DIE SCHWEIZ

LYRIK


VON TORSTEN SCHWANKE




ALBERT EINSTEIN


raumzeitkrümmung in bern

das licht ist kein pfeil

es ist ein verbiegen der stille

hinter der uhrfabrik


die sekunden dehnen sich

wie kaugummi zwischen den fingern

eines patentbeamten

der die absolutheit der welt

in eine schublade sperrt

und den schlüssel verliert


ein blauer pass

in der brusttasche des universums

die schweiz ist nur ein punkt

auf einer gekrümmten linie

zwischen zwei unendlichkeiten


hier brennt die sonne

nicht aus feuer

sondern aus reiner mathematik

die zukunft ist ein echo

das die vergangenheit

schon längst eingeholt hat


e = mc²

das gleichheitszeichen

ist eine brücke

über den abgrund

den wir materie nennen


die krümmung des alltags

in einem café in der kramgasse

zerfällt die absolute zeit

zu krümeln auf dem holztisch


er betrachtet den dampf der tasse

ein tanz von teilchen

die ihren eigenen weg suchen

er weiß

der beobachter ist der raum

den er zu vermessen vorgibt


hinter dem schnurrbart

versteckt sich die gravität

ein leises einbiegen der wirklichkeit

hin zu einem kern

den niemand greifen kann

außer durch das diktat der formeln


die welt ist ein stuhl

der sich unter dem gewicht

der gedanken senkt

ein ständiges abgleiten

in die tiefe

der gekrümmten bahnen




LEONHARD EULER


der architekt der unsichtbaren strukturen

die zahlen sind kein sand

sie sind kristalle

die unter seinem griff

zu einer neuen architektur gerinnen


basel ist nur der schlafplatz

der geist wohnt in der formel

wo das plus und das minus

ein zerbrechliches gleichgewicht halten

bis der kreis sich schließt

in einer unmöglichen identität


fünf zeichen

ein kosmischer kurzschluss

die schönheit ist kein ornament

sie ist die härte des logischen gerüsts

das die wirklichkeit stützt

bevor wir sie benennen


das auge hinter dem nullpunkt

er schreibt die welt in griechischen lettern

auf die innenseite seiner augenlider

auch als das licht schwand

wurde der raum nur klarer

eine topologie der gedanken

die keine linse mehr brauchte


graphen die wie herzschläge

durch das leere blatt wandern

königsberger brücken

die sich in seinem kopf

zu einer geometrie der abwesenheit ordnen


was bleibt ist ein restwert

eine unendlichkeit die man summieren kann

ohne sie zu verbrauchen

er hat die unendlichkeit gezähmt

und sie in ein maßband gezwungen

das wir heute noch halten

um den horizont zu vermessen




PARACELSUS


signatur der schwärze

das quecksilber läuft nicht

es denkt

in den adern der alchemie

ein silberner geist

der die krankheit beim namen ruft

bevor sie den körper befällt


in den staub von basel

schreibt er das gesetz der dosis

das gift ist kein gegner

es ist ein verbündeter

der nur die richtige menge

der menschlichkeit braucht

um das chaos zu heilen


die natur ist ein buch

geschrieben in glyphosaten der pflanzen

jeder kranke ein satzbau

der nur umgestellt werden muss

damit der kosmos wieder

durch die lunge atmet


das abkochen des seins

er brennt die bücher der alten

und ersetzt sie durch den rauch

der über dem tiegel aufsteigt

ein opfer an die neugier

die kein dogma mehr duldet


die sterne in der leber

das schwefelgebet in den knochen

er kartographiert den menschen

als wäre er ein gebirge

in dem gold und blei

ständig ihre plätze tauschen


dosis sola facit venenum

ein satz wie ein skalpell

er trennt die wahrheit vom wahnsinn

in einer welt die noch glaubt

man könne krankheit

mit weihwasser zum schweigen bringen


er ist der arzt der das fieber liebt

weil es das gespräch ist

zwischen dem körper

und seiner eigenen verwandlung

ein abgrund über den man gehen muss

um nicht am heilen zu sterben




ALBERT HOFMANN


der fahrradfahrer im kaleidoskop

kein labor mehr sondern ein riss

im gewebe der gewöhnlichen mittagsstunde

das flüssige licht des mutterkorns

wandert in die fingerspitzen

und wird zur kartographie

einer innenwelt die keine grenzen kennt


der rausch ist keine flucht

er ist eine vergrößerung der pupille

durch die die welt plötzlich

in ihrer atomaren vibrierenden nacktheit

zurück starrt


der lenker des fahrrads

schmilzt in den asphalt

die häuser von basel

atmen im rhythmus des lsd

ein atmen das kein vor und kein zurück kennt

nur das ewige pulsieren

eines augenblicks der sich dehnt

bis er die ganze straße verschlingt


das problemkind im kristall

er wollte die heilpflanze

und fand das zerbrechen des spiegels

ein wissenschaftler der die büchse der pandora

in einer braunen flasche trug

und am ende des weges

nicht das gift fand sondern den geist


die formel ist ein schlüssel

zu einem schloss das im gehirn

hinter den worten liegt

dort wo die farben töne werden

und die zeit sich wie ein tuch

um die eigene achse faltet


er sucht die medizin

und findet die unendlichkeit der wahrnehmung

ein chemiker der plötzlich begreift

die realität ist nur eine vereinbarung

und der trip ist der ausbruch

aus dem engen korsett

unserer eigenen sinne


sinnliche präzision

in einer welt die vergessen hat

dass der geist ein weitläufiger raum ist

und nicht nur der ort

an dem man das tägliche brot verwaltet




DUBOCHET & QUELOZ & MAYOR


die gefrorene bewegung 

das wasser der verräter

wird zum kristall zum messer

das die form des lebens zerschneidet

er zwingt das chaos zum stillstand

vitrifiziert den moment

bevor die enzyme ihren tanz beenden


keine fixierung durch gift

kein schrumpfen im vakuum

nur die eiskalte wahrheit

proteine in ihrer natürlichen

wabernden nacktheit

er hat das mikroskop zum fenster gemacht

durch das wir den maschinen der zelle

beim arbeiten zusehen

bevor sie wieder in ihre atomare

unendlichkeit verschwimmen


die jäger der fremden sonnen 

am anfang war nur das leere rauschen

ein stummes all

das wir für einsam hielten

dann das wackeln eines sterns

ein winziges zittern

als zöge eine unsichtbare hand

an der gravitationsleine


51 pegasi b

ein heißer jupiter der nicht sein durfte

ein schattenwurf in der unermesslichkeit

sie haben die nacht vermessen

bis die fernen sonnen ihre kinder preisgaben

wir sind nicht mehr die einzigen

die im licht eines sterns

nach einer antwort suchen

das universum ist bevölkert

von welten die wir bisher

nur in unseren träumen bewohnten


die kartographen des unsichtbaren

was sie eint ist der blick

in die blinden flecken der welt

der eine macht das flüchtige leben

fest und scharf

die anderen machen das weite all

nah und greifbar


sie haben die maßstäbe verschoben 

vom nanometertanz der proteine

bis zur bahn eines exoplaneten

der in einer anderen zeit

seine runden zieht

beide eine absage an das ungewisse

eine erweiterung dessen

was wir als wirklichkeit

in unsere bücher schreiben dürfen




ROUSSEAU


der verlorene pfad im wald von montmorency

die zivilisation ist ein zu enges hemd

gewebt aus verboten und falschen gesten

er zerreißt die nähte

um in der nacktheit der idee

wieder atmen zu lernen


genf ist ein traum an dem er erstickte

ein käfig aus strenger moral

in dem er das herz verlor

und den stolz der wälder suchte

zurück zur natur 

kein rückweg auf die landkarte

sondern ein aufbruch in das innere

wo der mensch noch nicht durch den spiegel

seines eigenen besitzes entstellt ist


der gesellschaftsvertrag mit der einsamkeit

er schreibt das recht in den sand

der gesellschaftsvertrag ist eine klage

über die ketten die wir uns selbst schmiedeten

während wir vorgaben frei zu sein

der allgemeine wille ist ein fernes läuten

ein echo in der schlucht

das nur der hört der sich traut

den lärm der städte auszublenden


ein wandelnder botaniker des geistes

er sammelt gedanken wie heilkräuter

wissend dass jede wahrheit

auch ihre giftige wurzel hat

er ist ein fremder in seiner zeit

ein prophet der subjektivität

der den ersten stein gegen die pracht

der aufklärung warf 

nur um das herz darin wiederzufinden


das bekenntnis des schattens

er lässt sich in die sprache fallen

wie in einen tiefen see

seine confessionen sind kein beichtstuhl

sondern ein seziermesser

das er gegen die eigene brust richtet

er zeigt uns

wer die welt verstehen will

muss zuerst das chaos in sich selbst

als heilige ordnung anerkennen


er ist der philosoph

der an der menschheit verzweifelte

um sie besser lieben zu können

ein einsamer läufer am ufer des bielersees

während die welt um ihn herum

vergaß wie man einfach nur

im moment existiert

ohne sich für das eigene dasein

bei den gesetzen zu entschuldigen




JOHANNA SPYRI


die architektur der höhenluft

das tal ist ein korridor aus erwartungen

in dem die mädchen das sprechen lernen

als wäre es ein stickmuster

ordentlich fadengerade ohne zittrige kante


doch sie schreibt gegen die schwerkraft an

sie schickt das kind hinauf

wo die luft so dünn wird

dass die lügen der stadt nicht mehr atmen können

auf der alm ist die wahrheit kein dogma

sie ist eine ziege eine schale milch

ein stück brot das unter dem himmel

nach weite schmeckt


das goldene licht des ankommens

es ist nicht nur die natur

es ist die rückkehr zum eigenen herzschlag

heidi ist kein wesen aus papier

sie ist die seismographin für den verlust

von heimat und menschlichkeit


spyri baut eine welt aus sonnenlicht

in der die steifigkeit des dorfes

an der geduld der berge zerschellt

sie schreibt als würde sie die verhärtungen

der welt mit der wärme eines ofens

im winter aufweichen


ein stück heimat das weltweit in die taschen

der heimatlosen wanderte

sie hat nicht nur eine geschichte erzählt

sie hat eine landkarte der sehnsucht gezeichnet

auf der man sich nie verirrt

selbst wenn man tausende meilen

vom nächsten berg entfernt ist


die feder als berggipfel

man nennt es heimatliteratur

doch es ist eine subversive kartographie

die absolute freiheit gegen die ordnung

hinter der idylle lauert der mut

das eigene leben in den wind zu halten

wie eine weiße blume

am rand des abgrunds


sie hat die schweiz in die köpfe der welt gebaut 

nicht als stahl und banken

sondern als ein stück gras

an dem man riechen kann

wenn der sturm der zeit

einem wieder einmal alles nimmt

außer dem blick nach oben




DÜRENMATT & FRISCH


dürenmatt baut ein theater aus schrott und schicksal

ein spielplatz für die apokalypse

bei ihm ist der zufall kein lauernder jäger

sondern der einzige gott der noch regiert

wenn die logik im maschinenraum der welt

schon längst den geist aufgegeben hat


die alte dame besucht uns alle

sie bringt den tod in einem schmuckkästchen

und wartet bis wir unsere moral

für ein paar silberlinge der bequemlichkeit

in den dreck werfen

die welt ist eine falle die er mit der präzision

eines uhrmachers konstruiert hat

um uns zuzusehen wie wir uns darin verheddern

ein tragikomisches lachen das in den bergen widerhallt

und dort erst stirbt wo die luft zu dünn wird

für die wahrheit


frisch ist der architekt 

der das haus nicht bewohnbar macht

sondern die wände einreißt

um den fremden im eigenen spiegelbild

beim lügen zu ertappen

„ich bin nicht ich“ schreibt er in den rauch

und stenographiert das scheitern der identität

auf die rückseite eines schweizerpasses


stiller gantenbein homo faber 

sie sind keine figuren sie sind beweise dafür

dass wir nur die rollen sind

die andere uns in die hand drücken

bis wir den namen vergessen haben

den wir uns selbst gaben

frisch ist der chirurg des sozialen gefüges

er öffnet die sprache wie eine wunde

um zu sehen ob darunter noch ein mensch pulsiert

oder nur das gerüst eines entwurfs

den wir nie zu ende bauen konnten


die komplizen des zweifels

sie sind das doppelte gewissen der schweiz

die einen berg aus schokolade

mit dem sprengsatz der analyse unterhöhlen

der eine lässt die welt in der groteske explodieren

der andere lässt das selbst 

im kreisverkehr der fragen verdampfen





HESSE


der einsiedler von montagnola

im süden wo die zypressen

die luft wie schwarze kerzen durchstechen

hat er die welt in ein aquarium aus licht getaucht

er ist der wanderer der nicht ankommt

weil er begriffen hat

die heimat ist keine stadt

sie ist eine vibration im eigenen nervensystem


im steppenwolf zerschlägt er die spiegelwand

lässt das bürgerliche ich wie alte haut

in den gassen von basel zurück

ein mann zwischen zwei welten

der die wurzeln in deutscher schwere hatte

aber die blüten im tessiner frühling

in eine ewigkeit übersetzte

die keinen pass und keine grenze mehr kennt


das glasperlenspiel der einsamkeit

er hat die sprache wie farben auf eine palette gelegt

jeder satz ein aquarell

das die schwere des denkens

in die leichtigkeit des seins auflöst

er ist der alchemist der melancholie

der aus der eigenen zerrissenheit

eine musik formt die nur der hört

der bereit ist den schmerz als kompass

in die unendlichkeit zu akzeptieren


hinter der maske des dichters

steht der meditative beobachter

der den kampf zwischen geist und trieb

nicht lösen sondern aushalten will

er macht das tessin zum ort

an dem man das „ich“ ablegt

um im steppenwolfgeheul der nacht

den einklang mit dem universum

wiederzufinden


der gärtner der inneren landschaften

er schreibt nicht für den markt

er schreibt für die landschaft hinter der stirn

in seinem garten in montagnola

wächst die erkenntnis dass wir alle

nur bruchstücke eines glasperlenspiels sind

dessen regeln wir erst im augenblick

des abschieds vollends begreifen


ein literarischer brückenschlag

vom kühlen deutschen wald

in das glühende blau der südschweiz

wo die worte nicht mehr belehren

sondern die seele nur noch

an ihre eigene unendlichkeit

erinnern




GOTTFRIED KELLER


der akribiker des kleinen glücks

er ist kein architekt der großen stürze

sondern ein gärtner der beobachtung

in seinen versen und in den fenstern von zürich

fängt er das licht ein das sich auf den alltag legt

als wäre der staub auf dem ladentisch

schon eine landschaft voller bedeutung


der grüne heinrich ist kein lebenslauf

er ist eine langsame metamorphose

vom träumen im schatten des eigenen ichs

hin zum begriffenen leben

das sich nicht in heldentaten erfüllt

sondern in der aufrechten würde

eines handwerks eines täglichen blicks

auf die menschen die wir lieben

ohne sie besitzen zu wollen


die realität als aquarell

er malt mit worten als hätte er den pinsel

in die farben einer sonnendurchfluteten schweiz getaucht

bei ihm ist der realismus kein kühles protokoll

er ist ein warmer fast zärtlicher blick

auf das was bleibt wenn die ideologien schweigen


seine novellen sind wie kleine stadtkarten

in denen jeder weg zu einer wahrheit führt

die so einfach ist dass man sie fast übersieht

er feiert das menschliche maß 

nicht die exzessive höhe der götter

sondern die beständige tiefe des bodens

auf dem wir stehen uns streiten

und schließlich friedlich nach hause gehen


die feder als spiegel der stadt

er war der ratschreiber der den stift

nicht nur für die akten benutzte

sondern um das herz der bürger zu vermessen

in seiner sprache schwingt die gelassenheit mit

die nur derjenige besitzt der das eigene leben

als einen fortlaufenden vers verstanden hat


ein klassiker der nicht in staubigen regalen verweilt

sondern in der art wie wir heute noch

auf die unperfekten wunderbaren details

unseres lebens schauen

mit einem auge das die ordnung liebt

und einem herzen das die abweichung

als notwendiges gewürz der existenz

schon längst in seine bücher aufgenommen hat




FERDINAND HODLER


die geometrie des schmerzes

er malt nicht den körper

er malt die rhythmische spannung des seins

seine figuren stehen in einer reihe

ein ewiger reigen aus holzschnittkonturen

die in die luft hineinwachsen

als wären sie säulen in einem tempel

aus reinem kristallinem licht


der holzfäller ist kein arbeiter

er ist ein archaisches gebet

ein moment in dem die axt den himmel spaltet

hodler versteht den parallelismus

die natur wiederholt sich nicht

sie schwingt

er fängt das universum ein

indem er es in klare unerbittliche linien zwingt

die uns zeigen dass jeder mensch

nur ein teil einer symmetrie ist

die weit über seinen eigenen atem hinausreicht


das sterben als sichtbare form

als er das gesicht seiner geliebten

im tod festhält

wird die farbe zur haut 

und der schmerz zur struktur

kein ausweichen vor der finsternis

sondern eine sektion der trauer

die das vergängliche in ewige ornamentik wandelt


seine bilder sind keine fenster

sie sind spiegel die das innenleben

nach außen kehren

der genfersee wird bei ihm zum flachrelief

eine blaue fläche die so unendlich scheint

dass man darin den eigenen boden verliert

er hat das schweizer land 

in ein raster der ordnung gebracht

und unter dieser ordnung bebt eine wildnis

die nur darauf wartet

in einer neuen farbe zu explodieren


der rhythmus der einsamkeit

er ist der maler der großen gesten

die im stillstand gefroren sind

wenn er menschen gruppiert

dann nicht um eine geschichte zu erzählen

sondern um das gesetz der form zu enthüllen


man steht vor seinen werken

und spürt wie die eigene bewegung nachlässt

hodler lehrt uns dass ruhe kein stillstand ist

sondern die konzentrierte energie eines bogens

der jeden moment schnellen könnte 

ein zeuge für die tiefe verbindung

zwischen dem menschlichen leid

und der stoischen unbewegten macht

der berge die hinter seinen leinwänden

immer schon auf den nächsten 

sonnenaufgang warten




LE CORBUSIER


die bewohnbare maschine

er hat den hausbau vom ornament befreit

die wand zur leichten haut reduziert

die auf dem skelett aus stahl und beton

wie ein leichtes kleid ruht

ein haus ist für ihn keine burg

keine höhle für das verstaubte bürgertum

sondern eine maschine zum wohnen

präzise effizient

ein rhythmus aus licht und funktion


das modulormaß in seiner hand

er vermisst die welt nach dem menschen

doch er macht ihn zur formel

ein goldener schnitt für den aufrechten gang

zwischen gläsernen fassaden

wo andere mauern bauten

zog er die rampe in den himmel

das dach als garten

das wohnen als eine choreografie der klaren linie


das betongebet von ronchamp

doch wenn die rechte-winkel-tyrannei

am beton ihre grenzen findet

wird er zum bildhauer des lichts

in ronchamp verbiegt er den raum

wie eine welle die im stein erstarrt

keine maschine mehr

sondern ein atmender körper

in dem das tageslicht durch schießscharten fällt

um die stille als architektur zu begreifen


er ist der zwiespalt aus purismus und ekstase

der ingenieur der die städte in türme aufteilte

und der poet der die sonne

in den dunklen winkel des betons zwang

ein pionier der das wohnen neu dachte

und dabei vergaß

dass der mensch nicht nur aus licht und luft

sondern auch aus dem schatten 

seiner geschichte besteht


der modulor der utopie

er entwirft zukunft auf weißes papier

mit dem zirkel in der einen hand

und dem misstrauen gegen das gestern in der anderen

seine stadt ist ein raster der ordnung

eine klare antwort auf das chaos der enge


er wollte die welt neu erfinden

ein universelles design für die moderne existenz

ob man in seinen bauten heute noch die utopie spürt

oder nur den kalten atem der funktionalität 

er hat die architektur für immer aus der schwere gelöst

jeder der heute durch eine gläserne tür tritt

oder in einem offenen grundriss atmet

wandelt auf den spuren seiner linien

die einmal versuchten

den himmel und die erde

in ein einziges rechtwinkliges 

versprechen zu zwingen




SOPHIE TAEUBER-ARP


die architektur des rhythmus

kein chaos mehr auf der leinwand

sondern die strenge musik der geometrie

sie hat das leben in quadrate und kreise gefaltet

wie ein origami der modernen seele

das die welt nicht abbilden

sondern in ihre elementaren 

schwingungen zerlegen will


ihre marionetten hölzerne wesen

an fäden aus purer abstraktion geführt 

sind die tänzer eines neuen jahrhunderts

sie wusste der mensch ist 

kein festgelegtes monument

er ist ein bewegliches muster

eine balance von farbflächen

die sich im wind des moments ständig neu ordnen


das gestrickte universum

sie hat die grenzen zwischen kunst und handwerk

eingerissen wie ein filigranes gespinst

perlenstickerei und textildesign

sind bei ihr keine flucht ins dekorative

sie sind die sprache der präzision

sie hat die mathematik des tessins

in wolle und stoffe übersetzt

ein weiches gitter das die härte der welt

mit dem taktgefühl einer visionärin umhüllt


im dada-taumel von zürich

war sie das stille auge im sturm

während andere lautstark den untergang zelebrierten

baute sie an einer neuen ordnung

aus vertikalen linien und komplementären farben

die auch dann noch leuchten

wenn der lärm der geschichte verstummt ist


die pionierin des freien formenraums

sie ist die ordnerin des ungeheuren

ob in ihren reliefs die wie gefrorene musik

an der wand atmen

oder in ihren architektonischen entwürfen

die den raum als rhythmisches ereignis begreifen 

sie hat den raum befreit


sie brauchte keine große geste

um das wesen der avantgarde zu definieren

ein punkt ein strich ein kreissegment 

sie hat die welt nicht neu erfunden

sie hat sie von allem ballast gereinigt

bis nur noch die essenz der schönheit übrig blieb

eine klare unbestechliche architektur des geistes

die heute noch jedes kunstwerk

als ein spiel der unendlichen möglichkeiten

erscheinen lässt




ALBERTO GIACOMETTI


das seziermesser der einsamkeit

er schabt das fleisch vom knochen

bis nur noch die essenz des gehens bleibt

ein langer dünner schatten

der sich durch den raum frisst wie ein gedanke

den man nicht mehr loswird

seine figuren sind keine menschen

sie sind die aussparungen die wir hinterlassen

wenn die zeit uns abträgt 

ein fragiles skelett aus bronze

das den leeren raum als gewicht trägt


sie stehen im nichts

in der stummen weite des bergells

wo der granit das maß aller dinge ist

er hat das menschsein geschrumpft

damit es nicht mehr unter der last

des eigenen daseins zerbricht


das auge das die leere misst

er malt nicht das gesicht er malt die abwesenheit 

die grauen schleier die sich über den blick legen

wenn man zu lange in den spiegel starrt

seine porträts sind keine ähnlichkeiten

sie sind ausgrabungen

er kratzt die farbe weg

bis der schädel unter der haut hervortritt

eine unerbittliche wahrheit

wir sind alle nur gäste im eigenen körper

auf dem weg in eine vertikale unendlichkeit


die hand ist ein werkzeug das immer wieder versagt

weil der abstand zwischen dem was man sieht

und dem was man begreift

größer ist als das leben selbst

er hat die distanz modelliert 

jeden millimeter bronzener einsamkeit

bis die stille im raum

so dicht wurde dass man sie kaum noch atmen kann


das gehen in den abgrund

die finger sind nadeln

die in den raum stechen

um zu prüfen ob da noch etwas ist

seine figuren laufen 

sie laufen nicht zu einem ziel

sie laufen weil das stehenbleiben

ein eingeständnis wäre

dass die welt uns längst verschluckt hat


er ist der bildhauer der die skulptur nicht erschafft

sondern das überschüssige wegwirft

bis nur noch der kern übrig bleibt

ein fragiler stolzer protest

gegen die gewalt der welt

ein einsamer spaziergang aus bronze

der uns lehrt dass wir genau dann

am meisten mensch sind

wenn wir den ballast unserer identität

im tal zurücklassen

und nur noch als ein dünner strich

gegen den abgrund bestehen




PETER ZUMTHOR


die archäologie der stille

er baut nicht für das auge

er baut für die haut die den stein berührt

ein haus von ihm ist kein objekt im raum

es ist ein sediment

gewachsen aus der geduld des materials

und dem langsamen atmen der landschaft


in den thermen von vals

wird wasser zur architektonischen substanz

der schiefer ist kein verkleidungsmaterial

er ist ein geologisches gedächtnis

man betritt das gebäude nicht

man taucht in eine tiefenzeit ein

in der jeder schritt auf dem boden

ein gespräch zwischen der erde

und der eigenen existenz ist


das handwerk der atmosphäre

er arbeitet mit dem licht als wäre es eine form

mit dem schatten als wäre es ein baustoff

es gibt keine eitelkeit der linie bei ihm

nur den geruch von holz das öl auf dem beton

die kühle eines raumes

der erst durch die anwesenheit des menschen

seine eigentliche funktion findet


zumthor baut keine utopien

er baut schutzräume gegen das geschwätz der zeit

ein zimmer ist bei ihm ein versprechen von dauer

ein widerstand gegen die beschleunigung

eine architektur die nicht schön sein will

sondern wahr


die kunst des weglassens

wer bei ihm eintritt vergisst die tür

er schafft raum der nicht abgrenzt

sondern einhüllt 

eine höhle die der moderne mensch braucht

um die fragmente seines selbst

wieder zu einem ganzen zu fügen


er ist der schweizer maulwurf der moderne

er gräbt tief in das fundament des ortes

um das zu finden was schon immer da war

aber unter dem schutt der neuzeit begraben lag

bei ihm wird bauen zur erlösung

weil er versteht

ein haus ist der ort an dem die seele

endlich ihre schuhe ausziehen darf

und im dunklen warmen stein

wieder nach hause kommt




DUNANT


die verwundbare weltkarte

er stand auf dem schlachtfeld von solferino

als das gras aufhörte zu wachsen

und nur noch die schmerzenslaute der sterbenden

die luft in der todeshitze teilten

er sah nicht die flaggen die im wind knatterten

er sah die röte des blutes

die keine nationalität kannte


kein strategischer plan

keine logik der macht

konnte die lücke füllen

zwischen dem befehl zum töten

und der pflicht das leben zu retten

er schrieb ein buch das kein roman ist

sondern ein aufschrei

gedruckt auf das papier eines moralischen erwachens


das rote kreuz auf weißem feld

das kreuz nicht als religiöses zeichen

es ist ein schutzraum aus stoff

er hat das erste neutrale territorium

auf die erde gezeichnet

dort wo der mensch zum patienten wird

hört der krieg auf ein spiel der ideologien zu sein

und wird zur humanitären notwendigkeit


er hat die bürokratie der barmherzigkeit erfunden

eine organisierte form von mitgefühl

die dem chaos der gewalt

eine struktur der hilfe entgegenstellt

ein visionär der daran zerbrach

dass die welt zwar sein zeichen annahm

aber die lehre dahinter immer wieder vergaß


die einsamkeit des ersten friedens

vom glanz der salons

in die tiefe des vergessens

ein leben das sich an der menschlichkeit aufrieb

er war der erste der verstand

der frieden ist nicht die abwesenheit von waffen

er ist die permanente aufmerksamkeit

für den schmerz des anderen


sein nobelpreis war kein triumph

er war eine mahnung an eine welt

die sich noch immer weigert

die grenzen des mitgefühls

weit genug zu ziehen

er hat uns ein vermächtnis hinterlassen

ein weißes quadrat und einen roten strich

die daran erinnern

dass wir egal auf welcher seite wir stehen 

am ende immer nur ein körper sind

der nach heilung verlangt




WILHELM TELL


der schuss im herzschlag der berge

er ist kein staatswesen kein gesetz

er ist das ruckartige erwachen der schwerkraft

im moment der ungerechtigkeit

die armbrust ist kein waffensystem

sie ist eine verlängerung des willens

der sich weigert sich vor dem hut

eines fremden herrschers zu neigen


der apfel das zerbrechliche zentrum der angst

die auf dem kopf des eigenen sohnes balanciert

ein schuss der die zeit spaltet

vorher die unterwürfigkeit

nachher der donnerhall der freiheit

der durch die engen schluchten grollt

wie ein unaufhaltsames gewitter


das schweigen nach dem donner

er spricht nicht viel

er handelt im rhythmischen takt der alpen

sein schweigen ist keine leere

es ist die gespannte sehne

die nur wartet bis die zeit reif ist

der gesslerhut ist ein leeres gefäß für macht

tell ist der pfeil der es durchlöchert

und die ordnung der tyrannen

in den staub der wege schickt


er ist das mythologische fundament

auf dem wir unsere häuser bauen

ein fremder in den eigenen bergen

der erst zur legende werden musste

um uns zu zeigen dass man niemals

den kopf senken muss

wenn die freiheit nur einen herzschlag weit

von der eigenen hand entfernt ist


der phantomarchitekt der freiheit

vielleicht gab es ihn nie

vielleicht ist er nur der schatten

den die angst vor der knechtschaft

an die felswand der geschichte warf

doch die legende ist eine wahrheit

die schwerer wiegt als die tatsache

tell ist der pfeil der immer im flug bleibt

ein unendliches zielen auf die mitte

unserer eigenen verantwortung


er zieht sich zurück in die hohle gasse

ins dunkle ins ungreifbare

und lässt uns allein mit der armbrust

jeder der heute noch aufrecht geht

spürt den zug der sehne in den fingern 

nicht um zu töten

sondern um das ziel nicht aus den augen zu verlieren

die unbedingte freiheit

die dort beginnt wo man sich weigert

einem herrscher die ehre zu erweisen

den man selbst nicht gewählt hat




ZWINGLI


der riss im steinernen himmel

er schneidet nicht mit der axt

er schneidet mit dem wort

das zürich der frommen bilder

sieht zu wie er den prunk der sakramente

aus den kirchen fegt

als wäre die kunst nur ein schleier

der den blick auf das nackte gotteswort verstellt


die wurst die er in der fastenzeit bricht 

ein provokation ein schlag ins gesicht der tradition

er will nicht die macht der priester

er will die direkte leitung zum unendlichen

ohne den zölibat ohne den weihrauch

ohne die heiligen die nur als statuen

im staub der jahrhunderte verblassen


das gewissen als schlachtfeld

er ist kein friedfertiger prophet

er ist ein krieger der logik

er rechnet die welt gegen den bibeltext auf

bis die rechnung nicht mehr aufgeht

sein glaube ist eine mathematik der reinheit

die keinen platz lässt für das vielleicht

der menschlichen schwäche


in kappel wird der geist zur schlachtreihe

der theologe zum feldherrn

dessen eigene waffen ihn am ende zermalmen

er wollte die kirche aus dem schatten holen

und fand sich selbst im schatten

des eigenen fanatismus wieder


der iconoclast der inneren ordnung

seine reformation ist eine entkernung

er baut das gold ab bis nur noch das holz bleibt

ein purismus der die sinne ausschaltet

damit der verstand endlich

die wahrheit buchstabieren kann


er hat den himmel auf die erde geholt

indem er die rituale zerstörte

was bleibt ist ein leerer raum

in dem wir nun stehen müssen

mit nichts als unserem gewissen

und einer sprache die nicht mehr betet

sondern nur noch prüft

ob das was wir glauben

auch das ist was wir verantworten können

vor dem angesicht einer unendlichkeit

die schweigt während wir uns um worte streiten




BRUDER KLAUS


das rad im zentrum der stille

kein kriegsgeschrei dringt mehr durch die wände

der rauchverhangenen klause

er hat das schwert im garten vergraben

nicht um zu vergessen

sondern um das metall 

in schweigen zu verwandeln


der einsiedler im ranft

der die sprache des hungers spricht

bis die nahrung nur noch gott ist

ein mann der den staat zusammenhielt

indem er ihn verließ 

er ist der anker in der strömung der macht

das rad das sich in seinem inneren dreht

drei strahlen die in die unendlichkeit führen

ohne sich jemals zu berühren


das schweigen als grenzposten

er ist das gewissen das in der schlucht wartet

als die eidgenossen vor dem abgrund standen

brachte er das wort das nicht belehrt

sondern entwaffnet

macht die zäune nicht zu weit


er ist kein politiker

er ist ein meteorologe des friedens

der das aufziehende gewitter des hasses

früher spürt als die herren in den ratssälen

sein rat ist kein dekret

er ist ein sanfter druck gegen die gier

die den frieden zerfressen will

bevor er richtig begonnen hat


der leere raum zwischen den welten

er hat die welt durch das tor der entbehrung verlassen

um sie besser sehen zu können

sein fasten ist kein verlust

es ist ein freimachen von den dichten schichten des ichs

ein schweizer mystiker

der die politik aus der distanz des gebets ordnet

während er in seiner hütte

das unendliche auslotet


er ist das paradoxon am fluss

der der am wenigsten wollte

hat die struktur des landes am tiefsten geprägt

ein phantom der ruhe

in einem land das erst lernen musste

dass die stärkste waffe nicht die armbrust ist

sondern das vermögen

die eigene macht in den dienst

der anderen zu stellen 

im schatten einer hütte

wo das einzige gesetz das schweigen ist



HENRY DUFOUR


der kartograf des zusammenhalts

er zeichnet die linien in die landschaft

nicht mit dem degen sondern mit dem messstab

dufour sieht die schweiz nicht als schlachtfeld

sondern als ein relief

dessen höhenlinien aus der geologie

und dessen täler aus der geschichte wachsen


sein blick auf das land ist topographisch

er weiß dass jeder berg den man erklimmt

nur ein aussichtspunkt ist

um die fragilität der grenzen zu begreifen

als die brüder die waffen gegen die brüder richten

baut er die brücken die halten 

nicht aus holz und stein allein

sondern aus dem maß der menschlichkeit

das er auch im feuer des konflikts nicht verliert


das relief der versöhnung

der sonderbundeskrieg ein riss in der kruste

den er mit der präzision eines ingenieurwesens schließt

er führt den krieg um ihn zu beenden

mit einer sparsamkeit an leben

die in der blutigen logik der zeit

fast wie ein wunder erscheint


er versteht eine nation ist keine festung

sie ist ein netzwerk aus übereinkünften

daher das rote kreuz

daher die schutzschicht über den wunden

daher die karten die er zeichnete

um uns zu zeigen wo wir stehen

und wie eng das land ist in dem wir atmen

wenn wir nicht lernen einander den raum zu lassen


der stille general der maßhaltung

er ist die ordnung hinter dem chaos

der kühle kopf in der hitze der leidenschaften

dufour trägt die uniform

aber unter dem tuch schlägt das herz eines vermessers

der weiß dass man die freiheit

nicht durch unterwerfung gewinnt

sondern durch das exakte verhältnis

von macht und nachsicht


wenn er heute auf sein werk blickt 

die karten präzise die brücken stabil

der frieden als dauerhafte topographie 

dann sieht er ein land das überlebt hat

weil es gelernt hat

dass die stärkste befestigung eines staates

nicht der wall ist der den anderen ausschließt

sondern die karte auf der wir alle

trotz unserer unterschiede

einen gemeinsamen boden finden




ANNA GÖLDI


der schatten im licht der aufklärung

sie ist kein mythos sie ist ein zeugnis 

eine frau die zwischen die zahnräder

einer sterbenden zeit geriet

1782 während die welt vom geist der vernunft träumte

schrie das glarnerland noch im finsteren gestern

anna göldi war keine hexe

sie war die unbequeme wahrheit in einem haus

in dem die macht ihren platz

durch die vernichtung einer fremden existenz sichern wollte


man nannte es hexerei

doch es war der mord an einer frau

die zu viel gesehen zu viel gewusst

und sich der logik der unterordnung

einfach entzogen hatte

ihr tod ist keine legende

er ist das letzte zucken eines systems

das seine eigene moral nicht mehr ertragen konnte


das protokoll des entsetzens

die feder des richters die ihr den tod schrieb

war getränkt in der tinte der angst vor dem freien willen

anna göldi ist der dunkle spiegel

in dem die schweizer geschichte ihre eigene grausamkeit

nicht mehr hinter bergen verstecken konnte

sie wurde hingerichtet

als die welt eigentlich längst begonnen hatte

den aberglauben hinter sich zu lassen


ihr prozess war ein stück

in dem die rollen längst verteilt waren

die schuldige war schon vor dem ersten wort gefunden

weil die ordnung nur dann glänzen konnte

wenn man die abweichung auslöschte

eine tragödie die nicht im fegefeuer endet

sondern in der kalten bürokratischen effizienz

eines richterspruchs der sich recht nannte


das mahnmal der unschuld

heute ist sie eine narbe in der landschaft

eine erinnerung die an den felswänden klebt

wenn der wind durch die täler zieht

sie lehrt uns dass fortschritt keine gerade linie ist

sondern ein kampf in dem das schwächste glied

immer zuerst zerbricht

wenn die gesellschaft ihre eigene angst

als gerechtigkeit tarnt


anna göldi ist die stille die bleibt

wenn man nach der letzten hexe fragt

sie ist nicht das opfer einer finsteren magie

sondern das opfer der menschlichen engstirnigkeit

ihr schicksal ist der ewige stachel

in unserem selbstbild 

eine mahnung dass wir niemals aufhören dürfen

die justiz zu hinterfragen

denn die dunkelheit beginnt dort

wo wir anfangen uns unsere wahrheit

auf kosten der anderen zurechtzubiegen




ROGER FEDERER


der tänzer auf dem sand der zeit

er spielt nicht nur tennis er orchestriert den raum

wo andere gegen den ball kämpfen

findet er den moment in dem die physik

vor der ästhetik kapituliert

der maestro ist kein krieger

er ist ein choreograf des weißen sports

dessen rückhand so mühelos über das netz gleitet

als hätte er den wind gebeten

ihr den weg zu weisen




CANCELLARA


der schmerz als kompass

kein berg war je zu hoch

denn die steigung war nicht sein maß

sein maß war die zeit

dieser flüchtige zeiger auf der uhr

den er mit gewalt und anmut

in die länge zog


spartacus ein name aus bronze

geschmiedet auf dem kopfsteinpflaster 

der hölle des nordens

wo jeder schlag der kette

ein gespräch mit dem granit ist

er fuhr nicht gegen die gegner

er fuhr gegen die eigene grenze

einen korridor aus purer konzentration

in dem die welt um ihn herum

zu einem verschwommenen 

streifen aus asphalt wurde


das schweigen der übersetzung

wenn er in die aerodynamische geducktheit ging

veränderte sich die physik des windes

die maschine war keine äußere hülle

sie war die verlängerung seines willenszentrums

er brauchte keine berge um held zu sein

ihm reichten die ebenen der flache wind

die einsamkeit der zeitfahrrampe

wo man nur noch sich selbst hört 

ein rhythmus so stetig und hart

dass er die sekunden aus dem gefüge hob


die goldene rückkehr in den abgrund

der kreis schloss sich im sand von rio

nicht als junger stürmer

sondern als meister der das alter

in pures gold verwandelte

ein abschied der so präzise getaktet war

wie eine seiner unzähligen bestzeiten


er ist das vermächtnis der kraft

dass man nicht geboren sein muss zum sieger

sondern dass man das leiden

als eine sprache begreifen kann

wenn heute ein rad über die straße rollt

schwingt in jedem tritt noch das echo mit

ein schweizer der nicht nur gegen die uhr fuhr

sondern der zeit selbst

einen neuen rhythmus abtrotzte

bis das zielband riss 

ein schlussstrich unter das

was menschliche ausdauer sein kann

wenn der geist das pedal

in die ewigkeit zwingt




BEAT FEUZ & LARA GUT-BEHRAMI


die schneidende präzision der kante

sie sind keine fahrer 

sie sind navigatoren der schwerkraft

wo der abhang zum abgrund wird

suchen sie die linie des geringsten widerstandes 

ein hauchdünner pfad aus eis

an dem sich entscheidet

ob die fliehkräfte sie verschlingen

oder wie einen pfeil aus der kurve schießen


der feuz ein gleiter ein leser der bodenwellen

dessen schwerpunkt so tief im schnee verwurzelt ist

dass er selbst bei eisigem schlag

die ruhe eines berges behält

eine souveränität die sich nicht anstrengt

weil sie das eis bereits als partner

und nicht als gegner begriffen hat


die kinetik des willens

die gutbehrami ein sturm in der bewegung

geformt durch die jahre der fokussierung

wo jeder schwung eine physikalische gleichung ist

sie tanzt auf der kante

eine balance aus intelligenz und roher energie

die keine zweifel kennt

wenn sie sich in die falllinie wirft


beide sind architekten des momentums

der schnee spritzt nicht einfach weg

er wird zur spur einer entschlossenheit

die sich dem untergrund einschreibt

als wäre der hang ein weißes papier

auf dem nur die perfekte kurve

den wahrheitsgehalt der existenz beweist


die einsamkeit im tosenden publikum

unter dem helm findet keine gemeinschaft statt

dort herrscht nur das echo des eigenen atems

die absolute stille in der geschwindigkeit

wenn sie das starthaus verlassen

lassen sie die welt hinter sich 

ein sturzflug in die gewissheit

dass nur die zehntelsekunde zählt


sie sind die ausläufer einer kultur

die den berg nicht bezwingt

sondern in ihn eintaucht

ein tanz auf kristallinem staub

der die schwere für einen augenblick aufhebt

bevor sie unten im tal ankommen 

wieder auf festem boden

während in ihren beinen noch das vibrieren

der unendlichen abfahrt nachhallt

ein schweizer mantra aus eis geschwindigkeit

und der stillen ekstase 

des perfekt vollzogenen schwungs




ALTSTADT VON BERN


das steinern fließende herz

sechs kilometer lauben 

ein langer sandsteinerner atemzug

der sich durch die zeit schmiegt

hier ist die stadt kein zufall

sondern ein in stein gehauener takt

ein mittelalterliches versprechen

das den regen abhält und die schritte

in den schatten der arkaden lenkt


die innere stadt ist kein museum

sie ist der lebendige fluss der zeit

in dem sich geschichte und gegenwart

unter dem dach der geschichte treffen


das herz des rhythmus

im Zytglogge tickt das gewissen der stadt

ein mechanisches wunderwerk

das die stunden zählt

nicht um sie zu verlieren

sondern um sie als kunst zu bewahren


zwischen den bögen und den gassen

wo das sandsteinleuchten den tag 

in eine ewige dämmerung taucht

bleibt bern ein architektonisches gedicht

das man nicht lesen

sondern durch das man hindurchgehen muss




STIFTSBEZIRK SANKT GALLEN


das archiv der ewigkeit

hinter barocken fassaden

wo der stuck wie erstarrte wolken schwebt

ruht das schweigen in leder gebunden

ein schiff aus holz und pergament

getragen von der last der jahrhunderte


hier atmen die tintenflecken der mönche

die buchstaben aus dem nichts gerungen

fressen sich in das mark des baumes

ein gewölbe aus geist

das den staub der zeit als schatz bewahrt


die stiftskirche ein schrei aus gold

der in die kuppel entweicht

um im hall der gebete zu verglühen

hier wurde die welt in regeln gefasst

in zeilen die wie unendliche waldwege

durch das dunkel der geschichte führen


kein windhauch erreicht diese zeilen

kein licht darf den abrieb der jahre stören

hier ist die zeit nicht ablauf

sie ist ein ruhender kristall

ein kosmos aus tinte

der wartet

bis jemand die seite wendet

und den atem der vergangenheit

wieder in die gegenwart liest




BURGEN VON BELLINZONA


drei kronen aus schiefer und hartem gestein

wachposten über dem nadelöhr der welt

wo das tal sich verengt zur klammer wird

da blicken sie starr auf den pass

auf den strom der reisenden der händler der fremden

die immer nur durchgang waren


die zinnen ein zerklüfteter kamm am horizont

gezeichnet vom eisen das hier die grenze zog

castelgrande montebello sasso corbaro

ein dreiklang aus drohung und schutz

verankerung für die stürme des nordens

die hier am granit der geschichte zerschellten


keine einladung zum bleiben

sondern die steinerne faust des südens

sie halten die schlüssel des passes

bewahren das echo der maultiere und waffen

ein monument des misstrauens

das heute nur noch die sonne einfängt

und das schweigen der mauern

als einzige antwort auf die zeit behält




WEINBERGTERRASSEN VON LAVAUX


gestapelte zeit an den hängen des sees

gefügt aus granit der geduld und schweiß 

hier trägt die erde kein kleid aus wald

sie ist eine treppe zum licht

aufgeschichtet in trockenen mauern

die den hang in ein buch verwandeln

geschrieben mit reben statt mit worten


das wasser des sees ein silberner spiegel

der die sonne in die zeilen wirft

jede terrasse ein abdruck von händen

die den stein zum atmen zwangen

damit der saft der erde in den beeren

die mühe der jahrhunderte veredelt


keine flucht in die vertikale

sondern ein verweilen auf schmalen graten

wo der wein das echo der steine schmeckt

eine architektur des wachstums

die der schwerkraft die stirn bietet

grün das sich an den fels krallt

und zeit die im glas der gläser

endlich zur ruhe kommt



UHRENINDUSTRIE


in die kälte des juras geschnitten

ein raster aus licht und präzision

hier wurde die stadt zur maschine

die straßen wie zahnräder ausgerichtet

im takt der sonne die durch die fensterreihen

in die werkstätten flutet


keine zufälligen winkel

nur die notwendigkeit der sicht

das einfangen des tages für das kleinste werk

die fassaden sind gehäuse

die das tempo der welt in gehäuse bannen

ein urbanes getriebe aus stein

das den sekunden den platz zum atmen lässt


hier ist der grundriss ein zifferblatt

die architektur nur die hülle

um den unaufhaltsamen fluss der zeit

in bewegung zu setzen

ein städtebau der minutiösen ordnung

wo die straße den rhythmus der unruh vorgibt

und der schritt der menschen

mit dem ticken der welt verschmilzt




RHÄTISCHE BAHN


stahlbänder geknüpft in die steilwand des fels

ein rhythmus aus brücken die die leere überbrücken

und tunneln die das innere des berges zum atmen bringen

hier hat das eisen die schwerkraft vermessen

ein tanz auf dem grat wo die schiene den abgrund berührt


kein schnurgerader weg durch die welt

sondern eine spirale ein schraubgewinde ins eis

das sich durch kehrtunnel und viadukte

in den himmel frisst

die landschaft ein monolith aus granit und schnee 

sie beugt sich dem maß der achsen

während der zug das echo des stahls

in die einsamkeit der gipfel trägt


eine architektur des vorankommens

die den berg nicht bezwingt sondern ihn umarmt

auf kurven die wie gedankenströme fließen

hoch über den tälern wo die zeit stehenbleibt

während wir gefangen im gleis

die erde unter uns in die vertikale schieben



AUGUSTA RAURICA


in der erde der stumme atem von caesar

zerschlagene säulen die gras überwuchert

hier wo der rhein noch die grenze markierte

steht das theater als leeres ohr

das den lärm der jahrhunderte in stein verwandelt hat


kein marschtritt mehr auf dem cardo

nur der wind der durch die reste der thermen fährt

ein geist aus sandstein und marmorstaub

das römische maß in die hügel von augst gegossen

ein vergessenes versprechen von ordnung

heute nur noch eine bühne für die stille


die steine erzählen von einer welt

die sich für die ewigkeit hielt

und doch nur eine schicht im sediment blieb

wo einst das feuer brannte und der wein floss

leuchtet heute das moos in der sonne 

ein fragment ein bruchstück ein echo

das leise unter unseren füßen bebt

während wir über den scherben eines reiches gehen

das längst wieder erde wurde



VINDONISSA


Unter dem acker die schlafende eisenfaust

die erde bewahrt das muster des marsches

kein tempel des glücks sondern ein lager des stahls

wo die legion das recht in die erde trieb

als die aare noch das ende der welt begrenzte


die quadratische schwere der ordnung

eingegraben in den schlamm der historie

hier wo die centurionen den horizont prüften

ist heute nur noch die stille der furche

ein geflüstertes kommando in der wurzel des weizens


die legion ist fort der adler verrostet

doch die grundrisse brennen als schatten im gras

ein lager für den augenblick der ewigkeit

das unter dem dorf von windisch schlägt 

wie ein herz aus blei

das davon erzählt wie man die welt besaß

bevor man selbst zum staub wurde

den der nächste regen in den fluss trägt



SCHLOSS CHILLON


ein anker aus stein im schlund des sees

festgekrallt am rücken der tiefe

zwischen dem blau der fluten

und dem eis der gipfel

erhebt sich das schweigen der zinnen


kein schloss der träume eher ein schiff

das vor jahrhunderten im eisgang erstarrte

die mauern zeugen von ketten und herrschern

in den verliesen das feuchte atmen der geschichte

wo das wasser den stein poliert

und die zeit sich in den gewölben bricht


heute ist es eine bühne für die fremden

ein monument das die wellen umspülen

man geht durch die korridore

ein echo der schritte im dämmerlicht

und spürt den blick des sees

der schon viel zu viele jahre gezählt hat

als dass der glanz der zinnen

den schatten im keller jemals tilgen könnte



RÜTLIWIESE


ein fleckchen grün das den himmel hält

über dem schlund des vierwaldstättersees

kein monument aus kaltem stein

kein palast der über die stämme gebietet

nur gras das im wind die geschichte wiegt

die so leise begann wie ein versprechen


hier ist der raum ein schweigender schwur

ein kreis den die angst vor der fremden faust

in den hang trieb

kein prunk nur die weite

die sich dem wasser und dem wolkenzug öffnet

wo das heute auf dem gestern ruht

wie ein stein auf einem pfad


ein ort an dem die sage die wirklichkeit küsst

wo die wurzeln tiefer greifen als jede urkunde

kein festes fundament aus beton

sondern eine idee gewebt aus dem nebel der berge

die hier an diesem fluss der stille

immer wieder neu zur welt kommt

wenn der wind über die wiese streift

und das echo der alten zeiten

im schilf des ufers verweht



LATENIUM


ein gläserner riss im gewebe der zeit

am ufer des sees wo das wasser noch heute

die zeichen der ahnen in den schlamm schreibt

kein depot aus staub sondern ein korridor aus glas

der den blick zurückwirft in die dämmerung der eisenzeit


hier wurden die schwerter zu ringen gebogen

die krieger zu schatten im wasser des latène

die vitrinen ein atemhauch zwischen heute und gestern

gefüllt mit den splitterresten eines lebens

das in der spirale der muster und fibeln

seinen eigenen wilden rhythmus fand


wir treten durch die schichten

von der bronze zum gold zum rost der geschichte

und sehen in den fragmenten der krüge

den abdruck der daumen die das tongefüge einst hielten

ein museum als offene hand

die uns aus der tiefe des sedimentes entgegenstreckt

nicht die erinnerung an das was vergangen

sondern das echo der bewegung

die uns erst zu dem machte was wir heute sind



MATTERHORN


eine steinerne klaue die den äther zerkratzt

ein zahn aus granit der aus dem eis hervorwächst

hier endet das maß der dinge

wo die wolken sich in der steilwand verfangen

und die zeit im dünnen sauerstoff

zu einem einzigen stechenden herzschlag gerinnt


kein berg für die sanften

kein weg für die suchenden der ebenen

es ist eine vertikale kathedrale aus schatten und licht

an deren grat der mensch nur gast ist

ein flüchtiges molekül vor der unendlichkeit des felses


im dorf unten das echo der legenden

oben das eisige schweigen

das den stolz derer bricht die es bezwingen wollen

es ist keine spitze es ist eine grenze

ein monolith der erhabenheit

der in den abendstunden in glut taucht

nur um in der nacht wieder zum schwarzen schatten zu werden 

ein stummer wächter über den abgrund

der uns erinnert wie klein der mensch ist

wenn er den kopf in den nacken legt

und in das auge des riesen starrt



JUNGFRAUENJOCH


ein stich in das weiße herz des himmels

auf dreieinhalbtausend metern wo die luft

ihre dichte verliert und das atmen zu einer kunst wird

hier oben ist die erde nur noch ein ferner gedanke

verloren im ewigen leuchten des ewigen eises


der aletsch ein fluss aus versteinertem winter

eine träge gewaltige masse

die sich über äonen in das gestein grub

und uns die spur der eiszeit als narbe hinterlässt

hier zeigt die natur ihr unendliches geduldprotokoll

eine stille so schwer dass sie das echo verschluckt


kein boden unter den füßen nur die kruste der welt

ein topographisches versprechen das den horizont sprengt

wir stehen auf dem grat der die wolken von der welt trennt

gefangen zwischen dem kristallinen blau

und der unbegreiflichen weite des massivs

ein ort an dem die zeit nicht vergeht

sondern in der eisigen klarheit

einfach nur innehält



RHEINFALL


ein donnern das den boden befreit

eine weiße gewalt die sich selbst überstürzt

kein rinnsal kein spiel

sondern der rhein der die fesseln des landes sprengt

und sich als weißes leuchten in den abgrund wirft


das wasser ein unaufhörlicher puls

der den stein zum beben bringt

ein tosender rhythmus der das denken zerstäubt

hier verliert die zeit ihre kontur

wird zum nebel der über den becken hängt

ein feuchter schleier aus millionen gesplitterten sekunden


im zentrum der schäumenden raserei

bleiben die felsen ungerührt

während die flut an ihnen zerrt

ein monument des ständigen wandels

das uns daran erinnert

alles ist fluss

alles ist sturz

und in der mitte dieses brausenden chaos

findet das auge nur die weiße

unendliche ruhe der bewegung



RUINAULTA


ein riss im gesicht des berges

aufgebrochen vom fallen der jahrmillionen

wo der rhein sich in das fleisch der erde gräbt

da klafft die leere

eine architektur aus weißem schutt und hellem kalk

die den himmel in die tiefe zwingt


kein sanfter pfad

nur das steinerne labyrinth

wo der fluss in grünem smaragd erstarrt

und die wände wie riesige schweigende schichten

die geschichte des sturzes bewahren

ein canyon nicht aus sand und hitze

sondern aus schatten gestein und der beharrlichkeit des wassers

das sich den weg durch das schweigen sucht


hier verlieren wir das maß im abgrund

wo bäume wie nadeln am rand der welt stehen

und der wind durch die scharten singt

ein ort an dem die erde ihre haut abwarf

um den blick in ihre klaffende

wunderschöne wahrheit freizugeben

die zeit ist keine linie

sie ist eine schlucht

in die man nur blicken kann

um den atem zu verlieren



VIERWALDSTÄTTERSEE


ein becken gefüllt mit dem blau der geschichte

umarmt von den riesen die in den himmel ragen

kein simpler see sondern ein spiegel der zeiten

in dem sich der pilatus im düsteren schatten krümmt

und die rigi im gold der sonne den abhang entfaltet


das wasser ein pulsierendes herz aus tiefem grund

verbunden mit der wiese auf der das schweigen den eid gebar

zwischen den armen des wassers und den zacken der grate

webt der nebel die geschichten der schiffe und berge

ein ständiger wechsel von lichtspiel und schwefel

von sagengestalten und dem schlag der ruder


hier trifft der sturm auf die stille des ufers

die steile wand auf das sanfte gleiten der wellen

eine arena die den horizont nicht begrenzt

sondern ihn im ring der gipfel verankert 

ein ort an dem das land zu sich selbst findet

während unter der oberfläche die urkraft ruht

und in den buchten der klang der jahrhunderte

als leises wispern im schilf noch immer nachhallt



OESCHINENSEE


ein juwel in den steinernen kelch der berge gegossen

wo die bläue des himmels in der tiefe zur ruhe kommt

kein gewöhnliches wasser sondern flüssiges licht

das in der kühle der gletscher geformt

die haut der welt spiegelglatt verschließt


über ihm die wächter aus eis und schroffem kalk

die in den abgrund ragen als wollten sie sich selbst tränken

hier oben ist die welt in ein schweigen getaucht

das nur vom fernen grollen der lawinen

oder dem rauschen der wasserfälle durchbrochen wird

die silberne fäden in das becken spinnen


es ist ein ort der absoluten klarheit

wo die wolken wie geister über die fläche gleiten

und das auge im tiefen türkis versinkt

ein becken das die zeit des sommers einfängt

bevor der schnee es wieder in seine weiße

unberührbare stille hüllt 

ein stück himmel das sich in die berge verirrt hat

und nun dort wartet wie ein tiefblauer atemzug

in der lunge der alpen



DAS TESSIN


ein süden der sich in den norden stahl

wo die palme den gletscher grüßt

hier atmet die luft den duft von zitronen

während die gipfel noch den schnee als krone tragen

und der granit sich im blau des sees verliert


ein tanz zwischen den welten

die piazza eine bühne für den langsamen schritt

gepflastert mit der sonne eines anderen landes

und im rücken die steilen treppen der täler

die in die einsamkeit der alpen führen


das licht hier hat eine andere farbe

weich fast honiggelb auf den fassaden von lugano

wo die stadt sich an das ufer schmiegt

als fürchtete sie den kontakt zur erde zu verlieren

in locarno und ascona fließen die tage

wie der wein in den gläsern

dunkel schwer voll von geschichte und süße


es ist ein landstrich der widersprüche

wo das italienische temperament den schweizer takt bricht

und die zeit sich verlangsamt

um den augenblick auszukosten

kein bruch zwischen eis und blüte

sondern eine umarmung

ein mediterraner traum gefangen im fels

der uns lehrt dass man auch dort zu hause sein kann

wo die berge das meer im herzen tragen



BERNER OBERLAND


ein gezeichnetes bild das zur wirklichkeit wurde

wo das grün der matten das weiß der gipfel küsst

hier stehen die häuser wie aus holz geschnitzt

mit blumen am balkon die dem wind trotzen

und dächern die sich wie schutzschilde

über das leben der talbewohner neigen


im hintergrund die eiserne dreifaltigkeit 

eiger mönch und jungfrau 

ein monumentaler abriegel aus fels und schnee

der den horizont in ehrfurcht erzittern lässt

hier ist die tradition kein staub in der vitrine

sondern das läuten der kuhglocken im morgenlicht

ein metallischer rhythmus der das tal weckt

und die zeit an die weiden bindet


man atmet hier die dichte der geschichte

zwischen den schroffen wänden der schluchten

und der weiten sonnendurchfluteten höhe

ein land der kontraste

die härte des berges gegen die weichheit des heus

der stolz der bergbauern gegen die sehnsucht der reisenden


es ist das schweizer herz das hier schlägt 

manchmal in der stille einer alm

manchmal im donner einer abrutschenden lawine

ein postkartenmotiv das doch so viel tiefer geht

denn wer einmal den geruch von frischem gras

und kaltem gletschereis in der nase hatte

versteht warum die berge hier oben

nicht nur die erde halten

sondern auch den traum vom einfachen

reinen sein



GRAUBÜNDEN


ein weitläufiges archipel aus steinerner einsamkeit

wo die täler wie finger in den schoss der alpen greifen

graubünden ein land der sprachen und der abgründe

vom rauen schweigen der hohen gipfel

bis zum glanz der salongesellschaft im tal


dort wo der nationalpark die zügel der zeit lockert

darf die natur wieder wildnis sein

ein urzustand in dem der hirsch den takt vorgibt

und die wälder dem menschlichen maß trotzen

kein pfad zu viel kein eingriff zu tief

nur die ungestörte spirale des werdens und vergehens

geschützt durch die strengen gesetze der ruhe


und wenige meilen weiter das mondäne st moritz

wo das licht im diamant der höhen funkelt

hier trifft der pelz auf das eis des sees

die geschichte der kuren auf die moderne der geschwindigkeit

ein glitzerndes theater in dem die welt sich versammelt

um in der dünnen klaren luft das leben zu zelebrieren

während draussen die berge wachen

unberührt vom flüchtigen glanz der salons


es ist eine region der extremen weite

ein geographisches gedicht aus granit und schiefer

das den stolz der walser mit dem kosmopolitischen wind vereint

graubünden ist nicht ein punkt auf der karte

sondern ein rhythmus 

mal der schwere schritt des Wanderers im tiefen schnee

mal der silbrige klang eines glases im luxushotel

ein land das uns den raum gibt um zu atmen

und die grenzen der eigenen sichtweite

bis weit in den horizont der gipfel hinausschiebt



DIE ROMANDIE


ein klang der weicher auf der zunge liegt

wo das französische „r“ wie eine welle am ufer bricht

die romandie eine landschaft die sich dem licht zuwendet

hingelagert an den hang wo die weinberge in geometrischer präzision

die schwerkraft herausfordern und den hang in ein grünes tessellat verwandeln


hier ist die stadt ein gespräch das nie endet

genf die diplomatische weltenbühne

wo das wasser des sees als fontäne in den himmel schießt

als wollte es die gesetze der schwere für einen moment aufheben

lausanne die treppenstadt die sich am berg krallt

mit einem blick der über den see schweift

bis hinüber zu den gipfeln die in der ferne wie zähne am horizont stehen


zwischen den rebzeilen im lavaux und den boulevards

fließt das leben gelassen beinahe wie der see selbst

es ist eine kultur des genusses der nuance und des stils

wo der wein das blut der erde ist

und jede flasche eine erzählung von sonne und schiefer

kein hastiger takt sondern ein art de vivre

das die tradition bewahrt ohne im gestern zu verweilen


die romandie eine brücke zwischen der wucht der alpen

und der leichtigkeit des frankophonen geistes

ein land das uns lehrt dass ordnung und leidenschaft

keine gegensätze sind sondern schwestern

die eine wächst als rebe aus dem steilen stein

die andere leuchtet als blaues glitzern im see

und spiegelt die welt wider

die hier an diesem ufer immer ein wenig feiner

ein wenig leuchtender zu sein scheint



HEILIGER GALLUS


ein wanderer von der grünen insel

mit dem feuer des nordens im blick und der stille im schritt

er trat aus dem wald als der boden noch dem schatten gehörte

und legte den ersten stein nicht für die macht

sondern als zeichen für das licht das er in sich trug


wo er seinen stab in die erde stieß

da begannen die wurzeln der schrift zu schlagen

kein prunkvolles werk von anbeginn

nur eine zelle aus holz und das beten

das sich mit dem rauschen der fichten verflocht

ein heiliger der den wilden bach zähmte

und in der einsamkeit das wissen sammelte

das später in den tintenfässern des klosters

zu goldenen lettern erblühen sollte


die stadt die später um ihn herum erwuchs

ist nur der lange schatten seines lebens

ein geistiger anker geworfen in die weite der zeit

der auch dann noch hielt als die stürme der geschichte

über die mauern und bibliotheken hinwegfegten


er ist der patron der unruhigen geister

die in der stille das große finden

ein wallfahrer der nie wirklich ankam

weil sein eigentliches ziel

die endlose weite des geistes war

noch heute wenn der nebel über den st galler boden zieht

scheint es als höre man das leise scharren der sandalen

eines mannes der nur kam um zu bleiben 

und die welt durch ein einzelnes buch

für immer veränderte



HEILIGER OTMAR


nach dem ersten licht kam der ordnende geist

der das einsame gebet in die form des klosters goss

otmar ein architekt der nächstenliebe

der nicht nur den stein aufeinanderlegte

sondern den kreislauf des erbarmens weitete


wo gallus die stille suchte

baute otmar das haus für die die keine stimme hatten

ein abt dessen macht nicht in der kür der macht lag

sondern in der schwelle die er für die ausgestoßenen öffnete

seine hände waren nicht zum segnen allein bestimmt

sie waren ein schutzwall für die leeren schalen

ein schlüssel für die schweren ketten

die den körper in der dunkelheit der verliese hielten


er verwob das geistige streben des klosters

mit der harten erdigen not des täglichen lebens

ein brückenbauer zwischen dem himmel des wissens

und dem schmerz der erde

der die mauern des klosters durchlässig machte für das leiden

das vor den toren wartete


bis heute hallt sein name durch die gewölbe

ein leises versprechen in der zeit

dass ein kloster nicht nur ein ort des buches ist

sondern ein becken der barmherzigkeit

er bleibt der erste hüter der menschlichkeit

der verstand dass das größte monument

nicht der turm ist der in die wolken ragt

sondern die hand die sich ausstreckt

um den gefangenen den hungrigen den müden

ein stück der hoffnung zurückzugeben



HEILIGE WIBORADA


eine zelle ein fenster der schmale schlitz zur welt

durch den sie die zeit schaute ohne sie zu berühren

wiborada in der stille gefangen

und doch die hellsichtige wächterin über den schlaf der anderen

während sie selbst in den büchern die ewigkeit buchstabierte


sie war der geist der hinter den klostermauern wachte

ein anker aus worten und spiritueller tiefe

als die gefahr wie ein dunkler sturm aus dem osten aufzog

sie sah das kommende das drohende feuer

warnte die stadt vor dem unheil das auf rossrücken ritt

und blieb als alle anderen wichen 

eine standhafte säule in der stunde des beben


ihr ende war der schnitt die klinge der märtyrertod

der sie aus der engen zelle in die unendlichkeit hob

doch was blieb ist nicht nur das opfer

sie wurde die hüterin der blätter der zeichen

die schutzpatronin der stummen geschichten

die in den regalen der bibliotheken auf ihre leser warten


sie lehrt uns dass man nicht wandern muss um die welt zu sehen

und nicht schreien muss um gehört zu werden

in der heutigen welt die in der flut der informationen ertrinkt

ist sie das innere innehalten 

ein leiser geist der über die bücher wacht

und daran erinnert

wer in der stille zu lesen versteht

der sieht was kommt bevor es geschieht

und bewahrt das wissen

wenn draußen das chaos die welt in stücke reißt



HEILIGE VERENA


eine pilgerin aus dem sonnengebrannten sand

ein fremder stern der sich über den rhein verirrte

um in der kühle des nordens ihre heimat zu finden

verena ein name der wie ein trost durch die täler zieht

getragen von händen die nicht das schwert hielten

sondern die salbe den krug und das brot


sie brachte die wärme des fernen nils in die kälte der täler

ein leuchten in den augen für die deren blick getrübt war

wo sie ging verblasste die not der krankheit

wo sie stand wurden die rücken der armen wieder gerade

kein gold umgab ihr haupt nur der schlichte schleier der milde

eine königin derer die nichts besitzen

und doch alles empfingen wenn sie ihren namen riefen


die legende erzählt von ihr wie von einem schatten

der das licht der liebe erst richtig sichtbar macht

in bad zurzach wurde ihr der stein gewidmet

nicht als denkmal der macht

sondern als rastplatz für die erschöpften seelen

die wissen hier hat eine frau gewirkt

die nicht fragte wer man ist

sondern nur wo der schmerz am tiefsten saß


sie bleibt das bild des behütens

eine unermüdliche helferin am ufer der zeit

die uns zeigt dass wahre heilung

nicht aus dem überfluss entspringt

sondern aus der einfachen

bedingungslosen hingabe an den menschen

der vor uns steht 

einer nach dem anderen

bis der strom der not versiegt

und nur noch die erinnerung an ihre güte bleibt



DIE HEILIGEN FELIX UND REGULA


ein zwillingspaar aus dem staub des nils vertrieben

mit dem glauben im gepäck der über das wasser trug

sie kamen in die stadt am see die damals noch schwieg

und brachten eine wahrheit mit die den felsen erzittern ließ

ein fremdes licht in einer welt die noch die alten götter kannte


sie stehen da zwei schatten der unbeugsamkeit

jeder trägt sein eigenes haupt wie eine schwere heilige last

ein bild das erschüttert nicht durch den tod

sondern durch die unbegreifliche ruhe des opfers

mit der sie ihr gesicht dem schicksal entgegenhielten


ihre abgeschlagenen häupter sind keine zeichen des endes

sondern die krönung einer standhaftigkeit die kein schwert trennen konnte

sie blicken sich an über die zeitalter hinweg

und ihre hände die das abgetrennte leben halten

sind nun die stützen auf denen zürich sein fundament baute


sie sind die wächter am limmatufer

ein stummes bleibendes testament an die überzeugung

dass man den geist töten kann aber nicht den gedanken

dass die stadt die sie zu patronen erkor

auf einer grundlage aus opferbereitschaft und mut ruht

noch heute wenn der abend über die türme fällt

scheint es als würden sie ihre häupter heben

um über die geschäftigen straßen zu blicken

zwei wanderer die niemals ganz gingen

sondern im herz der stadt ihre ewige heimat fanden



HEILIGER KARL BORROMÄUS


ein fremder hirte in einem land der schroffen pässe

ein kardinal aus dem sonnigen mailand

der über die gipfel hinweg die hand der ordnung ausstreckte

karl borromäus protector helvetiae

ein titel der wie ein wappen auf dem fels klebt

obgleich sein eigener ursprung in den gärten des südens lag


in den jahren als der glaube wie ein zweischneidiges schwert

durch die täler fuhr und die geister in lager spaltete

wurde er zur festen hand in der stürmischen zeit

er stand für das was bleiben sollte

für die dogmen die wie mauern gegen den wind der neuerungen standen

ein anker für jene die sich in der woge des wandels verloren fühlten


er ist das paradoxon unserer geschichte

ein italiener der zum schutzpatron der schweizer eidgenossenschaft wurde

sein geist wirkt noch heute in der barocken pracht der altäre

in den strengen proportionen der kirchen

die den blick des gläubigen unweigerlich nach oben zwingen

er war der brückenbauer der gegenreformation

der die schweizer täler mit den fäden römischer autorität neu verknüpfte

als wolle er die zerrissene welt mit priesterlicher strenge

wieder zu einem einzigen heiligen körper nähen


sein name ist ein echo aus einer zeit der kirchenkämpfe

doch in der landschaft der erinnerung bleibt er ein wächter

kein einheimischer sohn und doch ein teil des blutes

das durch unsere traditionen fließt

ein schutzherr der aus der fremde kam

um in der schweiz sein unvergängliches monument zu finden

eine ordnung die nicht nur auf dem stein der kirchen gründet

sondern in der hartnäckigen bewahrung dessen

was man einst für die einzig wahre wahrheit hielt



HEILIGER SIGISMUND


ein könig der die krone gegen das büßergewand tauschte

ein herrscher der im schatten der alpen die schuld suchte

sigismund in den windungen der geschichte ein mann

der zwischen macht und demütigung zerrissen war

ein burgunder dessen weg tief in den fels des wallis führte


das kloster saintmaurice dort wo die felsen den himmel verengen

wurde zum steinernen zeugen seiner umkehr

ein ort der in der finsternis der schlucht wie ein licht wacht

seit uralten zeiten als das wasser des rheinrhonetals

noch den puls der wanderer und krieger bestimmte

hier wo das schweigen des gletschers auf den gesang der mönche trifft

fand er die letzte ruhe vor dem urteil der zeit


er ist kein glanzvoller herrscher in unseren legenden

sondern ein in sich gekehrter geist

dessen geschichte wie eine dunkle ader durch das gestein zieht

sein wirken ist verwoben mit dem schutz der heiligen legion

ein band zwischen der herrschaft von einst

und dem geistlichen erbe das im walliser boden ruht


heute stehen die mauern von saintmaurice als monument

nicht für den sieg des schwertes sondern für den weg des herzens

sigismund lehrt uns dass selbst die größten kronen

vor dem altar der einsicht verblassen 

ein könig der erkannte dass wahre macht nicht im thron liegt

sondern im mut sich der eigenen unvollkommenheit zu stellen

um in der ewigkeit des gebetes

den frieden zu finden den die welt nicht geben konnte



ZÜRCHER SEE


nicht mehr das boot das sanft die stille bricht

sondern das licht das sich in bitmaps spiegelt

hier wo der see die stadt in stücke teilt

wir sitzen an der länggs

das blau ist heute gläsern fast digital

kein arkadien mehr nur noch ein kurzer halt

zwischenzwei datenströmen


ich atme aus

die stadt ist fern ein rauschen in den leitungen

die rigi steht ein unbewegter server 

im halbschatten der frühen dämmerung

wo klopstock noch die geister der freunde rief

spüre ich die dichte der gegenwart

ein glas wein das die welt kurz anhält

ein blick der sich im wasser verliert

ohne das ziel den himmel zu beweisen


es ist nicht die ewigkeit die uns hier hält

es ist die unterbrechung

das wasser reflektiert nicht mehr nur die götter

sondern den riss in unserer zeit 

diesen schmalen grat zwischen „online sein“

und dem was wirklich bleibt

das kühle ufer

der kurze moment in dem das herz

wieder das tempo des sees lernt


wir sind keine schatten mehr

wir sind nur anwesende

und in der reflexion 

der flackernden oberfläche die alles verschlingt 

sehen wir unser eigenes gesicht

flüchtig klar

ein kurzer moment in dem die welt

einfach nur da ist



WEIHE DER SCHWEIZ AN DIE SCHWARZE MADONNA VON MARIA EINSIEDELN


es ist nicht das licht des tages das sie umschließt

es ist ein licht das aus der finsternis der erde steigt

geräuchert von den jahrhunderten 

gezeichnet vom ruß der kerzen

die seit den tagen des meinrad hier 

den raum in schweigen tauchten

einsiedeln ein name der wie ein gebet 

zwischen den bergen steht

ein ankergrund für alles 

was das schweizer land in sich trägt


wir weihen dieses land den stein das eis 

das fließende wasser 

nicht der stille der unberührten gipfel allein

sondern der schwarzen mutter 

die in der dunkelheit der kapelle

seit ewigkeiten thront ein symbol für das was bleibt

wenn alles andere im wandel der zeiten verblasst


o mutter von einsiedeln du dunkle du tiefe

die du aus dem orient in unsere täler kamst

um hier im wald von etzel die heimat der seele zu finden

wir legen die schweiz zu deinen füßen

wir legen die zerklüfteten kantone das harte brot der bauern

die rastlose betriebsamkeit der städte 

und die einsamkeit der alpen

in deinen schützenden dunklen schoß


nicht als sieg nicht als macht nicht als fahne voran

sondern als ein innehalten unter deinem blick

denn du bist die hüterin des verborgenen

du kennst die angst vor dem winter das grollen der lawine

du kennst das harte los derer die den fels bezwingen wollten

und du kennst das flüstern der sprachen 

das sich in unseren tälern

wie ein feines geflecht um die gipfel legt


wir weihen dir das land der vier quellen

wo die flüsse dem herzen der berge entspringen

auf dass sie nicht nur wasser tragen sondern leben

wir weihen dir die wege der wanderer die schienen der bahnen

die tunnel die sich durch den schiefer bohren 

auf dass jeder weg ein schritt zu dir bleibe

eine rückkehr in die geborgenheit des ursprungs


schwarze madonna du spiegel der erde

dein gesicht ist die farbe des schiefers des bodens des erzes

dein mantel ist die farbe des himmels nach dem sturm

in deiner hand hältst du nicht die weltkugel der herrscher

du hältst das kind das die welt trägt 

das menschliche das zerbrechliche das in der schweiz

immer wieder zuflucht und schutz sucht


schenke uns den frieden nicht als stillstand

sondern als ein werk das täglich aus dem gestein gehauen wird

gib uns die klarheit die im eis der gletscher ruht

und die milde die in der wärme deines hauses wohnt

lass die schweiz in deinem schutz nicht erstarren

sondern wachse wie der wald der leise den berg zurückerobert

fest verwurzelt im boden aber mit den kronen im licht


wir verneigen uns vor der dunkelheit die uns heiligt

wir verneigen uns vor der mutter die uns hält

einsiedeln du herzschlag der schweiz

bleib das ziel an dem die seele ablegt

bleib der ort wo das land in all seiner schwere und schönheit 

seinen frieden findet sicher in der umarmung

der schwarzen madonna die in der ewigen stille wacht

während draußen die zeiten wandern

die berge sich heben und das licht über die gipfel zieht