VON TORSTEN SCHWANKE
I
Peter Green, Mitbegründer und genialer Gitarrist von Fleetwood Mac, erlebte Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre einen psychischen Zusammenbruch. Seine Psychose zeigte sich primär durch tiefgreifende Wesensveränderungen, religiösen Wahn und eine ausgeprägte Abneigung gegen Geld und Ruhm.
Der Auslöser: Der Vorfall in München (1970)
Als Wendepunkt gilt ein Aufenthalt im März 1970 in München. Nach einem Konzert besuchte Green die „Highfisch-Kommune“ um Rainer Langhans und Uschi Obermaier. Dort konsumierte er hochdosiertes LSD. Die übrigen Bandmitglieder berichteten später, dass Green nach dieser Nacht nicht mehr derselbe war und psychisch völlig verändert zurückkehrte.
Entwicklung der Wahnvorstellungen
Religiöser Wahn & Messias-Komplex: Green entwickelte eine extrem spirituelle und messianische Weltsicht. Er begann, weiße Gewänder und ein großes Kruzifix zu tragen.
Geld- und Materialismus-Aversion: Er empfand das durch die Musik eingenommene Geld zunehmend als „teuflisch“ und schmutzig. Er forderte die anderen Mitglieder von Fleetwood Mac auf, ihr gesamtes Vermögen für wohltätige Zwecke zu spenden und umsonst zu spielen. Als die Band sich weigerte, verließ er sie im Mai 1970.
Visualisierung im Songwriting: Seine Wahnvorstellungen spiegeln sich in Tracks wie „The Green Manalishi (With the Two Prong Crown)“ wider. Green beschrieb später, dass das „Green Manalishi“ ein Symbol für Geld und Gier war, das ihn in einem durch Drogen ausgelösten Albtraum als teufelsähnliche Gestalt heimgesucht hatte.
Verlauf und spätere Diagnose
Nach seinem Ausstieg verschlimmerte sich sein Zustand zusehends. Er lehnte Lizenzzahlungen ab und bedrohte 1977 seinen Buchhalter mit einer Waffe (bzw. nach einigen Berichten mit einer Schrotflinte), weil dieser ihm weiterhin Tantiemen-Schecks zusandte. In den folgenden Jahren wurde bei ihm Schizophrenie diagnostiziert. Er verbrachte viel Zeit in psychiatrischen Einrichtungen und wurde mit Elektrokrampftherapien behandelt, woraufhin er sich über Jahrzehnte fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurückzog.
II
Man of the World (1969) war eine der letzten Singles, die Peter Green für Fleetwood Mac schrieb. Der Text spiegelt seine tiefe melancholische Entfremdung und die beginnende psychische Krise eindringlich wider:
Shall I tell you about my life?
They say I'm a man of the world
I've got how I feel inside
I could show you things to open your eyes
If I had the mind
I'm good at hiding my emotions
In front of the crowd
I'm good at playing the role of a happy guy
If you only knew the truth
Inside of me
I guess I'm a man of the world
I guess I'm a man of the world
And how I wish I was in love
And how I wish I was in love
Like a normal man
Just a normal man
Just a normal man
I'm good at hiding my emotions
In front of the crowd
I'm good at playing the role of a happy guy
If you only knew the truth
Inside of me
I guess I'm a man of the world
I guess I'm a man of the world
And how I wish I had a girl
And how I wish I had a girl
To love me
To love me
To love me
III
The Green Manalishi (With the Two Prong Crown) (1970) war die letzte Single, die Peter Green mit Fleetwood Mac aufnahm. Der Text verarbeitet seine von LSD-Tripps und Geld-Paranoia geprägten Alpträume:
As my heart cries out
Now, don't ask me what I'm doin'
'Cause I don't follow no rule
Now, don't ask me where I'm goin'
'Cause I don't know myself, yeah
'Cause the Green Manalishi with the two prong crown
All night draggin' me down
Just takin' my love then leavin me here
Gotta break up the devil that's tryin' to get at me
I need the Green Manalishi
Lookin' around
He's tryin' to find my babe
He's tryin' to creep up behind
Lookin' for the Green Manalishi
Just draggin' me down
Now, don't come comin' around here
No more, tryin' to mess up my mind
'Cause I can't take much more
Of your devilish ways
I'm gonna leave you behind
'Cause the Green Manalishi with the two prong crown
All night draggin' me down
Just takin' my love then leavin me here
Gotta break up the devil that's tryin' to get at me
IV
Die Ablehnung von Erfolg, Geld und Ruhm bildet den zentralen Kern von Peter Greens Tragödie. Was für viele Musiker das Ziel einer Karriere darstellte, verwandelte sich für ihn unter dem Einfluss seiner psychischen Erkrankung und halluzinogener Substanzen in ein unerträgliches moralisches und emotionales Trauma.
Der Konflikt mit dem Materiellen
Geld als dämonische Kraft: Green entwickelte die Überzeugung, dass der finanzielle Wohlstand der Band unethisch sei, während weltweit Menschen litten. Das eingenommene Geld symbolisierte für ihn keine Sicherheit, sondern eine corruptive, teuflische Macht, die die Seele verunreinigt.
Forderung nach Verzicht: Er versuchte wiederholt, die übrigen Mitglieder von Fleetwood Mac davon zu überzeugen, ihre gesamten Einnahmen zu spenden und freiwillig in Einfachheit zu leben. Als die Bandmitglieder diesen Schritt verständlicherweise ablehnten, verstärkte dies seine soziale und spirituelle Isolation innerhalb der Gruppe.
Verweigerung von Tantiemen: Auch nach seinem Ausstieg lehnte er Schecks und Tantiemen vehement ab. Der Vorfall von 1977, bei dem er drohte, auf seinen Buchhalter zu schießen, entzündete sich an der bloßen Tatsache, dass dieser ihm weiterhin zustehende Geldüberweisungen zukommen lassen wollte.
Rückzug aus dem Scheinwerferlicht
Flucht vor der Star-Rolle: Der Status als gefeierter „Gitarrengott“ der britischen Blues-Szene war ihm zutiefst zuwider. Er wollte schlicht als Musiker wahrgenommen werden und verabscheute die Mechanismen der Musikindustrie.
Radikaler Rollenwechsel: Um sich vom Ruhm zu entkoppeln, wählte er in den folgenden Jahren gezielt Lebensentwürfe abseits jeglichen Prominentenstatus. Er arbeitete phasenweise als Totengräber, Krankenpfleger und Barkeeper.
V
Der Vorfall Ende März 1970 im Umfeld einer Kommune in München gilt in der Rockgeschichte als der definitive Wendepunkt im Leben von Peter Green. Nach einem Fleetwood-Mac-Konzert im Deutschen Theater geriet der ohnehin bereits psychisch instabile Gitarrist in ein Milieu, das seinen Geisteszustand dauerhaft veränderte.
Die Akteure und das Umfeld
Rainer Langhans und Uschi Obermaier: Die beiden prominenten Köpfe der Berliner „Kommune I“ hielten sich zu dieser Zeit in München auf und bewegten sich in der dortigen Gegenkultur- und Schickeria-Szene.
Das Highfisch-Zentrum / Gut Highhead: Die Party fand auf einem Anwesen vor den Toren Münchens statt (häufig als Highfisch-Kommune bezeichnet), einem Treffpunkt für Künstler, Drogenkonsumenten und die damalige Reichen-Avantgarde.
Münchner Underground-Jetset: Neben Langhans und Obermaier waren auch wohlhabende Mäzene und Avantgardisten anwesend, die exzessive Drogen-Partys veranstalteten.
Der Verlauf der Nacht
Isolierung der Band: Während die übrigen Mitglieder von Fleetwood Mac (wie Mick Fleetwood und Jeremy Spencer) die Szenerie schnell als bedrohlich oder abstoßend empfanden und das Anwesen verließen, blieb Green vor Ort.
Gefilterter LSD-Konsum: Green wurde von den Anwesenden stundenlang mit extrem hochdosiertem Acid (LSD) versorgt. Berichten zufolge wurde er von der Gruppe regelrecht verehrt und stundenlang dazu gebracht, in psychedelischen Jamsessions zu spielen.
Spirituelle Überreizung: In Kombination mit Greens bereits vorhandener Neigung zu religiösen Grübeleien wirkte die Atmosphäre wie ein Katalysator. Er wurde in eine Welt aus mystischem Messias-Denken und Paranoia hineingezogen.
Wahrnehmung der Bandmitglieder
Die Band schilderte diesen Vorfall später einhellig als die Nacht, in der sie Peter Green endgültig verloren:
„Peter kam von diesem Trip nie wieder richtig zurück. Er war nicht mehr derselbe Mensch, den wir am Nachmittag vor dem Konzert gekannt hatten.“
— Mick Fleetwood
Folgen
Nach der Münchner Nacht verstärkten sich Greens Wahnvorstellungen drastisch. Er weigerte sich, normale Kleidung zu tragen, erschien nur noch in weißen Roben, forderte die sofortige Abgabe allen Vermögens und verließ Fleetwood Mac schließlich im Mai 1970 – nur zwei Monate nach dem Vorfall.
VI
Der Ausstieg bei Fleetwood Mac (Mai 1970)
Der letzte Auftritt: Nach den zunehmenden psychischen Krisen und dem Münchner LSD-Vorfall zog Green im Mai 1970 die Reißleine. Sein letztes Konzert mit der Band spielte er Ende Mai (unter anderem auf dem Bath Festival am 28. Mai 1970).
Das Ultimatum: Sein Ausstieg besiegelte den Streit um das Geld. Da die übrigen Bandmitglieder sich weigerten, Greens Forderung nachzukommen, ihr gesamtes Vermögen und alle Tantiemen an wohltätige Zwecke zu verschenken, erklärte er den Bruch.
Die Folgen für die Band: Fleetwood Mac verlor ihren Kopf, Hauptsongschreiber und Leadgitarristen. Die Band stand vor dem Nichts und musste sich in den folgenden Jahren personell und stilistisch völlig neu erfinden.
Das Solo-Album The End of the Game (Dezember 1970)
Die Entstehung: Direkt nach seinem Abschied von Fleetwood Mac ging Green im Sommer 1970 ins Studio, um völlig frei von kommerziellen Erwartungen Musik aufzunehmen. Das Album erschien im Dezember 1970.
Musikalische Radikalität: Das Album enthält keine traditionellen Blues-Songs, sondern besteht ausschließlich aus langen, völlig improvisierten Instrumental-Jams. Es ist ein rohes, experimentelles und oft atonal wirkendes Dokument seines psychischen Ausnahmezustands.
Besetzung: Unterstützt wurde Green von Studiomusikern wie Zoot Money (Keyboards), Alex Dmochowski (Bass) und Godfrey Maclean (Schlagzeug).
Das Cover: Das Frontcover ziert ein ausdrucksstarkes Gemälde, das Green selbst angefertigt hatte und das seine introspektive, entrückte Wahrnehmung widerspiegelte.
Der Rückzug: Nach der Veröffentlichung von The End of the Game kehrte Peter Green der Musikindustrie den Rücken. Er gab die Gitarre auf, lehnte jede kommerzielle Verwertung ab und verschwand für die nächsten Jahre in bürgerlichen Gelegenheitsjobs und psychiatrischer Behandlung.
VII
Die Mitte der 1970er-Jahre markierte für Peter Green den tiefsten Punkt seines psychischen Abstiegs. Nachdem er die Musikwelt verlassen hatte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand drastisch. Die Kombination aus einer latenten Veranlagung, massivem LSD-Konsum und der späten Diagnose Schizophrenie führte zu mehreren Einweisungen und invasiven psychiatrischen Therapien der damaligen Zeit.
Stationäre Aufenthalte und Diagnostik
Diagnose Schizophrenie: Nach jahrelangen Episoden von Paranoia, Halluzinationen und Messias-Wahn wurde bei Green Mitte der 1970er-Jahre offiziell Schizophrenie diagnostiziert.
Reihe von Klinikeinweisungen: Zwischen 1974 und 1978 verbrachte er große Teile seiner Zeit in verschiedenen britischen psychiatrischen Krankenhäusern – teils freiwillig, teils durch behördliche Unterbringung nach Vorfällen wie der Drohung gegen seinen Buchhalter (1977).
Elektrokrampftherapie (EKT / Elektroschocktherapie)
Die Behandlung: In den Kliniken wurde Green mehrfach mit Elektrokrampftherapien (ECT) behandelt. Bei dieser Methode werden unter Vollnarkose kurze Stromimpulse an das Gehirn abgegeben, um einen therapeutischen Krampfanfall auszulösen.
Folgen für Green: Die Behandlung galt in den 1970er-Jahren als Standard bei schwer therapieresistenten psychotischen Zuständen, hinterließ bei Green jedoch spürbare Spuren. Er berichtete später von gravierenden Gedächtnislücken und emotionaler Taubheit. Die Therapien trugen dazu bei, dass er sein virtuos-intuitives Gitarrenspiel und sein Selbstbewusstsein als Musiker für lange Zeit fast vollständig verlor.
Einsatz starker Neuroleptika
Medikamentöse Ruhigstellung: Über Jahre hinweg wurde Green mit hochdosierten Antipsychotika (Neuroleptika der ersten Generation wie Haloperidol oder Chlorpromazin) behandelt.
Wirkung und Nebenwirkungen: Diese Medikamente dämpften zwar die akuten Wahnvorstellungen und Halluzinationen, führten aber auch zu massiver Lethargie, Verlangsamung und physischen Nebenwirkungen (z. B. motorischen Störungen). Green beschrieb das Gefühl dieser Jahre oft so, als stünde er unter einer dauerhaften „Käseglocke“.
Der Weg aus der Dunkelheit
Erst gegen Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren konnte die medikamentöse Einstellung mithilfe von Familienmitgliedern und Freunden stabilisiert und reduziert werden. Zwar erholte sich Peter Green nie mehr vollständig von den Folgen der Erkrankung und den intensivmedizinischen Eingriffen jener Ära, konnte aber ab Mitte der 1990er-Jahre mit der Peter Green Splinter Group zumindest wieder sporadisch auf die Bühne zurückkehren.
VIII
Nach den dramatischen Jahren in den psychiatrischen Kliniken und den schweren medizinischen Behandlungen zog sich Peter Green vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Der Weg aus der ständigen Anstaltsbehandlung führte ihn zurück in das geschützte Umfeld seiner Familie, die in den späten 1970er- und 1980er-Jahren die Betreuung des gebrochenen Künstlers übernahm.
Schutz und Aufnahme bei seinem Bruder
Flucht aus dem System: Um ihm weitere Einweisungen und die Isolation der psychiatrischen Anstalten zu ersparen, nahm ihn sein Bruder Len Green bei sich auf.
Neustart in Anonymität: Im Haus seines Bruders lebte Peter in absoluter Zurückgezogenheit. Die Musikerwelt und die Medien wussten jahrelang nicht, wo er sich aufhielt oder wie es ihm ging.
Schrittweise Reparatur des Alltags: Sein Bruder half ihm dabei, ein einfaches, strukturierte Leben abseits der Illusionen von Prominenz und Geld wieder aufzubauen.
Die Pflege durch die Mutter
Mütterliche Fürsorge: Auch seine Mutter übernahm über einen langen Zeitraum die intensive Pflege ihres Sohnes. Sie kümmerte sich um seine Alltagsbedürfnisse, kochte für ihn und schaffte ein ruhiges, reizarmes Umfeld, das für seine Genesung unerlässlich war.
Medikamentöse Aufsicht: Die Familie stellte sicher, dass er die notwendigen Antipsychotika geregelt einnahm, um Rückfälle in schwere psychotische Schübe zu verhindern, reduzierte gleichzeitig aber den exzessiven Einsatz harter Medikamente, wo es möglich war.
Leben als Schatten der Vergangenheit
Verlust der Musik: In diesen Jahren verkrüppelten seine Fingernägel, weil er sie nicht mehr schnitt, und er rührte jahrelang keine Gitarre mehr an. Auf Fragen nach seiner Vergangenheit reagierte er oft abweisend oder teilnahmslos.
Bedeutung der Familie: Ohne den uneigennützigen Schutz und die Aufopferung seiner Mutter und seines Bruders hätte Peter Green diese dunkle Phase vermutlich nicht überlebt. Sie bildeten das Fundament dafür, dass er sich in den 1990er-Jahren langsam stabilisieren und als Mensch wieder am Leben teilnehmen konnte.
IX
Der Vorfall im Januar 1977, der oft als „Attentat“ oder Bedrohungsszenario beschrieben wird, gilt als der spektakulärste und traurigste Höhepunkt in Peter Greens Wahnwahrnehmung bezüglich seines Vermögens.
Der Hintergrund
Anfang 1977 feierte Fleetwood Mac mit den Vorbereitungen zu Rumours globale Rekorderfolge. Obwohl Green die Band bereits 1970 verlassen hatte, standen ihm als Autor und Komponist von Welthits wie Albatross, Black Magic Woman oder Man of the World fortlaufend hohe Tantiemen zu. Die ständigen Geldeingänge empfand er in seinem ausgeprägten religiösen Geldwahn jedoch als Bedrohung für seine Seele.
Der Vorfall am 26. Januar 1977
Der Anlass: Sein damaliger Finanzmanager beziehungsweise Buchhalter (David Simmons / Clifford Adams) versuchte, Green einen Tantiemenscheck über rund 30.000 Pfund zuzustellen.
Die Eskalation: Green geriet in Panik und Wut über den erneuten Geldzuwachs. Er bedrohte seinen Betreuer mit einer Waffe, um ihn dazu zu zwingen, die Schecks einzustellen und das Geld nicht mehr an ihn zu überweisen.
Die Waffe: Die Berichte über die Waffe variieren je nach Quelle – erwähnt werden ein Gewehr, eine Schrotflinte (Shotgun) oder eine Luftdruckwaffe. Green gab später in Interviews an, er habe jemanden lediglich am Telefon bedroht, während die Polizeiberichte der damaligen Zeit eine direkte Konfrontation festhielten.
Die rechtlichen und medizinischen Folgen
Festnahme und Ermittlungen: Die Polizei umstellte Greens Haus und nahm ihn fest.
Einweisung statt Gefängnis: Aufgrund seines offensichtlich hochgradig psychotischen Zustands wurde er nicht im regulären Strafvollzug inhaftiert, sondern richterlich in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen (darunter das St. Bernard’s Hospital in London).
Wendepunkt im Behandlungsverlauf: Dieser Vorfall markierte den Beginn seiner schwersten Phase im psychiatrischen System, in der die beschriebenen intensivmedizinischen Behandlungen mit Elektroschocks und hochdosierten Neuroleptika durchgeführt wurden.
X
Nach den traumatischen Phasen der Klinikaufenthalte und der medikamentösen Behandlung versuchte Peter Green Mitte der 1970er-Jahre, seinem bisherigen Leben vollständig zu entfliehen. Auf der Suche nach spiritueller Reinigung, körperlicher Arbeit und einer Existenz ohne materiellen Besitz reiste er nach Israel, um in einem Kibbuz zu leben.
Motive für den Schritt
Entsagung von Geld und Ruhm: Das Gemeinschaftseigentum und das kollektive Lebensmodell eines Kibbuz entsprachen Greens Wunsch nach einer Welt ohne privaten Wohlstand und kommerziellen Druck.
Flucht vor der Musikindustrie: Er wollte mit dem Musikersein brechen und suchte nach einer Umgebung, in der ihn niemand als prominenten Rockstar wahrnahm.
Suche nach Halt: Der strukturierte Tagesablauf und die körperliche Arbeit sollten seinem von der Schizophrenie zerrütteten Geist Stabilität verleihen.
Leben und Arbeit im Kibbuz
Einfache Landarbeit: Green arbeitete auf den Feldern und in den landwirtschaftlichen Anlagen der Gemeinschaft. Er fügte sich weitgehend anonym in den Alltag der Gruppe ein.
Musikalische Abkehr: Während dieser Zeit rührte er kaum eine Gitarre an und versuchte, seine musikalische Vergangenheit vollständig hinter sich zu lassen.
Scheitern des Versuchs
Der Aufenthalt brachte jedoch nicht die erhoffte dauerhafte Heilung. Seine Erkrankung und die tief sitzenden psychotischen Schübe ließen sich durch den Umgebungswechsel nicht auflösen. Nach einigen Monaten kehrte Green nach England zurück, woraufhin sich sein Zustand Ende der 1970er-Jahre wieder verschlechterte und in den Vorfällen rund um die Verweigerung seiner Tantiemen gipfelte.
XI
In the Skies (1979) markierte das überraschende, hochgelobte künstlerische Lebenszeichen von Peter Green nach fast einem Jahrzehnt der Dunkelheit, Entfremdung und psychiatrischen Behandlungen.
Kontext und Entstehung
Das Ende des Schweigens: Nach dem experimentellen Soloalbum The End of the Game (1970) und jahrelanger Rückzugphase im Umfeld von Kliniken, Kibbuz und Familie trat Green Ende der 1970er-Jahre erstmals wieder in ein Tonstudio.
Unterstützung durch Freunde: Initiiert und unterstützt wurde das Projekt vor allem von seinem Freund und Musiker Snowy White (später u. a. Pink Floyd, Thin Lizzy), der auch erhebliche Teile der Rhythm- und Lead-Gitarren einspielte, da Greens eigene Spieltechnik durch die Jahre der Krankheit geschwächt war.
Produktion: Das Album erschien im Mai 1979 über das Independent-Label PVK Records und stieg überraschend in die britischen Charts ein.
Musikalische Ausrichtung
Rückkehr zum Blues und Fusion: Im Gegensatz zum verstörenden, improvisierten Vorgänger bot In the Skies zugänglichen, sanften und melancholischen Blues-Rock mit Einflüssen aus Funk und Jazz-Fusion.
Seelenvolles, reduziertes Spiel: Greens Ton auf der Gitarre hatte zwar die alte rasende Geläufigkeit verloren, bestach jedoch durch eine immense, ruhige Tiefe, Wärme und Präzision. Seine Gesangsstimme klang gereift, fast brüchig, aber zutiefst authentisch.
Bedeutung für Greens Karriere
In the Skies bewies der Welt, dass der Musiker Peter Green trotz Schizophrenie und jahrelanger Pause nicht erloschen war. Es wird bis heute als sein bestes Soloalbum und als versöhnliches Dokument seines Neuanfangs gewertet.
XII
Nach dem Überraschungserfolg von In the Skies setzte Peter Green seine Solokarriere Anfang der 1980er-Jahre fort. Die Alben Little Dreamer (1980) und Whatcha Gonna Do? (1981) bilden die direkte Fortführung seiner späten Phase, standen jedoch stark unter dem Einfluss seines Bruders Michael Green.
Die Rolle des Bruders Michael Green
Da Peter Green aufgrund seines Gesundheitszustands weiterhin Schwierigkeiten hatte, eigene Texte zu verfassen und komplexe Songs eigenständig auszuarbeiten, übernahm sein Bruder Michael (Mike) Green die Rolle des Hauptsongschreibers. Michael schrieb fast alle Texte und half dabei, die musikalischen Skizzen in funktionierende Songstrukturen zu gießen.
Little Dreamer (1980)
Musikalische Ausrichtung: Das Album führt den entspannten Blues-Rock- und Soul-Sound von In the Skies weiter. Es wirkt etwas polierter und weicher produziert, durchsetzt mit R&B- und Funk-Elementen.
Besetzung: Neben Peter Green an Gitarre und Gesang wirkten Musiker wie Reg Isidore (Schlagzeug) sowie Kuma Harada (Bass) mit.
Kern-Tracks:
Loser Two Times – Ein eingängiger, von Funk geprägter Track.
Mama Don't You Cry – Eine ruhige Blues-Ballade mit seelenvollem Gesang.
Little Dreamer – Der sanfte Titeltrack, der Greens zurückhaltenden Stil betont.
Whatcha Gonna Do? (1981)
Stilistische Weiterentwicklung: Das vierte Soloalbum schlägt etwas kräftigere, klassischere Blues- und Rocktöne an als der direkte Vorgänger, bleibt aber melodisch und zugänglich.
Atmosphäre: Greens Gitarrenspiel auf diesem Album zeigt punktuell wieder etwas mehr Aggressivität und Schärfe, behält aber die für seine Spätphase typische Sparsamkeit bei.
Bedeutung der beiden Alben
Beide Werke dokumentieren Greens schrittweise Rückkehr ins Musikgeschäft, zeigten jedoch auch die Grenzen dieser Phase: Zwar war seine Gitarre unverwechselbar, doch die kompromisslose, rohe Vision seiner Fleetwood-Mac-Ära weichte einer gefälligeren, von seinem Umfeld stark gestützten Studioproduktion.
XIII
Mit den Alben White Sky (1982) und Kolors (1983) fand die erste, von seinem Bruder Michael Green gesteuerte Solo-Phase von Peter Green ihren Abschluss. Beide Werke spiegeln den Versuch wider, Greens Gitarrenspiel in den zeitgenössischen Sound der frühen 1980er-Jahre einzubetten, zeigten jedoch auch die zunehmende Distanz des Künstlers zum Studiobetrieb.
White Sky (1982)
Stilistischer Härtetest: Das Album grenzt sich deutlich von den melancholischen Blues-Akkorden der Vorgänger ab. Es dominiert ein kompakter, oft harter Rock- und Heavy-Blues-Sound mit markanten Synthesizern und druckvollem Schlagzeug.
Songwriting durch Michael Green: Wie schon beim Vorgänger stammten alle Stücke aus der Feder von Michael Green. Peter Green agierte fast ausschließlich als Gitarrist und Sänger, ohne eigenen kompositorischen Input.
Kolors (1983)
Restverwertung und Stilmix: Kolors (oft auch Colours geschrieben) war das letzte reguläre Soloalbum vor Greens jahrelangem Rückzug. Es bestand zu großen Teilen aus Aufnahmen, die während der Sessions zu den vorherigen Alben entstanden waren und nicht verwendet wurden.
Musikalische Bandbreite: Das Album wirkt uneinheitlicher als die Vorgänger. Es schwankt zwischen traditionellem Blues, funky Rhythmen und Pop-Rock-Elementen der 80er-Jahre.
Ende der ersten Rückkehr-Phase
Die Produktion beider Alben entfremdete Green zunehmend von der Musikindustrie. Er fühlte sich in das Korsett fremder Kompositionen gepresst und verlor das Interesse an Studioproduktionen. Nach der Veröffentlichung von Kolors legte er die Gitarre erneut nieder und zog sich von 1984 bis Mitte der 1990er-Jahre komplett aus der Öffentlichkeit zurück.
XIV
Nach dem erneuten Abdriften Mitte der 1980er-Jahre folgte die dunkelste Phase im Leben von Peter Green. Abgeschnitten von der Musikindustrie und ohne die schützende Hand von Managern oder Plattenfirmen verfiel der einst celebrated Superstar in ein Dasein extremer Verwahrlosung und Einsamkeit.
Der physische und soziale Niedergang
Einsame Isolation: Green zog sich in eine kleine Wohnung im Londoner Stadtteil Richmond und später in ein bescheidenes Haus in Great Yarmouth zurück. Er mied den Kontakt zu alten Freunden und der Außenwelt fast vollständig.
Verfall des Äußeren: Berichte von Besuchern, Journalisten und Verwandten aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren zeichneten ein schockierendes Bild. Green ließ seine körperliche Hygiene und Erscheinung völlig schleifen. Seine Fingernägel wuchsen zentimeterlang, da er weigerte, sie zu schneiden, was das Spielen einer Gitarre physisch unmöglich machte.
Entfremdung vom Eigentum: Seine Wohnräume gerieten in einen Zustand extremer Unordnung und Verwahrlosung. Wertvolle Gegenstände, alte Instrumente und goldene Schallplatten lagen unbeachtet im Müll oder verstaubten in den Ecken. Geld spielte für ihn weiterhin keine Rolle; Schecks von Lizenzgebühren lagen ungeöffnet herum oder verfielen.
Der Geisteszustand
Gefangen in der Apathie: Durch den langjährigen Einfluss der Schizophrenie und die Nachwirkungen der früheren Behandlungen (Elektroschocks, Neuroleptika) verharrte Green in einem Zustand tiefer emotionaler Taubheit und Apathie.
Verlust der Identität: Wenn er auf seine Zeit bei Fleetwood Mac oder seine Rolle als Gitarrenikone angesprochen wurde, reagierte er meist desinteressiert oder teilnahmslos. Er sah sich selbst längst nicht mehr als Musiker.
Die Rettung durch Nigel Watson
Dieser Zustand der völligen Entgleisung hielt bis Mitte der 1990er-Jahre an. Erst als sein alter Freund, der Gitarrist Nigel Watson, Mitte der 90er-Jahre wieder in sein Leben trat, begann die langsame Rettung. Watson holte Green aus den verwahrlosten Verhältnissen heraus, kümmerte sich um seinen Alltag und veranlasste eine medizinische und soziale Betreuung. Dies legte 1996 schließlich den Grundstein für die Gründung der Peter Green Splinter Group und Greens späte, behutsame Rückkehr ins Leben.
XV
Obwohl Peter Green durch Tantiemen für Klassiker wie Black Magic Woman, Albatross oder Need Your Love So Bad rechnerisch ein Vermögen zustand, lebte er über viele Jahre hinweg in sichtbarer Armut und bescheidensten Verhältnissen. Seine Armut war jedoch keine Folge von pleitegegangenen Geschäften, sondern die Konsequenz seiner psychischen Erkrankung und seiner radikalen Verweigerung des materiellen Wohlstands.
Freiwillige Armut als Wahn-Symptom
Verweigerung von Tantiemen: Green weigerte sich jahrzehntelang, die ihm zustehenden Lizenzgebühren anzunehmen. Schecks der Verwertungsgesellschaften ließ er ungeöffnet liegen, schickte sie zurück oder zerriss sie.
Bedrohung von Buchhaltern: Die Bedrohung seines Finanzmanagers im Jahr 1977 war der extremste Ausdruck dieser Haltung – er griff zur Waffe, um zu verhindern, dass ihm weiteres Geld überwiesen wurde.
Kein Bankkonto, kein Besitz: Phasenweise besaß er weder ein eigenes Bankkonto noch nennenswerten Besitz. Seine Instrumente und wertvollen Verstärker hatte er größtenteils verkauft, verschenkt oder verkommen lassen.
Leben an der Armutsgrenze
Primitivste Wohnverhältnisse: In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren lebte er in spärlich möblierten, oft ungeheizten und verwahrlosten Wohnungen. Er überlebte phasenweise von staatlicher Sozialhilfe (State Pension / Benefits) und kleinen Zuwendungen seiner Familie.
Auskommen mit Gelegenheitsjobs: Um seinen minimalen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete er in den 1970er-Jahren unter anderem als Hospitalarbeiter, Barkeeper und Totengräber, anstatt von seinen Musikrechten zu leben.
Rechtliche Vormundschaft und Rettung
Erst als Mitte der 1990er-Jahre Verwandte und sein Freund Nigel Watson rechtliche Schritte einleiteten, um seine finanziellen Angelegenheiten neu zu ordnen, änderte sich die Lage. Die aufgelaufenen Tantiemen wurden eingefordert und verwalterisch gesichert, sodass Peter Green seine letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod im Jahr 2020 zumindest in finanzieller Sorgenfreiheit und materieller Würde verbringen konnte.
XVI
Mitte der 1990er-Jahre vollzog sich in der Behandlung von Peter Green die entscheidende medizinische und menschliche Wende. Seine Rettung aus der Verwahrlosung war eng verbunden mit dem Fortschritt der Psychiatrie: Dem Aufkommen moderner, atypischer Antipsychotika (Neuroleptika der zweiten Generation) und einer behutsamen, individuellen Medikamenteneinstellung.
Der medizinische Durchbruch
Wechsel auf Atypika: In den 1970er- und 80er-Jahren war Green mit hochdosierten Neuroleptika der ersten Generation (wie Haloperidol) behandelt worden, die zwar Halluzinationen dämpften, aber massive emotionale Erstarrung, Apathie und Parkinsonsymptome (motorische Störungen) verursachten. Mitte der 90er-Jahre wurde er auf neuere Wirkstoffe (wie z. B. Olanzapin oder Risperidon) umgestellt.
Gezieltere Wirkung: Diese atypischen Antipsychotika griffen moderater in den Gehirnstoffwechsel ein. Sie bekämpften die Schizophrenie-Symptome, ohne Greens Geist vollständig „zuzudröhnen“ oder seine Feinmotorik irreparabel zu blockieren.
Kontrollierte Dosierung: Unter Aufsicht von Fachärzten und mit Unterstützung seines Umfelds wurde die Dosierung so fein eingestellt, dass Green aus seiner jahrzehntelangen Lethargie aufwachte.
Die Rolle von Nigel Watson und der Familie
Tägliche Medikamenteneinnahme: Eine der größten Hürden bei Schizophrenie ist die Compliance (Therapietreue). Greens alter Freund Nigel Watson zog zeitweise bei ihm ein und stellte rigoros sicher, dass Peter seine Medikamente pünktlich und in der richtigen Dosis einnahm.
Schutz vor Rückfällen: Die kontinuierliche und korrekte Einstellung verhinderte das erneute Abrutschen in akute psychotische Schübe oder Geld-Paranoia.
Die physische und geistige Wiederbelebung
Rückkehr der Motorik: Erst durch die Reduzierung der schweren alten Nebenwirkungen war es Green überhaupt wieder möglich, seine Fingernägel zu schneiden und die Feinmotorik in den Händen zurückzugewinnen.
Wiederentdeckung der Gitarre: Die neue medikamentöse Balance ermöglichte es ihm erstmals seit über zehn Jahren wieder, eine Gitarre schmerzfrei und konzentriert zu halten.
Diese erfolgreiche medikamentöse Neu-Einstellung legte 1996 das Fundament für die Gründung der Peter Green Splinter Group – und schenkte dem totgeglaubten Gitarristen noch einmal fast ein Jahrzehnt auf den Bühnen der Welt.
XVII
Die Gründung der Peter Green Splinter Group im Jahr 1996 markierte das späte, emotionale und von Fans weltweit gefeierte Comeback des Gitarristen nach fast zwei Jahrzehnten der Dunkelheit und Verwahrlosung.
Entstehung und Konzept
Initiator Nigel Watson: Sein alter Freund und Gitarrist Nigel Watson zog Green nicht nur aus der Isolation, sondern gründete die Band explizit als therapeutisches Schutzkonzept für Green.
Musikalische Schonraum-Atmosphäre: Watson übernahm den Großteil der Führungsrolle, der Ansagen und des Hauptgesangs, um Green vor dem Druck der Öffentlichkeit zu schützen. Green konnte sich ganz auf sein Gitarrenspiel und ausgewählte Gesangspassagen konzentrieren.
Besetzung: Neben Green (Gitarre, Gesang, Mundharmonika) und Watson (Gitarre, Gesang) komplettierten erfahrene Musiker wie Roger Cotton (Keyboards), Pete Stroud (Bass) und Larry Tolfree (Schlagzeug) das Ensemble.
Stil und Erfolge
Fokus auf den klassischen Blues: Die Band verzichtete bewusst auf modernen 80er-Jahre-Popsound und widmete sich dem erdigen, traditionellen Blues sowie Überarbeitungen alter Fleetwood-Mac-Klassiker.
Akustische und elektrische Tiefe: Greens Gitarrenstil hatte zwar nicht mehr die rasende Geschwindigkeit seiner Jugend, bestach aber durch seinen unverwechselbaren, tiefen Ton und eine unnachahmliche Sparsamkeit.
Auszeichnungen: Das Album The Robert Johnson Songbook (1998) wurde mit einem W.C. Handy Award ausgezeichnet und bewies die internationale Anerkennung dieses Reifewerks.
Das Ende der Splinter Group (2004)
Nach rund acht erfolgreichen Jahren, hunderten Konzerten und etlichen Studioalben löste sich die Splinter Group 2004 auf. Spannungen zwischen Watson und Greens Familie sowie der nachlassende Gesundheitszustand Greens führten zum Ende des Projekts. Dennoch bleibt die Ära der Splinter Group das eindrucksvollste Zeugnis dafür, dass Peter Green die Dämonen seiner Vergangenheit zumindest phasenweise besiegen konnte.
XVIII
Mit dem Veröffentlichungsdoppel The Robert Johnson Songbook (1998) und dem Nachfolger Hot Foot Powder (2000) schuf die Peter Green Splinter Group ein monumentales Spätwerk, das Greens eigene musikalische Wurzeln ehrte und ihm internationale Anerkennung einbrachte.
Die Idee hinter dem Projekt
Zurück zu den Wurzeln: Robert Johnson war das große Idol von Peter Green. Schon in den 1960er-Jahren hatte Green mit Fleetwood Mac dessen Songs wie Love in Vain oder Dust My Broom geprägt.
Ehrfurcht und Detailtreue: Das Ziel war es, alle 29 historischen Aufnahmen des legendären Delta-Blues-Pioniers neu einzuspielen – ohne modernistischen Schnickschnack, sondern in der traditionellen, rohen Ästhetik des Akustik- und Electric-Blues.
Die beiden Alben im Überblick
The Robert Johnson Songbook (1998)
Enthält Interpretationen von Klassikern wie Crossroads, Sweet Home Chicago, Terraplane Blues und Milkcow's Calf Blues.
Greens meisterhaftes Spiel auf der Resonator-Gitarre und der Mundharmonika stand im Fokus.
Das Album wurde in den USA mit dem renommierten W.C. Handy Award (später Blues Music Award) für das beste traditionelle Blues-Album ausgezeichnet.
Hot Foot Powder (2000)
Der zweite Teil des Projekts vervollständigte den Kanon von Johnsons Kompositionen.
Features und Gastauftritte von Blues-Größen wie Buddy Guy, Otis Rush, Hubert Sumlin und Honeyboy Edwards unterstrichen den Respekt, den die internationale Blues-Prominenz dem genesenen Peter Green entgegenbrachte.
Künstlerische Bedeutung
Für Peter Green bedeutete dieses Projekt die endgültige Versöhnung mit seinem eigenen musikalischen Erbe. Seine brüchige, reife Stimme und sein sparsamer, aber zutiefst gefühlvoller Ton passten perfekt zu den düsteren, von Schicksal und Dämonen handelnden Texten Robert Johnsons. Die Alben zeigten der Welt, dass Green nicht mehr der getriebene Star der 60er war, sondern ein abgeklärter Meister des Blues war.
XIX
Nach dem Ende der Splinter Group im Jahr 2004 und einer erneuten mehrjährigen Auszeit kehrte Peter Green 2009 für ein letztes kurzes Kapitel auf die Konzertbühnen zurück: Peter Green and Friends.
Konzept und Entstehung
Neue Weggefährten: Nachdem die Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Wegbegleiter Nigel Watson im Streit geendet hatte, stellte Greens Management eine neue Band zusammen. Unter der Leitung des Rhythmusgitarristen und Kapellmeisters Mike Grave sollte Green ein entspanntes Umfeld geboten werden.
Weniger Druck: Anders als bei der Splinter Group verzichtete das Projekt weitgehend auf ausgedehnte Studio-Aufnahmeprozesse. Der Fokus lag primär auf Live-Auftritten und kleineren Tourneen durch Europa und Großbritannien.
Schutzraum auf der Bühne: Die Band fing Green live geschickt auf. Wenn seine Konzentration nachließ oder er Pausen brauchte, übernahm die Formation den Gesang und die führenden Gitarrenparts.
Musikalische Ausrichtung
Setlist: Das Repertoire war eine bunte Mischung aus alten Fleetwood-Mac-Klassikern (Albatross, Black Magic Woman, Oh Well), Blues-Standards und ausgewählten Coverversionen (unter anderem Stücke von R&B- und Soul-Künstlern).
Greens Rolle: Green wirkte auf der Bühne meist sehr ruhig, fast stoisch. Sein Gitarrenspiel war extrem ökonomisch und auf wenige, aber punktgenaue Töne reduziert. Bei vielen Stücken spielte er zudem Mundharmonika.
Einfrieren der Aktivitäten und finale Jahre
Letzte Tourneen (2009–2010): Die Formation tourte zwei Jahre lang erfolgreich und trat unter anderem beim renommierten Globe Arena-Konzert und auf verschiedenen europäischen Blues-Festivals auf.
Endgültiger Rückzug: Ab 2011 zogen sich Peter Green and Friends schrittweise zurück. Greens Gesundheitszustand und seine nachlassende Energie ließen weitere Touren nicht mehr zu.
Mit dem Auslaufen dieses Projekts beendete Peter Green seine aktive Karriere als Musiker endgültig. Er verlebte seine letzten Jahre friedlich und zurückgezogen im Kreise seiner Familie, ehe er am 25. Juli 2020 im Alter von 73 Jahren verstarb.
XX
Der Lebensabend von Peter Green verlief ruhig, unspektakulär und weitab vom Scheinwerferlicht der Musikbranche – genau so, wie er es sich nach all den turbulenten und schmerzhaften Jahrzehnten immer gewünscht hatte.
Der endgültige Rückzug (2010–2020)
Ausstieg aus dem Konzertleben: Nach den letzten Auftritten mit Peter Green and Friends im Jahr 2010 legte Green die Gitarre endgültig beiseite. Er spürte, dass seine Kräfte und seine Konzentration für die Bühne nicht mehr ausreichten.
Leben auf dem Land: Er verließ das geschäftige Umfeld Londons und zog sich an die Küste von Essex zurück (u. a. Canvey Island). Dort lebte er in einem bescheidenen Haus, umgeben von Natur und Wasser.
Alltag, Hobbys und Häuslichkeit
Einfache Freuden: Fernab von Ruhm und Verpflichtungen verbrachte er seine Tage mit alltäglichen Dingen. Er entdeckte seine alte Leidenschaft für die bildende Kunst wieder, zeichnete, malte und kümmerte sich um seinen Garten.
Leidenschaft für Musik als Hörer: Zwar spielte er selbst nicht mehr aktiv, hörte aber weiterhin begeistert Musik – vor allem alten Reggae, Soul, Swing und klassischen Blues.
Familie und Würde: Dank der rechtlichen und finanziellen Ordnung, die in den 1990er-Jahren für ihn geschaffen worden war, musste er keine materiellen Sorgen mehr haben. Seine Verwandten und enge Betreuer stellten sicher, dass er ein wohlbehütetes, würdevolles Leben führen konnte.
Das friedliche Ende
Am 25. Juli 2020 schief Peter Green im Alter von 73 Jahren friedlich im Schlaf ein.
Sein Tod löste weltweite Trauer aus. Musikergrößen von Mick Jagger und David Coverdale bis hin zu Noel Gallagher und Kirk Hammett (der Greens legendäre 1959er Les Paul „Greeny“ besitzt) würdigten ihn als einen der größten, gefühlvollsten und einflussreichsten Gitarristen der Musikgeschichte.
Nach den extremen Abgründen von Schizophrenie, Klinikaufenthalten und Verwahrlosung blieb der Trost, dass dieser Ausnahmekünstler die letzten zehn Jahre seines Lebens in Frieden und Harmonie verbringen durfte.
XXI
Die religiöse Fixierung – und insbesondere die Identifikation mit oder das traumaartige Umkreisen der Figur Jesus Christus – zieht sich wie ein roter Faden durch Peter Greens psychische Krise und prägte die tragische Wende seines Lebens ab Ende 1969.
Der Messias-Komplex und die Entsagung des Wohlstands
Jesus als Vorbild der Armut: Unter dem Einfluss von extremem LSD-Konsum und der beginnenden Schizophrenie entwickelte Green ein tiefes religiöses Wahn- und Verantwortungsgefühl. Er identifizierte sich stark mit der neutestamentlichen Lehre von der Selbstlosigkeit und der Nächstenliebe Jesus von Nazareths.
Geld als Sünde: Green empfand den plötzlichen Reichtum, den ihm Fleetwood Mac einbrachte, als unchristlich und teuflisch. Er forderte die Bandmitglieder auf, ihr gesamtes Geld an Arme und Bedürftige in der Dritten Welt zu spenden – eine Forderung, die zum Bruch und seinem Ausstieg im Mai 1970 führte.
Das Äußere und das Auftreten
Vollbart und weiße Gewänder: Ab 1969/1970 veränderte Green sein Erscheinungsbild radikal. Er ließ sich einen langen Vollbart wachsen, trug ein langes Kruzifix um den Hals und trat auf der Bühne oft in knöchellangen, weißen Gewändern (Caftans) auf, was ihm in den Medien das Image einer „Jesus-Figur“ einbrachte.
Der Song Man of the World (1969): Bereits in diesem Hit zeichnete sich seine zerrissene Seele ab. Später wurde das Stück von Kritikern oft als sein persönliches Gebet interpretiert – ein Hilferuf eines Mannes, der alles besitzt, aber nach spirituellem Frieden sucht.
Spätere Phase und Distanzierung
Symbolik im Wahn: Während seiner intensivsten Krankheitsphasen in den 1970er-Jahren glaubte Green phasenweise selbst, eine Erlöserfigur zu sein oder von Gott eine spezielle Mission auferlegt bekommen zu haben.
Klärung im Alter: In späteren Jahren, als sein Zustand durch die richtige medikamentöse Einstellung stabilisiert war, blickte Green sachlicher auf diese Zeit zurück. Er erklärte in Interviews, dass die Jesus-Symbolik und der Zwang, allen Besitz wegzugeben, Reaktionen auf eine tiefe Überforderung mit der Welt des Showgeschäfts und dem eigenen Geisteszustand waren.