NORMA

DRAMATISCHES GEDICHT


VON TORSTEN SCHWANKE



ERSTER AKT


ERSTE SZENE


Ort: Der heilige Hain der Druiden. In der Mitte die Eiche des Irminsul.

Personen: Oroveso, Chor der Druiden und Krieger.


Oroveso

Besteigt den Berg, ihr Brüder, schaut hinauf,

Ob schon der Neumond uns am Himmel lacht.

Sobald ihr seinen Silberstreif erblickt,

Soll dreimal laut das Erz des Schildes dröhnen.


Chor

Wird Norma kommen, um das Kraut zu schneiden?


Oroveso

Sie wird es tun.


Chor

Und wird der grause Gott,

An dessen Altar wir die Messer wetzen,

Sich endlich gegen Roms Tyrannen wenden?


Oroveso

Ja! In den Eichenwäldern wird er grollen,

Vom Sturm getragen bricht er ihren Stolz.

Die Priesterin wird uns die Freiheit künden,

An Irminsuls Altar das Wort empfangen,

Das diese Ketten bricht und uns erlöst.


Chor

O Luna, scheine bald mit hellem Licht!

Wir harren dein in dieser heil’gen Nacht.

Gleich einem Blitz soll jener Schlag erschallen,

Der Galliens Zorn entfacht und Rom zerschmettert!

Vom Kapitol soll bald der Adler stürzen,

Gelöscht der Glanz der räuberischen Stadt.

Der Gott der Rache fordert ihr Verderben,

In ihrem Blute waschen wir uns rein!



a seinen Lauf nimmt?


You said

zweite szene


Gemini said

In der zweiten Szene wechselt die Stimmung radikal: Weg von der rituellen Strenge der Druiden, hin zur menschlichen Schwäche und dem Verrat. Der römische Prokonsul Pollione gesteht seinem Freund Flavius, dass seine Liebe zu Norma erloschen ist und er nun die junge Adalgisa liebt.



ZWEITE SZENE


Personen: Pollione, Flavius.


Pollione

Sie sind entflogen. Alles ist nun still.


Flavius

Gefahr umgibt uns, Pollione. Hör:

In diesen Wäldern wohnt der Tod für uns.

Vom Druidenzorn ist diese Nacht geschwängert.


Pollione

Du nennst mir Druiden? Deren blut’ger Gott

Wird bald von Roms Triumph zu Boden fallen.

Ein andrer Schmerz zerreißt mir jetzt die Brust.


Flavius

Was sagst du? Norma? Deine heil’ge Braut?

Die Mutter deiner Söhne, die den Bund

Mit Gallien brach, um dir ihr Herz zu schenken?


Pollione

Verschone mich! Ihr Name ist ein Gift,

Das mir die Adern brennt. Ich liebte sie,

Doch diese Flamme ist zu Asche nun geworden.

Ein neues Licht hat meine Nacht erhellt:

Adalgisa! Im Glanz der Jugend stehend,

Ein Engel in des Tempels düstrem Schatten.


Flavius

Unglücklicher! Du liebst die Priesterin?


Pollione

Ich liebe sie! Und während ich hier stehe,

Bebt meine Seele vor der Rache Normas.

In meinem Traum sah ich den Altar rauchen,

Ich sah die Braut, im Festkleid mir zu eigen –

Da riss ein Schleier, Norma stand dazwischen,

Ein Dolch in ihrer Hand, ihr Blick ein Abgrund!

Ein Schrei erscholl, das Kind lag tot im Staube,

Und durch den Hain erklang die Stimme Gottes.



DRITTE SZENE


Ort: Der heilige Hain. Nacht.

Person: Adalgisa (allein).


Adalgisa

Hier ist der Ort, an dem der Wald sich lichtet,

Wo Irminsul im Schatten der Gestirne

Sein Antlitz zeigt. – Warum erbebt mein Herz?

Ein kalter Schauer rührt an meine Seele,

Sobald ich diesen heil’gen Boden trete.

Ich sollte beten, doch mein Mund bleibt stumm.

Nur ein Gedanke füllt den leeren Raum:

Das Bild des Mannes, den ich meiden müsste.


O mächt’ger Gott! Vergib der schwachen Magd,

Die deinem Dienst sich einst in Reinheit weihte.

Ich suchte Frieden hier im Tempelhain,

Doch fand ich nur die Glut, die mich verzehrt.

Ein Blick von ihm – und meine Schwüre fielen

Wie dürre Blätter in den Herbsteswind.


Was ist es nur, das mich zu ihm hinzieht?

Ist es ein Zauber, den die Römer weben?

Er spricht von Welten, die ich nie geschaut,

Von Städten, die im Glanz der Sonne strahlen.

Dort sei die Liebe nicht ein Frevel nur,

Dort sei sie Glück und keine Todesangst.


Doch wehe mir! Wenn Norma mein Geheimnis

In meinem Blick liest oder in den Tränen,

Die nachts auf meine bleichen Wangen fließen.

Ihr Zorn ist wie das Feuer im Gebirge,

Das alles tilgt, was sich ihm in den Weg stellt.

O hilf mir, Gott! Gib mir die Kraft zurück,

Die ich verlor, als ich ihn wiedersah.



VIERTE SZENE


Personen: Norma, Oroveso, Chor der Druiden und Seherinnen.


Chor

Sie kommt! Die Priesterin im Glanz des Mondes!

Ihr Haar bekränzt mit heil’gen Mistelzweigen,

In ihrer Hand die goldne Sichel blinkt.

Wie eine Göttin schreitet sie einher,

Und vor ihr flieht die Nacht der Ungewissheit.


Norma

Wer wagte es, den Aufruhr hier zu schüren?

Wer schrie nach Blut an diesem heil’gen Ort?

Glaubt ihr, dass Gott durch eure Stimmen spricht?

Ich bin es, die den Willen Irminsuls

In den Gestirnen liest, in Wind und Wolken.

Dort steht geschrieben: Rom wird fallen!

Doch nicht durch euch, nicht durch das stumpfe Schwert,

Das ihr im Zorn in eure Fäuste schließt.

Rom stürzt durch seine Sünden, seine Last,

Vom eignen Hochmut wird es jäh zerschmettert.

Die Stunde ist noch fern. Der Friede bleibe!


Oroveso

Wie lange noch, o Norma, soll dies Volk

Das Joch der Fremden schweigend weiter tragen?

Die heil’gen Haine sind entweiht vom Tritt

Der Legionen, die uns höhnisch spotten.


Norma

Geduld! Die Ernte reift in stiller Nacht.

Ich schneide nun das Kraut vom heil’gen Baum,

Damit der Friede uns als Schutz verbleibe.


(Sie schneidet die Mistel. Der Mond bricht vollends durch die Wolken. Norma erhebt die Arme zum Gebet.)


Norma

O keusche Göttin, die du silbern strahlst

Und diese alten Eichen sanft verklärst,

Wende dein Antlitz uns in Milde zu.

Schenke der Erde jenen tiefen Frieden,

Den du am Himmel segnend uns bereitest.

Lass keinen Hass in unsre Herzen dringen,

Der ungeprüft das Schicksal uns zerstört.

Beherrsche du die wilden Geister hier,

Wie du die Flut des Meeres still regierst.



FÜNFTE SZENE


Person: Norma (allein).


Norma

Sie sind gegangen. Endlich bin ich frei

Vom Blick des Volks, der fordernd auf mir ruht.

„Krieg!“ schreien sie. Sie dürsten nach dem Blut,

Das ich mit meiner Seele schützen will.

O Pollione! Wenn du wüsstest, wie

Ich gegen mein Gewissen und mein Volk

Den Frieden schirmte, nur um dich zu retten!


Doch du? Dein Herz ist fern. Ich fühl’ die Kälte,

Die wie ein Nebel durch die Nächte schleicht.

Wo ist der Blick, der einst mein Eis geschmolzen?

Wo sind die Worte, die wie heil’ger Wein

In meine Sinne flossen? Alles stumm.


Und dennoch, Gott! Ich kann dich nicht verfluchen.

Kehr zu mir heim! Beleb die alte Glut,

Die uns verband, bevor die Schuld uns trennte.

Bring mir den Frühling meiner Liebe wieder,

Den Glanz der Tage, da ich glücklich war.

Ganz Gallien mag in Flammen untergehn,

Wenn du nur mein bist, wenn dein Herz noch schlägt

In jenem Rhythmus, den ich einst erkannt.


Ich bin die Priesterin, doch ach, am Ende

Bin ich ein Weib, das nur aus Liebe lebt.

Komm, Pollione! Tilge meine Angst,

Und schenk mir Licht in dieser finstren Welt!



SECHSTE SZENE


Personen: Adalgisa, Pollione.


Adalgisa

Er ist nicht hier. Ich hoffte, ihn zu finden,

Und fürchtete es doch in meinem Geist.

O heil’ger Hain, verbirg mein sünd’ges Flehen!

Ich will vergessen, was mein Herz begehrt,

Und mich dem Dienst der Götter wieder weihn.


Pollione

(tritt aus dem Schatten)

Adalgisa!


Adalgisa

Halt ein! Was suchst du hier?

An diesem Ort, den nur der Tod bewacht

Für jeden Fremden, der ihn frech betritt?


Pollione

Ich suche dich! Was kümmert mich der Tod?

Dein Blick ist mir das Leben, deine Stimme

Der einzige Gesang, den ich noch höre.

Warum entfliehst du mir? Warum der Stolz,

Der, eine Mauer, zwischen uns sich türmt?


Adalgisa

Ich bin geweiht! Mein Eid gehört dem Gott,

Der diese Eichen schützt. Rühr mich nicht an!


Pollione

Dein Gott ist grausam, fordert nur das Blut,

Doch mein Gott ist die Liebe, die uns eint.

Verlass dies dunkle Land, das dich gefangen hält!

Komm mit mir fort nach Rom, wo Marmor glänzt,

Wo goldne Sonnen über Hügeln stehn

And Liebe nicht als Frevel gilt, als Fluch.


Adalgisa

O sprich nicht so! Mein Herz wird schwach und bang.

Ich sehe Norma vor mir, ihre Strenge –

Sie würde mich verdammen, mich und dich!


Pollione

Was schiert mich Norma? Sie ist längst Vergangenheit!

Nur du bist meine Gegenwart, mein Heil.

Hörst du das Rauschen in den Blättern nicht?

Es ist der Ruf der Freiheit, die uns lockt.

Gib mir dein Wort! Vertrau dich meiner Hand,

Und lass uns fliehen, eh der Morgen graut.


Adalgisa

Ich kann nicht... ach! Mein Gott, vergib mir nun!

Sein Wort ist stärker als mein heil’ger Schwur.



SIEBTE SZENE


Ort: Normas geheime Wohnung. Ein bescheidener Raum, im Hintergrund ein Bett aus Fellen.

Personen: Norma, Clotilde (ihre Vertraute), die beiden Kinder.


Norma

Bring sie hinweg! Ich kann sie nicht ertragen.

Doch halt! – Mein Herz schlägt wild bei ihrem Anblick.

Sind sie mein Glück? Sind sie mein tiefstes Leid?

O meine Söhne! In den kleinen Zügen

Ich lese sein Gesicht, den falschen Blick,

Der mich verführt und dann allein gelassen.


Clotilde

O Herrin, bänd’ge diesen wilden Schmerz.

Warum verbirgst du sie in dieser Nacht?

Was ängstigt dich?


Norma

Ein Ahnen quält mich, o Clotilde.

Ich fühle, wie die Götter sich entfernen.

Pollione schweigt. Sein Herz ist wie aus Stein,

Und eine Fremde – so geht das Gerücht –

Hat seinen Geist mit Zauberworten blind

Und taub gemacht für meine Liebesnot.

Er geht nach Rom! Er will mich hier verlassen!


Clotilde

Und du? Wirst du ihm folgen in die Stadt,

Die unser Volk so sehr verflucht und hasst?


Norma

Ich weiß es nicht. Ein Abgrund gähnt vor mir.

Soll ich als Sklavin hinter seinem Wagen

Im Staube gehn? Ich, stolze Tochter Gottes?

Doch ohne ihn ist diese Welt nur Grab.

Hörst du den Wind? Er flüstert von Verrat.

Geh nun, Clotilde! Verbirg die Kleinen wohl.

Niemand darf wissen, dass sie hier noch weilen.



ACHTE SZENE


Personen: Norma, Adalgisa.


Norma

(zu Adalgisa, die zögernd eintritt)

Tritt näher, Kind. Warum so bleich und bang?

Dein Auge spiegelt eine tiefe Not,

Die ich nur allzu gut aus Träumen kenne.

Sprich frei zu mir. Was drückt dein Herz so schwer?


Adalgisa

O heil’ge Norma! Ich bin nicht mehr wert,

In deinem Glanz zu stehn. Ein fremdes Feuer

Hat meine Seele gänzlich ausgebrannt.

Ich brach den Eid, den ich dem Gott geschworen,

Und schenkte meine Liebe einem Mann.


Norma

(beiseite)

Wie gleicht ihr Schmerz dem meinen!

(Zu Adalgisa)

Sprich, wer ist’s?

Ist es ein Krieger unsres Stammes hier?


Adalgisa

Vergib mir, Herrin! Er ist nicht von uns.

Sein Wort war sanft, sein Blick wie kühler Tau,

Er sprach von Fernen, die ich nie gesehn.

Ich wollte fliehen, doch die Liebe hielt

Mich fest an seiner Brust, wie im Gebet.

Ich schäme mich vor dir, vor Irminsul,

Doch ohne ihn ist alles Licht erloschen.


Norma

(mild)

Steh auf, mein Kind. Ich kann dich nicht verdammen.

Ich sehe mich in dir, so wie ich war,

Bevor die Last des Amtes mich gebeugt.

Auch ich hab’ jene Flamme einst gefühlt,

Die alles andere zu Asche macht.

Dein Herz ist rein, auch wenn es irregeht.

Ich löse dich von deinem heil’gen Eid!

Geh hin mit ihm, sei glücklich, lebe frei,

Denn Liebe ist ein Gott, dem wir uns beugen.


Adalgisa

O Dank dir, Norma! Deine Güte rettet

Mich vor der Nacht, die mich verschlingen wollte.


Norma

Doch sag mir nun: Wer ist der Glückliche,

Dem du dein Leben und dein Herz vertraust?

Wie ist sein Name? Weilt er noch im Hain?


Adalgisa

Er ist ganz nah. Er kommt, um mich zu führen.

Dort steht er – sieh!



NEUNTE SZENE


Personen: Norma, Adalgisa, Pollione.


Adalgisa

(auf Pollione zeigend, der eintritt)

Dort sieh ihn selbst!


Norma

(starr vor Schreck)

Was seh ich? Pollione?


Adalgisa

Was sagst du, Herrin? Warum bebt dein Blick?


Norma

Du? Dieser Mann? Er ist es, den du liebst?

Der Römer? Der Prokonsul unsrer Feinde?


Pollione

(beiseite)

Verloren bin ich! Alles ist verraten.


Norma

(zu Pollione)

Sprich, Treuloser! Warum verstummt dein Mund?

Ist dies die Beute, die du nun begehrst?

Ein Kind, ein unschuldvolles Priesterherz,

Das du dem Tempel raubst, wie du mich raubtest?


Adalgisa

(verwirrt)

Was meinst du, Norma? Warum nennst du ihn

So voller Zorn? Kennt ihr euch schon von früher?


Norma

Frag ihn, Adalgisa! Frag diesen Mann,

Was er mir schwor, als er in diesen Wäldern

Mein Herz besiegte und mein Volk verriet!

Er ist der Vater meiner Söhne, Kind!

Der Gatte, dem ich meine Ehre gab,

Für den ich Götter und mein Land verließ.


Adalgisa

(zu Pollione)

Ist es die Wahrheit? Sprich! Bist du verheiratet?

Gehörst du ihr? O Gott, was habe ich getan!


Pollione

(zu Adalgisa)

Hör nicht auf sie! Es war ein dunkler Zwang,

Ein Band, das längst in Stücke ist gerissen.

Nur dich allein verlangt mein ganzes Sein!

Komm mit mir, flieh!


Norma

(tritt zwischen sie)

Halt ein, Unwürdiger!

Glaubst du, du könntest ungestraft entfliehn?

Vom Schicksal bist du heute hier gezeichnet.

Dein Blut soll fließen, und dein Name schwinden!

Und du, Adalgisa – sieh diesen Mann:

Er liebt nicht dich, er liebt nur den Verrat!


Adalgisa

(weint)

O flieh von mir! Berühr mich nimmermehr!

Die Erde klaffe auf und schlucke mich,

Bevor ich Norma solches Leid zufüge.


Pollione

Dich will ich haben! Und wenn Gallien brennt!



ZEHNTE SZENE


Personen: Norma, Adalgisa, Pollione. Im Hintergrund der Chor der Druiden.


Norma

(zu Pollione)

Geh hin, Verräter! Folge deinem Pfad,

Doch wisse wohl: Das Unheil schreitet mit.

Wohin du fliehst, dort wird mein Fluch dich finden,

Ein Schatten, der dein falsches Herz befällt.

Du wirst in ihrem Arm an mich nur denken,

In jedem Kuss schmeckt dir mein bittrer Zorn!


Pollione

Genug der Worte! Trotz ist meine Antwort.

Was kümmert mich dein Fluch, dein gallischer Gott?

Ich reiße sie aus diesem Hain des Todes,

Und wär’ die Hölle selber uns im Weg!


Adalgisa

(verzweifelt)

O schone mich! Dein Wort ist wie ein Dolch,

Der meine Seele von der Hoffnung trennt.

Ich will dich nicht! Ich hasse das Verlangen,

Das Norma solche Qualen vorbereitet.

Verschwinde, Römer! Geh in deine Welt!


Chor der Druiden 

(aus der Ferne, dumpf)

Der Schild hat gedröhnt! Die Stunde ist nah!

O Norma, komm! Verkünd uns das Gericht!


Norma

(mit furchtbarer Ruhe zu Pollione)

Hörst du den Ruf? Er kündet deinen Tod.

Nicht Rom wird siegen, wenn die Eiche bebt.

Du dachtest, du könntest spielen mit dem Schicksal,

Als wär’ ein Frauenherz nur Staub im Wind.

Doch dieses Herz wird nun zum Feuerbrand,

Der dich und deine Träume jäh verzehrt!


Adalgisa

Hab Mitleid, Norma! Lass den Zorn nicht siegen!


Norma

Hier gibt es kein Erbarmen mehr, nur Recht!


Pollione

(Adalgisa am Arm fassend)

Du kommst mit mir!


Adalgisa

(sich losreißend)

Ich bleibe bei der Schuldigen!

Bei ihr, die ich verraten, die mich liebt!


Norma

Geh, Fluchbeladner! Eile zu den Deinen!

Der Tag wird kommen, da wir uns begegnen

Am Fuß des Altars, wo das Messer blinkt.

Dann wirst du wissen, wer die Norma ist!


(Pollione stürzt wütend davon. Adalgisa sinkt weinend zu Normas Füßen. Norma blickt starr in die Ferne, während das Trommeln der Druiden lauter wird.)



ZWEITER AKT


ERSTE SZENE


Ort: Normas Wohnung. Die Kinder schlafen auf einem Lager aus Bärenfellen. Eine Lampe brennt schwach.

Person: Norma (allein, mit einem Dolch).


Norma

Sie schlafen nun... kein böses Ahnen rührt

An ihre kleinen Herzen. Doch für mich

Gibt es kein Ruhen mehr, nur ew’ge Nacht.

Sie müssen sterben! Ja, es ist beschlossen.

Denn wenn sie leben, wartet nur die Schande,

Das Sklavenjoch in Rom, der Spott der Menge,

Die sie als Bastarde der Feindin höhnt.

Ein kurzer Streich – und sie sind frei von Qual.


(Sie nähert sich dem Lager und hebt den Dolch.)


Ich kann es nicht! Mein Arm wird schwer wie Blei.

Sind es nicht meine Söhne? Mein Geblüt?

In ihrem Atem hör ich meine Liebe,

Die einst so rein war wie der Morgentau.

Soll ich das Licht auslöschen, das ich selbst

In diese Welt gerufen? Mörderin!

Das Blut der Unschuld klebt an meinen Händen,

Bevor der Stahl die zarte Haut berührt.


(Sie lässt den Dolch sinken und tritt zurück.)


O Pollione! Sieh, was du getan!

Du hast die Mutter in ein Tier verwandelt,

Das seine eigne Brut zu schlagen sucht.

Doch nein... sie sollen leben. Nicht durch mich

Soll ihnen Unheil nahn. Ich will sie geben

In fremde Hände, fern von diesem Ort,

Wo sie vergessen, wer sie einst gebar.


Clotilde! Komm!



ZWEITE SZENE


Personen: Norma, Adalgisa.


Norma

Tritt näher, Adalgisa. Schau sie an –

Die Kinder, die kein Heim mehr haben werden.

Ich habe mich entschieden. Wenn das Licht

Des Morgens graut, wird Norma nicht mehr sein.


Adalgisa

O Gott! Was sagst du? Welches dunkle Wort

Entflieht den Lippen, die ich so verehre?


Norma

Hör mich zu Ende! Eines nur verlang ich:

Nimm diese Kleinen, führ sie fort von hier,

Hinüber in das Land, das sie nicht kennt.

Geh du zu Pollione. Sei sein Weib!

Ich schenke ihn dir frei. Doch schwöre mir,

Dass du als Mutter diesen Söhnen dienst,

Dass du sie schützt vor Schande und vor Not.


Adalgisa

Ich? Seine Braut? Du forderst Unmögliches!

Glaubst du, mein Herz wär’ aus so hartem Stoff,

Dass ich auf deinem Leid mein Glück errichte?

Niemals! Ich werde seine Nähe meiden,

Und lieber sterben als ihn wiedersehn.


Norma

Er liebt dich, Kind! Er wird dich glücklich machen.

Für mich ist nur noch Grabesruhe dort,

Wo einst die Liebe ihre Blüten trieb.


Adalgisa

Nein, Norma! Deine Worte brennen tief.

Ich gehe zu ihm – ja! Doch nicht für mich.

Ich werde ihn an seine Pflicht erinnern,

Werde ihn beugen vor der Größe deines Herzens.

Er soll zu dir zurück, er soll bereun,

Und in der Reue wieder Ruhe finden.

Ich selbst will mich in jene Höhlen hüllen,

Wo nur das Schweigen meine Buße hört.


Norma

Du willst... ihn mir zurückegeben?


Adalgisa

Ich will,

Dass du wieder lächelst, dass die Kinder

In deinem Arm den Vater wiederfinden.

Lass mich nur gehn! Mein Opfer ist gering,

Wenn deines Lebens Glück dadurch erwacht.



DRITTE SZENE


Ort: Der heilige Hain der Druiden.

Personen: Oroveso, Chor der Druiden und Krieger.


Chor

Nicht einen Strahl von Hoffnung seh ich leuchten.

Vom Kapitol erschallt der Adlerruf,

Und Rom bleibt stumm in seinem stolzen Hochmut.

Soll unser Zorn in unsrer Brust ersticken?

Wo bleibt das Zeichen, das uns Norma schwor?


Oroveso

O meine Brüder, zügelt eure Wut.

Ich teile euren Schmerz, doch wisst: Die Götter

Verlangen Demut, eh sie Rache schenken.

Ich sprach mit Norma. Noch ist nicht die Stunde,

Da Irminsul das Schwert der Freiheit zieht.


Chor

Doch Pollione? Der Tyrann des Volkes?

Er rüstet sich zur Abfahrt schon nach Rom.

Soll er entfliehn, beladen mit dem Raube?


Oroveso

Ein andrer Führer, noch viel grausamer,

Wird seinen Platz an Romas Stelle nehmen.

Wir müssen warten, bis das Schicksal reift.

Verbergt den Hass in euren tiefsten Seelen,

Wie das Gewitter sich im Berge staut,

Bis es mit einem Schlag die Welt erschüttert.

Geht nun nach Haus. Lasst keinen Laut vernehmen,

Der unsren Plan den Schergen Roms verrät.


Chor

Wir gehn und schweigen. Doch in unsren Fäusten

Erzittern schon die Lanzen nach dem Blut.

Vom heil’gen Zorn wird diese Nacht noch künden!



VIERTE SZENE


Ort: Tempel des Irminsul.

Personen: Norma, Clotilde, später Oroveso und der Chor.


Norma

Er wird bereuen. Ja, Adalgisas Flehen

Wird sein verstocktes Herz im Sturm besiegen.

Er kehrt zurück! Ich fühl es in den Adern,

Wie neue Hoffnung mir das Leben tränkt.

Mein Gatte, Vater meiner Kinder – komm!


(Clotilde tritt eilig auf)


Clotilde, sprich! Was bringt er mir für Antwort?


Clotilde

O Herrin, wehe uns! Dein Hoffen täuschte.

Adalgisa weinte, flehte auf den Knien,

Doch Pollione lachte ihrer Tränen.

Er will sie rauben, will sie mit Gewalt

Vom Altar reißen und nach Rom entführen!


Norma

(aufschreiend)

Genug! Dass er es wagt! In meinem Tempel?

Vor meinem Angesicht? So sei es denn!

Die Liebe stirbt, die Rache ist geboren.

Rom soll erblassen! Blut soll nun das Wasser

In unsern Bächen sein!


(Sie stürzt zum ehernen Schild des Irminsul und schlägt dreimal kräftig dagegen. Das Erz dröhnt tief.)


Chor

(stürzt von allen Seiten herbei)

Hört ihr den Schlag?

Das Erz des Gottes ruft! Norma, was kündest du?


Oroveso

Was bedeutet dieser Ruf zur Unzeit?


Norma

Krieg! Krieg und Tod! Verderben über Rom!

Nicht länger warten wir auf ferne Zeichen.

Gott spricht durch mich! Ergreift die scharfen Speere,

Entfacht die Feuer auf den Bergesgipfeln!

Ich will den Adler blutig sehn im Staub,

Ich will das Heulen ihrer Witwen hören!


Chor

Krieg! Krieg! Die Götter dürsten nach dem Opfer!

Wir folgen dir! In Trümmern liege Rom!



FÜNFTE SZENE


Personen: Norma, Pollione, Oroveso, Chor der Druiden.


Chor

Ein Raubtier ist gefangen! Seht den Römer,

Der unser Heiligtum mit Füßen trat.

Der Tod ist ihm gewiss! Das Messer dürstet!


Oroveso

(zu Pollione)

Wer bist du, Fremder, der den Tod nicht scheut?

Was suchtest du im Schatten dieses Tempels?


Pollione

Vollende dein Gericht. Ich fordre nichts.

Ein Römer weiß zu sterben, ohne Flehen.


Norma

(tritt vor)

Haltet den Arm! Ich bin es, die hier richtet.

(Zu Pollione)

So sehen wir uns wieder, Pollione.

Nicht als Gebieter stehst du vor mir nun,

Als Sklave deiner eignen Leidenschaft.

Ihr Gallier, geht! Lasst mich mit ihm allein.

Ich will ihn prüfen, ob ein Rest von Wahrheit

In dieser stolzen Römerbrust noch schlägt.


Oroveso

Du willst allein mit ihm...?


Norma

Geht! Es ist Gottes Wille!


(Die Druiden ziehen sich zurück. Norma und Pollione stehen sich allein gegenüber.)


Norma

Nun sind wir frei von Blicken. Sag mir, Römer:

Was führt dich her? War es die Gier nach Blut?

Oder die Sucht, das Letzte mir zu rauben,

Was mir an Trost in diesem Hain noch blieb?


Pollione

Ich kam, um sie zu retten. Adalgisa

Soll nicht verblühen in der Götter Nacht.

Töte mich nun, doch lass das Mädchen frei.


Norma

Du bittest für sie? Du, der mich vergaß?

Wisse, dass ich den Dolch schon einmal hob,

Um deine Söhne in den Schlaf zu schicken!


Pollione

(entsetzt)

Was sagst du? Meine Kinder? Grausames Weib!


Norma

Ich tat es nicht. Doch fühle meine Macht!

Ein Wort von mir, und Adalgisa stirbt

Auf jenem Scheiterhaufen, den das Volk

Schon jetzt mit gier’gen Händen für dich schichtet.

Willst du sie retten? Schwöre mir den Eid:

Dass du sie meidest, dass du Rom verlässt

Und nie mehr kehrst in diese Wälder heim.


Pollione

Lieber den Tod! Ich schwöre diesen Meineid nicht.


Norma

So wähle denn! Ihr Blut an deinen Händen!



SECHSTE SZENE


Personen: Norma, Pollione, Oroveso, Chor der Druiden und Krieger.


Norma

(ruft das Volk herbei)

Versammelt euch! Das Opfer ist bereit!

Ein neues Haupt soll nun die Flamme krönen.


Chor

Wer ist die Schuldige? Wer brach den Bund?

Sprich, Norma! Wer entweihte diesen Hain?


Norma

(blickt Pollione an)

Es ist ein Weib, das ihre heil’gen Pflichten

Vergaß für eines fremden Mannes Kuss.

Sie gab dem Feind das Herz, dem Gott den Rücken,

Und barg die Schande tief in ihrer Brust.


Pollione

(leise zu Norma)

O halt ein, Rasende! Was willst du tun?

Verdamm sie nicht...


Norma

(laut zum Volk)

Bereitet nun den Brand!

Das Weib, von dem ich sprach... ich bin es selbst!


Oroveso

(entsetzt)

Du, meine Tochter? Wahnsinn spricht aus dir!


Chor

Sie lügt! Die Priesterin? Es kann nicht sein!


Norma

Schaut mich nur an! Der Schleier ist gefallen.

Ich bin die Mutter jener kleinen Kinder,

Die Römerblut in ihren Adern tragen.

Ich bin Verräterin an Irminsul!

Schichtet das Holz! Ich gehe in den Tod.


Pollione

(erschüttert)

Welch edles Herz hab ich verkannt, zerstört!

In deinem Sterben seh ich erst dein Licht.

Norma, verzeih! Ich gehe mit dir fort,

Ein Opfergang vereint uns nun im Feuer.

Nicht Rom, nicht Gallien – nur der Tod ist unser.


Norma

(zu Oroveso)

O Vater, hör mich! Einen letzten Wunsch...

Lass nicht die Kinder büßen meine Schuld.

Schütze sie wohl... sie sind von deinem Blut.

Vergib mir, Vater!


Oroveso

(weint)

Tochter... ach, mein Kind!

Dein Opfer wäscht die bittre Schande rein.


Chor

Das Feuer steigt! Gereinigt sei der Hain!


(Norma und Pollione schreiten gemeinsam auf den Scheiterhaufen zu, während die Flammen emporlodern.)