Gang, doch sein Wesen war gütig,

kein Mann war ihm gleich an Anstand und Mut.

Goldrotes Haar fiel in lockigen Schichten,

ein kurzes Barthaar, von gleicher Gestalt.

Die Schultern so breit wie bei zweien vereint,

sein Blick war ein Feuer, dem kaum man standhielt.


Wenn er mit Gram durch das Roggenfeld schritt,

das Korn sich noch neigte vor Schwertes Gewicht.

Wortgewandt stets, wenn er sprach in der Runde,

man glaubte ihm alles, was aus seinem Mund kam.

Sein Herz kannte Furcht nicht, sein Arm kannte Siege,

ein Held, dessen Name bis in Äonen besteht.



23


Siegfried, der Reisende, kam an beim Fürsten,

bei Heimir dem Mächtigen, Brynhilds Verwandtem.

Alswid, der Sohn, hieß den Fremden willkommen,

man staunte über das Gold und das Heer.

Lange verweilte der Held dort in Ehren,

mit Falken und Waffen, im Spiel und im Sang.

Die Kunde vom Drachen, vom Hort und vom Siege,

sie trug sich weit durch die Lande der Welt.



24


Brynhild, die Pflegetochter, kam heim zu dem Hofe,

sie saß in der Kemenate, bei Stickwerk und Gold.

Sie stickte die Taten, die Siegfried vollbrachte:

Den Wurm und den Regin, den Tod in der Heide.

Als Siegfried den Falken auf hohem Turm fand,

da sah er die Maid und die Stickerei.

Sein Herz, es war schwer, keine Freude im Spiel mehr,

er musste zu ihr, das Schicksal zu wenden.


Er trat in den Saal, er trat zu ihr nieder,

„Sei willkommen!“, sie sprach es, doch fern schien ihr Geist.

Sie reichte den Becher, er hielt ihre Hand fest,

„Du bist die Schönste, die je ward geboren!“

Doch Brynhild, sie warnte: „Verrat liegt im Leben,

ein Weib ist nicht sicher, wenn Männer nun schwören.“


„Nicht bin ich doppelherzig“, rief Siegfried im Eide,

„Dich will ich als Weib, oder keine auf Erden!“

„Das Schicksal“, so klagte die Maid voller Wehmut,

„Es trennt unsere Wege, doch bleibt unser Wort.“

Ein Ring ward getauscht, ein neuer Eid ward gesprochen,

der Held ritt von dannen, im Herzen die Liebe,

doch ahnte er nicht, welche Schatten sich zogen,

auf den Wegen, die nun in das Land der Giukungen führten.



25


Bei Giuki dem König, am Rheine gelegen,

wuchs Gudrun heran, ein Mädchen von Licht.

Doch eines Tages, die Seele voll Gram,

sie klagte den Mägden ihr schweres Gesicht:

„Ein Falke aus Gold, er ruhte am Arm,

kein Gut war mir lieber, kein Kleinod so wert.

Doch Brynhild die Maid, sie schoss ihn darnieder,

mein Herz ist in Stücke, mein Falke ist tot!“


„Ein Wolfskind“, so sprach sie, „gab Brynhild mir dann,

mit Blut meiner Brüder bespritzt war mein Kleid.“

Brynhild, die Seherin, deutete ernst:

„Siegfried wird dein, doch er bleibt nicht dein Eigen!

Grünhild wird dir den Vergessenheitstrank mischen,

und Atli, der König, wird dein zweiter Gatte.

Der Streit wird entbrennen, die Sippe wird fallen,

ein Pfad voller Tränen, den jeder nun geht.“



26


Siegfried, der Held, auf Grani, dem Ross,

zog ein in die Burg, in glänzendem Gold.

Ein Gott unter Menschen, so schien er dem Volk,

Giuki hieß ihn willkommen mit offenen Armen.

Doch Grünhild, die Weise, sie witterte List,

sie wollte den Helden an Gudrun binden.

Sie reichte den Becher mit zauberndem Trunk,

das Bild der Walküre schwand aus dem Sinn.


Siegfried vergaß, was auf Hindfell geschah,

er wurde der Bruder von Gunnar und Hogni.

Die Treue geschworen, ein Bund aus Stahl,

mit Gudrun, der Schönen, ward Hochzeit gefeiert.

Fünf Sommer des Ruhms, der Siege und Siege,

bis Grünhild erneut ihr Netz nun spann:

„Gunnar, mein Sohn, hol Brynhild dir heim,

Siegfried soll reiten und helfen dem Bund.“



27


Über Berg und über Tal ritten sie los,

zu Budlis Palast, zur Walküre Maid.

Doch niemand durfte sie jemals gewinnen,

außer dem Helden, der das Flammenmeer durchritt.

Vor der Mauer aus Feuer, da zögerte Gunnar,

sein Ross wich zurück vor der lodernden Glut.

„Lass mich dein Ross“, rief Siegfried nun aus,

doch auch Grani verweigerte Gunnar den Dienst.


Sie tauschten die Masken, die Grünhild erdacht,

Siegfried, als Gunnar, in den Flammenwall sprang.

Die Erde erbebte, der Himmel erglühte,

die Lohe, sie wich vor dem Schwerte des Helden.

Er trat in den Saal, wo Brynhild nun saß,

ein schwanengleiches Weib, in Brünne und Helm.

„Ich bin Gunnar der Giukung, wie dein Vater versprach,

die Flammen ich durchritt, ich fordere dich nun!“


Brynhild, sie zögerte, in stolzem Verdruss,

doch ihr Eid war ihr heilig, sie beugte sich schlicht.

Drei Nächte sie weilten, das Schwert Gram dazwischen,

ein Ring ward getauscht, ein heiliges Pfand.

Dann ritt er zurück, und die Masken gewechselt,

Gunnar holte die Braut, die nun seine war.

Doch in Siegfrieds Geist, am Ende des Festes,

da kehrte die Erinnerung, schmerzlich und tief,

an den Schwur auf dem Berge, an den Treue-Ring,

und ein dunkler Schatten fiel auf den Thron.



28


Zum Bade am Bache die beiden Fürstinnen zogen,

Brynhild die Kühne das Wasser durchschritt.

„Warum“, frug Gudrun, „die Gleichheit missachtest du?“

„Mein Vater ist mächtiger“, meinte die Stolze,

„mein Liebster hat Flammen, das Feuer, bezwungen,

dein Gatte war Knecht bei König Hjalprek!“

Gudrun, im Zorne, entgegnete schneidend:

„Schweig still, o Brynhild, beschimpfe ihn nicht!

Er tötete Fafnir, er ritt durch die Lohe,

als Gunnar du wähntest den Helden bei dir.

Sieh diesen Ring, den du ihm nun gabst –

Andvaris Erbe, an Gudruns Hand!“


Bleich wie ein Toter ward Brynhilds Antlitz,

schweigend sie schlich in die Halle zurück.

Siegfried, bei Gudrun, das Leid schon ahnend,

„Bald“, sprach der Held, „wird das Unheil uns treffen.“

Am Morgen, im Boudoir, die Worte entbrannten,

Brynhild, im Hass, die Rivalin nun schmähte.

„Gudrun, du Giftmischerin!“, rief die Walküre,

„Durch List und durch Trug hast du Siegfried mir geraubt!“

„Ich wusste von nichts“, rief Gudrun mit Beben,

„Der Verrat war der Götter, nicht mein eigen Werk.“

Doch Brynhild, in Wut, die Wahrheit nun schrie:

„Siegfried, der Drachentöter, ist würdiger als Gunnar,

das Feuer zu reiten, das wagte nur er!“



29


Auf dem Lager, wie leblos, lag Brynhild darnieder,

kein Wort sprach sie mehr, nur Schweigen und Schmerz.

„Was tatest du mit dem Ring?“, frug sie den Gatten,

„Du rittest nicht durch die Flammen zur Braut!

Siegfried hat alles, den Ruhm und die Ehre,

ich brach meinen Eid, ich begehre nun Rache!“

Gunnar war ratlos, Hogni sie fesselte,

doch Brynhild, sie schwor: „Kein Glück mehr im Hause!

Weder Spiel noch Stickwerk, kein Lächeln, kein Wein,

nur der Tod wird mein Ende, wenn Siegfried nicht stirbt.“


Siegfried, die Furcht in der Seele nun spürend,

trat an ihr Bett, um das Unheil zu wenden.

„Erwache, o Brynhild! Die Sonne lacht helle,

wirf ab nun die Sorge, sei wieder die Maid!“

Sie sah ihn mit Hass: „Du Verräter am Eide!

Du rittest das Feuer, nicht Gunnar, der Feige!“

„Ich war nicht bei Sinnen“, sprach Siegfried voll Reue,

„Der Trunk der Vergesslichkeit raubte das Wort.“


„Ich will keinen anderen!“, schrie sie im Schmerz,

„Wenn ich dich nicht habe, so sollst du nicht leben!

Zwei Könige in einer Halle, das kann ich nicht dulden,

Siegfrieds Tod oder deiner, nur das löst die Not.“

Siegfried, sein Herz schwoll vor brennender Trauer,

dass die Ringe der Brünne zersprangen im Leib.

„Ich will dich zur Ehefrau!“, bot er in Eile,

„Gudrun soll weichen, wenn nur du nicht stirbst!“

„Nein!“, sprach die Stolze, „Was geschehen, ist Schicksal,

kein Tausch rettet mich, ich will nur das Ende.“


Er wandte sich ab, aus der Kammer er schritt,

die Stärke schwand ihm, das Schicksal nahm Lauf.

Gunnar nun flehte um Rettung und Rat,

doch Brynhild, die Leidende, blieb bei dem Wort:

„Drei Wege nur gibt es, das Schicksal zu wenden:

Siegfrieds Tod, dein Tod oder meiner – wähle!“



30


Brynhild, die Brennende, saß an der Wand,

klagte ihr Leid mit bitterem Wort:

„Ich dulde nicht Siegfried, ich dulde nicht Gudrun,

ihr Schicksal ist Tod, ihr Dasein ist Schmach!

Willst du mich halten, o Gunnar der König,

so tilge den Helden, den Verräter am Eid!“


Gunnar, gequält von gieriger Liebe,

schwand in den Schatten des schweren Verrats.

„Hogni, mein Bruder!“, er rief ihn zur Seite,

„Siegfried muss fallen, sein Gold wird das unsre.“

„Nie brechen wir Eide!“, entgegnete Hogni,

„Er ist unsre Stärke, der Hort unsrer Kraft.

Doch Brynhilds Gebete, sie treiben zum Bösen,

ein Unheil, das ewig die Ehre uns raubt.“


Gunnar, verblendet, den Guttorm nun wählte,

den Jüngsten der Sippe, vom Eid noch befreit.

Wolfsfleisch und Schlangen, sie schürten das Feuer,

der Trank machte gierig das Herz des Knaben.

Siegfried, der Friedfertige, ahnte die Finsternis nicht,

als Guttorm zum Schlafgemach schleichend sich wand.


Zweimal er zögerte, das Auge zu hell,

doch beim dritten Male den Stahl er nun stieß.

Siegfried, erwachend, den Schmerz wohl gespürt,

schleuderte Gram, das Schwert, durch den Raum.

Guttorm, der Mörder, in Mitten gespalten,

die Füße zum einen, das Haupt zum andern Ort.


Gudrun, im Blute, in Tränen ertrunken,

klagte das Leid, das kein Mensch je erträgt.

Siegfried, sich aufstützend, sprach leise und schwer:

„Weine nicht, Gattin, mein Sohn wird euch rächen!

Die Nornen sie lachten, der Tod hat mich eingeholt,

doch nimmer tat ich Gunnar ein Leid.

Wär’ ich gewappnet, mein Schwert in der Hand,

so wären die Brüder im Staube nun auch.“


Sein Geist war entflogen, die Kühle sie nahte,

ein Lachen durchbrach Brynhilds dunkle Kammer.

„Du lachst“, rief Gunnar, „doch bleich ist dein Antlitz,

ein böser Geist wohnt in deiner Brust!“

„Mögen die Götter“, so sprach sie in Hohn,

„Atli euch richten, der Mächtigste wird sein!“


Hogni, erschüttert: „Das Unheil ist da,

keine Buße wird tilgen, was wir nun begingen.“

Gudrun aber sprach mit bebender Stimme:

„Ihr habt euren Schutzwall, den Besten, zerschlagen,

wenn ihr nun zieht in die Schlacht und den Krieg,

wird Siegfried euch fehlen zur Rechten wie Linken.

Eure Stärke ist tot, euer Ruhm ist verwelkt,

die Saat der Verräter wird Elend nur ernten.“



(…)



32


Brynhild, die Brennende, klagte im Tode,

„Ein Traum mir erschien, von Gunnar und Pein:

Ihr brecht nun die Eide, das Unheil wird kommen,

Siegfried habt ihr mit Verrat nur belohnt.

Er ritt durch die Flammen, er legte sein Schwert,

das scharf in dem Giftstahl, zu trennen die Leiber.

Ich wollte ihn nur, den Sohn von Siegmund,

doch euer Verrat hat den Frieden geraubt.“


Gunnar, im Gram, wollte Gunst ihr noch schenken,

doch Brynhild, die Stolze, wies alle nun ab.

Sie rief nach dem Golde, sie rief nach dem Ende,

mit dem Schwert unter’m Arm sank sie nieder ins Kissen.

„Nehmt Gold, ihr Getreuen!“, so sprach sie im Sterben,

und weissagte düster das Schicksal der Sippe:

„Gudrun wird Atli, dem König, vermählt,

doch Streit wird die Sippe in Trümmer nun stürzen.“


„Ein Scheiterhaufen, baut ihn auf der Wiese,

für Siegfried, für mich und die Knechte, die starben.

Mit dem Schwert in der Mitte, wie damals im Bette,

so teilen wir Feuer und ewige Ruh.“

Die Lohe sie loderte, Brynhild versank,

zusammen mit Siegfried, das Leben entwich.



33


Gudrun, im Kummer, in Dänemark weilend,

vergaß nicht den Helden, der alles an Glanz.

Wie Gold vor dem Eisen, wie Hirsch vor dem Wild,

so stand ihr Geliebter in ihrem Gedenken.

Grünhild, die Mutter, mit List und mit Zauber,

wollte die Tochter an Atli nun binden.

Sie mischte den Becher, mit Blut und mit Galle,

der Zorn und das Leid im Vergessen versanken.


„Werde sein Weib“, so beschwor sie die Mutter,

„Gebäre ihm Söhne, lass Siegfried nun ruh’n!“

Gudrun, gezwungen, das Schicksal zu tragen,

gab ihre Hand an den König der Hunnen.

Kein Lächeln im Herzen, kein Licht in dem Bunde,

ein Leben der Kälte begann für die Maid.



34


Atli, der König, von Albträumen gejagt,

„Ein Schwert hat durchbohrt mich!“, rief er im Schlaf.

„Zwei Bäume, entwurzelt, von Blute getränkt,

zwei Falken, die hungrig in Finsternis flohen!“

Gudrun, die Weise, deute den Untergang:

„Deine Söhne sind nah an des Todes Tor.“


Atli, auf Beute aus, auf Siegfrieds Hort,

schickte Vingi, den Boten, zu Gunnars Gemach.

Gudrun, das Unheil im Herzen erahnend,

schnitt Runen der Warnung und sandte den Ring.

Doch Vingi, der Falsche, die Runen verwandelt,

er lockte die Brüder zum Festmahl der Hunnen.


Gunnar, voll Stolz, wollte Glanz noch vermehren,

doch Hogni, der Weise, war skeptisch im Geist.

„Das Haar eines Wolfes am Ringe ich sah,

Gudrun will nicht, dass wir reisen zum Hunnen!“

Doch der Met und die Gier nach der Macht sie verblendeten,

Gunnar gab Wort, das den Untergang rief.

Hogni, treu seinem Bruder im Tode,

folgte dem Pfade, dem Schicksal entgegen.



35


Die Weiber, sie wachten, als die Männer noch ruhten,

Kostbera, die Kluge, die Runen durchschaut.

„Hogni!“, sie rief, „Lass ab von der Reise!

Verrat liegt im Stein, das Verderben ist nah.

Ich träumte von Strömen, die Hallen zerrissen,

von bäumenden Bären und Blut an der Wand.

Ein Adler, er kreiste, wie Atli in Zorn,

o weh, mir wird bang vor dem Hunnenkönig!“


Doch Hogni, im Stolze, sein Schicksal verlachte,

„Die Frauen, sie sorgen und sehen nur Gram,

ein weißer Bär ist ein Sturm in der Wildnis,

der Adler, er meint nur das Schlachtvieh im Stall.“

Sie schwiegen zuletzt, doch die Schatten sie wuchsen,

die Vorahnung lastete schwer auf der Nacht.



36


Auch Gunnar vernahm von der Gattin die Warnung,

von blutigen Schwertern und Wölfen im Geheul.

Er lachte dem Schicksal, er rief seinen Mannen,

„Der Wein ist der letzte, den wir nun wohl trinken!“

Sie rüsteten Schiffe, die Riemen sie brachen,

so hastig und hart war der Zug zu dem Tod.

Vingi, der Verräter, sie stießen zur Erde,

sein falscher Mund endete unter dem Stahl.


„Wir kommen!“, so riefen sie, trotzig und trotzend,

die Tore sie fielen unter Hognis Gewalt.

Die Burg der Hunnen, sie bebte im Schlachten,

das Schicksal, es forderte, was es nun wollte.



37


„Willkommen!“, rief Atli, „Nun liefert das Gold aus,

den Schatz, den Siegfried den Seinen einst gab!“

„Nimmer!“, rief Gunnar, „Wir kämpfen bis Ende,

du König der Gier, du wirst heute noch büßen!“

Die Pfeile sie schwirrten, die Halle erzitterte,

als Gudrun, die Edle, den Mantel nun warf.


Sie sah ihre Brüder, sie küsste die Helden,

das Schwert griff sie selbst, an ihrer Seite nun stand.

Kein Krieger war schöner, kein Kämpfer war tapfrer,

wie Sturmwind sie fegten durch Atli’s Gefolg’.

Das Metfass, es schwamm in dem roten Geschmeide,

die Söhne von Hogni, sie schlugen sich frei.


„Vier Brüder wir waren“, rief Atli voll Wehmut,

„Nun steh’ ich allein, mein Glück ist dahin!“

Hogni, der Kühne, entgegnete spöttisch:

„Du brachtest den Frieden, du brachst das Gelübde,

den Hunger du brachtest der Schwester als Gruß!

Dass du nun klagst, ist des Schicksals Gerechtigkeit,

heute noch wird das Unheil dich fällen!“



38


In der Halle, sie kämpften, die Gier im Gemüte,

die Giukungen fielen, bis zwei nur noch stunden.

Gunnar, gefesselt, von Knechten gebunden,

Hogni, der Kühne, hielt stand gegen viele.

Zwanzig der Besten, er schickte ins Jenseits,

doch unter der Übermacht musste er beugen.


Atli der König, er schrie: „Schneidet sein Herz aus!“

Hogni, im Lachen, den Tod er begrüßte.

Einen Knecht man erst wählte, Hjalli den Feigen,

der schrie vor Entsetzen, das Messer noch fern.

„Nicht das Herz eines Helden!“, so spottete Hogni,

man schnitt das von Hjalli, ein zitternd Geschöpf.

Dann Hognis Herz, stolz und fest wie der Stahl,

er lachte im Schmerz, als der Stahl ihn durchdrang.


Gunnar, er schaute, das Herz eines Helden,

„Viel fester als Hjallis, so war es im Leibe!

Doch Atli, der Hort bleibt im Rhein nun verborgen,

den Hunnen wird niemals das Gold mehr gehören!“

Man warf ihn in Gruben, voll Schlangen und Sünden,

doch Gudrun die Harfe ihm sandte ins Grab.

Mit den Füßen er spielte, die Schlangen sie schliefen,

bis eine den Helden traf mitten ins Herz.



39


Atli, er höhnte: „Du hast deine Brüder verloren!“

Gudrun, im Geiste der Rache, sprach leise:

„Du wirst es noch büßen, der Schmerz wird dich lehren.“

Sie feierten Gastmahl, die Toten zu ehren,

doch Gudrun, die Kühle, die Söhne sie holte,

sie schlachtete beide, das Leid zu vollenden.


„Die Köpfe, sie dienen als Becher beim Weine,

die Herzen, geröstet am Spieß, hast du gespeist!“

„Grausam, o Gudrun!“, schrie Atli im Entsetzen,

„Du mörderisch Weib, deine Schuld ist nun maßlos!“

Doch Gudrun, sie wandte sich ab von dem Könige,

mit Niblung, dem Sohn, der den Vater noch rächte,

durchbohrte sie Atli im nächtlichen Lager,

sein Leben erlosch in dem Feuer der Halle.

Das Volk, es erstickte in Flammen und Rauch,

die Hunnen, sie fielen, ihr Ende war nah.



40


Gudrun, sie wollte nicht länger nun leben,

sie stürzte ins Meer, um den Tod sich zu holen.

Doch Wogen, sie trugen die Maid an den Strand,

zu König Jonakr, in ferne Gestade.

Dort fand sie nun Frieden, in späterer Zeit,

mit Kindern, so edel, und Swanhild, der Schönen,

die strahlte wie Sonne an fernem Horizont.


Die Sage verklingt, doch das Lied wird bestehen,

von Völsungen-Helden, die niemals verblassen,

ihr Schmerz und ihr Mut, in den Runen bewahrt,

sie leben in Liedern, solang’ die Welt steht.



41


Jormunrek, der Mächtige, begehrte die Schöne,

Swanhild, die Tochter von Siegfried dem Held.

Sein Sohn Randver brachte die Werbung zur Kunde,

doch Bikki, der Böse, säte den Groll.

Er flüsterte Lügen: „Dein Sohn nimmt die Braut dir!“

Des Königs Zorn entbrannte im Feuer des Neids.


Randver, er starb an dem gähnenden Galgen,

Swanhild, die Unschuld, vom Schicksal bedroht.

Im Tor der Burg man die Schöne nun band,

die Rosse sie trieben, sie zu zertreten.

Doch Swanhilds Blick, er hielt das Ross an,

ein Sack überm Haupt brach den Bann ihrer Kraft.

Unter Hufen sie starb, die Blume der Welt,

das Unheil von Bikki besiegelte nun den Untergang.



42


Gudrun, sie hörte vom Tod ihrer Tochter,

das Leid in der Brust, sie rief ihre Söhne.

„Kein Blut habt ihr im Leib, wie Gunnar und Hogni!

Swanhild liegt tot, von Hufen zerschunden!“

Hamdir und Sorli, sie spotteten bitter:

„Du riefst uns zum Rachezug, doch eigne Söhne du schlachtetest,

Siegfried verrietest du, Gudrun, dein Herz ist aus Stein!“


Sie gab ihnen Brünnen, von Zauber gehärtet,

stahlfeste Leiber, durchwoben vom Eid.

Gudrun, sie blieb in der Einsamkeit Schatten,

„Drei Männer hatt’ ich, drei Wege des Jammers.

Siegfried der Beste, Atli der Feind,

und nun Swanhilds Tod – mein Leben ist Nacht.

Komm, Siegfried, o hol mich, ich harre dein bald,

kein Kind und kein Erbe bleibt mir auf Erden.“



43


Die Söhne, sie zogen, sie trafen den Bruder,

Erp, den sie töteten, im Wahn des Moments.

„Hätte Erp uns geholfen, die Hand wäre da“,

so sprachen sie später, als Arme sie hieben,

dem Jormunrek stutzend die Hände und Füße.

Doch ohne das Haupt, das Erp hätte schlagen,

der König, er lebte, ihr Schicksal besiegelt.


Da trat ein Einäugiger, alt und geheimnisvoll,

er raunte dem König: „Mit Steinen sie fallen!

Das Eisen nicht beißt sie, doch Fels wird sie fällen.“

Da prasselten Steine, ein Regen aus Tod,

die Völsungen starben, der Stamm nun erlosch.

Kein Giukung blieb mehr, die Sage ist vollendet,

ein Lied voller Tränen, in Runen nun stumm.


Mögen nun alle Earls an Weisheit gewinnen,

Möge das Leid aller Mägde sich mildern,

Denn dieses Lied der Not ist nun zu Ende erzählt.