JEANNE D‘ARC

VON TORSTEN SCHWANKE



JEANNE D’ARC – DIE MAAS 


Leb wohl, o Maas, so müd und süß aus Kindertagen,

Die still durch Wiesen zieht, wo tiefe Schatten lagen.

Leb wohl, o Maas: schon hab ich meinen Gang begonnen,

In fremde Länder hin, wo nie dein Lauf geronnen.

Hier geh ich fort, in unbekanntes weites Land,

Zu kämpfen werd ich ziehn, mit Herz und starker Hand.

Ich wage neue Mühn, ich suche neue Pflichten,

Ich werde neue Tat und neuen Dienst errichten.


Und während du, o Maas, so ahnungslos und lind,

Beständig weiterziehst, gleichmütig wie der Wind,

Im stillen Tal, darin das helle Gras sich neigt,

O reiche Maas, die mir so innig sich gezeigt—

(Es schweigt die Welt.)


Du wirst noch immer ziehn durchs gleiche grüne Tal,

Wo gestern du geflossen, fließt du morgen mal.

Du wirst das Hirtenkind im Wandern nimmer kennen,

Das spielend kleine Gräben grub mit zarten Händen.

Die Hirtin geht hinweg und lässt die Herde stehn,

Die Spinnerin verlässt die Spindel, muss nun gehn.


Sieh, ich entferne mich von deinen guten Wassern,

Schon bin ich fern vom Heim, von all den alten Straßen.

O Maas, die nichts vom Leid der Menschen je vernahm,

Du bleibst dir stets gleich treu und sanft wie einst im Gram.

Du kennst nicht jenen Ruf, der uns zum Aufbruch treibt,

Du gehst und gehst doch nie, da wo dein Wesen bleibt.

Du weißt nichts von Betrug, von unserm falschen Schein,

O Maas, die ich geliebt—wie konntest du so sein?

(Es schweigt die Welt.)


Wann kehr ich wieder heim, die Wolle leis zu spinnen?

Wann seh ich deine Flut durch unsre Schwelle rinnen?

Wann seh’n wir uns erneut?—ach, seh’n wir uns erneut?

O meine liebe Maas, die mich noch immer freut.

(Lang währt das Schweigen.)


Wird er zurück wohl kehr’n, der Onkel, den wir kennen?

O Haus des Vaters mein, wo ich die Wolle spann,

Wo ich an Winterabenden am Feuer saß,

Und alte Lieder klang’n aus Lothringens Verlass—

Die Stunde ist nun da, Abschied von dir zu nehmen,

Von dir, mein Heim, mein Trost, mein Ursprung ohne Schämen.


In fremde Häuser geh ich Nacht für Nacht allein,

Und höre Lieder dort, die mir noch fremd stets sein.

Nach neuen Schlachten geh ich müde dann zur Ruh

In Häuser, die ich nicht gekannt—und schließe zu.

(Es schweigt die Welt.)


O festes Haus aus Stein, wo bald die Meinen stehen,

Die meinen Abschied sah’n—und meine Lüge sehen—

Und weinend zu sich selbst verzweifelt niedergehn,

Am kalten Herd, wo sie auf ihren Knien flehn,

Am toten Herd, der viel zu früh verwaist nun bleibt—

Wann kehr ich heim zur Nacht, die mir die Wolle treibt?


Wann sitz ich wieder still beim Herd im warmen Schein,

Und hör die alten Lied’r und darf geborgen sein?

Wann darf ich nach Gebet in Frieden schlafen gehn,

Im treuen Haus, das still im Abendlicht zu sehn?

Wann seh’n wir uns erneut?—ach, seh’n wir uns erneut?

O Haus des Vaters mein, das meine Seele freut.



JEANNE D’ARC – REZITATIV UND GESANG


REZITATIV

Vergebens such ich das, was stets vor mir entflieht,

Mein Herz, von Frankreichs Schmerz erfüllt, zerbricht und glüht.

Bis hierher, fern im Schatten, still und weltverlassen,

Verfolgt mich Leid des Lands auf dunklen, schweren Straßen.


GESANG

O dunkler Wald, du einsam tiefer Rückzugsort,

Stumm zeugst du meinen Zorn, mein heimlich bittend Wort.

In meinen Augen trägt mein armes Vaterland

Die Scham, das Elend still verborgen wie im Sand.

Ihr Zweige, traurig nun im bitteren Verlust,

Verbergt das Dach, das einst mein Vaterhaus gewusst;

Vielleicht, o Schmerz, seh ich es niemals wieder hier—

O Heimat, lebe wohl, entschwinde mir und dir.


REZITATIV

Still ruht das ganze Tal in sanfter Dämmerung,

Die Nachtigall besingt der Liebe süße Klung.

Schon weckt der Morgen sacht die ruhende Natur,

Ein milder Tag erglänzt auf jeder frischen Flur.


Doch welcher Lärm erschallt nun fern im weiten Land?

Ein Hornruf dringt empor vom Wall und Mauerrand!

Vom Ausland seh ich Fahnen stolz im Winde wehn,

Die hoch am Berge drohend über Tälern stehn.


GESANG

Hast du uns aufgegeben, Hüter unsrer Zeit,

Du Schutzgeist unsres Lands in Not und Dunkelheit?

Weh uns, wenn Gott vergisst, was einst sein Volk gewesen—

Gedenkt er unser noch, so komm und hilf uns lesen!


Ich glaubte, dass die Erd erbebte unter mir,

Dass selbst der Himmel sprach in mächtigem Revier;

Ein Lichtstrahl brach hervor aus tiefstem Waldesgrund,

Und eine Stimme rief mich ernst mit heilgem Mund.


Nicht klang sie menschlich mehr—vom Himmel schien sie mir;

O Mutter Christi, sprichst du selbst nun hier zu mir?

Erbarme dich der Trän, die heiß mein Auge bricht,

Erleuchte mich, o Geist, mit deinem heilgen Licht!


Ich fühle Gottes Macht, die rächend sich erhebt,

Die Kraft, die Zorn und Mut in meinem Herzen webt—

Zum Krieg!—so ruft es laut aus meiner tiefsten Brust,

Zum Kampf für Recht und Gott, mit heiliger Entschloss’heit Lust.



„Auf die Jungfrau von Orléans, von den Engländern verbrannt“


Der Feind, der frech das Recht der Welt zertrat mit Hohn,

Verbrannte dich, o Heldin, kühn und engelsfromm;

So zeigte er der Welt sein falsches, schwarzes Herz—

Doch irrte nicht das Los, trotz allem bittren Schmerz:

Wer wie Herakles lebte, stark in Tat und Pflicht,

Der sollte sterben auch im Feuer—so im Licht.



„Auf die Statue der Jungfrau“


Du Wanderer, der hier vielleicht nach Fehlern fragt,

Sieh nichts, was hier in kaltem Stein geschrieben lag;

Von jener größten Tat, die je die Welt vernahm,

Schweigt dieser Ort—und doch bleibt sie von höchstem Ruhm.


Der Grund genügt: Wo Wunder hoch und heilig stehn,

Ist Schweigen oft das Wort, das wir am besten sehn;

Denn was zu groß erscheint für jede Menschenstimme,

Verlangt ein Schweigen mehr als jede laute Stimme.



Sonett


Verhängnisvoll für England und für Frankreichs Reich,

Zerschlug ich stolz den Stolz des einen kühn und gleich;

Das andre sah, als ich den starken Arm erhob,

Den wankenden Thron fest an meiner Lanze lob.


Der Scheiterhaufen selbst, der meine Reinheit traf,

Macht’ nicht, so schwarz er war, dass er die Unschuld traf;

Und mehr als meine Kraft, mein Mut im Kampf und Streit,

Hat selbst mein Tod besiegt die rohe Grausamkeit.


Mit einem Herz, das kühn dem größter Helden glich,

Trug ich die Blume rein im Lorbeerkranz für mich;

Wie Biene war ich keusch und mutig im Gefecht,

Vertrieb den Feind und wahrte meines Volkes Recht.


Ich stach und trieb den Feind—der stolz wie Leu’n erschien—

Und schützte Lilien, die unsre Könige ziehn.



LIED AUF JEANNE D’ARC


Refrain

Ehr sei Gott im Himmel, dem König aller Welt,

Der Frankreich treu behütet und gnädig es erhält.

Sei christlich wie zuvor, o Land in Gottes Licht—

Sei christlich wie zuvor, verlier den Glauben nicht!


I

Am Tag der großen Not, da Frankreich fast verging,

Als Englands harter Griff sich eng ums Leben schlingt,

Erbarmte Gott sich still und sandte Hilfe dar—

An Maas’ lachendem Ufer ein reines Kindlein war.


Im Schatten eines Turms, wo fromme Glocke klingt,

Vernahm ein junges Herz, was Himmelsstimme bringt;

„Steh auf, du Tochter mein!“—so rief die Stimme klar,

Und ohne Furcht ging sie, was Gottes Wille war.


Refrain

Ehr sei Gott im Himmel, dem König aller Welt…


II

Sanft war die Jungfrau einst, doch stark in Kampf und Mut,

Sie zog ins Feld hinaus mit reinem Heldenblut;

Auf ihren Schritten keimt’ die Hoffnung neu im Land,

Und Sieg erhob sich stolz durch ihre fromme Hand.


Orléans ward erlöst durch Wunder und durch Kraft,

Bis Reims geleitet sie des Königs heil’ge Macht;

Was ihr das Himmelswort als Auftrag einst verlieh,

Vollbrachte sie getreu—Gott selbst vollendete sie.


Refrain

Ehr sei Gott im Himmel, dem König aller Welt…


III

Doch als das Werk vollbracht, verlangte Gott noch mehr,

Ein Opfer rein und groß für seines Volkes Ehr;

Durch Jugend, Glanz und Mut war sie dazu bereit,

Zu tragen still das Kreuz in letzter Dunkelheit.


Gehorsam stets dem Ruf, der tief im Herzen klang,

Trat sie zum Richtblock hin, wie einst in Kampfesdrang;

Am Scheiterhaufen stand sie fest in Gottes Macht,

Und hielt das Kreuz empor in Flammen durch die Nacht.


Refrain

Ehr sei Gott im Himmel, dem König aller Welt…


IV

Zu Jesus hob sie auf die reine Seele ihr,

Als Lösegeld für Land und Volk in Schmerz und Zier;

Kein Grab hielt ihren Leib—empor im lichten Raum

Stieg wie ein weißer Geist die Taube rein und kaum.


Die Kirche krönt ihr Bild, erkennt ihr heil’ges Sein,

Sie wacht als Schutzpatronin über Frankreich rein;

O Jeanne, sieh dein Land—und zittre, wenn es fällt:

Gib Glauben, Hoffnung, Lieb—die Gott uns zugestellt.


Schluss-Refrain

Ehr sei Gott im Himmel, dem König aller Welt,

Der Frankreich treu behütet und gnädig es erhält.

Sei christlich wie zuvor, o Land in Gottes Licht—

Sei christlich wie zuvor, verlier den Glauben nicht!



DAS LEBEN DER JEANNE D’ARC


Einst schwoll das weite Meer im Sturm gewaltig an,

Vereinte Flüsse sich zu einem wilden Bann;

Es drängte stolz heran, die Erde zu bezwingen,

Das große Weltreich sich gewaltsam zu erringen.


Da hob aus Sturmgewühl sich eine Stimme klar,

Und Gott, der Zeuge selbst so kühner Frevel war,

Sprach zu den Wogen: „Hier sollt ihr gebrochen stehn—

Bis an dies Ufer nur, nicht weiter dürft ihr gehn!“


So auch, als wild entfacht von blinder Siegeslust

Des Feindes Macht sich hob in überheblicher Brust,

Da Englands Heere drohten, Frankreich ganz zu brechen

Und Reich und Namen tief im Untergang zu schwächen—


Da trat ein Weib hervor, die Flut hielt sie im Zaum,

Sie stellte sich dem Strom gleich einem festen Baum;

Und wie ein Strom versiegt im trocknen, stillen Sand,

So starb der Feindesmacht gewalt’ger Überstand.


Ein Weib erscheint—ein Kind, und doch ein Held zugleich,

Sie reißt den König fort aus seinem müden Reich;

Frankreich erwacht vom Schmerz, vom Schlaf der langen Qual,

Erhebt sich neu sein Thron, ergrünt erneut das Tal.


„Wer führt dich“, ruft man aus, „du schwache Hirtin, sprich,

Dass du den Stab verließest und den Webstuhl auch für dich?

Was ist die Macht, die dort in deinem Schwerte lebt,

Die Helm und Schild aus Gold und Erz zu Boden hebt?“


Der Morgen glänzt im Stahl, der kühn ihr Haupt umschließt,

Sie eilt in Kampf und Tod, von heil’gem Ruf gegrüßt;

Wer ließ dich Vater, Haus und Mutterliebe fliehn,

Um Lager, Blut und Tod so furchtlos anzusehn?


„Es ist der Herr“, so spricht sie, „Gott der Heere stark,

Der Mitleid hat mit Schmerz und Tränen tief und arg;

Er brach das harte Joch, das unser Volk bedrängt—

Er ist’s, der uns befreit, der ewig uns umfängt!“


Ein Engel segnet ihr das Banner, das sie trägt,

Gab Kraft dem Arm, der schlägt, dem Blick, der Feinde schlägt;

Er sprach: „Die sanfte Hand, die Schafe einst geführt,

Wird nun den stolzen Feind, den Leoparden, rührt!“


Folgt ihr, ihr Helden kühn—Jean de Dunois und ihr—

Ihr Ritter, stark im Mut, zieht mit ihr ins Revier!

Bedeckt sie mit dem Schild, beschützt sie in der Schlacht,

Denn Frankreichs Hoffnung ruht in ihrer heil’gen Macht.


Lernt von dem Mädchen selbst, wie Mauern man bezwingt,

Wie man durch Feuer geht und kühn zum Siege dringt;

Sie trägt den Tod ins Feld, besiegt des Feindes Heer,

Und sät in ihren Reih’n Verderben ringsumher.


Ehre den Taten ihr! Orléans singe laut,

Dein Heil ist neu erblüht, dein Retter dir vertraut;

Die Feinde stürzen hin, von ihrem Schlag gefällt,

Zerstoben wie ein Schwarm, den Sturmwind jäh zerschellt.


Die Lilie richtet sich, die einst im Staub sich bog,

Erhebt sich neu und blüht, da sie den Sieg errang;

Und Jeanne, vor ihrem Herrn, setzt ihm die Krone auf—

So nimmt das Reich erneut in Glanz und Würde Lauf.


Doch nicht des Hofes Lust hält dieses reine Herz,

Ihr Schmuck sind Schild und Schwert, ihr Pfad ist Kampf und Schmerz;

Zwei Jahre lenkt sie Gott in wunderbarem Tun,

Lässt Frankreich neu erstehn und seine Krone ruhn.


Und um der Welt zu zeig’n, dass Hoffnung niemals stirbt,

Dass selbst, wenn alles sinkt und Frankreich fast verdirbt,

Noch eine Hand sich hebt aus Staub und tiefster Nacht—

Dass selbst ein Weib das Reich zum Siege führen kann.



DIE FAHNE


Zu Orléans befiehlt im milden Frühlingsschein

Die Jungfrau kühn dem Maler: „Hör und zeichne fein!

Ein weißes Banner will ich, rein wie Gottes Licht,

Darauf der Herr erscheint im ew’gen Weltgericht.


In Lilienfeld soll er auf hohem Throne stehn,

Umringt von Engeln, die in Ehrfurcht niedergehn;

Und seitwärts schreib mir klar, dass jeder lesen kann:

‚Jesus‘ und ‚Maria‘—die heil’gen Namen dran.


Wähl leichten Stoff, der frei im Winde sich entfacht,

Dass weithin sichtbar sei, was Gott uns groß gemacht;

Die Blumen, Gott selbst, die Engel, klar und weit—

Dass alles strahle hell in heil’ger Reinigkeit.


Mit seidnem Saum umzieh das Banner ringsumher,

Zur Ehre dessen, der mich sandte in den Speer;

Und du, o Maler, sei zu gutem Kampf bereit—

Dass dieses Zeichen blüht im Feld der Ewigkeit!“


Schon ragt die Bastion, gewaltig, fest und breit;

Ein Ritter ruft von dort mit spött’scher Bitterkeit:

„Jeanne, dein Banner hat die Mauer schon berührt!“—

Da ruft sie: „Vorwärts nun! Der Sieg wird uns geführt!“


Und wie ein Strom, der bricht durch Damm und hartes Gestein,

Ergießt sich Frankreichs Heer in Mauern kühn hinein.



GEISTLICHES KRIEGSLIED


Vom Höchsten selbst ergriff ich Waffen, rein und klar,

Sein starker Arm war’s, der mich schmückte wunderbar;

Was könnte mich noch schrecken in des Kampfes Not,

Wenn mich nichts trennt von ihm, von Liebe und von Gott?


An seiner Seite trat ich kühn ins Kampfgefild,

Ich fürchte weder Stahl noch Flammen, wild und mild;

Mein Feind soll wissen, stolz und laut in jedem Streit:

Ich diene Gott allein—das ist mein Königsleid!


O Jesus, dir geweiht trag ich die Rüstung mein,

Vor deinen Augen will ich stets gerüstet sein;

Bis an des Lebens Abend bleibt mein Schmuck so rein:

Gelübde heil’ger Treu, die einzig mir verleihn.


O Armut, erstes Opfer, das ich freudig gab,

Du folgst mir treu bis hin zum stillen, dunklen Grab;

Denn wer im Wettkampf läuft um ew’gen Siegespreis,

Muss lassen, was ihn bindet—leer sein Herz und heiß.


O Welt, dein süßer Schein gebiert nur Reu und Schmerz,

Ich wähle Armut froh mit leichtem, freiem Herz;

Denn Christus sprach: „Nur wer mit heil’ger Kraft bezwingt,

Erreicht das Reich, das Gott dem Kämpfer ewig bringt.“


So sei mir Armut Lanze, Helm von lichte Macht,

Ein Panzer, der mich schützt in jeder dunklen Nacht;

Die Keuschheit macht mich rein den Engeln gleichgestellt,

Die siegreich ziehen dort durch Gottes ew’ge Welt.


Ich hoffe einst mit ihnen hoch im Licht zu ziehn,

Doch hier im Exil muss ich wie sie im Kampfe glühn;

Ohne Rast und Ruh kämpf ich für meinen Herrn,

Für ihn, den Bräutigam, der leuchtet wie ein Stern.


Die Keuschheit ist mein Schwert, mein unbesiegter Schild,

Durch sie wird jeder Feind im Herzen sanft und mild;

Durch sie werd ich—o Glück, das keine Zunge sagt—

Die Braut des Herrn, die ewig seine Liebe wagt.


Der stolze Engel rief: „Ich will nicht dienen!“ laut—

Ich aber dien’ in Nacht, gehorsam, still und traut;

Ich fühle in mir Mut, der selbst der Hölle trotzt,

Gehorsam ist mein Schild, der jeden Angriff spott’t.


O Gott, ich suche nicht nach Ruhm in dieser Zeit,

Als deinen Willen nur—mein Ziel in Ewigkeit;

Denn wer gehorcht, wird einst in deinem Lichte stehn

Und Sieg um Sieg in dir für immer neu bestehn.


Wenn ich als Kämpferin so starke Waffen trag,

Will ich dir singen auch an jedem neuen Tag;

Wie einst die Jungfrau sang im Kampf mit hellem Mut,

So tönt mein Herz für dich in heil’ger Kampfesglut.


Mein Herz ist meine Harf, die deine Gnade preist,

Die Stärke und die Huld, die du uns stets erweist;

So trotze ich dem Tod mit lächelndem Gesicht—

Und sterbe singend dir im letzten Kampfgericht.


Mit Waffen in der Hand, doch dir allein geweiht,

Fall ich im Lied für dich—im Glanz der Ewigkeit.



SEI WEISE, MEIN SCHMERZ


Sei weise, Schmerz in mir, und werde still und mild;

Du riefst den Abend her—nun sinkt er leis ins Bild.

Ein dunkler Schleier legt sich um der Städte Raum,

Den einen bringt er Ruh, den andern bangen Traum.


Indes die Menge noch, in roher Lust verirrt,

Von Freude gegeißelt wird, die grausam sie verwirrt,

Im niedern Fest sich selbst in Reue niederzwingt—

Komm, Schmerz, reich mir die Hand, dass fern dein Schritt erklingt.


Flieh mit mir weit hinweg von ihrem lauten Sein;

Sieh, wie die alten Jahr’ am Himmelsrande schreiten,

In alter Tracht gekleidet, ernst und doch so rein;

Und aus den Wassern steigt die Reue still in Weiten.


Die sterbende Sonn’ versinkt in einem goldnen Bogen,

Im Osten dehnt sich schon ein Leichentuch gezogen—

Hör, meine Seele, hör: die Nacht geht sanft entlang.