PERSIEN UND DIE GOTTHEIT

VON TORSTEN SCHWANKE



ERSTER GESANG

ANAHITA UND MITHRAS


Des alten Irans Glauben und Gebet,

Bevor Zarathustras Lehre sich erhob,

War jener Veden-Religion verwandt,

Die einstens in des Inders Lande blühte.

Als höchste Götter rief man damals an:

Ahura Mazda und den lichten Mithra,

Vom Perserland bis an des Tiber Strand.

Auch Atar ward verehrt; denn alter Könige

Und niedrer Bürger Namen zeugen oft

Von tiefer Ehrfurcht vor den dreien noch.

Es gab auch Sekten, Vorberitende

Der weisen Magier, die Ahura Mazda

Als Haupt der lichten Ahuras schon ehrten.

Doch als Prophet Zarathustra trat hervor

Mit seiner neuen, reinen Reformazion,

Ward jener Mazda ganz allein der Herr,

Und die Daevas sanken in die Nacht.

Des Varuna Gewalt und Eigenschaften,

Den man in Medien einst Fahrana nannte,

Trug der Prophet auf Mazda dann herüber.


Im zweiten Jahrtausend vor der Zeitenwende

Entstiegen die Iraner als ein Zweig

Der Indo-Iraner jener weiten Steppe

Und herrschten bald auf Persiens Hochebene.

Ihr Glaube floss aus uriranischer Quelle,

Dem fernen Veda-Dienst der Inder gleich.

Und ob das Volk uns wenig Schriftliches

Und kaum ein Denkmal seines Kults vermachte,

Erbauen wir das Bild doch Stück für Stück:

Aus kargen Worten, die uns Babylon,

Die Griechen und Iraner selbst bewahrten,

Und durch Vergleiche mit der Inder Glaube.


Bevor der Achämeniden Stamm regierte,

Verehrte man die Daevas überall.

Die Könige jedoch, als Staatsgesetz,

Zerstörten ihre Tempel, nannten sie Dämonen.

Das alte Wort Daiva erscheint uns zweimal

In Xerxes' Inschrift aus dem fernen Susa,

Die er im frühen fünften Jahrbucht schrieb.

Drei Sprachen künden dort vom Daivadana,

Was man als Haus der Daevas wohl versteht.

Der König Xerxes schreibt auf diesem Stein:

„Durch Mazda’s Huld zerbrach ich jenen Ort

Der falschen Götter und ich rief es aus:

Die Daevas sollt ihr niemals mehr verehren!“

Zwei Wege gibt es, dies uns zu erklären:

Entweder war es Glaube, der verwarf,

Was als dämonisch galt für Geist und Sinn;

Oder es war der Politik geschuldet,

Weil Feinde dieses Staats den Daevas dienten.


Als Herrscher Persiens schützten die Achämeniden

Ahura Mazda als den höchsten Gott;

Die Kaiser sahn sich selbst als seine Diener.

Er galt als Schöpfer dieser ganzen Welt.

Der Dualismus prägte stark das Denken,

Der Mensch an sich ward als von Grund auf gut

In diesem großen Weltenstreit erachtet.

Das höchste Fest des Volkes war das Yasna:

Man sang den Göttern Lob und trank dazu

Das Hauma, das den Geist in Räusche wiegte.

Ein Priesterstand, geschult in alten Riten,

Vollzog das Opfer treu nach Brauch und Recht.

So waren Thron und Altar fest verbunden.

Vom zehnten Jahrhundert vor der Zeitenwende

Wich dieser Glaube Zarathustras Wort,

Das manches Alte doch in sich bewahrte.


Die Quellen, obzwar spärlich uns geschenkt,

Sind teils aus Worten, teils aus Stein gefügt.

Die Schrift entspringt dem eignen Vaterland

Und fremden Reichen, die davon berichtet.


Des großen Darius Inschrift zu Behistun

Ist uns ein teures Zeugnis jener Tage.

Die Hauptquelle jedoch bleibt uns das Buch,

Das man Avesta nennt, des Glaubens Kern,

In altavestischer Sprache einst verfasst.

Es sammelt Texte, die durch lange Zeit

Von manchem Autor wurden aufgezeichnet,

Und oft redigiert und oft verändert wurden.

Es ist das letzte Stück von jenem Schatz,

Der noch im neunten Jahrbucht uns verblieb,

Nachdem Chosrau im Sasanidenreich

Das Werk im sechsten Jahrbucht sammeln ließ.

Die Inhaltsübersicht zeigt uns ein Ganzes,

Das nicht in Alt-Avestisch nur geschrieben,

Sondern in Pahlavi, der späten Sprache.

Obgleich das Buch aus jüngrer Zeit uns stammt,

Ist sein Gehalt doch ungemessen alt.

Zarathustras Gathas, Lieder voll von Geist,

Die Yasnas und die Yashts sind uralt Gut.

Die Gathas künden uns des Sehers Vision,

Die alte Lehren völlig neu gestaltete.

Die Yashts sind Lieder, die den Göttern gelten;

Zwar nutzen sie des neuen Glaubens Worte,

Doch sind sie kaum zoroastrisch im Geiste.

Die Götter, die man ruft, sind jene Ahnen,

Die vor Zarathustra schon das Volk verehrte.

Wann jener Weise lebte, weiß man nicht,

Man schätzt die Zeit von zwölf- bis sechshundert

Vor Christi Geburt im weiten Raum.

Auch jene Yashts sind schwerlich zu datieren,

Doch ward die Form im fünften Jahrbucht wohl

Zum ersten Mal im Text festgeschrieben.


Ein andrer Schatz sind jene Königssteine,

Die Persiens Herrscher uns im Keilschrifttext

Hinterließen (mit Übersetzungen auch

In Babel-Sprache, Aramäisch, Elamisch).

Die Steine Darius’ und des Xerxes künden

Sehr viel von ihrem Glauben und den Riten.

Weil Zeit und Ort bei ihnen sicher feststeht,

Sind sie für uns von unschätzbarem Wert.

Doch außer diesen Inschriften der Könige

Gibt es kein Zeichen, dass des Glaubens Worte

Vor der Parther- oder Sasanidenzeit

Je aufgeschrieben wurden im Iran.

Der Glaube lebte nur durch Mund und Ohr.


Das alte Indien gibt uns reiches Licht:

Die Sanskrit-Texte, die dem Ur-Glauben

Der Indo-Iraner einst entsprungen sind,

Und die Avesta um Jahrhunderte

An Alter schlagen, sind das beste Werk,

Um des Irans Geschichte zu ergründen.

Der Rigveda ist hierbei unverzichtbar;

Mehr als tausend Hymnen sind darin

Den alten Göttern gläubig eingeweiht.


Was sonst uns blieb, verdanken wir den Griechen.

Herodot ist hier der wichtigste Gewährsmann.

Doch manches Wort der Griechen täuscht das Auge,

Weil Missverstand und Fabel es getrübt.


Die Funde sind recht karg und meist beschränkt

Auf den Westen des persischen Gebiets.

Der Könige Paläste und Ruinen

Sind hier das größte Gut, das uns befragt;

Sie zeigen uns des Reiches heilge Zeichen

Und wie das Land vom Orient gelernt.


Im fernen Mittelasien zog ein Heer

Von Indo-Europäern einst nach Süden,

Im frühen zweiten Jahrtausend vor der Zeit.

Man nennt sie heute Indo-Iraner wohl.

Sie teilten sich in Inder und Iraner.

Weil sie aus einem Stamme einst entsprossen,

Ist ihr Gebet im Kern sich völlig gleich.

Durch den Vergleich der beiden Brüder-Völker

Ergänzen wir, was uns im Text gebricht.


Iraner waren Hirten in der Steppe;

Ihr Wohlstand war das Vieh: die Kuh, das Schaf,

Die Ziege auch. Sie züchteten das Pferd

Für Reitersmann und Streitwagenschlacht.

Wie fest ihr Stand geschieden, bleibt uns dunkel.

Doch gab es Männer für das Heiligtum;

Und wer sich Pferd und Wagen leisten konnte,

Der galt als Führer und als kühner Held.


Als die Achämeniden dann erwuchsen,

Schied sich das Volk in Priester und in Adel,

In Bauern und in Handwerksleut' genauer.

Der Vater herrschte streng im Haus und Stamm,

Was auch im Bild der Götter sich entschied.

Und als die Stämme festen Boden fanden,

Trieben sie Ackerbau und wurden sesshaft.

Hierbei mischten sie sich mit den Völkern,

Die vorgesessen; deren Glaube blieb

Uns ganz verborgen, außer jenen Spuren,

Die keinem andren Indogermanen eigen.


Des alten Persers Welt war dreigeteilt:

Die Erde unten, dann der Luftkreis weit,

Und ganz von oben grüßte uns der Himmel.

Hinter dem Himmel war das ew'ge Licht,

Und tief im Schlund der Erde herrschte Nacht

Und das Chaos. Die runde Erde ruhte

Auf einem Weltmeer, Varu-Karta genannt.

Im Mittelpunkt der Erde stand der Berg,

Der Hara heißt, von dem der Fluss Ardvi

Sich mächtig in die weite Welt ergoss.

Die Erde teilte sich in sechs Kontinente,

Die um den großen Mittelpunkt sich legten:

Khvaniratha, wo die Arier wohnten.


„Wer ist der arta Vater von Beginn?

Wer wies der Sonn' und den Sternen ihre Bahn?

Durch wen nimmt jetzt der Mond zu, jetzt wieder ab?

Wer hält die Erde tief und schützt den Himmel,

Dass er nicht stürzt? Wer spannt die beiden Rosse

Vor Wind und Wolke?... Wer schuf frommen Sinn

Zusammen mit der Macht? Und wer erschuf

Den Sohn, der ehrfurchtsvoll dem Vater dient?“


So fragte Zarathustra einst im Lied.

Ahura Mazda ist der Welten Schöpfer.

An seiner Seite steht ein alter Gott:

Thvarshtar, den man auch den Handwerker nennt.

Er heißt bei Zarathustra Spenta Mainyu,

Der heilge Geist in des Propheten System.

Im Schaffen gleicht er ganz dem höchsten Herrn.

Doch im Avesta wird dem guten Geist

Ein böser Geist als Feind entgegengestellt:

Angra Mainyu, den man Ahriman nennt.

In späten Büchern kämpft dann Ohrmazd selbst

Gegen den Teufel in dem ew'gen Streit.

Das Buch Avesta deutet dunkel an,

Wie diese beiden Geister einst erschufen.


Es war Plutarch, der uns zuerst berichtet,

Wie zwei Triebkräfte diese Welt erschufen:

Oromazes, dem reinen Licht entstiegen,

Und Areimanios, der Nacht entsprossen,

Die Krieg stets führen gegen Gott und Welt.

Der Zwillinge Idee, die dualistisch

Schon Zarathustra rief, ist uralt Erbe

Der Völker, die indogermanisch hießen.

Die Forschung zeigt: Zwei Brüder stritten wild,

Noch eh die Welt geformt aus totem Stoffe.

Der eine hieß schlicht „Mensch“ (Manu genannt),

Der andre war der „Zwilling“ (Yama, Yima).

Als Manu nun den Bruder Yima erschlug,

Formt’ er aus den Gliedern dieses Leibes

Das All: Die Erde ward aus Fleisch gemacht,

Die Knochen wurden Berge, und der Schädel

Wölbt’ sich als blauer Himmel über sie.


Ein andrer Mythos nennt uns Yama auch

Als ersten Sterblichen und ersten König.

Sein Regiment war eine goldne Zeit,

In der kein Frost, kein Tod, kein Alter drückte.

Doch als die Lüge Yamas Mund befleckte,

Schwand dieses Glück. Der Glanz der Majestät,

Das Khvarenah, verließ den stolzen Fürsten

Und floh hinab ins tiefe Weltenmeer.

Ein Schlangenmonstrum, Azhi Dahaka,

Stürzt’ Yima vom Thron; und seine Herrschaft brachte

Nur Dürre, Chaos und den Untergang.

Bis Thraetaona, der Held, das Biest bezwang

Und jene Königsreihe neu begründete,

Die man als Kayaniden feierlich besingt.


Weil alle Kunde, die uns heut erreicht,

Erst nach Zarathustras Wirken aufgeschrieben,

Ist es recht schwer, das Alte zu bescheiden

Vom Neuen, das der Seher selbst erfand.

Denn sein Reformwerk nutzte reiches Gut,

Das er im Volk vorfand. Es gab kein Buch,

Das alle Mythen ordnete und sammelte;

Uns blieben Fragmente nur von alten Liedern,

Die gleiche Themen wandeln hin und her.


So gibt es auch die Mär von einer Flut:

Hier weidet Yama als ein treuer Hirt

Die Menschheit, deren Zahl so mächtig wuchs,

Dass sich die Erde dreimal dehnen musste.

Da warnt’ Ahura Mazda seinen Hirten

Vor einem Winter, der erdrückend naht.

Er hieß ihn, ein Gebäude, fest und groß,

Das Vara zu erbaun mit drei Geschossen,

Um Saatgut und das Vieh darin zu bergen.

Dies Vara war ein Paradies der Pracht,

Obgleich der Mythos wohl im Hirtenvolk

Als erster Winterstall für Vieh begann.


Zarathustra war es auch, der wohl als Erster

Die Lehre von dem Weltenretter schuf,

Der einst die Schöpfung aus dem Bösen reißt.

Dies Denken, das im Perserland so groß,

Hat wohl des Judentums Messiasbild

In jenen Tagen des Exils geprägt.


Der Gesteine Hof war andren Völkern gleich,

Voll von Gestalten, meist von Männerart,

Die Ströme, Winde oder Rechte ehrten.

Zwei große Scharen schieden sich im Kult:

Die Daevas und die edlen Ahuras.

Das Wort Daiva, das „himmlisch“ einst bedeutete,

Entstammt dem Urwort, das auch Veden nutzen,

Um Gott zu nennen. Doch im Perserland

Wurden die Daevas oft als Teufelsschwarm

Gesehen, obzwar nicht an jedem Ort.

Die Ahuras dagegen waren Fürsten,

Erhabne Herrscher, denen man gesellt'

Den Bagha (der das Gut verteilt) und jene

Yazatas, die man heiligend verehrt.


Das Haupt des Hofs war König Mazda selbst,

Der weise Herr, der fest mit Asha steht,

Dem Weltgesetz von Ordnung, Recht und Licht.

Ihm eng verbunden war der Herr des Bundes:

Mithra, der Gott. Zwei Krieger gab es dort,

Die Indras Zügen im Rigveda gleichen:

Mithra und Vrthraghna, sturmerprobt.

Als Weiblichkeit ragt Spenta Aramati

Hervor (die Erde) und die reine Flut

Der Ardvi Sura, die den Segen bringt.


„Er ist der große Gott, der diese Erde,

Der jenen Himmel dort oben schuf, der den Menschen

Erschuf und ihm das wahre Glück geschenkt,

Der Darius zum großen König machte.“


So kündet Darius am Felsengrab.

Ahura Mazda war wohl schon vorzeiten

Der höchste Gott im altpersischen Land.

Bei Darius, bei Xerxes und dem Seher

Ward er so hoch verehrt, dass andre Götter

Fast ganz vergingen vor dem lichten Strahl.

Er ist der Schöpfer, der das All erhält,

Und Herr von Arta, das den Staat bewahrt.

Der König leitet seine Macht von ihm,

Weil irdisches Gesetz und feste Ordnung

Nur Nachbild sind von Seines Geistes Werk.

Durch Fragen, die im alten Liedgewand

Der Indogermanen wurzeln, fragt der Seher:

Wer ist der Arta Vater? Wer wies der Sonne Bahn?

Wer lässt den Mond erstehn und wieder sinken?

Wer hält den Himmel, dass er uns nicht erschlägt?


Kein Lied verknüpft Ihn mit dem Stoff der Welt,

Er ist kein Wind, kein Feuer und kein Stein.

Im Hymnus der Göttin Rti wird genannt,

Dass Mazda Vater ihr, die Erde Mutter;

So nahm er jene Rolle ein, die einst

Der Himmelsvater (Dieus Pater) besaß.

Herodot schreibt, dass jener höchste Zeus

Der Perser „der gesamte Himmelskreis“ sei.

Man suchte Ihn um Weisheit, und es scheint,

Dass ihm ein Dienst des Herzens ward geweiht,

Der andren Göttern damals fremd geblieben.


Nebst Mazda war der lichte Mithra wohl

Der größte Gott, fast seinem Herrn mitsamt.

In Königssteinen wird er oft genannt,

Nur Anahita steht noch an der Seite.


Es gab im Osten einen Sonnengott,

Hvar Khshaita; doch im Lauf der Zeit

Schloss Mithra sich dem Sonnenwagen an.

Besonders mit dem ersten Strahl am Morgen

Zog er im Wagen herrlich über’s Land.

Im Westen ward sein Name ganz zur Sonne.

Doch seine größte Macht lag im Gesetz:

Das Wort Mithra hieß „Vertrag und Bund“.

Er war der Hüter aller heilgen Eide,

Die Menschen oder Staaten sich geschworen.

Und wer den Eid brach, traf sein harter Zorn.

Man nennt ihn schlaflos, und mit tausend Ohren,

Mit zehntausend Augen wacht er über uns.

Ein großer Krieger, der die Keule schwingt,

Er hilft dem Treuen und schlägt den Verräter

In wilder Schlacht mit Schrecken und Ruin.

Er schützt die Weide (varu-gavyuti),

Und als Beschützer (payu) liebt er jene Länder,

Die ihre Pflicht und Worte redlich halten.

Sein Name ging auf jenen Kultus über,

Der einst im Römerreich so mächtig ward.

Obgleich man streitet, wie der Bund beschaffen:

Ziliziens Seeräuber brachten wohl den Dienst

Nach Rom, und mehr als nur der nackte Name

Verbindet jenen Mithras mit dem Osten.


Ein langes Lied besingt die große Frau,

Die Ardvi Sura Anahita heißt:

„Die feuchte, starke, unbefleckte Maid“.

Der Name schmilzt wohl zwei Göttinnen eins:

Ardvi Sura, die dem Strome gleicht,

Den Indien als Sarasvati besingt;

Sie bringt das Wasser von dem Berge Hukarya

Hinab zum Varu-Karta-Meer.

Anahiti dagegen stammt von Norden,

Ihr Name meint die Reinheit im Gewissen

Und im Leibe. Post-achämenidisch war

Sie eng mit Schutz und Königtum verknüpft.


Das Lied beschreibt ihr Kleid so detailreich,

Dass wohl ein Standbild Vorbild ist gewesen,

Was Artaxerxes uns im Text bestätigt.

Berossos schreibt, der König ließ Statuen

Im ganzen Reich verteilen für das Volk.

Weil Perser sonst kein Bildnis je verehrten,

War wohl das Zweistromland hierbei der Pate.

Die Göttin Ishtar mag als Vorbild dienen,

Obgleich das Kleid aus Biberfell sich scheidet.

Doch wie die Ishtar schützt sie den Palast,

Liebt Helden und den wilden Kriegestanz;

Und beide schenken Fruchtbarkeit der Welt.


Vrthraghna war der mächt'ge Gott des Kriegs,

An Zügen Mithra und dem Inder-Gott,

Dem wilden Indra, im Rigveda gleich.

In jener Zeit nach den Achämeniden

Ward er dem starken Herkules gesellt.

Ein Lieblingsgott der Könige und Fürsten,

Die seinen Namen stolz als eignen trugen.

Sein Name meint das Brechen jedes Widerstands

Und auch den Tod des Feindes; und so ward

Das Wort im Volk als „Sieg“ bald recht verstanden.


Weil er dem Herrscher Sieg und Krone schenkte,

Trug er den Beinamen Bara-Khvarnah,

Was so viel heißt wie „Künstler edlen Glanzes“.

Dem Mithra gleich, stand er als Kriegers Vorbild.

Den ersten Stämmen, die das Land besetzten,

Ward er zum Sinnbild für den Landerwerb;

Den Enkeln später galt er als das Zeichen

Des Willens, diese ganze Welt zu zwingen.


Im persischen Götterkreis besaß Vrthraghna

Vor allen andern die besondre Kraft,

Gestalt zu wechseln, Tier und Mensch zu werden.

Obzwar ein reicher Mythos hier vermutet,

Sind zehn Avatare nur uns aufgeschrieben:


„Er naht als wilder Eber, grimm und stark,

Mit scharfen Zähnen, der mit einem Schlag

Den Gegner fällt... Er holt den Feind bald ein,

Wirft ihn zu Boden mit des Hauptes Stoß,

Bis das Rückgrat bricht, des Lebens Säule...

Und mischt im Staub das Haar, das Blut, das Hirn.“


So schildert ihn das Lied in Ebers Bild.

Die andren Formen, die er noch besaß:

Der Wind (Gott Vayu), dann der starke Stier,

Das stolze Ross, das brünstige Kamel,

Ein Jüngling von fünfzehn Jahren alt

(Was damals als das schönste Alter galt),

Der Falke, dann der Widder und die Geiß,

Und schließlich ein heroischer Gestalter.

Ein jeder dieser Geister war von Kraft,

Von Aggression und Männlichkeit erfüllt,

Und mancher Wandel ward recht wild beschrieben.


Rashnu war ein Gott der Sittlichkeit,

Ein Richter im Olymp, der jeden Streit

Der Menschen schlichtete im Recht und Gesetz.

Man sah ihn oft an Mithras lichter Seite.

Sein Name stammt vom indogermanischen Wort,

Das „gerade machen, richten, lenken“ meint.

Besonders war er Herr des Gottesurteils

Und jedes Eides, den man vor Gericht geschworen.

So glich er sehr dem Richtergott der Veden,

Varuna, der den Eid bewacht im Osten,

Und oft von Mitra kaum zu trennen war.


Ob Mazda selbst als Richter je gewirkt,

Bleibt ungewiss; doch Rashnu und auch Mithra

Besaßen zwei verschiedne Rechte-Sphären:

War Mithra für Verträge zuständig,

So herrschte Rashnu im kriminellen Recht.

Man rief ihn an als Gott, der „auf dem Richtplatz

Den Dieb und Räuber am besten schlägt und bricht“.


Der Sterne Dienst war im iranischen Lande

Viel größer als beim indischen Verwandten.

Dies mag wohl an Babylons Gelehrten liegen,

Die auf den Westen starken Einfluss übten.

Das Buch Avesta nennt uns den Großen Wagen,

Die Plejaden, Wega und die Milchstraße auch.

Die größten Götter unter diesen Lichtern

Waren zwei Brüder: Tiri und Tishtrya.


Aus Gründen, die uns heute ganz verborgen,

Ward Sirius dem Tishtrya zugestellt,

In einem Lied, das ihm allein gehört.

Obzwar des Sirius Aufgang in die Zeit

Der größten Dürre fiel, besingt der Mythos

Den Kampf mit dem Dämonenstar Apausha

(Der „Mangel an Gedeihen“ wird genannt)

Um Regen und das Wasser für die Welt.

Am Ufer des Varu-Karta-Meeres stritten

Die beiden wild: Tishtrya als weißer Hengst,

Apausha als ein hässlich, struppig Tier.

Zuerst gewann der Teufel; doch alsbald,

Nachdem das Volk Tishtrya Opfer brachte,

Besiegte er den Feind und trieb ihn fort,

Wohl eine Rennbahn weit im wilden Lauf.


Die Perser feierten dies große Ringen

In jedem Jahr mit einem Reiterfest.

Nach seinem Siege lässt der Stern das Meer

Aufkochen und erglühen; und ein andrer Stern,

Satavaisa (Fomalhaut), steigt auf aus feuchtem Nebel.

Der Wind bläst diese Wolken dann als Regen,

Als Wolkenbruch und Hagel auf die Erde,

Hin zu den Dörfern und den sechs Kontinenten.


Tishtrya galt als Same des Gewässers

Und war dem Ackerbau recht eng verbunden.

Er schlug die Sternschnuppen, die man als Hexen

Ansah, besonders eine: „Schlechte Ernte“.

In späten Tagen der Achämeniden

Floss er mit Tiri (Merkur) ganz zusammen.

Von Tiri weiß man wenig, außer dem Fest,

Das Tiragan heißt und für die Bauern schlug.

Der vierte Monat trägt den Namen noch,

Und auch der dreizehnte Tag im Festkalender.


Ganz im Kontrast zu Babels alten Völkern,

Doch ihren Brüdern in den Veden gleich,

Bauten die Perser weder Götterbilder

Noch Tempel, um den Schöpfer einzuschließen.

Sie beteten am liebsten unterm Himmel.

Der alte Ritus hieß im Lande Yazna:

Das Feuer und der Trank aus Hauma-Kraut

Waren der Kern; und der vollstreckende Priester,

Der Herr des Opfers, hieß der Zautar dort.


Dies Opfer gleicht in vielen Eigenschaften

Dem Yajna, das der Inder gläubig feiert.

Trotz Wandlungen durch viele tausend Jahre

Vollziehn Parsen und Hindus diesen Ritus noch.

Es ist wohl der am längsten ununterbrochen

Gefeierte Dienst auf dieser ganzen Erde.

Soweit man Yazna heute rekonstruiert,

War es im Kern ein reich bereitetes Mahl,

Das man dem Gotte als dem Gaste bot.

Der Opfernde war Wirt in seinem Hause,

Der Gott der Gast, den man geladen hatte.

Im neuen Glauben feiert man es täglich;

Wie oft die Ahnen es getan, bleibt dunkel.

Man feierte das Yazna, um dem Himmel

Ganz nah zu sein, für einen Zweck im Leben:

Für einen Sieg im Krieg, für frommen Sinn,

Oder um Wohlergehen für das Haus.

Das Opfer folgte den Gesetzen des Gastrechts:

Der Gast empfing den Ruf und kam herzu;

Er ward begrüßt und auf den Thron gesetzt,

Man bot ihm Fleisch und Trank und sang dazu

Ein Lied, das seine großen Taten rühmte.

Und vom Gaste wartete man stumm

Ein Gegengeschenk für seine Wirte ab.


Der Sitz, den man den Göttern zubereitete,

War frisches Gras, verstreut auf freiem Grund

Vor dem Altar. Im Osten hieß es Barhish

(Avestisch Barzish, was als Kissen gilt).

Das Wort Baresman ist ihm eng verwandt;

Es meint ein Bündel Zweige, später Stäbe

Aus dünnem Erz, womit der Priester waltet.


Viel höher als das Opfer von dem Fleisch

Stand das Bereiten von dem Göttertrank,

Dem Hauma. Wie das Feuer selbst, so galt

Auch dieses Kraut als heilig und als Gott.

Der wichtigste Moment im ganzen Yazna

War wohl, wenn man den Saft des Krauts gewann.

Trotz mancher Forschung blieb die Pflanze selbst

Bis heute uns verborgen und unerkannt.

Das Wort stammt von dem Zeitwort „pressen“ ab

And meint den Saft, den man dem Stängel nimmt.

Man weichte die Gewächse erst in Wasser

Und schlug sie dann. Der späte Priester nutzt'

Aus Erz den Mörser und den schweren Stößel;

Die Ahnen preßten noch mit zwei Gesteinen.

Der Saft ward dann gefiltert und mit Milch

Vermischt, damit die Bitterkeit vergehe;

Auch goss man wohl ein wenig Wasser bei.

Gelb war die Farbe, die das Getränk besaß,

Und man genoss es frisch im selben Bund.

Es war kein Alkohol, doch eine Droge,

Die den Verstand in sachte Räusche wiegte.

Das Lied an Hauma spricht: „Jedweder Trank

Bringt wilden Zorn und eine schwere Keule;

Doch dieser Rausch, der Haumas Geist entspringt,

Ist stets von froher Wahrheit (Arta) rein begleitet.“


Dies kleine Wort ergänzt der Rigveda,

Wo Dichter Soma tranken vor dem Lied,

Um Kraft zu finden auf der Wahrheit Suche.

Auch Krieger tranken es als Lebenselixier,

Bevor sie kühn in eine Schlacht gezogen;

Und mancher Held der Vorzeit tat es ihnen gleich.


Es ist recht sicher, dass von Alters her

Der Zautar (Hotar bei den Indern) stand,

Um dieses große Opfer zu verwalten.

Ihm halfen andre Meister im Gebet.

Und durch das Feuer rief man dann die Götter;

Kam nun der Gott, saß er auf dem Baresman,

Empfing das Fleisch des Tieres als Speise,

Trank von dem Saft und lauschte dem Gesang.

Dafür erbat der Wirt ein Gegengeschenk:

Ein Heldenlied, Gesundheit oder Sieg.

Das Ganze gleicht dem alten Römerwort

Do ut des („Ich gebe, dass du gebest“),

Weil es die Götter für den Menschen einnimmt.

Zudem verband es Himmel und die Erde.

Man konnt' die Götter auch im Flehen grüßen:

Hierbei stand man aufrecht mit erhobnen Armen;

Ein Kniefall war dem alten Volk nicht kund.


Das Feuer war von allerhöchstem Wert

In den Riten, die das Volk beging.

Man sah im Feuer eine Gottheit selbst;

Und Atar hieß der Gott und auch der Stoff.

Ein jedes Feuer war des Gottes Zeichen.

Weil man das Opfer nicht im Brand verzehrte,

War Atar Mittler nur zwischen der Welt

Und jener Höhe, wo die Götter thronen –

Dem Agni im Rigveda völlig gleich.

Auch außerhalb des Yazna hütete

Man dieses Element mit großer Ehrfurcht.

Ob im Gehöft, ob spät im Feuertempel:

Man nährt' es treu mit gutem Holz, beschützte

Es vor Schmutz und ließ es niemals sterben.


Das Loblied für den Gott, den hehren Gast,

War von Bedeutung für das ganze Werk.

Fast der Rigveda ganz und jene Lieder

Des Buchs Avesta sind so zu verstehen.

Die Poesie der alten Brüder-Stämme

War ganz religiös und fest gefügt

Für jene Feste, wo die Götter Lieder

Verlangten, um den Menschen hold zu sein.

Manch dunkle Stelle in den Veden-Hymnen

Und Zarathustras Gathas wird erst klar,

Wenn man bedenkt: Das Lied war für die Götter

Und nicht für Menschenohren je gedacht.


Das Volk feierte Feste durch das Jahr,

Die mit dem Vieh und Ackerbau verknüpft;

Das größte war das Fest vom Neuen Jahr (Nowruz),

Das man im Perserland noch heute feiert.


Wie andren Völkern, war auch den Iranern

Der Streit von Chaos und Kosmos recht vertraut.

Das Größte aber, was das Volk erfand,

War jener Dualismus in der Welt.

Er zeigte sich im Kampf von Wahrheit (Arta)

Und jener Lüge, die man Drug genannt.

Was erst nur Geltung für den Staat besaß,

Ergriff bald jeden Teil von unsrem Leben.

Der Götter Hof schied sich in Gott und Teufel.

Und durch die Magier, einen Priesterstamm

Aus Medien, schied sich auch das Reich der Tiere:

Es gab die nützlichen und bösen Wesen.


Dies Denken drang selbst in die Sprache ein:

Man schuf „ahurische“ und „daivische“ Worte

Für Dinge wie die Glieder unsres Leibes.

So hieß die Hand des Frommen stets Zasta,

Doch Gava war die Hand des bösen Mannes.

Es war jedoch kein gnostisches System,

Wie es im Morgenland standsspäter blühte;

Denn es gab keinen Mythos, der beschrieb,

Dass Geistwesen verdarben und so das Böse schufen.


Im Schöpfungsmythos, den der Seher lehrte,

Ward uns der Mensch erschaffen für den Zweck,

Den bösen Geist vom Weltenraum zu treiben.

Obgleich man zweifelt, ob dies vor der Zeit

Zarathustras schon galt, so zeigt es doch:

Der Mensch an sich war edel und von Grund auf gut.

Ganz im Kontrast zur Babylonier Mär,

Die uns im Enuma Elisch kündet,

Dass der Mensch aus niedrem Stoffe sei.

Im Perser-Geist besitzt der Mensch den Willen,

Der frei entscheidet über sein Geschick.


Nebst dem Leibe glaubte man an Kräfte

Des Geistes, die als Seelen wohl gelten:

Die Lebenskraft, dann der Atem des Lebens,

Der Geist oder Verstand, die Seele selbst,

Der Schutzgeist und jenes Doppelgängerwesen,

Das man als Daina feierlich benannte.


Im neuen Glauben war das Weltgericht

Der Mittelpunkt. Die Seele musste

Für alle Taten auf der Erde büßen.

Sie wird belohnt, sie wird bestraft im Jenseits.

Am Tag des Richtspruchs trifft sie auf die Daina,

Die das Abbild aller Taten ist.

Sie tritt hervor als wunderschöne Maid

Oder als hässlich, alt und runzlig Weib.

Je nach dem Gewicht der Taten geht die Seele

Ganz sicher über jene Cinvat-Brücke

Ins Licht, oder stürzt tief in den Abgrund.


Die Fravarti war eine Schutzgöttin

Für jeden Menschen und der Ahnen Geist.

Sie bildeten ein Heer von wilden Kriegern,

Den Maruts im Rigveda völlig gleich.


Verlässt man jene Könige im Osten,

Die Kavis, deren letzter Fürst Vistaspa

Dem Seher Zarathustra Schutz gewährt',

So stammt die Kunde von dem Band der Macht

Und dem Altar erst aus Achämeniden-Zeit.

Das Königtum war fest mit Gott verbunden,

Die Kaiser herrschten nur durch Mazdas Willen.


Dabei mussten die Könige sich messen

Mit jenen Magiern aus des Meders Land.

Ihr Ursprung bleibt im Dunkel uns verborgen.

Die Griechen schreiben, dass sie bei den Riten

Gesungen und Götterlieder vorgetragen.

Sie mischten sich auch stark in die Politik:

Dies zeigt uns der Magier Gaumata,

Der nach Kambyses' Tod den Thron bestieg.

König Darius verfolgte diese Priester,

Doch hielten sie die Macht und wurden bald

Der Staatsaltar im weiten Perserreich.

Sie brachten wohl den Dualismus ein

Und hielten streng auf Reinheit in den Riten;

Und weltweit waren sie berühmt für Zauberei.




ZWEITER GESANG

AHURA MAZDA


Vom Glauben der Iraner kündet hier

Das Wort, das Mazdayasna auch genannt,

Und Behdin, die Religion der Guten.

Sie wurzelt tief im Buch der Avesta

Und der des Spitamiden Zarathustra,

Den Griechen einst Zoroaster nannten.

Als einer von den ältesten der Welt,

Erhebt dies Glaubenswerk den einen Gott,

Den unerschaffnen, weisen Geist des Guten:

Ahura Mazda ist sein hoher Name,

Des Weltalls allerhöchstes Wesen selbst.


Ihm gegenüber steht das böse Prinzip:

Es ist dies Angra Mainyu, der als Geist

Der reinen Zerstörung schadend wirkt,

Als Widersacher alles lichten Guten.

So binden diese Lehren kosmo-dualisch

Das Gute und das Böse in den Streit,

Und künden jene Endzeit weisend an,

In der Ahura Mazda siegen wird.


Doch uneins ist die Geisteswissenschaft,

Ob dieser Glaube Monotheismus sei,

Ob Polytheismus ihn am besten nennt,

Vielleicht Henotheismus – oder gar

Ein Flechtwerk, das aus allen dreien webt.

Geprägt hat er Irans Kultur und Zeit;

Doch strittig bleibt, ob er des Westens Geist,

Die Denker Griechenlands und jenen Stamm

Der abrahamitischen Religionen,

Mit tiefer Kraft beeinflusst hat,

Oder ob er sich friedlich späterhin

Mit Christentum und Islam arrangierte.


Geboren aus Reformen, die der Seher

Am alten Glauben der Iraner schuf,

Begann er in der Zeit der Avesta

(Vielleicht schon im zweiten Jahrtausend vor

Der Zeitenwende, die uns heute lenkt),

Doch schriftlich greifbar wird er uns zuerst

Im sechsten Vorchristjahrhundert genau.

Ein Jahrtausend lang war er das Staatsgesetz

Auffeinanderfolgender Reiche dort:

Zuerst im Achämenidenreich geformt,

Das seine Riten fest institutionalisierte,

Und endend im Sasanidenreich,

Das diesen Glauben mächtig neu belebte

Und seine Lehren einheitlich beschloss.


Im siebten Säkulum nach Christus dann

Kam mit dem Islam und der Perserstreit

Der Niedergang des alten Glaubens auf.

Weil frühe Muslime im Kalifat

Die Zoroastrier hart bedrängten, floh

Ein großer Teil der Schar nach Indien hin.

Dort gab man ihnen Asyl, und sie wurden

Die Ahnherren der Parsen unsrer Zeit.


Einst zählte diese Schar nach Millionen;

Heute schätzt man die Zahl der Gläubigen

Auf hundertzehn- bis einhundertzwanzigtausend.

Die meisten wohnen heute noch in Indien

(Wohl fünfzig- bis sechzigtausend Seelen),

In Persien fünfzehn- bis fünfundzwanzigtausend,

In Nordamerika zweiundzwanzigtausend.

Doch Gelehrte schätzen in Berichten auch,

Dass weltweit wohl einhundertfünfundvierzigtausend

Bis zwei Komma sechs Millionen Menschen leben.

Zählt man Konvertiten und jene nicht,

Die selbst sich zu dem Glauben nur bekennen,

Bleiben einhundertdreißig- bis vierzigtausend.

Der Glaube schrumpft, weil man Bekehrung hemmt,

Streng nur in eigner Kaste Hochzeit hält

Und weil die Geburtenrate sichtlich sinkt –

Sowohl in Persien wie im Parsenland.


Das Zentrum dieses Glaubens und der Riten

Umfasst die Avesta, ein Sammelwerk

Aus Schriften, das Jahrhunderte gebar.

Der älteste und wichtigste Bestand

Sind Gathas, Lieder, die vom Seher selbst

Direkt stammen und Zwiegespräche zeigen,

Die er mit Gott, Ahura Mazda, führte.

Sie bilden einen Teil der großen Yasna,

Das Herzstück der liturgischen Gesänge.


Zoroasters Geist schied jene alten Götter

Des indoiranischen Heidentums in Klassen:

Die einen nannte er Ahuras, die

Als Ausfluss der Natur zu ehren sind;

Die Daevas aber stieß er von sich ab

Als Wesen, die man meiden und verdammen muss.

Er rief Ahura Mazda aus als Schöpfer,

Der diese Welt erhält und weise lenkt,

Sowohl im Sichtbaren, das Getig heißt,

Als auch im Geistigen, dem Menog-Reich.

Dies tut er durch die sieben Lichtgestalten,

Die Amesha Spenta, die als Tugendwesen

Die höchsten Werte dieser Welt erklären.


Aus Gott strömt ferner Spenta Mainyu aus,

Der heilige Geist, der Leben, Gutes schafft.

Ihm steht entgegen Angra Mainyu, der

Zerstörergeist, gezeugt aus Aka Manah,

Dem bösen Denken. Spätere Literatur

Aus Mittelasien nannte ihn dann Ahriman –

Der direkte Feind Ahura Mazdas selbst,

Bedeutungsgleich mit jenem ersten Namen.


Es lehrt das Dogma, dass in diesem Streit

Der Mensch die freie Wahl besitzt zu wählen:

Konnt’ er sich Asha weihen (was die Wahrheit,

Die Weltordnung und das Gerechte meint,

Das Gott verkörpert und auf Erden schützt),

Oder der Druj, der Lüge und dem Trug,

Der Gier, dem Zorn und Neid des bösen Geists.

So lauten die drei moralischen Gebote:

Gut Denken stets (Humata sei’s genannt),

Gut Sprechen (Hukhta) und gut Handeln auch

(Huvarshta), was in vielen Betstunden

Und heiligen Zeremonien wiederkehrt.


Noch heute spürt man in dem fernen Glauben

Die Riten der iranischen Vorzeit nach:

Die Ehrung der Natur und ihrer Stoffe,

Wie etwa Aban, das das Wasser meint.

Das Feuer, Atar, gilt den Gläubigen

Als ganz besonders heilig, weil es Gott

Als Sinnbild repräsentiert auf dieser Welt.

Es steht im Mittelpunkt der Rituale,

Und bildet das Fundament der Gotteshäuser,

Die man als Feuertempel weithin kennt.


Der Name Zoroaster ist das Kleid,

Das Griechen Zarathustra einst verliehen.

In Persien heißt er Zartosht oder Zardosht,

Zaratosht nennt Gujarati ihn im Wort.

Der Name, den die Religion sich gibt,

Heißt Mazdayasna, was aus Mazda fliesst

Und dem avestischen Wort Yasna quillt,

Das Dienst und Gottesverehrung meint.


Auf Englisch nennt man den, der diesem Pfad

Des Glaubens folgt, zumeist Zoroastrian.

Ein ältrer Ausdruck, der noch heute lebt,

Ist Behdin, was „vom guten Glauben“ heißt

(Vom mittelpersischen Wort Weh für gut,

Und Din, das aus Daena sich gebar).

In der Liturgie bezeichnet dieses Wort

Den Laien, der durch die Navjote-Feier

Formell in die Gemeinschaft trat, ganz im

Gegensatz zu Priestertiteln wie

Osta, Osti, Ervad oder Mobed

Und Dastur, die das heil’ge Amt verwalten.


Der erste Fund des Namens in der Welt

Der englischen Gelehrsamkeit stammt wohl

Von Thomas Browne, der 1643

In seinem Werk Religio Medici

Zoroaster kurz und beiläufig erwähnt.

Der Mazdaismus ist ein andres Wort,

Das man im Englischen benutzt; es nimmt

Das Wortteil Mazda aus dem Gottesnamen

Und fügt das Suffix „Ismus“ hinten an,

Um ein System des Glaubens anzuzeigen.


Es ist nicht leicht, das theologische Wesen

Des Zoroastrismus trennscharf zu bestimmen.

Der Grund liegt darin, dass man Haupttexte

Nur schwer auf feste Zeiten datieren kann,

Und viele bergen Stoff aus alter Vorzeit.

Zudem formte der Glaube sich nur langsam,

Er war selbst zur Epoche des Islams

Noch nicht in seiner Gänze abgeschlossen.

Man findet polytheische Züge dort,

Auch Monotheismus und den Dualismus,

Der wohl am stärksten in der Tradition wiegt.

Vom Manichäismus trennt ihn aber streng,

Dass diese Schöpfung grundgut dargestellt wird.


Manch Denker glaubt, der Zoroastrismus fing

Als indoiranisch-vielgöttriges Werk an.

So schreibt zum Beispiel Yujin Nagasawa:

„Die alte Avesta lehrt keineswegs

Den Monotheismus, wie der Rest der Schriften.“

Im Gegenteil nennt Sayem diesen Glauben

Den ältesten Ein-Gott-Glauben dieser Welt.


Die Gläubigen sehn in Ahura Mazda

Den höchsten Gott, doch glauben sie zugleich

An niedre Wesen, Yazatas genannt

(Was „Wesen, die der Ehrung würdig“ meint),

Die Engeln abrahamitischer Art

In mancherlei Hinsicht sehr ähnlich sind.

Zu diesen zählen Anahita, Sraosha,

Mithra, Rashnu und Tishtrya auch.

Der Historiker Richard Foltz bewies,

Dass Menschen in vor-islamischer Zeit

All diese Götter eifrig angebetet,

Besonders Mithra und auch Anahita.


Prods Oktor Skjærvø nennt den Glauben frei

Henotheistisch, dualistisch auch,

Vielgöttrig, doch mit einem höchsten Gott,

Der Vater des geordneten Kosmos ist.

Brian Arthur Brown hält dies für unklar,

Weil Texte uns ein Widerspruchsbild zeigen,

Das schwankt von einem Gott zu zweien hin

Bis zum Henotheismus mit dem besten Gott.

Der Ökonom Mario Ferrero glaubt,

Dass durch den Druck von Wirtschaft und Politik

Der Wandel hin zum Monotheismus geschah.


Im neunzehnten Jahrhundert gab es dann,

Durch den Kontakt mit Geisteswissenschaft

Und Missionaren aus dem Abendland,

Ein großes theologisches Umbrechen,

Das bis auf diesen Tag die Denkart prägt.

Der Pfarrer John Wilson führte manchen Feldzug

In Indien gegen die Parsengemeinschaft,

Schalt ihren Dualismus, ihren Vielgottglauben

Und tadelte die Riten als unnütz,

Indem er sprach, die Schriften der Avesta

Sein keineswegs von Gottes Geist inspiriert.

Dies schuf Bestürzung in der Parsenschar,

Die damals wenig Bildung noch besaß;

Sie gab den Priestern Schuld, und manche Seelen

Bekehrten sich zum Christentum sodann.


Da kam der deutsche Forscher Martin Haug,

Ein Philologe, dem die Rettung glückte,

Indem er die Avesta kühn neu deutete,

Durch eine Brille, die europäisch-christlich geprägt.

Er stellte fest, der Zoroastrismus sei

Rein monotheistisch, und die andren Götter

Zu bloßen Engeln herabgestuft;

Ahura Mazda wurde allmächtig nun,

Zur Quelle sowohl des Guten wie des Bösen.

Haugs Denken wurde bald als parsisch-eigen

Verbreitet und bestätigte die These.

Die Idee ward so beliebt, dass man sie fast

Als allgemeines Dogma heute ehrt

(Obgleich die Wissenschaft sie neu bewertet).

Doch Almut Hintze wendet ein, dass diese

Bezeichnung Monotheismus nicht ganz passt;

Der Zoroastrismus habe seine eigne Form,

Die Dualismus und Vielgötterei vereint.

Farhang Mehr behauptet fest, er sei

Im Grunde monotheistisch mit dualem Zug.


Lenorant und Chevallier betonen ferner,

Dass Gottes Wesen Geist und Sein umfasst,

Als immanente Kräfte dieser Welt.

Sie sehn darin ein sich erschaffendes All,

Das mit Bewusstsein eigen ausgestattet,

Weshalb der Glaube pantheistisch sei,

Verwandt dem Hinduismus Indiens tief.


Es kennt der Zoroastrismus viele Klassen

An Götterwesen, die in Sphären wirken.


Die Klasse der Ahuras stammt direkt

Vom Asura-Begriff der Vorzeit ab,

Der indoiranischen Religion.

Im Rigveda sind die Asuras noch

Die älteren Götter, die das Urchaos

Der Welt beherrschten; Wesen wie

Der „Vater Asura“, Varuna und Mitra.


Ahura Mazda (auch Oromasdes genannt,

Ohrmazd, Ormazd, Ormusd, Hoormazd, Harzoo,

Hormazd oder Hurmz auf dieser Welt)

Ist Schöpfergott und höchster Herr im Glauben.

Er steht für das duale Götterpaar

Mitra-Varuna aus dem heil’gen Buch

Des indischen Rigveda, wie man weiß.


Gelehrte sagen, dass er unerschaffen,

Allwissend, allmächtig und gütig sei,

Der Geist- und Stoffwelt aus dem ew’gen Licht

Erschuf und Ashas kosmisches Gesetz erhält.

Er ist der erste Geist, den man im Yasna

Anruft; er steht ganz ohnegleichen da

Und herrscht erhaben über der Schöpfung Bau.

In der Avesta ist er der einz’ge wahre Gott,

Ein Bild des Guten, Lichts und der Wahrheit.

Er liegt im Streit mit Angra Mainyu, dem

Zerstörergeist des Bösen und der Lüge.

Des Bösen Ziel ist’s, Menschen wegzulocken

Von Gottes Pfad; doch ist das böse Wesen

Kein Werk von Gott, sondern ein freies Sein.

Der Glaube an den weisen Herrn, der als

Umfassende und einz’ge Gottheit gilt,

Ist das Fundament des Zoroastrismus selbst.


Der Gott namens Mitra (oder Mithra) war

Im Ursprung indoiranisch für den Bund,

Den Vertrag, das Bündnis und Versprechen da.

Man hält ihn für der Ehrung würdig ganz,

Und zeichnet ihn durch großen Reichtum aus.


Die Yazatas sind Wesen, die man ehrt

Durch Opfer und Gesang im Gottesdienst,

Genau wie es die Avesta beschreibt.

Das Wort stammt ab von Yazdan, was im Alten

Persischen Idiom das Wort für „Gott“ bedeutet.

Es heißt wörtlich: „Wesen, das der Ehrung

Und der Verehrung würdig ist.“

Als Konzept birgt es manch andre Deutung noch,

Obgleich es meist als Beiwort für Gott steht.


Mannigfach ist der Ursprung jener Schar,

Die auch als Götter im Hinduismus thronen

Oder in andren Reichen von Iran.

Im Glauben, wie man heute ihn versteht,

Sind Yazatas nur heil’ger Ausfluss Gottes,

Ihm stets ergeben, treu in jedem Werk,

Um prompt zu tun, was Gottes Wille heischt.

Als das Kalifat den alten Glauben drückte,

Ging man oft her und nannte „Engel“ sie,

Damit der Vorwurf, dass man Vielgottglaube

(Den Shirk) betreibe, klug entkräftet sei.


Es lehrt das Buch Avesta: Yazatas

Stehn Gott im Streit mit jener bösen Macht

Als Helfer bei; sie sind Hypostasen,

Verkörpernd geistig-physische Gestalt

Der Schöpfung. Als Gemeinschaft bilden sie

Die guten Mächte unter Gottes Hand;

Ahura Mazda selbst ist ihr Monarch

Und wird der größte Yazata genannt.


Man teilt die Yazatas noch weiter ein:

Die höchste Stufe sind Amesha Spentas,

Die niedren Wesen heißen Ham-kar dann,

„Kollaboratoren“ im göttlichen Dienst.

Auch Heilpflanzen, Geschöpfe aus der Urzeit,

Die Fravashis der Toten und Gebete,

Die selbst als heilig gelten, weben mit.


Anfang und Ende ist Ahura Mazda,

Der Schöpfer alles Sicht- und Unsichtbaren,

Das ewige, unerschaffne, reine Gute,

Aus dem das Recht der Welt, das Asha, quillt.

In Gathas, jenem allerheiligsten Buch,

Das Zarathustra selbst verfasst soll haben,

Bekannte er die allerhöchste Pflicht

Der Ehrung Gottes und der Wesen auch,

Die als Amesha Spentas ihn begleiten,

Und andrer Yazatas, die ihm dienen.


Daena (im Persischen als Din bekannt,

Was „das Gesehene“ im Ursprung meint)

Ist das Gewissen, jene Geisteskraft,

Durch deren Wahl das Asha in uns Menschen

Entweder stark wird oder matt verfällt.

Man glaubt, dass Manthras (die dem Mantra gleichen,

Das gläubige Hindus sprechen) Macht besitzen,

Als Träger des Gesetzes und der Schöpfung,

Das Gute schützend und das Böse schlagend.


Doch scheide Daena streng von Asha selbst!

Denn Asha ist die kosmische Struktur,

Die alles Sein regiert und tief durchdringt,

Und schon das Leben alter Stämme lenkte.

Für sie war Asha alles, was man sieht:

Der Sterne Lauf, die Bahn der Himmelskörper,

Der Wechsel der Gezeiten im Jahr,

Das Nomadendasein mit dem Vieh am Feld,

Das stur dem Takt von Tag und Nacht gehorcht.

Verstärkt wird es durch Wahrheit im Bericht

Und das Beschreiten des dreifachen Pfads.


Die Stoffwelt (Getig) wurde so geformt,

Dass sie nach Gottes großem Plan verläuft;

Und jeder Bruch der Ordnung (welcher Druj heißt)

War Frevel an der Schöpfung und an Gott.

Dies Ringen zwischen Asha und der Druj

Darf man indes mit westlich-christlichen Rastern

Von Gut und Böse nicht gleichsetzen;

Denn obgleich beide Moralkämpfe spiegeln,

Ist dieses Ringen sachlicher Natur:

Es meint das Chaos, das die Ordnung stört,

Das Nicht-Sein, das als Fäulnis sich zeigt,

Oder die Lüge, die das Wahre bricht.

Als Schöpfer aller Dinge schuf Gott nicht

Die Druj; sie ist das Nichts, die Gegen-Schöpfung,

Gleichfalls ungezeugt – sie bildete

Sich als Antithese rein durch freie Wahl.


In diesem Plan von Ordnung gegen Trug

Spielt das sterbliche Wesen (Mensch und Tier)

Die größte Rolle; denn auch sie sind Schöpfung.

In ihrem Leben kämpfen sie aktiv;

Es ist die Pflicht des Geists, das Recht zu schützen,

Das ohne Gegenwehr an Kraft verliert.

Zoroaster preist das Wirken in der Welt;

Extreme Askese wird im Glauben ungern

Gesehen, nur das rechte Maß erlaubt.


Humata, Huxta und Huvarshta auch

(Gut Denken, Reden und gut Handeln stets)

Bilden das Herzstück dieses weisen Pfads,

Besonders für die Gläubigen der Neuzeit.

Das Gute blüht für den, der Gutes tut

Um seiner selbst willen, nicht nach Lohn geizend.

Wer Böses tut, den hat die Druj verwirrt;

Er muss sich selbst zurück nach Asha wenden,

Indem er diesem dreifachen Pfade folgt.

Groß geschrieben steht das Spenden auch,

Das Glück verbreitet, und die Gleichheit glänzt

Zwischen dem Mann und Weib im Geistesdienst.


Der Kern des Glaubens ist die freie Wahl:

Dass man die Pflicht des Erdenlebens wählt

Oder sie bricht und so der Druj verfällt.

Vorherbestimmung lehrt der Glaube nicht;

Der freie Wille ist das Fundament,

Den selbst die Himmelswesen rein besitzen.

Der Mensch trägt selbst die Schuld für sein Geschick

Und für die Art, wie er dem Nächsten naht.

Lohn, Strafe, Glück und Trauer hängen nur

Davon ab, wie ein Mensch sein Leben führt.


Das Leben gilt als flüchtige Station,

In der man kämpft für Ordnung gegen Trug.

Bevor die Seele (Urvan) fleischlich wird,

Ist sie mit der Fravashi noch vereint –

Dem höheren Geist, der schon im Urbeginn

Von Gott geschaffen wurde mit der Welt.

Bevor die Seele weicht, hilft die Fravashi,

Die Schöpfung unter Gottes Hand zu wahren.

Im Erdenleben dient sie uns als Quelle

Für gutes Tun und als ein Schutzgeist auch.

Die Ahnengeister, Helden der Kultur,

Die aus erlauchten Bluten einst entsprangen,

Verehrt man tief; man ruft sie gern herbei.


Das ethische Wirken durch die Tat,

Die aus gutem Denken und gutem Wort erwächst,

Hält Chaos fern und sichert uns das Glück.

Dies Wirken ist der Kern des freien Willens.

Die Religion lehrt keine Wiederkehr

Der Seele; nur die Schar Ilm-e-Kshnoom

In Indien glaubt an Reinkarnation

Und lebt zudem strikt vegetarisch dort.


Weil dieser Glaube die Natur beschützt,

Nennt mancher ihn die erste Ökologie

Auf Erden. Die Avesta fordert streng,

Dass Wasser, Erde, Luft und auch das Feuer

Beschützt sein sollen. Jene Yazatas

Zu ehren, heißt, Natur bewahren.

Doch schränkte sich dies Recht auf Wesen ein,

Die Ausfluss Ashas sind; die frühe Schar

Musste die „bösen“ Tierarten vertilgen –

Ein Brauch, den man im Heute nicht mehr kennt.

Auch gab es Worte für den Pflanzenfraß,

Und mancher glaubt, der Seher selbst aß fleischlos.


Nicht einheitlich ist dieser Glaube stets;

Es prägten Zeit und Moderne stark

Den Glauben, Ritus und den Wortbestand.

Das höchste Ziel des Zoroastriers bleibt,

Ein Meister Ashas (Ashavan) zu werden,

Glück in die Welt zu tragen und im Streit

Des Kosmos gegen das Verderben aufzustehn.


Es herrscht ein einz’ger, weiser Schöpfergott:

Ahura Mazda (wobei Ahura Herr,

Und Mazda Weisheit im Avestischen meint).

Zoroaster trennt die beiden Attribute

In Gathas meist, doch gießt er sie auch eins.

Er lehrt, dass Gott allwissend sei, jedoch

Nicht allmächtig. Gott weilt obenan

In Licht und Güte; Angra Mainyu aber

(Den spätre Schriften Ahriman benennen)

Haust unten in der Nacht und Unwissenheit.

Sie existieren frei von Ewigkeit,

Verkörpern Stoffe, die sich feindlich stehn.


Gott wirkt durch die Amesha Spentas treu

Und andre Ahuras, die ihn begleiten.

Sie schützen Aspekte dieser Welt

Und das ideale Wesen unsrer Pflicht.

Gott wohnt im Menschen inne und berührt

Die Schöpfung durch die heil’gen Wesenheiten.

Ihm hilft der Yazatas unzählige Schar;

Ein jeder ist Hypostase der Welt.

Asha ist die Kraft, die Gott entströmt,

Das Gegenbild des Chaos und der Druj,

Die Lüge meint und aus dem Bösen quillt.


Der Kampf erfasst die Geistes- und Stoffwelt,

Und mittendrin steht aktiv unsre Rasse.

Der Geist des Guten (Spenta Mainyu) führt

Für Asha diesen großen Streit an sich.

Gott schuf die sichtbare und feste Welt,

Um darin klug das Böse einzufangen.

Das eiförmige All schuf er in Teilen:

Zuerst das Geistige (Menog), dreitausend Jahre

Danach das Stoffliche (Getig). Und zuletzt

Schuf er Gayomard, den idealen Menschen,

Und Gavaevodata, das erste Rind.


Gott schuf das Weltall und das Menschenvolk;

Doch Angra Mainyu, dessen Wesen bloß

Zerstörung ist, erschuf im Gegenzug

Dämonen, böse Daevas, grause Brut (Khrafstar):

Die Schlangen, Ameisen und Fliegen auch.

Für jedes gute Wesen formte er

Ein böses Gegenbild – nur für den Menschen,

Da fand er kein Äquivalent, das glich.


Durch des Himmels Grund brach Angra Mainyu ein;

Er schlug den Urmensch Gayomard und auch

Das Rind mit herben Schmerzen und dem Tod.

Doch saßen jene bösen Mächte nun

Gefangen im Universum, ohne Flucht.

Der sterbende Urmensch und das Ur-Rind stießen

Samen aus, den Mah, der Mond, beschützte.

Aus dem Rindersamen wuchsen alle Pflanzen

Und guten Tiere, die die Welt erfreuen;

Aus dem Samenkorn des Menschen spross ein Kraut,

Dessen Blätter das erste Menschenpaar gebaren.


So kämpft der Mensch im zweigeteilten All,

Im Stoff- und Geistesreich gefangen fest,

Im langen Streit mit dem Verderbergeist.

Das Böse dieser physischen Natur

Ist nicht das Produkt von eigner Schwäche,

Es ist die Schuld von Angra Mainyus Sturm.

Der Angriff wandte diese flache Welt,

Die friedlich war und stets vom Licht erhellt,

In einen rauen, bergreichen Ort,

Der nun zur Hälfte finstre Nacht besitzt.


Nach der Kosmologie hat Gott das Wort

Ahuna-Vairya laut herausgesagt,

Womit der Sieg des Guten über ihn

Schon damals sonnenklar bewiesen war.

Ahura Mazda wird am Ende siegen,

Und dann erfährt die Wirklichkeit im All

Die große Erneuerung (Frashokereti);

Die Zeit, die abgegrenzt war, findet Schluss.

In jener End-Erneuerung wird die Schöpfung –

Selbst jene Seelen, die verbannt im Dunkeln

Oder freiwillig dorthin abgestiegen –

Vereint mit Gott im Reiche Kshatra Vairya

(Was „beste Herrschaft“ im Geiste meint),

Um auferstehend unsterblich zu sein.


Die Kosmographie, die uns den Bau des Alls

In Schriften und Theologie beschreibt,

Trennt das Universum erst in Erd' und Himmel.

Der Himmel selbst besteht aus dreierlei:

Der tiefste Teil ist jener, wo man fest

Die Sterne findet; in der Mitte liegt

Das Reich des Mondes; und der ob’re Teil

Gehört der Sonne, unerreichbar ganz

Für Ahrimans zerstörerische Hand.

Noch höher über dieser Himmelsdecke

Liegt die Region der Endlosen Lichter,

Die Throne Gottes und der Lichtgestalten.


Dies war der Rahmen der Avesta-Texte;

Doch spätere Literatur erfand hinzu

Noch weitre Schichten für den tiefsten Himmel,

Sass man auf sechs bis sieben Lagen kam.

Die Erde selbst besaß drei Hauptgebirge:

Den Berg Hukairiia, auf dessen Spitze

Der Stern Sadwes die Kreise drehend zieht;

Den Berg Haraiti, auf dessen Gipfel

Die Sonne und der Mond die Bahnen lenken;

Der größte aber war der Hara Barez:

Sein Haupt lag mitten in der Erde Zentrum,

Der erste einer Kette, die im Kreis

Aus zweitausendzweihundertvierundvierzig

Bergen rings die ganze Erde gürtet.


Die Planeten kannten frühe Quellen nicht;

Sie traten erst im Mittelpersischen

In dieses Glaubens Denken ein als Teufel

Und nahmen Namen von Dämonen an:

Anahid (Venus), Tir für den Merkur,

Wahram (der Mars), Ohrmazd (der Jupiter)

Und Kewan, der den Saturnus meint.


Das Einzelgericht beim Tod vollzieht sich stets

An der Chinvat-Brücke (was die Brücke

Des Urteils oder auch der Wahl benennt),

Die jeder Mensch betreten muss, um dort

Ein geistiges Gericht zu schaun. Die Neuzeit

Ist uneins drüber, ob dies bloß die Wahl

Im Erdenleben meint – ob Gut, ob Böse –

Oder ein jenseitiger Ort real.

Des Menschen Taten aus dem freien Willen

Bestimmen das Resultat am Ende ganz.


Es richtet die Seele – so die Tradition –

Das Yazata-Trio: Mithra, Sraosha, Rashnu.

Je nach dem Urteil wird man dort begrüßt

Von einer holden, süß-parfümierten Maid

Oder von einer alten, hässlichen Hex',

Die seine Daena spiegelt, wie die Taten

Im Erdenleben sie geformt sodann.

Die Maid führt den Toten sicher über die Brücke,

Die breit und lieblich für den Gerechten wird,

Geradewegs zum Haus des Liedes hin.

Die Hexe führt den Toten abwärts dann;

Die Brücke verengt sich bis zur Messerschneide,

Ganz voller Gestank, bis der Entseelte stürzt

Tief in den Abgrund, hin zum Haus der Lüge.

Wer Gutes und auch Böses gleich besitzt,

Kommt nach Hamistagan, ein Zwischenreich,

Das im Dadestan-i Denig steht.


Das Haus der Lüge gilt als temporär

Und zur Besserung; die Strafe passt zur Tat,

Und Seelen ruhn nicht in ew’ger Verdammnis.

Die Hölle birgt Gestank und böse Speise,

Erstickendes Dunkel, und die Seelen hocken

Gepresst beisammen – obgleich jede glaubt,

Dass sie in totaler Einsamkeit verweilt.


In alter Eschatologie wird nun

Ein dreitausendjähr’ger Kampf geführt,

Der mit dem letzten Sturm des Bösen endet.

Bei diesem Sturm verfinstern Sonn' und Mond,

Die Menschheit bricht die Ehrfurcht vor Glauben,

Vor der Familie und den Älteren.

Die Welt versinkt im Winter, und das Scheusal

Aus Ahrimans Gefolge, Azi Dahaka,

Bricht seine Ketten und erschreckt das All.


Die Sage kündet, dass der letzte Retter,

Der Saoshyant, von einer Jungfrau wird

Geboren werden, die im See sich wusch

Und dort empfing aus Zarathustras Samen.

Der Saoshyant erweckt die Toten all –

Aus allen Jenseitsreichen – zum Gericht.

Die Bösen schickt er in die Hölle rückwärts,

Damit sie von der Sünd’ des Fleischs gereinigt werden.

Danach waten sie alle durch einen Fluss

Aus geschmolzenem Metall; den Gerechten brennt

Es nicht, doch den Unreinen wäscht es rein.


Die Mächte des Guten siegen über das Böse,

Das für alle Zeiten ohnmächtig wird,

Jedoch nicht ganz vernichtet. Der Saoshyant

Und Gott opfern ein Rind zum letzten Mal

Für alle Zeit; der Mensch wird unsterblich.

Die Berge flachen ab, die Täler steigen;

Das Haus des Liedes sinkt zum Monde nieder,

Die Erde steigt empor, um sie zu treffen.

Zwei Gerichte braucht der Mensch, weil er

Zwei Aspekte hat: Geist (Menog) und Stoff (Getig).


Durch die Geschichte waren Kulte, Tempel

Der Fokus für Gebet und Pilgerschaft.

Vom fünften Vorchristjahrhundert weiß man,

Dass frühe Zoroastrier auf Hügeln

Das Feuer zündeten unterm freien Himmel.

Mit dem Achämenidenreich entstanden

Die Tempelhäuser in der weiten Welt;

Sie stärkten Mithra, Anahita auch,

Verethragna und Tishtrya im Volk,

Die alle Hymnen in der Avesta haben.

Heute bilden die Feuertempel fest

Das Zentrum für die Schar; verschied’ne Grade

An heil’gem Feuer hütet dort der Klerus.


Kulturelle und lokale Riten mischen

Sich oft hinein; Traditionen blieben wach

In alten Zirkeln: Kräuterheilkunde,

Die Hochzeitsbräuche und dergleichen mehr.

Auch schamanische Züge gab es einstens,

Geistreisen in das unsichtbare Reich,

Wobei man Wein, das Haoma und auch Mang

Als rituelle Hilfsmittel trank.


Die Reinigung mit Wasser (Aban) und

Mit Feuer (Atar) gilt als Fundament

Des rituellen Lebens, wie Robotika

Berichtet. Manche Gruppen praktizieren

Die rituelle Aussetzung der Toten –

Zumeist im indischen Subkontinent,

Wo es erlaubt ist und wo Geier leben.

Die Leiche gilt als Herd für Fäulnis (Druj);

Die Schrift gebietet, dass man sie entfernt,

Damit sie Gottes Schöpfung nicht befleckt.

Türme des Schweigens nennt man diese Stätten.


Der Kernritus des Glaubens ist die Yasna:

Ein Rezitieren aus dem Buch der Avesta,

Verbunden mit dem Haoma-Opferbrauch.

Erweiterungen sind durch Visperad

Und Vendidad wohl möglich, doch im Heute

Sind solche langen Riten selten worden.

Die Yasna stammt vom indoiranischen Tieropfer ab,

Das im Buch Avesta steht;

Es lebt noch fort in stark reduzierter Form,

Als Fettopfer vor den Mahlzeiten.

Die hohen Riten stehn den Mobads zu;

Gebete für den Einzelnen und die Gemeinde

Enthält das Buch der Khordeh Avesta.


Man nimmt den Zoroastrier auf im Glauben

Durch die Zeremonie Navjote (oder auch

Sedreh Pushi genannt), die man zumeist

Im Kindesalter oder vor der Jugend feiert.

Danach trägt man das Sedreh (Ritualhemd)

Und auch das Kushti (den geweihten Gürtel)

Als Schutz und geistliche Erinnerung täglich;

Reformer tragen sie nur bei Festen noch.


Man hält die fünf Gebete an den Gahs am Tag

Und feiert die Feste im Kalenderjahr,

Die von Gemeinde zu Gemeinde schwanken.

Die Manthras betet man mit ausgestreckten

Händen, wie es der Seher einstens tat;

Sie rufen bittend Gott an und besitzen

Die Kraft, das Böse aus der Welt zu jagen.

Fromme Zoroastrier bedecken stets

Das Haupt beim Beten mit der Topi-Kappe,

Mit Tüchern oder auch mit bloßen Händen.

Doch Ganzkörper-Verschleierung, wie sie

Im Islam Brauch ist, kennt der Glaube nicht;

Zoroastrierinnen im Iran tragen das Tuch

So, dass man Haar und Gesicht gut sehen kann,

Um den Gesetzen des Regimes zu trotzen.


Die Avesta ist die Sammlung jener Schriften

Im alten Dialekt, dem Avestischen.

Die Chronik der Texte wird in Pahlavi-Büchern

Mit wechselnder Autorität bedacht;

Die heut’ge Fassung stammt im Ältesten

Aus den Epochen des Sasanidenreichs.

Sie ward zu ganz verschied’nen Zeiten verfasst,

Ein Spiegelbild des Wandels für die Forscher.


Die mittelpersische Tradition berichtet,

Dass Gott einstmals einundzwanzig Nasks

Der Ur-Avesta schuf, die Zarathustra

Dem König Vishtaspa treu überbrachte.

Zwei Abschriften wurden gefertigt dort:

Die eine lag im Reichsarchiv verwahrt,

Die andre in der kaiserlichen Schatzkammer.

Als Alexander Persien über rannte,

Verbrannte die Avesta (die geschrieben

Auf zwölfhundert Ochsenhäuten stand).

Die Wissenschaftsteile, die die Griechen nutzten,

Verteilten sie sodann unter sich selbst.

Historisch fest bewiesen ist dies nicht;

Es bleibt umstritten in der Wissenschaft,

Obgleich Berichte wie das Denkart, das

Tansar-nama, Arday Wiraz Namag, Bundahsin

Und Zand-i Wahman yasn es fest behaupten.


Es kündet die Tradition, dass unter König

Valax (den man Vologases nennt, aus dem

Geschlecht der Arsakiden) der Versuch

Unternommen ward, das Gut der Avesta

In treuer Sammlerarbeit neu zu bergen.

Im Reiche der Sasaniden gab sodann

Ardeshir dem Hohepriester Tansar prompt

Den Auftrag, das begonn’ne Werk von König

Valax zu Ende zu führen. Shapur schickte

Die Priester aus, um jene wissenschaftlichen

Fragmente der Avesta aufzuspüren,

Die im Besitz der Griechen damals waren.


Und unter Shapur dem Zweiten hat sodann

Arderbad Mahrespandand den Kanon kühn

Revidiert, um Orthodoxie zu wahren,

Während unter Khosrow dem Ersten man

Das Buch Avesta ins Pahlavi übersetzte.


Die Sammlung der Avesta lässt sich fest

Und maßgeblich aufs Sasanidenreich

Zurückverfolgen; doch nur Fragmente

Sind uns geblieben, wenn das mittelpersische

Schrifttum die Wahrheit spricht. Die späten Texte,

Die Handschriften, die uns im Heute leuchten,

Stammen aus Zeiten nach dem Untergang

Des Sasanidenreichs; das jüngste Buch

Datiert auf zwölftundachtundachtzig nach

Der Zeitenwende – fünfhundertneunzig Jahre

Nachdem das Sasanidenreich zerfiel.


Die Texte, die im Heute uns noch bleiben,

Sind Gathas, Yasna, Visperad und auch

Das Vendidad, obschon das letzt’re Buch

Im Glauben selbst bis heute strittig bleibt.

Dazu gesellt sich das Gebetbuch für

Den Einzelnen, die Feier und Gemeinde:

Die Khordeh Avesta, die die Yashts

Und andre wichtige Gesänge, Riten

Und Bitten birgt. Den Rest der alten Stoffe

Nennt man „Avestische Fragmente“ bloß,

Weil sie unvollständig im Dialekt,

Zudem von unbekannter Herkunft sind.


Die Werke aus dem neunten und zehnten Säkulum,

In Mittelpersisch und Pahlavi verfasst,

Enthalten viele Bücher über Religion,

Weil Schreiber und Kopisten meist zum Stand

Des zoroastrischen Klerus selbst gehörten.

Die wichtigsten und größten Bücher jener Zeit

Sind Denkard, Bundahishn, Menog-i Khrad,

Die Auswahl Zadsprams, das Jamasp Namag,

Manuchers Briefe, die Rivayats auch,

Das Dadestan-i-Denig, Arda Viraf Namag.


Doch der Status dieser Schriften als Gesetz

Und ihre Autorität im Glaubenskreis

Sind unter Zoroastrieren sehr umstritten.

Schon John Hinnells deutete darauf hin:

Die meisten Perser betonen heute strikt

Die Autorität der offenbarten Gathas,

Statt jener späten Pahlavi-Texte, die

Von orthodoxen Parsen hoch geschätzt.


Gegründet wurde diese Religion

Durch Zarathustra im alten Perserland.

Das exakte Gründungsdatum bleibt im Dunkeln;

Die Schätzungen schwanken wild im Lauf der Zeit

Vom zweiten Jahrtausend vor der Zeitenwende

Bis „zweihundert Jahre vor dem Alexander“.

Geboren ward er im Nordosten Irans

Oder im Südwesten von Afghanistan,

Hinein in eine vielgöttrige Kultur,

Die exzessive Tieropfer betrieb

Und Rauschgetränke bei den Riten nutzte.


Sein Leben ward zutiefst geprägt vom Drang

Seines Volks, nach Frieden und Stabilität

Zu suchen, da Bestürzung, Raub und Streit

Und ständige Konflikte drohten dort.

Geburt und frühes Leben sind nur spärlich

Dokumentiert, doch spätere Literatur

Hat viel darüber fabelnd spekuliert.

Was sicher ist, berichten uns die Gathas,

Die das Kernstück der Avesta bilden –

Gesänge, die der Seher selbst verfasst.

Geboren im Clan der Spitama, nennt er

Sich selbst ein' Dichter-Priester und Prophet.

Er hatte eine Frau, drei Söhne und

Drei Töchter, wie man aus den Texten weiß.


Zoroaster wies die Götter der Bronzezeit

Und ihre drückende Struktur zurück,

In der die Kavis und die Karapans

(Die Fürsten und die Priester) grausam herrschten

Über das einfache Volk. Er stritt auch gegen

Das rohe Tieropfer und den Missbrauch

Der Pflanze Haoma, die berauschend wirkt

(Man glaubt, es war Meerträubchen oder Steppenraute),

Doch konnt' er beide Bräuche nicht ganz dämmen,

Solange nur das rechte Maß regierte.


Es kündet die Legende späterer Zeit:

Als Zarathustra dreißig Jahre war,

Ging er zum Fluss Daiti hin, um Wasser

Für eine Haoma-Feier frisch zu schöpfen.

Als er dem Nass entstieg, empfing er prompt

Die Vision des Vohu Manah vor den Augen.

Danach führt' Vohu Manah ihn empor

Zu jenen andren sechs Amesha Spentas,

Wo seine Vision die Vollendung fand.


Dies Schauen wandelte sein Weltbild ganz;

Er suchte diese Sicht den Menschen weisend

Zu lehren. Er glaubte an den einen Schöpfer

Und pries des Schöpfers heil’ge Lichtgestalten

Und andre Götter, die er Ahuras nannte.

Die Daevas aber, Götter alter Zeit

(Vom Worte her den Devas Indiens gleich),

Schienen an Krieg und Hader sich zu weiden;

Er d verdammte sie als böse Diener

Von Angra Mainyu im kosmischen Streit.

Doch seine Ideen zündeten nicht schnell;

Am Anfang fand er nur ein' einz’gen Geist,

Der konvertierte: seinen Vetter Maidhyoimanha.


Die Zypresse von Kaschmar ist ein Baum

Von Fabelgröß‘ und legendärer Schöne.

Man sagt, sie spross aus einem kleinen Zweig,

Den Zarathustra aus dem Paradies

Mitbrachte; sie stand im heutigen Kaschmar

Im Nordosten Irans, gepflanzt vom Seher selbst,

Zu Ehren dessen, dass König Vishtaspa

Sich zum zoroastrischen Glauben einst bekannte.


Der Chronist Zakariya al-Qazwini

Berichtet, dass Vishtaspa Schutzherr war

Des Sehers, und den Baum gepflanzt hat.

In seinem Werk beschreibt er ausführlich,

Wie der Abbasiden-Kalif Al-Mutawakkil

Im Jahre zweihundertsiebenundvierzig nach

Der Hedschra (681 n. Chr.)

Die mächtige Zypresse fällen ließ,

Um sie durch ganz Iran transportieren

Zu lassen, für die Balken seines Palasts

Im fernen Samarra. Er wollte gern,

Dass man den Baum vor seinen Augen baute.


Dies tat er trotz des Protests der Iraner,

Die eine große Summe Geld geboten,

Um den geliebten Riesenbaum zu retten.

Al-Mutawakkil sah die Zypresse nie,

Weil ihn ein türkischer Soldat ermordete

In jener Nacht, als sie am Tigrisufer ankam.


Der Feuertempel zu Kaschmar war der erste,

Den König Vishtaspa auf den Wunsch

Des Sehers baute. In dem Schahname

Des Dichters Ferdowsi wird die Kunde

Vom Finden Zarathustras treu berichtet:

Nachdem Vishtaspa diesen Glauben annahm,

Schickt' er die Priester in das ganze All,

Damit das Licht in Tempelkuppeln brenne.

Der erste war Adur Burzen-Mihr,

Gegründet in Kaschmar; vor seinen Toren

Pflanzt' er den Baum als Symbol des Bundes,

Dass man die gute Bahi-Religion

Angenommen habe. Er sandte Priester aus,

Gebietend allen edlen Männern, Frauen,

An diesem Ort der Andacht zu erscheinen.


Nach der Inschrift von Paikuli war

Kaschmar im Sasanidenreich ein Teil

Von Groß-Chorasan; und die Herrscher mühten

Sich redlich ab, den alten Glauben neu

Zu beleben. Reste stehn noch heute

Ein paar Kilometer oberhalb der Stadt

Im alten Burgenkomplex Atashgah.


Die Wurzeln dieses Glaubens liegen tief

Im prähistorisch-indoiranischen

Religionssystem, das im zweiten Jahrtausend

Vor unsrer Zeitrechnung im Osten blühte.

Der Seher Zarathustra, den man einstens

Aufs sechste Vorchristjahrhundert datiert',

Gilt heute vielen Forschern als Reformer

Der vielgöttrigen Religion der Perser,

Der deutlich früher lebte – in der Mitte

Oder der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends.


Die Tradition nennt Airyanem Vaejah

Als Heimat Zarathustras und als Wiege

Der Religion. Man weiß bis heute nicht,

Wo diese Stätte lag; doch Chwarezmien

Gilt manchem Forscher als Kandidat.

Fest etabliert war dieser Glaube erst

Jahrhunderte danach, in jener Epoche,

Die man als die Jüngere Avesta kennt.

Damals zentrierte sich die Schar im Osten

Des Großen Iran. Obschon die Chronologie

Der Avesta-Zeit umstritten bleibt,

Zeigt das Fehlen persischer und medischer Spuren,

Dass jene Zeit wohl in die erste Hälfte

Des ersten Vorchristjahrtausends fällt.


Im fünften Vorchristjahrhundert betritt

Der Zoroastrismus die geschrieb’ne Chronik.

In Herodots Historien (vollendet um

Vierhundertvierzig vor der Zeitenwende)

Findet sich eine Schilderung des Volks,

Die zoroastrische Züge deutlich zeigt –

Darunter auch das Aussetzen der Toten.


Dies Werk ist uns die Hauptquelle der Kunde

Über die frühe Achämenidenzeit

(Sechshundertachtundvierzig bis dreihundertdreißig),

Besonders über die Rolle der Magier.

Laut Herodot war dies der sechste Stamm

Der Meder (bis zur Einung des Reichs

Durch Cyrus nannten Völker alter Welt

Die Iraner allesamt nur „Meder“ oder „Mada“).

Sie hatten großen Einfluss an den Höfen.


Nach der Einung der beiden Reiche dann,

Im Jahre fünfhundertfünfzig, schränkte Cyrus

Und später sein Sohn Kambyses die Macht

Der Magier ein, weil sie nach Einflussverlust

Versuchten, Zwietracht im Land zu säen.

Im Jahre fünfundzwanzig meuterten

Die Magier und stellten einen Thronprätendenten auf.

Der Usurpator gab sich für Smerdis aus,

Den jüng’ren Sohn von Cyrus, und ergriff

Die Macht im Reich. Durch die Tyrannei

Kambyses’ und sein langes Fehlen in Ägypten

Nahm das ganze Volk – Meder, Perser und

Die andren Nationen – den Betrüger an,

Weil er drei Jahre Steuererlass gewährte.


Darius der Erste und die spätr’en Herrscher

Bekannten ihre Pflicht Ahura Mazda gegenüber

In Inschriften; dies zeigt die Behistun-Inschrift

Mehrfach, und sie pflegten das Modell

Koexistenz mit andren Religionen.

Ob Darius ein Schüler Zarathustras war,

Ist nicht bewiesen, da es kein Indiz

Dafür gibt, dass der Dienst für diesen Gott

Exklusiv zoroastrisch war zu jener Zeit.


Es kündet die Legende (im Denkard und

Im Buch des Arda Viraf), dass viele Texte

Verloren gingen, als Alexanders Heer

In Persepolis einfiel und die kaiserliche

Bibliothek zerstörte. Diodors Bericht,

Vollendet um das Jahr sechzig vor Christus,

Scheint diese alte Klage zu bestätigen.

Archäologen fanden an den Resten

Des Palasts von Xerxes Spuren von dem Brand.

Ob jene Sammlung heil’ger Schriften wirklich

Auf Pergament mit gold’ner Tinte stand,

Wie es das Denkard rühmt, bleibt Spekulation.


Alexanders Siege drängten den Glauben ab,

Der Hellenismus trat an seine Stelle;

Doch praktiziert' man die Religion noch lang

Nach dem Sturz der Achämeniden im Kernland

Und den Provinzen des verfall’nen Reichs –

Vor allem in Anatolien, Mesopotamien

Und im Kaukasus. Im Reich Kappadozien,

Das einstens achämenidisch war, bewahrten

Die persischen Kolonisten, abgeschnitten

Von ihren Brüdern in Iran, den Glauben

Der Väter treu; und Strabo sah im ersten

Jahrhundert vor der Zeitenwende dort,

Dass diese „Feueranzünder“ noch viele

Heil’ge Stätten persischer Götter hatten,

Wie auch Feuertempel. Strabo schreibt zudem:

„Es waren bemerkenswerte Bezirke; inmitten

Steht ein Altar, auf dem viel Asche liegt,

Wo Magier das Feuer ewig hüten.“

Erst mit dem Ende des Partherreichs sodann

(Zweihundertsiebenundvierzig vor bis zweihundertvierundzwanzig

Nach Christus) fand der Zoroastrismus wieder

Erneuertes Interesse im Iran.


Es war im späten Altertum der Glaube,

Dass in den Landen Armeniens fürwahr

Der Zoroastrismus herrschend stark verblieb.

Die Sasaniden bauten eifrig aus,

Fördierten streng des Zurvanismus Form

Und setzten Feuertempel in das Land,

Das sie erobert, um den Gott zu preisen.

Auch im Kaukasus, den sie beherrschten,

War ihre Missionierung von Erfolg.


Doch weil das Christentum mit Rom verknüpft,

Dem alten Erzrivalen jener Tage,

Sah man die Christen mit Verdacht und Sorge.

Seit Constantin dem Großen gab es oft

Verfolgungen im Reich der Sasaniden.

Im Jahr vierhunderteinundfünfzig kam

Es zum Konflikt, zur Schlacht von Avarayr,

Worauf Armenien mit Rom ganz brach.

Die Kirche des Ostens aber tolerierte

Der Sasanide oft und schützte sie.


Als Georgien das Christentum empfing,

Begann der alte Glaube dort zu weichen,

Obgleich er noch im fünften Säkulum

Als eine Art von zweiter Staatsreligion

Weit praktiziert und hoch gehalten wurde.


Die Sasaniden teilten treu das Volk,

Ganz im Sinne der zoroastrischen Lehre,

In vier feste Kasten streng ein.


Im siebten Säkulum ward das Sasanidenreich

In zweiundzwanzig Jahren wilder Stürme

Vom jungen Kalifat der Muslime fast

Ganz unterworfen und hinweggerafft.

Die Verwaltung ward zwar rasch islamisiert,

Doch gab es anfangs wenig harten Druck,

Den neuen Glauben sofort anzunehmen.


Weil ihre Zahl so riesig war, beschloss man,

Die Zoroastrier als Dhimmis einzustufen

(Obgleich man diesen Status oft bestritt),

Was ihnen Schutz und Lebensrecht verhieß.

Die Juristen des Islams lehrten zwar,

Dass nur Muslime völlig moralisch seien,

Doch Ungläubige ließ man in ihrer Sünde,

Solang sie die Herrscher nicht erzürnten.

War der Krieg vorbei und der Vertrag geschlossen,

Schützten die Araber das Volk für Tribut.


Das Steuersystem der Sasaniden blieb:

Die Grundsteuer für jene, die Land besaßen,

Und die Kopfsteuer, die man Dschizya nennt,

Erhoben von den Dhimmis im Bezirk.

Mit der Zeit ward diese Steuer zum Werkzeug,

Um Nicht-Muslime demütig zu halten;

Gesetze schränkten ihre Rechte ein,

Um den niederen Status zu betonen.

Unter den ersten rechtgeleiteten Kalifen,

Solang das Volk die Steuern treu bezahlte,

Ließ man sie meist in Glaube und im Land.


Unter der Herrschaft der Abbasiden dann

Zeigten muslimische Perser (nun die Mehrheit)

Oft harten Geist und Grausamkeit im Alltag.

Im neunten Säkulum ward jene Zypresse

In Chorasan, die Zarathustra selbst

Gepflanzt haben soll, erbarmungslos gefällt,

Um Balken für den Palast in Bagdad zu liefern –

Zweitausend Meilen weit transportiert.


Im zehnten Säkulum, als man mit Müh'

Und großen Kosten einen Turm des Schweigens

Vollendet hatte, stieg ein Muslim drauf,

Um laut den Adhan von den Mauern zu rufen.

Dies nahm man prompt zum Vorwand jener Tage,

Das Bauwerk für den Staat zu annektieren.


Der Gehrte Al-Biruni fand nur wenig

Urkunden über das Volk von Chwarezmien,

Weil Qutayba ibn Muslim damals dort

All jene auslöschte und ganz vernichtete,

Die schreiben, lesen, forschen konnten dort.

So liegt die Urzeit dieses fernen Lands

Im tiefen Dunkel vor unsrer Geschichtsschreibung.


Obgleich bedrückt von Schikane und Last,

Hielten viele Zoroastrier an den Sitten fest.

Doch der soziale und wirtschaftliche Druck,

Zum neuen Glauben überzutreten, wuchs.

Der Adel und die Bürger wichen zuerst;

Beim Landvolk ging die Wandlung deutlich langsamer.

Macht und Gewinn lagen nun beim Islam,

Und obgleich die Politik Verachtung zeigte,

Gab es Muslime, die mit jedem Mittel

Die Menschen zum Übertritt drängten.


Mit der Zeit entstand eine feine Legende,

Die den Islam als persisch erscheinen ließ:

Man erzählte, dass Husain, der Sohn von Ali

Und Enkel des Propheten Muhammad, einst

Die Sasaniden-Prinzessin Shahrbanu,

Die gefangen war, zur Ehefrau nahm.


Diese gänzlich fiktive Gestalt, so hieß es,

Gabar dem Husain einen Sohn, den vierten Imam,

Der betonte, dass das Kalifat von Recht wegen

Ihm und seinen Nachkommen zustünde.

Diese angebliche Ahnenlinie glich

Den arabischen Nationalismus wieder aus.

So stand, wie Mary Boyce beschrieb, nicht länger

Der Zoroastrier allein für die Treue zur Heimat.

Die Klage, dass der Übertritt unpersisch sei,

Blieb fortan nur in zoroastrischen Texten.


Mit Hilfe der Perser stürzten die Abbasiden

Die Umayyaden im Jahre siebenhundertfünfzig.

Im neuen Kalifat, das nominell bis

Zwölfundachtundfünfzig dauerte, erfuhren

Muslimische Perser Gunst und hohe Ehren.

Dies minderte den Hass zwischen den Völkern,

Doch schärfte es die Trennung der Religionen.

Die Abbasiden verfolgten Ketzer eifrig,

Was auch das Klima für die Dhimmis härtete.


Trotz aller Anreize zur Konversion

Blieb der Zoroastrismus in Regionen stark,

Die fern von Bagdads Machtzentrum lagen.

In Buchara im heutigen Usbekistan

Musste der Feldherr Qutaiba im neunten

Jahrhundert die Provinz viermal bekehren,

Weil die Bürger stets zum alten Glauben treu

Zurückkehrten. Zuletzt macht' er das Leben

Ihnen schwer und wandelte den Tempel

In eine Moschee; er zahlte jedem Bürger

Zwei Dirham für den Freitagsgottesdienst.


Die Städte mit arabischen Gouverneuren

Waren verwundbar; den Zoroastrieren blieb

Oft nur die Wahl, sich dem Druck zu beugen

Oder in freundlichere Gefilde zu ziehn.


Das achte bis zehnte Säkulum war die Zeit,

In der die großen Texte neu erstanden,

Verfasst im mittelpersischen Dialekt,

Frei von arabischen Wörtern, in Pahlavi-Schrift.

Laut gelesen, verstand das Volk sie gut;

Sie waren Antworten auf das Herzeleid

Und riefen auf, im Glauben festzustehn.


In Chorasan brachte ein edler Perser

Im zehnten Säkulum vier Priester zusammen,

Um das sasanidische Buch der Könige

Aus der Pahlavi-Schrift treu zu übertragen.

Dies Werk, vollendet neunhundertsiebenundfünfzig,

Ward zur Basis für Firdausis großes Epos.

Es ward bei Zoroastrieren wie Muslimen

Beliebt und rechtfertigte den Sturz der Arsakiden.


Manche flohen in die großen Salzladen,

Besonders nach Yazd und Kerman, die bis heute

Zentren des persischen Zoroastrismus sind.

Yazd ward Sitz der Hohepriester unter

Der Mongolenherrschaft, als die beste Hoffnung

Für Nicht-Muslime war, unauffällig zu leben.


Wichtig für das Überleben im Heute war

Die Flucht aus Sanjan im Süd-Chorasan

Nach Gujarat im Westen Indiens.

Die Nachkommen nennt man die Parsen dort –

Wie die Gujaratis jeden nannten, der

Aus Persien stammte. Sie bilden heute

Die größere der beiden Gruppen dort.


Der Kampf der Religionen ebbte ab

Im zehnten und elften Jahrhundert sodann.

Lokale Dynastien, fest islamisch,

Wurden weitgehend unabhängig vom Kalifen.

Im sechzehnten Jahrhundert klagten Priester

Aus Yazd in Briefen an die Brüder in Indien,

Dass keine Zeit, selbst nicht die Alexanders,

Schlimmer gewesen sei für die Gläubigen

Als dieses Jahrtausend des Dämons des Zorns.


Der Zoroastrismus überlebte bis ins Heute,

Besonders in Indien, wo die Parsen wohl

Seit dem neunten Jahrhundert ansässig sind.


Heute teilt sich der Glaube in zwei Schulen:

Die Reformer und die Traditionalisten.

Die Traditionalisten, meistens Parsen,

Schätzen neben den Gathas auch die späten

Pahlavi-Texte; beide Richtungen formten

Sich im neunten Jahrtausend der Moderne aus.

Die Traditionalisten lehren streng, dass man

Im Glauben nicht konvertieren kann; man muss

Von zoroastrischen Eltern geboren sein.

Manche erlauben Kinder aus Mischehen,

Doch meist nur, wenn der Vater im Glauben geboren.


Nicht jeder teilt diese beiden Schulen;

Die Neo-Zoroastrier gewinnen an Kraft,

Die den Glauben westlichen Sorgen anpassen

Und ihn als lebendige Religion betonen.

Sie fordern die Pflege der alten Riten,

Unterstützen aber den sozialen Fortschritt.

Beide Richtungen stellen die Gathas ins Zentrum,

Ohne andere Schriften ganz zu verwerfen –

Mit Ausnahme des umstrittenen Vendidad.


Seit dem neunzehnten Säkulum erwarben

Die Parsen sich durch Bildung großes Lob

Und weiten Einfluss in der ganzen Welt.

Sie spielten eine tragende Rolle stets

In der Entwicklung der Wirtschaft jener Zonen;

Bis heute wird ein großer Teil der Firmen

In Indien von Parsen-Familien

Geführt, wie Tata, Godrej, Wadia auch.


Aus manchem Grund der Politik und Sitte

Hat sich das Volk auf Indiens Kontinent –

Die Parsen wie Iranis – seit dem acht-

Zehnten Jahrhundert der Konversion versagt.

Die Hohepriester lehrten anfangs zwar,

Dass gegen den Beitritt Fremder nichts zu sagen,

Was auch Rivayats und die Schrift bezeugen;

Doch spätere Priester gaben dem Verdammnis.


Auch in Iran war das bedrängte Volk

Historisch gegen Konversion gestimmt

Oder im Alltag nicht damit befasst.

Im Heute aber gibt der Rat der Mobeds

Von Teheran (die höchste Kirchenmacht

Im Land Iran) dem Beitritt seine Gunst;

Doch bleibt der Wechsel vom Islam zum Glauben

Des Sehers nach den Rechten der Republik

In ganz Iran illegal und bedroht.


Obgleich Armenien eine reiche Chronik

Mit diesem Glauben teilt (der schließlich wich,

Als dort das Christentum den Sieg errang),

Gibt es Berichte, dass bis in die zwanzig-

Er Jahre noch Zoroastrier dort lebten.


Auf Bitte der Regierung von Tadschikistan

Erklärte die UNESCO prompt das Jahr

Zweitausendunddrei zum großen Jubiläum:

„Dreitausend Jahre zoroastrische Kultur“,

Gefeiert mit Events auf dieser Erde.


Im Jahre zweitausendelf verkündete

Der Rat von Teheran, dass nun zum ersten

Mal in der Neuzeit Frauen in Iran

Und Nordamerika zu Mobedyars geweiht –

Als Assistentinnen der Priesterschaft.

Sie halten Urkunden in ihrer Hand,

Um niedere Riten heilig zu vollziehn

Und Menschen in den Glauben einzuführen.


Die Zahl der Gläubigen im Hier und Jetzt

Wird auf ein- oder zweihunderttausend Seelen

Geschätzt, und man berichtet vom Gefälle.

Doch braucht es tiefe Forschung, dies zu prüfen,

Da mancherorts die Zahlen wieder steigen,

Wie es Berichte aus Iran vermuten.


Die Gemeinschaften auf dieser Erde teilen

Sich meist in indische Parsen und Iranis.

Laut einer Studie aus zweitausendzwölf

Lag ihre Zahl weltweit wohl irgendwo

Zwischen einhundertelftausend und einhundert-

Einundzwanzigtausend Menschen bloß.

Die Forscher Niechiał und auch Kłagisz schätzen –

Konvertiten nicht gezählt – die Schar

Auf einhundertdreißig- bis einhundertvierzigtausend.


Die Zahl bleibt ungenau, weil in Iran

Die Zählungen divergieren. Ein Journal

Für Islamstudien schätzte jüngst die Zahl

Vielleicht auf einhundertfünfundvierzigtausend

Bis hin zu zwei Komma sechs Millionen Seelen.

Man findet Zoroastrier in Iran,

In Indien, Pakistan, Afghanistan,

In China, Bangladesch, Kasachstan,

Tadschikistan, Sri Lanka und Usbekistan,

Wie auch in England, USA und Kanada.


Irans Berichte schwanken sehr im Wert;

Die letzte Zählung vor der Revolution

(Im Jahre neunzehnhundertvierundsiebzig)

Wies einundzwanzigtausend Gläubige aus.

Zehntausend treue Seelen leben noch

In jenen Zonen Zentralasiens dort,

Die einst als Hochburg dieses Glaubens galten:

Baktrien (wie die Stadt Balkh im Norden Afghanistans),

Sogdien, Margiana und manch andres Land,

Das nah der Heimat Zarathustras liegt.


In Nordiran führt Auswanderung, Mischehe

Und niedere Geburtenrate nun

Ebenfalls zum Sinken dieser Schar.

Die Gruppen in Iran beziffern sich

Auf ungefähr sechzigtausend Seelen;

Doch laut der Zählung aus zweitausendelf

Gab es fünfundzwanzigtausend nur im Land.


Gemeinden blühen noch in Teheran,

In Yazd, Kerman und auch in Kermanshah,

Wo viele eine Sprache noch bewahren,

Die sich vom üblichen Persisch unterscheidet.

Sie nennen ihre Sprache selber Dari

(Nicht zu verwechseln mit dem Dari-Wort,

Das in Afghanistan die Menschen sprechen).

Man nennt sie Gavri auch oder Behdini –

Was „von der Guten Religion“ bedeutet.


Und manchmal nennt man sie nach jenen Städten,

In denen man sie spricht, als Yazdi oder

Kermani. Die Zoroastrier in Iran

Wurden historisch oft als Gabrs bezeichnet.


Die Zahl kurdischer Zoroastrier wird

Zusammen mit den Konvertiten fremder Herkunft

Sehr unterschiedlich im Moment geschätzt.

Der Abgesandte für das Kurdenland

Im Irak berichtete vor kurzer Zeit,

Dass einhunderttausend Menschen dort

Zum Zoroastrismus übergetreten seien;

Und mancher Führer glaubt, dass noch viel mehr

Im Stillen ihren Ritus heimlich pflegen.


Doch ist dies von unabhängiger Seite

Bis heute nicht bestätigt. Neuere Zahlen

Aus dem Jahr zweitausendvierundzwanzig zeigen

Ein kleineres Bild von circa fünftausend,

Die in der Region, zumeist im Gouvernement

Sulaimaniyya im Irak, jetzt leben.


Der starke Zustrom kurdischer Muslime,

Die konvertieren zum Zoroastrismus,

Wird meist der großen Enttäuschung zugeschrieben,

Die man durch den Islam erfahren hat –

Nach all der Grausamkeit, Gewalt und Not,

Die ISIS in der Region verübte.




DRITTER GESANG

ALLAH


Vom Jahr des Herrn Sechshundertdreiunddreißig

Bis Einundfünfzig brach das Kalifat

Der Rashidun das sassanidische

Imperium. Dies war der große Auftakt,

Der unter dem Propheten Muhammad

Schon Sechshunderitsiebenundzwanzig hob.


Als nun Arabien im siebten Säkulum

Des Islams Aufstieg sah, stand Persien vor

Gewaltgem Wandel, Not und innerem Zwist;

Sein Heer war matt, erschöpft und tief zerschlagen

Vom langen Krieg, den es mit Byzanz geführt.

Als man den Schah Chosrau den Zweiten dann

Im Jahre Sechshundertachtundzwanzig schlug

Und grausam richtete, verfiel das Reich.

Die Stabilität im Innern schwand so rasch,

Dass binnen vierer Jahre zehn Regenten

Den Thron bestiegen und ihn wieder verloren.

Drauf folgte noch das Interregnum bald:

Ein Bürgerkrieg von seltner Grausamkeit,

Der Sechshundertachtundzwanzig schon begann,

Zerriss das Land; bis Sechshundertzweiunddreißig

War jede Zentralgewalt im Reich verpufft.


Doch trotz der Zerrüttung blieb die Macht,

Die Verwaltung und das Heer beträchtlich noch.

Befestigt standen Städte, stolz das Heer,

Und die Bürokratie trieb Steuern ein.

Die Forschung zeigt uns heut: Gerade dies,

Dass Fürsten im Parthierland und fern

In den Provinzen autark herrschten, half,

Den Schutz des Bodens lokal zu bewahren.

So brach das Sassanidenreich nicht jäh,

Nicht plötzlich um; es brauchte zähe Siege,

Gezielte Stürme und manch langes Lager,

Bis dieses stolze Riesenreich erlag.


In jener Zeit der tiefen inneren Schwäche

Brach Sechshundertdreiunddreißig die Armee

Der Rashidun zum ersten Male ein.

Sie nahmen Asoristan rasch im Sturm,

Das Herzstück Mesopotamiens an Kraft.

Doch Châlid ibn al-Walîd, der Feldherr dort,

Wird bald nach Syrien abberufen, um

Das Land Levante für den Schirm des Islams

Zu fällen; und als so der Fokus wich,

Um gegen Byzanz im Westen anzurennen,

Da holte sich das sassanidische Heer

Die Fluren Mesopotamiens zurück.


Der zweite Einbruch kam Sechshunderfsechsunddreißig.

Sa'd ibn Abî Waqqâs führt das Kommando,

Und in al-Qâdisiyyah schlug er kühn

Die Feinde in der großen Edelschlacht.

Dies schnitt auf ewig jede Herrschaft ab,

Die Persien westlich seiner Berge hielt.

Sechs Jahre lang blieb nun das Zagros-Dach

Die Grenze zwischen beiden Großgewalten.

Sechshundertzweiundvierzig aber sprach

Umar ibn al-Chattâb, der zweite Herr

Auf dem Kalifenthron in seinem achten Jahr,

Den Bannspruch aus: Das Sassanidenreich

Sollt' ganz und gar dem Islam nun erliegen.

Von Medina aus, der fernen Stadt,

Lenkt' er den Krieg, koordiniert und klug,

In Schlägen, die von vielen Seiten trafen.

Es ward sein größter Triumph, sein Ruhm als Geist,

Als Stratege in der Politik und Felde.

Doch Sechshundertvierundvierzig fand er Tod:

Abû Lu'lu'a Fîrûz, ein Handwerksmann

Aus Perserland, gefangen und versklavt,

Ermordete den Herrscher aus der Rache.


Manch ein Historiker aus Perserblut

Verteidigt heute seine Ahnen stolz

Mit Quellen aus der Araber Bericht:

Denn anders, als manch Forscher fälschlich meint,

Gaben die Perser sich nicht kampflos preis;

Sie stritten lang und hart für ihre Scholle.

Bis Einundfünfzig war der Städte Kern

In Moslems Hand; nur an der Kaspisee,

In Tabaristan, Transoxanien auch,

Hielt man die alte Fahne noch empor.

Viel Orte wehrten sich mit wildem Mut;

Und ob das Heer der Rashidun auch weit

Die Oberherrschaft zwang, so gab es doch

In mancher Stadt Revolten gegen Gott,

Wo man Statthalter schlug und Posten brach.

Erst frische Truppen dämpften diesen Brand

Und stellten harte, feste Ordnung her.

Die Bindung an den Islam ging nur Schritt

Für Schritt, durch Anreiz über Jahrhunderte;

Doch mancher beugte niemals sich dem Druck.

Es gibt Bericht, dass heilge Schriften auch

Der Zoroastrier und das alte Wissen

Im Feuerstarben starben, und die Priester,

Wo Widerstand aufflammte, fielen sanft.

Erst im Spätmittelalter siegte dann

Der Islam ganz als Glauben auf dem Land;

Erst waren sie zumeist vom sunnitschen Ritus,

Bis die Safeviden sie im sechzehnten

Jahrhundert zwangen, Schiiten zu werden.


Dies war das erste Mal seit Babylon,

Seit jenem Tag von Opis, da der Thron

Der Semiten über Strömen wieder stieg,

Nachdem jahrhundertelang der Perser Macht –

Achämeniden, Sassaniden und Parthier –

Und Griechen, Rom und Makedonensöhne

Das Land der zwei Flüsse besessen hatten.

Dies brach die Kraft der Zoroastrier tief,

Die seit Kyros' und Dareios' grauer Zeit

Die Staatsreligion von Persien stets gewesen.

Verfolgung trieb die Gläubigen nach Osten,

Nach Indien hin, wo milde Könige

Sie als Refugium im Lande bargen.


Als westliche Gelehrte einst den Fall

Von Persien prüften, bauten sie allein

Auf Sebeos, den Christen aus Armenien,

Und auf Berichte, die Araber schrieben,

Jahrzehnte nach der Tat. Das größte Werk

Schuf Arthur Christensen in Kopenhagen

Und Paris erst im Jahr Vierundvierzig noch.


Doch neuere Forschung rüttelt an dem Bild:

Parvaneh Pourshariati schrieb ein Buch

Im Jahr Zweitausendacht und zeigte klar,

Wie nebelhaft die alten Quellen sind.

Sie stürzt das Fundament der alten Mär,

Die Chronologie und manches feste Datum.

Ihre These besagt: Das Sassanidenreich

War nie zentralisiert, es war ein Bund,

Ein lockrer Bund parthischer Dynastien,

Die innere Unabhängigkeit bewahrten.

Und trotz der Siege über das Byzanz,

Zogen die Parthier unerwartet sich

Vom Bunde ab. So stand das Perserhaus

Schlecht vorbereitet, ohne Wehr und Waffen,

Gegen die Flut der Moslemheere da.

Die Mächtigen im Norden und im Osten –

Aus Chwarasan und Adurbadagan –

Sie blieben kühl in ihren Festungsmauern,

Schlossen mit den Arabern schnell Frieden

Und ließen die Sassaniden einsam sterben.


Auch wendet sich ihr Blick auf die Zeitleiste:

Der Raub des Stromlands, so beweist sie kühn,

Geschah nicht erst im Jahr Zweiunddreißig,

Als Yazdegerd der Dritte kam zur Macht,

Nein, zwischen Achtundzwanzig und Zweiundtreißig!

Das heißt: Die Moslems brachen in das Land,

Als Parthier und Sassaniden sich im Blut

Des Thronstreits fraßen und zerfleischten.


Seit vor Christi Geburt der Grenze Lauf

Am Fluss Euphrat verabredet war,

War dieser Strich der Schauplatz ewgen Streits.

Die Schlachten schlugen sich im Hügelland

Des Nordens meist; im Süden dehnte sich

Die Wüste Syriens als sichrer Wall.

Vom Süden drohte keine große Macht,

Nur ab und zu ein Raubzug wilder Stämme.

Deshalb verbündete sich jedes Reich

Mit kleinen Fürsten aus Araberblut,

Die als Puffer den wilden Beduinen

Den Weg verstellten. Für das Reich Byzanz

Waren's die Ghassaniden; und für Persien

Die Lakhmiden. Sie stritten unter sich,

Was die Kolosse wenig kümmerte.

Doch im sechsten und siebten Säkulum

Schwand dieses Gleichgewicht der Kräfte hin.

Der Krieg mit Rom hat Persien ausgesaugt,

Die Schätze leerte er, die Kraft verdorrt –

So ward es leichte Beute für den Islam.


Vier Klassen teilten die Gesellschaft streng:

Die Priester, Krieger, Schreiber und das Volk.

Das Volk, das war die Masse, arm und nackt,

Auf dessen Schultern jede Steuer lag.

Als nun Chosrau der Zweite in Levante

Und Kleinasien große Siege feierte,

Da stiegen Steuern in die Wolken auf,

Und niemand konnte zahlen. Lange Kriege

Zerstörten jeden Handel, Gewerbe lag brach,

Die Quellen, draus die Nahrung sonst geflossen.

Die Verwaltung des Schahs war viel zu schwach

Für dieses Riesenreich und seine Not.

Der rasche Wechsel auf dem Thron, die Macht

Der Dehqans auf dem Lande brach den Staat.

In vierzehn Jahren zwölf Regenten stürzten,

Die Kraft des Königs schwand; Generäle griffen

Nach dem Steuer. Und als ein starker Schah

Nach Putschen endlich kam, war es zu spät:

Das Sassanidenreich genas nicht mehr.


Die Ghassaniden, Schutzwehr für Byzanz,

Konvertierten zum Monophysitenglauben,

Den die Kirche von Byzanz als Ketzerei

Verdammte. Rom bedrückte diesen Glauben,

Verlor die Treue der Ghassaniden ganz

Und schürte Aufstand an der Wüstengrenze.

Auch die Lakhmiden brachen mit Chosrau.

An-Nu'man, dritter König ihres Stamms,

Ein Christ, ward Sechshundertzwei vom Schah

Abgesetzt und getötet, weil er frei

Vom persischen Joche wollte atmen.

Als man Chosrau Sechshundertachtundzwanzig erschlug,

Zerbrach das Perserreich, und die Lakhmiden

Waren so gut wie frei. Man glaubt es heute weit:

Dass dieser Akt, der die Lakhmiden brach,

Der Schlüssel war zu Persiens Untergang.

Denn die Lakhmiden dienten als Spione

Den Muslimen, als Châlid ibn al-Walîd

In der Schlacht von Hira sie bezwungen hatte.


Chosrau der Zweite, genannt Parvîz der Sieger,

Schlug erst Rebellion im eignen Haus,

Den Bahram Chobin. Dann wandte er den Blick

Zum alten Feind Byzanz; so hob sich an

Der große Krieg von Sechshundertzwei bis Achtundzwanzig.

Ein paar Jahre lang lachte ihm das Glück:

Von Sechshunderitzwölf bis Zweiundzwanzig dehnte er

Die Grenzen Persiens fast wie zu der Zeit

Der alten Achämeniden; er nahm im Sturm

Den Westen bis nach Ägypten, Palästina

(Wobei ein jüdisches Heer ihm Beistand lieh).


Doch Rom erfing sich unter Herakleios

Und stieß Sechshunderitzweiundzwanzig zurück.

Chosrau verlor bei Ninive die Schlacht

Im Jahre Sechshunderitsiebenundzwanzig.

Byzanz gewann ganz Syrien zurück

Und drang tief in Mesopotamiens Provinzen.

Sechshundertneunundzwanzig schloss Schahrbaraz,

Chosraus General, den Frieden ab; die Grenze

War wieder dort, wo sie Sechshunderitzwei stand.


Die Pest des Schiroe (Sechshundertsiebenundzwanzig)

War eine jener großen Seuchenwellen,

Die Iran trafen; Truppen brachten sie

Aus Konstantinopel, Syrien und Armenien.

Sie raffte viele Menschen hin und half,

Den Sassanidenthron in Staub zu stürzen.


Chosrau der Zweite ward im Jahre Sechshundertachtundzwanzig

Hingerichtet. Drauf hob das Zerren an;

Zehn Könige und Königinnen saßen

Binnen vier Jahren auf dem Perserthron.

Der letzte, Yazdegerd der Dritte, war

Ein Enkel von Chosrau, ein schwaches Kind,

Das zarte acht Jahre alt gewesen sein soll.


Als zu Hudaybiyyah der Frieden schloss,

Im Jahre Sechshundertachtundzwanzig, sandte,

So sagt die Lehre des Islams, der Prophet

Viel Briefe an die Fürsten, Könige,

An jedes Stammes Haupt der weiten Welt.

Er rief sie auf, zum Islam sich zu wenden,

Sich Gottes heilgem Willen zu ergeben.

Botschafter trugen diese Fracht am Tag,

Gleichzeitig fast, nach Persien und Byzanz,

Nach Äthiopien, Ägypten, Jemen auch,

Ja, bis nach al-Hira im Stromland hin.

Doch die moderne Forschung prüft dies scharf;

Historiker wie Grimme, Caetani

Bezweiflen stark, dass Schah Chosrau der Zweite

Je solch ein Schreiben sah. Des Hofes Prunk,

Das Sassaniden-Zeremoniell war streng,

Umfänglich, hochkomplex; es scheint nicht recht

Erweislich, dass ein Brief von jener Macht,

Die damals nur regional bedeutend war,

Des Königs aller Könige Hand erreichte.


Das Buch der Moslems meldet uns indes:

Im siebten Jahre nach der Hidschra schon,

Ermächtigte Muhammad einen Mann

Aus seinen Reihn, Abdallah war sein Name,

Dass er das Schreiben zu Chosrau gelangt',

Ihn einzuladen zu dem neuen Heil:


„Im Namen Gottes, der barmherzig ist,

Des Gütigen. Von Seinem Abgesandten,

Muhammad, an den großen Kisra nun,

Den Herrscher Persiens. Friede sei mit dem,

Der Wahrheit sucht, an Gott und Seinen Geist,

Den Propheten glaubt, und Zeugnis dafür ablegt,

Dass Gott nur einer ist, ohn' Flucht und Genossen,

Und dass Muhammad Sein Vasall und Diener.

Auf Gottes Wort hin ruf' ich dich zu Ihm!

Er sandte mich zur Leitung aller Welt,

Dass ich sie warne vor dem großen Zorn,

Und Ungläubigen das Ultimatum bringe.

Nimm an den Islam, dass du sicher bleibst!

Versagst du dich, so fällt die schwere Schuld

Der Magier auf dein eignes Haupt zurück.“


Verschieden wird des Königs Wort erzählt:

Abdallah sah den Schah durch Bahrains Vogt.

Doch als Chosrau den Brief gelesen, brach

Er das Dokument in Stücke, voller Zorn:

„Ein armer Sklave, mir im Reich tributpflichtig,

Wagt es, den Namen vor den meinen hier

Zu setzen!“, rief er aus und schrieb dem Fürst

Im Jemen, Bâdhân, seinem Lehnsmann, zu:

„Es hieß, ein Mann im fernen Hidschas spricht,

Ein Prophet zu sein. Schick zwei der kühnsten Männer,

Dass sie ihn fesseln, mir gefangen bringen!“

Als nun Abdallah dem Propheten wies,

Wie der Regent das Schreiben jäh zerriss,

Da sprach Muhammad: „Gott zerreiß' sein Reich!“

Doch über Cäsars Sitte hieß es sanft:

„Gott schütze und bewahre sein Imperium.“

Die Krieger kamen bald, dem Wort zu folgen;

Muhammad hieß sie bis zum Morgen harren.

In jener Nacht, so rühmen die Muslime,

Empfing er Kunde durch den Engel Gabriel:

Gott ließ Chosrau Parvîz im fernen Land

Durch Schiroe, den eignen Sohn, ermorden.

Die Stunde nannte er, das exakte Datum.

Als dies geschah, nahm Bâdhân gläubig an,

Bekehrte sich durch dieses Wunderzeichen.


Jahrzehnte Krieg mit Rom und auch die Last

Der Chasaren, die Transkaukasien trafen,

Erschöpften das sassanidische Heer.

Kein starker Herrscher folgte auf Chosrau;

Das Chaos fraß das Volk, Verwaltung schwand,

Bis Yazdegerd der Dritte stieg zum Thron.

All dies zerbrach der Perser alte Kraft.

Acht Jahre alt war dieser junge Schah,

Als er die Krone nahm; ohn' reifen Geist,

Ließ er das Heer verfallen, baute nichts.

Das Sassanidenreich war schwach gefügt,

Ein lockrer Bund parthischer Dynastien,

Die innere Unabhängigkeit bewahrten.

Nach jener letzten Schlacht mit dem Byzanz,

Zogen die Parthier unerwartet sich

Vom Bunde ab; so stand das Perserhaus

Schlecht vorbereitet, ohne Wehr und Waffen,

Gegen die Flut der Moslemheere da.

Die Mächtigen im Norden und im Osten –

Aus Chwarasan und Adurbadagan –

Sie blieben kühl in ihren Festungsmauern,

Schlossen mit den Arabern schnell Frieden,

Und weigerten sich, für den Schah zu bluten.


Pourshariati meint, der Raub des Stromlands

Geschah nicht erst im Jahr Zweiunddreißig,

Als Yazdegerd der Dritte kam zur Macht,

Nein, zwischen Achtundzwanzig und Zweiundtreißig!

Das heißt: Die Moslems brachen in das Land,

Als Parthier und Sassaniden sich im Blut

Des Thronstreits fraßen und zerfleischten.


Als nun arabsche Trupps zum ersten Mal

Die Grenze streiften, sah der junge Schah

In ihnen keine Not; er sandte nichts.

Und als das Hauptheer nah den Marken stand,

Zögerte er, die Banner zu entfalten.

Selbst Rostam Farrochsâd, der Eran Spahbod,

Der Vizekönig, schätzte sie gering.

Ohn' Widerstand gewann der Araber Zeit,

Die Stellung zu befestigen im Sande.


Als nun der offne Krieg einsetzte, sah

Das Perserheer sich schweren Mängeln gegenüber.

Die schwere Reiterei, sonst klug bewährt

Im Streit mit Rom, war viel zu träg und starr

Gegen des Islams leichte Kavallerie,

Die wendigen Bogenschützen zu Fuß.


Zwar lächelte das Glück den Persern erst;

Kriegselefanten hielten jäh den Sturm

Der Moslems auf, doch als die Veteranen

Vom Syrien-Feldzug kamen, wo sie lang

Mit Rom gestritten, wiesen sie den Weg,

Wie man der Riesenbullen Herrschaft bricht.


All dies führt' in al-Qâdisiyyah dann

Zur großen Niederlage der Sassaniden.

Die Perser, die noch eine Generation

Zuvor Ägypten, Kleinasien bezwangen,

Verloren nun die Schauplatz-Edelschlachten,

Weil leichte Truppen sie im Sand umgingen.

Der Moslems Scharen warfen Persiens Macht

In manchem Treffen, bis Nahâvand kam,

Der Sassaniden letzte große Schlacht.

Das Herrscherhaus erlosch im tiefen Schmerz,

Als Yazdegerd im Jahr Sechshunderteinundfünfzig fiel.


Muhammad starb im Juni Sechshunderitzweiunddreißig;

Abû Bakr nahm als Kalif den Sitz

In Medina ein. Doch bald nach seinem Aufstieg

Rebellierten Stämme in den Ridda-Kriegen –

Den Kriegen gegen den Abfall vom Glauben.

Dies hielt das Kalifat in Atem, bis

Im März Sechshunderidreiunddreißig ganz

Arabien unter der Medina-Macht

Geeint dastand. Abû Bakr wies die Bahn,

Die Umar, Uthman später weitergingen,

Und die in wenigen Jahrzehnten schon

Ein Weltreich schuf, das größte der Geschichte.

Es hob sich an mit Châlid ibn al-Walîd,

Der gegen Persiens Grenzen marschierte.


Nach jener Ridda-Not zog ein Tribun,

Al-Muthanna mit Namen, aus dem Norden,

Gegen die Sassaniden-Städte aus,

Und brachte reiche Beute heim ins Lager.

Er ritt nach Medina, wies Abû Bakr

Den großen Sieg; der macht' ihn zum Kommandant'

Seines Volks, worauf er tiefer drang

Ins Stromland ein. Mit leichter Reiterei

Ging er auf Raub an Städten nah der Wüste,

Und schwand im Sande, eh das Perserheer

Ihn greifen konnte. Muthannas kühne Tat

Gab dem Kalifen Anlass, weit zu schauen.


Um Sieg zu sichern, rief Abû Bakr nun

Ein Heer von Freiwilligen und übergab

Es Châlid ibn al-Walîd, dem besten Feldherrn.

Nachdem er Musaylima in der Schlacht

Bei Yamama geschlagen, stand er dort,

Als ihn das Wort des Herrschers traf: „Brich auf,

Gewinne das sassanidische Reich!“

Al-Hira war das Ziel, das man ihm setzte.

Der Herrscher schickte Truppen, hieß die Fürsten –

Al-Muthanna, Maschhur, Harmala, Sulma –

Sich Châlids Banner klug zu unterstellen.

In der dritten Märzwoche des Jahres

Sechshundertdreiunddreißig brach er auf,

Mit zehntausend Mannen aus Yamama.

Die Stammesfürsten brachten je zweitausend,

So dass sein Heer auf achtzehntausend stieg.

Als er das Stromland trat, erging sein Wort

An jeden Vogt, Statthalter in der Pflicht:

„Nimmt an den Islam oder zahlt Tribut!“

Doch keine Antwort kam; da wob er fort

An seinen Plänen für den großen Schlag.


Vier Siege errang Châlid Schlag auf Schlag:

Die Schlacht der Ketten in dem Aprilmond,

Die Schlacht am Fluss in der Aprilwoche,

Drauf im Mai die Schlacht von Waladschah

(Wo er die Doppel-Umfassung kühn vollzog),

Und Mitte Mai die Schlacht von Ullais.

Der Perserhof, durch innre Not verwirrt,

Verfiel dem Chaos. In der letzten Woche

Des Mai fiel al-Hira den Moslems zu.

Er ließ das Heer verschnaufen, schloss im Juni

Den Ring um al-Anbar, das im Juli wich.

Dann zog er südnard, nahm Ayn al-Tamr ein

In der Julihälfte; und zu jener Zeit

War fast das ganze Irak unter Gott.


Da rief ihn Hülfe aus dem Norden her:

Bei Dawmat al-Jandal stand Iyâd ibn Ghanm,

Gefangen von Rebellen. Châlid kam,

Schlug die Empörer in der großen Schlacht

Ende August. Als er zurückgekehrt,

Hört' er vom Sammeln einer Persermacht.

Er schwor, sie einzeln, trennend zu zerschlagen,

Eh sie als Riesenheer ihn brechen konnten.

Vier Divisionen standen bei Hanafîz,

Zumiel, Sannî und Muzîeh bereit.

Er teilte seine Macht in drei Geschwader,

Vollzog den Angriff koordiniert bei Nacht,

Von drei Seiten her im Novembermond:

Erst bei Muzayyah, dann bei Saniyy schnell,

Und schließlich bei Zumail. Die Wucht der Schläge

Brach Persiens Herrschaft über Mesopotamien;

Die Hauptstadt Ktesiphon lag offen da.

Doch eh er Ktesiphon im Sturm bedrängte,

Schwor Châlid, jede Kraft im Süd und West

Zu tilgen. Er zog zur Grenzstadt Firâz,

Wo er das Bundesheer der Sassaniden,

Der Römer und der Christen-Araber warf,

Im Dezembermond. Doch dies wird heut bezweifelt:

Es fehlt der Nachweis großer Persermacht;

Die Zahl der Toten, das Fehlen der Namen

Der Generäle deutet auf Vertuschung hin.

Es mag ein Sieg der Perser wohl gewesen sein.

Dies war das letzte Treffen jenes Feldzugs.

Als Châlid auf dem Weg nach Qadissiyyah war –

Der Festung auf der Straße nach Ktesiphon –,

Rief ihn Abû Bakr an die röm'sche Front

Nach Syrien, dass er dort das Heft ergreife.


Wie es Abû Bakrs letzter Wille bat,

Sollte Umar den großen Kriegszug nun

In Syrien und im Stromland weiterführen.

Doch an den Marken tief im Nordostreich,

In Mesopotamiens Auen, schwand das Glück.

Denn Châlid hatte einst, zu Bakrs Zeit,

Die Hälfte seines Heers, neuntausend Mann,

Mit sich genommen nach der röm'schen Front;

Drauf schworen die Sassaniden sogleich,

Das Land, das sie verloren, heimzuholen.

Die Moslem-Schar verließ den fremden Grund

Und sammelte sich ängstlich an der Grenze.

Umar schickte sogleich Verstärkung aus,

Muthanna beizustehn; Abû Ubaid,

Aus Thaqîfs Stamm, führt' das Kommando an.

Es hob sich eine Reihe wilder Schlachten

Im Land Sawâd – Namâraq und Kaskâr,

Baqusiâtha auch –, wo sich die Scharen

Der Araber mit Mühe aufrecht hielten.

Doch bei der Brücke schlugen die Sassaniden

Abû Ubaid in einer großen Schlacht.

Muthanna rächte dies bei al-Buwaib,

Wo er den Sieg errang. Im gleichen Jahr,

Sechshundertfünfunddreißig, sucht' der Schah

Ein Bündnis mit dem Kaiser Herakleios;

Er nahm des Römers Tochter sich zur Frau

(Manch Chronik spricht auch von der Enkelin),

Um diesen großen Bund mit Blut zu siegeln.

Und während Herakleios seine Macht

In der Levante für den Schlag formierte,

Da sammelte der Schah ein Riesenheer,

Um an zwei Fronten, koordiniert und kühn,

Die Moslems aus dem Stromland zu verjagen.


Umar befahl dem Heer, den Rückzugspfad

Zur Grenze von Arabien anzutreten.

Er hob in Medina neue Truppen aus

Für einen zweiten Zug ins Zweistromland.

Die Lage war so ernst, dass er selbst gern

Das Heer im Felde angeführt; doch nein,

Der Schûra-Rat erhob sich voller Sorge:

Ein Krieg an beiden Fronten fordere recht,

Dass Umar in Medina Wache halte.

So rief er Sa'd ibn Abî Waqqâs,

Den alten, hochgeachteten Tribun,

Obgleich er schwer an Ischias-Schmerzen litt.

Sa'd zog im Mai Sechshundertsechsunddreißig

Mit seinem Heer aus Medina; und im Juni

Erreichte er das Feld von Qâdisiyyah.


Als Herakleios nun im Maimond schlug,

Da schaffte es der junge Schah nicht recht,

Die Truppen rechtzeitig heranzuführen,

Dass sie dem Römer Beistand leisten konnten.

Umar, der wohl um diesen Bund gewusst

Und nicht den Kampf mit beiden Großgewalten

Gleichzeitig wagen wollte, schickte rasch

Verstärkung hin zum Feld von Jarmuk, um

Die Römer dort in schwerer Schlacht zu binden.

Indes befahl er Sa'd, dem Schah Chosrau

Den Frieden anzubieten; ihn zu rufen,

Zum Islam sich zu wenden, eh die Waffen

Des Perserheers das Feld mit Blut benetzten.

Der Kaiser Herakleios wies indes

Den Feldherrn Vahan an, vor dem Befehl,

Dem ausdrücklichen, keine Schlacht zu wagen.

Doch Vahan bangte vor der Moslems Macht,

Die stündlich wuchs; so griff er im August

Des Jahres Sechshundertsechsunddreißig an

Am Fluss des Jarmuk – und ward ganz vernichtet.


Die röm'sche Not war fort; doch Persiens Reich

War immer noch ein Riese voller Kraft,

Mit reichen Lagern, Männern sonder Zahl.

Die Araber sahn bald ein Riesenheer,

Das aus den fernsten Winkeln kam, besetzt

Mit Elefanten für den großen Krieg,

Geführt von den erles'sten Generälen.

Doch binnen dreier Monde schlug der kühne

Sa'd diese Streitmacht bei al-Qâdisiyyah.

Dies brach die sassanidische Gewalt

Im Westen seiner alten Berge ganz.

Man rühmt den Sieg als großen Wendepunkt

Im Wachstum des Islams; das Hauptheer war

Zerschlagen, und so nahm Sa'd mit den Seinen

Bald Babylon (in jener Schlacht im Sturm),

Dann Kûthâ, Sâbât und Bahurasîr.

Des Reiches stolze Hauptstadt Ktesiphon

Fiel nach drei Monden im Novembermond –

Im März Sechshundertsiebenunddreißig – hin.


Umar befahl Utbah ibn Ghazwân nun,

Im Monat des Dezembers nach dem Süden

Gegen al-Ubulla – den Hafen von

Apologos in alter Seefahrt Schrift –

Und Basra aufzubrechen, um das Band

Vom Perserlager dort nach Ktesiphon

Ganz abzuschneiden. Und im Aprilmond

Erreichte er das Land und nahm es ein.

Die Perser zogen sich nach Maysan hin,

Doch auch dies Land gewannen die Muslime.


Als Ktesiphon gefallen war, erging

Sogleich das Wort an Truppen in den Westen,

Kirkesium und Hît, die beiden Burgen

Am röm'schen Grenzwall, eilig zu belagern.

Doch stand im Nordostland, bei Jalawlâ,

Und nördlich von dem Tigris, bei Tikrit

Und Mosul, noch ein starkes Perserheer.


Nach dem Verlassen von Ktesiphon fand

Die Persermacht bei Jalawlâ den Halt;

Ein Ort von hoher strategischer Kraft,

Weil Straßen dort nach Mesopotamien,

Nach Khurasan und Aserbaidschan liefen.

Mihrân führt' dort das sassanidische Heer,

Sein Vize war Farruchsâd, der Bruder

Vom Rostam, der bei Qâdisiyyah fiel.

Umar beschloss, Jalawlâ erst zu nehmen,

Um so den Weg nach Norden frei zu machen,

Eh er Tikrit und Mosul ernst bedrängte.

Er rief Hâschim ibn Utbah für Jalawlâ,

Abdallah für Tikrit und für Mosul.

Im Aprilmond führt' Hâschim zwölftausend Mann

Aus Ktesiphon und siegte in der Schlacht.

Sieben Monate lag er vor der Stadt,

Bis Jalawlâ im Sturme ganz erlag.

Drauf zog Abdallah gegen das Tikrit,

Und nahm die Stadt mit Hilfe christlicher

Genossen ein, nach wildem Widerstand.

Er schickte Truppen weiter nach Mosul,

Das sich ergab und die Dschizya zahlte.

Durch diesen Sieg und jenen festen Griff

Nach dem Bezirk Tikrit und nach Mosul

War nun das ganze Stromland unterm Mond

Der Moslems Macht und Herrschaft treu gefügt.


Ein Trupp der Moslems unter Qa'qâ zog

Den fliehenden Sassaniden nach; er fand

Bei Châniqîn, fünfundzwanzig Kilometer

Von Jalawlâ entfernt, die Perserschar,

Die immer noch Mihrân im Feld gehorchte.

Qa'qâ schlug sie in der Edelschlacht

Und nahm die Stadt. Die Perser zogen sich

Nach Hulwân ganz zurück. Er setzte nach,

Umlagerte die Festung, die im Januar

Des Jahres Sechshundertachtunddreißig fiel.

Qa'qâ bat nun um Urlaub, tiefer noch

In Persiens Herz zu dringen; doch Umar

Versagte ihm das Wort und schrieb zurück:


„Ich wünschte, dass Sawâd und Persiens Berge

Durch Mauern streng geschieden wären, so

Dass sie nicht zu uns kommen können, und

Wir nicht zu ihnen. Das fruchtbare Sawâd

Genügt uns ganz; und mir ist wohl das Wohl

Und Schutz der Moslems als des Krieges Raub.“


Im Februar Sechshundertachtunddreißig

Trat eine Stille an der Perserfront

Im Stromland ein. Sawâd, des Tigris Tal,

Des Euphrats Fluren waren nun im Schirm

Der Moslem-Herrschaft ganz; die Perser flohen

In ihr Kernland, östlich vom Zagros-Kamm.

Doch ließen sie das Rauben nicht im Land,

Das politisch noch ohne Segen war.

Der Zagros schien die Grenze nun zu sein

Zwischen dem Kalifat und den Sassaniden.

Am Ende jenes Jahres stieg Hurmuzân –

Einer der sieben großen Fürsten Persiens,

Der schon bei Qâdisiyyah Corps geführt –,

Und macht' die Einfälle im Stromland wilder.

Sa'd griff, auf Umars Wort hin, Hurmuzân

Im Felde an; und Utbah ibn Ghazwân,

Dem sich Nu'mân ibn Muqarrin klug verband,

Nahm Ahvâz ein und zwang den Perserfürst

In einen Friedensbund. Ahvâz verblieb

In Hurmuzâns Besitz als Lehnsstaat nur,

Der dem Kalifen treu Tribut entrichtete.

Doch Hurmuzân brach diesen Bund sogleich,

Weshalb Umar Abû Mûsâ al-Asch'arî,

Den Vogt von Basra, gegen ihn entsandte.

Nach neuer Niederlage schloss der Fürst

Ein Abkommen, wie es zuvor bestanden.

Doch auch dieser Frieden war von kurzer Dauer;

Denn neue Truppen sandte Yazdegerd,

Der junge Schah, am Ende des Jahres Vierzig.

Die Macht zog sich bei Tustar stolz zusammen,

Nördlich von Ahvâz. Umar schickte nun

Den Vogt von Kufa, Ammâr ibn Jâsir,

Abû Mûsâ aus Basra und Nu'mân,

Dass sie den Feind bedrängten. Hurmuzân

Ward dort geschlagen, treu gefangen und

Nach Medina vor den Schirm des Kalifen gebracht.

Dort nahm er gläubig wohl den Islam an,

Blieb Umars kluger Ratgeber im Feld

Für den Gehalt des restlichen Feldzugs noch.

Man glaubt indes, dass er im Hintergrund

Der Geist war, der den Mord an Umar wob,

Der ihn Sechshundertvierundvierzig traf.


Nach diesem Sieg bei Tustar marschierte

Abû Mûsâ im Januar Einundvierzig

Gegen das strategisch wichtige Susa,

Das nach zwei Monden der Belagerung fiel.

Dann zog er gegen Dschundaisâbûr,

Der letzte Ort von militärischem Rang

In der Provinz Chuzestan; nach Wochen

Der harten Belagerung gab er sich gefangen.


Als nun Chuzestan gewonnen war,

Wünschte Umar den Frieden für sein Volk.

Obgleich geschwächt, stand Persiens Riesenbild

Als furchtbare Supermacht den Arabern noch

Tief vor den Augen; Umar hüt' sich wohl

Vor nutzlosem Gefecht auf fremdem Grund.

Er sprach das Wort: „Ich wünschte, dass ein Berg

Aus Feuer zwischen uns und Persien stünde,

Dass sie nicht zu uns kommen können, und

Wir nicht zu ihnen.“ Doch der stolze Geist

Der Perser litt am Raub der alten Macht;

Der Status quo war ihnen tiefer Schmerz.


Nachdem die Perserscharen bei Jalawlâ

Im Jahre Sechshundertsiebenunddreißig fielen,

Zog Yazdegerd nach Rey und dann nach Merw,

Wo er den Thron aufschlug und seine Fürsten

Zu steten Einfällen ins Stromland trieb.

Nach vierer Jahre Lauf fühlt' er die Kraft,

Die Moslems noch einmal zum Kampf zu fordern.

Hunderttausend erfahrene Veteranen

Und junge Freiwillige rief er aus dem Reich,

Geführt von Mardân Schâh; sie zogen wild

Nach Nahâvand zum letzten Riesenkampf.


Ammâr ibn Jâsir, Kufas Vogt, vernahm

Durch Kundschafter des Perserheeres Zug

Und meldete die Not sogleich dem Herrscher.

Obgleich Umar das Stromland als den Rand

Im Osten sah, zwang ihn das Riesenheer

Bei Nahâvand zum Handeln gegen den Feind.

Er wusste nun: Solange Persiens Kern

Vom sassanidischen Hause ward beherrscht,

Würden die Einfälle im Stromland dauern.

Hudhaifa ibn al-Jamân ward ernannt,

Das Heer von Kufa nach Nahâvand zu führen.

Abû Mûsâ zog aus Basra hin,

Nu'mân ibn Muqarrin aus Ktesiphon.

Umar beschloss, das Heer aus Medina selbst

Nach Nahâvand zu führen für das Ganze.

Doch der Schûra-Rat erhob sich voller Sorge:

Umar sollt' in Medina Leitung halten,

Ein kluger Feldherr sollt' in Nahâvand streiten.

Umar gab nach; er machte Mugheera

Zum Vogt des Heeres, das in Medina stand,

Nu'mân zum obersten Feldherrn in der Schlacht.

Das Moslem-Heer zog erst bei Tazar fest,

Und schlug die Perser dann bei Nahâvand

Im Monat des Dezembers Zweiundvierzig.

Nu'mân fand dort den Tod im wilden Kampf;

Wie Umar es geordnet, trat Hudhaifa

An seine Stell' als oberster Tribun.

Drauf nahmen die Muslime den Bezirk

Von Hamadan; der Widerstand war matt.


Nach manchem Jahr ergriff Kalif Umar

Die Offensive nun mit neuem Geist,

Bereit zur vollen Invasion des Rests,

Der vom sassanidischen Reiche noch verblieb.

Die Schlacht von Nahâvand war mit das Größte,

Was je die islamische Geschichte sah;

Sie ward der Schlüssel zu dem Perserland.

Nach dieser Niederlage floh der Schah,

Yazdegerd der Dritte, durch die Provinzen,

Um neue Truppen anzuwerben, doch

Mit wenig Glück; Umar jagte ihn.


Umar beschloss, die Perser gleich nach dieser

Not von Nahâvand im Sturm zu treffen,

Weil er den psychologischen Vorteil hielt.

Drei Wege standen offen für den Schlag:

Fars in dem Süden, Aserbaidschan

Im Norden oder Isfahan im Zentrum.

Er wählte Isfahan; es war das Herz

Vom Perserreich, der Knotenpunkt der Straßen

Für Zufuhr und Berichte der Sassaniden.

Sein Fall schnitt Fars und Aserbaidschan

Vom Khurasan ab, des Königs letztem Halt.

Nach Fars und Isfahan sollt' dann der Schlag

Gleichzeitig Aserbaidschan im Nordwest

Und Sistan treffen, ganz im Osten draußen.

Dies ließ den Khurasan einsam und schwach –

Der letzte Akt im Fall des Perserreichs.


Die Rüstung war im Januar Zweiundvierzig

Vollendet ganz. Der Plan hing fest davon,

Wie klug Umar von Medina aus die Schläge

Auf fünfzehnhundert Kilometer lenkte,

Und wie des Feldherrn Kunst im Treffen stand.

Umar wählte ein neues Muster für

Die Führungskraft: Er gab nicht einem Mann

Das oberste Kommando für den Feldzug;

Er rief viel Führer, jedem wies er streng

Ein eignes Ziel. War des Tribunen Werk

Vollendet, ward er wieder schlichter Krieger

Unter dem neuen Vogt für dessen Ziel.

Dies sollte die Tribunen fest mit ihren

Kriegern verbinden, sie daran erinnern,

Dass sie wie alle andern sind: Die Führung

Wird nur dem Kompetentesten gegeben,

Und ist der Kampf vorbei, kehrt er zurück.


Am Vorabend des Feldzugs beschloss

Umar, um den Mut des Heers zu heben,

Da vierer Jahre Trennung schon vergangen,

Den Châlid wieder als Tribun zu rufen.

Denn Châlids Ruf, der Roms Provinzen brach,

Nahm den sassanidischen Führern allen Mut;

Die meisten hatte er im Feld bezwungen,

Als er Sechshundertdreiunddreißig wild

Durch Mesopotamiens Fluren stürmte. Doch

Eh noch des Herrschers Ruf ihn ganz erreichte,

Starb Châlid fern in Emesa im Bett.


Durch diesen ganzen Perserfeldzug hob

Umar die Führer für die Flügel selbst,

Fürs Zentrum und die Reiterei der Macht.

Er wies die Feldherrn mit Strenge an,

Ihn vor dem kleinsten Schritt im fernen Land

Um Rat zu fragen. Jeder Führer musste,

Eh er den Marsch begann, Bericht erstatten,

Die Geographie des Bodens treu beschreiben,

Die Posten melden, Burgen, Städte, Truppen.

Drauf sandte Umar den exakten Plan,

Wie er die Region genommen wünschte.

Nur Taktik vor dem Feind und schnelle Wehr

Blieb den Tribunen vor Ort selbst belassen,

Je nach der Lage, der sie ins Auge sahn.

Umar wählte die besten Männer aus,

Die Ruf und Namen unterm Monde führten.


Nach Châlids Tod rief nun der Herrscher kühn

Abdallah ibn Uthmân, Isfahân

Im Sturm zu nehmen. Und von Nahâvand

Zog Nu'mân ibn Muqarrin nach Hamadân,

Und schritt dreihundertsiebzig Kilometer

Nach Südost fort, bis er Isfahân fand,

Wo er ein sassanidisches Heer bezwang.

Der Perserfürst Schahrvarâz Dschadhûyih

Fiel mit dem Vizeführer in der Schlacht.

Nu'mân, gestärkt durch frischen Zuzug bald

Aus Basra und aus Kufa, den Abû

Mûsâ al-Asch'arî und Ahnaf führten,

Schloss um die Stadt den Ring Belagerung.

Manch Monat lag das Heer vor Isfahân,

Bis sich die stolze Stadt gefangen gab.


Sechshunderteinundfünfzig marschierte dann

Nu'aym, der Bruder von Nu'mân, nach Nordost,

Dreihundertzwanzig Kilometer weit

Von Hamadân, nach Rey im Perserland.

Er lagerte vor der Stadt; sie gab sich hin,

Nachdem sie wilden Widerstand geleistet.

Nu'aym schritt zweihundertvierzig Kilometer

Nach Nordost fort zum Platze Qom, das bald

Ohn' große Weigerung den Moslems wich.

Dies wies des Isfahâner Landes Rand;

Fern im Nordosten dehnte sich Churasân,

Und Sistân lag im Süden tief im Sand.

Indes erhob sich Hamadân und Rey

Im Aufstand wild; Umar schickte Nu'aym –

Des Bruder Nu'mân jüngst im Feld gefallen –,

Dass er den Brand in Hamadân ersticke

And Isfahâns Westgrenze ganz befreie.

Nu'aym nahm Hamadân im blutgen Sturm

Zurück und schritt sogleich nach Rey voran.

Auch dort wehrten sich die Perser wild,

Doch vor der Festung fielen sie im Streit;

Die Moslems nahmen sich die Stadt zurück.

Das Volk bat um den Frieden und versprach,

Die Dschizya treu zu zahlen. Und von Rey

Zog Nu'aym nordwärts nach Tabaristân,

Das südlich an der Kaspisee gelegen.

Der Fürst von jener Scholle unterzeichnet'

Den Friedensbund sogleich mit dem Kalifen.


Der Einbruch in das Fars-Land hob sich an

Im Jahre Sechshunderthunderfunddreißig schon,

Als al-Alâ, der Vogt von Bahrain, kühn,

Nachdem er wilde Stämme dort gedämpft,

Ein Eiland im Persischen Golf besetzte.

Obgleich al-Alâ und den Arabern allen

Umar verboten hatte, Fars zu brechen

Oder die Inseln, die es treu umgaben,

Ritt er mit seinen Mannen plündernd ein.

Er stellte rasch ein Heer auf, das er teilte

In dreierlei Geschwader: al-Dschârûd

Führt' das erste, das zweite al-Savvâr,

Das dritte lag in Chulaids starker Hand.


Als nun das erste Corps nach Fars vordrang,

Ward es zerschlagen; al-Dschârûd fand Tod.

Das gleiche Schicksal traf das zweite bald.

Zwar hielt Chulaid die Abwehr auf Distanz,

Doch schnitten die Sassaniden ihm den Pfad

Zurück nach Bahrain ab. Als nun Umar

Vom eigenmächtgen Zug nach Fars vernahm,

Setzt' er al-Alâ ab und rief sogleich

Sa'd ibn Abî Waqqâs an seine Stell'.

Er befahl Utbah ibn Ghazwân nun,

Verstärkung zu Chulaid ins Feld zu senden.

Als diese Truppen kamen, wich Chulaid

Mit einem Teil nach Bahrain; und der Rest

Zog sich zurück zum Lagerplatz nach Basra.


Um Sechshunderdreiundvierzig nahm Uthmân

Ibn Abî al-Âs Bischapûr im Sturm;

Die Stadt unterschrieb den Friedensbund.

Sechshundertvierundvierzig griff al-Alâ

Vom Bahrain aus das Fars-Land wieder an,

Und drang bis nach Istachr vor, eh ihn Schâhrag,

Der persische Vogt von Fars, zurückgetrieben.

Doch wenig später schuf Uthmân ibn Âs

Bei Tawwâsch einen festen Stützpunkt sich,

Und schlug und tötete den Schâhrag bald

Nah Rew-schahr. Ein Perser, der zum Islam

Konvertiert war, Hurmuz ibn Hayyân,

Ward von Uthmân gesandt, die Küstenburg,

Genannt Senêz, im Sturmwind zu bedrängen.

Als dann Uthmân ibn Affân neuer Herr,

Kalif der Rashidun, im Novembermond

Geworden war, rief Bischapûrs Volk laut,

Geführt von Schâhrags Bruder, sich als frei.

Doch wurden sie im Treffen bald bezwungen;

Der Chronist al-Balâdhurî bezeugt,

Dass dies Sechshundertsechsundvierzig war.


Im Jahre Sechshundertachtundvierzig zwang

Abdallah ibn al-Asch'arî den Vogt

Von Istachr, Mâhâk, zur Übergabe ganz.

Doch die Bürger meuterten im Lande

Sechshundertneunundvierzig, als der Vogt,

Abdallah ibn Âmir, Gôr bedrängte.

Ubayd Allah, der Führer von Istachr,

Ward dort im Streit geschlagen und getötet.

Sechshundertfünfzig zog der junge Schah,

Yazdegerd, dorthin, um die Wehr zu ordnen,

Und wich nach kurzer Frist nach Gôr zurück.

Istachr wehrte sich nur matt; die Moslems

Plünderten bald die Stadt und schlugen dort

Mehr als vierzigtausend Krieger tot.

Die Araber nahmen eilig Gôr, Kazêrûn

Und Sîrâf ein; der Schah entwich nach Kermân.

Die Macht im Fars-Land blieb noch lange schwach,

Viel Aufstand folgte auf den schnellen Sieg.


Der Zug nach Kermân, den Suhail ibn Adî

Geführt, begann zur selben Zeit, als man

Nach Sistân und Aserbaidschan schritt.

Suhail zog Sechshundertdreiundvierzig aus,

Kam durch Schirâs und Persepolis durch,

Verband sich mit den Heeren, zog voran

Gegen Kermân, das nach der Feldschlacht bald

Den Moslems huldigen und weichen musste.


Die Araber plünderten das Sakastân

Schon unter Umars Schirm. Doch erst im Jahr

Sechshundertfünfzig brach der Einbruch los:

Abdallah ibn Âmir stand in Kermân,

Und schickte Mudschaschi mit Truppen aus.

Er ging durch das Wüstenland Dascht-i Lut,

Erreichte Sakastân, verlor die Schlacht

Und musste schwer geschlagen sich zurückziehn.


Ein Jahr drauf sandte ibn Âmir ein Heer

Unter Rabî ibn Ziyâd al-Hârithî

Nach Sakastân. Nach kurzer Frist erreicht'

Rabî das Grenzstädtchen Zalîq und zwang

Den Dehqan dort, die Macht der Rashidun

Anzuerkennen; und das Gleiche tat er

Bei Karkûya, der Burg, wo jener Tempel

Des Feuers stand, den uns die Chronik nennt.

Er nahm noch mehr vom Lande der Provinz.

Dann schloss er um Zrang, die Hauptstadt dort,

Den Ring; nach schwerer Schlacht vor ihren Toren,

Gab sich der Vogt Aparvîz ganz gefangen.

Als nun Aparvîz zu Rabî ibn Ziyâd

Schritt, um den Pakt zu handeln, sah er jäh,

Dass der Araber zwei tote Krieger nutzte,

Um als Stuhl auf ihnen stolz zu thronen.

Aparvîz erschrak vor diesem Bild;

Um sein Volk vor den Arabern zu retten,

Schloss er den Frieden für ein schweres Geld:

Ein' Million Dirham zahlt' er als Tribut,

Tausend Sklavenknaben (oder Mädchen),

Die goldne Schalen in den Händen trugen.

Rabî ward drauf zum Vogt des Lands ernannt.


Achtzehn Monate drauf ward er nach Basra

Gerufen; Abd al-Rahmân ibn Samura

Trat an die Stell'. Das Volk von Sakastân

Nutzt' die Gelegenheit zum Aufstand rasch,

Und schlug das Moslemlager bei dem Zrang.

Als Abd al-Rahmân Sakastân erreichte,

Dämpft' er den Brand, bezwang die Zunbîls auch

Von Zabulistân, nahm die Festung Bust

Und manche Stadt im fernen Joch der Berge.


Das Brechen von Aserbaidschan begann

Sechshunderteinundfünfzig, als der Schlag

Gleichzeitig gegen Kermân, Makrân auch,

Gegen Sistân und den Nordwesten fuhr.

Hudhaifa ward das Land Aserbaidschan

Zugewiesen. Er marschierte eilig fort

Von Rey im Zentralraum bis nach Zandschân hin,

Die feste persische Burg im Norden draußen.

Die Perser traten vor das Tor zur Schlacht,

Doch Hudhaifa schlug sie, nahm die Feste ein;

Wer Frieden suchte, dem ward er gewährt

Nach jener alten Pflicht der Dschizya-Zahlung.

Von Zandschân schritt er fort nach Ardabîl,

Das sich ohn' Kampf ergab. Er zog nach Norden,

Die Westküste der Kaspisee entlang,

Und nahm Bab al-Abwab mit nackter Waffe.

Da rief Uthmân ihn ab; Bukair ibn Abdallah

Trat an die Stell' mit Utba ibn Farqad.

Sie sollten an zwei Fronten koordiniert

Aserbaidschan brechen: Bukair die Küste

Der Kaspisee hinauf, und Utba tief

Ins Herz des Lands. Auf seinem Weg nach Norden

Ward Bukair von einer großen Persermacht

Unter Isfandiyâr, dem Sohn Farruchsâds,

Gehalten. Eine Feldschlacht hob sich an,

Worauf Isfandiyâr gefangen ward.

Um sein Leben zu retten, gab er hin

All sein Gut im Land Aserbaidschan,

Und rief die andern auf, sich zu ergeben.

Utba ibn Farqad schlug dann Bahrâm,

Den Bruder des Isfandiyâr, im Feld.

Auch er bat um den Frieden. Und so wich

Aserbaidschan vor dem Kalifen Umar,

Bereit, die Dschizya jedes Jahr zu zahlen.


Die Moslems hatten das röm'sche Armenien schon

Sechshundertachtunddreißig ganz bezwungen.

Das Perserland Armenien blieb indes

In ihrer Hand, wie auch das Khurasan.

Umar wollt' keine Zufälle im Feld;

Er schätzte die Sassaniden keineswegs

Als schwach ein, was den schnellen Fall des Reiches

Beförderte. Er schickte wieder Truppen

Gleichzeitig nach Nordost und nach Nordwest,

Nach Khurasan am Ende Vierundvierzig

And nach Armenien. Bukair ward gesandt,

Die Stadt Tiflis zu nehmen. Und von Bab,

An der Westküste der Kaspisee gelegen,

Schritt er nach Norden fort. Umar nutzt' hier

Die altbewährte Strategie der Schläge

Von vielen Seiten her. Als Bukair noch

Viel Kilometer vor dem Tiflis stand,

Wies Umar ihn an, sein Heer zu teilen

In dreierlei Geschwader: Habîb sollt'

Tiflis im Sturme nehmen, Abd al-Rahmân

Zog nordwärts gegen das Gebirge hin,

Und Hudhaifa schritt gegen den Südwall aus.

Mit dem Erfolg der drei Missionen fand

Der Zug nach dem Armenierland sein Ende,

Als Umar im November Vierundvierzig

Gefallen war. Bis dahin war fast ganz

Der Süden des Kaukasus in Gottes Hand.


Churasân war der zweitgrößte Raum im Reich

Der Sassaniden; sein Gebiet umschloss,

Was heut im Nordost-Iran gelegen ist,

Nordwest-Afghanistan und Turkmenistân.

Sechshunderteinundfünfzig ward der Zug

Nach Churasân dem Ahnaf ibn Qais

Vollmacht übertragen. Und er schritt von Kufa

Auf einem kurzen, wenig frequentierten Pfad

Durch Rey und Nîschâpûr voran. Das Rey

War schon in Moslemhand; und Nîschâpûr

Ergab sich kampflos seiner Reiterschar.

Von dort zog Ahnaf eilig nach Herât

Im Westen von Afghânistân gelegen.

Herât war fest ummauert; und es lag

Das Heer manch Monat vor dem starken Wall,

Bis es sich übergab. So fiel fortan

Der Süden Churasâns in Moslemhand.

Drauf marschierte Ahnaf stracks nach Norden,

Nach Merw, im heutigen Turkmenistân.

Es war die Hauptstadt Churasâns; dort hielt

Der letzte Schah, Yazdegerd, noch Hof.

Doch als er von dem Nahen der Araber

Vernahm, entwich er flugs nach Balch. In Merw

Fand keine Weigerung statt; die Moslems nahmen

Die Hauptstadt Churasâns ohn' jeden Kampf.


Dort blieb nun Ahnaf, wartend auf den Zuzug

Aus Kufa. Doch der Schah versammelte

Bei Balch indessen eine große Macht;

Er schloss ein Bündnis mit dem Türkenchan

Aus Ferghana, der selbst die Hilfstrupp führte.

Umar befahl dem Ahnaf drauf, das Bündnis

Mit List zu brechen. Und der Chan verstand,

Dass dieser Kampf sein eignes Reich bedrohte;

Er wich zurück nach Ferghana. Der Rest

Vom Heer des Schahs ward blutig dann geschlagen

Am Oxus-Strom; man wich im Fliehen ganz

Über den Fluss nach Transoxanien aus.

Der Schah entkam nur knapp nach China hin.

Die Moslems standen nun am äußersten

Und fernen Rand des Perserreichs. Dahinter

Lag nur das Türkenland und China fern.

So kehrte Ahnaf stolz nach Merw zurück,

Berichtet' Umar eilig vom Erfolg,

Der ängstlich bangend auf die Kunde harrte,

Und bat, den Oxus-Strom zu überschreiten,

Um Transoxanien wild im Sturm zu nehmen.

Umar befahl ihm, einzuhalten, still

Die Macht im Süden dieses Stroms zu wahren.


Im November Sechshundertvierundvierzig fand

Umar den Tod durch eines Sklaven Hand:

Abû Lu'lu'a Fîrûz – ein Persermann,

Der einst vielleicht als Sassanidensoldat

Gedient –, weil Umar ihm die Steuerlast

Nicht mindern wollte. Und der Mörder fand

Schon kurz darauf den Tod durch Henkers Hand

Oder er nahm sich selbst das Leben hin.

Die Tat trieb Ubaid Allah, Umars Sohn,

Dazu, auch Hurmuzân sogleich zu töten –

Den alten persischen Führer, der Umar

Nach dem Gefängnis treu als Rat gedient.

Man hieß, er habe mit dem Knecht complottet,

Als dieser noch die Mordдцать-Waffe hielt.


Uthmân ibn Affân folgt' als neuer Herr

Dem Umar auf den Thron. In seiner Zeit

Erhob sich fast das ganze Perserreich

Von Zeit zu Zeit im Aufstand; und er musste

Viel Heerzüge entsenden, um den Brand

Zu dämpfen und das Land zurückzuholen.

Die größten Brände loderten in Sachsen,

Armenien und Aserbaidschan auf,

Sechshundertsechsundvierzig; Fars und Sistân

Sechshundertneunundvierzig; und Makrân

Sechshundertfünfzig; Churasân darauf

Sechshunderteinundfünfzig. In dem Jahr

Ward Yazdegerd, der letzte Perserschah,

Nah Merw von einem Müller feig erschlagen,

Der nur auf seine Börse gierig war.

Dies machte der Dynastie ein Ende ganz

Und brach den letzten organisierten Schutz.

Indes wuchs Uthmâns Reich weit über rings

Die alten Sassanidengrenzen aus:

Nach Transoxanien und Belutschistân

Und den Kaukasus. Auf manch Jahrzehnt

Blieb dies der Moslemherrschaft fernster Rand.


In Umars Tagen und im Regiment

Der nächsten Herrscher suchten die Araber

Die politische und kulturelle Kraft

Zusammenzuhalten – trotz der großen Pracht

Der Welten, die sie raubend sich unterwarfen.

Zunächst besiedelten die Sieger nur

Die Garnisonsstadt, nicht das freie Land.


Das neue Volk, das nicht dem Islam folgte,

Ward toleriert und hieß fortan Dhimmi –

Das schutzbefohlne Volk. Es musste zahlen

Die Dschizya treu, das ist des Tributs Last,

Die man für jeden Mann verschieden wog:

Zwei Dirham meist für jeden starken Mann

Im wehrfähigen Alter; dafür blieb er frei

Vom Dienst der Waffe. Weib und Kind indes

Waren von dieser Steuer ganz befreit.

Ein Massenübertritt ward nicht begehrt

Und nicht erlaubt in jenen ersten Zeiten.


Umar erließ, so wird berichtet, treu

Die Weisung für das Volk, das nicht bekehrt:

„Macht es dem leicht, der den Tribut nicht zahlt;

Helft dem, der schwach ist; lasst sie ihren Titel,

Doch gebt ihnen nicht unsre Kuniyat –

Die Namen, die nach unsrer Art geformt.“

Und Umars milde Art ward fortgesetzt

Von denen, die ihm auf dem Throne folgten.

Im letzten Wort an Uthmân sprach er noch:

„Ich trage dem Kalifen nach mir auf,

Gut zu den Dhimmis zu sein, den Bund zu wahren,

Sie zu beschützen und sie nicht zu drücken

Weit über ihre Kraft.“ Und so ersetzte

Die Dschizya die sassanidische Steuerlast,

Die ehedem viel höher war gewesen.

Dazu trat noch die alte Steuer auf das Land,

Die man im Arabischen Charadsch nun nannte.

Umar, so heißt es, setzte Prüfer ein,

Die Last der Steuern regelmäßig zu messen,

Damit sie nicht den Boden ganz erdrücke.

Zwar heißt es auch, dass die Zoroastrier

Mit Spott und Hohn bedrängt im Zahlen wurden,

Damit sie ihre Niedrigkeit verspürten,

Doch blieb die Struktur des Reichs im Großen stehn.


Zumindest unterm Rashidun-Regiment

Und den Umayyaden blieb das alte System

Der Sassaniden fast komplett erhalten:

Ein pyramidenförmig aufgebauter Staat,

Der sich in Provinzen (Ustan) gliederte,

Die wiederum in Städte (Schahr) geteilt,

Zentriert um einen Hauptort (Schahristân).

Die Unterbezirke hießen Tasok einst,

Was im Arabischen als Tassûdsch blieb.


Zoroastrier mussten nun die Dschizya zahlen,

Eh man sie schlug, versklavte oder fing.

Wer zahlte, ward vom Zöllner oft verhöhnt;

Doch wer im Kriege als ein Sklave sank,

Erhielt die Freiheit, wenn er gläubig ward.

Obgleich man freie Wahl des Glaubens ließ,

Gab der Eroberer dem, der gläubig ward,

Viel Vorrecht, das ihn den Arabern gleich

Im Rechte stellte; und er zahlte nicht

Die Dschizya mehr. Doch der Bekehrung Gang

War langsam und zog sich durch Jahrhunderte;

Die Mehrheit folgte den alten Göttern noch,

Als sich das erste Jahrtausend weithin neigte.


Die Moslemführer riefen oft zum Gebet

Mit dem Versprechen von barem Gelde auf;

Sie ließen auch den Koran auf Persisch beten,

Damit das Volk den Sinn des Worts verstehe.

Der Islam ward von Handwerkern und jenen,

Die in Gewerken standen, rasch gewählt;

Denn nach zoroastrischem Dogma war die Arbeit,

Die mit dem heiligen Feuer spielte, unrein.

Zudem war es den Missionaren leicht,

Dem Perservolk die neuen Lehren zu zeigen;

Denn Ähnlichkeit war groß in beiden Welten:

Der Perser fand Ahura Mazda dort

Und Ahriman als Allah und Iblis wieder.

In Afghanistan breitete sich der Glaube

Durch der Umayyaden Mission weit aus –

Besonders unterm Herrscher Hischâm und Umar.


Es gab auch große, blühende Gemeinden

Von Christen und von Juden in dem Land,

Dazu Buddhisten und manch andre Schar.

Das Volk bewegte sich doch stetig fort

Zum Islam hin. Der Adel und die Bürger

Konvertierten zuerst; viel langsamer

Schritt es beim Landvolk und den Dehqanen voran.

Erst gegen Ende des zehnten Säkulums

War nun die Mehrheit persisch-moslemisch.


Bis zum fünfzehnten Jahrhundert waren fast

Die Persermoslems Sunniten ganz und gar,

Der Schafi'i- und Hanafi-Schule treu.

Erst als die Safawiden Anfang des sechzehnten

Jahrhunderts stiegen und mit nackter Macht

Die Sunniten zwangen, ward das schiitische Joch

Zur Herrschaft über dieses weite Land.


Im Rashidun-Kalifat blieb das Wort,

Die Amtssprache in Persien, wie zuvor

Das Mittelpersische (Pahlavî), genau

Wie in Ägypten und in Syrien noch

Das Griechische als Amtssprache bestand –

Ein Erbe der alten hellenischen Macht

And der Achämeniden. Erst im Umayyadenreich

Machte man Arabisch zur primären Sprache

Für alle Völker unterm weiten Thron.

Besonders al-Haddschâdsch ibn Yûsuf zwang

Den Irak im Amt, vom Mittelpersischen

Zum Arabischen zu wechseln; dies geschah

Zum ersten Mal seit Babylonien fern,

Dass ein semitisch Wort im Zweistromland

Als Amtssprache erglänzte. Es verdrängte

Die nah verwandten afro-asiatischen Sprachen –

Wie Koptisch in Ägypten und das Punitische

Im Maghreb-Raum. Doch indoeuropäisch Wort,

Wie Mittelpersisch und das Kurdische,

Erwies sich als viel zäher in der Zeit.

Die Struktur des Mittelpersischen blieb bestehn

Und wuchs zum Neu-Persischen heran.

Es nahm viel arabisch Wortgut in sich auf –

Besonders was Religion und Wissenschaft

Betraf –, und wechselte die alte Schrift

In eine Form des arabischen Alphabets.

Heut spricht man Persisch im Iran noch frei,

In Afghanistan und in Tadschikistân.


Das Brechen Persiens durch des Islams Macht

Führte zu einer starken Städtegründung,

Die mit den Abbasiden kühn begann

Und erst im elften Säkulum erlosch.

Dies galt besonders für den Osten rings,

Für Churasân und für Transoxanien.

In dieser Zeit sah Persien Metropolen

Von riesengroßem Ausmaß reich erstehn –

Manch Stadt wuchs auf zweihunderttausend Seelen.

Doch dieser großen Blüte folgte bald,

Im späten elften, frühen zwölften Jahrhundert,

Der tiefe Sturz der Wirtschaft in dem Land.

Viel Volk wanderte aus nach Asien hin,

Nach Indien, Westasien und Anatolien.

Und diese Katastrophe wird genannt

Als Grund, warum das persische Wort fortan

In Zentralasien und im Westen weit

Verbreitung fand und bis heut lebendig blieb.





VIERTER GESANG

DER HERR JESUS CHRISTUS


Des Ostens frühe Stätten christlicher

Gemeinde waren dies: Edessa erst,

Arbela dann im Partherreich und Indien.

Zwar spricht die älteste Tradition von jener

Mission, die einst Aggai, der ein Jünger

Des Addai war, bei Parthern ausgeführt;

Doch gibt es and’re Sagen, die Aggai

Und Mari (auch ein Schüler des Addai)

Als jene preisen, die zuerst das Wort

Evangelii ins Partherland getragen.

Und manche Kunde nennt sie gar zu dritt:

Addai, Aggai, Mari, alle samt

Als Boten Christi in der Parther Reich.


Die Schrift, die man „Der Zwölfe Lehre“ nennt,

Beschreibt das Werk der Boten also zu:


Edessa und das Land, das ringsum liegt,

Nach allen Seiten hin, auch Zoba selbst,

Das man Nisibis nennt, Arabien auch,

Und all der Norden mit den Grenzbezirken,

Der Süden und das weite Land am Rand

Von Mesopotamien – sie empfingen

Die Weihe der Apostel für das Amt

Des Priesters durch Addaeus, den Apostel,

Der einer von den zweiundsiebzig war.


(So steht’s bei Cureton in alten Schriften

Aus Syrien, gedruckt im fernen Edinburgh

Im Jahr des Herrn wohl achtzehnhunderteins

Und siebzig, auf der Seite achtundvierzig;

Wie auch im Amsterdamer Druck von sechsund-

Sechzig auf vierundzwanzig man es liest.

Man nennt dies Dokument auch die Doktrin

Addais oder der Apostel Lehre).


Und weiter kündet dieses Dokument:


Das ganze Perserland der Assyrer,

Der Meder und Armenier, und die Lande

Um Babylon, die Huzen und Gelai,

Bis an die Grenzen, die der Inder hütet,

Ja, bis zum Lande von Gog und Magog,

Und alle Länder, die noch ringsum liegen,

Empfingen die Weihe der Apostel für

Das Priesteramt durch jenen Seidenweber

Aggaeus, der Addaeus’ Schüler war.


Ein andrer Bericht besagt, dass Mari es,

Ein weitrer Jünger des Addai, gewesen,

Der Persien mit dem Evangelium

Erfüllt’. Man muss hier keinen Widerspruch

Erblicken; denn es war stets möglich, dass

Wohl mehr als ein Apostel suchend zog

In ein bestimmtes Land. Vielleicht Genossen

Sie alle drei die Parther-Mission.

Das Buch „Die Lehre des Apostels Addai“

Erwähnt es ausdrücklich, dass Addaeus

Noch and’re Männer seinem Dienst verband:


Aggaeus, der die Seide und die Binden

Des Königs fertigte, und Palut auch,

Barshelma und Barsamya mit den and’ren,

Die ihre Weggefährten waren, kamen

Zum Boten Christi, zu Addaeus hin;

Er nahm sie auf und band sie fest an sich,

Dass sie im heil’gen Dienst mit ihm gewirkt.


Dem Moffett nach besitzt die Lebenskunde

Vom weisen Mari etwas, das uns rührt

Und Glauben fordert. In der Tradition

War Mari – der ein Schüler des Addai,

Der wiederum von Thomas war belehrt –

Gleich jenem Thomas, der erst zweifeln musste,

Ein Botengänger wider eignen Willen.

Man sandte ihn von Ost-Edessa aus

Nach Persien; doch er bat die Heimatskirche

Inständig, ihm die Rückkehr zu erlauben.

Die Kirche zu Edessa aber hieß

Ihn, sein begonnenes Werk dort fortzusetzen.

Widerwillig fügt’ er sich und schritt

Zur Christenbekehrung in das Partherland.

Er unternahm die schwersten Botenreisen,

Die fast bis an des Inders Grenze führten.

„Dort“, sprach er, „als ich jenen Duft gerochen,

Vom Boten Thomas, fühlte ich am End’,

Dass ich die Pflicht erfüllt und weit genug

Gegangen war.“ (So Moffett, Seite acht-

Und siebzig bis zu neunundsiebzig hin).


Als eine der wohl frühesten Gemeinden

Gilt Arbel, Adiabenes Hauptstadt wohl,

Ein kleines Grenzreich in dem Perserland.

Die Hauptstadt selbst lag fünfzig Meilen östlich

Vom Tigrisfluss. Es bleibt kein Zweifel hier:

Der frühe Siegeszug des Kreuzes im

Zwei-Strom-Land-Osten war – wie auch im Westen –

Auf jenen Boden ausgesät, den schon

Die Juden tief gepflügt. Es gab ein großes

Zusammenleben jüdischer Familien

In Arbel und Nisibis, das im Osten

Vom Tigris lag, und Sitz von jener Schule,

Der jüdischen Akademie des Lernens,

Deren Berühmtheit schon im ersten Säkulum

Vom palästin’schen Rabbi ward bezeugt.


Das Christentum verbreitete sich dort

Noch in demselben ersten Jahrhundert.

Und wichtig ist: Der christliche Glaube wuchs

Nicht nur in großen Städten, sondern auch

In Dörfern auf den Bergen rings umher

In Adiabene. Als das Partherreich

Zu Ende ging (zweihundertfünfundzwanzig

Nach Christi Geburt), sah man Gemeinden schon

Auf jedem Weg von Ost-Edessa bis

Nach Afghanistan. Bardaisan selbst,

Der Philosoph aus Ost-Edessa, spricht

In seinem Buch „Gesetze aller Länder“,

Verfasst um einhundertsechsundneunzig,

Von Christen, die im fernen Baktrien

(Dem Norden Afghanistans) friedlich lebten.


Betrachtet man das Wachstum jener Kirche

Im Partherreich zu so unfassbar früher

Und ferner Zeit, so werfen Forscher oft

Die Frage auf, ob Arbel, jene Krone

Von Adiabene, wenn nicht vor Edessa,

So doch ein eigenständiges Zentrum war,

Das unabhängig von Edessa wirkte

Für die Mission im ganzen Perserreich.

Es gibt sogar die These, dass das Wort

Zuerst nach Arbel kam und von dort aus

Nach Ost-Edessa; doch uns fehlt dafür

Ein sicheres Zeugnis der Geschichte. Nur

Josephus, jüdischer Geschichtsschreiber

Des ersten Säkulum, erwähnt uns dies:

Ein König Adiabenes trat zum Glauben

Der Juden über, um das Jahr sechsunddreißig.

Ein solcher Wechsel konnt’ Arbela leicht

Zum Herde jüdisch-christlicher Mission

Zu sehr begnadet früher Stunde machen.


Auch Robert Murray hegt die Meinung fest,

Dass Adiabenes erste Christen Juden

Gewesen sind. Nach ihm besaß das Land,

Das Nachbarreich von Osrhoene war,

Ein blühend Judentum, das wirksam warb,

Was in der Wandlung des herrschenden Hauses

Im ersten Säkulum den Gipfel fand.

„Was immer auch die Wahrheit über jene

Ursprünge der Christen sei im syrisch-

Sprechenden Raum – der Glaube des Aphrahat

Und Ephräm lässt sich am besten deuten

Als eine Abspaltung im Judentum

Von Adiabene. Dieses hatte ja

Historisch feste Bande nach Palästina...“

(So Murray, Seite acht, und Asahel Grant,

In seinem Werk „Die Nestorianer“, New York,

Aus dem Jahr achtzehnhunderteinundvierzig).


Wer waren jene Juden Persiens?

Waren sie Enkel jener zehn verlor’nen

Stämme von Israel? Es gibt die Kunde

Bei den Nestorianern Persiens,

Dass sie von Israel entsprossen sind.

Doch dies bedeutet keineswegs, dass alle

Gemeindeglieder persischer Herkunft auch

Aus jüdischer Wurzel stammten. War die Antwort

Zuerst von Juden auch erteilt, so wuchs

Das Christentum doch bald im Perservolk.

Im dritten Säkulum war, laut Mingana,

Die Mehrzahl der Bewohner dieses Reichs

Schon christlich, und die allermeisten Christen

In Persien allgemein waren gebürtig

Aus Perserblut und nicht von Stamm und Art

Der Aramäer oder Semiten. (Ibid., Seite acht).


Jedoch nach Stewart McCullogh gibt es keinen

Beweis, dass Juden sich in großer Zahl

Dem Christus zugewandt; die meisten wohl

Der Neuen kamen aus den Reihen derer,

Die Heiden oder Zoroastrier waren.

(John Stewart, op. cit., Seite fünf).

Dennoch, am Ende des zweiten Säkulum,

Fand man die Christen schon im fernen Norden

Von Afghanistan. Die Chronik von Arbela

Berichtet uns, dass es zu dieser Zeit

Schon mehr als zwanzig Bischöfe in Persien gab.

In wen’ger als zweihundert Jahren nach

Dem Tod des Herrn war weite Christennot

In Asien tief gedrungen, und die Syrer,

Die Christen waren, trugen nun den Glauben

Nicht nur durchs röm’sche Asien hin, nicht nur

Nach Persien, sondern auch nach Arabien

Und bis nach Zentralasien hinein.


Im dritten Säkulum, als Perser oft

Wohl große Siege gegen Römer feierten,

Entstund im Inneren des Perserreichs

Ein Aufruhr, der das Partherhaus vom Thron

Stieß durch das neue Haus der Sassaniden

Im Jahre zweihundertsechsundzwanzig.

Vier Jahrhunderte lang beherrschten sie

Das Perserland bis zum Erscheinen des Islam.

Die Politik der Sassaniden schlug

Tief ein ins Leben der Christengemeinde.


Die Sassaniden ordneten den Staat

Nach neuen Linien. Ardashir, der Erste,

Der König war, betont’ die enge Pflicht

Vom Königsthron zur Priesterschaft des Lichts,

Den Zoroastriern. Ardashir begründet’

Die Macht aus Glaube und aus Staatsgewalt.

Für ihn konnt’ Religion zwar ohne Staat

Bestehen, doch kein Staat existiert ohn’ Glauben;

Und nur durch heil’ges Recht kann ein Verband

Der Politik gebunden sein. Er nutzte

Die Priester Zoroasters, um die Macht

Zu sichern, und gab ihnen Privilegien.

So ward der König in der Sassaniden

Reich weitaus mächtiger, als er es je

In Partherzeiten war; denn eng verschlungen

War Thron und Altar durch Ardashir den Ersten.

In dieser Epoche ward der Zoroastrismus

Zur Staatsreligion erhoben, was von Zeit

Zu Zeit zu schweren Leiden und Verfolgung

Der Minderheiten führte. Christen litten

Unter Schapur dem Zweiten im vierten Säkulum,

Und unter Bahram V. und Yezdegerd

Dem Zweiten auch im fünften Säkulum.


Zwar waren manche Sassanidenkönige

Den Christen mild gestimmt, doch blieb die Schar

Der Zoroastrier-Priester konsequent

Gegen jedweden fremden Glauben eingestellt.

Jedoch in den ersten hundert Jahren wohl

Der Sassanidenherrschaft herrschte noch

Mehr oder minder Toleranz im Land.


In den ersten dreihundert Jahren christlicher

Geschichte traf Verfolgung nur im Reich

Der Römer ein. Die Perser, vornehmliche

Die Parther, waren minderheitengütig,

Und Sassaniden waren anfangs allzu sehr

Mit Römertriegen beschäftigt. Überdies:

Solang der röm’sche Kaiser jene Christen

Als Feinde Roms betrachtete, so lang

Geneigt war Persiens Herrscher, sie als Freunde

Von Persien anzuseh’n. Zur Zeit Schapurs,

Der Dreihundertundneun den Thron bestieg,

Ward Christentum die Lieblingsreligion

Des röm’schen Kaisers. Konstantin der Große

Erhob gar Schutzanspruch für alle Christen

Auf Erden, und im Jahr dreihundertfünfzehn

Schrieb er an Schapur II. einen Brief,

Der Schutz und Gunst für jene Christen forderte:


„Ich freue mich zu hören, dass die schönsten

Provinzen Persiens geschmückt sind mit...

Den Christen... Da du mächtig bist und fromm,

Empfehle ich sie deiner Sorge, lasse

Sie in deinem Schutz.“ (Ibid., Seite einhundertzehn).


Da beide Reiche fast in ständigem Krieg

Waren, war es natürlich, dass ein Brief

Wie dieser Schapur argwöhnisch gestimmt

Gegen die Christen als Verbündete der Römer.

Die Tatsache, dass Christen (auch die Perser)

Die syrische Sprache im Gottesdienst gebrauchten,

Verstärkte diesen Argwohn nur noch mehr.

Zudem war da der Hass der Zoroastrier-

Priester auf die Christen. Ein Anstoß war,

Dass Christen sich in Sitte und Brauch verhielten

Ganz anders als die Zoroastrier. Zum Exempel

Der christliche Brauch, die Toten in die Erde

Zu legen, und ihr Hang, die Ehelosigkeit

Als höh’re Lebensform zu schätzen, waren

Den Zoroastrier-Priestern widerwärtig.

Die Perser sahen in den Christen eine Drohung

Für die Sicherheit des Staats und den Altar.


Es war erst nach dem Tod Konstantins im

Jahr dreihundertundsiebenunddreißig,

Dass Schapur II. die Verfolgung begann,

Die fast durch seine ganze Herrschaft dauerte.

Die Steuern für die Christen wurden verdoppelt,

Und Bischöfe sollten das Geld eintreiben.

Bischof Simon von Seleucia, der protestierte

Und sprach: „Ich bin kein Steuereintreiber,

Sondern ein Hirte für die Herde Gottes“,

Ward an einem Karfreitag hingerichtet

Zusammen mit einer großen Schar Kleriker.

Im Lauf der Zeit nahm die Verfolgung zu.

Die Kirchen wurden zerstört, und jene Priester,

Die sich dem Sonnendienst verweigerten,

Wurden getötet. Die Strenge dieser Maßnahmen

War von Ort zu Ort verschieden und hing wohl

Vom Gutdünken der lokalen Herrscher ab.


Die Perser, die zum Christentum konvertierten,

Wurden besonders grausam verfolgt. Zuerst

Hatte der Glaube sich unter Juden und Syrern

Ausgebreitet. Doch im Anfang des vierten

Jahrhunderts wurden Perser in wachsender Zahl

Vom Christentum angezogen. Für solche

Konvertiten bedeutete die Mitgliedschaft

In der Kirche, selbst in friedlichen Zeiten,

Den Verlust von Familie, Eigentum und Recht.

In Zeiten der Verfolgung wurden viele

Von ihnen getötet. Es gereicht zum Ruhm

Der persischen Christen, dass sie treu geblieben

Sind zu Jesus Christus, ohne zu wanken.


Im Jahre dreihundertdreiundsechzig schloss

Jovian, der röm’sche Kaiser, einen Vertrag

Mit Schapur II. Durch diesen Pakt gerieten

Mesopotamien und Armenien unter

Die Herrschaft Persiens. Es herrschte Frieden

Auf Zeit zwischen Rom und Persien. Im Jahr

Vierhundertneun brachte der Perserkönig

Yazdegard durch ein Toleranzedikt

Ein vorläufiges Ende der Verfolgung.

Der Frieden, den das Edikt brachte, half

Der Christengemeinde, ihr Leben neu zu ordnen.


Vom Anbeginn des vierten Säkulum,

Als Papa bar Aggai Bischof war

In Seleucia, gab es das Bestreben,

Dem Perserreich ein einheitlich’ Gefüge

Der Kirche zu verleihen. Papa sah

Sehr wohl die Pflicht für ein zentrales Haupt.

Doch dauerte es bis zum fünften Säkulum,

Dass durch die Beratungen von Synoden

Die Ordnung jener Kirche Wirklichkeit

Und festes Recht im Perserlande ward.


Die Synode zu Seleucia (oft genannt

Nach Mar Isaak) trat zusammen im

Jahr vierhundertundzehn nach Christi Geburt,

Geführt von jener Hand des Mar Isaak,

Der Bischof war in Seleucia-Ktesiphon.

Der wichtigste Beschluss, der tiefe Spuren

Im Leben der Gemeinde hinterließ,

War der: Man rief den Bischof dieser Stadt

Zum Primat aus für die gesamte Kirche.

Und zum Beweis von diesem hohen Rang

Verlieh man ihm den Titel „Katholikos“.

Die Synode bestätigt’ Mar Isaak

Als Katholikos und Erzbischof für

Den ganzen Orient; sie stimmte auch

Den Sätzen von Nicäa feierlich

Und ohne Zögern zu. Sie legte fest,

Dass nur ein einziger Bischof einen Sitz

Verwalten darf, und dass die Weihe selbst

Durch drei geweihte Bischöfe gescheh’n

Muss. Sie gab Regeln für die Synoden,

Die alle zwei Jahre zu halten sind,

Für Herbergen, die an den Kirchen liegen,

Für Pflichten, die dem Archidiakon

Obliegen, und für Rang und Würde auch

Der Metropoliten; und für Ehre,

Gehorsam, die dem Katholikos man

Schuldig ist. Die Akten nennen Zeugen,

Bischöfe aus fernen Orten Persiens,

Von Inseln aus dem Persischen Golf, aus Medien

Und selbst aus Khursan, die dort saßen.


Die Kanones der Synode lassen keinen

Zweifel am Recht des Metropoliten,

Des Katholikos von Seleucia-Ktesiphon.

Denn ohne sein Einverständnis war

Kein Urteil und kein Bischofswahlrecht gültig.


Selbst König Yazdegard genehmigte

Die Ordnung auf der Basis dieses Rechts

And erließ ein Edikt (ein Firman genannt),

Das Katholikos als das Oberhaupt

Der Perserkirche anerkannte. So

Erhielten Christen einen festen Stand

Im Volk; sie durften ihre eignen Dinge

Frei leiten, doch sie blieben Antwort schuldig

Dem Staat durch ihren Katholikos. Er

Ward so ein weltlich’ und ein geistlich’ Haupt.

Der größte Fehler dieses Systems war,

Dass künftig jede Wahl des Katholikos

Vom Perserkönig zu bestät’gen war,

Was in der Praxis hieß: Nur der Günstling

Des Königs konnt’ den Thron bestehen.


Auf diese erste folgten and’re Synoden.

Die wichtigste von ihnen war die Synode

Von Dadyeshu. Am End’ von Yazdegards

Regierungszeit, im Jahr vierhundertzwanzig,

Begann erneut Verfolgung für die Christen.

Dadyeshu ward gewählt im nächsten Jahr

Zum Katholikos; er litt selbst in der Not

Und saß im Kerker. Es war eine Zeit

Der Unruh’ auch im Innern durch Parteien,

Und in solch’ Lage trat die Synode

Zum dritten Male für die Kirche auf.


Die Synode von Dadyeshu trat zusammen

Im Jahr vierhundertvierundzwanzig in

Markabata, der Araber Stadt, geführt

Von Mar Dadyeshu. Sie erwies sich als

Bedeutendste von allen Synoden.

Die erste Synode im Jahr vierhundertzehn

Beschloss, dass Katholikos von Ktesiphon

Der Höchste sei unter den Bischöfen;

Dadyeshu aber setz’ die Krone auf:

Er sollte einz’ges Haupt der Kirche sein,

Und keine fremde Kirchenmacht durft’ je

Über ihm stehen. Es ward festgeschrieben:


Die Menschen aus dem Osten sollen nicht

Bei westlichen Patriarchen Klage führen

Gegen ihr eigen’ Haupt; und jeder Fall,

Der durch ihn nicht geschlichtet werden kann,

Muss warten auf das Tribunal von Christus.


Hier nannte man den Katholikos zum

Ersten Mal Patriarch und hielt es fest,

Dass er allein Gott Antwort schuldig sei.

Die Synode sprach:


Durch Gottes Wort bestimmen wir:

Die Ostchristen können keine Klage führen

Gegen den Patriarchen vor den Vätern

Des Westens; jeder Fall, der vor ihm nicht

Entschieden wird, muss auf das Urteil Christi

Warten... Aus keinem Grunde darf man denken

Oder sagen, dass der Katholikos

Des Ostens von gering’ren Bischöfen

Oder von einem gleichen Patriarchen

Gerichtet werden kann; er selbst muss Richter

Über all jene sein, die unter ihm,

Und er wird nur von Christus selbst gerichtet,

Der ihn gewählt, erhöht und an die Spitze

Der Kirche Seiner Welt gestellt hat.


(Zur Zeit des Timothy des Ersten, der

Regiert’ von siebenhundertachtzig an,

Ward dieser Kanon in ein Buch gefasst,

Das man als Synodicon Orientale

Kennt, beginnend mit Mar Isaak).


Die Bischöfe – sechs Metropoliten und

Wohl dreißig Bischöfe aus ganz Persien –

Warfen sich vor Dadyeshu auf die Knie,

Der zögerte, und schworen ihm die Treue

In Worten, die die Kirche Asiens

Als frei in Christus unter eignem Haupt

Erklärten – nicht im Streit mit dem Westen,

Doch gleich an Rang und Würde jedem Sitz

Im Abendland. Es war kein Akt des Schismas,

Wie manche Römer es gedeutet haben.

(So Chabot im Synodicon, Seite

Zweihundertsechsundneunzig).


Was diese Synode von jenen davor

Unterscheidet, ist, dass sie für den Osten

Sämtliche Rechte eines Patriarchats

Beanspruchte. Und dieses Recht schloss ein

Die Unabhängigkeit der Leitung – nicht

Als Ketzerei, noch als Trennung gedacht,

Sondern als Freiheit von der fremden Hand.

Und Moffett hat Recht, wenn er kündet, dass

Es keinen sich’ren Nachweis dafür gibt,

Dass diese Kirche außerhalb des Röm’schen

Reichs je Antiochia anerkannt,

Geschweige Rom oder den Westen. Sie

Machte nur deutlich, was in der Praxis

Schon lange galt. Für die Bischöfe dort

Waren die Christen aus dem Abendland

Wohl Brüder und Schwestern in dem einen Christus,

Nicht separated; doch ihr Kirchenrecht

Endete an der Grenze Persiens.

Das pers’sche Asien war dem Westen fern –

Nicht durch ein Schisma, sondern als Privileg.


Die Festschreibung der Unabhängigkeit

Von fremder Einmischung und Kirchenmacht

Hatte gewalt’ge Folgen für den Staat

Und für das Leben in dem Perserreich,

Das fast im ständigen Krieg mit Rom lag.

Man konnt’ die Christen nun nicht mehr verdächt’gen,

Verbündete der Römer zu sein.


Auf der Synode von Mar Acacius

Im Jahre vierhundertsechsundachtzig ward

Ein revolutionärer Satz beschlossen,

Der die Ehe des Klerus betraf.

Metropolitan Barsauma von Nisibis

Hatte die Ehe für Priester und Bischöfe

Schon lange Zeit verteidigt; er selbst nahm

Eine Nonne zur Frau. Und so beschloss

Die Kirche offiziell im selben Jahr

Ein Recht, das gegen die Askese ging

Des Ostens und das westliche Gesetz.

Der Kanon sprach das Recht für jeden Christen

Aus, zu heiraten – ob er Laie sei,

Priester oder Bischof. Und kein Bischof durft’

Hier Hindernisse in den Weg legen.


Der Text des Kanons schreibt vor: dass Weihen

Zum Diakonat nur verheirat’ten Männern

Zustehen, und es folgt daraus (nach Timotheus),

Dass Bischöfe verheiratet sein sollten;

wer freiwillig die Ehelosigkeit

Wählt, muss im Kloster rein und keusch leben;

kein Bischof darf dem Wunsch des Priesters wehren,

Zu heiraten, und wenn er Witwer wird,

Erneut ein Weib zu nehmen. Kurz gesagt:

Die Wahl für Kleriker war Keuschheit oder

Die Ehe, die durch Kinder wird geschmückt.

Und Strafen wurden für den Fall gesetzt,

Dass jemand diese Regeln missachtete.

(So Moffett, Seite einhundertsieben-

Undneunzig bis einhundertneunundneunzig).


In der nächsten Synode, die Mar Babai

Im Jahre vierhundertsiebenundneunzig

Führte, ward dieser Satz erneut bestätigt;

Und öffentlich erklärte man, dass jeder

Kleriker, vom Katholikos hinab,

Ganz offen eine Ehe schließen darf.


Viel’ Gründe gab man für diesen Entschluss:

Aus der Schrift, und aus Moral und Sitte.

Man gab zu, dass die Pflicht zur Keuschheit oft,

Wenn keine Gabe zur Askese vorlag,

Zu Missbrauch und Unmoral geführt hatte.

Es ist ja besser, zu heiraten, als

Vor Brunst zu brennen (nach Korintherbrief).

Zudem belächelten die Perser sehr

Den ehelosen Klerus; sie sahen

In Keuschheit eine Schwäche für das Reich.

Die Tugend der Jungfräulichkeit erbitterte

Das Volk, und auch der Staat drängte die Kirche,

Den Stand zur Ehelosigkeit zu ändern.


Im Römischen Reich waren das vierte und

Das fünfte Säkulum voll Theologenstreit

Und ökumenischer Synoden. Früh

Im vierten Säkulum kam die Frage auf:

Wenn Gott nur einer ist, wie kann dann Christus

Gott sein? Der Streit, der darauf folgte, war

Zwischen jenen, die Gottes Einheit treu

Bewahren wollten, und jenen, die Gott-

Heit Christi schützten. Die Synoden von

Nicäa (dreihundertfünfundzwanzig) und

Konstantinopel (dreihunderteinundachtzig)

Traten zusammen und definierten so

Den trinitarischen Glauben.


Der nächste Streit galt den zwei Naturen

In Christus. Die Kirche glaubte stets,

Dass Jesus ganz Gott und ganz Mensch sei; doch

Die Not war zu erklären, wie ein’ Person

Zugleich ganz Gott und ganz Mensch sein kann, ohn’

Dass sie als zwei Personen erscheint. Wie kann

Die Doppelnatur in einer Person

Vereint und doch klar unterschieden sein?

Die Schulen von Alexandrien und

Antiochia standen sich im Streit

Gegenüber. Während Alexandria

Die Gottheit schützte, hob Antiochia

Die Menschheit Christi hervor. Für sie schien

Die Lehre Alexandrias die Menschheit

Christi zu schwächen und die zwei Naturen

In einer Person nicht recht zu trennen.

Ihr fleischgeword’ner Christus schien nur eine

Natur zu haben, die göttliche; man

Nannte sie Monophysiten. Doch jenen

In Alexandria schien es, als ob

Antiochia Christi Gottheit minderte

Und die Naturen so zerschnitt, dass Christus

Als zwei Personen erschien. Im Fleischgeword’nen

Seien zwei Naturen nicht recht vereint,

Um eine Person zu bilden. Man nannte

Sie Diophysiten.


Der große Denker dieser Schule war

Theodor von Mopsuestia (dreihundert-

Fünfzig bis vierhundertachtundzwanzig).

Nestorius war sein Schüler und ward bald

Die Leitfigur in diesem Streit. Er war

Zu jener Zeit Patriarch in der Stadt

Konstantinopel. Das Konzil von Ephesus

Im Jahre vierhunderteinunddreißig

Verdammte seine Lehre, schloss ihn aus

Und verbannte ihn nach Ägypten; und

Der Kaiser Theodosius gab Befehl,

Dass seine Schriften zu vernichten seien.

Die Antiochener wurden vom Staat

Gezwungen, Frieden mit Alexandria

Zu schließen, das in Ägypten mächtig war.


Die Kirche des Ostens nahm das Konzil

Von Ephesus nicht an. Obgleich der Einfluss

Von Nestorius in Antiochia schwand,

Starb er im Osten nicht. Edessa ward

Ein Zentrum des Nestorianismus. Viele

Der Lehrer an der Schule dort hingen

Noch immer an Theodors Worten und

Billigten weder Ephesus noch den Weg,

Wie Kaiser Frieden aufzuzwingen suchten.

Die Haltung dieser Schule war von Gewicht,

Weil dort die meisten Kleriker der Kirche

Von Persien wurden ausgebildet. Hier

Erhielten Schüler tiefes Verständnis für

Nestorianische Sicht, und wenn sie heim

Nach Persien kehrten, wurden sie zu Stützen

Des Nestorianismus. So spaltete

Der Streit die syrische Kirche in zwei Lager:

Die Westsyrer, die unter Byzanz lebten,

Schlossen Frieden mit Alexandria

Und wandten sich dem Monophysitismus zu;

Die Ostsyrer unter Persiens Herrschaft

Wurden Nestorianer.


Zur Zeit des Streits war Rabbula der Bischof

In Ost-Edessa. Anfangs war er noch

Ein treuer Helfer des Nestorius; doch

Als Antiochia Frieden schloss, da wechselte

Auch Rabbula die Seite, verließ den Freund

Um des Friedens willen mit Ägypten.

Er verbrannte Theodors Werke und nannte

Ihn Vater der nestorianischen Ketzerei.

Ibas, das Haupt der Schule, blieb jedoch

Der Lehre treu. Als Rabbula verstarb

Im Jahre vierhundertfünfunddreißig,

Ward Ibas zum Bischof gewählt. Doch war es

Schwer für Edessa, Zentrum einer Lehre

Zu bleiben, die im Reich verdammt war. Und

Im Jahre vierhundertneunundachtzig

Schloss Kaiser Zeno diese Schule; viele

Der Lehrer und der Schüler flohen fort

Nach Persien.


Dieweil im Röm’schen Reich der Glaube schwand,

Den man Nestorius’ Lehre nennt, so stieg

Er doch in Persien machtvoll empor.

Die Mehrzahl jenes Klerus, der zuvor

In Ost-Edessa tief studiert und ganz

Nestorianisch dachte, kam nunmehr

In der Gehege dieser Perserkirche

Zu hohem Ruhm; und durch ihr Wirken grew

Der neue Glaube weit im ganzen Land.

Ein solcher Schüler aus Edessa war

Barsauma, der Nisibis’ Bischof ward.

Er macht’ Nisibis zum Hauptzentrum für

Die Nestorianer im Zwei-Strom-Land.

Man sagt von ihm, dass Persiens weites Reich

Dem kühnen Mann Barsauma mehr verdankt

Für dieses Glaubens Wachstum als sonst wem.


Als theologische Meinung war das Wort

Schon lange Zeit in Persien offenbar;

Doch gab es auch ein politisch’ Motiv

Für des Nestorianismus schnellen Lauf.

Die Perserherrscher hatten Christi Wort

Zuvor bekämpft, weil es der Glaube war

Des Erzfeinds, der im fernen Rom regiert’.

Doch nun, da Rom Nestorius verdammt’,

Und jene Christen Zuflucht suchten in

Dem Perserreich, bestand nicht mehr Gefahr,

Dass diese Form des Christentums ein Band

Zu einer fremden Macht knüpfen vermöcht’.

Im Gegenteil: Es schien politisch klug,

Den neuen Glauben unter Persiens Christen

Zu fördern, um sie von den Christen im

Bereich der Römer dauernd zu entfremden.


Der König Peroz (vierhundertsiebenundfünfzig

Bis siebenundachtzig) ließ die Kirche frei

Von Schrecknissen, bis auf ein kurzes Leid

Im Jahre vierhundertfünfundsechzig, das

Sich gegen jene wandte, die Gemeinschaft

Mit Roms Reichskirche halten wollten. So

Verhalf die Gunst der Perserregierung und

Der Strom der Christen aus Edessa zu

Nestorianismus schnellem Lauf im Land.


Es war auf der Synode des Acacius

Im Jahre vierhundertsechsundachtzig, die

In Seleucia tagte, dass die Kirche

Die Lehre offiziell empfing. Die erste

Tat der Synode war, ein echtes, recht-

Gläubiges, apostol’sches Bekenntnis

Des Glaubens aufzusetzen, das sich frei

Vom Monophysitismus trennte, wie

Vom westlichen Chalcedonenser-Glauben.

Die Synode schrieb die Trinität vor:


Wir glauben an ein göttliches Wesen,

In drei vollkommenen Personen stets,

An eine Dreifaltigkeit, den wahren,

Ewigen Vater, Sohn und Heil’gen Geist.


Das Wort war klar nestorianisch in

Dem Satze über die Fleischwerdung und

Die Doppelnatur des Christus. Ein zweiter

Kanon schützte vor der Spaltung durch

Die Monophysiten, indem er die Macht

Der Bischöfe über Mönch’ und Eremiten

Erneut bekräftigte; denn man befürcht’te,

Dass diese Ketzerlehre dort verfing.

Man rief den Frommen zu, nicht ohne Ziel

Und Ordnung durch die Dörfer zu spazieren.


Auf Mar Acacius folgt’ der Patriarch

Babai. Auf seinen Synoden im Jahr

Vierhundertachtundneunzig und im Jahr

Vierhundertneunundneunzig ward das Wort

Nestorius’ erneut bestätigt und

Zur Lehre jener Staatskirche erhoben.

Obgleich der Westen ihn als Ketzer schalt,

Hat es der Osten niemals so getan.

Für sie war die Lehre von Theodor

Und von Nestorius rechtgläubig ganz.

Die neu’re Wissenschaft hat ihren Stand

Gerechtfertigt; man sieht es heute ein,

Dass er das niemals lehrte, was ihm seine

Feinde zur Last gelegt. Er dachte weit

„Rechtgläubiger“ als mancher Widersacher.


Aphrahat, der persische Weise

Gleich Ephräm in Edessa war Aphrahat

Der größte Denker Persiens im vierten

Jahrhundert. Wenig wissen wir von ihm.

Ein’ sagen, dass er Zoroastrier war

Vor seiner Wandlung; and’re halten fest,

Dass er aus jüdischem Glauben kam. Er war

Assyrer, im Norden von Mesopotamien,

Im Land von Adiabene, einst geboren,

Ein Mönch und wohl ein Bischof auch. Sein Werk,

Das einzig uns erhalten blieb, trägt den

Namen „Darlegungen“ und umfasst wohl drei-

Undzwanzig Abhandlungen, die er schrieb

Zwischen dreihundertsiebenunddreißig und

Dreihundertfünfundvierzig. Die ersten zehn

Kapitel handeln von zehn Seiten des

Christlichen Lebens und der Lehre, wie

Vom Glauben, Fasten, Beten und der Demut.

Hier zeigt er einen ganz einfachen Glauben,

Der fest in der Heil’gen Schrift verankert ist.

Sein theolog’scher Standpunkt ist ganz schlicht:


Ein Herr, der Jesus Christus ist, bildet

Das Fundament von unserm ganzen Glauben.


In Kapitel neunzehn finden wir das,

Was man als Aphrahats Credo bezeichnen darf:


Das ist der Glaube: Wenn ein Mensch an Gott

Glaubt, den Herrn über alles, der den Himmel,

Die Erde und die Meere schuf und all

Das, was in ihnen lebt; der Adam schuf

Nach Seinem Bilde; der das Gesetz dem Mose

Gab, Seinen Geist auf die Propheten sandte;

Der Seinen Christus in die Welt gesandt;

Und dass der Mensch an die Auferstehung

Der Toten glaubt, und an das Sakrament

Der Taufe. Dies ist Gottes Kirchen-Glaube.


Für Aphrahat steht die Christenschar im Dienst

Des Christus. Darum mahnt er sie zu achten

Auf das, was für den Dienst des Herrn vonnöten:

Ein reines Fasten, reines Beten, Liebe,

Sanftmut, Jungfräulichkeit und Heiligkeit.

In seiner Lehre an die Mönche mahnt

Er sie, dass ihr Leben ein ständiger Krieg

Zwischen den Gläubigen und dem Teufel sei.

Satan wird sie versuchen mit den Freuden

Der Welt, dem Luxus und der Lust. Das Werkzeug,

Das am gefährlichsten für die Versuchung,

War stets das Weib; der sich’re Weg für Männer

Ist drum, die Liebe zu der Frau zu meiden

Und einsam nur für Christus zu leben.

Und für die Frauen ist der höchste Ruf,

Die Jungfräulichkeit zu wählen, um dem Teufel

Sein Werkzeug zur Versuchung zu entreißen.


Doch Aphrahat sah ein, dass dieses nicht

Für alle Christen möglich sei. Er wusste,

Dass Gott die Ehe eingesetzt, und dass

Sie gut sei. Christen dürfen sich vermählen;

Doch wenn sie es tun, sei es am besten,

Es vor der heil’gen Taufe zu vollziehen.

Es ist von Interesse, dass Aphrahat

In seiner Rede an die Mönche sagt:

Wenn ein Mönch wünscht, dass eine reine Frau,

Die Keuschheit gelobt, bei ihm wohnen soll,

So sei es besser für sie beide, ganz

Offen zu heiraten und zusammenzuleben.

(So in Darlegungen sechs, Kapitel vier).

Über Aphrahat und Ephräm schreibt Murray:


Sie bekräftigen zwar das Recht der Ehe,

Doch ihre Begeisterung gilt dem Stand,

Dem sie sich beide zweifellos verschrieben,

Dem Leben der Weihe für Christus als Jungfrau.


Die Auferstehung der Toten war Teil

Von Aphrahats Credo. Gegen jene,

Die lehren, dass der Auferstandene

Nur einen Himmelskörper habe, zeigt’

Er auf, dass Auferstehung anfangs meint

Die Auferstehung des Leibes aus der Erde.

„Am Tag der Auferstehung wird dein Leib

In seiner Ganzheit aufersteh’n.“ Wie Ephräm,

So zeichnen Aphrahats Schriften sich aus

Durch sein Interesse an den Juden und

An ihren Bräuchen. Beide hoben hervor,

Dass Gottes auserwähltes Volk (die Juden)

Ersetzt ward durch ein neues Volk, die Kirche

Der Heiden, die sie nannten: „Das Volk aus

Den Völkern.“ Um das Thema der Erwählung

Der Heiden statt des alten Israel

Darzustellen, nutzten sie zwei Wege:

Die typologische Parallele und

Die Listen von Zeugnissen aus der Schrift.


Für Aphrahat muss Israels Erwählung

Im Lichte von Gottes Heilsplan verstanden

Werden, der für alle Welten gilt.

Die Vorrechte des Auserwählten sollten

Auf alle Völker ausgedehnt werden;

Und alle Riten Israels waren Typen,

Die Erfüllung in der Kirche suchten.

Abrahams Bedeutung liegt darin, dass Gott

Versprach, Sein Heil durch ihn auf alle Völker

Auszudehnen; und die Geschichte Abrahams

Zeigt nicht nur das zeitliche Bundeszeichen

(Die Beschneidung), sondern auch den Weg

(Den Glauben), durch den ein Mensch aus jedem Volk

An dem verheißenen Segen teilhat.


Während Marcion das hebräische Gestern

Verwarf, taten die syrischen Väter dies

Keineswegs. Für Aphrahat ist die Kirche

Die wahre Erfüllung des alten Volks,

Und seine Helden sind schlicht „unsere Väter“.

Er zeigt Ergebenheit den Heiligen

Des Alten Bundes. Israel ist der Träger

Des künft’gen Segens, die Wiege des Messias.

Die Wahl Israels ist nicht an sich vollendet,

Sondern ein Lauf in der Geschichte, der

Auf die Erfüllung weist; und dies gilt für

Sämtliche Bräuche – die Beschneidung, Bund,

Das Passahfest, das Priestertum und Opfer,

Das Königtum, Versammlung und Synagoge.

Die Kirche ist für alle, und es braucht

Kein’ Unterschied mehr. Die Beschneidung war

Ein Typus, der in der Taufe sich erfüllt.

Denn Gott ist treu, und Seine Bündnisse

Sind überaus verlässlich; jeder Bund

War in seiner Zeit sicher und erfunden wahr.


In Christus sind die Bündnisse erfüllt.

„Denn jene, die im Herzen beschnitten,

Haben das Leben und sind ein zweites Mal

Beschnitten durch den wahren Jordanfluss,

Die Taufe zur Vergebung der Sünden.“

Für Aphrahat ist, was immer der Sinn

Der Opfer in alten Zeiten gewesen sei,

Durch Christus und in Ihm ganz erfüllt.


Die Absichten des Gesetzes wurden

Beendet durch das Kommen unsres Lebens-

Bringers, der Sich Selbst anstelle der

Opfer im Gesetz dargebracht hat und wie

Ein Lamm zur Schlachtbank geführt ward, statt des

Lammes der Sühne... Er gab Sein Blut für

Die ganze Menschheit, sodass das Blut von Tieren

Nicht mehr von uns gefordert werden soll.


Da die syrischen Väter die alte

Ordnung der Opfer als wertlos betrachten,

Ist es seltsam, wie fest beide Männer

Eine Tradition hielten, die dem Neuen

Testament fremd ist, nämlich: dass Christus

Als Hoherpriester „nach der Ordnung des

Melchizedek“ das Priestertum Aarons

Empfing, durch ununterbrochene Nachfolge

Der Handauflegung durch Johannes den Täufer,

Der aus priesterlicher Familie stammte;

Als das alte Priestertum verworfen ward,

Blieb die Kraft in Christus, und Er gab sie

An Seine Apostel weiter.


Für Aphrahat, wie auch für Ephräm, war

Es bei Seiner Taufe, dass Jesus das

Priestertum von Johannes empfing. Ephräm sagt:


Der Höchste stieg auf den Berg Sinai herab

Und streckte Seine Hand über Mose aus.

Mose legte sie auf Aaron,

Und so ging es weiter bis zu Johannes.

Darum sprach unser Herr zu ihm:

„Es ist recht, dass ich von dir getauft werde,

Damit die Ordnung nicht untergeht.“

Unser Herr gab sie den Aposteln,

Und siehe, in unserer Kirche ist ihre Weitergabe,

Gesegnet sei Er, der uns Seine Ordnung gab.


An and’rer Stelle sagt Ephräm, dass es

Der alte Simeon im Tempel war,

Der als Priester galt und Christus das

Priestertum gab, das von Mose stammte.

Und noch woanders sagt er, Christi Priester-

Tum sei von Melchizedek gekommen.


Obgleich Aphrahat gegen die Juden schrieb,

Zeigt’ er großen Respekt vor dem jüdischen

Gläubigen. Warum widmete er dann

So viel’ Kapitel dem Problem der jüdisch-

Christlichen Beziehung? Von frühen Zeiten an

War Adiabene im Nordosten, samt

Edessa und Nisibis im Nordwesten

Und Seleucia-Ktesiphon im Süden,

Ein Hauptzentrum für die Juden im Osten.

Zuerst war es in diesen jüdischen

Gemeinden, dass die Kirche Persiens wuchs.

Judenchristen wiederum begannen dann,

Die Heiden zu bekehren. Doch die jüdischen

Und christlichen Gemeinden mussten wohl

Sozial verbunden bleiben, besonders in

Einer Welt, die meist heidnesch oder zoroast-

Risch war. Das Verhältnis zwischen Glauben

Und Judentum war eine schwere Frage

In Persien, und die Väter fühlten wohl

Die Pflicht zur christlichen Apologetik

Gegen die Juden. In Verfolgungszeiten

(Die Juden wurden nicht verfolgt) bestand

Gefahr, dass Judenchristen rückwärts gingen

Zum Judentum. Wie Stewart McCullough zeigt:


Es ist schwer zu bestimmen, was der Zweck

Dieser Schriften war. Einige mögen nützlich

Gewesen sein, um Juden in die Kirche

Zu führen. And’re sollten Judenchristen

Davor bewahren, in jüdische Bräuche

Zurückzufallen. Dies war eine echte

Gefahr; denn die Zeugnisse beweisen uns,

Dass Schapurs Verfolgung der Minderheiten

Sich nicht auf die Synagoge erstreckte.


In seinen Tagen litt die Kirche Persiens

Schwere Verfolgung unter Schapur II.

Und Varuhara IV. In seinem Buch

Über Verfolgung sprach Aphrahat den

Gläubigen zu, dass sie Nachfolger seien

Eines verfolgten Jesus, und dass Gott

In Seiner Gnade Gutes aus dem Bösen bringt.


Für viele Säkula sind Persiens Christen

Nach Ost-Edessa für ihr Studium

Des Glaubens fortgezogen. Jene Stadt

War das gewalt’ge Zentrum für den Osten.

Doch, wie wir sahen, traf der Streit um Christi

Natur Edessa auch, und als der Geist

Der Monophysiten dort zu mächtig ward,

Schloss man die Schule und vertrieb die Lehrer.


Im Friedenspakt, den Kaiser Jovian

Mit Schapur II. im Jahr dreihundertdrei-

Undsechzig schloss, fiel die Stadt Nisibis

Zurück an Persiens Macht. Dort blieb sie auch,

Bis sie an die Araber fiel im Jahr

Sechshunderteinundvierzig nach dem Herrn.

Sie war die erste Stadt im Westbezirk

Des Perserreichs. Wie wir schon früher sagten:

Als Nisibis an Persiens Krone fiel,

Zogen viel’ Christen fort nach Ost-Edessa;

Doch nun kehrte die Schar nach Nisibis

Zurück. Der Bischof dieser Stadt war damals

Barsauma, der ein großer Kämpfer war

Für das Dyophysiten-Wort. Er hieß

Narsai und and’re Lehrer aus Edessa

In Persien willkommen; und durch ihn,

Barsaumas Tat, und unter der Führung auch

Narsais, ward die Schul’ erneut gegründet.


Zwar ist das Datum für das Fundament

Von Nisibis uns nicht bekannt, doch fing

Es nach vierhundertneunundachtzig an,

Als man Edessas Schule ganz geschlossen.

Wie McCullough bemerkt’: „Was auch das Datum

Sei, Nisibis war in der Tat der Erbe

Und die Fortsetzung von Edessas Geist.“


Narsai genoss unfassbar großen Ruhm;

Von seinen Zeitgenossen war ihm keiner

An Würde gleich. Er war der Mepasqana

(Das heißt: Interpret der Heil’gen Schrift)

An dieser Schule, und ein großer Dichter.

Er schrieb ein’ große Zahl von Memre auf,

Und seine Schöpfung stammte meistens aus

Der Welt der Bibel. Diese Lieder sangen

Von großen Bildern – Josef, Samuel,

Salomo, Hiob und Johannes auch,

Der Täufer war, von Paulus, Maria und

Viel’ and’ren; von Ereignissen im Neuen

Testament, wie Geburt und die Versuchung;

Und von den Taten der Heilsgeschichte:

Die Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten.


Narsais Gabe für das Wort macht’ ihn

Zum Meister syrischer Redeweisen. Durch

Den Dichtergeist entzückt’ er seine Hörer;

Er wusste auch, wie er das Lied im Volk

Beliebt macht’. Seine Theologie goss er

In Memre mit wohlklingenden Melodien.

Der Ruhm, den er für sich gewonnen hatte,

Hallt wider in den Namen, die die Sage

Ihm gab. Abdiso sprach von ihm als wie

Von einer Harfe des Heil’gen Geistes. Es

War eine Zeit, in der das Fundament

Der Perserkirche tief gelegt ward. Seine

Gelehrsamkeit half mit, dass dieses Haus

Auf Schrift und Denken fest gegründet stand.

Er war ein großer Lehrer, dessen Wissen

So einzigartig schien, dass seine Schüler

In Staunen und Verehrung glaubten, sie

Sähen Engel um seinen Stuhl her schweben,

Wenn er sie lehrte. In der Tradition

Lebt er als „Mund des Orients“ fort,

Oder als der „bewunderungswürdige Doktor“;

Die Kirche gab ihm die Ehre, ihn

„Rabban den Großen“ feierlich zu nennen.


Vööbus zeigt uns auf, dass and’rer Grund

Für diesen Ruhm in seiner Reinheit lag.

Sein strenges Leben sprach zum einfachen Volk

Viel lauter als Gelehrsamkeit; er kasteite

Den Leib. „In ihm erscheint das Bild des Kämpfers

Unter den führenden Geistern dieser Zeit.“

Der einz’ge Schatz, den er besaß, waren

Nur seine Bücher auf dem schlichten Tisch.


Der Mittelpunkt der Schule war die Zucht

Des Geistes und das Studium der Schrift.

Das Wort war Herz und Kern des Lehrplans dort.

Im Rahmen des biblischen Wissens wurde

Den Schülern eine feste Schulung in

Der Auslegung der Schrift erteilt – nach Art

Vom „großen Dolmetsch“ Theodor, des Sätze,

Nüchtern und wörtlich, stets das Muster blieben.

Narsai zollt Theodor den Dank im Lied:


Es ist recht, ihn den Doktor aller Doktoren

Zu nennen, die Beweglichkeit des Geistes,

Ohne die es kein’ Lehrer gäbe, der

Gute Unterweisung geben könnte; durch

Den Schatz von seinen Schriften haben sie

Alles bereichert, was sie je gewonnen;

Und durch die Kommentare lernten sie

Die Kunst der Auslegung; von ihm hab’ ich

Die Pflicht zur Meditation des Gottesworts

Gelernt; sein Denken ward für mich der Führer

Zur Schrift, und er erhob mich zum Verständnis

Der Bücher, die vom Geiste Gottes zeugen.


Die Predigtlehre ward dort nicht versäumt,

Doch gründete sie auf der strengen Deutung

Des Texts. Theodors Sinn für die Geschichte

Und sein diszipliniertes Denken hatten

Ihn gezwungen, das allegor’sche Wesen

Der Alexandriner abzulehnen. „Sie

(Die Alexandriner) drehen in der Tat

Alles nach hinten um“, schreibt Theodor,

„Da sie kein’ Unterschied mehr machen wollen

Zwischen dem Text und Träumen in der Nacht.“


Die Schule Nisibis’ war ein Bekenntnis-

Institut; der nestorianische Glaube

War Pflicht für die Aufnahme. Doch war sie mehr

Als eine Bibelschule; sie war ein Ort

Strenger Zucht des Geistes. Viele Regeln galten

Der inneren Disziplin. Die Schar war fest

Verbunden, glich wohl einem Kloster mehr

Als einer Schule. Man erwartet’ von

Den Schülern, dass sie der Welt entsagten und

Das Gelübde der Keuschheit hielten, solang’

Sie eingeschrieben waren. Sie wohnten

Zusammen in kleinen Zellen, zu dritt

Oder zu viert. Das Leben war sehr hart.

Beim ersten Hahnencrei stand man schon auf,

Verbracht’ den Tag mit Lesen, Hören, Schreiben

Von alten Büchern und dem Üben von

Der Liturgie. Der Unterricht war frei,

Doch für das Essen mussten Schüler zahlen.

In Nisibis, in den großen Ferien

(Vom August bis Oktober), sandte man

Sie aus zur Arbeit, um das Brot zu verdienen.


Die Zucht war streng. Ein langer Katalog

Von Strafen regelte das Tun der Jugend.

Hexerei, Ketzerei, Diebstahl und Lüge,

Unmoral waren untersagt, wie auch

„Unruhe in der Schule stiften“. Strafe

Für solche Taten war der Ausschluss gleich.

Wie manche Klöster war die Schule frei

Vom Urteil der Bischöfe. Eine Regel

Ist hier besonders wichtig: Den Schülern war’s

Verboten, über die Grenze in das Land

Der Byzantiner (Römer) zu reisen – aus

Theologischen und politischen Gründen.

Byzanz war in der Monophysiten Hand;

Es gab auch das politisch’ Motiv: Es konnt’

Den Schein der Kooperation mit Persiens

Altem Feind erwecken. Wir müssen wissen,

Dass diese Kirche stets im Schatten von

Politischem Verdacht gelebt hat.


Die Schule war nicht nur ein Ort der Zucht

Auf Basis der Schrift; ihre Theologie

War auch Missionstheologie. Dies klärt

Zum großen Teil den staunenswerten Weg,

Wie diese Kirche wuchs. Die Wurzeln von

Der Missionstheologie entspringen aus

Narsais Denken, der der erste Lehrer

In Nisibis war. Sein Denken verband

Die Lehre von Schöpfung und Heil mit einer

Weltmission, nach zwei biblischen Mustern:

Petrus für Juden, Paulus für die Heiden.

Doch der letzte Auftrag für die Mission

Stammt weder von Petrus noch von Paulus,

Sondern von Jesus Selbst, der – wie Narsai

Ihn wiedergibt – zu Seinen Jüngern sprach:


Eure Aufgabe ist dies: Das Mysterium

Der Predigt zu vollenden! Ihr sollt Zeugen

Des neuen Weges sein, den Ich in Meiner

Person geöffnet habe... Euch sende Ich

Als Boten in die vier Quadranten hin,

Um Heiden zur Verwandtschaft mit dem Haus

Von Abraham zu wenden... Durch euch als Licht

Will Ich das Dunkel des Irrtums vertreiben,

Und durch eure Flammen will Ich die blinde

Welt erleuchten... Gehet hin! Gebet umsonst

Die Freiheit des Lebens zur Unsterblichkeit.


Narsai verstarb um fünfhundertunddrei.

Ihm folgte Elisa Bar Quzbaie nach

And nach ihm Abraham De-Bet Rabban.

Zu Abrahams Zeit erreichte diese Schule

Den Gipfel, und die Zahl der Schüler stieg

Auf über tausend an. Henana aus

Adiabene, der der Leiter ward

Im Jahre fünfhunderteunundsiebzig,

War ein begabter Lehrer, vornehmlich

In der Auslegung der Schrift. Doch dacht’ er

Theologisch eher monophysitisch,

And zog Johannes Chrysostomus vor

Theodor von Mopsuestia. Die Kirche

Der Nestorianer wies ihn ab, doch blieb

Er in der Schule durch des Staates Schutz.


Das Ende war, dass die meisten Lehrer

And Schüler fortgingen aus dieser Schule

Zum Kloster des Mar Abraham auf dem Berg

Izla, das auch ein großes Zentrum war;

And zu and’ren Schulen im Perserlande.

Ein solches Institut war die Schule

Von Seleucia. Der Ruhm von Nisibis

Als Lehrzentrum und Antrieb für das Schreiben

Ging nun zu Ende. Wir wissen nicht genau,

Wann Seleucias Schule ward gegründet.

Solang Nisibis blühte, blieb sie ganz

In seinem Schatten; als Nisibis sank,

Gewann die Schule Seleucias an Ruhm.


Henana war zu einer Zeit Gefährdung

Für die nestorianische Kirche. Er gewann

Die Gunst des Staates, und das zu einer Zeit,

Als dieser Staat den Monophysiten hold

Gestimmt war. In dem Streite, der nun folgte,

War die nestorianische Kirche gezwungen,

Ihr theologisch’ Wort klar zu bestimmen –

Gegen die Monophysiten auf der einen,

Die Chalcedonenser auf der and’ren Seite.

In dieser Krise war das große Sprachrohr

Der Kirche Mar Babai der Große (nicht

Der Patriarch Babai der Zweite). Er

War Abt des Klosters auf dem Berge Izla

(Fünfhundertneunundsechzig bis sechshundert-

Achtundzwanzig) und ein großer Denker.

Sein „Buch der Einheit“ scheint die letzte Form

Des nestorianischen Glaubens festzulegen.

Er lehrte:


Einer ist Christus, der Sohn Gottes,

Von allen angebetet in zwei Naturen.

In Seiner Gottheit aus dem Vater gezeugt,

Ohne Anfang vor aller Zeit; in Seiner

Menschheit geboren aus Maria, in

Der Fülle der Zeit, in einem geeinten Leib.

Weder Seine Gottheit war von der Natur

Der Mutter, noch Seine Menschheit von der

Natur des Vaters. Die Naturen bleiben

In ihrem Qnume bewahrt, in einer

Person von einer Sohnschaft.


(Das Wort Qnume meint: Es ist das Wesen

Einer gegebenen Natur in konkreter,

Realisierter Form. Man nutzt das Wort

Für die Personen der Dreifaltigkeit

Im Glaubenssatz. Natur ist allgemein

Und beschreibend; Qnume ist spezifisch

Und beispielhaft. Wenn Babai von Christus

Als „Gott und Mensch“ spricht, besteht er auf

Spezifität: Ein göttliches Qnume

[Nicht die Dreifaltigkeit] und ein menschliches

Qnume [nicht die Menschheit im Allgemeinen].

Es ist ein einzigart’ges Wesen, das

Sich von den and’ren Qnume unterscheidet

Nur durch die eigne Eigenschaft. Und weil

Es diesen Unterschied gibt, ist Paulus nicht Petrus).


Vom fünften Säculum an war das Wort

Theodors von Mopsuestia die Kraft,

Die Ost-Syriens Kirche tief im Innern formte.

Er war der Doktor aller Doktoren dort.

Als nun Henana aus Adiabene,

Der Leiter jener Schule Nisibis’,

Johannes Chrysostomus höher schätzte

Als Theodor, da wies die Perserkirche

Ihn ab, und fast die ganze Jüngerschar

Verließ den Ort samt ihren Lehrern. So

Gewaltig war der Ruhm von Theodors Wort.


„Der Bischof Mopsuestias bleibt ein Mann

Voll Rätsel“, schreibt uns Robert De Vriesse,

„Hoch von den Zeitgenossen einst geschätzt,

Ward er verdammt als Ketzer nach dem Tod,

Als einundzwanzig Jahre schon vergangen.

Da er als Ketzer galt, ging fast sein Werk

Verloren; vierzehnhundert Jahre lang

Trug er den Ruf, der Vater zu sein von dem

Nestorianismus und der Schirmherr auch

Vom Pelagianismus, und der Erste,

Der rein vernünftig Gottes Schrift erklärt.“

(Im Rat zu Konstantinopel ward er

Im Jahre fünfhundertdreiundfünfzig dann

Verdammt auf der fünften großen Synode).


Theodors Leben (dreihundertfünfzig bis

Vierhundertachtundzwanzig) fiel genau

In jene gold’ne Zeit, da Väterliteratur

Am schönsten blühte. Er war Mitschüler

Und Freund Johannes Chrysostomus’ und

Der Lehrer von Nestorius. Er lebte

Zur selben Zeit wie Cyrill von Alexandria,

Die Kappadozier, Augustinus und

Hieronymus. Als Bischof reichte weit

Sein Ruf aus Mopsuestia in die Welt.

Als Deuter der Schrift stand er ganz oben an,

Der größte Exeget vor der Reform.

So mächtig war sein Ruf als Lehrer unsrer

Heiligen Schriften, dass die Menschen sagten:

„Wir glauben, wie auch Theodor geglaubt,

Lang lebe Theodors Glaube in der Welt!“

Er war ein’ Stimme, nicht ein Widerhall

Im Chor der Echos. Selbst die ferne Kirche

Erhielt von ihm Belehrung. Nach dem Tod

Blieb seine Theologie das Fundament

Im Ost-Syrier-Land. Und treu der Art

Der Kirche von Antiochia war er

Voll Eifer für das Werk der Mission.

Ein Buch von ihm, das heute uns verloren,

War nur der Botschaft jener Pflicht geweiht.


Bethune Baker schreibt: Er starb im Frieden

Der Kirche und im Glanz von großem Ruhm,

Behielt bis zuletzt die warme Liebe aller

Im Christenreich und auch des Kaisers Achtung.

Ein großer Geist, berühmter Pfeiler der

Wahrheit und Kommentator, gilt er uns

Als echtes Bild des Denkens jener Kirche

Am Ende des vierten Säculums der Welt.


Die Schule von Antiochia, deren Haupt

Theodor war, war nicht ein festes Haus

Mit eingesetzten Lehrern, sondern mehr

Die Folge kluger Geister und Gelehrter

In und um Antiochia. Sie waren nicht

Allzumal Lehrer von Beruf, doch hatten

Sie viele Schüler und Gefolgschaft. Groß

War der Kontrast zur Schule Alexandrias.

Alexandria war mystisch und bereit

Zur Spekulation; Antiochia neigte

Viel mehr zum Rationalen und Exakten.

So gab es Raum für Missverständnisse

Zwischen den Schulen. In den großen Kämpfen

Um Christi Wesen standen sie sich feindlich

Gegenüber. Doch waren Antiochiens Denker

Tief beeindruckt von Origines’ Fleiß

Und seinem Geist der Forschung. Diodor

Von Tarsus fing im vierten Säculum

Die Tradition Antiochiens an. Und Funde

Aus neuer Zeit von Theodors Werken – wie

Das Johannes-Erklärungsbuch und Fragmente

Zu Psalmen und Genesis, und Katechesen –

Helfen uns heut’, die Theologie zu sehn.

Ihr Zeichen lag im Deuten Heil’ger Schriften,

In ihrer Christologie und im Denken

Über des Menschen wahre, freie Art.


Antiochiens Denker waren Schriftenkenner.

Ihr Deuten ruhte auf gesundem Sinn,

Es stritt auf einer Seit’ gegen das Bild

Der Allegorie Alexandrias, doch

Auch gegen rohen, stumpfen Buchstabenglauben.

Sie sahn, dass reines Allegorisieren

Die Wahrheit der Geschichte ganz zerstört.

Sie suchten nur, was der beseelte Schreiber

Am Anfang wirklich sagen wollte. Zwar

Glaubten sie fest an die Inspiration,

Doch hielten sie es für den besten Weg,

Die Bücher wie von Menschenhand geschrieben

Zu deuten. Geist’ge Führung war für sie

Ethischer Art, nicht krankhafte Ekstase;

Sie war Veredlung der Persönlichkeit

Durch Gottes Geist, damit der Schreiber fasst

Die Wahrheit Gottes und Sein heil’ges Ziel.

Sie sahn die Schrift als Gottes echtes Wort,

Doch sahn sie auch das menschliche Element.

Sie suchten in den Büchern nicht nach dem,

Was man hineinliest, sondern was dort steht.

Dazu nutzten sie jedes Hilfsmittel:

Die Grammatik, Philologie und Geschichte.

Sie lehrten nicht die Bibel als ein Werk

Von isolierten Texten; jedes Buch

Ward als ein Ganzes von den Geistern viewed.

Der Kontext ward beachtet, Autorschaft,

Das Datum und Umstände der Entstehung

Wurden studiert. Des Schreibers Wesen selbst

Und Eigenheiten seiner Sprache wurden

Erforscht. Manch’ schwere Stelle wurde dann

Mit Höflichkeit des Geistes rein behandelt,

Nicht wegerklärt durch Kunst der Allegorie.


Es gilt als sicher, dass uns Theodor

Ein Pionier der Textkritik gewesen.

Er wandte literarische Kritik

Zuerst auf Fragen an, die in den Texten

Verborgen lagen. Er war der Beschützer

Vom Primat des wörtlichen Sinns, und stand

Alexandria feindlich gegenüber. Er

Prüfte mit scharfem Werkzeug auch die Psalmen.

Theodor forderte als erster Mann,

Dass man den Psalm im Licht der Zeitgeschichte

Lesen muss. Er zeigt’, dass viele Psalmen

Nicht aus Davids Tagen stammen, sondern manch’

Aus der Epoche der Makkabäer; nur

Drei oder vier beziehen sich direkt

Auf den Messias und auf Seine Zeit.


Antiochiens Denker waren ihrer Zeit

Weit voraus. Sie waren wahre Boten

Und Vorläufer der Forscher unsrer Tage.

Wie John McKenzie schreibt: „Wenn man die heut’ge

Exegese einer alten Schule zuordnet,

Ist sie gewiss Antiochia nah

Und nicht dem Geist von Alexandria.“


Zur Christologie lehrten beide Schulen,

Dass Jesus Christus ganz Gott ist und Mensch.

Doch wie die Gottheit und die Menschheit sich

In einer Person vereinen, war der Punkt,

Wo sie sich gegenseitig Ketzer nannten.

Alexandria gestand zwei Naturen,

Wollte jedoch die Einheit der Naturen

In einer Person betonen. Antiochia

Gestand die Einheit, wollte aber klar

Die zwei Naturen in der einen Person

Unterscheiden.


Die Denker Antiochiens sahen klar

Die Herrlichkeit des Menschenlebens Jesu,

Ohne die Gottheit jemals zu vermindern.

Für sie war Christus Menschheit in der höchsten

Und heiligsten Gestalt. Ein Grundelement

Vom Menschenwesen war für sie der Wille,

Der frei ist, Gut’s wie Böses stets zu wählen.

Als Mensch besaß Herr Jesus diesen Willen.

Darum bekämpften sie Apollinarius,

Der Christi Menschenseele ganz verneinte.

Sie sahen in den Evangelien

Ein Wachsen und Entwicklung in dem Innern

Von Jesus. Sie sahn eine Progression

Durch Kampf und Prüfung, durch den Einsatz von

Dem freien Willen. Denn des Menschenlebens

Realität war für sie nötig, um

Das Werk der Rettung ganz zu vollenden.


Alexandrias Denker, so wie Origenes

Und Athanasius, glaubten fest (im Geist

Von Platon), dass des Menschen Seele ewig sei.

Erlösung hieß für sie: Die Fohlenseele

Kehrt an den Ursprungsort zurück. So schreibt

Uns Athanasius: „Er ward Mensch, damit

Wir Gott werden.“ Hier schwindet die Grenze

Zwischen Schöpfer und Geschöpf. Errettung

Des Leibes oder der Schöpfung selbst ist nicht

Gefordert in der platonischen Sicht.

Es war Theodors größte Einsicht, dass

Er die Gefahr in diesem Bilde sah,

Das die Erlösung als Vergöttlichung

Beschrieb.


Nach Theodor ist das Heil des Menschen nicht

Vergöttlichung, sondern Erfüllung von

Gemeinschaft zwischen Mensch und Gott, die ihm

Schon eigen ist durch seine Schöpfung. Wir

Sind ja nach Gottes Bild geschaffen. Dies

Wird ganz erfüllt im Leben Jesu Christi.

Herr Jesus ist vollkommen Mensch, und so

Das reinste Bild von Gott. Durch Einheit mit

Ihm werden wir zur heiligen Gemeinschaft

Mit Gott zurückgeführt.


Der Mensch ist für Theodor die Krone

Der Schöpfung. Wichtig ist der freie Wille

Und die Kapazität, das Gute oder

Das Böse selbst zu wählen. „Dieses Leben

Ist eine heilsame Disziplin, die Raum

Gibt für den freien Willen und das Finden

Von Güte, die ohn’ unsre Müh’ und Kraft

Ganz ohne moralischen Wert geblieben wär’.“

Doch sieht er auch die Notwendigkeit von Hilfe.

Obgleich des Menschen Wesen frei ist und

Wir Pflichten tragen, um das Böse zu

Besiegen, reicht es ohne Gottes Hilfe

Nicht aus, der Bosheit Mächte zu bezwingen

Und reinste Tugend zu erlangen. Christi

Sendung ist primär, des Kosmos Einheit,

Die einst zerbrach, am Ende zu erneuern,

Alles in Seiner Person zu sammeln, da

Er Gottes sichtbares Bild ist und das Haupt

Der ganzen Schöpfung; und den Menschen durch

Die Einheit mit Ihm wieder aufzurichten.

Für diese Sendung war es nötig, dass

Gott das Wort ein perfekter Mensch ward, mit

Vernünftiger Seele, fähig zu der Wahl

Zwischen dem Guten und dem Bösen, bereit

Zum Kampfe mit den Leidenschaften der

Menschenseele. So erklärt uns Theodor

Die Menschwerdung und die Erlösung.


Viel’ Väter sahen die Erlösung als

Vergöttlichung – die Rückkehr in den Stand

Am Anfang. Der Mensch sei perfekt erschaffen,

Der Fall sei Sturz aus der Vollkommenheit,

Der Tod die Strafe für die Sünde. Doch

Für Theodor ward Adam sterblich schon

Erschaffen; nicht als Strafe kam der Tod,

Er war natürlich, und Begierde lebte

In Adam schon als sterblichem Geschöpf.

Der Mensch ist aber frei erschaffen, sein

Geschick zu wählen – entweder Gottes Bild

Oder das Bild des Teufels. Jener Fall

Ist dann kein Sturz aus der Vollkommenheit,

Sondern Verfehlen des Rufs zum Geschick.

Mit Christi Hilfe wird der Mensch nun Schritt

Für Schritt zur Vollkommenheit geführt, das heißt:

Zur wahren Gemeinschaft mit Gott. In diesem

Prozess spielt die Freiheit des Willens eine

Große Rolle. Theodor erklärt es so:

„Gott trennte die Geschichte in zwei Zeiten,

Damit der Mensch von Sterblichkeit und Wandel

Zu Unsterblichkeit und Unwandelbarkeit

Im neuen Zeitalter geleitet werde.“


Nach Theodor: Hätt’ Gott den Menschen gleich

Unsterblich und unwandelbar geschaffen,

Unterschied er sich nicht vom Tier, da er

Kein Wissen um sein eig’nes Gutes hätte.

Der Mensch ist ein Geschöpf. Er fiel im Sinn,

Dass er den Weg zur Sünde wählte, der

Ihm offenstand. Die Wahl und das Erkennen

Von Gut und Böse waren nötig, wenn

Der Mensch vernünftig sein sollt’. Sein Geschick

Und höchste Kraft hängen davon ab, dass

Er wandelbar ist und Verantwortung trägt.

Das Los der Unsterblichkeit im zweiten

Stadium ist nur möglich durch das Tun

Der Vernunft in dieser Zeit. Das Leben

Wird so zur Schulung, uns vorzubereiten

Für den Gehorsam und die Treue in

Der kommenden Welt. Dies ist nur möglich, wenn

Dem Menschen Freiheit der Wahl gegeben ist.

Für Theodor hat Sünde nichts zu tun

Mit unsrer Menschennatur. Wie stark auch immer

Die Folgen von Adams Fall sein mögen, um

Die Neigung zur Begierde zu verstärken:

Der freie Wille und die Kraft zur Wahl

Zwischen dem Guten und dem Bösen bleiben

Ganz unversehrt.


Im fünften Säculum fand Theodor

Ein wohlwollendes Hören in der Kirche

Der Ost-Syrier, da seine Lehren

Den Menschen nah waren, die in der alten

Tradition von Ephräm und Aphrahat

Erzogen wurden. Als die Schule dann

In Nisibis die Lehre Theodors

Einführte, gab es eine Kontinuität

Mit der bestehenden Tradition.


Ephräm vertritt die alte syrische Welt

Des Denkens. Er nimmt Erbsünde nicht an.

Die Sünde ist für ihn eine Sache der

Freiheit, und ihre Wurzel liegt im Willen.

Er definiert die Sünde so: „Sünde ist dies:

Eine Natur, die mit Willen versehen ist,

Und ein Wesen, das mit Freiheit begabt,

Wird schuldig.“ Sünde kann nicht liegen in

Der Menschennatur. Drum kann man nicht sagen,

Dass unsre Natur fundamental zerstört

Oder in Böses verwandelt ward. Und so

Kann Ephräm von der Unschuld der Kinder

Sprechen, und von der Gerechtigkeit derer

In der biblischen Geschichte. Er sieht

Das Leben in Keuschheit als ein’ engelgleiche

Form der Existenz.


Nach Ephräm haben

Die äußeren Bedingungen seit Adams Fall

Katastrophale Wendungen erfahren;

Doch weder unsre Menschennatur noch

Die geistig-ethische Stufe im Dasein

Des Menschen wurden dadurch je berührt.

Des Menschen moralische Kraft empfing ein’ Schlag

Durch Adams Beispiel; in sich selbst jedoch

Ist sie nicht ernstlich gefährdet. Nein, sie steht

Ganz unversehrt, weil des Menschen Freiheit

Nicht tief getroffen ward. „Wenn unsre Art,

Wie sie erschaffen, hässlich ist, so fällt

Der Vorwurf auf den Schöpfer; wenn jedoch

Unsre Freiheit böse ist, fällt der Tadel

Auf uns allein.“ Wie die Freiheit des Menschen,

So blieb auch der Wille unversehrt.

Dadurch ist der Mensch mit Gaben versehen,

Die ihn bereitmachen zur Kooperation

Mit dem Rettungswerk Christi, fähig durch

Die ethische Kraft und den Willen, auf sich

Die Folgen seiner Berufung zu nehmen.


Vööbus zeigt auf, dass Sätze immerfort

Sich neu erheben, die das tiefe Sorgen

Ephräms bezeugen für des Menschen Freiheit.

„Der Meister aus Edessa ist gewiss,

Dass die Zügel des Willens fest gelegt

In Menschenhände sind“, schreibt Vööbus uns.

Der Wille, frei geboren, ist die Kraft,

Die von der Sünde löst; durch freien Willen

Fällt jede Schuld. Und ist des Menschen Macht

Auch schwach, garantiert der Wille doch

Den Sieg. Was Ephräm stärkt, ist die Verantwortung

Und Pflicht des christlichen Glaubens in der Welt.


Und obgleich Ephräm selten nur von Gnade

Spricht, war sie seine Religion. Ihn regte

Vor allem auf, wie Menschen auf den Ruf

Von Gottes holder Einladung reagieren.

Er sah die Gnade in all dem, was Gott

Getan im Dienst des Heilands Jesus Christus.

Dies gibt den Rahmen für des Menschen Handeln.

In diesem Sinne spricht er von der heil’gen

Kooperation von Gott und Mensch. Er sagt

Auch, dass durch Gnade unsrer Menschenwille

Die Kraft empfängt aus Gottes reicher Hand.


Ganz wie im Falle Ephräms nimmt auch er,

Aphrahat, eine Erbsünde nicht an.

Die Menschennatur ist nicht dem Verderben

Und der Verderbtheit durch den Fall von Adam

Unterworfen, als hätt’ uns Adams Sturz

Zu einer Masse von Sündern gemacht.

Doch nimmt er ernst die große Verwüstung,

Die durch das Beispiel von des Ahnherrn Sünden

Und Fall entfesselt ward. Das schlechte Beispiel

Ist ein Ansporn, dem die and’ren folgen.

Für Aphrahat wird Gnade so verstanden:

Es ist das Wohnen von dem Geiste Christi

Im Gläubigen selbst. In der heil’gen Taufe

Steigt dieser Geist herab und nimmt den Platz

Im Leben des Gläubigen ein. Doch wird der Geist

Gesehen als eine Kraft, die das Gespür

Für Ethik stärkt und so den Menschen treibt,

Nach Heiligkeit des Lebens rein zu streben.


Was wir in der syrischen Tradition

Hier sehn, ist ein Christentum, das eifrig war,

In seinem Denken über die Natur

Des Menschen seine Freiheit zu bewahren

Und ein gewisses Maß an Selbstvertrauen;

Dadurch legte es großen Nachdruck auf

Die ethische Kraft und das Gefühl der Pflicht.


Theodors Denken war den Ost-Syriern

Sehr angenehm, die in der Tradition

Von Ephräm und Aphrahat erzogen wurden.

Vom fünften Säculum an war der Eindruck

Von Theodors Denken auf die Theologie

Der Ost-Syrier immens; sein größter Schüler

In Persien war Narsai, das weise Haupt

Der theologischen Schule Nisibis’.

Vööbus bemerkt, dass Narsai ganz und gar

Theodors Lehre aufsog – dass der Tod

Natürlich sei und nicht als Strafe kam

Für Adams Sünde auf das Menschengeschlecht.


Die Schule Nisibis’, wo Herr Narsai

Der große Meister war, ward nun ein Zentrum

Der geistigen Erneuerung für Persiens

Kirche. Die Autorität von Theodor

Ward, samt Diodor und Nestorius,

Als Norm gesetzt für die Schriftauslegung

Wie für die Theologie. „So fand das Erbe

Theodors einen sicheren Hort, wo es

Bewacht und treu gepflegt von treuer Hand

Zum wahren Herzen in dem Leibe ward

Der großen Kirche der Nestorianer.“


Es war im Denken über die Natur

Des Menschen, Sünde und die Gnade Gottes,

Wo West- und Osttheologen sich getrennt.

Von Augustinus an hat Westens Nachdruck

Auf Erbsünde, Unfreiheit des Willens

Und Unwiderstehlichkeit der Gnade

Zur Lehre von der doppelten Vorbestimmung

Geführt. Doch im Kontrast dazu, wie Vööbus

Aufzeigt, bewahrt der Osten mit dem Nachdruck

Auf Freiheit, auf die ethische Kraft und auf

Des Menschen moralische Verantwortung

Ein Stück von dem, was in den tiefen Schichten

Der Evangelientradition selbst ruht.

Theodors Theologie steht als Kritik

Dem Denken Augustins stark gegenüber.

Und wo nestorianische Boten wirkten,

Dorthin ging auch das Wort von Theodor.




HYMNE AN UNSERE LIEBE FRAU VON PERSIEN; 

GEBET UM FRIEDEN UND FREIHEIT FÜR DIE CHRISTEN


O du aus Abrahams Geschlecht Erwählte,

Die du den Retter dieser Welt gebarst,

Maria, die man einst im Orient zählte

Als reines Zelt, darin das Wort du warst –

Wende dein Antlitz zu den fernen Gemarken,

Wo einst das Licht des Ostens hell erstrahlt’,

Und schütze jene Seelen, die im Starken

Den Glauben hielten, den dein Sohn bezahlt’.


Du unbefleckte Rose aller Zeiten,

Zu der Narsai in süßen Liedern sang,

Die als die Gottesgebärerin durch Weiten

Des Perserreichs im Lob der Kirche klang:

Sieh auf die Schar, die deinen Namen preist,

Wo Euphrat und die Ströme Tigris fließen,

Damit der Frieden und der Heil’ge Geist

Sich neu über das Land der Väter gießen.


Gib ihnen Freiheit für das Wort der Wahrheit,

Das einst im Geist von Izla ungestört

Die Herzen füllte mit der reinsten Klarheit,

Die Theodor und Babai uns gelehrt.

Lass ihren Willen ungebrochen stehen,

Gleichwie ein Kämpfer in der Zeiten Nacht,

Dass sie der Freiheit helle Straßen gehen,

Beschützt von deiner mütterlichen Macht.


Brich das Joch des Zwanges und des Hasses,

Der Christen Blut im Orient oft vergoss;

Mach sie zu Zeugen jenes Gnadenlasses,

Der einst aus Jesu heil’gen Wunden floss.

O Herrin von Persien, hör das Flehen,

Das heute aus bedrängter Brust ersteht:

Lass Freiheit wie ein frischer Wind wehen,

Der segnend durch die alten Lande geht!