REFORMATION IN FRIESLAND

VON TORSTEN SCHWANKE



ERSTES KAPITEL


Die Reformation in Friesland war kein einmaliges Ereignis, sondern ein faszinierender, oft chaotischer Prozess. Während in anderen Regionen Fürsten vorgaben, was geglaubt wurde, war Friesland durch die „Friesische Freiheit“ geprägt. Das Ergebnis? Ein bunter Teppich aus religiösen Ideen, der die Region nachhaltig prägte.


Hier ist ein Überblick über die Besonderheiten der friesischen Reformation:


Ein „Flickenteppich“ der Überzeugungen


In Friesland gab es keinen zentralen Herrscher, der die Reformation per Dekret durchsetzte. Stattdessen entschieden oft die einzelnen Gemeinden oder die lokalen Häuptlinge.


Osterlauwers Friesland (heute Ostfriesland): Hier entwickelte sich ein spannendes Nebeneinander. Während das Grafenhaus Enno II. eher lutherisch gesinnt war, neigten bedeutende Theologen und Teile der Bevölkerung zum Reformierten Bekenntnis (Zwingli/Calvin).


Westerlauwers Friesland (heute Provinz Friesland, NL): Hier war der Einfluss der Habsburger stärker, was zunächst zu einer härteren Verfolgung von „Ketzern“ führte, bevor sich der Calvinismus als Akt des Widerstands gegen Spanien durchsetzte.


Die Radikalreformation: Die Täufer


Friesland war eine Keimzelle der sogenannten Täuferbewegung. Da die zentrale Kontrolle fehlte, konnten radikalere Ideen Fuß fassen.


Menno Simons: Der wohl bekannteste Friese dieser Zeit. Der ehemalige katholische Priester aus Witmarsum wurde zum Namensgeber der Mennoniten. Er lehnte Gewalt ab und betonte die Erwachsenentaufe sowie die Trennung von Kirche und Staat.


Emden: Das „Genf des Nordens“


Die Stadt Emden spielte eine Schlüsselrolle für ganz Nordeuropa.


Zufluchtsort: Tausende Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden und England strömten nach Emden.


Bildungszentrum: Durch die Druckereien und die Ansiedlung von Gelehrten wie Johannes a Lasco wurde Emden zum intellektuellen Motor der reformierten Lehre. 1571 fand hier die Emder Synode statt, die als Geburtsstunde der Niederländisch-Reformierten Kirche gilt.


Langfristige Folgen


Die Reformation in Friesland hinterließ ein Erbe der Vielfalt, das man heute noch sieht:


Konfessionelle Koexistenz: In Ostfriesland blieb die seltene Situation bestehen, dass lutherische und reformierte Gemeinden Tür an Tür existierten (und dies oft friedlich).


Bildung und Sprache: Die Bibel wurde in die Volkssprache übersetzt, was die Alphabetisierung förderte, auch wenn das Friesische in der Kirche oft durch das Niederländische oder Niederdeutsche verdrängt wurde.



ZWEITES KAPITEL


Johannes a Lasco (eigentlich Jan Łaski, 1499–1560) war eine der schillerndsten und einflussreichsten Figuren der europäischen Reformation. Er wird oft als der „Reformator Polens“ bezeichnet, hinterließ aber seine tiefsten Spuren in Ostfriesland und England.


Hier sind die wichtigsten Stationen und Leistungen seines Lebens:


Herkunft und früher Werdegang


Polnischer Adel: Er stammte aus einer einflussreichen polnischen Adelsfamilie; sein Onkel war Erzbischof von Gnesen und Primas von Polen.


Humanistische Bildung: A Lasco war hochgebildet. In Basel freundete er sich eng mit Erasmus von Rotterdam an, dessen Privatbibliothek er sogar aufkaufte. Diese Begegnung prägte sein humanistisches Weltbild tiefgreifend.


Der „Reformator von Ostfriesland“ (1540–1549)


Nachdem er sich zum Protestantismus bekannt hatte, musste er Polen verlassen. Er kam nach Emden in Ostfriesland.


Superintendent in Emden: Gräfin Anna von Ostfriesland berief ihn zum Leiter des Kirchenwesens. Er ordnete die Kirche radikal neu.


Der Coetus: A Lasco gründete den „Emder Coetus“ (1544), eine regelmäßige Versammlung aller Prediger zur theologischen Abstimmung und Disziplin. Dies stärkte die Einheit der Kirche enorm.


Kirchenzucht: Er legte großen Wert auf ein moralisches Leben der Gemeindemitglieder und führte strenge Regeln ein, was Emden den Ruf eines „Genf des Nordens“ einbrachte.


Exil in England (1550–1553)


Wegen des Augsburger Interims (einem kaiserlichen Religionsgesetz) musste er Ostfriesland verlassen und ging nach London.


Fremdengemeinde in London: Er wurde Superintendent der „Church of the Strangers“ (Flüchtlingsgemeinden aus Europa). Dort konnte er seine Vorstellungen einer idealen presbyterianischen Kirchenordnung praktisch umsetzen.


Einfluss auf den Anglikanismus: Er beriet Erzbischof Thomas Cranmer bei der Liturgiegestaltung der Church of England.


Rückkehr nach Polen und Tod


Nach der Thronbesteigung der katholischen Maria I. in England floh er erneut. Nach Stationen in Dänemark und Deutschland kehrte er schließlich 1556 nach Polen zurück. Dort versuchte er bis zu seinem Tod 1560 vergeblich, die verschiedenen protestantischen Strömungen (Lutheraner, Reformierte, Böhmische Brüder) zu einer nationalen polnischen Kirche zu vereinen.


Warum ist er heute noch wichtig?


Ökumene der Reformierten: A Lasco war ein Netzwerker. Er versuchte stets, zwischen den Anhängern von Luther, Zwingli und Calvin zu vermitteln, auch wenn er theologisch den Reformierten (Calvinisten) am nächsten stand.


Kirchenordnung: Seine Ideen zur Mitbestimmung der Gemeinde (Presbyterien) beeinflussten die Entwicklung der reformierten Kirchen weltweit, insbesondere in den Niederlanden und Schottland.


Bibliothek: Die Johannes a Lasco Bibliothek in der Großen Kirche in Emden ist heute eine der wichtigsten Forschungsstätten für die Geschichte des Protestantismus in Europa.


Ein interessantes Detail: A Lasco war kein „sturer“ Dogmatiker. Sein Motto war der Frieden unter den Christen, weshalb er oft als Brückenbauer zwischen den radikalen und den moderaten Kräften der Reformation gesehen wird.



DRITTES KAPITEL


Das Verhältnis zwischen Johannes a Lasco und Erasmus von Rotterdam war weit mehr als eine flüchtige Bekanntschaft. Es war eine tiefe intellektuelle Freundschaft, die a Lasco den Weg vom katholischen Adelsspross zum reformierten Theologen ebnete. Man kann sagen: Erasmus war der Mentor, der a Lascos Geist für die Reformation öffnete, auch wenn Erasmus selbst der katholischen Kirche treu blieb.


Hier sind die prägenden Aspekte ihrer Beziehung:


Die Basler Wohngemeinschaft (1524–1525)


Als junger Mann reiste a Lasco nach Basel, dem damaligen Zentrum des Humanismus. Er lebte fast ein Jahr lang im Haus von Erasmus.


Finanzielle Unterstützung: A Lasco war wohlhabend und übernahm einen Großteil der Lebenshaltungskosten für den alternden Erasmus.


Täglicher Austausch: Sie aßen gemeinsam und diskutierten über Philosophie, Philologie und die Missstände in der Kirche. Erasmus nannte a Lasco in Briefen einen Mann von „reinem Charakter“ und „unglaublicher Gelehrsamkeit“.


Der Kauf der Bibliothek


Ein fast legendärer Akt ihrer Freundschaft war der Verkauf von Erasmus' Bibliothek an a Lasco im Jahr 1525.


Der Deal: A Lasco kaufte die gesamte Büchersammlung des berühmten Humanisten.


Die Bedingung: Erasmus durfte die Bücher bis zu seinem Tod (1536) behalten und benutzen. Erst danach gingen sie in den Besitz von a Lasco über.


Bedeutung: Dieser Kauf war eine Art „Sponsoring“ für Erasmus und sicherte a Lasco den Zugriff auf das gesamte Wissen der Renaissance-Zeit.


Humanistische Prägung der Reformation


Obwohl a Lasco später viel radikaler wurde als der vorsichtige Erasmus, übernahm er wesentliche humanistische Prinzipien:


Ad Fontes (Zu den Quellen): Das Studium der Bibel im griechischen und hebräischen Urtext war für a Lasco (angestoßen durch Erasmus) die Basis jeder Reform.


Toleranz und Bildung: A Lascos späteres Wirken in Emden war von einer für die Zeit ungewöhnlichen Diskussionskultur geprägt – ein direktes Erbe des erasmischen Geistes.


Kritik an Äußerlichkeiten: Wie Erasmus kritisierte a Lasco den „Aberglauben“ und die bloße Formelhaftigkeit der katholischen Liturgie, zog daraus jedoch die Konsequenz des vollständigen Bruchs mit Rom.


Der schmerzliche Bruch


Trotz der Freundschaft gab es eine theologische Entfremdung. Als Erasmus 1536 starb, hatte sich die Reformation bereits gespalten.


Erasmus blieb in der Mitte und kritisierte sowohl den Papst als auch Luther.


A Lasco hingegen wurde zum überzeugten Protestanten. Dennoch blieb er zeitlebens ein „Erasmianer“ in seinem Stil: Er suchte stets das Gespräch und die Vernunft, bevor er dogmatisch wurde.


Die Johannes a Lasco Bibliothek heute


Die heutige Bibliothek in Emden trägt nicht nur seinen Namen, sondern atmet diesen Geist. Sie ist in der Ruine der im Krieg zerstörten „Großen Kirche“ untergebracht und gilt als eine der wichtigsten Spezialbibliotheken für den Protestantismus weltweit.



DRITTES KAPITEL


Die Johannes a Lasco Bibliothek in Emden ist weit mehr als eine bloße Büchersammlung. Sie gilt heute als eine der bedeutendsten Spezialbibliotheken zur Geschichte des reformierten Protestantismus weltweit und ist zudem ein architektonisches Meisterwerk.


Hier erfährst du, was diesen Ort so besonders macht:


Die Architektur: „Die Große Kirche“


Die Bibliothek ist in den Ruinen der Großen Kirche (Moederkerk) untergebracht. Diese Kirche war einst das geistige Zentrum der niederländischen Glaubensflüchtlinge und das Herz der Reformation in Ostfriesland.


Zerstörung und Wiederaufbau: Im Zweiten Weltkrieg (1944) wurde die Kirche fast völlig zerstört. Jahrzehntelang blieb sie eine Ruine.


Das Konzept: In den 1990er Jahren wurde die Bibliothek in die Ruine hineingebaut. Das Besondere ist die Symbiose aus altem Mauerwerk und moderner Stahl-Glas-Architektur.


Auszeichnung: 2001 wurde sie als „Bibliothek des Jahres“ ausgezeichnet.


Der Bestand: Ein Gedächtnis der Reformation


Die Bibliothek ist eine Forschungsstätte von europäischem Rang. Ihr Kern geht tatsächlich auf die Bestände zurück, die Johannes a Lasco im 16. Jahrhundert sammelte.


Schwerpunkte: Die Bestände umfassen ca. 150.000 Bände. Der Fokus liegt auf der konfessionellen Geschichte der Frühen Neuzeit, dem reformierten Protestantismus und der Geschichte Ostfrieslands.


Kostbarkeiten:


Rund 1.000 Handschriften und Inkunabeln (Frühdrucke vor 1500).


Die Reste der Privatbibliothek von Erasmus von Rotterdam, die a Lasco einst kaufte.


Wichtige Dokumente zur Emder Synode von 1571.


Die Bibliothek als kulturelles Zentrum


Die Johannes a Lasco Bibliothek ist heute ein lebendiger Ort der Wissenschaft und Kultur:


Forschung: Wissenschaftler aus der ganzen Welt kommen nach Emden, um über die Radikalreformation, die Täuferbewegung oder die hugenottische Geschichte zu forschen.


Veranstaltungen: Das beeindruckende Kirchenschiff dient heute als Aula für Konzerte, Vorträge und akademische Feiern.


Kirchlicher Archivrat: Sie beherbergt zudem das Archiv der Evangelisch-reformierten Kirche.


Warum „Johannes a Lasco“?


Der Name wurde gewählt, um das Erbe des polnischen Reformators zu ehren, der Emden zum „Genf des Nordens“ machte. A Lasco war der Überzeugung, dass Bildung und Glaube untrennbar zusammengehören. Die Bibliothek ist die moderne Einlösung dieses Anspruchs.


Tipp für Besucher: Selbst wenn man kein Theologe ist, lohnt sich der Besuch allein wegen der Atmosphäre. Wenn das Licht durch die hohen Fenster auf das alte Backsteinmauerwerk und die modernen Regale fällt, spürt man die Geschichte förmlich.



VIERTES KAPITEL


Die Schriften der Täufer (Anabaptisten) in der Johannes a Lasco Bibliothek sind ein wahrer Schatz für Historiker. Da die Täuferbewegung im 16. Jahrhundert oft grausam verfolgt wurde, sind viele ihrer Dokumente verloren gegangen oder wurden vernichtet.


In Emden jedoch, das als „Sicherer Hafen“ galt, blieb ein bemerkenswerter Bestand erhalten. Diese Schriften geben uns heute Einblick in eine Welt jenseits der großen Landeskirchen.


Warum sind diese Schriften so besonders?


Die Täufer vertraten radikale Ideen, die damals als hochexplosiv galten:


Die Gläubigentaufe: Nur wer sich bewusst für den Glauben entscheidet (Erwachsene), sollte getauft werden.


Gewaltlosigkeit: Viele Täufer weigerten sich, Waffen zu tragen oder Eide zu schwören.


Trennung von Staat und Kirche: Eine Idee, die ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus war.


Die „Mennonitica“ in Emden


Die Bibliothek beherbergt eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen zur Geschichte der Mennoniten (benannt nach dem Friesen Menno Simons).


Wichtige Dokumente und Werke:


Das Fundamentbuch (1539): Das Hauptwerk von Menno Simons. Es ist eine Art „Gebrauchsanweisung“ für ein christliches Leben in der Nachfolge Christi. In der Bibliothek finden sich seltene frühe Drucke davon.


Märtyrerspiegel (Martelaersspiegel): Eines der einflussreichsten Bücher der Täufergeschichte. Es dokumentiert die Schicksale derer, die für ihren Glauben hingerichtet wurden. Die Illustrationen (oft Kupferstiche von Jan Luyken) sind berühmt für ihre drastische Darstellung von Standhaftigkeit.


Liederbücher (Das Ausbund): Das älteste Gesangbuch der Täuferbewegung. Viele der Lieder wurden im Gefängnis geschrieben und handeln von Leid, Hoffnung und Vertrauen auf Gott.


Die „Emder Disputation“ (1578)


Ein absolutes Highlight im Bestand ist das Protokoll der Emder Religionsgespräche.


Das Ereignis: Über drei Monate lang diskutierten reformierte Theologen und Vertreter der Täufer in Emden öffentlich über ihre Glaubensunterschiede.


Das Dokument: Die detaillierten Protokolle zeigen, wie intensiv und – für damalige Verhältnisse – zivilisiert um die Wahrheit gerungen wurde. Es ist ein einzigartiges Zeugnis für den Versuch eines Dialogs in einer Zeit der Verfolgung.


Die Bedeutung für die Forschung heute


In der Johannes a Lasco Bibliothek lagern nicht nur die „großen“ Werke, sondern auch:


Flugschriften: Kleine, schnell gedruckte Heftchen, die heimlich verteilt wurden.


Briefwechsel: Persönliche Briefe von Täuferführern, die zeigen, wie sie ihr Netzwerk über ganz Europa (von den Niederlanden bis nach Mähren) aufrechterhielten.


Was macht diese Schriften heute so relevant?


Die Täuferbewegung wird oft als der „linke Flügel der Reformation“ bezeichnet. Ihre Schriften in Emden dokumentieren den Mut von Menschen, die für Gewissensfreiheit eintraten – ein Thema, das in der modernen Demokratie grundlegend ist.


Die Bibliothek arbeitet eng mit mennonitischen Forschungsstellen weltweit zusammen, um diese alten Texte zu digitalisieren, damit sie für jedermann zugänglich sind.



FÜNFTES KAPITEL


Der Märtyrerspiegel (vollständiger Titel: Het Bloedig Tooneel of Martelaers Spiegel der Doops-gesinde of Weereloose Christenen) ist nach der Bibel das wohl einflussreichste Buch in der Geschichte der Täuferbewegung und der Mennoniten.


In der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden befinden sich prachtvolle Ausgaben dieses monumentalen Werks, das weit mehr ist als nur ein Geschichtsbuch.


Was ist der Märtyrerspiegel?


Das Buch wurde 1660 von dem niederländischen mennonitischen Prediger Thieleman J. van Braght zusammengestellt. Es ist eine gewaltige Sammlung von Biografien, Briefen und Berichten über Menschen, die wegen ihres christlichen Glaubens hingerichtet wurden.


Zeitspanne: Es beginnt bei den Aposteln Jesu und reicht bis zu den Täuferverfolgungen des 16. und 17. Jahrhunderts.


Zielgruppe: Es wurde geschrieben, um die verfolgten Täufer in ihrem Glauben zu stärken und ihnen Vorbilder an Standhaftigkeit zu geben.


Umfang: In modernen Ausgaben umfasst das Werk über 1.200 Seiten.


Die Illustrationen von Jan Luyken


Berühmt wurde vor allem die zweite Auflage von 1685. Sie enthielt 104 Kupferstiche des Künstlers Jan Luyken.


Diese Bilder sind meisterhaft, aber oft erschütternd: Sie zeigen Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen, Ertränken in Säcken oder Folterungen.


Symbolik: Die Bilder sollten nicht nur Gräuel zeigen, sondern die innere Ruhe und den Frieden der Märtyrer im Angesicht des Todes betonen.


Ein berühmtes Bild: Das wohl bekannteste Motiv zeigt Dirk Willems. Er floh über einen zugefrorenen See, kehrte aber um, um seinen Verfolger zu retten, der im Eis eingebrochen war. Zum Dank für seine Nächstenliebe wurde er kurz darauf verhaftet und verbrannt.


Die Botschaft: Wehrlosigkeit


Der Märtyrerspiegel ist das fundamentale Zeugnis für das Prinzip der Wehrlosigkeit (Gewaltfreiheit).


Die Botschaft lautet: Ein wahrer Christ folgt Christus nach, indem er eher bereit ist, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun.


Das Buch erklärt, warum Mennoniten und Amische bis heute oft den Militärdienst verweigern.


Bedeutung für die Emder Bibliothek


In der Johannes a Lasco Bibliothek wird dieses Werk als Teil des „Gedächtnisses der Radikalreformation“ bewahrt.


Forschung: Historiker untersuchen hier, wie die Erzählungen über die Märtyrer die Identität der Täufergemeinden in Ostfriesland und den Niederlanden geformt haben.


Identität: Für viele Besucher aus den USA oder Kanada (Nachfahren mennonitischer Auswanderer) ist das Buch in Emden eine direkte Verbindung zu ihren Vorfahren.


Der Märtyrerspiegel heute


Noch heute ist das Buch in konservativen mennonitischen Kreisen und bei den Amischen in Nordamerika weit verbreitet. Oft steht es dort direkt neben der Bibel im Regal. Es gilt als Mahnung, dass der Glaube einen hohen Preis haben kann.



SECHSTES KAPITEL


Wenn Johannes a Lasco der „Manager“ und Erasmus der „Mentor“ der friesischen Reformation waren, dann war Menno Simons (1496–1561) ihr „Gewissen“. Er ist die einzige namhafte Person der Reformationszeit, nach der bis heute eine weltweite Kirche benannt ist: die Mennoniten.


Hier ist das Porträt des Mannes, der vom katholischen Priester zum gejagten Ketzer wurde:


Der langsame Ausbruch


Menno wurde in Witmarsum (Westerlauwers Friesland, heute NL) geboren. Sein Weg war zunächst ganz klassisch:


Der Priester: 1524 wurde er zum katholischen Priester geweiht. Er gab später offen zu, dass er in den ersten Jahren kaum die Bibel gelesen hatte – er verbrachte seine Zeit lieber mit Kartenspielen und Trinken.


Die Zweifel: Durch das Studium des Neuen Testaments (angeregt durch die Schriften von Luther und Erasmus) bekam er Zweifel an der Transsubstantiation (der Wandlung von Brot und Wein).


Der Wendepunkt: 1531 wurde in Leeuwarden der Sicke Freerks hingerichtet, weil er sich hatte „wiedertaufen“ lassen. Das schockierte Menno tief. Er fragte sich: Warum sterben Menschen für eine zweite Taufe?


Radikalisierung und Bruch (1536)


Der endgültige Bruch kam nach einer Tragödie. Radikale Täufer hatten das Kloster Oldeklooster bei Witmarsum besetzt; bei der Erstürmung starben viele, darunter Mennos eigener Bruder.


Menno erkannte, dass diese Menschen „eifrig, aber ohne Erkenntnis“ waren.


Er fühlte sich mitschuldig, weil er ihnen als Priester nicht den „rechten Weg“ gewiesen hatte.


1536: Er legte sein Priesteramt nieder, ließ sich taufen und schloss sich den friedlichen Täufern an.


Der „Sammler“ der Verfolgten


Nach dem Untergang des gewalttätigen Täuferreichs von Münster (1535) waren alle Täufer als „Terroristen“ verschrien und wurden gnadenlos gejagt. Menno Simons übernahm die lebensgefährliche Aufgabe, die versprengten Reste zu sammeln.


Pazifismus: Er betonte die absolute Gewaltlosigkeit (Wehrlosigkeit). Ein Christ dürfe kein Schwert führen.


Untergrund: Er lebte fast 25 Jahre als Geächteter, auf dessen Kopf ein hohes Kopfgeld ausgesetzt war. Er reiste nachts zwischen Friesland, Groningen und Norddeutschland hin und her, um Gemeinden zu taufen und zu predigen.


Schriften: In dieser Zeit schrieb er das oben erwähnte Fundamentbuch. Da er ein gelehrter Ex-Priester war, verlieh er der Bewegung die theologische Tiefe, die sie zum Überleben brauchte.


Sein Erbe in Friesland und der Welt


Menno Simons starb 1561 friedlich in Wüstenfelde (Schleswig-Holstein), was für einen Täuferführer fast ein Wunder war.


Warum er in der Johannes a Lasco Bibliothek so präsent ist


Obwohl a Lasco und Menno Simons Zeitgenossen in Ostfriesland waren, kamen sie nicht gut miteinander aus. 1544 trafen sie sich in Emden zu einem dreitägigen Streitgespräch über die Menschwerdung Christi. Sie konnten sich nicht einigen, aber dieses Gespräch zeigt: In Friesland wurde damals die Zukunft des Protestantismus ausgehandelt.


In seinem Geburtsort Witmarsum steht heute ein Denkmal an der Stelle, wo einst das Haus stand, in dem er predigte. Es ist ein Pilgerort für Mennoniten aus aller Welt.



SIEBENTES KAPITEL


Das Streitgespräch zwischen Johannes a Lasco und Menno Simons, das im Januar 1544 in der Emder Gazthaus-Kirche stattfand, ist ein Schlüsselmoment der Reformationsgeschichte. Es war der Versuch, die tiefen Gräben zwischen der „offiziellen“ reformierten Kirche und den „radikalen“ Täufern friedlich zu überbrücken.


Stell dir zwei intellektuelle Giganten vor, die drei Tage lang in einer kalten Kirche in Emden gegenübersitzen – umgeben von Zeugen und Protokollanten.


Die Ausgangslage: Warum traf man sich?


Gräfin Anna von Ostfriesland wollte religiösen Frieden in ihrem Land. A Lasco, der gerade erst als Superintendent eingesetzt worden war, wollte die Täufer nicht einfach verfolgen (wie es in anderen Ländern üblich war), sondern sie durch Argumente überzeugen und in die Landeskirche eingliedern.


Der zentrale Streitpunkt: Die Christologie


Es klingt heute wie theologische Haarspalterei, war damals aber eine Grundsatzfrage: Woher nahm Jesus seinen Körper?


Menno Simons (Die „himmlische Fleischwerdung“): Er lehrte, dass Christus sein Fleisch nicht von Maria (einem sündigen Menschen) angenommen habe, sondern dass er mit einem „himmlischen Leib“ durch Maria hindurchgegangen sei wie „Wasser durch ein Rohr“. Warum? Um die absolute Sündlosigkeit Jesu zu garantieren.


Johannes a Lasco (Die orthodoxe Sicht): Er hielt das für eine gefährliche Irrlehre. Er argumentierte, dass Jesus vollkommen Mensch sein müsse – also Fleisch von Maria angenommen haben müsse –, um die Menschheit überhaupt erlösen zu können.


Weitere Konflikte: Taufe und Kirche


Natürlich ging es nicht nur um Jesus, sondern auch um die Praxis:


Die Taufe: A Lasco verteidigte die Kindertaufe als Zeichen des Bundes (ähnlich der Beschneidung im Alten Testament). Menno blieb hart: Nur der bewusste Glaube rechtfertige die Taufe.


Die Kirche: Menno forderte eine „reine Gemeinde“ ohne Sünder. A Lasco sah die Kirche eher als eine „Schule“, in der auch Fehlbare Platz haben, solange sie zur Zucht bereit sind.


Das bittere Ende


Nach drei Tagen gab es keine Einigung.


A Lasco forderte Menno auf, seine Ansichten schriftlich zu widerrufen oder das Land zu verlassen.


Menno Simons verließ Emden kurz darauf. Er fühlte sich missverstanden und schrieb später enttäuscht, dass die Gelehrten (wie a Lasco) nur mit Logik und nicht mit dem Herzen argumentierten.


A Lasco wiederum sah in Menno einen Starrkopf, der die Einheit der Reformation gefährdete.


Die langfristige Folge


Obwohl das Gespräch scheiterte, setzte es einen Standard: In Ostfriesland wurde diskutiert statt sofort hingerichtet. Dennoch führte das Scheitern dazu, dass die Täufer (Mennoniten) in den folgenden Jahrzehnten immer stärker unter Druck gerieten und schließlich begannen, in abgelegenere Gebiete oder nach Übersee auszuwandern.


Was geschah mit den Mennoniten in Friesland danach?


Viele blieben als geduldete Minderheit in kleinen Gemeinden (den sogenannten „Vermaningen“) bestehen. In Orten wie Emden oder Leer gibt es bis heute mennonitische Gemeinden, die direkt auf diese Zeit zurückgehen.



ACHTES KAPITEL


Die Geschichte von Dirk Willems († 1569) ist die wohl bekannteste und rührendste Erzählung aus dem oben erwähnten Märtyrerspiegel. Sie illustriert perfekt das täuferische Ideal der „Feindesliebe“ und der absoluten Gewaltfreiheit, selbst angesichts des eigenen Todes.


Hier ist sein dramatischer Lebensweg:


Die Flucht über das Eis


Dirk Willems war ein Täufer, der im 16. Jahrhundert in der Nähe von Asperen (Niederlande) lebte. Da die Verfolgung unter der spanisch-katholischen Herrschaft (Herzog von Alba) extrem hart war, wurde er wegen seines Glaubens verhaftet.


Ihm gelang jedoch der Ausbruch aus einem Gefängnisturm. Ein Gerichtsdiener bemerkte die Flucht und nahm sofort die Verfolgung auf. Es war Winter, und Dirk rannte über einen zugefrorenen Teich (das sogenannte „Hondegat“). Da Dirk durch die Gefängnishaft abgemagert und leicht war, hielt das dünne Eis sein Gewicht.


Die Tat der Nächstenliebe


Sein Verfolger jedoch war schwerer und brach mitten auf dem Teich im eiskalten Wasser ein. Er drohte zu ertrinken. Anstatt die Chance zur Flucht zu nutzen, kehrte Dirk Willems um. Er riskierte sein Leben auf dem brüchigen Eis, reichte dem Mann die Hand und zog ihn aus dem Wasser.


Das bittere Urteil


Der Gerichtsdiener wollte Dirk aus Dankbarkeit laufen lassen, doch der Bürgermeister von Asperen, der am Ufer stand, befahl ihm streng, den Gefangenen festzunehmen. Der Diener musste gehorchen.


Dirk wurde erneut eingesperrt und am 16. Mai 1569 zum Tode durch Verbrennen verurteilt. Da an diesem Tag ein starker Ostwind wehte, wurde das Feuer immer wieder von ihm weggeblasen, was seinen Tod qualvoll in die Länge zog. Berichten zufolge hörte man ihn über 70 Mal „O mein Herr, mein Gott“ rufen, bevor er starb.


Warum ist diese Geschichte heute so wichtig?


Für die Nachfahren der Täufer – die Mennoniten und Amischen – ist Dirk Willems kein „Held“ im klassischen Sinne, sondern ein Vorbild in der Nachfolge Christi.


Praktische Ethik: Die Geschichte zeigt, dass der Glaube nicht nur aus Worten besteht, sondern aus der Tat, selbst wenn diese den Tod bedeutet.


Symbol der Wehrlosigkeit: Er hätte seinen Feind ertrinken lassen können, um seine Freiheit zu gewinnen. Dass er es nicht tat, macht ihn zum ultimativen Symbol für den radikalen Pazifismus der Täufer.


Gedenken in der Johannes a Lasco Bibliothek


In Emden und in mennonitischen Forschungsstellen weltweit ist die Illustration dieser Szene aus dem Märtyrerspiegel allgegenwärtig. Sie ist eine ständige Mahnung an die humanitäre Dimension der Reformation in Friesland und den angrenzenden Gebieten.


In der modernen mennonitischen Friedensarbeit wird Dirk Willems oft als Beispiel für „Conflict Transformation“ angeführt – die Idee, dass das Wohl des Mitmenschen über dem eigenen Recht und der eigenen Sicherheit steht.



NEUNTES KAPITEL


Der Emder Disput (oder das Emder Religionsgespräch) von 1578 war eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte der Täuferbewegung und der reformierten Kirche. Es war der letzte große Versuch in Europa, die tiefen theologischen und gesellschaftlichen Gräben zwischen den „offiziellen“ Protestanten und den „radikalen“ Täufern durch ein öffentliches Gespräch zu überbrücken.


Nachdem das Gespräch zwischen Menno Simons und Johannes a Lasco (1544) eher privat und ergebnislos geblieben war, wurde 1578 das ganz große Besteck aufgefahren.


Der Rahmen: Drei Monate Debatte


Vom 14. April bis zum 19. Juni 1578 versammelten sich die Abgesandten im Emder Gasthaus. Es war kein kurzes Treffen, sondern ein Marathon der Argumente.


Die Teilnehmer: Auf der einen Seite standen die reformierten Theologen (angeführt von Menso Alting), auf der anderen Seite 15 Vertreter der Täufer (die „Waterländer“ Mennoniten unter Führung von Brixius Gerrits).


Die Protokollanten: Alles wurde wortgenau mitgeschrieben. Diese Protokolle sind heute ein unschätzbares Dokument in der Johannes a Lasco Bibliothek.


Die Streitpunkte: Mehr als nur die Taufe


Es ging um 14 Hauptartikel. Die zentralen Fragen waren:


Die Autorität der Schrift: Akzeptieren die Täufer das Alte Testament genauso wie das Neue? (Die Reformierten warfen ihnen vor, das Alte Testament zu vernachlässigen).


Die Menschwerdung Christi: Wieder die alte Frage: Hatte Jesus „himmlisches Fleisch“ oder Fleisch von Maria angenommen?


Die Kindertaufe: Der Klassiker des Konflikts.


Staat und Gewalt: Darf ein Christ ein öffentliches Amt (z. B. Richter oder Bürgermeister) bekleiden, wenn er dafür das Schwert führen oder Eide schwören muss?


Das Ergebnis: Ein Patt mit Folgen


Wie so oft bei solchen Disputationen gab es keinen „Sieger“, der die Gegenseite überzeugte.


Keine Einigung: Beide Seiten beharrten auf ihren Positionen. Die Reformierten sahen die Täufer weiterhin als „Sektierer“, die Täufer sahen die Reformierten als eine „Staatskirche“, die dem Evangelium nicht radikal genug folgte.


Veröffentlichung: Die Reformierten veröffentlichten das Protokoll kurz darauf, um zu zeigen, wie „irrational“ die Täufer angeblich seien. Doch das Gegenteil passierte: Die Täufer nutzten das Buch selbst als Dokumentation ihrer Standpunkte.


Religiöse Toleranz: Trotz des theologischen Scheiterns festigte der Disput den Ruf Emdens als Ort, an dem man redete, statt zu brennen. Während Täufer in anderen Teilen Europas hingerichtet wurden, konnten sie in Ostfriesland (wenn auch unter Auflagen) überleben.


Warum ist der Disput heute noch wichtig?


Der Emder Disput markiert den Übergang von der Phase der blutigen Verfolgung zur Phase der Duldung. Er zeigt den mühsamen Weg hin zu dem, was wir heute Religionsfreiheit nennen.


In der Johannes a Lasco Bibliothek wird das Originalprotokoll wie ein Heiligtum gehütet. Es ist das Zeugnis eines Moments, in dem die Vernunft und das Wort gegen Gewalt und Scheiterhaufen antraten.


Was geschah nach 1578?


Die Täufer zogen sich immer mehr in das Privatleben zurück und wurden zu den „Stillen im Lande“. Sie wurden wirtschaftlich extrem erfolgreich (viele waren Weber oder Schiffsbauer), blieben aber politisch außen vor.



ZEHNTES KAPITEL


Wenn Johannes a Lasco der Architekt der ostfriesischen Kirche war, dann war Menso Alting (1541–1612) ihr politischer Festungsbaumeister. Er war der Mann, der Emden zum „Genf des Nordens“ machte und die Stadt in einen fast unabhängigen, calvinistischen Stadtstaat verwandelte.


Hier ist das Porträt des einflussreichsten Kirchenmannes der Region am Ende des 16. Jahrhunderts:


Der kompromisslose Calvinist


Alting stammte aus den Niederlanden (Eelde) und kam 1575 als Prediger nach Emden. Er war geprägt vom Überlebenskampf der niederländischen Protestanten gegen die katholischen Spanier.


Theologie: Er war ein strenger Anhänger Calvins. Für ihn gab es keine Trennung zwischen Religion und Politik – die Stadt sollte nach Gottes Geboten regiert werden.


Kirchenzucht: Er baute das System des Presbyteriums (Kirchenrat) aus. Wer sich nicht moralisch verhielt, wurde vom Abendmahl ausgeschlossen. Das gab der Kirche eine enorme Macht über das Privatleben der Bürger.


Der Gegenspieler im Emder Disput (1578)


Wie wir gesagt haben, war Alting der führende Kopf auf der reformierten Seite beim Emder Disput.


Er trat den Täufern nicht mit dem Schwert, sondern mit massiver theologischer Gelehrsamkeit entgegen.


Er wollte beweisen, dass die Täufer „Sektierer“ seien, die die staatliche Ordnung gefährdeten, weil sie Eide und Kriegsdienst ablehnten. Sein Ziel war eine geschlossene, reformierte Volkskirche unter seiner Führung.


Die Emder Revolution (1595)


Altings historisch bedeutendste Tat war seine Rolle in der Emder Revolution.


Der Konflikt: Der ostfriesische Graf Edzard II. war lutherisch und wollte die Steuern in der wohlhabenden Stadt Emden erhöhen und den Calvinismus zurückdrängen.


Der Aufstand: Menso Alting peitschte die Bürger von der Kanzel aus auf. Er rechtfertigte den Widerstand gegen den Fürsten mit der religiösen Pflicht.


Das Ergebnis: Die Bürger setzten den gräflichen Rat ab. Emden wurde faktisch eine freie Stadt unter dem Schutz der Niederlande. Alting hatte den „politischen Calvinismus“ erfolgreich in die Tat umgesetzt.


Sein Erbe in der Johannes a Lasco Bibliothek


In der Bibliothek in Emden ist Menso Alting allgegenwärtig.


Die Protokolle: Seine detaillierten Aufzeichnungen über die theologischen Kämpfe der Zeit sind Primärquellen ersten Ranges.


Die Kirchenordnung: Die von ihm geprägte „Emder Kirchenordnung“ beeinflusste die Struktur der reformierten Kirchen in Deutschland und den Niederlanden für Jahrhunderte.


Menso Alting war eine Gestalt, die man entweder liebte oder fürchtete. Für die Emder war er der „Vater der Freiheit“, für die ostfriesischen Grafen ein gefährlicher Rebell.



ELFTES KAPITEL


Das Dornumer Religionsgespräch von 1526 ist der "Urknall" der Reformation in Ostfriesland. Während der Emder Disput (1578) ein späterer Versuch der Konsolidierung war, markiert Dornum den Moment, in dem der alte Glaube offiziell herausgefordert wurde.


Es ist eines der frühesten und bedeutendsten Religionsgespräche im gesamten norddeutschen Raum.


Der Ort: Die Norderburg


Das Gespräch fand nicht in einer Kirche statt, sondern auf der Norderburg in Dornum. Der Gastgeber war der dortige Häuptling Ulrich von Dornum.


Ulrich war ein hochgebildeter Adliger und ein früher Anhänger Luthers.


Er wollte die theologischen Differenzen zwischen der alten katholischen Lehre und den neuen evangelischen Ideen in seinem Herrschaftsbereich klären.


Die Kontrahenten


Es war ein klassisches Duell zwischen Tradition und Aufbruch:


Jacobus Resen (evangelisch): Ein ehemaliger Dominikanermönch, der die neuen Lehren leidenschaftlich vertrat.


Nanno von Norden (katholisch): Ein Vertreter der alten Kirche, der versuchte, die Traditionen und Sakramente zu verteidigen.


Die Themen: Was stand auf dem Spiel?


In Dornum ging es um die Fundamente. Die Protokolle (die Ulrich von Dornum später selbst veröffentlichte) zeigen, dass über die zentralen reformatorischen Fragen gestritten wurde:


Die Autorität: Gilt nur die Bibel (Sola Scriptura) oder auch die Tradition der Kirche und die Dekrete der Päpste?


Die Rechtfertigung: Kommt der Mensch durch gute Werke in den Himmel oder allein durch den Glauben an Christus?


Die Messe: Ist das Abendmahl ein Opfer oder ein Erinnerungsmahl?


Das Ergebnis: Ein politisches Signal


Theologisch gab es – wie fast immer – keinen offiziellen Gewinner, aber politisch war das Ergebnis eindeutig:


Sieg der Reformation: Das Gespräch gab den evangelischen Predigern in Ostfriesland enormen Rückenwind. Ulrich von Dornum sorgte dafür, dass die Argumente der Reformatoren weit verbreitet wurden.


Häuptlingsmacht: Es zeigte, dass die lokalen Häuptlinge in Friesland die religiöse Hoheit beanspruchten und sich nicht mehr vom Bischof von Münster oder dem Papst vorschreiben ließen, was in ihren Kirchen gepredigt wurde.


Protokoll als Waffe: Ulrich von Dornum ließ das Gespräch drucken. Dies war ein moderner PR-Schachzug, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.


Warum ist das für die Johannes a Lasco Bibliothek wichtig?


In der Emder Bibliothek lagern heute die seltenen Drucke der Berichte über das Dornumer Gespräch. Es ist der dokumentarische Beweis dafür, dass die Reformation in Friesland "von unten" und durch Diskurs begann, lange bevor große Reformatoren wie a Lasco die Bühne betraten.


Das Dornumer Religionsgespräch war der mutige Anfang. Ohne diesen frühen theologischen Durchbruch in der Norderburg hätte Menso Alting später in Emden keine so starke Basis für seinen calvinistischen Stadtstaat gehabt.



ZWÖLFTES KAPITEL


Ulrich von Dornum (ca. 1465–1536) war der entscheidende Wegbereiter der Reformation in Ostfriesland. Während Theologen wie a Lasco oder Alting das geistige Fundament legten, war Ulrich der politische Stratege und intellektuelle Edelmann, der den Raum für diese Veränderungen überhaupt erst schuf.


Hier sind die Facetten dieses einflussreichen friesischen Häuptlings:


Der gebildete Adlige


Ulrich war kein typischer „Raubritter“, sondern ein hochgebildeter Humanist. Er stammte aus dem mächtigen Häuptlingsgeschlecht der Attena.


Wissen als Macht: Er beherrschte Latein und war theologisch so bewandert, dass er auf Augenhöhe mit Gelehrten diskutieren konnte.


Früher Anhänger Luthers: Bereits sehr früh (um 1520) kam er mit den Schriften Martin Luthers in Kontakt. Er erkannte darin die Chance, die friesische Freiheit gegenüber der katholischen Kirche (Bistum Münster) zu stärken.


Der Gastgeber des Dornumer Religionsgesprächs (1526)


Ulrichs bleibendes Verdienst ist die Organisation und Dokumentation des Dornumer Religionsgesprächs.


Er stellte seine Norderburg als neutralen Boden zur Verfügung.


Er fungierte nicht nur als Gastgeber, sondern auch als Protokollant. Er veröffentlichte den Bericht unter dem Titel „Ein kort bericht van dem gespreke“. Das war für die damalige Zeit revolutionär: Ein Laie dokumentiert ein theologisches Fachgespräch, um die Öffentlichkeit zu informieren.


Der „Häuptling“ der Reformation


Ulrich nutzte seine Position als Häuptling von Dornum, um die Reformation praktisch umzusetzen:


Pfarrerbesetzung: Er vertrieb altgläubige Priester und setzte evangelische Prediger ein.


Schutzherr: Er bot verfolgten Reformatoren Schutz auf seinen Burgen. Damit machte er Ostfriesland früh zu einem „Sicheren Hafen“ für religiöse Erneuerer.


Die „Norderburg“ in Dornum


Die Burg war unter Ulrich weit mehr als ein Verteidigungsbau. Sie war:


Druckzentrum: Von hier aus verbreiteten sich reformatorische Ideen per Flugblatt.


Politisches Zentrum: Ulrich beriet die ostfriesischen Grafen (besonders Edzard den Großen) in religiösen Fragen und drängte sie zu einem evangelischen Kurs.


Sein Vermächtnis in der Johannes a Lasco Bibliothek


In der Emder Bibliothek wird Ulrich von Dornum als derjenige verehrt, der die Diskussionskultur in die Region brachte.


Sein gedruckter Bericht über das Dornumer Gespräch gilt als eines der wichtigsten Gründungsdokumente der ostfriesischen Kirche.


Er bewies, dass die Reformation in Friesland kein Diktat „von oben“ war, sondern ein Prozess, der durch Debatte, Bildung und das Engagement des lokalen Adels getragen wurde.


Warum war Ulrich so wichtig für Friesland?


Ohne Ulrich von Dornum wäre die Reformation in Ostfriesland vermutlich viel langsamer und weniger eigenständig verlaufen. Er gab der Bewegung ein Gesicht und ein Zentrum (Dornum), noch bevor Emden diese Rolle übernahm. Er verkörperte das Ideal des christlichen Adligen, der seine Macht nutzt, um Bildung und Gewissensfreiheit zu fördern.


Ulrich war zweimal verheiratet und verknüpfte durch seine Ehen die wichtigsten friesischen Adelsfamilien, was seinen politischen Einfluss bei der Durchsetzung der Reformation massiv steigerte.



DREIZEHNTES KAPITEL


Das Zusammenspiel – und oft das Gegeneinander – von Häuptlingen und Grafen war der entscheidende politische Motor der Reformation in Ostfriesland. Anders als im restlichen Heiligen Römischen Reich, wo der Landesfürst meist allein bestimmte (Cuius regio, eius religio), herrschte in Friesland ein empfindliches Machtgleichgewicht.


Hier ist die Rollenverteilung in diesem kirchenpolitischen Krimi:


Die Häuptlinge: Die "Herren im eigenen Haus"


Die friesischen Häuptlinge (wie Ulrich von Dornum) sahen sich als freie Herren, die niemandem außer dem Kaiser direkt untertan waren. Für sie war die Reformation ein Werkzeug der Unabhängigkeit.


Das Patronatsrecht: Die Häuptlinge besaßen das Recht, die Pastoren in ihren Dörfern selbst einzusetzen. Als die Reformation kam, nutzten sie dies sofort, um evangelische Prediger zu berufen – oft gegen den Willen des katholischen Bischofs von Münster.


Widerstand gegen Zentralisierung: Indem sie den Protestantismus förderten, entzogen sie dem katholischen Klerus (der oft mit den Grafen verbündet war) die Machtbasis.


Beispiel Dornum: Ulrich von Dornum machte seine Burg zum Zentrum der neuen Lehre, lange bevor das Grafenhaus in Aurich sich endgültig festlegte.


Die Grafen: Zwischen den Stühlen


Das Haus Cirksena (die Grafen von Ostfriesland) steckte in einer Zwickmühle. Sie wollten ihr Land zentralisieren und einen modernen Territorialstaat werden lassen, mussten aber auf zwei Seiten Rücksicht nehmen:


Graf Edzard der Große (Reg. 1491–1528): Er war ein kluger Taktiker. Er ließ die Reformation gewähren, weil er merkte, dass er gegen den Willen seiner Häuptlinge und der Städte (Emden) wenig ausrichten konnte. Er blieb offiziell vorsichtig, um den Kaiser nicht zu provozieren, schützte aber die evangelischen Prediger.


Graf Enno II. (Reg. 1528–1540): Er versuchte, eine einheitliche lutherische Landeskirche durchzusetzen, um seine Macht zu festigen. Doch er scheiterte am Widerstand der renitenten Häuptlinge und der Stadt Emden, die sich bereits dem reformierten (calvinistischen) Bekenntnis zugewandt hatten.


Der Konflikt: Lutherisch vs. Reformiert


Der Streit zwischen Häuptlingen/Städten und Grafen spiegelte sich bald in der Konfession wider:


Die Grafen (Aurich): Neigten zum Luthertum. Es betonte den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit („Jedermann sei untertan der Obrigkeit...“). Das passte perfekt zu ihrem Wunsch nach einem starken Staat.


Die Häuptlinge & Emden: Neigten zum Calvinismus/Reformierten Bekenntnis. Dieses betonte die Autonomie der Gemeinde und sah ein Widerstandsrecht gegen „tyrannische“ Herrscher vor.


Die Folgen: Ein duales Kirchensystem


Da keine Seite die andere vollständig unterwerfen konnte, entstand in Ostfriesland eine in Deutschland fast einzigartige Situation:


Konfessioneller Frieden durch Patt: Da der Graf die Häuptlinge nicht zwingen konnte, blieb Ostfriesland ein Flickenteppich. In einem Dorf war man lutherisch (weil der Graf oder ein lutherischer Herr dort das Sagen hatte), im nächsten reformiert (wegen des örtlichen Häuptlings).


Die Emder Konkordate (1599): Nach langen Kämpfen (einschließlich der Emder Revolution unter Menso Alting) musste der Graf anerkennen, dass die Stadt Emden und viele Häuptlingsgebiete religiös eigenständig blieben.


Kulturelle Vielfalt: Dieser Wettbewerb führte zu einer hohen Dichte an Schulen und einer intensiven theologischen Debatte, die in der Johannes a Lasco Bibliothek dokumentiert ist.


Man kann sagen: Die Reformation in Friesland war deshalb so vielfältig, weil die Häuptlinge zu stark waren, um sich vom Grafen alles vorschreiben zu lassen, und der Graf zu schwach, um eine Einheitskirche durchzusetzen.



VIERZEHNTES KAPITEL


Das Haus Cirksena spielte eine zentrale, wenn auch oft taktisch geprägte Rolle während der Reformation in Ostfriesland. Als das herrschende Grafengeschlecht standen sie im Spannungsfeld zwischen kaiserlicher Treue, dem Drang zur Zentralisierung ihrer Macht und dem religiösen Eigensinn ihrer Häuptlinge und Städte.


Hier sind die wichtigsten Aspekte ihrer Rolle:


Strategische Zurückhaltung unter Edzard dem Großen


Graf Edzard I. (der Große), der während des Beginns der Reformation regierte, verfolgte eine Politik der Duldung. Er erkannte früh, dass er gegen den Willen der mächtigen ostfriesischen Häuptlinge (wie Ulrich von Dornum) und der wirtschaftlich starken Stadt Emden kaum eine einheitliche Religionspolitik durchsetzen konnte. Er ließ die evangelische Predigt gewähren, um den inneren Frieden nicht zu gefährden und die friesische Freiheit zu wahren.


Der Versuch einer lutherischen Landeskirche unter Enno II.


Sein Nachfolger, Graf Enno II., versuchte ab 1528, die Reformation stärker zu institutionalisieren – allerdings nach seinen eigenen Vorstellungen.


Enteignung der Klöster: Enno II. ging 1528 rigoros gegen die Klöster vor. Er ordnete an, dass Gold, Silber und liturgische Geräte (Monstranzen, Kelche) abgeliefert werden mussten. Viele Klosterbesitztümer wurden eingezogen und fielen an die Staatsdomäne.


Konfessioneller Kurs: Er bevorzugte das Luthertum, da dieses die Gehorsamspflicht gegenüber der Obrigkeit betonte, was seinem Ziel eines zentralisierten Staates entgegenkam. Er scheiterte jedoch daran, diese Konfession flächendeckend durchzusetzen, da sich Emden und viele Häuptlingsgebiete bereits dem reformierten (calvinistischen) Bekenntnis zugewandt hatten.


Förderung und Bindung: Das Beispiel Appingen


Ein interessantes Detail der Familiengeschichte ist das Kloster Appingen. Dieses wurde 1433 von den Cirksena an ihrem einstigen Stammsitz für den Karmelitenorden gestiftet. Es blieb bis zur Reformation eng mit dem Grafenhaus verbunden und zeigt, wie die Familie religiöse Einrichtungen nutzte, um ihre dynastische Identität zu festigen.


Der Konflikt mit dem Reformierten Bekenntnis


Im späteren Verlauf der Reformation (Ende des 16. Jahrhunderts) kam es zu massiven Spannungen zwischen den Grafen und der Stadt Emden. Während die Cirksena weiterhin lutherisch gesinnt waren, wurde Emden unter Führung von Theologen wie Menso Alting zu einer Hochburg des Calvinismus. Dies gipfelte in der Emder Revolution (1595), bei der die Stadt die gräflichen Räte vertrieb und eine weitgehende Unabhängigkeit vom Grafenhaus erkämpfte.


Das Haus Cirksena agierte in der Reformation oft als Nutznießer der Säkularisation (Einziehung von Kirchengütern), scheiterte aber bei dem Versuch, Ostfriesland eine einheitliche lutherische Identität aufzuzwingen. Ihr Erbe ist ein konfessionell gespaltenes Land, in dem sich lutherische und reformierte Gebiete bis heute abwechseln.



FÜNFZEHNTES KAPITEL


Die Reformation in Friesland war untrennbar mit dem Wunsch verbunden, das „Wort Gottes“ für jeden verständlich zu machen. In einer Region, in der Friesisch, Niederdeutsch (Plattdeutsch) und Niederländisch aufeinandertreffen, war die Frage nach der richtigen Sprache der Bibel jedoch hochgradig politisch und kulturell aufgeladen.


In der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden lassen sich diese sprachlichen Kämpfe anhand seltener Bibelausgaben nachverfolgen.


Das Niederdeutsche: Die Sprache des Volkes


Bevor sich das Hochdeutsche (Luthers Sprache) durchsetzte, war Niederdeutsch die Lingua Franca des Nordens.


Die Bugenhagen-Bibel: Johannes Bugenhagen, ein enger Vertrauter Luthers, übersetzte die Bibel ins Niederdeutsche (Lübecker Bibel von 1533). In Ostfriesland war dies lange Zeit die Standardbibel in den Kirchen, da die Menschen das Hochdeutsche Luthers kaum verstanden.


Bedeutung: Diese Bibeln sorgten dafür, dass die Reformation auch die ländliche Bevölkerung erreichte.


Das Niederländische: Die Sprache der „Gereformeerden“


Durch die engen Kontakte Emdens zu den niederländischen Glaubensflüchtlingen wurde Emden zu einem der wichtigsten Druckorte für niederländische Bibeln.


Die Liesveldt-Bibel: Schon früh wurden in Emden Bibeln für den Schmuggel in die (damals katholisch besetzten) Niederlande gedruckt.


Die Staatenbibel (Statenvertaling): Später orientierten sich die reformierten Gemeinden in Friesland stark an der niederländischen Übersetzung. In vielen reformierten Kirchen Ostfrieslands wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein auf Niederländisch gepredigt und aus niederländischen Bibeln gelesen.


Und was ist mit dem Friesischen?


Interessanterweise gab es während der Reformationszeit keine vollständige Bibelübersetzung ins Friesische.


Gründe: Das Friesische zersplitterte in viele Dialekte. Zudem war Niederdeutsch die Sprache des Handels und Niederländisch die Sprache der Bildung und Religion.


Folge: Die Reformation trug ironischerweise dazu bei, dass das Friesische als Kirchensprache verdrängt wurde, da man sich auf die größeren Verkehrssprachen stützte. Erst viel später (im 20. Jahrhundert) entstanden vollständige friesische Bibeln.


Die „Emder Bibeln“ als Exportschlager


Emden war im 16. Jahrhundert eine der wichtigsten „Bibelschmieden“ Europas.


Druckkapazitäten: Da der Buchdruck in den Niederlanden unter spanischer Herrschaft streng zensiert wurde, wichen Drucker nach Emden aus.


Sicherheit: Von Emden aus wurden tausende handliche Taschenbibeln per Schiff in die Niederlande oder nach England geschmuggelt. Diese Bibeln waren oft klein und ohne prunkvolle Einbände, damit man sie bei Durchsuchungen leicht verstecken konnte.


Warum das heute noch wichtig ist


Die Vielfalt der Bibeln in der Johannes a Lasco Bibliothek zeigt, dass Friesland ein europäischer Knotenpunkt war. Man kann an den Gebrauchsspuren in diesen alten Büchern sehen, wie intensiv die Menschen damals studierten – oft waren die Ränder vollgekritzelt mit persönlichen Notizen und Fragen.



SECHZEHNTES KAPITEL


Der Schmuggel von Bibeln aus Emden war im 16. Jahrhundert ein hochriskantes, logistisches Meisterstück. Da die Niederlande unter der Herrschaft des katholischen Spaniens standen, galt der Besitz einer protestantischen Bibel als Ketzerei und wurde oft mit dem Tod bestraft.


Emden wurde zum rettenden „Emporium“ (Handelsplatz) für das verbotene Wort. So funktionierte das System:


Die „Schmuggel-Bibeln“ (Taschenformate)


Damit Bibeln unbemerkt transportiert werden konnten, änderte sich ihr Design radikal:


Vom Folio zum Sedez: Statt riesiger Prachtbibeln druckte man in Emden winzige Formate (Oktav oder Sedez), die kaum größer als eine Handfläche waren.


Dünndruck: Man verwendete besonders dünnes, aber reißfestes Papier, um das Volumen zu reduzieren.


Schlichte Einbände: Die Bücher hatten oft keine Titel auf dem Buchrücken oder sahen von außen wie harmlose Rechnungsbücher oder lateinische Schulbücher aus.


Tarnung in der Handelsware


Die Schiffe, die Emden in Richtung Amsterdam, Antwerpen oder London verließen, hatten offiziell harmlose Fracht geladen. Die Bibeln wurden dazwischen versteckt:


In Heringsfässern: Da Emden ein Zentrum der Heringsfischerei war, wurden Bibeln in wasserdichten Wachstüchern tief in den Salzlaken der Fischfässer vergraben.


Zwischen Stoffballen: In den Ballen friesischen Lodenstoffs wurden Hohlräume für Buchstapel gelassen.


Doppelte Böden: Viele Kisten und Fässer besaßen doppelte Böden, ein klassischer Trick der damaligen Zeit.


Das Netzwerk der „Watergeuzen“ und Kaufleute


Der Schmuggel funktionierte nur durch ein dichtes Netz von Vertrauensleuten:


Binnenschiffer: Da Ostfriesland durch zahllose Kanäle und das Wattenmeer mit den Niederlanden verbunden war, nutzten Schmuggler kleine, flachgehende Boote, die den großen spanischen Patrouillenschiffen in den Untiefen entkommen konnten.


Kaufmannsfamilien: Viele Emder Kaufmannsfamilien hatten Verwandte in den Niederlanden. Der Bibelschmuggel lief oft über familiäre Kanäle („Ooms“ und „Neven“), was das Risiko eines Verrats minimierte.


Geheime Zeichen: Sendungen wurden oft mit speziellen Hausmarken oder Symbolen markiert, die nur dem Empfänger verrieten, dass sich „kostbare Ware“ (Code für Bibeln) im Fass befand.


Die Johannes a Lasco Bibliothek als Zeitzeuge


In der Bibliothek in Emden kann man heute Exemplare sehen, die genau für diesen Zweck gedruckt wurden.


Man findet dort Bibeln mit versteckten Notizen oder solche, die sichtlich durch Feuchtigkeit (Salzwasser) beschädigt wurden – stumme Zeugen ihrer gefährlichen Reise über die Nordsee.


Die Bibliothek bewahrt auch die Korrespondenz von Druckern wie Gilles van der Erve, der einer der produktivsten „Bibelschmuggler“ seiner Zeit war.


Ein gefährliches Geschäft


Wer erwischt wurde, landete vor der Inquisition. Die Geschichte der Täufer und Reformierten ist voll von Berichten über Buchführer und Schiffer, die für eine einzige Ladung Bibeln auf dem Scheiterhaufen landeten. Emden verdiente an diesem Handel gut, aber es war auch ein Akt des religiösen Widerstands.


Die Tradition des Bibelschmuggels aus Emden war so erfolgreich, dass die Stadt im 16. Jahrhundert zeitweise mehr niederländische Bibeln produzierte als alle Städte in den Niederlanden zusammen.