LENIN UND DIE FRAUEN

VON TORSTEN SCHWANKE



SEINE MUTTER


Lenin – eigentlich Wladimir Iljitsch Uljanow – wurde am 22. April 1870 in Simbirsk geboren und entwickelte sich zu einem der einflussreichsten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts. Seine politische Radikalisierung wurde stark durch familiäre Ereignisse geprägt, insbesondere durch die Hinrichtung seines Bruders Alexander im Jahr 1887, die ihn endgültig in die revolutionäre Bewegung trieb.


Er gründete die Bolschewiki, führte sie durch die Oktoberrevolution 1917 und wurde zum zentralen Architekten der Sowjetunion. Seine Schriften, darunter Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, prägten den Marxismus-Leninismus nachhaltig.


Lenins Mutter: Marija Alexandrowna Uljanowa (geb. Blank)


Marija Alexandrowna Uljanowa wurde am 6. März 1835 in Sankt Petersburg geboren und starb am 25. Juli 1916 in Petrograd. Sie stammte aus einer gebildeten Familie mit jüdisch-deutsch-schwedischen Wurzeln. Ihr Vater war Arzt, ihre Mutter entstammte einer deutsch-schwedischen Linie. 


Bildung und Persönlichkeit

Sie erhielt eine solide häusliche Ausbildung und beherrschte Deutsch, Englisch und Französisch.


Sie spielte Klavier und las viel westliche Literatur.


1863 legte sie das Lehrerinnenexamen ab – als Autodidaktin. 


Familienleben

Im selben Jahr heiratete sie Ilja Nikolajewitsch Uljanow, einen Lehrer und späteren Schulinspektor. Sie widmete sich ganz der Familie und brachte acht Kinder zur Welt, darunter:


Alexander Uljanow (1866–1887) – hingerichtet wegen eines Attentatsversuchs auf den Zaren


Wladimir (Lenin) (1870–1924)


Dmitri (1874–1943)


Marija (1878–1937) 5


Nach dem frühen Tod ihres Mannes 1886 führte sie die Familie allein weiter und erhielt eine Witwenrente. Sie setzte sich sogar persönlich beim Zaren für ihren zum Tode verurteilten Sohn Alexander ein – erfolglos. 


Beziehung zu Lenin

Marija unterstützte ihren Sohn Wladimir emotional und intellektuell:


Sie besuchte ihn zweimal im Exil (1902 in Frankreich, 1910 in Schweden).


Lenin führte bis zu ihrem Tod einen regelmäßigen Briefwechsel mit ihr.


Ihre Bildung, Disziplin und politische Offenheit prägten Lenins Denken indirekt stark. 


Warum ist die Mutter für das Verständnis Lenins wichtig?

Marija Alexandrowna war nicht politisch aktiv, aber sie schuf das Umfeld, in dem Lenin aufwuchs:


Bildungsorientiert, weltoffen, sprachbegabt


Standhaft in Krisen (Tod des Mannes, Hinrichtung des Sohnes)


Unterstützend, auch wenn ihre Kinder revolutionäre Wege einschlugen


Viele Historiker sehen in ihr eine prägende Kraft, die Lenins intellektuelle Disziplin und seinen unerschütterlichen Willen mitformte.




SEIN KINDERMÄDCHEN LENA


Kurz gesagt: Über Lenins Kindermädchen „Lena“ ist nur eine einzige bekannte Anekdote überliefert – und sie betrifft seinen Kampfnamen „Lenin“. Laut einer verbreiteten Theorie soll der kleine Wladimir, wenn man ihn fragte, wessen Kind er sei, geantwortet haben: „Lenas Kind“. Diese Erzählung wird als mögliche Herkunft seines späteren Namens „Lenin“ genannt. 


Wer war das Kindermädchen „Lena“?

Die historischen Quellen nennen keinen vollständigen Namen, keine Biografie und keine gesicherten Lebensdaten. Alles, was wir wissen, stammt aus der oben erwähnten Namens-Anekdote.


Das bedeutet:


„Lena“ war höchstwahrscheinlich ein Hausmädchen oder Kindermädchen im Haushalt der Familie Uljanow.


Sie muss in Lenins früher Kindheit (1870er Jahre) tätig gewesen sein.


Es gibt keine archivarischen Dokumente, die ihre Identität eindeutig belegen.


Die Geschichte wird daher von Historikern eher als Familienüberlieferung oder Legende betrachtet – eine von mehreren Theorien zur Herkunft des Namens „Lenin“.


Wie hängt „Lena“ mit Lenins Namen zusammen?

Die Quelle nennt drei Theorien zur Entstehung des Namens „Lenin“:


Verbannung an den Fluss Lena in Sibirien


Ein Deckname aus dem Exil


Die Kindermädchen-Anekdote („Lenas Kind“) 


Die Kindermädchen-Version ist die romantischste, aber historisch am wenigsten belegte.


Einordnung

Die Anekdote über „Lena“ ist interessant, weil sie zeigt, wie Mythenbildung um historische Figuren funktioniert. Während Lenins Mutter Marija Alexandrowna gut dokumentiert ist, bleibt das Kindermädchen eine mysteriöse Randfigur, die nur durch eine Namensgeschichte in Erinnerung bleibt.




SEINE SCHWESTER ANNA


Lenin hatte mehrere Schwestern, aber die wichtigste und historisch bedeutendste war eindeutig Anna Iljinitschna Uljanowa. Wenn man „seine Schwester“ meint, ist fast immer Anna gemeint – sie spielte eine zentrale Rolle im Leben der Familie und in der revolutionären Bewegung.


Anna Iljinitschna Uljanowa (1864–1935)

Kurzfazit: Anna war die älteste Schwester Lenins, eine hochgebildete Frau, Revolutionärin, Pädagogin und eine Art „zweite Mutter“ für die jüngeren Geschwister.


Herkunft und Bildung

Geboren 1864 in Simbirsk


Studierte an der Bestuschew-Höheren Frauenschule in St. Petersburg – eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen, akademische Bildung zu erhalten


Sprachbegabt, politisch interessiert, früh sozial engagiert


Politische Rolle

Schon in den 1880er Jahren in revolutionären Studentengruppen aktiv


Nach der Hinrichtung ihres Bruders Alexander (1887) wurde sie überwacht, aber blieb politisch aktiv


Unterstützte später die Bolschewiki, arbeitete in Parteiorganen und schrieb über die Geschichte der revolutionären Bewegung


Beziehung zu Lenin

Anna war für Lenin eine Vertrauensperson


Sie organisierte oft Familienangelegenheiten, half bei Kontakten und unterstützte seine politische Arbeit


Nach Lenins Tod 1924 war sie eine der wichtigsten Bewahrerinnen seines Nachlasses


Warum sind Lenins Schwestern wichtig?

Sie zeigen, dass die Familie Uljanow hochgebildet, politisch wach und sozial engagiert war.


Besonders Anna und Maria waren aktive Revolutionärinnen, nicht nur „Schwestern eines berühmten Mannes“.


Ihre Biografien spiegeln die dramatischen Umbrüche Russlands im 19. und 20. Jahrhundert.



OLGA


Olga Iljinitschna Uljanowa war Lenins zweite Schwester – eine hochbegabte junge Frau, deren Leben tragisch früh endete. Sie ist weniger bekannt als Anna oder Maria, aber ihre Geschichte sagt viel über die Familie Uljanow aus.


Olga Uljanowa (1871–1891)

Kernpunkt: Olga war das intellektuell vielleicht begabteste der Uljanow‑Kinder, starb jedoch mit nur 19 Jahren.


Herkunft und Persönlichkeit

Geboren 1871 in Simbirsk


Sehr gute Schülerin, außergewöhnlich sprachbegabt


Wollte wie ihr Vater und ihre Mutter eine akademische Laufbahn einschlagen


Galt in der Familie als „die Sanfte“ – ruhig, fleißig, sensibel


Ausbildung

Besuchte die Mädchenschule in Simbirsk


Wollte später Medizin studieren, was für Frauen im Zarenreich schwierig war


Ihre Lehrer beschrieben sie als „außergewöhnlich talentiert“


Früher Tod

Olga starb 1891 im Alter von nur 19 Jahren an Typhus.

Ihr Tod traf die Familie schwer – besonders Lenin, der damals 21 war.


Viele Biografen betonen, dass ihr Verlust Lenin emotional erschütterte und seine spätere Härte gegenüber dem zaristischen System mitprägte.


Warum ist Olga wichtig?

Sie zeigt, wie bildungsorientiert und leistungsstark die Uljanow‑Familie war


Ihr früher Tod war ein Schlüsselmoment in Lenins Jugend


Sie steht für das ungenutzte Potenzial vieler Frauen im Zarenreich, denen Bildung nur begrenzt offenstand




MARIA


Maria Iljinitschna Uljanowa war Lenins jüngste Schwester – politisch aktiv, loyal zur Familie und später eine Funktionärin im sowjetischen Staat. Ihre Biografie ist eng mit der Geschichte der Revolution verbunden, aber sie endet tragisch im Jahr 1937.


Maria Uljanowa (1878–1937)

Kurzfazit: Maria war eine entschlossene Bolschewikin, die ihr Leben der Partei widmete – und schließlich selbst Opfer des stalinistischen Terrors wurde.


Kindheit und Persönlichkeit

Geboren 1878 in Simbirsk


Jüngstes der Uljanow‑Kinder


Ruhig, fleißig, sehr pflichtbewusst


Stand ihrem Bruder Wladimir (Lenin) besonders nahe


Schon früh zeigte sie Interesse an Sozialfragen und Bildung, beeinflusst durch die Atmosphäre im Elternhaus.


Politische Aktivität

Ab den 1890er Jahren in sozialdemokratischen Zirkeln aktiv


Mehrfach verhaftet und ins Exil geschickt


Arbeitete später in der bolschewistischen Parteiorganisation


Nach 1917:


Tätig im Volkskommissariat für Bildung


Engagiert in der Frauenbewegung innerhalb der Partei


Mitautorin historischer Arbeiten über die Revolution


Sie war keine Frontfigur wie Lenin, aber eine verlässliche Organisatorin im Hintergrund.


Beziehung zu Lenin

Maria war eine der Personen, denen Lenin am meisten vertraute.

Sie unterstützte ihn organisatorisch, politisch und privat.

Nach seinem Tod 1924 arbeitete sie an der Pflege seines Nachlasses und der offiziellen Geschichtsschreibung.


Tragisches Ende (1937)

Maria wurde 1937 während der Stalinistischen Säuberungen verhaftet.

Der Vorwurf: „konterrevolutionäre Aktivitäten“ – völlig unbegründet.

Sie starb noch im selben Jahr im Gefängnis.


Erst posthum wurde sie rehabilitiert.


Warum ist Maria wichtig?

Sie zeigt, wie selbst treue Revolutionäre später Opfer des Systems wurden, das sie mit aufgebaut hatten.


Sie war ein Beispiel für die politische Aktivität von Frauen in der frühen Sowjetunion.


Ihre Biografie ergänzt das Bild der Familie Uljanow als gebildet, politisch engagiert und von Tragödien geprägt.




NADESCHDA KRUPSKAJA


Nadeschda Konstantinowna Krupskaja war Lenins Ehefrau, eine bedeutende Revolutionärin, Marxistin und eine der wichtigsten Pädagoginnen der frühen Sowjetunion. Sie wurde am 26. Februar 1869 in Sankt Petersburg geboren und starb am 27. Februar 1939 in Moskau. 


Wer sie war

Nadeschda Krupskaja stammte aus einer gebildeten, aber verarmten Adelsfamilie. Ihre Mutter war Lehrerin, ihr Vater Offizier, dessen Karriere wegen politischer Ansichten scheiterte. Schon früh zeigte sie intellektuelle Neugier, politisches Interesse und eine starke Neigung zur Volksbildung. 


Ausbildung und frühe politische Arbeit

Besuch des Gymnasiums in St. Petersburg


Ausbildung zur Lehrerin


Engagement in marxistischen Arbeiterzirkeln


Unterricht für Arbeiter in Abend- und Sonntagsschulen


Ab 1891 intensive Arbeit an der Alphabetisierung der Arbeiterklasse


Diese Tätigkeit brachte sie in Kontakt mit revolutionären Kreisen – und schließlich mit Lenin.


Beziehung zu Lenin

Krupskaja lernte Lenin 1894 in einem marxistischen Zirkel kennen. Beide verstanden sich sofort politisch wie persönlich.


1896 wurde sie verhaftet


1898 durfte sie ihre Verbannung gemeinsam mit Lenin in Schuschenskoje verbringen


Dort heirateten sie im selben Jahr kirchlich 


Sie wurde Lenins engste Mitarbeiterin, Sekretärin, Organisatorin und politische Partnerin – weit mehr als „nur“ seine Ehefrau.


Rolle in der bolschewistischen Bewegung

Krupskaja war eine zentrale Figur im organisatorischen Aufbau der Partei:


Redaktionsarbeit für die Iskra


Verwaltung der gesamten Parteikorrespondenz


Unterstützung Lenins in innerparteilichen Konflikten


Aufbau von Netzwerken im Exil (München, London, Genf) 


Sie ersetzte oft „ein ganzes Sekretariat“ – ein Hinweis auf ihre enorme organisatorische Leistung.


Nach der Oktoberrevolution

Nach 1917 wurde Krupskaja Mitglied im Volkskommissariat für Bildung.

Ihre Schwerpunkte:


Alphabetisierung


Bibliothekswesen


Pädagogische Reformen


Frauenbildung


Sie gilt als eine der wichtigsten sowjetischen Bildungstheoretikerinnen.


Nach Lenins Tod

Nach 1924 geriet sie politisch in eine schwierige Lage:


Sie sympathisierte zunächst mit Stalins Gegnern


Distanzierte sich später, um politisch zu überleben


Ihre pädagogischen Werke wurden später kritisiert und teilweise zensiert


Trotzdem blieb sie eine moralische Autorität und Bewahrerin von Lenins Vermächtnis.


Warum ist Krupskaja wichtig?

Sie war Mitarchitektin der bolschewistischen Bewegung


Eine der einflussreichsten Pädagoginnen der frühen Sowjetunion


Eine politische Figur, die Lenins Arbeit entscheidend mittrug


Symbolfigur für die Rolle der Frau in der Revolution




INESSA ARMAND


Inessa Armand war eine der faszinierendsten Frauen in Lenins Umfeld: Revolutionärin, Feministin, Organisatorin, Intellektuelle und Lenins Geliebte. Sie wurde am 8. Mai 1874 in Paris geboren und starb am 24. September 1920 an Cholera. 


Wer war Inessa Armand?

Inessa Armand (eigentlich Inès Elisabeth Pécheux d’Herbenville) war eine russische Revolutionärin französischer Herkunft. Ihr Vater war Opernsänger, ihre Mutter Schauspielerin. Nach seinem frühen Tod kam sie als Kind nach Moskau zu ihrer Tante, die dort als Musiklehrerin arbeitete.


Ehe, Familie und Politisierung

Mit 19 Jahren heiratete sie den reichen Industriellen Alexander Armand und bekam vier Kinder.


Erschüttert von der Armut der Arbeiter gründete sie mit ihrem Mann eine Schule für Bauern- und Arbeiterkinder.


Sie wurde Vorsitzende des „Vereins zur Verbesserung des Loses der Frau“ in Moskau – ein frühes feministisches Engagement. 


Später verliebte sie sich in Alexanders jüngeren Bruder Wladimir Armand, mit dem sie zusammenlebte.


Diese persönliche Krise führte sie tiefer in die revolutionäre Bewegung.


Revolutionärin und Feministin

Ab 1904/05 radikalisierte sie sich politisch:


trat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands bei


wurde mehrfach verhaftet und verbannt


floh in die Schweiz


arbeitete als Übersetzerin, Organisatorin und Kurierin


engagierte sich für Frauenrechte, freie Liebe und soziale Reformen


Sie wurde Herausgeberin der bolschewistischen Frauenzeitung Rabotniza und spielte eine führende Rolle bei internationalen sozialistischen Frauenkongressen. 


Beziehung zu Lenin

Ab 1909 entwickelte sich eine enge persönliche und politische Beziehung zu Lenin.


Viele Historiker gehen davon aus, dass sie seine Geliebte war – eindeutig belegt ist es nicht, aber zahlreiche Briefe und Zeitzeugenberichte sprechen dafür.


Ihr Tod 1920 traf Lenin schwer: Zeitzeugen berichten, er habe tagelang geweint.


Rolle nach der Revolution 1917

Nach der Oktoberrevolution übernahm Armand wichtige Funktionen im neuen Sowjetstaat:


Leiterin des Zhenotdel, der bolschewistischen Frauenabteilung


Einsatz für Bildung, soziale Reformen und Gleichberechtigung


Kampf für eine Gesellschaft, in der „das Private politisch ist“ – ein radikaler Gedanke ihrer Zeit 


Tod und Vermächtnis

Inessa Armand starb 1920 an Cholera im Kaukasus.

Sie wurde unter den Mauern des Kremls beigesetzt – eine seltene Ehre, die ihre Bedeutung für die Revolution unterstreicht. 


Warum ist Inessa Armand wichtig?

Sie war eine der wichtigsten Frauen der bolschewistischen Bewegung


Sie verband Feminismus, Sozialismus und Bildungsarbeit


Sie war eine enge Vertraute Lenins – politisch wie persönlich


Sie kämpfte für eine radikale Neuordnung der Gesellschaft




ALEXANDRA KOLLONTAI


Alexandra Kollontai war eine der außergewöhnlichsten Frauen der russischen Revolution – Revolutionärin, Feministin, Diplomatin und eine der radikalsten Denkerinnen ihrer Zeit. Sie verband marxistische Theorie mit einer kompromisslosen Vision von Frauenbefreiung und sexueller Selbstbestimmung.


Wer war Alexandra Kollontai?

Geboren: 31. März 1872 in St. Petersburg

Gestorben: 9. März 1952 in Moskau


Kollontai stammte aus einer wohlhabenden Militärfamilie, erhielt eine exzellente Bildung und wandte sich früh sozialistischen Ideen zu. Sie war eine der wenigen Frauen, die in der bolschewistischen Führung eine echte Stimme hatten.


Revolutionärin und Theoretikerin

Kollontai trat 1899 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands bei und wurde schnell zu einer prominenten marxistischen Autorin. Ihre Schwerpunkte:


Frauenrechte


Arbeitsbedingungen von Arbeiterinnen


Sexualmoral und Ehe


Sozialpolitik


Sie war die erste marxistische Theoretikerin, die offen über freie Liebe, emotionale Unabhängigkeit und die Befreiung der Frau aus ökonomischen Zwängen schrieb.

Ihr berühmtestes Werk: „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“.


Rolle in der Oktoberrevolution

Nach 1917 wurde sie:


Volkskommissarin für soziale Fürsorge – die erste Frau der Welt in einem Ministerrang


Mitbegründerin des Zhenotdel, der bolschewistischen Frauenabteilung


Verantwortlich für Mutterschutz, Kinderfürsorge, Arbeiterrechte und soziale Reformen


Sie setzte sich ein für:


kostenlose Kinderkrippen


Mutterschutzgesetze


Scheidungsfreiheit


Gleichstellung am Arbeitsplatz


Einige ihrer Ideen waren der damaligen Gesellschaft Jahrzehnte voraus.


Konflikt mit Lenin und später mit Stalin

Kollontai schloss sich 1921 der Arbeiteropposition an, die mehr Demokratie in der Partei forderte.

Lenin kritisierte sie scharf, aber respektierte sie.

Unter Stalin wurde sie politisch kaltgestellt – aber nicht verhaftet.


Diplomatin – eine Weltpremiere

Um sie aus der Innenpolitik zu entfernen, machte Stalin sie zur Diplomatin.

Sie wurde:


erste weibliche Botschafterin der Welt


Gesandte in Norwegen, Mexiko und Schweden


Sie war damit eine Pionierin der internationalen Diplomatie.


Warum ist Kollontai wichtig?

Sie war eine der radikalsten feministischen Stimmen des 20. Jahrhunderts


Sie verband Marxismus mit einer Theorie der emotionalen und sexuellen Freiheit


Sie war die erste Ministerin und erste Botschafterin der Welt


Sie prägte die sowjetische Sozialpolitik nachhaltig




GOTTESMUTTER


Kurz gesagt: Lenin hatte keine besondere Stellung zur Gottesmutter Maria im religiösen Sinn.

Er war überzeugter Atheist, Materialist und ein scharfer Kritiker jeder Form von Religion – einschließlich der Marienverehrung, die in der russisch‑orthodoxen Kirche eine zentrale Rolle spielt.


Lenins Grundhaltung zur Religion

Lenin betrachtete Religion als:


„Opium des Volkes“ (in Anlehnung an Marx)


ein Werkzeug der Unterdrückung


eine Ideologie, die Menschen von sozialer Veränderung abhalte


eine Stütze des Zarentums und der alten Ordnung


Er schrieb 1905:


„Jede religiöse Idee, jede Vorstellung von Gott ist die unflätigste Erniedrigung des Menschen.“


Damit war für ihn auch die Verehrung der Gottesmutter Teil eines Systems, das er überwinden wollte.


Die Gottesmutter im russischen Kontext

In Russland war die Bogomater – die Gottesmutter – eine der wichtigsten religiösen Figuren.

Ikonen wie die:


Gottesmutter von Kasan


Gottesmutter von Wladimir


Gottesmutter von Smolensk


waren nationale Symbole, die das Volk emotional tief verbanden.


Lenin sah genau darin ein Problem:

Die Marienverehrung war für ihn ein Instrument der Massenbindung an die Kirche.


Lenins konkrete Maßnahmen gegen Marienverehrung

Nach der Revolution 1917:


wurden Ikonen aus Schulen und Behörden entfernt


kirchliche Prozessionen zu Marienfesten eingeschränkt oder verboten


Klöster und Kirchen, die Marienikonen beherbergten, enteignet


die berühmte Ikone der Gottesmutter von Kasan zeitweise beschlagnahmt


Lenin wollte die religiöse Symbolik durch sozialistische Rituale ersetzen.


Persönliche Haltung

Lenin war nicht nur politisch, sondern auch emotional distanziert gegenüber religiösen Symbolen.

Er wuchs zwar in einer orthodox geprägten Umgebung auf, aber:


er lehnte Religion schon als Jugendlicher ab


er verspottete religiöse Rituale


er betrachtete die Gottesmutter als mythologische Figur, nicht als spirituelle Realität


Für ihn war die Marienverehrung ein kulturelles Phänomen, kein Gegenstand persönlicher Bedeutung.


Warum ist die Frage interessant?

Weil die Gottesmutter in Russland ein nationales Identitätssymbol war – und Lenin dieses Symbol bewusst entmystifizieren wollte.





ANHANG


BOLSCHEWIKI UND FEMINISTINNEN


INESSA ARMAND UND ALEXANDRA KOLONTAI




Inessa Armand: Mehr als „Lenins Geliebte“


Heute ist Inessa Armand als Wladimir Lenins „inoffizielle Ehefrau“ bekannt. Tatsächlich wurde Armand, auch ohne den Einfluss des „Führers des Weltproletariats“, zur Revolutionärin und führte ein unabhängiges Leben voller Abenteuer, Verhaftungen und schwieriger Entscheidungen. Ihre Affäre mit Lenin ist nicht bewiesen.


Die siebenjährige Inna wurde in der Wohnung ihrer Eltern durch ein ungewöhnliches Geräusch geweckt und sah Gendarmen bei einer Durchsuchung. Sie durchwühlten alles. Ihre Mutter stand da, völlig ruhig. Ihre Mutter hieß Inessa Armand; sie war 1905 wegen Besitzes verbotener Literatur verhaftet worden. Es war ihre erste Verhaftung, aber nicht ihre letzte. 


Inessa Armands Geburtsname war Elisabeth Inès. Sie wurde am 8. Mai 1874 in Paris geboren. Ihr Vater, Theodore Steffen, war Opernsänger, ihre Mutter, Natalie Wild, Schauspielerin. Wenige Jahre später starb ihr Vater. Ihre Mutter, die inzwischen zwei weitere Kinder geboren hatte, war nun Witwe. Die Familie befand sich in einer so prekären finanziellen Lage, dass Natalie Wild gezwungen war, ihre beiden Töchter nach Moskau zu schicken. Dort lebte ihre Tante, die als Gouvernante für die wohlhabende Industriellenfamilie Armand arbeitete. 


Die Familie Armand besaß in Puschkin eine große Textilfabrik sowie Landgüter und Wohnhäuser. Gleichzeitig vertrat die Familie Armand fortschrittliche Ansichten: Sie kümmerte sich um ihre Arbeiter und war frei von Snobismus. Sie hieß die Schwestern Steffen herzlich willkommen, und als Alexander Armand beschloss, die mittellose Elisabeth Ines zu heiraten, erhob die Familie keine Einwände gegen die Verbindung. 


Am 3. Oktober 1893 heiratete die 19-jährige Ines. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits zum orthodoxen Glauben konvertiert und hieß fortan Elisabeth Fjodorowna. Märchen enden meist mit den Worten „und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“, doch für Ines, oder Inessa, wie sie später genannt werden sollte, war dies erst der Anfang. 


„Der feste Wunsch, niemals eine Frau zu werden.“ 


Das Familienleben lastete schwer auf der jungen Frau. Ihr größter Albtraum war es, „wie Natascha Rostowa“ am Ende von „Krieg und Frieden“ zu werden. „Natascha wurde durch ihre Heirat zur Frau“, sinnierte Armand. „Ich erinnere mich, dass mich dieser Satz zutiefst verletzte; er traf mich wie ein Peitschenhieb und weckte in mir den festen Wunsch, niemals zur Frau zu werden – sondern Mensch zu bleiben (und es gibt so viele Frauen um uns herum!).“ Ines glaubte, dass eine Frau dazu berufen sei, „Mensch“ zu bleiben und sich in der Ehe nicht selbst zu verlieren. 


Zwei Jahre vor ihrer Heirat bestand Inès erfolgreich die Prüfung zur Hauslehrerin. Nach ihrer Heirat gründete sie eine Schule für Bauernkinder, an der sie selbst unterrichtete. Gleichzeitig trat sie der Moskauer Gesellschaft zur Verbesserung der Lage der Frauen bei. Diese Gesellschaft förderte die Bildung von Frauen, unterstützte Bedürftige und bekämpfte Trunkenheit und die damit verbundene Ausschweifung. Im Jahr 1900 wurde Inès zur Vorsitzenden der Organisation ernannt. 


Armanda gelang es, ihre öffentlichen Aktivitäten mit der Mutterschaft zu vereinbaren. 1894 brachte Inessa ihren ersten Sohn, Alexander, zur Welt. Nach seiner Geburt rebellierte Armanda zum ersten Mal gegen die geltenden Normen. In ihrer Jugend war Ines sehr gläubig gewesen. Als sie jedoch erfuhr, dass ihr der Kirchgang für sechs Wochen nach der Geburt verboten war, empfand sie dies als so ungerecht und empörend, dass sie ihrem Glauben gänzlich abschwor. 


Ines gebar später noch drei Kinder, doch ihre Ehe blieb unglücklich. 1902 verließ die 28-jährige Ines ihren Mann für dessen 17-jährigen Bruder Wladimir. Ein Jahr später bekam sie mit ihrem neuen Geliebten ein weiteres Kind. Dank Wladimir interessierte sich Ines für den Marxismus. „Ich schlug diesen Weg später ein als andere – für mich war der Marxismus keine jugendliche Schwärmerei, sondern der Höhepunkt einer langen Entwicklung von rechts nach links“, schrieb Armand. 


1903 reiste Inès mit ihren Kindern in die Schweiz. Dort las sie Werke über Marxismus und politische Ökonomie und ließ sich zunehmend von sozialdemokratischen Ideen inspirieren. Sie kehrte mit einer geheimen Lieferung verbotener Literatur nach Russland zurück. Dank einer Verkleidung gelang es ihr, die Bücher einzuschmuggeln: Armand schnallte ihr die Bücher auf den Rücken und hüllte sich in einen Schal. Nach ihrer Heimkehr gründete sie in ihrer Wohnung einen regelrechten marxistischen Zirkel. Dort fanden Debatten statt, es wurden Vorträge gehalten und Themenabende veranstaltet. 


1904 trat Ines der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei, die sich später in Menschewiki und Bolschewiki spaltete. Ihre Parteikollegen nannten sie fortan Inessa, und unter diesem Namen sollte sie in die Geschichte eingehen. 


Nach ihrer ersten Verhaftung wegen Besitzes verbotener Literatur im Jahr 1905 verbüßte Armand vier Monate Haft. Sie wurde mangels Beweisen freigelassen. Nach ihrer Freilassung nahm Inessa ihre Parteiarbeit wieder auf. Sie betrieb Propaganda, organisierte Arbeiterkreise und warb Mitglieder an. Auch Armands Aussehen veränderte sich. Sie legte keinen Wert mehr auf Mode und elegante Kleidung; nun kleidete sie sich schlicht und praktisch, und anstelle einer aufwendigen Frisur trug sie einen einfachen Zopf. 


Verhaftung, Exil und persönliche Tragödie 


1907 wurde Armand erneut verhaftet. Sie verbrachte mehrere Monate im Lefortowo-Gefängnis. Inessa unterrichtete ihre Mitgefangenen in Französisch und erklärte ihnen die Grundlagen der politischen Ökonomie. Im September wurde sie zu zwei Jahren Verbannung in die Provinz Archangelsk, in die Stadt Mesen, verurteilt, wo einst der Erzpriester Awwakum inhaftiert gewesen war.


In Mezen wurde Inessas Hütte zum Zentrum des kulturellen und politischen Lebens der Kolonie. Wladimir Armand begleitete seine Geliebte, doch in Mezen verschlimmerte sich seine Tuberkulose. Er musste zur Behandlung in die Schweiz reisen. Als Armand von der Verschlechterung seines Zustands erfuhr, floh er 1909 aus dem Exil und schloss sich einer Gruppe von Polen an, die ihre Haftstrafe verbüßt hatten. So verließ auch Inessa heimlich das Russische Reich. Inessa und Wladimir wurden wiedervereint, jedoch nur für kurze Zeit. Zwei Wochen später starb er in ihren Armen. 


Dies war ein schwerer Schlag für Inessa. Armand beschloss, nicht nach Russland zurückzukehren. Sie ging nach Frankreich, dann nach Brüssel, wo sie ein Lizentiat in Wirtschaftswissenschaften erwarb. Anschließend kehrte sie nach Paris zurück und begann ein Studium der Sozialwissenschaften. Während ihrer Zeit in Europa lernte Armand einen anderen Wladimir kennen – Uljanow, besser bekannt als Lenin. 


Beziehungen zu Lenin


„Das Haus wurde heller, als Inessa kam“, schrieb Lenins Frau Nadeschda Krupskaja. Inessa freundete sich schnell mit dem Paar an. Sie wurde Lenins und Krupskajas Sekretärin, Übersetzerin und Haushälterin und zog im Herbst 1910 nach Paris, um näher bei ihren Freunden zu sein. In der Folge nährte die enge Beziehung zwischen Inessa und Lenin Gerüchte über eine Affäre, doch ob sie jemals eine Beziehung hatten, ist bis heute unbekannt. 


In Frankreich begann Armand Vorlesungen an der Sorbonne zu besuchen und übernahm gleichzeitig das Amt des Sekretärs des Komitees für ausländische Organisationen der SDAPR. 1911 zog Inessa in die Pariser Vororte, um an einer Parteischule für Arbeiter zu unterrichten. Zu ihren Kollegen zählten Lenin, Lunatscharski, Sinowjew, Kamenew und andere. 


1912 beschloss Armand, eine riskante Mission zu unternehmen. Mit einem gefälschten Pass auf den Namen Franziska Jankewitsch reiste sie nach Russland. Inessas Auftrag war es, die Untergrundorganisation der Partei wieder aufzubauen. Der Betrug flog jedoch auf, Armand wurde denunziert und erneut inhaftiert. Im folgenden Jahr wurde sie freigelassen. Alexander Armand stellte die Kaution; er pflegte weiterhin ein gutes Verhältnis zu seiner Ex-Frau und kümmerte sich um ihre Kinder.


Nachdem sie wieder gesund war, reiste Inessa erneut ins Ausland. In Paris gab sie zusammen mit der Bolschewikin Ljudmila Stal die Frauenzeitschrift „Rabotniza“ heraus. Nach nur acht Ausgaben wurde die Zeitschrift eingestellt. Doch wie für viele andere Bolschewiki blieb auch für Inessa das Thema Frauen ein wichtiges Anliegen. Im März 1915 organisierten Armand und Clara Zetkin die Internationale Konferenz Sozialistischer Frauen. Inessa beschäftigte sich intensiv mit Ehe und freier Liebe, deren Idee sie sehr bewunderte, und träumte davon, ein Buch über Frauenfragen zu schreiben. 


Lenin hielt Inessas Ideen jedoch für zu bürgerlich. Besonders der Begriff „freie Liebe“ missfiel ihm, obwohl Inessa damit lediglich die Freiheit meinte, ihren Ehepartner selbst zu wählen. Sie glaubte, das Ideal sei eine gleichberechtigte Verbindung, in der die Frau dem Mann nicht untergeordnet sein sollte. Lenin kritisierte Inessas Ideen so scharf, dass sie ihren Traum, ein Buch zu schreiben, aufgab. 


Inessa und ihre Parteikollegen waren jedoch der Ansicht, dass Frauen erstens den gleichen Zugang zu Bildung wie Männer haben sollten. Zweitens sollten sie wirtschaftlich völlig unabhängig sein. Krupskaja schrieb: „All dies – also selbstständige Arbeit und eigenes Einkommen für Frauen – musste sich zwangsläufig auf die Beziehung zwischen Mann und Frau auswirken. Die Frau hört auf, die Sklavin ihres Mannes zu sein, und wird ein gleichberechtigtes Mitglied der Familie.“ 


1917 reiste Armand mit Lenin nach Petrograd, wo Wladimir Iljitsch die versammelte Menge aus einem Panzerwagen heraus zur sozialistischen Revolution aufrief. Inessa bildete Agitatoren aus, hielt Vorträge und wurde im Juni 1917 in die Moskauer Duma gewählt. 


Armand arbeitete praktisch ununterbrochen, 20 Stunden am Tag. 1918 übernahm sie die Aufgabe, eine ganze Schule für Parteiarbeit zu organisieren, entwarf den Lehrplan selbst und begann zu unterrichten, während sie gleichzeitig weitere Lehrerinnen anwarb und organisatorische Probleme löste. Im September 1919 wurde die Frauenarbeitsabteilung (Zhenotdel) gegründet.


1920 reiste Armand nach Kislowodsk in den Urlaub (ihre aktive Parteiarbeit hatte ihre Gesundheit beeinträchtigt). Währenddessen befand sich das Land in einem Bürgerkrieg. Inessa organisierte die Evakuierung der Patienten aus dem Sanatorium. Bei der Evakuierung erkrankte Armand. Zwei Tage später starb sie an Cholera. 


Inessa Armands Leichnam wurde im Haus der Gewerkschaften aufgebahrt. Die Revolutionärin Alexandra Kollontai erinnerte sich, dass Inessas Tod für Lenin eine Tragödie gewesen sei; er sei „unkenntlich“ gewesen. „Er ging mit geschlossenen Augen durch die Trauerfeier, und es schien, als würde er jeden Moment zusammenbrechen“, erzählte Kollontai. 







Revolutionärin und Verfechterin der „freien Liebe“ 

Alexandra Kollontai. 

„Als Alexandra Michailowna die Mannschaftsunterkunft betrat, ging sie auf den größten und schneidigsten Matrosen zu, streckte ihm energisch die Hand entgegen und rief: Kollontai! Wie machen Sie das, kam die verwirrte Frage. Wurde ja auch Zeit!bemerkte Alexandra Michailowna mit vernichtender Verachtung. Er ist nicht gerade klein…


Ein alter, bekannter Witz über diese Person.


Hallo, ihr Lieben!

Ich wollte schon länger über die berühmte sowjetische Diplomatin und Politikerin, die zugleich eine Paria der freien Liebe war, Alexandra Michailowna Kollontai, schreiben, um euer Interesse zu wecken und euch vielleicht sogar ein wenig zu schockieren. Doch ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass Letzteres wohl nicht sehr erfolgreich sein würde. In den puritanischen 1980er-Jahren in der UdSSR schienen die Wendungen in ihrer Biografie der Gipfel der Brisanz zu sein und sorgten für ständige Spannung in den Köpfen derer, die sich mit ihrem Leben beschäftigten. Heute ist das alles ziemlich alltäglich und unspektakulär. Ich erinnere mich, wie ich in meiner frühen, unruhigen Jugend von der „Glas-Wasser“-Theorie über die Geschlechter las, der sie voll und ganz zustimmte. Ich war überrascht und sogar ein wenig schockiert. Wie? Eine so berühmte Revolutionärin, und sie dachte nicht nur über das Erhabene, sondern auch über allgemein unanständige Dinge nach. Ich konnte es wirklich nicht glauben. Und jetzt... betrachte ich alles mit einem leichten Lächeln – nichts ist mehr überraschend. O tempora o mores... 


Übrigens, falls Sie nicht genau wissen, was diese Theorie ist: Sie ist ganz einfach. In der neuen revolutionären Gesellschaft sollte es keine bürgerliche Moral geben, und für ein Komsomol-Mitglied und ein Komsomol-Mädchen sollte der Geschlechtsverkehr „wie das Trinken eines Glases Wasser“ sein. Es ist angeblich eine besondere spirituelle Freiheit und natürlich eine neue revolutionäre Moral. Aber wir wissen ja...


In dieser unruhigen Jugend habe ich mich eingehend mit einem so kontroversen Autor wie Grigori Klimow beschäftigt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Damals schien mir Kollontais Biografie seine Theorien perfekt zu illustrieren. Heute jedoch merkt man, dass alles etwas anders ist. Und alles ist einfacher.


Grigorij Klimow, Prinz der Welt dieses Jahr. Mein Name ist Legion. Ja, ja... genau dieses Buch.


Aber sprechen wir doch etwas ausführlicher über Alexandra Michailowna.


Sie wurde 1872 in St. Petersburg geboren. Ihre Mutter war Alexandra Massalin-Mrawinskaja, die Tochter eines bekannten finnischen Holzhändlers. Ihr Vater war Michail Alexejewitsch Domontowitsch, damals Oberst im Generalstab (später General der Infanterie) und Inspektor der Nikolajew-Kavallerieschule, aus einer alten ukrainischen Adelsfamilie. Ihre Eltern waren nicht verheiratet, führten aber eine langjährige Affäre. Michail Alexejewitsch war unverheiratet und bereits 40 Jahre alt, als Alexandra geboren wurde – sie war sein erstes Kind. Ihre 36-jährige Mutter war mit dem Militäringenieur Sergei Mrawinski verheiratet und hatte bereits drei Kinder. Als Mrawinski erfuhr, dass das vierte Kind nicht von ihm war, handelte er edelmütig und übernahm die Schuld für das Scheitern der Ehe. Eine Scheidung war damals schwieriger zu erreichen, und er wollte den gesellschaftlichen Ruf seiner Ex-Frau und Mutter seiner Kinder nicht ruinieren, obwohl er behauptete, sie betrogen zu haben.


Wie dem auch sei, die Scheidung wurde vollzogen, und Alexandra Michailowna wurde in eine neue Familie hineingeboren. Ihr Taufpate war kein Geringerer als Michail Iwanowitsch Dragomirow selbst – einer der bedeutendsten russischen Militärtheoretiker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ein bekannter Witzbold. Es ist kurios, dass auf ihrer Geburtsurkunde ihr Name als Alexander steht. Das muss ein Scherz des Taufpaten gewesen sein. 


Sie wurde von Kindheit an verehrt. Besonders ihr Vater, der sie abgöttisch umsorgte und alles tat, um ihr ein möglichst unbeschwertes Leben zu ermöglichen.


Ein hübsches, ja sogar liebes Mädchen – man würde sie kaum als Schönheit bezeichnen –, aber schon als Kind strömten Jungen und junge Männer zu ihr, und sie wusste, wie sie ihnen den Kopf verdrehen konnte. Das ist nicht verwunderlich – sie genoss eine ausgezeichnete Erziehung. Sie war belesen, sprach fließend vier Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Deutsch und Finnisch) und erlernte später drei weitere (Schwedisch, Norwegisch und Spanisch). Sie zeichnete und musizierte gut und hatte zu allem eine Meinung. Sie legte sogar ihre Abiturprüfungen an einer anspruchsvolleren Schule ab. Sie hatte zwar eine rebellische und flatterhafte Persönlichkeit, aber viele sahen das als Stärke.


Es ist kein Wunder, dass sie Verehrer hatte. Sasha behandelte sie jedoch leicht und unbeschwert – in ihren eigenen Worten erwachte ihre feminine Seite erst spät – und all diese Werber waren für sie nichts weiter als ein Spiel. Doch nicht jeder teilte diese unbeschwerte Sicht auf Beziehungen. Ein brillanter junger Offizier, der Sohn ihres Taufpaten, Alexander Dragomirov, verliebte sich in die 18-jährige Shurochka. Ich weiß nicht, was zwischen ihnen vorgefallen ist, aber kurz nach einem heftigen Streit schoss sich der junge, 20-jährige Offizier in die Stirn. In seinem Abschiedsbrief gab er ihr die Schuld an seinem Tod. Es war das erste, aber keineswegs das letzte Opfer seiner Liebe zu Alexandra.


Um ihre Tochter vor Klatsch und Tratsch zu schützen und sie von ihrem Kummer abzulenken, zogen ihre Eltern mit ihr nach Jalta. Dort verliebte sich der berühmte Iwan Fjodorowitsch Tuttolmin, ein Held des Russisch-Türkischen Krieges und Liebling der Soldaten, auf den ersten Blick in sie und hielt um ihre Hand an. Ihre Eltern hatten nichts dagegen, doch Sascha fand den 43-jährigen General zwar attraktiv, aber zu alt für sie. Wie alle Mädchen jener Zeit war sie von französischen Romanen fasziniert und träumte von ihrem Traumprinzen. Vielleicht waren ihre Eltern zum ersten Mal unzufrieden mit ihrer Tochter. Iwan Fjodorowitsch Tuttolmin blieb übrigens unverheiratet.


Doch bald waren sie nicht nur unzufrieden, sondern geradezu schockiert über die Wahl ihrer Tochter, die einen Verehrer mit nach Hause brachte und erklärte, sie liebe ihn und werde nur ihn heiraten. Sie kannten diesen Verehrer gut, denn er war ein entfernter Verwandter – Wladimir Ljudwigowitsch Kollontai. Und sie hatten keine gute Meinung von ihm. Michail Alexejewitsch Domontowitsch hat die Schuld jedoch nur sich selbst zuzuschreiben. Als er 1891 auf eine Geschäftsreise in den Kaukasus geschickt wurde, überredete ihn seine Tochter, sie mitzunehmen. In Tiflis begegnete sie zum ersten Mal Wladimir Kollontai.


Fortsetzung folgt…


Schönen Tag noch.