KRABAT

DER SORBISCHE FAUST


VON TORSTEN SCHWANKE


DER HUNDERTJÄHRIGEN SORBISCHEN KATHOLIKIN HELENA S. GEWIDMET




I


In dem Dörflein, namens Eutrich,

Das versteckt bei Königswartha

In der Lausitz Heideebnen

Träumerisch am Wege liegt,


Lebte vor jahrhundertlangen,

Grauen, längst verrauschten Zeiten

Einst ein armer wend’ger Hirte,

Dessen Los das Elend war.


Dürftig war es in der Hütte,

Wo der Hunger ständ’ger Gast war,

Und die Sorge wob am Hemde

Dieser armen Bauersleut’.


Und der Stiefsohn dieses Hirten,

Krabat ward der Knab’ geheißen,

Musste früh, ein kleines Bürschchen,

Schon des Lebens Härte sehn.


Als ein Hüter weißer Gänse

Zog er aus auf grüne Wiesen,

Um den kargen, schmalen Groschen

Zu verdienen für das Haus.


Doch das Brot blieb stets zu wenig,

Und der Magen schrie nach Nahrung;

Ach! Die Armut kennt kein Schonen,

Bricht das stolze Menschenherz.


Und so musste denn der Kleine,

Ob der Not, die ihn bedrängte,

Vor den fremden, reichen Türen

Betteln gehn um milde Gab’.


Wochenlang und monatelang

Trieb er sich umher im Lande,

Auf den staub’gen Postenstraßen,

Ein verlass’nes Waisenkind.


Und doch war er schön gewachsen,

Kräftig, blühend und von Gliedern,

Wie ein Bildnis aus der Vorzeit,

Das des Meisters Hand erschuf.


Wandert’ so der schöne Knabe,

Sammelnd die erbefften Krumen,

Unbewusst, welch großes Schicksal

Ihm die Zukunft noch beschied.



II


Auf den weiten Bettelwegen,

Die der Knabe müde maß,

Kam er einst an einen Weiler,

Der im tiefen Forste lag.


Schwarz-Collm nannte sich die Stätte,

Wo die Tannen düster raunten,

Nahe bei Hoyerswerda,

Wo das Moor den Nebel haucht.


Und am Rande jenes Dorfes,

Wo das Mühlrad grollend drehte,

Stand die finst’re Teufelsmühle,

Scheu umgangen von der Welt.


Dort im Hause hauste einsam

Ein gestrenger, dunkler Meister,

Der im Rufe stand, zu kennen

Jedes Zauberbuchs Geheimnis.


Als ein Schwarzkünstler verschrien war

Dieser Mann im ganzen Lande;

Er verstand der Sterne Zeichen

And die Sprache jener Nacht.


Und die Frommen in der Gegend

Kreuzten ängstlich sich die Brust,

Wichen scheu dem Ort von hinnen,

Wo der Böse schien zu wohnen.


Niemand wagte es, zu klopfen

An die Pforte dieser Mühle –

Niemand, als der kleine Krabat,

Den der Hunger vorwärts trieb.



III


Und dem Müller in der Mühle

Gefiel Krabat ausnehmend;

Sah den Knaben an und raunte:

„Willst du meine Wege gehn?


Hättest Lust, bei mir zu bleiben?

Sollst es gut bei mir erfahren,

Und ich will dich Dinge lehren,

Die kein Sterblicher geahnt!“


Und der Knabe, matt vom Hunger,

Willigt’ ein und blieb im Hause,

Wurde Knecht der Teufelsmühle,

Die so finster mahlend stand.


Doch der Meister war kein Müller,

Der das weiße Mehl nur sichtet;

Ein Hexenmeister war er,

Lehrer jener schwarzen Kunst.


Zwölf Gesellen, zwölf Scholaren,

Hielt er stets in seinen Mauern;

Mühlenknappen hießen alle,

Doch sie lernten Satans Werk.


Immerzwölf, so war die Ordnung,

Die der Meister streng gehütet,

Denn am Ende jedes Jahres,

Wenn das Prüfungsjahr entwich,


Musste einer dorthin wandern,

Wo die ew’gen Feuer brennen.

Ein geheimes, großes Laufrad

Wählte drehend das Opfer aus.


Elf nur waren noch am Leben,

Als der Knabe dort erschienen,

Und als zwölfter in der Reihe

Füllte Krabat nun die Kluft.


Krabat, klug und hell von Sinne,

Lernte rasch die dunklen Sprüche,

Saugte auf das gift’ge Wissen,

Das im Korax-Buche stand.


Doch er musste auch verschreiben

Seine Seele schon dem Teufel;

Knabenblut besiegelt’ leise

Diesen Bund der Ewigkeit.


Und er sah die eig’ne Reue,

Sah das Rad im Geiste drehen,

Und in schwerer, bangen Sorge

Sann er auf ein Rettungswerk.


Sprach zum Meister: „Gönne Urlaub

Mir für wenige kurze Tage,

Dass ich seh’ die armen Eltern,

Die in Eutrich um mich weint.“


Und der Urlaub ward gegeben,

Doch die Freude wich dem Schrecken,

Als die Mutter weinend hörte,

Welchem Herrn der Sohn gedient.


Bitterlich vergoss der Knabe

Heißer Tränen stumme Bäche:

„Mutter, ach, ich will nicht sterben,

Will nicht sein des Teufels Raub!


Mutter, nur durch Deine Liebe

Kann die Rettung mir gelingen;

Komm nach Schwarz-Collm in die Mühle,

Ford’re mich vom Meister ein!


Er wird schelmisch dir gewähren,

Dass du mich nach Hause führest –

Doch nur, wenn du mich erkennst

Unter elf Genossen dort.


Höre gut, was ich dir künde:

In der Mühle düst’rer Kammer

Werden wir als schwarze Raben

Sitzen auf der langen Stang’.


Werden uns nach Vogelsitte

Mit den scharfen Schnäbeln kratzen,

Und die elf Genossen wenden

Ihren Hals zur linken Seit’.


Ich allein, merk dir das Zeichen,

Werd’ mich scharren auf der Rechten,

Unter meinem rechten Flügel

Zupfen mein Gefieder schwarz.


Hab wohl acht auf diese Wendung,

Es ist uns’re einz’ge Hoffnung!

Sag dann fest: Das ist mein Knabe!

Und der Zauberbann zerbricht.


Denn der Mutter heil’gem Rechte,

Ihrem Blick und Muttersinne,

Kann kein Zauberer der Erde,

Kann kein Satan widerstehn!“



IV


Welches Mutterherz auf Erden

Hätte sich nicht weich geschmolzen

Vor der Bitte dieses Knaben,

Der so bang um Rettung flehte?


Und mit Trost und Mut im Herzen,

Mit dem heil’gen Versprechen,

Kehrte Krabat zu dem Meister,

In den düst’ren Dienst zurück.


Nach verloss’nen, bangen Tagen

Machte sich die treue Mutter

Auf den Weg nach Schwarz-Collm hin,

Wo das Mühlrad grollend ging.


Und es traf auch pünktlich ein,

Was der Sohn ihr angekündet:

Als sie bat um ihren Knaben,

Führte sie der Meister hämisch


In ein Zimmer, finster, schaurig,

Wo auf einer hölz’nen Stange

Zwölf pechschwarze Raben saßen,

Stumm und unheimlich zu schaun.


„Wähle nun“, so sprach der Müller,

Mit dem Spott auf seinen Lippen,

„Finde deinen lieben Sohn,

Oder er bleibt mein für immer!“


Und die Mutter blickt’ voll Sorge

Auf die Reihe schwarzer Vögel;

Alle kratzten sich am Halse,

Wandten sich zur linken Seite.


Nur ein einz’ger in der Mitte

Zupfte emsig sein Gefieder

Unter seinem rechten Flügel –

Und die Mutter rief voll Mut:


„Dieser ist’s! Das ist mein Knabe!“

Und sie wies auf jenen Raben,

Der das Zeichen ihr gegeben

In der Heimat fernen Hütte.


Zähneknirschend, voller Ingrimm,

Den er mühsam nur verbarg,

Rührte da der Hexenmeister

Mit dem Stäbchen an den Vogel.


Und der Rabe schwand im Hui,

Und als Knabe stand nun Krabat

Vor der Mutter, hold und kräftig,

Frei vom finst’ren Zauberbann.


Doch er floh nicht mit leeren Händen:

Heimlich griff er nach dem Buche,

Nach dem mächt’gen Zauberschatze,

Dem Korax des bösen Meisters.


Rasch entflohen beide von dannen,

Durch die Wälder, durch die Heide,

Während hinter ihnen einsam

Grollend stand die Teufelsmühle.


Doch des Müllers grimmer Hass

Folgte ihnen auf den Fersen;

Bittere Feindschaft war geschworen

Um das hochraubte Buch.



V


In der alten, armen Hütte

Fand der Knabe bei den Eltern

Wiederum nur nacktes Elend,

Sorge, Mangel, bitt’re Not.


Keine Münze klang im Kasten,

Und auf hölz’nen Tellern lagen

Nur des Abends trock’ne Knollen,

Die dem Knaben nicht mehr mundeten.


Denn er war, im Dienst des Bösen,

Schon an bess’re Kost gewöhnt,

Und so trat er vor den Vater,

Sprach mit kühnem, stolzem Sinn:


„Vater, sieh, so kann’s nicht gehen!

Geld muss her in diese Hütte!

Und wenn Ihr kein Silber habet,

Will ich es für Euch beschaffen.


Hört auf das, was ich euch künde:

In der Stadt zu Wittichenau

Ist am nächsten Markttag wieder

Großer, lauter Viehbasar.


Dorthin führt mich an dem Seile,

Denn ich werde mich verwandeln

In den allerschönsten Ochsen,

Fett und glänzend von Gefleisch.


Doch verkauft mich ja nicht ehrlich

An ein schlichtes Bauersmannsvolk;

Nein, sucht euch die feinsten Schützen,

Die Kamenzer Viehhändler!


Fordert ruhig stolze Preise,

Gold und Silber, schwere Münzen,

Denn sie werden gierig zahlen

Für den Prachtstier, den ich darstell’.


Eines aber, hört mich, Vater,

Müsst Ihr mir bei Gott geloben:

Gebt den Käufern niemals, niemals,

Auch den Kopfstrick mit vom Vieh!


Bliebe jener Strick beim Käufer,

Wär’ ich ewiglich verloren,

Könnte nie die Menschengestalt

Wieder im Gebet erlangen.


Und des Fleischers scharfes Beil

Würde mein Gehirn zerschmettern!

Darum hütet wohl das Seil,

Nehmt das Geld und eilt nach Haus’.


Macht euch schnell davon, ihr Lieben,

Ich werd’ bald bei euch erscheinen,

Und die Dürftigkeit wird weichen

Aus dem wend’schen Hirtenhaus.“


Also sprach der junge Krabat,

Winkte ab des Vaters Zweifel,

Ging hinaus mit kühnem Schritte

In die dunkle Abendpracht.



VI


Und schon bald vor jener Hütte

Hörte man ein dumpfes Brummen;

Und der Alte trat nach draußen,

Schaute staunend in die Nacht.


Da stand er, ein Prachtexemplar,

Eins der stattlichsten von Tieren,

Breit von Stirn und stark von Nacken,

Glänzend wie ein Fürstenstier.


Und der Tag des Marktes nahte,

Wittichenau war voller Menschen,

Lärmend wogte die Gemeine,

Als der Vater zog zum Markt.


Kaum erblickten nun die Händler

Diesen Ochsen, feist und herrlich,

Fingen sie schon an zu streiten,

Boten jählings Gut und Geld.


Um ein großes, schweres Sümmchen

Ward das Tier hernach geschlagen;

Und die schlauen Kaufleut’ lachten,

Wähnten reich sich durch den Fund.


Doch der Vater, treu dem Worte,

Löste heimlich erst den Kopfstrick,

Barg ihn tief in seiner Tasche,

Eilte froh nach Hause zu.


Und die Händler aus Kamenz

Zogen fröhlich mit der Beute,

Machten bald bei einer Schenke

Rast, um tüchtig dort zu zechen.


In den Stall ward er geschlossen,

Und die Händler tranken jubelnd,

Priesen laut den guten Handel

Bei dem kühlen Gerstensaft.


Einer rief der fetten Stallmagd:

„Bring dem Ochsen Heu und Wasser!“

Und das Mädchen lief von hinnen,

Füllte emsig eine Krippe.


Doch als sie das Futter schüttet’,

Sprach der Stier mit Menschenstimme:

„Heu und Stroh mag ich nicht fressen,

Ein fetter Braten wär’ mir recht!“


Aufs Tiefste war die Magd erschrocken,

Ließ die hölz’ne Gabel fallen,

Eilte bleich in die Gaststube,

Schrie voll Angst und Herzeleid:


„Der Ochse spricht! Er spricht wie Menschen!

Verschmäht das Heu in seiner Krippe,

Und er fordert einen Braten,

Ganz wie ein feiner Herreman!“


Lachend schüttelten die Händler

Ihre Köpfe ob der Mär;

Nur ein einz’ger ging von hinnen,

Um im Stalle nachzusehn.


Doch kaum öffnet’ er die Pforte,

Wo das Tier gefesselt stand,

Schwirrte eine flinke Schwalbe

Aus dem Dunkel hoch empor.


Krabat war’s, der sich verwandelt,

Fluggeschwind im Ätherblau;

Und noch vor dem eig’nen Vater

Kam er an im Heimatdorf.


VII


Wiederum verstrich die Zeit nun,

Und das Geld, das frisch erworb’ne,

Schmolz dahin im Rauch des Schornsteins,

Ging im Hirtenhaus zur Neige.


Und die alte, graue Sorge

Klopfte wieder an die Pforte;

Hunger blickte aus den Ecken

Auf die kargen Bauersleut’.


Da ergriff der junge Krabat

Nochmal das geheime Zaub’rung,

Sann auf einen neuen Streich hin,

Trat zum Stiefvater und sprach:


„Seht, das Silber ist zerronnen,

Und wir brauchen neue Münzen;

Darum fahrt mich nochmals marktwärts,

Wenn der nächste Morgen tagt.


Diesmal will ich mich verwandeln

In ein edles, stolzes Pferdchen,

Feurig, wild, mit stolzem Hufe,

Wie es reitet nur ein Fürst.


Führt mich hin auf weite Märkte,

Zeigt mich her den reichen Käufern,

Gutes Geld wird man euch bieten

Für den Prachthengst, den ich darstell’.


Doch vergesst nicht meine Warnung,

Denkt an euer treues Wort:

Verkauft nimmermehr die Halfter,

Niemals auch das Zaumzeug mit!


Beides müsst ihr sicher bergen,

Nehmt es wieder mit nach Hause,

Sonst bin ich im Netz des Feindes

Und auf ewig unglücklich!“



VIII


Flugs verwandelt sich der Bursche,

Und da steht ein junges Rösslein,

Feurig, glänzend, stolz von Beinen,

Eine Pracht für jedes Auge.


Und der Vater schwingt sich oben

Auf den blanken, runden Rücken,

Reitet stolz nach Wittichenau,

Wo der Markt im Gange war.


Alle Kenner blieben stehen,

Lobten dieses Wunderpferdchen,

Da trat aus der Menge plötzlich

Ein bejahrter, weißer Bart.


Dieser bot die höchste Summe,

Zählte blanke Silbermünzen,

Und der Handel ward geschlossen –

Doch als nun der Vater forderte


Halter und das Lederzaumzeug,

Weigert’ jäh der Fremde sich.

Alles Flehen war vergebens,

Alles Bitten nützte nichts.


Mit dem Zaum in fester Rechten

Schwang der Weißbart sich im Bügel,

Sprengte in rasand’ Karriere

Aus dem Tore wild davon.


Ach, es war der alte Meister!

Müller aus der Teufelsmühle!

Der von Krabats Streich vernommen

Und nun kam in blindem Zorn,


Um den Jungen streng zu züchtigen

Für den Raub des Zauberbuches,

Ihn im Grimme zu verderben

Und zu brechen seine Macht.


Und er ließ das Tier es fühlen:

Schlug mit Gerte, stach mit Sporen,

Jagte durch das Unterholz,

Über Hecken, Stein und Dorn.


Nach der wilden, langen Hetzjagd

Kam er zu einer Dorfschmiede,

Hielt das schweißtriefende Rösslein,

Rief dem Schmiedemeister zu:


„Schlage mir auf diese Hufe,

Die noch niemals Eisen fühlten,

Vier brandrote, glüh’nde Eisen,

Dass der Huf im Feuer brennt!“


Dem Schmied schien die Sache seltsam,

Und er bat den finst’ren Reiter:

„Kommt herein in meine Werkstatt,

Wählt die Eisen selbst euch aus.“


Während beide nun besichtigten

In dem Flur die schweren Eisen,

Ging des Schmieds junger Geselle

Zu dem armen, müden Pferd.


Da vernahm er leises Lispeln,

Das aus Pferdemunde drang:

„Zieh mir rasch das linke Ohr

Aus dem engen Zaume frei!“


Und der Bube, hold und mitleidig,

Streift’ den Halfter von dem Ohre –

Hui! Da schwand das edle Ross,

Und als kleine, flinke Lerche


Schwang sich Krabat in die Lüfte,

Sang ein Lied der Fröhlichkeit.

Doch der alte Zauberer

Sah den Betrug und wurde bös.


Als ein grimm’ger Raubvogel,

Als ein Stößer schoss er nach,

Schnitt die Luft mit scharfen Schwingen,

Holte die kleine Lerche ein.


Als die Lerche sah den Jinker

Nahe über ihrem Haupte,

Stürzte sie sich jäh nach unten,

In des Dorfes tiefen Brunnen.


Und im Wasser, kühl und dunkel,

Ward sie schnell zum flinken Fisch;

Doch am Brunnen stand ein Mädchen,

Eine reine, holde Jungfrau,


Die mit ihrem hölz’nen Eimer

Frisches Wasser schöpfen wollte.

Und o Wunder! Als sie schaute,

Ward der Fisch zum gold’nen Ring,


Der an ihrem zarten Finger

Wie die helle Sonne glänzte.

Freudig wollt’ sie heimwärts eilen,

Da trat ihr der Weißbart nach.


Bot ihr Säcke voller Golde,

Einen fabelhaften Preis,

Dass sie ihm den Ring verkaufe,

Doch die Maid blieb felsenfest.


Denn ein reines, keusches Mädchen

Steht in Gottes eig’nem Schutze;

Über unbefleckte Seelen

Hat der Böse keine Macht.


Grollend blieb er in der Nähe,

Schlich um das elterliche Gut.

Und das Mädchen kam nach draußen,

Trug die Schürze voller Gerste,


Um die Hühner frisch zu füttern,

Streute Körner auf die Erde;

Da entglitt der gold’ne Reif

Ihrem Finger unbemerkt.


Und kaum traf er auf den Boden,

Ward er selbst zum Gerstenkorn.

Aus dem Busche kam gelaufen

Ein fremder, stolzer Hahn stolziert,


Wollte gierig mit den Hühnern

Auch das eine Korn verzehren –

Doch im Nu ward aus dem Korne

Ein behender, roter Fuchs!


Und der Fuchs packt’ mit den Zähnen

Blitzgeschwind den fremden Hahn,

Riss ihn jähling in die Stücke,

Dass die Federn fliegend stoben.



IX


Wieder in der Heimat Eutrich,

Wo die Heide still erblühte,

Hütete der junge Krabat

Eine Herde Borstenvieh.


Schmutz’ge Schweine trieb er weidend,

Als ein stolzer Prachtwagen

Plötzlich auf der Straße nahte –

Drinnen saß ein hoher Herr:


August, den man nennt den Starken,

König von dem Sachsenlande!

Und als er vorüberflog,

Geschah ein seltsam’ Wunderding.


Wie auf ein geheimes Wort hin,

Wie nach strengem Heeresbann,

Hoben alle diese Schweine

Sich auf ihre Hinterfüße!


Kerzengerade, wie Soldaten,

Standen sie im Dreck am Wege,

Präsentierten stumm Gewehr

Vor dem sächs’schen Potentaten.


Und der König schaut’ verwundert

Auf den wend’schen Eumäos,

Nahm ihn mit in seine Residenz,

Nach dem glanzvoll’ Dresdner Schlosse.


In der königlichen Hofküche

Musst’ der Knabe fortan dienen;

Doch der Hofkoch war ein Mann

Von gar strengem, sau’rem Sinn.


Sah mit Ärger auf den Lümmel,

Der die Nase neugierig

In die Töpfe, in die Pfannen

Und in jede Sauce steckte.


Als der Koch einst Nudeln schnitt,

Kam ihm Krabat in die Quere –

Hui! Da flogen die Ohrfeigen

Auf des Jungen Wangen nieder.


Doch der Wendensohn vergaß nicht

Diese Schmach am Herd des Königs;

Rache sann er in dem Winkel,

Als man rief zum großen Mahle.


Oben im Bankettsaal saßen

Die allerhöchsten Herrschaften,

Und der Hunger trieb sie an,

Als die Schüsseln aufgetragen.


Doch o Schauder! Auf den Tellern,

Wo die feinen Nudeln lagen,

Krochen plötzlich wild und eklig

Fette, leb’ge Regenwürmer!


Und die gebrat’nen Hühnchen,

Die so goldbraun eben dufteten,

Wurden wach, bekamen Beine,

Hüpften jäh als muntere Frösche


Aus dem Silber der Pokale,

Auf die samtnen Tafeltücher!

Schreien hieß es bei den Damen,

Und der König schlug den Tisch.


In die tiefste Ungnad’ fiel nun

Der gebrandmarkte Meisterkoch;

Man beschloss, ihn zu entlassen

Um den eklen Würmer-Spuk.


Doch der Koch rief Gott zum Zeugen,

Schwor auf seine weiße Mütze,

Dass er unschuldig gewesen

An dem hühnerhaften Sprunge.


Und der schlaue König merkte

Bald den wahren Urheber,

Dachte an die klugen Schweine,

Die im Dorfe paradiert.


Und zur Strafe für den Schabernack,

Für des Koches herbe Schmach,

Ward der Hexenmeister Krabat

Aus der Hofküche verbannt.


X


Wiederum im Elternhause

Suchte Krabat Schutz und Zuflucht;

Und die Jahre flohen leise,

Bis er, kräftig und behende,


Zu dem schönsten jungen Manne

In der Lausitz rings heranwuchs.

Doch es drohte finst’res Schicksal

Nach der alten Väter Sitte:


Denn bei Nacht, im tiefen Schlummer,

Kamen sächs’sche Werber reiten,

Hielten rings das Dorf umstellt,

Um die Burschen wegzuschleppen.


Mit Gewalt und harten Banden

Ward die Jugend fortgetrieben,

Und auch Krabat traf das Los nun

Für den harten Heeresdienst.


In ein Dresdner Fußregiment

Musst’ der junge Wende eintreffen,

Lernte Marsch und Griff und Ladung

In des Königs langem Rock.


Bald darauf bracht’ wildes Wettern

Einen großen Türkenkrieg;

Und als Musketier im Felde

Finden wir den Krabat wieder.


Ach! Der Krieg nahm schlimme Wendung,

Und der König ward gefangen!

In ein dichtes, scharfes Karree

Schlossen ihn die Feinde ein.


Tiefbewegt und voller Sorge

Standen Sachsen und Verbünd’te,

Generäle, stolze Fürsten,

Ratschten bänglich hin und her.


Keiner wusste, wie zu retten

Ihren teuren, tapf’ren Fürsten;

Da trat Krabat aus den Reihen,

Vor die hohen Befehlshaber.


Sprach: „Ich kenne eure Sorgen,

Weiß um eure große Not!

Niemand sonst auf dieser Erde

Bringt den König lebend wieder!“


Ungläubig die Fürsten blickten,

Zuckten lachend mit den Achseln,

Doch in ihrer herben Ohnmacht

Ließen sie den Burschen gewähren.


Krabat rief: „Bringt mir ein Pferd!

Sattelt schnell den besten Gaul mir,

Denn es bleibt, den Herrn zu retten,

Kaum noch eine kurze Stunde!“


Und der Gaul ward rasch gezäumt;

Krabat ritt ein kleines Stückchen

Auf der Erde festen Boden,

Doch dann schwang er sich empor!


In die Lüfte stieg das Ross,

Höher, höher in die Wolken,

Bis es nur als kleiner Punkt

Am azurnen Himmel stand.


Fluggeschwind zum Türkenlager,

Das in weiter Ferne ruhte,

Schwebte er herab zur Erde,

Blieb für alle Augen unsichtbar.


Nur der König konnt’ ihn sehen,

Der im Kreis der Wachen saß;

Und er sah den Infanteristen

In dem langenschöß’gen Rocke.


Sah die Muskete auf dem Rücken,

Und er kannt’ den treuen Jungen:

„Krabat, sag, wo kommst du her?

Aus den Lüften, aus dem Nichts?“


„Euch zu retten, Majestät!

Fasset an meine Frackschöße!

Haltet fest und seid unbesorgt,

Was auch immer nun geschieht!“



XI


Und der König tat, wie Krabat

Ihm geheißen in der Not;

Griff nach den langen Frackschößen,

Hielt sich fest mit starker Hand.


Und fort ging es durch die Lüfte,

Stürmend durch das Wolkenmeer,

Während unten im Gewimmel

Sich der Türken Heer entsetzte.


Als sie sahen, dass der Fürst

Wundersam im Nichts verschwand,

Riefen sie nach ihrem Meister,

Der in ihren Reihen diente.


Denn auch in der Türken Armee

War ein Schwarzkünstler bekannt;

Dieser musste nun ungesäumt

Auf die Jagd der Flücht’gen gehn.


Krabat flog und blickte nimmer

Hinter sich im wilden Flug;

Fragte leis den sächs’schen König:

„Eilt uns jemand nach im Wind?“


Und der König rief voll Bange:

„Ja, ein großer, schwarzer Vogel

Kommt dort hinten stark geflogen,

Kommt uns näher, immer näher!“


Da rief Krabat dunkle Worte,

Zaubert’ einen finst’ren Nebel,

Eine dichte, graue Wandung

Hinter ihren schnellen Ritt.


Fragte wieder, ohne Wendung:

„Ist der Geier nun verschwunden?“

Doch der König sprach: „Er fliegt

Immer noch auf uns’rer Fährte!“


Jetzt ließ Krabat sich erheben

Eine Mauer, hoch und mächtig,

Unbeschreiblich steil und eisig,

Die den Himmel fast zerschnitt.


Doch auch dieses Zauberwerk

War kein Hindernis dem Feinde;

Mit der Leichtigkeit des Windes

Setzt’ der Vogel drüber weg.


„Ist er wieder da?“, rief Krabat.

„Ja, er ist uns dicht am Schwanze!“,

Rief der König, und sein Herz

Schlug ihm bange in der Brust.


Da bat Krabat seinen Herren:

„Reißt mir schnell von eurem Rocke

Einen blanken, gold’nen Knopf ab,

Gebt ihn mir in meine Hand!“


Und der Knopf ward rasch gerissen,

In die Muskete tief geladen;

Krabat legte stramm das Rohr

Über seine linke Schulter.


Ohne Zielen, ohne Schauen,

Schoss er blindlings nach der Rückseit’ –

Hui! Da krachte das Gewehr,

Und der Knopf flog durch die Luft.


Und der schwarze Vogel stürzte,

Ein gellender, herber Todesschrei

Echote durch Wolkenbrüche,

Und der Feind war weggewischt.


Doch bei diesem letzten Schrei,

Der so schmerzhaft gellend tönte,

Zuckte Krabat jäh zusammen,

Und er fing zu weinen an.


Heiße Tränen aus den Augen

Flossen ihm auf den Soldatenrock;

Und der König fragte staunend:

„Was betrübt dich, treuer Knecht?“


„Majestät!“, so rief der Junge,

„Wisset, wen ich traf im Fluge:

Meinen besten, liebsten Freund

Habe ich soeben erschossen!


An dem Ruf in Sterbensnot

Hab’ ich den Kameraden erkannt;

Wir gelernt zur selben Zeit

Einst bei uns’rem Hexenmeister!


O, dass gerade meine Hand

Ihn zum ewiglich Verlorenen

Machen musste auf der Welt,

Da er in der Kunst gestorben!


Hätt’ ich es nur geahnt, mein König,

Wüsst’ ich and’re List zu finden!“

Unter Klagen, Seufz’n und Jammer

Ward der Geisterritt fortgesetzt.



XII


Glücklich wieder bei dem Heere,

Das den Herren tot geglaubt,

Feierte man große Feste,

Und der König schwor dem Knappen


Eine fürstliche Belohnung,

Gold und Güter nach dem Kriege,

Wenn die Waffen endlich schwiegen

Und der Friede wiederkehrte.


Doch noch stand der Feind im Felde,

Und der König wünschte sehnlich,

Zu erkunden die Geheimpläne,

Die des Sultans Führung schmiedete.


Und so half der Hexenmeister

Noch einmal dem weisen Regenten;

In zwei kleine, flinke Fliegen

Haben beide sich verwandelt.


Summend flogen sie von hinnen,

Gerad’ ins türk’sche Hauptquartier,

Um am Tisch des großen Sultans

Die Gespräche zu belauschen.


Krabat raunte noch als Fliege:

„Hört die Warnung, Majestät!

Setzt euch niemals, um zu ruhen,

Auf den silberflamm’gen Löffel!“


Krabats Insektengestalt

Lief behende und geschäftig

Auf dem Rand der Suppenschüssel,

Lauschte auf des Herrschers Worte.


Doch die königliche Fliege,

Ungewohnt des Insektenlebens,

Schwirrte ungeschickt im Kreise,

Traf den silbernen Löffelstiel!


Hui! Da fing ein großer Hund,

Der im Schatten unterm Tisch lag,

Wild und grimmig an zu knurren,

Witternd die Gefahr im Raume.


Und der Zauberbann zerbrach jäh:

Mitten in des Sultans Zelte

Standen plötzlich zwei Gestalten,

Sachsenfürst und Musketier!


Eiligst mussten sie entfliehen,

Als die Wachen Zeter schrien;

Doch ein türkischer Soldat

Trat den Flücht’gen kühn entgegen.


Krabat griff nach einem Reifen,

Der von einem Wagenrade

Eisern auf dem Boden lag,

Warf ihn schleudernd nach dem Feinde.


Und der Reifen flog im Bogen,

Traf den Türken um den Nacken,

Zog sich augenblicklich enger

Als ein unlösbares Halsband.


Blau im Gesicht und ganz gefesselt

Blieb der Krieger jammernd stehen,

Während Krabat mit dem König

Aus dem Lager glücklich entwich.



XIII


Und der Krieg war nun zu Ende,

Und die Waffen schwiegen endlich,

Heimgekehrt in seine Hallen

War der sächs’sche Landesherr.


Und er rief den treuen Krabat

Vor den Thron im Dresdner Schlosse,

Bot ihm Berge voller Golde,

Große Summen, reiches Gut.


Doch der Knabe, ganz bescheiden,

Schlug die Schätze höflich aus,

Wollte nicht das blanke Silber,

Das im Lichte prunkend glänzte.


Erst als nun der König drängte,

Sprach: „Erwähle eine Gnade!

Ford’re, was dein Herz begehrt,

Und es soll dein eigen sein!“,


Äußerte der Hexenmeister

Einen Wunsch nach seiner Heimat:

„Gebt mir, Herr, das alte Gut nur,

Das Groß-Särchen wird genannt.


Dort im Lande Hoyerswerda,

Wo die Heide still erblüht,

Möcht’ ich meine Tage fristen,

Fern vom lauten Glanz der Welt.“


Lachend rief der starke König:

„Wenn du weiter nichts begehrest

Als die große Entenpfütze,

Die im Heidemoore liegt –


Nun, so sei das Gut dein eigen!

Nimm es hin für alle Zeiten,

Brief und Siegel will ich geben,

Dass Groß-Särchen dir gehört!“


Und so ward der arme Hirte

Aus dem wend’schen Eutrich-Dorfe

Herr auf einem großen Gute,

Mächtig wie ein kleiner Fürst.



XIV


Und es wob aus diesen Tagen

Sich ein Band der treuen Freundschaft

Zwischen dem Monarchen August

Und dem neuen Gutsherrn Krabat.


Hohe Ämter im Ministerium,

Die der König ihm erbötig,

Schlug der stolze Wende aus,

Blieb ein freier Mann im Lande.


Doch er blieb des Königs Ratgeber,

Privater Beistand in der Not,

Und er durfte, unangemeldet,

An der Tafel Sachsenfürsts speisen.


Oftmals macht’ er davon Gebrauch:

Um elf Uhr vormittags daheim

Spannte er die Pferde an

Auf dem Hofe zu Groß-Särchen.


Und wenn Punkt zwölf Uhr die Glocke

Vom Dresdner Schlossturm dröhnte,

Saß er schon beim Bratenfleisch

An des Königs rechter Seite.


Über Kamenz, Königsbrück,

Ging die wilde, tolle Fahrt,

Dass die Funken sprühend flogen

Aus dem Schotterweg der Heide.


Doch wo große Gunst im Lichte steht,

Wachsen nachts die düst’ren Schatten;

Und der kluge, freie Krabat,

Mächtiger als der Kanzler selbst,


Fand bald herbe, grimm’ge Neider

In des Schlosses Prunkgemächern.

Zwölf erlauchte Würdenträger

Fühlten tief sich herabgesetzt.


Und ihr Groll und finst’rer Ingrimm

Wuchs zum schwarzen Hochverrat,

Der sich gegen Augusts Leben,

Gegen Sachsen Thron nun wandte.


Sie verschworen sich im Dunkeln,

Zu vergiften ihren König;

Mittels einer Tasse Tee

Sollte er zum Ahnen wandern.


Und das Volk sollt’ gläubig hören,

Dass der Schlagfluss jählings, nachts,

Dieses starke, große Leben

Aus der Welt gerafft für immer.


Doch daheim in seinem Gute,

In Groß-Särchen, saß der Seher,

Blickte in das Erz des Spiegels,

Der ihm die Geheimnisse wies.


Und er sah die zwölf Verräter,

Sah das Gift im Becher funkeln,

Und er sah, dass diese Nacht schon

Sollte bluten sächsisches Blut!


Höchste Eile tat nun not,

Denn die Stunde war schon vorgerückt.

„Spannet an!“, so rief er laut,

Dass der Schafstall dröhnend hallte.


Zum Kutscher sprach er: „Dieses Mal

Werd’ ich selbst die Zügel führen!

Setz dich hinten in den Wagen,

Halt dich fest am Polstersitz!


In einer halben Stunde müssen

Wir beim König drüben sein!“

Und er schwang die lange Peitsche,

Dass sie knallte wie ein Schuss.


Pfeilgeschwind, wie Wetterstrahlen,

Schoß der Wagen in die Finsternis,

Durch die herbe, sturmbewegte,

Dunkle, kalte Herbstesnacht.



XV


Vor dem Dorfe, jäh im Dunkeln,

Wurde stumm des Wagens Rasseln;

Lautlos hoben sich die Rosse

Und die Räder in die Luft.


Durch die Wolken flog das Fuhrwerk,

Und der Kutscher auf den Kissen,

Ungewohnt der weichen Polster,

Schlief in süßem Schlummer ein.


Und er wachte erst vom Schlafe,

Als ein Ruck das Werk erschütterte;

Rief voll Angst: „Wir sind gefahren

Sicher auf ein’ großen Stein!“


Wollte von dem Sitze steigen,

Um das Fuhrwerk flott zu machen,

Doch der Meister rief besonnen:

„Bleibe sitzen, treuer Knecht!“


Denn der Wagen war verfangen,

Hoch am Himmel, in der Finsternis,

Hatte sich verfängt im Fluge

An der Kamenzer Kirchturmspitz’!


Krabat löste selbst das Hemmnis,

Und fort ging es durch die Lüfte,

Bis das sächs’sche Residenzschloss

Endlich vor den Augen stand.


Noch vor dem entscheid’nen Momente

Trifft er ein am Dresdner Hofe;

Das Bankett war im Gange,

Und der König hielt die Tasse,


Hielt den gift’gen Trank der Teufel

Schon an seinen Lippen stehen.

Da stürzt Krabat durch die Pforte,

Ruft voll Eifer: „Trinket nicht!


Lasst den Mundschenk erst genießen

Von dem süßen, heißen Tee!“

Und der König, klug und weise,

Widerstrebte nicht dem Rat.


Und der Mundschenk musst’ gehorchen,

Trank den Becher bis zum Grunde –

Hui! Da stürzt’ er bleich und schaurig

Tot und entseelt zu dem Boden.


Die Verräter stehn entlarvt nun,

Zittern vor des Königs Zorne,

Und das Urteil wird gesprochen:

Tod dem ganzen bösen Bund!


Und zur blut’gen Executio

Rief der Krabat aus der Heimat

Den berücht’gen Scharfrichter,

Bundermann aus Lissahora.


Dieser schwang das schwere Eisen,

Und beim elften Haupt, das rollte,

Stand der Henker in dem Kreise

Bis zum Knöchel tief im Blute.


Also wurde König August

Aus der herben Todesnähe

Durch des wend’schen Knappen Künste

Nun zum zweiten Mal gerettet.



XVI


Noch gar viele Wunderdinge

Weiß das Wendenvolk zu sagen

Von dem weisen Meister Krabat,

Der im Heidemorast hauste.


Oftmals kam er nach dem Mahle

Auf die Pfarre Wittichenau,

Wo der alte, graue Pfarrer

Schmunzelnd vor dem Essen bat:


„Nun, mein lieber Freund und Krabat,

Zeig uns etwas von den Künsten!“

Und der Gast verlangt’ behende

Einen Mucken Haferkörner.


Schüttet’ sie in eine Pfütze,

Las aus Moses’ sieb’nem Buche –

Hui! Da sprangen aus dem Schlamme

Stolze, laut geschmückte Krieger!


So viel Körner er geschüttet,

So viel Krieger stehn im Kreise,

Singen, lärmen auf dem Hofe,

Bis er einen and’ren Spruch las.


Da verschwand das ganze Heer wieder

In der dreck’schen Entenpfütze,

Und es lagen da als Körner,

Was zuvor Soldaten waren.


Krabats Kutscher, dumm und neugierig,

Hatt’ den Streich sich abgeluget,

Stahl das dicke Zauberbuch sich,

Als der Herr im Felde weilte.


Las die Verse, schüttet’ Hafer

In den großen Kachelofen –

Hui! Da quollen aus der Röhre

Massenhaft Soldaten herfür!


Füllten laut das ganze Zimmer,

Schrien wild nach schwerer Arbeit:

„Schaff uns Werk, du feiger Knecht du,

Oder wir schlagen dich zu Tode!“


Zitternd rief der arme Kutscher:

„Tragt den Mist mir aus dem Hofe!“

Und im Handumdrehn war’s fertig,

Und sie schrien: „Was nun weiter?“


„Tragt den Sand dort auf der Heide

Zu einem großen Haufen auf!“

Und sie trugen treu die Lasten,

Bis ein Hügel hoch entstand.


Heute noch bei Särchen siehst du

Diesen Hügel einsam ragen,

Den die Geister in der Eile

Aus dem märk’schen Sand erbauten.


Krabat, der auf weitem Felde

Dieses laute Treiben schaute,

Ahnte gleich des Knechtes Frevel,

Eilte zornig nach dem Hause.


In der Stube schlug das Kriegsvolk

Schon den Knecht mit wilden Fäusten,

Weil er keine Arbeit wusste

Für die gier’gen Geisterhände.


Krabat sprach das Wort der Rettung,

Trieb sie in den Ofen wieder,

Doch er schalt den dummen Kutscher,

Dass ihm fast das Hören verging:


„Du vermess’ner, blöder Lümmel!

Wär’ ich nur ein’n Blick zu späte

Hier in diese Tür getreten –

Niemals hätt’ ich sie gebändigt,


Und sie hätten dich zerrissen,

Mich dazu und dieses Haus!“

Also sprach der Hexenmeister,

Und der Knecht ward bleich vor Schreck.



XVII


Einstmals war der Amtsrichter

Aus der Stadt zu Wittichenau

Mit der ganzen, lieben Sippschaft

Zu Groß-Särchen Gast im Hause.


Und man saß beim edlen Weine,

Plaudert’ von den Welthändeln,

Als der Richter bat: „O Krabat,

Zeig uns ein Besustücklein!“


Krabat winkte seinem Diener,

Und der Knecht bracht’ im Körbchen

Zwei lebend’ge, zahme Tauben,

Eine weiß, die and’re kohlschwarz.


Doch o Schreck! Der Hexenmeister,

Wie im grausamen Vergnügen,

Drehte jäh mit festem Griffe

Beiden Tieren ab die Köpfe!


Und die Damen schrien Zeter,

Und der Richter blickt’ entsetzt

Auf die kleinen, stummen Leichen,

Die auf weißem Linnen lagen.


Doch von Mitleid nun ergriffen,

Wollte Krabat sie erwecken;

Fügte mit den Feenhänden

Hals an Rumpf und Blut an Knochen.


Aber ach! In Zerstreutheit,

Oder war es Schelmerei?

Setzte er der weißen Taube

Häretisch den schwarzen Kopf auf!


Und der schwarzen, düst’ren Taube

Gab er das gefiederte Haupt

Jener weißen, holden Schwester –

Und er hauchte Leben drein.


Hui! Da schlugen sie die Flügel,

Hoben sich vom Eichentische,

Flogen munter durch die Stube,

Ein gar wunderlicher Anblick!


Und als bleibendes Gedenken

An das wunderbare Mahl,

Durft’ der gute Amtsrichter

Diese Tauben mit sich nehmen.


Und sie flogen noch nach Jahren

Auf dem Dach in Wittichenau,

Weiß mit Schwarz und Schwarz mit Weiße –

Zeugen von des Meisters Kunst.



XVIII


Einstmals wollt’ der Herr von Särchen

Ändern des Gewässers Lauf;

Weil der Bach vor seinem Gute

Ihm nicht recht im Wege floss.


Und so spannt’ er einen Pflug an,

Nahm zwei wilde, starke Ochsen,

Die aus Polens Steppen stammten,

Um das Strombett umzuackern.


Doch er konnt’ die wilden Tiere

Nicht gehörig bändigen,

Und sie rissen jäh zur Seite,

Zogen krumm den schweren Pflug.


Und so kam es, dass das Wasser,

Welches in die Furche drängte,

Einen ganz gekrümmten Lauf nahm,

Voller Windung, Bieg’ und Schlangen.


Heute noch in jener Gegend

Sieht man diesen Bachlauf fließen,

Krumm und schief durchs grüne Grasland –

Zeuge von der Ochsen Wildheit.


Ein andermal, am Nachmittage,

Kehrte Krabat mit Bekannten

In der Stadt zu Wittichenau

In dem Gasthof am Markte ein.


Hunger hatten die Gesellen,

Und sie riefen nach dem Wirte:

„Bring uns Speis’ von den besten,

Dass sich uns’re Bäuche füllen!“


Doch der Wirt bedauert’ lebhaft,

Zuckt’ die Achseln und sprach traurig:

„Nichts als Butterbrot mit Käse

Und ein Stückchen Bauerswurst


Kann ich euch zur Stunde bieten,

Denn die Küche ist schon kalt!“

Krabat aber war von herzen

Nicht zufrieden mit der Kost.


Fragt’ den Wirt mit feinem Lächeln:

„Erlaubt Ihr mir, für meine Gäste

Und die Bürger dieser Stadt,

Selbst das Essen herbeizuschaffen?


Zahlen will ich Euch die Gabe,

Dass kein Schaden Euch entsteht!“

Und der Wirt besann sich kurz nur,

Nickte rauchend: „Es sei drum!“


Kaum war dieses Wort gesprochen,

Hut! Da sprang im Freu’n da draußen

Ein gar mächt’ger, wilder Sturm auf,

Dass die Balken dröhnend bogen.


Und die Gäste zitternd glaubten,

Dass das Haus zusammenbreche;

In der Stube ward es finster,

Dunkel wie im tiefsten Grab.


Keiner konnt’ die eig’ne Hand mehr

Vor den blöden Augen sehen;

Und die Wittichenauer Bürger

Bekamen Angst und Herzeleid.


Wünschten sich im Stillen weit weg

Von dem unheimlichen Orte;

Doch so schnell das Wetter aufkam,

Legte sich der Sturm auch wieder.


Mit dem Winde schwand das Dunkel,

Helles Licht erstrahlt’ im Raume,

Und die Gäste schauten staunend

Auf die Tische vor sich hin:


Denn da lagen reichlich Speisen,

Köstlich duftend, frisch bereitet,

Allerlei der feinsten Braten,

Und gesottene, fette Fische!


Und des Weiteren Zuspeisen,

Deren Namen diese Bürger

In dem ganzen Leben niemals

Auch nur einmal gehört hatten!


Und vor jedem Manne standen

Flaschen voll von fremdem Weine,

Der im Glase purpurn funkelte,

Süß wie Saft aus dem Orient.


Jeder nahm nach Lust und Laune,

Aß und trank nach Herzenswunsche,

Und sie lobten hoch das Festmahl,

Das der Meister ihnen schuf.



XIX


Doch des Weines süße Glut nun

War den Wittichenauer Bürgern

Schnell ein wenig in die Köpfe,

In das warme Blut gestiegen.


Zwei von jenen Zechgenossen,

Die zuvor noch friedlich schmausten,

Fingen an, sich heftig zu streiten

Um ein unbedeutend’ Nichts.


Und aus harten, lauten Worten

Wurde bald ein wilder Wechsel,

Der in grobe Tätlichkeiten,

In ein Raufen jählich auswich.


Krabat schaute auf die Ringer,

Und es verdross ihn gar gewaltig,

Dass der Zank so stumpf zerstörte

Die so friedliche Gesellschaft.


Sprach mit ernster, dunkler Stimme:

„Hört, zur Strafe für den Lärmen,

Für das Brechen uns’rer Ruh’ nun,

Sollt ihr euch nicht von der Stelle rühren!


Müsset stehn wie Holz und Steine,

Stumm und starr in eurer Stellung,

Bis wir froh auseinandergehen

Und die Schenke einsam bleibt!“


Und o Wunder! Kaum gesprochen

War des Hexenmeisters Spruch,

Blieben beide Männer stehen,

Wie vom Blitz des Himmels getroffen.


Konnten keinen Finger rühren,

Keinen Fuß vom Boden heben,

Müssten starr in Faustkampfpose

Wie zwei Marmorbilder stehn.


Ganz bezaubert, bleich vor Schande,

Wurden sie zum Spott der Runde,

Während rings die and’ren Gäste

Lachend tranken ihren Wein.


Erst als nun das Mahl beendet

Und der Meister Krabat aufstand,

Um den Gasthof zu verlassen,

Schwand der schwere Zauberbann.


Zitternd ließen sie die Arme

Sinken nach der langen Fron –

Eine Lehre war’s den Bürgern,

Niemals Krabats Fest zu stören.



XX


Nachdem nun der Zank geschlichtet,

Deutete der Meister Krabat

Mit dem Finger durch das Fenster,

Rief den Gästen fröhlich zu:


„Schaut doch einmal dort nach draußen,

Auf den weiten, großen Markt!

Seht, was unser Wirt im Hofe

Für ein starkes Tier besitzt!“


Und die Bürger liefen gläubig

An die Fensterscheiben hin,

Stauten groß mit offenen Mündern

Über das, was dort geschah:


Denn es zog der Hahn des Wirtes,

Stolz das bunte Gefieder schüttelnd,

Einen riesig schweren Balken

Mühsam über den Marktplatz hin!


Alle priesen dieses Wunder,

Das kein Mensch zuvor gesehn,

Da betraten zwei junge Mägde

Plötzlich die Gaststube.


Diese waren frei von Sinnen,

Nicht im Zauberkreis gefangen,

Und sie lachten laut und spöttisch

Über die betörte Runde.


Sprachen laut mit frechem Munde:

„Seht mir nur die Narren an!

Staunen all den dummen Hahn an,

Der doch nur ein Strohhalm zieht!


Einen kleinen, dürren Halm nur

Schleppt das Tierchen übern Platz,

Und die Herren Bürgersleute

Sperren jäh die Mäuler auf!“


Krabat hörte dieses Plaudern,

Und es wurmte ihn im Geiste,

Dass die beiden klugen Dinger

Ihm den schönen Spuk verdarben.


Und er spielte den zwei Mägden

Einen argen Schabernack,

Ließ im Nu den Zauber wenden,

Dass das Lachen ihnen verging.


(An dieser Stelle schweigt die Chronik)

(Über des Schabernacks Details,)

Doch beschämt, mit roten Wangen,

Eilten beide schnell hinaus.


Hatten gelernt, dass Frauenklugheit

Manchmal lieber schweigen sollte,

Wenn der große Hexenmeister

Seine bunten Netze webt.



XXI


Harmonisch tönt nun aus die Sage,

Und es schließt sich der Dokument;

Denn im Alter ward der Meister

Seiner Heimat großer Segen.


Freund und Wohltäter der Armen,

Nutzte er die alten Künste

Nur noch für das Wohl des Volkes,

Für den kargen Ackerbau.


Besserte den armen Boden,

Dass das Korn im Sommer reifte;

Und er tilgte über Nacht noch

Fieberbring’ge, faule Sümpfe.


Tränkte frisch verdorrte Saaten,

Wenn der Himmel Regen weigerte,

Und als einst ein schwerer Hagel

Grausam auf die Nachbarn stürzte,


Ließ er über seinen Fluren

Die gefürcht’ten Schlossen schwinden:

Als unschäd’ge Flaumfedern

Schwebte jäh das Wetter nieder.


Rastlos wirkte er im Guten

Für die dürft’gen Schutzbefohlenen;

Und da ihm kein Erbe blieb,

Keine Kinder, keine Enkel,


Schrieb er testamentarisch nieder,

Dass sein großes Hab und Gut nun

Aufgeteilt in vierzig Stücke

An die armen Bauern falle.


Nur die Reichen gingen leer aus,

Und des Gutes tiefe Teiche,

Die der Fiskus sich behalten,

Fielen an den Staat zurück.


Als die letzte Stunde nahte,

Rief er seinen treuen Diener,

Gab ihm das geheime Werkbuch,

Das aus Mosis Zeiten stammte.


Sprach: „Geh hin zum großen Teiche,

Wirf das Zauberbuch ins Wasser,

Dass die schwarze Kunst begraben

Liege in der dunklen Flut!“


Doch der Knecht war voll Verlangen,

Wollte das Geheimnis hüten,

Barg das Buch im dichten Busche,

Kam mit lüg’nem Mund zurück.


Krabat fragte auf dem Bette:

„Hast du meinen Wunsch vollendet?“

Und der Diener log behende:

„Ja, mein Herr, es liegt im Schlamm.“


Krabat blickt’ ihn durchsenkend an,

Sprach mit strenger, letzter Stimme:

„Sag mir, was das Wasser rief,

Als das Buch die Wellen traf?“


Da erschrak der falsche Knecht jäh,

Wusste keine Ausflucht mehr;

Musste wohl zum zweiten Male

Eilen an das Ufer hin.


Und er nahm das schwere Buch nun,

Warf es weit in dichten Bogen

Bei dem Ständer in die Fluten –

Hui! Da schlug das Wetter ein!


Zischend kochte das Gewässer,

Brodelte im tiefen Grunde,

Und unter lautem Donnerkrachen

Stieg die Flut wohl mannshoch auf!


Und die grünen Ufersträucher,

Die am Rand des Teiches standen,

Fingen plötzlich an zu brennen,

Flammten hell im Geisterfeuer.


Also schwand die schwarze Kunst nun

Aus der Welt der Sterblichen;

Und der Meister schloss die Augen,

Sanft entschlief der weise Krabat.



XXII


Als der Leib im Tode ruhte

Und das Zauberbuch versunken,

Löste sich die Seele Krabats

Aus der ird’schen Erdenhülle.


Nicht nach unten, zu dem Bösen,

Dem er einst die Kunst entwendet,

Ging die Fahrt des weisen Mannes,

Sondern aufwärts in das Licht.


Denn er hatt’ im Lauf der Jahre

Sich vom Dunkel rein gewaschen,

Hatte stets den Armen geholfen

Und die Not im Land gelindert.


An des Himmels gold’ner Pforte,

Wo die Englein Harfe spielen,

Stand bereit ein lichter Bote,

Der den Müden sanft empfing.


Und auf einem Thron von Wolken,

Eingehüllt in blaue Seide,

Saß die Königin der Himmel,

Gottesmutter, rein und mild.


Sterne glänzten ihr im Haare,

Und ihr Blick war voller Gnade,

Als sie auf den wend’schen Hirten,

Auf den Hexenmeister schaute.


Sprach zu ihm mit süßer Stimme:

„Komm herbei, du treuer Knappe!

Hast geirrt in jungen Tagen,

Doch dein Alter war voll Segen.


Hast die Sümpfe trockengelegt,

Hast das Volk vor Frost geschützet,

Und dein Hab und Gut am Ende

Gabst du weise deinen Armen.


Über Seelen, die so wirkten,

Hat die Hölle keine Rechte;

Leg herab die Wanderschuhe,

Deine Ruh’ ist nun gekommen.“


Und Maria streckte segnend

Ihre feinen, weißen Hände

Über Krabats müde Seele,

Die im Glanze hell erblühte.


Fort war alle Angst und Sorge,

Fort der Spuk der schwarzen Mühle;

Ew’ger Friede ward dem Jungen

In Mariae reinem Schutze.