VON TORSTEN SCHWANKE
An Helena
Helena, Glanz aus dem Schoß der göttlichen Nacht und des Morgens,
Tochter des Zeus, der in Schwanengestalt dich der Leda geschenket,
Süßes Verderben der Welt und dennoch ihr leuchtender Spiegel,
du, deren Antlitz den Zorn der Könige weckte zum Kriege.
Nicht dich verklag ich allein, o Wandelnde zwischen den Mächten:
Denn nicht der Mensch nur begehrt, auch Götter entzünden das Schicksal.
Eros, der blinde Lenker, warf seinen Pfeil durch die Zeiten,
ließ aus dem Blick ein Verhängnis, aus Schönheit Geschichte entstehen.
Trojas Türme erglühten im Widerschein deiner Gestalt noch,
als sie schon fielen im Rauch der List und des nächtlichen Feuers.
Doch selbst im Sturze der Stadt blieb unversehrt deine Würde,
denn was von Göttern geformt ist, bricht nicht an sterblichen Flammen.
Also verherrlich ich dich, nicht Schuld, nicht bloß leeres Begehren:
Du bist das Maß der Erscheinung, Grenze von Sinn und von Wahnsinn,
Helena, Bild der Idee, die Leib annimmt unter den Menschen,
ewig umstrittene Schönheit, Ursprung von Liedern und Leidern.
An Penthesilea
Penthesilea, Sturm aus Erz und lebendigem Blute der Götter,
Tochter des Ares, genährt von Kampf und schweigender Wildnis,
du, die den Männern den Blick und den Atem zugleich raubte,
wenn sie im Staub dich sahen, aufragend wie tödliche Schönheit.
Nicht für das Weberschiff war dein Schicksal gewoben, o Königin,
sondern für Speer und Schild und den Tanz der klirrenden Klingen.
Amazonisches Herz, im Takte des Krieges pochend,
kanntest du Liebe nur dort, wo Tod ihr Antlitz enthüllte.
Achill selbst, der Schnellfuß, der Schrecken der troischen Helden,
sank in den Bann deines Blicks im Augenblick des Verderbens:
Als dein Blut noch rann aus der klaffenden Wunde der Erde,
liebte er dich – zu spät, im Aufglanz der tragischen Einsicht.
So ward dein Ende der Sieg und der Sieg zugleich deine Klage:
Denn unbezähmte Gewalt erkennt sich erst sterbend als menschlich.
Nicht dich besiegte der Mann, noch brach er dein innerstes Wesen,
sondern das Maß der Welt, das keine Ganzheit erträgt mehr.
Darum besing ich dich hier, o Schwelle von Raserei, Ehre,
Grenze, wo Liebe und Tod sich brüderlich ineinander verstricken,
Penthesilea, Name aus Blut und unsterblichem Schweigen,
Mahnung, dass Stärke allein nur im Opfer Gestalt annimmt.
An Kassandra
Kassandra, Stimme im Wind der vergeblich erhobenen Warnung,
Priamos’ Tochter, gezeichnet vom Fluch des verheißenen Wissens,
du, die das Kommende sah, doch niemals Glauben empfangen,
Seherin ohne Gehör in der lärmenden Halle der Mächte.
Apollon selbst dir geneigt, doch durch verschmähte Umarmung
wandte er Gabe in Bann und Wahrheit in schmerzliche Einsamkeit.
Denn was der Gott dir verlieh, entzog er der Welt zu empfangen:
Wissen ward dir zum Kreuz und Klarheit zum stummen Verderben.
Du sahst das Holz, das den Tod in den Bauch der Mauern verbarg noch,
sahst schon den Rauch, ehe Feuer die Türme Trojas berührte.
Doch wie ein Lied ohne Klang fiel Weisheit von deinen Lippen,
taub blieb die Stadt für das Wort, das sie retten konnte vor Untergang.
Nicht Raserei war dein Los, nein: überhelles Erkennen,
das den Verstand der Vielen wie grelles Licht überforderte.
Wahrheit, zu früh gesprochen, wird selbst zur Quelle des Wahnsinns,
wenn sie das Maß der Hörenden grausam übersteigt.
So tratst du ein in die Nacht, geraubt von siegreichen Feinden,
nahmst deine Klarheit mit fort in die Häuser der fremden Gewalt noch.
Und selbst im Tod blieb dein Wort ein unbeirrbares Zeichen:
Dass nicht der Irrtum siegt – nur die Weigerung, Wahrheit zu hören.
Darum besing ich dich hier, o Hüterin ungehörter Rede,
Kassandra, Grenze von Wissen und Ohnmacht im menschlichen Kreise,
Mahnung der Zeit, dass Erkenntnis Mut bei den Hörenden fordert,
und dass der Fluch oft nicht Sehen, sondern das Nicht-Glauben ist.
An Iphigenie
An Antigone
Antigone, du aus dem Blut der schuldlosen Schuld Geborene,
Ödipus’ Tochter, genährt von Nacht und unbeugsamem Rechtssinn,
du, die dem König trotztest im Namen der ewigen Ordnungen,
hörtest auf Göttergesetz, wo Menschen Gesetze erhoben.
Nicht aus Trotz sprach dein Mund, nicht wilder Begierde gehorsam,
sondern aus Tiefe der Pflicht, die älter ist als die Städte.
Denn was dem Toten gebührt, entzieht sich der Hand der Lebenden,
und kein Befehl löscht das Maß, das im Staube der Ahnen beschlossen.
Kreon stand fest wie Erz, doch blind für die Stimme der Tiefe,
du aber gingst in den Tod mit sehenden, offenen Augen.
Nicht der Untergang schreckte dich, sondern Verrat an dem Höheren,
das nicht geschrieben steht, doch im Herzen der Welt eingeschrieben.
Einsam tratst du hinab in die steinerne Kammer des Schweigens,
Braut nicht des Mannes, vermählt dem unbeugsamen Schicksale.
Doch selbst der Tod vermochte dein Wort nicht stumm zu begraben:
Denn stärker als Macht bleibt Treue zum unerschütterten Ursprung.
So stehst du da als Grenze von Menschlichem, Göttlichem, Recht und
jene, die lehren, dass Widerstand heilig sein kann im Leiden.
Antigone, Name aus Nacht und standhafter Klarheit geformet,
Zeugin, dass Freiheit beginnt, wo Furcht vor dem Tod sich verliert.
An Iphigenie
Heil dir, o Priesterin du, die am fernen Gestade der Skythen,
Stille Bewahrerin heiligster Zucht, das Messer des Opfers
Wandelt’ in mildernde Segenshand, die das Blut nicht mehr fordert.
Ewig ersehntest du heimwärts den Pfad zu den Mauern von Argos,
Blicktest mit tränendem Aug’ auf das blaue Gewoge des Meeres,
Wo durch den Nebel die Ferne nur Einsamkeit spiegelte, herbe.
Doch nicht durch Trug und die List, die den Sterblichen eigen so oft sind,
Suchtest du Rettung und Flucht aus dem dämmernden Hain der Göttin.
Wahrheit, die reine, sie ward dir zum Schild und zur leuchtenden Waffe;
Selbst den Barbaren bezwang deines Geistes lautere Klarheit.
So entsühntest du endlich das Haus, das von Greueln befleckt war,
Brachtest den Frieden zurück und das Bildnis der rettenden Schwester.
Leuchte uns fortan als Stern, du Versöhnerin finsterer Mächte,
Dass auch in uns sich das Wilde besänftige, menschlich und gütig.
An Phryne
Phryne, Erscheinung des Lichts aus den schaumlosen Tiefen des Meeres,
nicht aus dem Adel der Macht, doch aus dem Adel der Schönheit,
du, die den Richtern erschien, entblößt wie die Wahrheit der Götter,
als schon das Urteil bereit lag, hart wie gemeißelter Stein war.
Nicht mit der Zunge des Rechts, nicht mit verschlagenen Worten
brachtest du Rettung herbei aus der Enge der drohenden Strafe,
sondern der Leib selbst sprach, als göttliches Gleichnis der Ordnung:
Denn was so schön ist, kann Schuld nicht tragen im Maße der Hässlichkeit.
Aphrodite lächelte mild in den Augen der schweigenden Männer,
als sie dich sahen: ein Maß, das kein Gesetz zu erfassen vermag mehr.
Scham wich zurück vor dem Glanz der unübersehbaren Anmut,
und selbst die Strenge des Nomos senkte die Augen beschämt.
Nicht Frevel feier ich hier, nicht bloß den Triumph der Verführung,
sondern den Augenblick, da das Schöne als Wahrheit sich offenbarte,
da das Gericht erkannte, was älter ist als die Paragrafen:
Dass das Göttliche sich zeigt, wo Form und Wesen sich decken.
So bleibst du Zeichen der Zeit, o Grenze von Leib und Idee,
Phryne, lebendiges Bild der rettenden Macht der Erscheinung,
Mahnung, dass Schönheit nicht Schmuck, sondern Offenbarung ist oft,
und dass das Sehen allein schon richten und lösen kann zugleich.
An Aspasia
Aspasia, Stimme der Klarheit im Kreis der schweigenden Männer,
Fremde aus Milet, doch heimisch im Herzen der denkenden Stadt hier,
du, die mit Worten regiertest, wo Schwerter und Stimmen versagten,
Lehrerin selbst des Perikles, Maß seiner Rede und Würde.
Nicht auf dem Markt der Gestalten erblühte dein eigentlich Wirken,
sondern im Raum des Gesprächs, wo Geist dem Geiste begegnet.
Denn du verstanden hast, wie die Ordnung der Polis entsteht erst,
wenn sich das Wort mit dem Maß und die Freiheit mit Einsicht verbindet.
Manche beschimpften dich laut als Gefahr für die Sitte der Väter,
weil sie nicht trugen, dass Denken im Leibe der Frau sich entfaltete.
Doch wo Verleumdung regiert, dort zeugt sie von eigener Schwäche,
und nur der Geist erkennt Geist im Widerstand gegen das Alte.
Du formtest Reden wie Schiffe, gebaut für das offene Meer hin,
lenktest die Fahrt der Gedanken mit leiser, unsichtbarer Hand oft.
So ward die Macht der Athen nicht bloß aus Stein und aus Flotten,
sondern aus Sprache gewebt, die du dem Staate verliehen.
Darum besing ich dich hier, o Grenze von Liebe und Lehre,
Aspasia, Bild der Vernunft in lebendiger, weiblicher Gestalt noch,
Zeugin, dass Weisheit nicht fragt nach Geschlecht oder Herkunft,
sondern dort wohnt, wo Mut ist, zu denken und gehört zu werden.
An Xanthippe
Heil dir, Xanthippe, du Frau, die den spöttelnden Mund der Athener
Duldete, während im Hause die Not und der Mangel regierten.
Denn was nützte dir Weisheit und Wortklang am Markte der Stadt dort,
Wenn kein Brot auf dem Tische den Hunger der Kinder besänftigt?
Sokrates suchte den Geist und das Gute im Schatten der Hallen,
Du aber hieltest die Welt ihm in Fugen mit kräftigen Händen.
Oftmals schalt wohl dein Mund, wenn der Gatte, verloren in Träumen,
Barfuß am Wege vergaß, was das Leben zum Dasein bedarf, Frau.
Nicht als ein zänkisches Weib, nein, als Hüterin irdischer Ordnung
Standest du fest im Getümmel und trugst die Lasten des Hauses.
Mag nun der Spott dich verfemen, wir ehren die Sorge, die treue,
Welche dem Träumer den Boden bereitet’ für ewige Lehren.
An Diotima
Heil dir, o Priesterin du, die aus fernen arkadischen Bergen
Kamst in das Herz von Athen, um das Rätsel der Liebe zu lösen!
Nicht von den Pfeilen des Knaben, die blindlings die Herzen verwunden,
Sprachst du zu Sokrates dort beim Gelage der feiernden Freunde,
Sondern vom großen Dämon, dem Eros, der Mittler uns sein will
Zwischen dem Staub dieser Welt und der Götter unendlichem Reiche.
Arm ist er, barfuß und rau, so wie Poros und Penia ihn zeugten,
Immer bedürftig und doch voller List, nach dem Guten zu haschen.
Lehrerin, höre den Dank! Denn du zeigtest die Leiter der Schönheit,
Die uns vom Einzelleib führt zu den Formen, die edler gestalt’ sind.
Erst ist’s ein schönes Gesicht, das den Jüngling im Innern entzündet,
Doch du belehrst ihn mit Milde: Die Schönheit der Seele ist köstlicher!
Weiter dann lenkst du den Blick auf die Sitten, auf Werke und Wissen,
Bis sich der Geist aus der Fessel der irdischen Schwere entbindet.
Denn wer die Stufen ersteigt, dem eröffnet sich plötzlich ein Meer dort,
Reiner als Glas und von strahlender Klarheit, das Wesen des Schönen.
Nicht ein Vergängliches ist’s, was am Ende dem Schauenden aufglänzt,
Nicht ein Gesicht oder Fleisch, das dem Zahn der Verwesung verfallen,
Sondern das Eine, das Ewige, das sich niemals verändert,
Welches sich selbst nur genügt und den Kosmos in Ordnung zusammenhält.
Wer dieses Ziel hat geschaut, dessen Leben ist wahrhaft gesegnet,
Er nur gebiert nicht mehr Schatten, nein, Tugend, die wirklich und echt ist.
So ward durch dein Wort, o Diotima, die Liebe zur Weisheit,
Wurde der Rausch zum Gebet und das Suchen zum Finden des Lichtes.
Ewiglich bleibst du uns nah, wenn die Sehnsucht die Brust uns erfüllet,
Deutest mit schwebender Hand auf den Pfad zu den seligen Inseln.
Dank sei dir, Seherin, Mittlerin, die uns den Himmel geöffnet!
An Hypatia
Heil dir, o Tochter des Theon, du strahlende Krone der Weisheit,
Die du im Leuchten Ägyptens die Hallen des Wissens gehütet!
Nicht nur das Irdische zog dich an, nein, die Gesetze des Kosmos
Wolltest du fassen, die Ordnung, die stumm in den Sternen geschrieben.
Wenn du den Zirkel gesetzt, um die Bahnen der Kreise zu messen,
Oder die Sphaera bewegtest, um fernste Gestirne zu deuten,
Schien es, als spräche durch dich die Vernunft der Unendlichkeit selber.
Ruhig und klaren Gesichts, in den Mantel des Geistes gehüllt, so
Schrittest du durch die Stadt, die vom Lärmen der Völker erbebt war.
Schüler aus fernen Provinzen, sie eilten herbei, um zu lauschen,
Wie du das Dunkel des Seins mit dem Lichte des Logospfads helltest.
Weder das Gold noch der Ruhm war dein Ziel, nur das Reine, das Wahre,
Das in den Zahlen sich birgt und im Aufstieg der Seele zum Urquell.
Platons erhabenes Erbe und Plotins Gedanken der Einheit
Pflegtest du treu in der Zeit, da die Welt schon in Trümmer zu fallen
Drohte, und hieltest den Kelch der Antike noch einmal nach oben.
Doch in den Gassen Alexandrias braute das Unheil sich finster,
Denn es verträgt nicht der Wahn das Erleuchtete, Freie und Stolze.
Neidvoll blickte der Hass auf die Frau, die den Männern im Denken
Weit überlegen den Weg wies; sie nannten dich Zaubrerin, Hexe,
Weil sie die Klarheit nicht fassen, die nur aus dem Wissen geboren.
Ach, so geschah das Entsetzliche dann: In den Tempel der Götter
Zerrte die tobende Menge das Licht, das sie niemals begriffen,
Riss dir die Glieder vom Leib und zerstörte die Hülle des Geistes,
Wähnend, sie könnten das Denken im Blute der Unschuld ertränken.
Aber sie irrten, die Toren! Zwar sank dein Gebein in den Staub hin,
Doch dein Gedanke entwich aus den Klauen der niederen Grausamkeit.
Heute noch leuchtest du uns als das Bildnis der reinen Erkenntnis,
Unbeugsam stehst du im Sturm, wenn die Finsternis drohend heraufzieht.
Jede Formel der Welt und ein jeder Gedanke der Freiheit
Trägt einen Funken von dir, du unsterbliche Muse der Wahrheit!
An Sappho
Heil dir, o zehnte der Musen, du Stolz der äolischen Küste,
Die du auf Lesbos’ Gestein die Akkorde der Leier gefunden!
Nicht von den Schlachten der Könige sangst du, vom Morden und Sterben,
Nicht von dem Groll des Achill oder Irrfahrten ferner Heroen;
Nein, du besangst, was im Innersten bebt, wenn die Sehnsucht erwachet,
Wenn uns das Herz in der Brust wie ein Vogel am Gitter des Käfigs
Flattert und schlägt, wenn der Blick eines Geliebten uns gänzlich bezwinget.
Zärtlich und doch von der Gewalt eines Sturms, der die Eichen auf Bergen
Beugt und erschüttert, so brach sich dein Lied aus der brennenden Seele.
Oftmals riefst du herbei die gewaltige Tochter des Zeus dort,
Aphrodite, die thronende, bittend um Beistand im Werben,
Dass sie den Wagen, von Sperlingen sacht durch den Äther gezogen,
Lenke zu dir, wo im Schatten der Haine die Rosen du pflegtest.
Du gabst den Mädchen des Kreises die Anmut der Rede, den Reigen,
Lehrtest sie Grazie, Anstand und Würde beim Feste der Götter.
Silberner Mondschein, er goss sich auf deine unsterblichen Zeilen,
Welche wie Funken im Dunkel der Jahrtausende heute noch glühen,
Selbst wenn der Zahn der Zeit auch die Rollen aus Papyrus zerfressen.
Was du gefühlt an der Küste des Meeres, im Rauschen der Wellen,
Bleibt uns als Echo erhalten, ein ewiges Lied der Erfüllung.
Denn wer die Liebe so tief wie du in die Worte gebettet,
Dessen Gedächtnis vergeht nicht, solange ein Herz noch im Busen
Zittert vor Glück oder Schmerz beim Erblicken der strahlenden Schönheit.
Heil dir, Sappho! Dein Kranz aus Veilchen wird niemals verwelken,
Denn in dem Wohllaut der Sprache lebst du als göttliches Feuer.