DIE SCHWEIZER ALPEN

VON TORSTEN SCHWANKE


FÜR MALEK ZU SEINER REISE IN DIE SCHWEIZ



Versucht es nur, ihr Sterblichen, und versucht, euer Leben durch äußeren Prunk zu verbessern. Nutzt alles, was die Kunst hervorgebracht hat und was die Natur euch zur Verfügung stellt: Bewässert die Blumenwiesen durch aufsteigendes Wasser, formt die Felsen nach den Gesetzen der Baukunst, schmückt eure Wände mit kostbaren Tapeten, esst Luxusgerichte aus Gold und trinkt aus edelsteingeschmückten Gefäßen. Schlaft ein bei sanfter Musik und lasst euch von Trompeten wecken, räumt jedes Hindernis aus dem Weg und beansprucht weite Ländereien für eure Jagd. Selbst wenn das Schicksal euch all diese Wünsche erfüllt, werdet ihr doch feststellen: Mitten im Glück werdet ihr arm sein und im Reichtum elend bleiben.


Auch wenn sich Macht und Ansehen im Dienste der Geschichtsschreibung vereinen, keimt in einem aufgewühlten Geist doch kein Funken Freude. Der wahre Wert der Dinge bemisst sich allein daran, wie wir sie empfinden; vor der Last dieses Besitzes flüchtet der Mensch sogar in den Tod. Welchen Vorteil hat ein Herrscher gegenüber einem Hirten? Das Zepter ist ihm genauso zuwider wie dem Schäfer sein Stab. Wehe dem Mächtigen, wenn ihn Geiz und Ehrsucht quälen – die Menge an Wächtern, die ihn umgibt, kann seinen inneren Groll nicht vertreiben. Wenn aber ein besonnener Geist den Menschen zur Ruhe bringt, schläft dann derjenige schlechter, der nicht auf Daunenkissen ruht?


Beglückte „goldene Zeit“, ein Geschenk von höchstem Wert – wie schade, dass der Himmel dich so früh wieder genommen hat! Nicht etwa, weil die Welt damals ewig blühte und nie ein kalter Wind die Blumen zerstörte; nicht, weil das Getreide von selbst wuchs und Milch und Honig in Strömen flossen; und auch nicht, weil keine Raubtiere die schwachen Herden bedrohten. Nein, der Grund war: Der Mensch sah im Überfluss noch kein Glück. Für ihn war das Notwendige bereits Reichtum, und Gold als Sorgenfaktor war ihm unbekannt.


Ihr Kinder der Natur, ihr kennt noch diese goldenen Zeiten. Es ist kein poetisches Märchenreich: Wer braucht schon äußeren Glanz und Eitelkeiten, wenn Tugend die Mühe zur Freude macht und Genügsamkeit glücklich stimmt? Das Schicksal hat euch keinen paradiesischen Ort beschert – eure Luft ist frostig, der Winter ist lang und die Landschaft ist von Eis umgeben. Doch eure moralische Haltung hat das alles wettgemacht; die Härte der Umgebung hat euer Glück eher noch gestärkt.


Wohl dir, zufriedenes Volk! Danke dem Schicksal, dass es dir die Quelle des Lasters, den Überfluss, verwehrt hat. Wenn man mit seinem Stand zufrieden ist, wird Armut selbst zum Glück, während Prunk und Üppigkeit den Zusammenhalt einer Gesellschaft zersetzen. Als Rom noch durch Tapferkeit siegte, aßen die Helden einfachen Brei und wohnten in schlichten Häusern. Doch als das Maß des Reichtums verloren ging, konnte selbst der schwächste Feind den stolzen Römern den Untergang bereiten. Du aber hüte dich davor, nach mehr zu streben: Solange die Einfachheit bleibt, wird auch der Wohlstand Bestand haben.


Zwar bedeckt die Natur dein raues Land mit Steinen, doch dein Pflug dringt hindurch und die Ernte gelingt. Sie hat die Alpen aufgetürmt, um dich vom Rest der Welt abzuschirmen – wohl wissend, dass die Menschen sich selbst die größte Plage sind. Dein Getränk ist klares Wasser, deine Nahrung besteht aus Milch, und doch verleihen Lust und Hunger sogar Eicheln einen guten Geschmack. Die Erde gibt dir nur einfaches Eisen, während man in Peru das Gold bewundert – doch wie sehr wünscht sich der Reiche wohl, so arm zu sein wie du? Wo die Freiheit herrscht, wird jede Mühe leichter, die Felsen wirken blühend und selbst der kalte Nordwind milder.


Welch ein gesegneter Verlust all dieser schädlichen Güter! Reichtum bietet nichts, das sich mit eurer Armut messen könnte. Eintracht herrscht bei euch in friedlichen Gemütern, weil kein falscher Glanz Neid und Zwietracht sät. Freude wird hier nicht von Angst begleitet, da man das Leben liebt, ohne den Tod zu fürchten. Hier herrscht die Vernunft, geleitet von der Natur: Sie sucht nur das Notwendige und hält alles Weitere für eine Last. Was antike Philosophen wie Epiktet und Seneca lehrten, wird hier ganz ungelehrt und natürlich gelebt.


Hier herrscht kein Unterschied, wie ihn der Stolz erfunden hat, um Laster zu adeln und Tugend zu unterdrücken. Kein müßiger Groll verschwendet die Stunden; Arbeit füllt den Tag, Ruhe krönt die Nacht. Kein hochtrabender Geist lässt sich von Ehrsucht blenden, und die Sorgen von morgen vergiften nicht die Freude des heutigen Tages. Die Freiheit schenkt dem Volk mit mütterlicher Hand stets das gleiche Maß an Vergnügen, Ruhe und Arbeit. Niemand hadert mit seinem Los: Man isst, schläft, liebt und dankt dem Geschick.


Zwar wird hier kein wissenschaftliches Wissen gehandelt, man vermisst nicht die Wege von Rom oder Athen, man zwängt die Vernunft nicht in starre Schulregeln und niemand erklärt die Bahnen der Sterne. Ach, ihr Verstand der Weisen – wann hat er euch je glücklich gemacht? Ihr durchschaut den Aufbau der Welt und sterbt dennoch als Fremde in eurem eigenen Leben. Die Wollust wird für solche Menschen schal und verliert ihre Bedeutung; ihr gekünstelter Geschmack macht sie unzufrieden mit ihrem Stand. Doch hier hat die Natur die Lehre vom richtigen Leben den Menschen direkt ins Herz geschrieben, nicht in den Verstand.


Hier gibt es kein wechselhaftes Glück, das die Zeiten unterscheidbar macht; Tränen folgen nicht unmittelbar auf kurze Freudenmomente. Das Leben fließt in ungestörtem Frieden dahin, und jeder Tag gleicht dem gestrigen und dem morgigen. Kein außergewöhnliches Ereignis prägt den Alltag, kein Unglück überschattet ihn, kein falscher Hochmut färbt ihn. Lust und Last der Jahre halten sich stets die Waage; das Leben besteht hier im Grunde nur aus der Geburt und dem Tod. Nur die Fröhlichkeit erfordert von diesem unermüdlichen Volk ab und zu ein wenig Mühe, um sie sich zu erarbeiten.


Wenn der warme Wind durch die schwüle Luft streicht und das Blut in den jungen Adern lebendig pulsiert, versammelt sich das Dorf im Schatten breiter Eichen. Dort widmen sie sich, ohne gekünstelte Etikette, der Liebe und dem Loblied. Ein Paar ringt spielerisch miteinander, eng umschlungen. An anderer Stelle wird ein schwerer Stein von kräftigen Händen durch die Luft geworfen, um ein gesetztes Ziel zu treffen. Wieder andere, denen der Sinn nach etwas Edlerem steht, finden sich bei einer munteren Schar junger Schäferinnen ein.


Dort schießt ein Pfeil auf ein entferntes Ziel, das er im selben Augenblick durchbohrt; hier rollt ein Ball zielgenau seinen Weg entlang. Ein bunt ineinander verschlungener Reigen tanzt zu den Klängen einer Dorfschalmei im zertretenen Gras. Und auch wenn sie die Regeln der feinen Tanzkunst nicht beherrschen, verleiht ihnen ihre Fröhlichkeit buchstäblich Flügel. Am Rande sitzen die Alten in langen Reihen und freuen sich noch einmal an der Lebenslust der Kinder.


Denn hier, wo nur die Natur die Gesetze vorgibt, gibt es keinen harten Zwang, der das Reich der Liebe einschränkt. Was liebenswert ist, wird ohne Scheu geliebt; Verdienst macht den Menschen wertvoll, und Liebe macht alle gleich. Anmut findet man hier auch in den Armen der Mittellosen; man wiegt Zuneigung nicht gegen Gold auf. Ehrgeiz trennt hier niemals, was Wertschätzung und Zuneigung verbunden haben, und soziale Ambitionen machen sich hier nicht zur Kupplerin für unglückliche Ehen. Die Liebe brennt frei und ohne Furcht vor äußeren Stürmen; man liebt aus eigenem Antrieb und nicht, um den Vorstellungen der Väter zu entsprechen.


Sobald ein junger Hirt die sanfte Glut spürt, die ein schmachtender Blick entfacht, ist sein Mund nicht durch Furcht gebunden; ein aufrichtiges Wort offenbart, was ihn bewegt. Wenn sie ihn hört und ihre Zuneigung sein rechtmäßiges Lohn ist, sagt sie, was sie fühlt, und handelt nach ihrem Herzen. Denn zärtliche Gefühle sind für die Schönen keine Schande, solange sie aus echter Anmut und Tugend fließen. Ihr falschen Verhaltensregeln, ihr seid nur Nachahmungen echter Keuschheit – der Hochmut hat euch nur zu unserer Qual erfunden!


Die Sehnsucht wird hier nicht durch eitle Pracht belastet. Sie lieben sich, sie finden zueinander, das besiegelt den Bund. Die Ehe wird oft nur durch beiderseitige Treue gefestigt; ein einfaches Ja ersetzt lange Schwüre, und ein Kuss ist das Siegel. Die Nachtigall grüßt von den Zweigen, die Natur deckt das Bett auf sanftem Moos, der Baum dient als Vorhang, die Einsamkeit als Zeuge, und die Liebe führt die Braut in den Schoß ihres Hirten. O ihr dreifach gesegneten Paare! Sogar ein Fürst muss euch beneiden, denn die Liebe versüßt das einfache Leben auf dem Gras, während auf Seidenkissen nur Überdruss herrscht.


Hier bleibt das Ehebett rein; man benötigt keine Wächter, da Keuschheit und Vernunft selbst darüber wachen. Man begehrt nicht, was einem nicht zusteht, und das, was man liebt, bleibt auch nach langer Zeit schön. Die Hand der echten Liebe findet selbst in der Arbeit ihren Reiz; wer für seinen Geliebten sorgt, findet in jeder Pflicht Freude. Und wenn man auch die Kunst der gewählten Komplimente nicht beherrscht, so klingt doch das Stammeln süß, wenn nur das Herz spricht. Eintracht, Gefälligkeit und Scherze beleben den Alltag und knüpfen das Band der Herzen.


Entfernt vom eitlen Tand und den mühsamen Geschäften wohnt hier der Seelenfrieden, fernab vom Rauch der Städte. Ihr aktives Leben stärkt die körperlichen Kräfte; träge Faulheit macht hier niemanden fett. Die Arbeit weckt sie auf und stillt ihr Gemüt, die Freude macht das Leben leicht, und die Gesundheit ist ihre Kraft. In ihren Adern fließt unverfälschtes Blut, in dem kein erbliches Gift kränklicher Vorfahren schlummert, das nicht von Kummer vergällt, nicht durch fremden Wein aufgepeitscht oder durch ungesunde, künstliche Kost verdorben ist.


Sobald der raue Nordwind die Herrschaft über die Lüfte verliert und ein belebender Saft in alle Wesen dringt, sobald sich die Erde mit neuem Schmuck ziert, den ein sanfter Westwind auf lauen Flügeln bringt – in eben diesem Moment verlässt das Volk die engen Täler, aus denen der Schnee noch mit trüben Strömen fließt. Sie eilen hinauf zu den Alpen, um als Erste das frische Gras zu finden, wo gerade erst die Kräuterspitzen durch das Eis brechen. Das Vieh verlässt den Stall und begrüßt den Berg mit Freude, da Frühling und Natur ihn für den Nutzen des Volkes bereithalten.


Kaum begrüßen die Lerchen den neuen Tag und das erste Morgenlicht fällt auf die Welt, da erhebt sich der Hirte bereits aus dem Schlaf seiner Liebsten. Sie hasst den Abschied, doch sie hält ihn nicht auf. Eine träge Herde schwerfälliger Kühe drängt mit freudigem Gebrüll auf den taunassen Pfad; sie ziehen gemächlich dorthin, wo Klee und Kräuter blühen, und weiden das zarte Gras mit ihren rauen Zungen ab. Der Hirte aber setzt sich an einen Wasserfall und lässt sein Horn im Widerhall der Berge erklingen.


Wenn dann die tiefstehende Sonne die Schatten verlängert und das Licht in die kühle Abendruhe übergeht, eilt die satte Herde mit schwärmendem Geblöck ihren gewohnten Ställen zu. Die Hirtin begrüßt ihren Mann, der sie voller Lust betrachtet, während die muntere Kinderschar um ihn herumtollt. Sobald die Euter gemolken sind, setzt sich das glückliche Paar zu einer einfachen Mahlzeit zusammen. Hunger und Begehren würzen, was die Einfachheit zubereitet hat, bis sie schließlich schlafend und eng umschlungen die Nacht verbringen.


Wenn die Macht der Sonne die Wiesen durchwärmt und im Getreide die Hoffnung der Menschen reift, eilt der Hirte noch vor dem ersten Morgengrauen zu den feuchten Gründen. Die Blumen müssen der Sense weichen, und ein lieblicher, aus tausenden Kräutern gemischter Duft steigt von den frisch gemähten Reihen auf. Die Rinder ziehen langsam ihrer Wege, beladen mit ihrem Wintervorrat, begleitet von einem frohlockenden Lied.


Bald, wenn der herbstliche Nebel aufzieht und die Blätter fallen, schmückt sich die Erde neu: Die Blütenpracht weicht dem Nutzen der Ernte. Die Früchte leuchten nun dort, wo früher die Blüten waren: Das reife Gold der Äpfel, durchzogen von purpurnen Streifen, beugt die Äste bis zum Mund herab. Auch die süßen Birnen und die honigreichen Pflaumen reizen die Hand des Besitzers und warten am Baum auf ihre Ernte.


Zwar schmückt der Herbst diese Hügel nicht mit Weinreben, und man presst hier keinen gärenden Saft aus Beeren. Die Erde schenkt ihnen lediglich Quellwasser gegen den Durst, und kein künstlicher, säurehaltiger Wein beschleunigt hier den Weg ins Grab. Ihr Glücklichen, beklagt das nicht! Ihr gewinnt durch diesen Verlust: Ihr verliert kein notwendiges Getränk, sondern ein Gift. Die gütige Natur verbietet diesen Genuss den Tieren – der Mensch allein trinkt Wein und wird dadurch zum Tier. Für euch, o Selige, hat das Schicksal gut gesorgt, indem es euch den Weg zum Untergang verborgen hält.


Doch auch der Herbst ist hier nicht arm an Schätzen, die Wachsamkeit und Geschick hoch in den Bergen finden. Noch bevor sich der Himmel klärt und der Nebel sich lichtet, schallt bereits das Horn des Jägers. Ein scheues Gämschen, beflügelt von der Angst, flieht durch die Felsspalten, während das Geschoss des Jägers nach den gehörnten Böcken sucht oder ein leichtes Reh zur Strecke bringt. Das Bellen der Hunde und der Knall der Schüsse hallen durch das enge Tal.


Damit sie der Frost nicht unvorbereitet trifft, verarbeitet das Volk den Reichtum der Milch. Über strengem Feuer wird der Käse bereitet, die Milch gerinnt und wird haltbar gemacht. Hier presst ein schweres Gewicht die Molke aus dem Käsebruch, dort wird das Fett getrennt. Das ganze Haus packt an, denn man schämt sich, untätig zu sein; keine Arbeit ist so beschwerlich wie das Nichtstun.


Wenn die Welt schließlich unter dem Frost erstarrt, die Täler vereisen und die Gipfel unter Schnee begraben sind, ruht das Feld aus. Die Flüsse sind unter einer kristallenen Eisschicht verborgen. Dann zieht sich auch der Hirte in seine verschneite Hütte zurück, wo der Rauch der Fichten die Balken schwärzt. Hier ist die süße Ruhe der Lohn für seine Mühsal; der Tag vergeht sorgenfrei und heiter. Wenn sich die Nachbarn um den Herd versammeln, weiß ihr kluges Gespräch auch Weise zu erfreuen.


Der eine lehrt die Kunst, die Zeichen der Wolken zu deuten und im Spiegel der Natur zu lesen. Er kennt die Winde und die Wetterlagen und sieht den Sturm in der klaren Luft schon von weitem kommen. Er versteht die Kraft des Mondes, weiß, was ein früher Bergnebel bedeutet, und kann schon im März die Ernte des Herbstes abschätzen. Wenn alle anderen mähen, hält er bei drohendem Regen inne. Er ist der Ratgeber des Dorfes; sein Wort gibt Sicherheit, und seine Lebenserfahrung ersetzt tausend Bücher.


Währenddessen stimmt ein junger Schäfer seine Leier und singt dazu ganz verzückt ein neues Lied. Natur und Liebe entfachen in ihm ein heimliches Feuer, das in seinen Adern glimmt, ohne dass er sich zur Arbeit zwingen muss. Die Kunst hat an seinen Liedern keinen Anteil; in seinen ungeschmückten Versen spiegelt er seinen freien Geist wider. Auch wenn er dichtet, bleibt er bei seinen Hirten-Themen, und seine Muse spricht so schlicht wie seine Schäferin. Sein Herz ist sein Lehrer, seine Geliebte sein Apollo, und die echte Rührung formt seine Verse, nicht künstlich gezählte Silben.


Bald aber spricht ein Greis, dessen angenehme Rede durch sein graues Haar an Würde gewinnt. Er hat die Welt schon lange vor dieser Zeit gesehen; die Last von achtzig Jahren hat zwar seinen Körper gekrümmt, aber seinen Geist gestärkt. Er ist ein lebendiges Vorbild unserer heldenhaften Ahnen, in deren Fäusten der Blitz und in deren Herzen Gott wohnte. Er erzählt von Schlachten, zählt die eroberten Fahnen, schildert den Sturm auf feindliche Mauern und rühmt die kühnste Schar. Die Jugend hört staunend zu und ist von seinem Auftreten so mitgerissen, dass sie den edlen Drang verspürt, ihm in der Tapferkeit nachzueifern.


Ein anderer Greis, dessen Haupt ebenfalls von Schnee bedeckt ist, fungiert wie ein lebendiges Gesetz als Richtschnur für das Volk. Er lehrt, wie sich die feige Welt das Joch auf den Nacken legen lässt und wie der Pomp eitler Fürsten den Wohlstand der Länder verschlingt. Er berichtet, wie Wilhelm Tell mit kühnem Mut das harte Joch zerbrach – jenes Joch, das heute noch die Hälfte Europas trägt. Er zeigt auf, wie alle anderen um uns herum in Ketten darben und hungern und wie das einstige Paradies Italiens nur noch bettelarme Menschen beherbergt. Er erklärt, wie Eintracht, Treue und Mut vereint ausreichen, um selbst einer kleinen Macht zum Aufstieg zu verhelfen.


Wiederum bildet sich ein Kreis um einen lebhaften alten Mann, der die Natur erforscht und ihre Schönheit kennt. Sein scharfer Verstand hat längst die Wunderkraft und die Formen der Pflanzen durchdrungen, sodass er jedes Moos beim Namen nennen kann. Sein Blick dringt in unterirdische Klüfte, wo die Erde vor ihm vergeblich ihr Gold verbirgt; er durchdringt die Luft und erkennt die schwefligen Dämpfe, in deren feuchtem Schoß der gefangene Donner grollt. Er kennt sein Vaterland und weiß sein forschendes Auge an dessen Schätzen zu erfreuen.


Hier, wo das Haupt des Gotthard-Massivs die Wolken überragt und die Sonne der erhabeneren Welt näher scheint, hat die Natur auf engstem Raum alles vereint, was sie an Seltenheiten hervorgebracht hat. Sicher, Libyen mag noch exotischere Wunder bieten, doch der Himmel hat dieses Land hier besonders gesegnet: Nichts Notwendiges fehlt, und alles, was wächst, dient einem Nutzen. Das ewige Eis der Berge und die steilen Felswände sind selbst von Nutzen, da sie das Gelände mit Wasser versorgen.


Wenn der erste Strahl der Sonne den Schnee auf den Gipfeln vergoldet und ihr klarer Blick den Nebel vertreibt, wird die ganze Pracht der Natur von einem Berg aus mit immer neuer Freude betrachtet. Durch den sich lichtenden Dunst einer dünnen Wolke offenbart sich der Schauplatz einer ganzen Welt; ein riesiger Aufenthaltsort für mehr als nur ein Volk breitet sich aus. Ein sanfter Schwindel befällt die Augen, die den zu weiten Horizont kaum auf einmal erfassen können.


Eine angenehme Mischung aus Bergen, Felsen und Seen tritt nach und nach, wenn auch in der Ferne blasser, deutlich ins Blickfeld. Die blaue Ferne wird von einem Kranz glänzender Höhen begrenzt, auf denen ein schwarzer Wald die letzten Lichtstrahlen bricht. Bald zeigen sich die sanft ansteigenden Hügel der näheren Berge, von denen das Gebrüll der Herden ins Tal hallt. Ein breiter See scheint wie ein meilenlanger Spiegel, auf dessen glatter Oberfläche das Licht zitternd spielt. Dann wieder öffnet sich ein Streifen grüner Täler, die sich in der Ferne krümmen und schmaler werden.


Dort senkt ein kahler Berg seine glatten Wände herab, die ein uraltes Eis bis in den Himmel aufgetürmt hat; sein frostiger Kristall wirft das Licht zurück, sodass die sommerliche Hitze ihm nichts anhaben kann. Nicht fern vom Eis erstreckt sich ein fruchtbares Gebirge mit saftigen Weiden und breitem Rücken. Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, und die Hügel sind voller Herden. So liegen auf engstem Raum, getrennt nur durch ein kühles Tal, völlig unterschiedliche Klimazonen nebeneinander.


Hier zeigt ein steiler Berg seine mauerartigen Spitzen, durch die ein Wildbach stürzt – Fall auf Fall. Der schäumende Fluss drängt sich durch die Felsspalten und schießt mit gewaltiger Kraft über den Felswall hinaus. Die feinen Wassertropfen teilen den tiefen Sturz, und in der verdichteten Luft schwebt ein nebliges Grau. Ein Regenbogen strahlt durch das zerstäubte Wasser, und das tiefer gelegene Tal wird vom ständigen Tau bewässert. Ein Wanderer sieht staunend, wie Ströme am Himmel fließen, die aus den Wolken entspringen und sich wieder in Wolken ergießen.


Wer jedoch einen edleren Geist besitzt, der durch Kunst und Weisheit geschärft ist, und sich durch das weite Reich der Welt hin zur Wahrheit aufschwingt, der wird an keinen Ort blicken, ohne dass ihn ein Wunder zum Innehalten und Forschen zwingt. Er erhellt mit dem Licht der Weisheit das Innere der Erde, das silberne Blumen trägt und den Bächen Gold schenkt. Er erforscht den Bau der prächtig geschmückten Kräuter, die ein verliebter Westwind mit Tautropfen tränkt: Ihr werdet alles schön und zugleich so vielfältig finden, dass ihr den unerschöpflichen Schatz zwar ständig weiter erschließen, aber nie ganz ergründen werdet.


Wenn das Licht der Sonne durch die fliehenden Nebel strahlt und die Tränen der Wolken vom nassen Boden wischt, wird der Glanz aller Wesen mit einem Licht bemalt, das auf den Blättern schwebt und die Natur erfrischt. Die Luft erfüllt sich mit reinen Düften, die eine bunte Blumenpracht dem milden Westwind schenkt. Das Heer der Blumen scheint um die Wette zu blühen, ein leuchtendes Himmelblau übertrifft jedes Gold. Ein ganzes Gebirge wirkt wie vom Regen poliert, ein grüner Teppich, bestickt mit Regenbögen.


Dort ragt das hohe Haupt des edlen Enzians weit über den niederen Chor der gewöhnlichen Kräuter hinaus. Ein ganzes Blumenvolk scheint unter seinem Banner zu dienen, selbst sein blauer Bruder neigt sich vor ihm. Das helle Gold der Blüten türmt sich am Stängel auf und krönt sein graues Gewand; das reine Weiß der Blätter, durchzogen von tiefem Grün, wird von feuchten Tautropfen wie mit Diamanten bestrahlt. Ein gerechtes Gesetz, dass sich Kraft mit Zierde vermählt – in einem schönen Leib wohnt eine noch schönere Seele.


Hier kriecht ein niedriges Kraut, einem grauen Nebel gleich, dessen Blätter von der Natur in Kreuzform angelegt wurden; die schöne Blume zeigt zwei goldene Schnäbel, die ein Vogel aus Amethyst zu tragen scheint. Dort wirft ein glänzendes, fingerförmig gekerbtes Blatt einen grünen Widerschein auf einen hellen Bach. Der zarte Schnee der Blumen, von mattem Purpur gefärbt, wird von einem gestreiften Stern in weißen Strahlen eingeschlossen. Smaragde und Rosen blühen sogar auf zertretenen Heiden, und Felsen bedecken sich mit einem purpurnen Kleid.


Aber auch dort, wohin niemals die milde Sonne blickt, wo ungestörter Frost das öde Tal entlaubt, wird die Höhle des Felsens mit einer Pracht geschmückt, die keine Zeit zerstört und die der Winter nicht raubt. Im unbeleuchteten Grund unterirdischer Grüfte wölbt sich feuchter Ton mit funkelndem Kristall; der schimmernde Kristall sprießt aus den Felsklüften, blitzt durch die düstere Luft und strahlt überall. Oh Reichtum der Natur! Versteckt euch nur, ihr kleinlichen Goldgräber: Europas Diamant blüht hier und wächst in ganzen Bergen!


Inmitten eines Tals aus himmelhohem Eis, wo der wilde Nordwind seinen kalten Thron errichtet hat, entspringt ein reicher Quell mit siedendem Gebräuse; er dampft durch das welke Gras und sengt, was er benetzt. Sein klares Wasser fließt mit gelösten Metallen, ein heilsames Eisensalz vergoldet seinen Lauf. Die Wärme aus dem Inneren der Erde lässt die Fluten aufwallen, angetrieben durch den inneren Streit vermischter Salze. Umsonst peitschen Wind und Schnee um seine Fluten – sein Wesen ist pures Feuer, und seine Wellen sind Flammen.


Dort aber, wo im Schaum der strudelreichen Wellen die Wut des trüben Stroms ganze Wälder mit sich reißt, durchfließen unterirdische Quellen das Gebirge, deren scharfer Sud das Salz der Felsen schmilzt. Der hohle Bauch des Berges, gewölbt mit Alabaster, schließt dieses kleine Meer zwar in tiefe Schächte ein, doch sein ätzendes Wasser zermürbt den Marmorboden, dringt durch die Felsspalten und eilt seinem Zweck entgegen. Die Würze der Natur, der reichste Segen der Länder, bietet sich dem Volk selbst an und strömt uns entgegen.


Vom kalten Haupt des Schreckhorns, wo sich Europas Wasserschatz in zwei Ströme teilt, stürzt die Aare talwärts. Sie eilt durch die aufgeschäumten Höhen mit schrecklichem Geräusch und schnellen Fällen. Die reichen Schächte des Berges vergolden ihre Hörner und färben die weiße Flut mit königlichem Erz; der Strom fließt schwer von Gold und wirft gediegene Körner mit sich, wie sonst nur grauer Sand gewöhnliche Ufer schwärzt. Der Hirte sieht diesen Schatz, er rollt zu seinen Füßen – oh Beispiel für die Welt! Er sieht ihn und lässt ihn einfach weiterfließen.


Ihr verblendeten Sterblichen, die ihr euch bis kurz vor dem Grab von Geiz, Ehrgeiz und Wollust an eitle Ziele ketten lasst, die ihr die genau abgezählte Zeit eures Lebens mit immer neuen Sorgen und leerer Mühe vergällt, die ihr das stille Glück der Genügsamkeit verschmäht und vom Schicksal mehr fordert, als die Natur euch zugedacht hat, die ihr zur Notwendigkeit macht, wonach nur die Torheit fleht: Glaubt es mir, kein Stern macht froh, und kein Perlenschmuck macht reich! Seht ein verachtetes Volk, das über seine Mühen und seine Armut lacht – die mäßige Natur allein kann glücklich machen.


Ihr Elenden, rühmt nur weiter den Rauch der großen Städte, wo Bosheit und Verrat im Gewand der Tugend einhergehen! Die Pracht, die euch umgibt, schließt euch in goldene Ketten; sie erdrückt den, der sie trägt, und ist lediglich ein Schauspiel für andere. Noch vor Sonnenaufgang peitscht der Ehrgeiz seine Knechte zu den verschlossenen Toren der angesehenen Bürger, und die ersehnte Ruhe eurer durchseufzten Nächte wird euch durch den steten Durst nach nichtigem Gewinn geraubt. Das himmlische Feuer echter Freundschaft kann bei euch niemals entbrennen, wo Neid und Eigennutz selbst die Herzen von Brüdern trennen.


Dort spielt ein grausamer Fürst mit dem Leben seiner Untergebenen; sein Purpur färbt sich mit dem Blut der Bürger. Verleumdung, Hass und Spott vergelten Tugend mit Schimpf, und der vor Gift geschwollene Neid nagt am Besitz des Nachbarn. Die zügellose Wollust verkürzt eure kaum gefühlten Tage, während rings um euer Rosenbett bereits der Donner grollt. Der Geiz brütet über seinem Gold – eine Plage für ihn selbst und für andere –, das niemand weniger besitzt als derjenige, der es hortet. Einem Wunsch folgt der nächste, ein Kummer erzeugt den nächsten, und euer ganzes Leben ist nichts als ein banger, unruhiger Schlummer.


Bei euch, ihr zufriedenes Volk, hat die schwarze Brut der Laster niemals in euren Gemütern Fuß gefasst. Die Natur sättigt euch mit Gütern, die ihr nicht einmal suchen musstet; der Wahn macht sie nicht schwer, und der Genuss macht sie euch nicht verhasst. Kein innerer Feind nagt unter eurer Brust, wo niemals späte Reue die Freude mit Blut bezahlt. Euch überschwemmt kein Strom wogender Gelüste, gegen die die Vernunft nur mit leeren Lehren ankämpfen müsste. Nichts erdrückt euch, nichts lässt euch überheblich werden; ihr lebt immer in Gleichmut und sterbt so, wie ihr gelebt habt.


O selig ist derjenige, der wie ihr mit selbst gezüchteten Ochsen den ererbten Boden der eigenen Äcker pflügt, den reine Wolle kleidet und den die schlichte Nahrung aus frischer Milch zufriedenstellt; der sich im Hauch des Westwinds und beim Rauschen kühler Wasserfälle im sorgenfreien Schlaf auf weichem Gras ausstreckt; den niemals das Brausen wilder Wellen auf hoher See noch der Schall von Trompeten in bangen Kriegszelten weckt; der seinen Zustand liebt und niemals wünscht, ihn zu verbessern! Das Glück ist viel zu arm, um sein Wohlbefinden noch steigern zu können.