DAS JAHR 1913,
ODER
POEM OHNE HELD
EIN TRIPTYCHON
1940-1945
KOMPONIERT
VON ANNA ACHMATOWA
Deutsch von Torsten Schwanke
“Gott erhält alle Dinge.“
(Motto auf dem Tor,
wo ich lebte,
als die Verse geschrieben wurden)
Anstelle einer Einleitung
Das erste Mal, als diese Arbeit zu mir kam, das war in der Nacht vom 27. Dezember 1940, nachdem sie bereits gesendet als Boten einen kurzer Auszug.
Ich habe nicht für sie zu bitten. Ich habe nicht zu erwarten, dass sie an diesem kalten dunklen Tag meines letzten Winters in Leningrad da sind.
Mehrere kleine belanglose Fakten, die ich nicht Ereignisse nennen will, sind ihr vorausgegangen (der Teufel verführerisch kramt im Speicher).
In dieser Nacht habe ich zwei Abschnitte des ersten Teils geschrieben (1913 und die Widmung). Zu Beginn des Januar überraschte es mich selbst, da schrieb ich die Rückseite, und in Taschkent (beim zweiten Versuch) den Epilog, der der dritte Teil des Poems wurde. Ich habe auch eine Reihe von wichtigen Interpolationen in den ersten beiden Teilen unternommen.
Ich widme das Poem in Erinnerung an seine ursprünglichen Zuhörer meinen engen Freunden und Mitbürgern, die in Leningrad in der Zeit der Belagerung starben.
Ich höre ihre Stimme und erinnere mich an ihre Aussagen jetzt, wenn ich dieses Poem laut rezitiere, und für mich entbindet immer ihr verborgener Chorus diese Arbeit.
Aber es ist nicht in der Lage, Trost den vielen originalen (nicht spezifizierten) Hörern zu spenden, die in ihrem eigenen Leben überlebten.
8. April 1943
Taschkent
Anna Achmatowa
*
Aus meiner Sicht sind mir perverse und absurde Interpretationen des Poems ohne Held zu Ohren gekommen. Einige Leute raten mir sogar, das Poem verständlicher zu machen.
Ich lehne es ab, das zu tun.
Das Poem hat nicht eine dritte, siebente oder neunundzwanzigste Bedeutungsebene.
Ich werde weder verraten noch erklären.
Was ich geschrieben habe, hab ich geschrieben.
November 1944
Leningrad
ERSTE WIDMUNG
In Erinnerung an K.
Und weil ich nicht genug Papier mehr habe,
Ich schreib auf deines Manuskriptes Gabe.
Hier scheint das andre Wort hindurch, das nette,
Schneeflocke sitzt auf goldener Manschette,
Verschwindet voll Vertrauen, ohne Tadel,
Antinous, voll Jünglingsschönheit Adel,
Die Wimpern heben sich, so liebeviel,
In Böen ein vertrautes Kinderspiel…
Das Meer?... Nein, Nadeln sinds vom Tannenbaum
Auf einem Grab, ein Wirbelwind aus Schaum.
Es kommt mir näher nun der marche funèbre...
26. Dezember 1940
(Nacht)
Font‘anna Dom
EINE SPÄTERE WIDMUNG
An O. S.
O Psyche im Delirium,
Du beugst dich über mich wie stumm,
Dein Schwarzweiß flatternd, deine Zier,
Und heimlich willst du sagen mir,
Dass du die Lethe überquert,
Dir nun ein andrer Lenz gehört.
Ich bitte dich, ich hör es, ach,
Die warmen Schrägen unterm Dach
Und feuchten Efeus Flüsterton.
Das Leben bringt ein kleiner Sohn,
Es leuchtet grün und streckt sich weit.
Und morgen dann ein neues Kleid.
Und über mir die Transparenz,
Das Volk nennt sie das Mädchen Lenz,
Ich aber nenn sie Einsamkeit…
Ich träum von unsrer Jugendzeit...
Der Kelch ihm übergeben ward,
So ging er auch, voll Trauer zart,
Und wünschst du es, bring ihn zurück.
Erinnerung ans junge Glück
Ist, wenn ich aufwach von dem Schlaf,
Wie eine Flamme, die ich traf,
Die Glut, die ich gesehen hab,
Die rote Nelke auf dem Grab...
25. Mai 1945
EINFÜHRUNG
Jahrhundert-Anfang. Vierzig Jahre alt.
Ich schau herab auf alle, ich Gestalt,
Ich nehme Abschied, immer wieder neu,
Von dem, was ich erduldet, sanft und scheu,
Wie einer so des Kreuzes Zeichen macht,
Ich gehe in die Krypta, in die Nacht.
1941 August
(Im belagerten Leningrad)
DAS JAHR 1913
„Di rider finirai
Pria dell 'Aurora“
(Don Giovanni)
I
„In meinen heißen Jugend, als George
Der Dritte war König...“
Byron, Don Juan
Silvester-Abend. Anstatt jener, der erwarteten, vor dem Autor erschienen Schatten aus der Vergangenheit in der Gestalt von Nachtschwärmern. Maskerade. Der Poet. Erscheinung.
Ich zünde heimlich an die Kerzen,
Dass hell die Nacht wird meiner Schmerzen,
Zwei kommen nicht, die waren würzig,
Ich wart auf Neunzehnhundertvierzig.
Und doch… Mit uns ist Gottes Kraft!
In dem Kristall der Flamme Pracht,
Der Rotwein brennt wie Schierlingsgift.
Es gibt der alten Hexe Schrift
Von alten Weibes Plaudermunde,
Noch nahm nicht Abschied unsre Stunde...
Ich bin ein Schatte in der Tür,
Bin krumm gegangen für und für,
In meines Friedens Lumpenrocke,
Fern höre ich Geläut der Glocke,
Und fühle scheußlich Feuchtes weiß -
O Stein, o Feuer und o Eis...
Als käm mir die Erinnerung,
Auf halbem Wege Umkehr, jung,
Gedämpfter Schrei, der Stimme ledig:
Sie irren sich, es ist Venedig
Nicht hier, sie tragen Masken, Lappen,
Und Kavaliere, Narrenkappen,
Und rote Rosen, Lilien licht -
Du musst nun leisten den Verzicht!
Ich, mehr aus Eisen als sie alle!
Du hast den Ruhm mit lautem Schalle,
Rakete von Silvester, Mann,
Hier Doktor Faust, hier Don Juan,
Ein Mädchen auch mit Tamburin,
Mit Ziegenfüßen Geister ziehn.
Die Wände weichen und die Säulen,
Licht flackert und Sirenen heulen,
Die Decke sich als Kuppel bläht.
Was soll mir Hamlets Strumpfband? Seht,
Was soll die Maske mir von Eisen!
Ich muss mich voller Angst erweisen,
Und Anfang, Rückschlag und Profit,
Antike Sünden sind mein Lied!…
Wenn nicht für mich – für wen denn dann?
Nicht dir das Abendmahl, o Mann,
Dir ist es nicht bestimmt zu schweben…
Da hängt was an dem Ohr daneben
Dem Lahmen mit dem trocknen Husten,
Die Lunge aus dem Leib zu pusten…
Sei nicht zu kühn, vor allen Dingen,
Dämonen hier zu mir zu bringen!...
Wie amüsant, wie amüsant,
Wie das geschehn, wie das gebannt,
Ich muss nun ganz alleine leben…
Wach werd ich morgen sein und schweben,
Dann lacht das Blaue durch das Fenster
Mich an wie selige Gespenster.
*
(Der Schritte Klang, nicht existierend,
Sich über das Parkett verlierend,
Der Zigaretten blauer Rauch,
Ein Mensch im Spiegel wie ein Hauch,
Der ist nicht hier, der ist nicht dort,
Der dringt nicht ein an diesen Ort,
Ein Mensch, nicht schlecht und auch nicht gut,
Er kommt nicht mit der Lethe Flut,
Die Herzenskälte wegzublasen -
Die Hand ist warm, wie von Ekstasen,
Der Zukunft Gast! Und zu der Frommen
Wird doch der Zukunft Gast nicht kommen,
Doch sein Geschenk liegt schon bereit,
An mich, das ist die Dunkelheit.)
Ich habe Angst. Ich komm herein,
Entferne nicht die Seide fein,
Ich lächle, ich verstumme gar.
Und die, die ich vorzeiten war,
Die lebt im Tale Josaphat…
Nicht Wunscherfüllungsautomat...
Vergessen ist der Unterricht,
Der Schwätzer dummes Ich-Gedicht,
Der Wahnpoeten, Trugpropheten.
Vergiss mich nicht, erhör mein Beten!
Die Zukunft reift aus alten Zeiten,
Die in die Zukunftszeiten gleiten,
Um in der Zukunft zu verrotten.
Das heißt, dem Toten-Kranz zu spotten.
*
Seit Kindheit schon hab ich gescheut
Gemurmel, das mich stets erneut
Mit stummem Grauen leis erschreckt.
Ein Schatten hält sich drin versteckt.
Er hat kein Antlitz, keinen Namen,
Schneit hinter jenen, die da kamen,
Sich lautlos rein. Ruft diese Runde,
Bestellt zu dieser Feierstunde
Den Neujahrstag, so festlich-fein!
Ich gebe nicht dem Lampenschein
Die Hoffmanniade letzter Nacht,
Die mir das Dunkel hergebracht.
Ich nehme keine Stellung ein ...
Halt! Du wirst nicht gelistet sein
Bei Cagliostros, Magiern, Hexen –
Lyciscas, die die Formen wechseln.
Wie Meilenpfähle, bunt gestreift,
Vom rauen Lack der Nacht gestreift,
Zweifarbig wie der Fledermaus
Siehst du, so alt wie Mamre, aus.
Du alter Freund von Luna, hör:
Dein falsches Stöhnen täuscht nicht mehr.
Du schreibst Gesetze fest in Eisen,
Dass selbst die Alten und die Weisen,
Lykurg und Solon, Hammurabi,
Von dir noch lernten wie vom Rabbi.
Exzentrisch lebt das Wesen hier,
Kein Ruhm, kein Lob winkt vor der Tür.
Zum Sessel hin, von Plüsch umgeben,
Eilt er nicht für sein Jubel-Leben.
Doch trägt er den Triumph so weit,
Ins Heidekraut, die Einsamkeit.
Er trägt nicht mehr an Schuld als jene –
Nein, das ist nicht die wahre Szene.
Denn Dichter wirft man im Gericht
Mit Sündern in denselben Topf doch nicht!
Wie David vor der Lade spring,
Verlier dich, eh das Spiel anfing...
Genug! Wovon die Verse singen,
Soll besser nun im Traum erklingen.
Ein Hahnenschrei, ein wilder Traum,
Die Nacht bricht ein, man sieht sie kaum.
Der Abgrund gähnt und zieht uns mit –
Dämonen lauern Schritt auf Schritt
In Petersburgs gequälter Nacht.
Kein Stern ist am Gemach erwacht,
Doch sorglos, herb und unverhüllt
Das Masken-Sprechen weiter gilt.
Ein Schrei: Der Held der Vorderbühne,
Beruhige dich! Zur Sühne
Wird bald der Hagre jenen Platz
Besetzen mit geschwindem Satz,
Der von der Gottesstrafe singt...
Warum wohl alles vorwärts dringt?
Als hielt ein jeder seine Braut,
Flieht alles, was sich umgeschaut.
Sie lassen einsam mich zurück,
Im schwarzen Rahmen klebt mein Blick.
Daraus starrt, was die Zeit benennt:
Die Pore, die vertrocknet brennt,
Von Tagen, die man nie beweint.
Nicht alles ist sofort vereint.
Wie eine Phrase aus Musik,
Die einsam kehrt zu mir zurück,
Hör ich ein Wort, ganz außer Atem ...
Und später auf den Treppenpfaden
Ein Gaslicht-Flackern in der Nacht.
In Ferne eine Stimme wacht:
„Ich bin bereit für meinen Tod!“
Der Tod bringt keine neue Not,
Er ist bekannt und allzu fad,
Um ihn zu nennen auf dem Pfad.
Was existiert, das lasst mich sagen:
Wer klopft? Wer will es heute wagen?
Ich spüre dich als Gast im Raum –
Oder am Fenster wie ein Traum.
*
Was, wenn der Neumond Tricks uns weist,
Wenn dort in Tat ein Jemand reist?
Er steht wohl zwischen Herd und Kelch,
Ein blasser, totengleicher Elch.
Die Stirn so bleich, das Aug’ geschlossen,
Als wär’ das Leben ganz verflossen.
Es zeigt, dass Grabesplatten weichen,
Dass selbst Granite Kerzen gleichen.
Ach, Unsinn, Unsinn, leerer Wahn!
Was bricht sich hier als Nonsens Bahn?
Mein Haar wird grau von diesem Grauen,
Will ich der Nacht ins Antlitz schauen.
Oder steh’ ich, mein eigner Geist,
Der sich als Doppelgänger weist?
Warum nur winkte sie mir zu
Und raubte mir die Abendruh?
Für einen Augenblick der Rast,
Befreit von dieser schweren Last,
Gäb’ ich den ew’gen Schlaf sogleich
Für Frieden in des Lebens Reich.
II
„Ihr Körper, so lebendig, so sinnlich,
Wie ein Schatten, so hell!“
(Baratynski)
Die Heldin tritt aus dem Porträt. Der Autor spricht mit ihr über sich.
Mitternacht.
Schnell, öffnen Sie den seid’gen Pelz geschwind!
Sei nicht verärgert, Liebster, über mich,
Weil wir nun so gepeitscht vom Schicksal sind.
Nicht dich – mein eignes Ich bestrafe ich.
Die Rache wurde längst schon eingestellt,
Sieh nur, der Schneesturm mahlt wie feines Mehl.
Wo Mohren spielen vor der ganzen Welt,
Treibt mancher Unfug sich herum verhehlt.
Der Alte Peter wird nun spürbar wach,
Der damals schon die Welt gegeißelt hat,
Man hört den Trubel unter jedem Dach
Und Wagen ziehn mit Korn durch diese Stadt.
Die Mähnen fliegen wild im kalten Wind,
Gemälde von Teerosen, zart und rein.
Die Krähenflügel bang am Himmel sind,
Sie fliegen schon mit einem Lächeln fein.
Entlang der Bühne vom Marinski-Haus
Zieht unser Schwan, die Primadonna, fort.
Ein Snob kommt spät und lacht das Ganze aus,
Orchester summt an diesem dunklen Ort.
Die Menge tuschelt, doch kein Schauer flieht,
Der uns als Vorahnung im Blute brennt,
Bevor das Licht des Tages sich entzieht,
Das niemand hier beim rechten Namen nennt.
*
Wie laut des Schlittens Läufer heute klingen,
Die Ziegenlederkleider schleppen schwer.
Weicht, Schatten, weicht! Er wird es solo bringen,
Sein stark Profil drückt an die Wand sich sehr.
Ist er ein Engel oder Mephisto?
Ein Paladin, mein schöner, jünger Knab’?
Mir sind die Worte nun gegeben so,
Dass ich sie jage bis ins kühle Grab.
Wie du bewohnst den neuen, fernen Raum
Und wie du jenseits aller Zeiten bist –
Dort, wo Polarkristalle wie im Traum,
Wo Bernstein-Schmuck den Geist so süß vergisst,
Am Ufer, wo die Lethe-Neva fließt.
Das Bildnis brach von seiner Wand herab,
Der leere Rahmen, den man einsam grüßt,
Wartet auf Licht, das ihm die Hoffnung gab.
Du tanzt so gut wie kein Phantom der Nacht,
Es stimmt vollkommen, wie ich offen sag,
Mit jenem Chor, der uns das Schicksal bracht’.
Es kann wohl sein, dass ich erliegen mag,
Gepresst an die Verkleidung aus Papier.
War es nicht eine Nacht von jener Pracht,
In der man Konten abrechnet im Hier?
Doch Müdigkeit hat mich sehr schwach gemacht,
Sie wiegt viel schwerer als der kalte Tod,
Den ich zu überwinden such’ in Not.
*
„Sie kam aus Nichts nach Russland einst geschwind,
O meine schöne Columbine rein,
Aus jener Zeit, da wir noch Neunzehn sind!“
Wie falkengleich erregt dein Blick mag sein.
Du Marionette aus der Peters-Stadt,
Schauspielerin und Doppelgängerin mein!
Wer dir die vielen stolzen Titel gab,
Soll diesen fügen in die Reih’ hinein.
O Dichterfreundin, Erbin deines Rufs,
Musik ist hier wie eine Mutter wild,
Leningrads Wind, der diese Furien schuf,
Ich seh der Knochen Tanz im fahlen Bild.
Die Hochzeitskerzen flammen hell und heiß,
Die Schleier wehn, ein Kuss auf deine Hand.
Komm abwärts, Taube, in dem Kirchenkreis,
Wo laut das Echo hallt von Wand zu Wand.
Voll Parma-Veilchen der Aprilmonat,
Das Treffen in Kapellen, stumm und bleich,
Wie ein verfluchter, bitterer Verrat,
Der deine Brust macht Schmerzen-reich.
*
Ihr Haus war bunt, ein Zirkuswagen her,
Eroten-Putz war reichlich dort geschmückt,
Umgaben der Altar der Venus sehr,
Ihr Schlafgemach, das jeden Sinn verrückt.
Als Sommerhaus geputzt in Pracht und Schein,
Wo selbst das Dorf sich nicht erkennen mag,
In diesem wilden Skobar ganz allein,
Wo man die Nächte feiert bis zum Tag.
Ihr goldner Leuchter glänzt im Kerzenlicht,
An blauen Wänden ihre Heil’gen stehn,
Doch all das ist nur Show und leere Pflicht,
Wie Primavera Botticelli lässt sie sehn.
Mit bunten Kränzen reichlich dekoriert,
Vom Bett aus wird die Gästeschar begrüßt,
Müd der Pierrot-Dragoner wird verführt,
Der dieses falsche Leben süß genießt.
Ich sah den Mann an deiner Seite nie,
Ich sah dich nur durch Frost am Fenster klar.
Der Festung Uhr schlägt nun die Melodie,
Die Zeit verrinnt, die einst so mächtig war.
Doch furchtlos vor dem Kreuz auf diesem Dach
Trittst du mir mutig ins Gesicht hinein.
Dein Horoskop, das man vor Zeiten sprach,
Wird ewig nun erfüllt und gültig sein.
III
„Das war das letzte Jahr...“
(M. L.)
Petersburg im Jahr 1913. Lyrische Abschweifung: - Erinnerung an Zarskoje Selo. Auflösung.
Am Lagerfeuer fror die Weihnachtszeit,
Ein Trainer sank vom schrägen Brückenrand,
Die düstre Stadt trieb auf den Wellen weit
Zu einem Ziel, das niemand je benannt.
Sie trieb mit oder gegen jene Flut,
Die Neva trug sie weg von seinem Grab.
Vorm dunklen Bogen, wo die Kälte ruht,
Vom Sommergarten schwankt ein Windspiel ab.
Ein Silbermond stand kalt und scharf geätzt,
Hoch über Silberner Epoche Pracht,
Und jede Straße schien von ihm verletzt,
Auf jeder Schwelle lag die dunkle Nacht.
Ein Schatten schritt halblaut und langsam fort.
Mach dunkel nun den Raum, lösch jedes Licht,
Dass keine Glut bewacht den alten Ort,
Der Flieder welkt, der trübe Tag zerbricht.
In kalter Luft stand drohend und bereit
Wie ein Bordell die alte Vorkriegswelt,
Ein dumpfes Bummeln floh die Einsamkeit,
Ein Ton, der lautlos in die Ohren fällt.
Es schmilzt, wie auf der Neva Eis vergeht.
(Geh schnell nach Haus durch jenen dunklen Hain,
Wo stumm der Wasserfall im Froste steht,
Die Cameron-Galerie im Mondenschein.
Wo alle Neun die Freude mit mir teilen,
Wie du die deine mir entgegenbringst,
Wo unsre Blicke hell und klar verweilen,
Wenn du das Lied von Tod und Leben singst.
Erkläre mir, was kaum ein Mensch versteht:
Dass sich der Tod durch Worte zwingen lässt,
Dass mein Geschick in diesem Sinn besteht?
Am Fenster friert ein Gast im Dunkeln fest.
Bei jemandem liegt schwer das Herz wie Blei,
Ein gelbes Schloss, bevor das Aug‘ erwacht.
Wer ruft nach Hilfe, eh es ist vorbei?
Wie winteröde warst du, jene Nacht!
Um Mitternacht stand er vorm Fenster still,
Im Eck die Lampe lockt mit dunklem Schein
Zu einem Glück, das grausam enden will –
Wer ihre Maske sah im Kerzenschrein,
Kehrt von der Straße nach Damaskus um,
Nach Hause... doch er bleibt dort nicht allein!
Auf jener Treppe blickt der Schatten stumm,
Treu der Dragoner nimmt Abschied hier,
In seiner Brust brennt schon der frühe Tod,
Er prüft den Mut, er läutet an der Wand,
Er ist bei dir in ruhiger Abendrot-
La-Traviata-Stimmung, zugewandt.
Mit Gruß an Fremde. Schaue doch nur hin:
Nicht in den Sümpfen, die verdammt und weit,
Nicht in Karpatenhöhn mit mattem Sinn...
Er steht vor deiner Tür in Einsamkeit!
Er segnet sich. Mög Gott ihm Gnad verleihen!
Ich bin’s – das alte, wachsame Gewissen,
Die die verbrannte Chronik wollte weihen,
Sie legte auf das Fensterbrett, zerrissen,
Im Haus des Toten, wo die Schatten stehn,
Um dann auf Zehenspitzen fortzugehn...
NACHSPIEL
Nun ist’s vorbei: Das Lied fand seinen Schluss,
Und wie erwartet stört kein Laut die Nacht.
Doch was, wenn neues Thema brechen muss
Durchs Fenster, das die Faust erzittern macht?
Wenn weit entfernt auf diese herbe Klage
Haarsträubend grauser Ton als Echo schallt?
Ein Gurgeln, Jammern, Schrein der alten Tage –
Und mit gekreuzten Armen die Gestalt.
ZWEITER TEIL
RÜCKSEITE
“Ich trinke die Lethe-Flut,
Mein Arzt hat mir verboten Verzweiflung.“
(Ein Häuschen in Kolomna, Puschkin)
Ort des Geschehens - die gleiche Stelle. Zeit - 5. Januar 1941. Die Autorin beschreibt ein Poem von 1913, betreffend eine Reihe von Menschen.
I
Mein Redakteur war ziemlich schwer erbost,
er fluchte laut, vom Kranksein tief durchstoßt.
Er sprach von einer Nummer, streng geheim,
drei Themen auf einmal – wie sich das reim?
Und als er diese letzten Zeilen schrieb,
war unklar ihm, wer wen im Herzen lieb.
II
Wer traf nun wen, in welcher Reih’ und Pflicht?
Wer ist das Opfer, wer im Tageslicht?
Wer ist der Autor, wer der Held im Spiel?
Das Unterbewusste strömt hier ohne Ziel.
Vom Dichter und Gespensterschwärmen heut
will kein moderner Leser sein erfreut.
III
Am Anfang gab ich nach, doch blick zurück:
Es stürzte Wort auf Wort, und Stück um Stück,
indes die Jukebox dröhnte durch den Raum
und Nässe floss aus Fläschchen wie im Traum.
Die Worte trafen wild und ungezähmt,
ein Gift aus Namen, das die Seele lähmt.
IV
In meinen Träumen blicke ich hinein,
es scheint Libretto für ein andres Sein.
Kein „Alles klar!“ schallt aus der Lieder Macht.
Der Traum solide, mitten in der Nacht.
O soft embalmer, Blue Bird, fernes Licht,
und Helsinkis Terrasse dunkel bricht.
V
Ich selbst empfand hierbei nur wenig Freude
an dieser Höllen-Harlekinade heute,
die direkt herauf aus dem Inferno stieg.
Ich hoffte, dass die Zeit den Spuk besieg,
dass er wie Rauch verpufft und leise weicht,
wo Tannenlicht die Dämmerung erreicht.
VI
Der bunte Schutt wird niemals ausgelöscht,
der alte Cagliostro feilscht und drescht
schon hinter mir mit stolzer Eigenart.
Ein Mäuslein springt hervor im wilden Start,
vom Dache flieht der Bucklige geschwind,
Zigeuner leckt das Blut im Abendwind.
VII
Dem Karneval von Rom gefällt das nicht,
die Cherub-Hymne bringt ein andres Licht
aus hohem Fensterbogen tief und rein.
An meine Türe klopft kein Mensch herein.
Der Spiegel träumt vom Spiegel ganz allein,
und Schweigen hüllt der Uhr Verstummen ein.
VIII
Und dieses Thema wurde mir schon, ach,
wie eine rosa Tulpe, die man brach,
auf Erden, wenn der Sarg getragen wird.
Die Kluft, mein Freund, hat mich so tief verwirrt,
der Raum, den das Gedächtnis noch versteht,
im Satinkleid nun als Charade geht.
IX
Mag doch der Teufel dieses Zeug verstehen!
Wie konnte das so schnell und rasch geschehen,
dass ich an allem schuld soll sein im Nu?
Ich, die so sanft schaut all dem Treiben zu?
Ein Wegerich, ein weißer Vogelschwarm...
Wie sprech' ich mich nur frei, an Trost so arm?
X
Ich weiß: Klagt man des Plagiats mich an,
bin ich denn schlimmer als ein andrer Mann?
In jedem Fall ist es kein großes Ding.
Ich gebe zu, dass mir das Werk misslingt.
Ich flüchte nicht in die Verzweiflung hier,
mein Schamrot war viel echter als bei dir.
XI
Doch ich gestehe, dass ich dieses schrieb
mit Tinte, die unsichtbar uns verblieb,
in Spiegelschrift, so gut es eben ging,
weil ich an diesem einz'gen Ausweg hing.
Unglaublich, wie ich kritzeln lerne nun,
ganz ohne Hast – lasst sie im Glauben ruhn.
XII
Der hundert Jahre alte Zauberer,
erwacht und müde, voller Lust-Begehr,
will wild rumtollen. Das ist nicht mein Brauch.
Sie lässt ihr Spitzentuch nun fallen auch,
mit schmachtendem Blick, den Ärmel hochgerafft,
Wie Brjullows Schulter winkt mit voller Kraft.
XIII
Ich trank von ihr wohl jeden Tropfen leer,
mit schwarzem Durst, nach dem ich mich verzehr.
Doch werde ich mich nun nicht mehr fortan
von ihr bereinigen im Eiferwahn.
Ich drohte ihr mit strengem Sternenrecht
und jagte sie aufs Dach in dem Gefecht.
XIV
Zurück zu Manfreds dunklem Fichtenhain,
zum Strand, wo Shelley las im Totenschein
und geistesabwesend zum Himmel sah.
Die ganze Welt war ihren Lerchen nah
durchs Ätherblau, in Stille wunderbar,
als George die Fackel hob fürs Augenpaar.
XV
Doch widerspenstig sprach sie zu mir hold:
„Ich bin nicht so, wie ihr es haben wollt,
Nicht Miss Gazoul und keine Lady fein.
Ich fordre jetzt auch keine Ahnenreihn,
nur Sonnenlicht und alte Kunde mein,
der erste Juni fing mich magisch ein.“
XVI
Doch deinen Ruhm, den ich so hoch verehr,
der dreißig Jahr' im Loch lag, bang und schwer,
dem biet ich meinen Lobpreis nicht mehr an.
Wir trampeln vorwärts nun auf unsrer Bahn,
mit Königsküssen steh ich schon bereit,
zu heben deiner Mitternacht Boshaftigkeit.
3.-5. Januar, 1941.
Fontanny Dom
DRITTER TEIL
EPILOG
“Ich nehme an, dass alle möglichen schrecklichen Dinge mit uns geschehen werden.“
(Hemingway)
An meine Stadt
Unter dem Dom Fontanny geht
Ein matter Schritt am Abend sacht,
Wo am Ring die Laterne steht
Und eine Taste leise erwacht.
Wir beide – ferne Echos nur,
Mein Lachen stört und passt hier nicht,
Es bricht der Dinge Schläferspur,
Die tief in alter Stille liegt.
Wo sind die Zeugen auf der Welt
Vom Abend- bis zum Morgenrot?
Ein alter Ahorn starrt erhellt
Im Raum und sieht des Abschieds Not.
Als ob er unsere Trennung spürt,
Wuchtet er seine schwarze Hand,
Die mich aus weiter Ferne rührt
Als Trost in diesem fernen Land.
Doch zittert schon der Boden hier,
Wie ein heller Stern blickt er hinein,
In mein Haus, das noch steht vor mir,
Bevor der Schlag bricht das Gestein.
Es ist ganz nah bei Tobruk wohl
Hier irgendwo die nächste Schlacht.
(Du, weder erster noch letzter voll,
Hörst dunklen Bombast in der Nacht.
Und welche Rache bricht sich Bahn!
Du trinkst die Bitterkeit im Nu,
Doch nicht den Bodensatz im Wahn,
Nur einen Schluck lässt du dir zu.
Die Nachricht, dass die Trennung ewig bleibt...
Doch leg die Hand nicht auf mein Haupt,
Lass, was die Zeit im Zifferblatt treibt,
Fixiert sein, wie es uns erlaubt –
Auf jener Uhr, die du mir gabst.
Das Unglück zieht nicht an uns fort,
Kein Kuckuck ruft, wo du begrubst
Den Wald, verbrannt an jedem Ort...)
Komm nicht zu meinem Grabe her,
Du aus Granit, geliebt, so fest,
Erbleicht und taub und stimmenleer,
Die du mich still im Dunkeln lässt.
Der Vorsprung ist uns nicht real:
Du und ich, im Gleichschritt blind,
Mein Schatten an der Wände Stahl,
Mein Bild, das im Kanal zerrinnt.
Mein Schritt hallt in der Eremitage,
Oder am Bogen, tief und schwer,
Auf Wolkows Feld in stummer Klage,
Wo ich frei weinte, einsam, leer,
Am frischen Kreuz, im Busch versteckt.
Es scheint, du jagst mich durch das Tal,
Ihr, die ihr dort im Schlafe liegt,
Bei Turm und glänzendem Kanal.
Sie sah den Boten nicht voraus...
Oben – der Schwarm, der dich verehrt,
Und weiße Nächte, Haus um Haus,
Die eine nach der andren kehrt.
Das Wort „Heimat“, einst so süß und rein,
Ist heute jedem fremd und weit.
Ein Blick aus fremdem Fensterreihn
In tiefe, herbe Einsamkeit.
Der eine nach New York ging fort,
Taschkent ward eines andren Teil.
Exils-Luft ist an jedem Ort
Ein gift’ger Wein, voll Bitterkeit.
Sie alle blickten wohl auf mich,
Wenn im Bauch des Fisches genau
Ich sicher vor dem Bösen schlich
Über Ladoga und Wälder grau.
Wie jene, die vom Teufel wild,
Am Brocken fliegen in der Nacht.
Doch mein Ziel steht vor mir im Bild,
Die Kama, frostig und voll Pracht.
„Quo vadis?“, raunt es ohne Zeit,
Bevor die Lippe sich bewegt,
Wie Brücken, Tunnel, weit und breit,
Das Rumpeln den Ural erregt.
Warum zu Asche weggemäht?
Todesangst ward losgelassen,
Das Wissen, das im Sturme steht,
Um Rache in den dunklen Gassen.
Mit trocknen Augen, schmerzensvoll,
Die Hände ringend, voller Pein,
Russland vor mir nach Osten soll,
Und wandte sich im Abendschein.
Und Hände ringend Russlands Pfosten
Rechts vor mir wandte sich gen Osten.
Abgeschlossen in Taschkent
18. August 1942